Elena Ferrante – Lästige Liebe

Laestige Liebe von Elena Ferrante
Elena Ferrante – Lästige Liebe

Als Delia vom Tod ihrer Mutter Amalia erfährt, eilt sie von Rom nach Neapel, wo sie aufgewachsen ist. Was geschah am Abend des 23. Mai und weshalb hat man ihre Mutter nur mit einem BH bekleidet aus dem Wasser gezogen? Sie beginnt die letzten Wochen und Monate ihrer Mutter zu erforschen und stößt auf einen Mann, der offenbar ihrer Liebhaber war. Caserta kommt ihr bekannt vor, eine vage Erinnerung aus ihrer Kindheit. War dieser Mann nicht mit ihrem gewalttätigen Vater befreundet, von dem sich die Mutter einst trennte und sich mit drei kleinen Töchtern fortan lieber alleine durchschlug? Ihre Fragen werden nicht gerne gesehen im Stadtviertel und je mehr sie in das Leben von Amalia eintaucht, desto deutlicher werden für Delia auch die Ähnlichkeiten mit sich selbst.

Elena Ferrantes erster Roman erschien schon 1992 im Original und zwei Jahre später in deutscher Übersetzung. Nach dem großen Erfolg der neapolitanischen Saga um die zwei Mädchen Lila und Elena hat man sich nun der älteren Romane angenommen und nochmals von Karin Krieger übersetzen lassen, die auch die neuen Werke übertrug. „Lästige Liebe“ spielt ebenfalls in dem neapolitanischen Stadtteil, der aus der Tetralogie bekannt ist und ganz eigenen Regeln folgt.

Die Grundidee des Romans hat mir gut gefallen, vor allem da auch ein spannendes Element dabei war und man wissen wollte, weshalb eine ältere Frau so aufgefunden wird. Allerdings verliert sich Ferrante immer wieder in der Geschichte. Ebenso wie Delia durch Neapel irrt, hatte ich bisweilen das Gefühl durch den Roman zu irren und nicht zu wissen, wo ich eigentlich bin und wo der Weg hinführen wird. Das Handeln der Protagonistin erschien mir oftmals wenig durchdacht – was nach so einem Schock durchaus in einem gewissen Maße nachvollziehbar ist, hier aber eher seltsam wirkte und so gar nicht zu dem Charakter der Figur zu passen scheint. Auch der Fokus auf Äußerlichkeiten hat mich eher irritiert, ja, es spielt eine Rolle, dass Delia ein bestimmtes Kleid trägt, aber dass dieses immer und immer wieder hervorgehoben werden muss, war doch seltsam – oder es fehlte mir die Visualisierung um zu verstehen, weshalb es wirklich so auffällig war.

Man kann schon erkennen, dass Ferrante Potenzial hat, aber dieser Roman ist noch weit von den späteren Werken entfernt. Weder Handlung noch Figurenzeichnung konnten wich wirklich überzeugen und so bleibt ein sehr mittelmäßiges Fazit.

Michael Kumpfmüller – Nachricht an alle

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Michael Kumpfmüller – Nachricht an alle

Eine seltsame Nachricht erhält Innenminister Selden: von seiner Tochter,, am frühen Morgen, ein Scherz? Nein, es war ihre letzte SMS aus dem abstürzenden Flugzeug. Es wird keine Überlebenden geben und Selden wird über Wochen wie gelähmt sein. Doch „The Show must go on“ und in Zeiten schwerer Krisen und bevorstehenden Wahlen kann ein Ausfall das Ende der Karriere bedeuten. Wer ist dieser Mann? fragt sich die junge Journalistin Hannah, die kurze Zeit später einen Termin mit ihm erhält für ein Portrait. Sie sieht hinter die Fassade des Politikers, er ist von dem unverbrauchten Blick auf die Welt der jungen Frau fasziniert und da seine Ehe sich ohnehin in der Auflösung befindet, führt diese Begegnung zwangsweise in die Affäre. Doch sein politischer Alltag holt ihn schnell zurück: innenpolitische Krise, Streiks und Aufstände, ein Angriff der Medien auf ihn aus dem Nichts – was soll denn noch passieren, das er aushalten muss? Selden wird von den Ereignissen getrieben und kann nur noch reagieren.

