Maja Lunde – Die Geschichte der Bienen

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Maja Lunde – Die Geschichte der Bienen

Bienen – alltägliche Insekten, wichtigste Bestäuber und somit Grundlage vieler unserer Pflanzen. Als Thema in der Literatur eher ungewöhnlich. Doch Maja Lunde hat um die kleinen Tierchen einen Roman geschaffen, der Jahrhunderte und Kontinente verbindet und womöglich ein Thema fokussiert, das wir bislang sträflich vernachlässigt haben.

Im Jahr 2098 gibt es keine Bienen mehr. Die Arbeiterin Tao muss in China die Aufgabe des Bestäubens per Hand erledigen. Ein Knochenjob, gering bezahlt und mit großem Risiko. Knapp hundert Jahre zuvor begann das Bienensterben, das auch den Imker George in Ohio im Jahr 2007 trifft und der plötzlich seine Existenzgrundlage schwinden sieht und das Erbe, das seine Familie seit Generationen weitergegeben hat, aufgeben muss. 150 Jahre zuvor wurde erstmals intensiv beobachtet, wie die Völker leben und arbeiten und der britische Biologe William entwickelte einen neuartigen Bienenstock, der die Honigernte erleichterte und den Anbau erst im großen Stile ermöglichte. Drei Jahrhunderte, drei Kontinente, drei Lebensgeschichten, die jedoch geschickt mit einander verbunden werden.

Die Schicksale von Tao, George und William werden im Wechsel erzählt. Wie sie zusammenhängen über das Phänomen der Bienen hinaus, wird erst im Laufe der Geschichte klar und ist von Maja Lunde gelungen konstruiert worden. Die Entdeckung der Funktionsweise und Relevanz der Bienen, ihr Niedergang durch Pestizide und dadurch bedingte Lebensmittelknappheit, die harte Suche nach Alternativen – die Geschichte der Bienen ist symptomatisch für den menschlichen Umgang mit der Natur. Die eigene Existenzgrundlage zerstören ohne die Folgen zu Bedenken. Momentane Gewinnmaximierung über das ökologische Gleichgewicht stellen – die Menschheit wird eines Tages den Preis für ihre Gier und Rücksichtslosigkeit bezahlen müssen. Und dieser Preis ist hoch, wie Maja Lunde ungeschönt darstellt.

Doch es sind nicht nur die Ökologie und Umweltzerstörung, die im Roman thematisiert werden. Daneben kämpfen alle drei Figuren mit den Fragen der Familienstrukturen und den Erwartungen an die nachkommende Generation. William hofft, dass sein erstgeborener Sohn in seine Fußstapfen treten wird und den Naturwissenschaften und der Forschung ein ähnliches Interesse entgegenbringt wie er selbst. Doch Edmund kann der Neugier und dem Enthusiasmus seines Vaters nicht folgen. Es ist nicht nur Desinteresse, nein, er verachtet ihn wegen des zunächst ausbleibenden Erfolges sogar. Ähnlich ergeht es George, der ganz im Imkerdasein aufgeht, dessen Sohn Tom jedoch schon früh mehr Interesse am Journalismus findet und die Arbeit mit den Bienen eher als lästige Pflicht sieht. Erst als die Familie vom Wandel hart getroffen wird, kann er wieder auf seinen Vater zugehen. Auch Tao hat große Erwartungen an ihren Sohn. Selbst konnte sie ihren Bildungseifer nicht verwirklichen, daher setzt sie alles auf den kleinen Jungen. Doch das Schicksal hat einen anderen Plan für ihn und zunächst wird auch er für große Trauer und Verzweiflung bei den Eltern sorgen.

Bibiana Beglau, Thomas M. Meinhardt und Markus Fennert leihen den drei Geschichten ihre Stimmen, was einen stetigen und lebendigen Wechsel im Hörbuch schafft und die Orientierung in Zeit und Ort erleichtert. Für mich eine echte Überraschung, ist das titelgebende Thema nun keins, das mich direkt hätte anlocken können. Aber der Autorin gelingt es, die Bienen auf eine neue Art unterhaltsam darzustellen und um sie herum drei lesenswerte und in sich völlig verschiedene Geschichten zu kreieren.