„Nachricht an alle“ entsprach so gar nicht dem, was ich von dem Buch aufgrund des Klappentextes erwartet hatte. Die schrecklichen Ereignisse um den Unfalltod der Tochter sind keineswegs das tragende Element, sondern letztlich nur eine Randnotiz, die den Auftakt zu Geschichte bildet und schnell vergessen ist. Aber nur, weil eine andere Geschichte erzählt wird, als man erwartet hat, bedeutet dies nicht gleich Enttäuschung, denn Michel Kumpfmüllers Roman, der 2007 vom LCB und der Akademie der Künste mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet wurde, kann überzeugen und obwohl der Text mehr als zehn Jahre alt ist, hatte ich den Eindruck, dass er die aktuellen Krisen genauso erfasst und eine erschreckende Warnung darstellt.

Die ganze Handlung dreht sich um Selden, der sowohl privat wie auch beruflich kurz vor dem Absturz steht. Seine Frau Britta sieht er nur noch sporadisch, wo die Malerin weilt und was sie tut, erfährt er nur noch am Rande. In Brüssel hat er eine lockere Geliebte, mit der ihn jedoch nur der Sex verbindet und mit der Journalistin Hannah bahnt sich eine gänzlich andere Art von Beziehung an. Für die Trauerarbeit nach dem Verlust der Tochter bleibt keine Zeit, dies genauso wie das Chaos um seine Frauen muss verschoben werden. Spannender als das private Chaos ist jedoch der politische Druck. Das Volk geht auf die Straße, der Unmut wird täglich größer und innerparteiliche Streitigkeiten lassen konzertierte Arbeit auch nicht zu. Besonders überzeugend fand ich den Angriff auf ihn über die Medien, die minimalste Verfehlungen ausschlachten, ihn an den öffentlichen Pranger stellen und beinahe zum Sturz bringen. Es bleibt vage, woher dieser Angriff kam und weshalb er sich in diese Dimension aufblasen konnte – aber funktioniert diese Art der öffentlichen Hinrichtung nicht immer nach diesem Muster?

In einer Nebenhandlung erlebt man auch junge Erwachsene, die auf die Straße gehen und gegen das Establishment demonstrieren. Allerdings verhallt ihre Stimme und ihr Ansinnen vor dem Hintergrund der völlig durchgeknallten Maria, die aufgrund ihrer Extreme allen womöglich gerechtfertigten Kritiken den Wind aus den Segeln nimmt.

Man hat ein wenig den Eindruck, als wenn dem Roman die Dramaturgie fehle, die ihn am Ende rund erscheinen lässt und die die Handlung zielgerichtet leitet. Dies erklärt auch viele eher verhaltene Kritiken. Mich hat es bisweilen auch ein wenig irritiert, weil man nicht durchschaute, wohin die Geschichte läuft. Umgekehrt fragt man sich bei der ausgesprochen authentisch wirkenden Darstellung des Ministers, inwiefern unsere höchsten Politiker wirklich nur noch Getriebene sind, die schon längst das Ruder aus der Hand geben mussten und noch auf Medien und die Stimme der Straße reagieren, aber nicht mehr selbst den Kurs bestimmen und lenken. Ein beunruhigender Gedanke, der wiederum in der Geschichte überzeugend umgesetzt wurde.

Petra Reski – Palermo Connection

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Petra Reski – Palermo Connection

Mutig stellt sich die sizilianische Staatsanwältin Serena Vitale der Mafia entgegen und endlich scheinen ihre Bemühungen Früchte zu tragen. Nur ihr Privatleben bleibt weiterhin chaotisch. Der deutsche Journalist Wienecke nimmt derweil Kontakt zu ihr auf, da er hofft mit einer Mafiageschichte endlich wieder sein Standing im Magazin verbessern zu können. Und tatsächlich gelingt es ihm, zu einem Mafia-Boss Kontakt aufzunehmen und eine aufsehenerregende Geschichte zu veröffentlichen. Er forscht auch über Serena Vitale nach und entdeckt dunkle Spuren in ihrer Vergangenheit.

Ich hatte mir spannende Unterhaltung und eine komplexe Mafia-Geschichte erwartet. Bekommen habe ich einen Roman, dessen roten Faden ich bis zum Ende nicht gefunden habe und der so vollgestopft mit Klischees ist, dass es bisweilen fast schmerzhaft war:

  1. Die gutaussehende Staatsanwältin, die aber eigentlich nur das liebe Frauchen spielen und geliebt werden will, andererseits aber keine Probleme hat, am selben Abend gleich mit zwei Männern ins Bett zu steigen, wobei bei Männern Intellekt egal zu sein scheint, der Körper ist das einzige, was sie interessiert – neben ihren Fingernägeln und den aufwändigen Friseurbesuchen.

  1. Der Mafia-Boss machte den Eindruck zu oft „Der Pate“ geschaut zu haben, aber nie den Charme und Haltung eines Corleones überzeugend kopieren zu können. Natürlich trifft er sich nur in Abrissbauten und Lagerhallen mit dem Journalisten – dem vorher noch ein Sack über den Kopf gezogen werden muss, damit er sich den ohnehin unbekannten Weg auf Sizilien nicht merkt. Als Deko hat er immer auch ein paar grimmig dreinschauende Leibwächter um sich herum drapiert.

  1. Die Italiener als solches scheinen nur rumzusitzen, Pizza zu essen, Kaffee zu trinken und die Mafia machen zu lassen, was sie wollen. Rechtschaffene Menschen sucht man vergeblich.

  1. Die ausgewanderten Italiener in Deutschland waschen derweil alle das Mafiageld in den hiesigen Pizzerien.

  1. Der Journalist ist eine ganz große Nummer, dass er dumm wie Brot ist und bei jedem Schritt an die Hand genommen werden muss, scheint für die Autorin nicht in Widerspruch zu stehen. Dass er sich als toller Hecht fühlt, macht ihn auch nicht sympathischer.

Die Fragmente von Handlung um Prozesse von Mafiaverbrechern bleibt völlig nebulös und ist irgendwann auch egal, weil es nur noch um den Journalisten und das Privatleben der Staatsanwältin geht. Dass ein gekränktes Männerego dann auch noch ziemlich kleinkariert Rache an der Frau nimmt, die ihn nicht so toll fand wie er sich selbst, setzt dem Ganzen dann nur noch das Macho-Kränchen auf.

Juli Zeh – Nullzeit

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Juli Zeh – Nullzeit

Die Nullzeit ist bei einem Tauchgang mit einem Drucklufttauchgerät die durch die Dekompressionstabelle vorgegebene Zeitspanne, in der man ohne Dekompressionsstopp (Verharren für eine bestimmte Zeit in einer bestimmten Tiefe) an die Wasseroberfläche zurückkehren kann.

[Quelle: Wikipedia]

Jola und Theo kommen auf eine der Kanarischen Inseln, um dort das Tauchen zu lernen. Die Schauspielerin will sich so auf eine der nächsten Rollen vorbereiten, ihr Partner begleitet sie und findet vielleicht eine Inspiration für sein neues Buch. Zwei Wochen haben sie den Tauchlehrer Sven gebucht, der dort seit Jahren als Aussteiger eine Tauchschule betreibt. Normalerweise ist Sven egal, wer seine Kunden im echten Leben sind, doch dieses Mal begeht er den Fehler nach ihnen zu googlen, aber das wird nicht der einzige Fehler bleiben und nach den zwei Wochen mit den vermeintlichen Promis wird sein Leben ein Scherbenhaufen sein. Er merkt schnell, dass zwischen den beiden so einiges nicht stimmt und es dauert nicht lange, bis dies zu echten Gefahr wird. Immer mehr verunsichert ihn vor allem Jola Verhalten, diese wiederum dokumentiert die Erlebnisse in ihrem Tagebuch. Das Problem ist nur: die Schilderungen aus Svens und Jolas Sicht könnten kaum verschiedener sein. Wer von den beiden sagt die Wahrheit, was geschah wirklich auf der Insel?

Juli Zeh ist mir als Erzählerin von Gegenwartsromanen bekannt, dass sie auch Krimis schreibt, hatte ich vor „Nullzeit“ nicht registriert. Aber auch in diesem Genre kann sie überzeugen, was ihr vor allem durch zwei Dinge gelingt: interessante Protagonisten, die auf Augenhöhe miteinander ringen und die Konstruktion der Geschichte, die verunsichert und Zweifel sät.