 

Toni Morrison – Heimkehr

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Toni Morrison – Heimkehr

USA, 1950er Jahre. Der Soldat Frank Money ist aus dem Krieg in Korea zurückgekehrt. Allein, seine Freunde, mit denen er voller Erwartung zur Army ging, hat er auf dem Schlachtfeld verloren. Die Erlebnisse des Krieges haben ihre Spuren hinterlassen und die Illusion, dass man als Schwarzer, der für das Land sein Leben riskiert hat, nun gesellschaftlich anerkannt wird, muss er schon bald ebenfalls begraben. Ziellos zieht er umher bis ihn die Nachricht erreicht, dass seine Schwester Cee schwerkrank ist. Zum ersten Mal seit Jahren wird er zurück nach Lotus in Georgia gehen, dem Ort, vor dem er einst flüchtete.

Nachdem ich mit großer Begeisterung Toni Morrisons letztes Buch „Gott, hilf dem Kind“ gehört hatte, war ich gespannt auf frühere Werke, die dieselbe Thematik zu anderen Zeitpunkten in der Geschichte der USA thematisieren. Jedoch konnte mich „Heimkehr“ nicht im selben Maße überzeugen, wie dies ihr aktueller Roman getan hat.

Die Geschichte erzählt die aktuelle Situation der beiden Geschwisterkinder parallel im steten Wechsel. Unterbrochen werden beide durch Kindheitserinnerungen, die auch wesentliche Erfahrungen, die für bestimmte Entscheidungen in ihrem Leben relevant waren, aufdecken. Franks Schwierigkeiten, die Kriegserlebnisse zu verarbeiten, die fehlende medizinische Unterstützung und dadurch ausgelöst immer wieder Zusammen- oder Ausbrüche, zeigen besonders gut, wie traumatisiert Soldaten zurückkehren und eine Integration in die Zivilgesellschaft für sie fast unmöglich ist. Cee wiederum, von der Stief-Großmutter von klein auf psychisch wie physisch gequält, wählt die erste Möglichkeit zur Flucht und sieht sich schon bald mann- und mittellos auf sich alleingestellt. Ohne Schutz wird sie als Schwarze, der auch niemand zu Hilfe kommen kann und will, Opfer böser Machenschaften, was sie beinahe ihr Leben kostet.

Die Erfahrungen, die die beiden Geschwister wie auch ihre Freunde aufgrund ihrer Hautfarbe machen, sind vielfältig. Vorurteile und Beleidigungen sind noch das geringste Übel; man versagt ihnen Wohnungen, da man sie in bestimmten Gegenden nicht wünscht. In der Armee, wenn sie ihr Leben riskieren, sind Schwarze wie Weiße gleich, aber im normalen Leben ist in den 1950er ist Segregation nach wie vor eine Realität.

Thematisch interessant mit vielen unschönen Einblicken hätte ich gerne mehr von Cee gehört; mit Frank kann man sich als Leser schwerlich identifizieren, was vermutlich zu dem nicht ganz begeisterten Eindruck beigetragen hat.

Paul Auster – Nacht des Orakels

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Paul Auster – Nacht des Orakels

Der Schriftsteller Sidney Orr erinnert sich an neun Tage im September 1982, die sein Leben nachhaltig verändern sollten. Gerade von einer sehr schweren Erkrankung genesen, erwirbt er am Vormittag des 18.9.1982 in einem wundersamen Schreibwarenladen in Brooklyn ein neues Notizheft. Sobald er dieses öffnet, fließen die Geschichten nur so aus ihm heraus, unter anderem die um Nick Bowen, einem Literaturagenten, den das Lesen des Manuskripts „Nacht des Orakels“ dazu veranlasst, sein bisheriges Leben hinter sich zu lassen. Doch Sidney Orr führt seinen Protagonisten in eine Sackgasse und eine neue Schreibblockade droht. Er möchte ein weiteres Schreibheft erwerben, doch der Laden ist nur 48 Stunden später verschwunden. Nicht nur seine beruflichen Sorgen, eng gekoppelt mit den finanziellen Nöten nach seiner langen Erkrankung, sondern auch das Verhalten seiner Frau Grace, die unvermittelt in Tränen ausbricht, dann plötzlich für einen ganzen Tag verschwindet, bereiten ihm Kopfzerbrechen. Sein alter Freund John Trause könnte ihm mentale Unterstützung bieten, doch dieser ist ebenfalls krank und der Ärger um seinen Sohn nimmt ihn gänzlich in Beschlag und plötzlich überschlagen sich die Ereignisse. Nur 10 Tage nach der Entdeckung des geheimnisvollen Schreibhefts muss Sidney feststellen, dass in seinem Leben nichts mehr ist wie am Morgen des 18. September.