Jola ist zunächst das recht typische Serien-Sternchen, das auf den ganz großen Durchbruch hofft. Ihre schauspielerischen Fähigkeiten zeigen sich gegenüber Sven erst im Laufe der Handlung, wenn sie diese manipulativ einsetzt, denn sie hat ganz offensichtlich ihr eigenes Drehbuch mit auf die Insel gebracht und für den Tauchlehrer eine Hauptrolle vorgesehen. Ihre Inszenierung ist gut durchdacht und sauber geplant. Aus kleinen Neckereien des Pärchens werden schnell lebensbedrohliche Situationen und Sven beschleicht zunehmend die Angst, dass Theo tatsächlich in großer Gefahr sein könnte.

Man ist geneigt den Schilderungen Svens zu glauben, erscheint er doch nicht nur sympathisch, sondern es fehlt ihm auch an Motiv einem anderen Schaden zufügen zu wollen. Jolas Tagebucheinträge indes sind überdreht und emotional, für eine Frau mit 30 eher unpassend. Aber heißt das auch direkt, dass sie unwahr sind und kann diese Frau auch die sein, die einen gemeinen, hinterhältigen aber sehr cleveren Plan eines Mordes aushecken und durchziehen kann?

Insgesamt beste Unterhaltung, ein Krimi, der alles bietet, was man sich wünschen kann: klassisches Krimisetting, ebenbürtige Gegner und lange Unklarheit darüber, was eigentlich geschieht.

Alex Capus – Königskinder

Koenigskinder von Alex Capus
Alex Capus – Königskinder

Spätabends in den Schweizer Bergen, langsam aufkommendes Schneetreiben, doch Max und Tina ignorieren die Absperrung und fahren den Berg hinauf, bis sie schließlich doch auf dem Pass vom Weg abkommen und wohl oder übel die Nacht über im Auto ausharren müssen, bis am folgenden Morgen Hilfe zu ihnen vordringen kann. Um sich die Zeit zu vertreiben, erzählt Max eine Geschichte, jene von Jakob aus dem Greyzerland. Früh die Eltern verloren wird er zum eigenbrötlerischen, aber fähigen Kuhhirten. Als er sich in die Tochter eines reichen Bauern verliebt, ist dieser erbost, denn Jakob ist ganz sicher keine passende Partie für seine Marie. Jakob flüchtet sich in den Militärdienst, doch Marie wartet auf ihn. Nach Jahren im Ausland kehr er zurück und findet sein Mädchen wieder – doch ihre Zweisamkeit soll auch jetzt nur von kurzer Dauer sein, denn der französische König ruft schon wieder.

Überzeugend gestaltet Alex Capus die Rahmengeschichte um Max und Tina und greift hier auf ein recht altes Motiv zurück: die unerträgliche Wartezeit in unfreiwilliger Gefangenschaft mit Erzählen überbrücken und so am Leben bleiben. Was in „Tausend und einer Nacht“ funktionierte, klappt auch in der modernen Welt noch.

Die Geschichte um Jakob und Marie ist glaubwürdig und passend in der Zeit gegen Ende der Herrschaft der französischen Könige und der aufkeimenden Revolution verortet. Besonders gut hat mir dabei auch der Vulkanausbruch des Laki-Kraters gefallen, ein historisch reales Ereignis, das nachhaltige Auswirkungen auf die europäische Geschichte hatte, nahm hier doch die Hungersnot ihren Ausgangspunkt, die letztlich zum blutigen Umsturz führte. Überhaupt wird die Geschichte der beiden jungen Menschen stark durch die historischen Figuren und Ereignisse bestimmt, was ihr die Beliebigkeit nimmt und sie authentisch gestaltet. Umgekehrt aber auch eine Liebesgeschichte, die Hindernisse überwindet und überdauert. So wird „Königskinder“ trotz der Brutalität der Zeit, die niemandem, weder Königs- noch Bauernkindern, etwas schenkte, zu einer Wohlfühlgeschichte, in der man gerne versinkt.

Maxim Biller – Sechs Koffer

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Maxim Biller – Sechs Koffer

Der junge Maxim reist zu seinem Onkel in die Schweiz, er will dort ein Geheimnis ergründen, das in seiner Familie schon lange Zeit gehütet wurde und wegen welchem sein Vater schon mehr als zwei Jahrzehnte nicht mehr mit seinem Bruder gesprochen hat. Es bleibt nicht bei einem Geheimnis, das er aufdeckt, viel mehr zeichnet er die komplexe Geschichte einer Familie nach, die von der Tschechei nach Russland führt, zurück nach Prag, in Teilen in den freien Westen, in Teilen hinter dem Eisernen Vorhang; Fluchtversuche, die scheitern, Fluchtversuche, die gelingen. Nicht ausgesprochene Wahrheiten, ausgesprochene Lügen; Liebesbeziehungen, die nicht Bestand haben und solche, die Jahrzehnte überdauern. So chaotisch die Nachkriegszeit und die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, so auch die Geschichte der Familie Biller – eine von vielen jüdischen Geschichten, die am Ende eine Generation von Kindern hervorbrachte, die in unzähligen Sprachen und Ländern zu Hause sind und die wissen, dass bei dem Umherirren über den Kontinent auch so manche Wahrheit verloren ging und manches wie ein nicht mehr gewolltes Kleidesstück an fernen Orten vergessen wurde.

Der Roman, der unverkennbar autobiografische Züge trägt, hat Maxim Biller eine Nominierung auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2018 beschert. Es sind sicherlich zwei Aspekte, die dies nachvollziehbar begründen: seit nunmehr drei Jahren beherrscht das Thema Flucht die deutschen Nachrichten, wobei dies häufig als ein Problem ferner Länder und von Menschen, die es nicht schaffen, Demokratie zu leben, gesehen wird. Biller katapultiert dieses zurück nach Deutschland und führt vor, dass Flucht und Vertreibung ureuropäisch sind, diese über weite Strecken das 20. Jahrhundert bestimmten und sich in fast allen Familien auch solche Erfahrungen finden lassen. Daneben ist die komplexe Konstruktion des Romans, die nur nach und nach ein Gesamtbild offenbart, eines solchen Preises ohne Frage würdig.

Die Figurenzeichnung ist sicherlich das, was den Reiz des Romans ausmacht. Große Träume und Wünsche, die einfach zerplatzen, vieles nie ausgesprochen und schmerzlich bis ans Lebensende mit sich herumgetragen, zeigt Biller nicht die großen Helden der Geschichte, sondern die kleinen Menschen, die Spielball selbiger werden und sich immer wieder an neue Gegebenheiten anpassen müssen. Keiner ist hier nur „gut“ oder nur „böse“ um in den einfachsten Kategorien zu bleiben – aber dies gibt es ja in der Realität auch selten.

Biller umkreist das Geheimnis, nähert sich auf unterschiedliche Weise, aus verschiedenen Perspektiven, dreht Schleifen und fügt Parenthesen ein – erzählerisch überzeugend und gerade für ein Hörbuch eine Herausforderung, die man bei Christian Brückner als Vorleser jedoch gerne annimmt. Für mich das vierte Buch der diesjährigen Longlist des Buchpreises und auch bislang der eindeutige Favorit.

Matthew Weiner – Alles über Heather

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Matthew Weiner – Alles über Heather

Mark Breakstone ist eher unscheinbar, aber seine analytischen Fähigkeiten werden ihm irgendwann ein großes Einkommen bescheren – wenn er ansonsten schon für seine Eltern eine Enttäuschung war, da er so gar nicht ihren Wünschen entsprach. Karen hat immer von einer Karriere im Literaturbetrieb geträumt, hängt jetzt aber im PR fest und als Freunde ihr ein Date mit Mark vermitteln, erwartet sie nicht viel. Doch die beiden sind pragmatisch und eine Vereinigung erscheint sinnvoll. Heather ist das Ergebnis ihrer Liebe und das Kind ist in jeder Hinsicht perfekt: hübsch und charismatisch wickelt sie vom ersten Tag an alle um den Finger, dazu ist sie einfühlsam und aufmerksam, will niemanden verletzten. Mit Marks Karriere geht es voran, wenn auch nicht ganz so glanzvoll wie gewünscht, aber allein das Dasein Heathers und die Wohnung im teuersten Postleitzahlenbezirk von New York sind schon repräsentativ genug. Doch es droht Unheil in Form von Bobby Klasky, Sohn einer Drogensüchtigen und Ex-Knacki, der als Bauarbeiter in das vornehme Haus der Breakstones kommt und dem die Teenager-Tochter auch direkt ins Auge fällt.

Matthew Weiner hat sich als Schöpfer der Serie „Mad Men“ bereits einen Namen gemacht, bevor er mit „Alles über Heather“ nun seinen ersten Roman verfasste. Die Erwartungen waren naturgemäß hoch, für mein Empfinden konnte Weiner sie erfüllen und mit Ulrich Matthes als Vorleser konnte ohnehin nur wenig schiefgehen.