Paul Auster hat seinen Roman 2003 veröffentlicht und greift scheinbar in vielerlei Hinsicht auf biografische Elemente zurück. Die Handlung ist in Brooklyn angesiedelt, wo auch Auster lebt. Der Protagonist ist ein Autor wie Auster selbst, der nicht nur Romane veröffentlicht, sondern gelegentlich auch für den Film arbeitet; in den Figuren Trause (ein Anagramm von „Auster“) und Grace lassen sich Parallelen zu Auster selbst und zu seiner Frau Siri Hustvedt finden; Trauses Sohn ist drogenabhängig und kriminell ebenso wie Austers Sohn.

Interessant wir „Nacht des Orakels“ durch die vielfache Verschachtelung. Das Manuskript zum gleichnamigen Buch wird einer Figur überlassen, die sich der Protagonist ausdenkt – es gibt ein Buch im Buch im Buch. Auf allen drei Ebenen erleben die Figuren Zufälle, die ihr Leben tiefgreifend verändern und, noch viel bedeutender, es kommt zu ungewollten Prophezeiungen, deren Realisierung sie ins Unglück stürzt.

Austers Erzählstil hat einen hohen Wiederkennungswert, wer andere Bücher von ihm mochte, wird auch viel mit „Nacht des Orakels“ anfangen können. Es ist noch nicht so weit wie das 2017 erschienene Epos „4 3 2 1“, das sowohl in Konstruktion, Handlung und vor allem Figurenzeichnung deutlich komplexer geraten ist, kann aber gerade auch in der Hörbuchfassung von Jan-Josef Liefers vorgetragen, überzeugen und sehr gut unterhalten.

Jane Austen – Mansfield Park

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Jane Austen – Mansfield Park

Anlässlich des 200. Todestages der großen britischen Autorin war es mal wieder Zeit für einen ihrer Romane, tatsächlich der einzige von ihr, den ich bisher nicht gelesen hatte: Mansfield Park.

Fanny Price wächst in einer kinderreichen und verarmten Familie auf. Ihr Onkel Sir Thomas Bertram holt sie in jungen Jahren nach Mansfield Park, um dort mit den Cousins Tom und Edmund sowie den Cousinen Maria und Julia aufzuwachsen. Die vier Jugendlichen behandeln das Mädchen nie gleich, aber sie hat Zugang zu Bildung und lernt das gesellschaftsadäquate Verhalten ihrer Zeit. Als junge Erwachsene beginnt die Suche nach Ehemann und Gattin. Edmund, der einzige der Verwandten, der sich stets für Fanny einsetzt, plant seine Zukunft als Pfarrer und Mary Crawford hat er als seine zukünftige Braut auserkoren. Deren Bruder Henry hat offenbar Gefallen an den Bertram Schwestern gefunden. Überraschend macht er jedoch Fanny einen Heiratsantrag, den diese sehr zum Ärger ihres Onkels und Cousins Edmund zurückweist, denn Henry Crawford ist eine ausgesprochen gute Partie und weit über ihren Möglichkeiten. Um sie wieder zur Vernunft zu bringen, schickt man sie zurück zu ihren Eltern.

Über die Bedeutung Jane Austens in der britischen Literatur gibt es nicht mehr viel zu sagen. Sie porträtiert die Sitten ihrer Zeit und zeigt unverblümt ihre Absurditäten und Schwächen auf. So auch in Mansfield Park, wo der schöne Schein nach außen und die Frage des Einkommens die entscheidenden Elemente bei der Partnerwahl sind. Nur die junge Fanny hat einen Sinn und Auge dafür, welchen Charakter die Menschen um sie herum haben und kann ihrer Linie treu bleiben, auch wenn sie dafür bestraft wird. Dass sie am Ende Recht behalten sollte, war nun nicht weiter überraschend.