Der Autor lässt zwei Geschichten des gegenwärtigen Amerika parallel verlaufen, die unterschiedlicher kaum sein könnten und dennoch im selben Land geschehen: einerseits der Mikrokosmus der New Yorker Upper Class mit ihren eigenen Regeln und dem aufrechtzuerhaltenden schönen Schein nach außen, während hinter der Fassade langsam alles zu bröckeln beginnt. Die erfolgreiche und hübsche Tochter, die als Projektionsfläche der elterlichen Träume und Wünsche fungieren muss und in der gleichzeitig auch deren größten Ängste zentriert sind. Dagegen die drogenabhängige Mutter Bobbys, die nicht einmal weiß, wer der Vater ihres Sohnes ist, da einfach zu viele in Frage kommen, die weder das Potenzial des Kindes erkennt, noch die geringste Anstrengung auf ein geregeltes Leben unternimmt. So kommt es wie es kommen muss, Bobby gerät auf die schiefe Bahn und einmal im wahrsten Sinne des Wortes Blut geleckt, kann er seine Triebe nur schwer kontrollieren. Es ist abzusehen, dass sich die Wege kreuzen müssen und eine Katastrophe sich anbahnt.

Der Roman scheint ein eindeutiges Schwarz und Weiß zu kennen, doch so einfach ist es nicht. Bobbys Familiengeschichte erklärt seine Entwicklung, man kann Mitleid mit ihm haben, zum Teil sogar bewundern, dass er nicht schon viel früher in Schlimmeres verwickelt war und sich doch immer wieder selbst auf den richtigen Weg gebracht hat. Er ist ein Soziopath, ohne Frage, aber vielschichtiger als zunächst vermutet. Auch die Breakstones sind keineswegs so oberflächlich und eindimensional, wie dies der Schein vermuten ließe. Was alle gemeinsam haben, ist eine tiefe Enttäuschung vom Leben, wirklich glücklich ist niemand, weder am oberen noch am unteren Ende der Gesellschaft.

Der Roman ist Abbild und Analyse der USA unter Trump. Der Rückzug ins Private, die Konzentration auf das unmittelbare Lebensumfeld und das Ausblenden der Wirklichkeit darüber hinaus. Doch dieser Kokon hat eine fragile Außenschicht, was ihn verletzlich und zerbrechlich macht und schutzlos der bösen Außenwelt ausliefert.

Monika Maron – Munin oder Chaos im Kopf

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Monika Maron – Munin oder Chaos im Kopf

Eigentlich lebt Mina Wolf in einer ruhigen Berliner Straße, in der die Journalistin auch gut von zu Hause arbeiten kann. Seit einiger Zeit wird der Frieden jedoch erheblich durch eine Frau des Nachbarhauses gestört: lauthals singt sie auf ihrem Balkon und treibt mit ihrer krächzenden Stimme die anderen Anwohner langsam in den Wahnsinn. Auch Mina leidet darunter, muss sie doch fristgerecht einen Artikel über den 30-Jährigen Krieg für eine westfälische Kleinstadt verfassen. Kurzerhand entschließt sie sich ihren Rhythmus zu ändern und nun nachts zu arbeiten, da sie nur wenige Sozialkontakte pflegt, ist das nicht weiter problematisch und es soll ja auch nur für die Zeit dieser Arbeit sein. Die Lage verschlimmert sich zunehmend und als die Sängerin ihre musikalische Darbietung schließlich auch noch mit technischer Unterstützung verstärkt, droht die völlige Eskalation, denn man kann nichts gegen sie tun, die Frau ist krank und kann nicht anders. Mina droht langsam auch verrückt zu werden und dass sie sich nächtens mit einer Krähe, die sie Munin getauft hat, über die Menschen und Kriege philosophisch austauscht, bestärkt sie in dieser Ahnung nur noch mehr.

Die Berliner Autorin Monika Maron hat ihren Roman für die Hörbuchvariante selbst eingesprochen, was ich zunächst eher ungewöhnlich finde. Auch auf Lesungen habe ich schon wiederholt erleben müssen, dass gute Autoren nicht unbedingt auch gute Leser sind. Hier jedoch passt beides hervorragend zusammen und die Stimme der Autorin ist wie gemacht für die der Erzählerin Mina, man ist sogar schnell geneigt, beide für identisch zu halten, Wohnort und Beruf stimmen überein, darüber hinaus dürften die Parallelen aber vermutlich überschaubar bleiben.