Interessant zum Roman ist die Diskussion, inwiefern Jane Austen als Vorreiterin der Chick-Lit zu sehen ist, hat sie doch einem der Hauptwerke des Genres (Bridget JonesDiary) die Protagonistin geliefert. Das COBUILD Advanced English Dictionary definiert das Genre wie folgt:

Chick lit is modern fiction about the lives and romantic problems of young women, usually written by young women.

Ähnlich die Definition, wie sie auf Wikipedia zu finden ist:

Chick lit or chick literature is genre fiction, which „consists of heroine-centered narratives that focus on the trials and tribulations of their individual protagonists“. The genre often addresses issues of modern womanhood – from romantic relationships to female friendships to matters in the workplace – in humorous and lighthearted ways.

Nimmt man diese als Basis und dazu das Wissen, dass Jane Austens Roman eine Zeitlang im englischsprachigen Raum gezielt mit Covern der typischen modernen Chick-Lit Büchern ausgestattet und in den Buchhandlungen gezielt neben diesen platziert wurden, liegt der Verdacht nahe. Inhaltlich bewegt sich Austen auch in Mansfield Park in ziemlich genau diesem Rahmen, so dass der Verdacht durchaus naheliegt. Dies lässt jedoch die sprachliche Leistung der Autorin und Intention der Gesellschaftskritik ihrer Zeit außer Acht, die beide in modernen Werken des Genres eine untergeordnete bis keine Rolle spielen.

Toni Morrison – Gott, hilf dem Kind

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Toni Morrison – Gott, hilf dem Kind

Lula Ann ist unter keinem guten Stern geboren. Ihre Eltern sind Afro-Amerikaner, deren Haut jedoch fast als weiß durchgeht; als die Tochter jedoch auf die Welt kommt, sind sie entsetzt: wie kann das Kind eine so dunkle Hautfarbe haben? Die Mutter hasst das Baby, der Vater verlässt sie. Lula Ann wächst heran ohne Liebe und Zuneigung; was sie sich am meisten wünscht, ist von der Mutter beachtet oder gar berührt zu werden. Dieser Wunsch führt zu einem bösen Fehler, den sie als Erwachsene korrigieren möchte. Inzwischen ist sie eine erfolgreiche und selbstbewusste Frau, die den Namen zu Bride geändert hat, um die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Als ihr Freund Brooker sie verlässt und ihr Versuch, den Fehler aus der Kindheit zu korrigieren, scheitert, begibt sie sich auf einen Road Trip, der zugleich in die Vergangenheit und Zukunft führt.

Toni Morrison lässt ihre drei Protagonisten aus ihrer eigenen Perspektive erzählen. Sweetness, Lula Anns Mutter, die unter dem Aussehen des Kindes leidet und es nicht so lieben kann, wie sie eigentlich möchte und die weiß, was es bedeutet in den USA eine Schwarze zu sein. Sie erzieht die Tochter zu unbedingtem Gehorsam: nicht auffallen, immer schön anpassen, um unter dem Radar zu bleiben, und wegzusehen, wenn erforderlich. Aus dem so verschüchterten Mädchen wird langsam eine Frau, die ihre Vorzüge erkennt und sich aus dem engen Korsett lösen kann. Ganz kann sie die Dämonen ihrer Vergangenheit jedoch nicht ablegen und der Wunsch, ihren Fehler wiedergutzumachen, verfolgt sie über viele Jahre. Brooker, der Bride ohne Erklärung verlässt, wird ebenfalls von seiner Kindheit geplagt, die er nie hinter sich lassen konnte und die noch sein Leben als Erwachsener bestimmt.

Die Suche Brides nach Brookers Aufenthaltsort wird zu einer Reise zu sich selbst, mit Zwischenstopps in ganz anderen Lebensentwürfen und Rückblicken, die langsam ein Licht auf das werfen, was unzählige Jahre zuvor geschah.

Toni Morrison, die 1993 mit dem Literaturnobelpreis geehrt wurde, ist für ihre literarische Auseinandersetzung mit dem Rassismus in den USA bekannt. In „Gott, hilf dem Kind“ ist dieses Thema als Ausgangspunkt des ganzen Übels ebenfalls wieder präsent jedoch nicht so prägend wie die Frage nach Schuld und Wiedergutmachung. Das Kind Lula Ann lädt Schuld auf sich ohne sich der Dimensionen des eigenen Handelns bewusst zu sein und wird von dieser Schuld über viele Jahre geplagt.

Mir hat die Geschichte über weite Strecken sehr gut gefallen, jedoch bleiben die Figuren recht eindimensional. Sweetness, Bride und Brooker werden letztlich durch ein Ereignis bestimmt, das den ganzen Charakter überlagert und sie etwas flach erscheinen lassen. Die haben keine Facetten oder gar Widersprüche. Sehr unglücklich war ich mit dem Ende, das zu jeder Soap Opera gehört, aber für anspruchsvolle Literatur zu banal ist.

Orhan Pamuk – Schnee

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Orhan Pamuk – Schnee

Nach dem Tod seiner Mutter kehrt der Dichter Ka zum ersten Mal seit vielen Jahren in seine türkische Heimat zurück. Den eigentlich privaten Anlass will er auch nutzen, um über eine seltsame Serie von jungen Selbstmörderinnen zu recherchieren und über die aktuellen Bürgermeisterwahlen in Kars zu berichten. Aber auch seine ehemalige Mitstudentin Ipek möchte er gerne wieder treffen, nach der Trennung von ihrem Mann sieht Ka eine Chance für eine gemeinsame Zukunft für sie beiden. Allerdings hat Ka seine Rechnung ohne die Politik und den Geheimdienst gemacht, die ihm schnell vermitteln, dass seine Art der Arbeit nicht erwünscht ist. Ein Putsch, der seinen Ursprung im Theater nimmt, verschärft die bereits kritische Situation.

Wenn man nicht weiß, dass der Roman, auf dem das Hörspiel basiert, bereits 2002 erschienen ist – die deutsche Übersetzung folgte 2006 – könnte man „Schnee“ für tagesaktuell halten. Die Kontrolle der Medien (hier besonders hervorzuheben die Tatsache, dass manche Meldungen bereits geschrieben sind, bevor sie sich ereignen); der Kampf zwischen säkularen und zwischen konservativen Türken; die undurchsichtige Lage nach dem Militärputsch, der als solcher zunächst gar nicht erkannt wird und wie ein Teil der Inszenierung erscheint; das brutale Vorgehen gegen alle, die potenziell eine andere Meinung vertreten könnten – all dies ist uns auch 2017 bekannt. Diese politisch gefärbten Aspekte werden mit der persönlichen Geschichte des Autors, seinem Versuch, Ipek für sich zu gewinnen, und der späten Erkenntnis, dass er sich womöglich in der Frau getäuscht hat, geschickt verbunden.

Orhan Pamuk schafft ein interessantes Bild der Türkei, dass die Zerrissenheit und Zerstrittenheit der unterschiedlichen Strömungen im Land herausstellt und dabei keine Wertung vornimmt. Er lässt bewusst einen quasi Fremden auf die Zustände blicken – Ka war seit so langer Zeit nicht mehr in der Heimat, dass ganz als Europäer durchgeht, zwar noch die gemeinsame Sprache spricht, aber doch so anders denkt, dass er aus der distanzierten Perspektive die Geschehnisse beurteilen kann. Das Motiv des Schnees erscheint zunächst nicht in die Thematik zu passen, es ist auch nichts, was man unmittelbar mit der Türkei in Verbindung bringen würde. Aber von so kurzer Dauer, wie eine einzelne Schneeflocke ist, ist auch das Individuum nicht nur vergänglich, sondern eins unter vielen, von kurzer Zeit auf Erden, zunächst unschuldig und rein in seiner Form, in der Masse – Schneesturm, gefroren am Boden – jedoch mitunter brandgefährlich.

Ein aktuell immer noch beachtenswerter Roman, der 2004 von der New York Times als bestes ausländisches Buch und dem Autor 2005 zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verhalf und im Jahr darauf zum Literatur-Nobelpreis.

Dave Eggers – Bis an die Grenze

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Dave Eggers – Bis an die Grenze

Josie steht vor den Trümmern ihres Lebens. Eine Klage hat ihr ihre Zahnarztpraxis geraubt, von ihrem Mann ist sie getrennt und wenig hält sie mehr an der Vergangenheit und in der Heimatstadt. Kurzerhand packt sie die beiden Kinder, den 8-jährigen Paul und die 5-jährige Ana und flieht mit ihnen nach Alaska. Mit einem Camper möchte sie den Bundesstaat erkunden und in der Weite des Landes zur Ruhe kommen. Doch die Reise ist beschwerlicher als gedacht und aus dem Abenteuerurlaub wird bald schon der Kampf ums Überleben: Überleben der Erinnerungen, Überleben gegen bösartige Menschen, Überleben von Naturgewalten.

Konnte mich Dave Eggers in der Vergangenheit mit „The Circle“ und „A Hologram for the King“ begeistern, war dieser Roman auch für mich als Hörerin eine Herausforderung. Zwar ist der Plot durchaus interessant und bietet einige spannende Momente, aber die Figurenzeichnung war unsäglich. War Mae Holland in „The Circle“ bereits naiv bis dümmlich, übertrifft Josie sie noch um Welten. Die studierte Zahnärztin, von der man rationales und bedachtes Handeln erwarten sollte, bringt sich und die Kinder immer wieder in größte Gefahr durch ihr blödsinniges und gedankenloses Handeln. Man möchte sie anschreien und ihr zurufen, wie absurd dumm sie sich verhält und wünscht sich geradezu, dass Paul und Ana nicht länger in ihrer Obhut bleiben dürfen.

Was als Selbstfindungstrip angekündigt war, ist eine Tour de Farce einer kopflosen Frau, die vor dem Leben davonrennt und bei all den gestellten Aufgaben nichts lernt. Dass ihr Sohn mehr verstand zu besitzen scheint als sie, ist erschreckend. Leider leidet darunter das Hörvergnügen, denn man kann sich kaum auf die Handlung konzentrieren, ist man so damit beschäftigt, denn nächsten Ausfall dieser Mutter zu verarbeiten.

Adi Alsaid – Let’s Get Lost

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Adi Alsaid – Let’s Get Lost

Ein Road Trip der etwas anderen Art. Leila lässt in einer amerikanischen Kleinstadt ihren Wagen testen und lernt so Hudson kennen, der sofort von dem Mädchen fasziniert ist. Es wird die schönste Nacht seines Lebens, die jedoch auch einen jahrelang gehegten Traum zerstören wird. Leilas Reise geht weiter und unterwegs sammelt sie Bree auf. Die Mädchen finden sich sofort sympathisch, doch die kleine Ausreißerin Bree kann vom Diebstahl nicht lassen und so landen beide im Gefängnis. Für Elliot wird die Begegnung mit Leila zur Realisierung einer nur dem Fernsehen gekannten Geschichte und Sonia hatte schon aufgegeben, ihr Leben in Trümmern, aber Leila kommt ihr zu Hilfe. Vier Menschen, vier Geschichten und vier Begegnungen, die das Leben verändern. Doch wer ist Leila eigentlich und warum hat sie sich auf den Weg nach Alaska zu den Polarlichtern? Auch Leilas Leben wird durch diese Reise verändert werden.

Eine überzeugende Geschichte über das Erwachsenwerden. Die vier Figuren, denen die Protagonistin begegnet sind sehr verschieden, was immer wieder neue Aspekte in den Roman bringt und vier letztlich eigenständige Geschichten entstehen lässt. Alle vier sind an einem wichtigen Punkt ihres Lebens und benötigen genau den einen Impuls benötigen, um weiterzugehen und ein Kapitel abzuschließen. So auch die Protagonistin, die jedoch lange Zeit erstaunlich blass bleibt. Man erfährt sehr viel über die Figuren, mit denen sie interagiert, von sich selbst gibt sie jedoch nichts preis und mehr und mehr fragt man sich, was es mit ihr auf sich hat. Dieses Mysterium wird im letzten Kapitel recht überraschend, aber überzeugend gelöst.

Barbara Vine – The Birthday Present

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Barbara Vine – The Birthday Present

Ivor Tesham ist 1990 ein aufstrebender Abgeordneter der Tories. Margaret Thatcher regiert das Land und dem attraktiven jungen Politiker steht eine glänzende Karriere bevor. Das einzige, was er nicht hat, ist die glückliche Familie. Dafür aber eine Affäre mit einer verheirateten Frau, die seine Leidenschaft für Rollenspiele beim Sex teilt. Zu ihrem Geburtstag will er ihr eine besondere Freude machen und eine Entführung inszenieren – doch dabei läuft etwas schief und Hebe sowie ein weiterer Mann sterben, ein dritter wird schwer verletzt. Ivor hat Angst um seine Karriere und meldet sich daher nicht bei der Polizei. Doch es gibt Menschen, die von der Affäre wissen und so macht sich der kaltblütige Politiker erpressbar.

Die Geschichte wird rückblickend aus Sicht von Ivors Schwager erzählt, weshalb Ivor seine Geschichte nicht selbst erzählen kann, bleibt zunächst unklar. Der Schwager ist ein braver Familienvater und spart nicht mit der Analyse der Diskrepanz zwischen Ivors tatsächlichem Verhalten und dem öffentlichen Bild des konservativen Politikers mit reiner Weste. Er ist immer wieder schockiert, wie abgebrüht Ivor Entscheidungen vor dem Hintergrund seiner Karriere trifft und dabei die Menschen völlig aus den Augen verliert.

Neben Ivor spielt Hebes Freundin Jane, die ihr regelmäßig Schützenhilfe beim Betrug leisten musste, eine wesentliche Rolle. Der Abstieg der jungen und intelligenten Frau ist grausam mit anzusehen. Einerseits versucht sie ihre Cleverness zu nutzen, dann scheitert sie wiederum an ihrer Menschenkenntnis und der Gutgläubigkeit, die bisweilen regelrecht naiv wirkt. Sie ist für mich – neben zahlreichen anderen – das Hauptopfer der Geschehnisse zu denen sie nichts beigetragen hat, die aber ihr Leben zerstörten.

Machtbesessenheit, Gier und Egoismus sind die Triebfedern des Romans, der gnadenlos mit seinen Figuren umgeht und sie für ihre Fehltritte zahlen lässt.

Paula Hawkins – Into the Water

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Paula Hawkins – Into the Water

Welcher böse Fluch lastet auf dem Fluss nahe Beckford, der bereits mehrere Frauenleben zu verantworten hat? Erst im Frühling fand die erst 15-jährige Katie dort den Tod, nun auch Nel, die Mutter von Katies bester Freundin Lena. Nel war besessen von dem sogenannten „Drowning Pool“, der immer wieder Frauen angezogen hat. Allerdings ist dieses Mal die Lage etwas anders, Nel hat mehrfach vor ihrem Tod versucht ihre Schwester Jules zu erreichen, die beiden hatten seit Jahren keinen Kontakt mehr. Jules hat die Anrufe registriert, aber nie entgegengenommen. Sie ist sich allerdings sicher, dass Nel niemals Selbstmord begangen hätte. Vieles passt in dem Ort nicht zusammen und je tiefer Jules und die beiden Polizisten Sean Townsend und Erin Morgan nachforschen, desto mehr Verbrechen kommen sie auf die Spur.

Dieses Buch ist in der Hörversion eine echte Herausforderung. Gelungen sind die unterschiedlichen Sprecher, die den einzelnen Charakteren, die jeweils abwechseln aus ihrer Sicht die Geschehnisse erzählen, ihre Stimme verleihen und so ein wenig helfen, den Überblick zu behalten. Insgesamt erschienen es mir aber viel zu viele Figuren, die gerade zu Beginn nicht einfach zu unterschieden waren und deren Verhältnis zueinander ebenfalls nicht immer ganz klar war. Leider leiden sie fast aller unter Charakterzügen, die sie nicht gerade besonders liebenswert machen, was ich ebenfalls nicht einfach finde, man möchte ja doch so etwas wie Empathie gegenüber den Figuren empfinden.

Die Geschichte an sich ist komplex und immer mehr Nebenstränge entwickeln sich, die jedoch nicht alle besonders glaubwürdig sind und für mich zum Teil sehr konstruiert wirken. Insbesondere Jules Verhalten erscheint mir absurd, steht aber vielen anderen diesbezüglich in nichts nach. So richtige Spannung kam leider nie auf, dafür war die Erzählung oftmals zu sprunghaft und konfus und kaum auf das Wesentliche fokussiert. Auch wenn am Ende alle Zusammenhänge aufgeklärt und der Fall quasi gelöst ist, stellt sich kein befriedigendes Gefühl bei der Story ein.

„The Girl on The Train“ konnte mich insgesamt überzeugen, Paula Hawkins aktueller Roman jedoch ist mir zu schwach, um mit dem Vorgänger mithalten zu können.