„Munin oder Chaos im Kopf“ greift viele Alltagsthemen auf, die dem Leser oder Zuhörer gut bekannt sein könnten: das Zusammenleben in der Großstadt, die Eigenarten mancher Mitmenschen, die einem geradezu in den Wahnsinn treiben könnten, die Anonymität der Großstadt, aber auch aktuelle Themen wie die massenhafte Zuwanderung nach Deutschland 2015 und der dadurch aufkeimende Nationalismus mit all seinen absurden Zügen und Vorurteilen und ganz zentral die Frage, weshalb die Menschheit nicht aus der Geschichte lernt und von einem Krieg in den nächsten zieht. Aktueller könnte ein Roman kaum sein und doch wirkt nichts gezwungen oder konstruiert, sondern es fließt genau so wie dies auch im Alltag geschieht von einem Thema ins nächste, springt zurück und wendet sich etwas anderem zu.

Monika Marons Erzählerin erkennt in ihrer Arbeit über den 30-Jährigen Krieg Parallelen zu aktuellen politischen Lage und gewinnt zunehmend den Eindruck, dass Deutschland sich bereits in der „Vorkriegszeit“ befinde. Dies dürfte die vermutlich streitbarste Aussage des Romans sein. Die Zeichen stehen ohne Frage auf Sturm, gerade die letzten Wochen haben dies deutlich unterstrichen. Aber würde man der Erzählerin hier zustimmen? Man möchte es ganz sicher nicht glauben, aber die Erkenntnis, dass gerade in Deutschland sehr viel Zeit gewesen wäre, um den 2. Weltkrieg zu verhindern, wenn doch nur ein paar mehr Menschen mutiger gewesen wären, ist auch eine Tatsache und man möchte sich gar nicht vorstellen, in einigen Jahrzehnten vor einem Scherbenhaufen zu stehen und sich selbst Untätigkeit vorwerfen zu müssen. Auch Minas Dispute mit Munin bieten reichlich Anlass selbst den Gedanken nachzuhängen – ein Roman, der nachwirkt.

Ruth Rendell – Dark Corners

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Ruth Rendell – Dark Corners

Nachdem Carl Martin, ein junger Autor, von seinem Vater ein Haus in London geerbt hat, findet er in dessen Nachlass eine Reihe von mysteriösen homöopathischen Pillen und Tinkturen. Er will sie entsorgen, aber wie das Leben so spielt, vergisst er sie. Aus Geldnot und weil der Wohnungsmarkt lukrativ ist, vermietet Carl die Räume im Obergeschoss. Da er keine Lust auf lange Interviews hat, erhält der erste Interessent den Zuschlag: Dermot McKinnon. Als eine Freundin ihn zufällig um Rat bzgl. einer Diät bittet, fallen Carl die Pillen wieder ein, eine Sorte war seiner Erinnerung nach auch zur Gewichtsreduktion geeignet. Das Angebot, ihm diese abzukaufen, nimmt Carl gerne an. Am nächsten Morgen wird die Freundin jedoch tot in ihrer Wohnung aufgefunden, offenbar sind die Tabletten Schuld an ihrem Ableben. Carl macht sich Vorwürfe, doch damit nicht genug: sein Untermieter hatte den Deal zufällig belauscht und droht nun zur Polizei und zur Presse zu gehen und Carl als Mörder zu entlarven. Die grausame Spirale ist in Gang gesetzt und Carl sieht sich gefangen in einer Situation, aus der es scheinbar keinen Ausweg gibt.

Ruth Rendell, die auch unter dem Pseudonym Barbara Vine schrieb, hat die Veröffentlichung ihres letzten Romans „Dark Corners“ nicht mehr miterlebt. Mit weit über 60 Romanen zählt sie nicht nur zu einer der eifrigsten, sondern auch der erfolgreichsten Krimi- und Thrillerautoren Großbritanniens. Mehrfach erhielt sie den Gold Dagger Award für den besten Krimi des Jahres.

Ihr letztes Werk bleibt jedoch weit hinter den zugegebenermaßen hohen Erwartungen zurück. Was ihr sehr gut gelungen ist, ist die psychische Anspannung, unter der Carl durch die Drohungen seines Untermieters steht, zu transportieren. Das ungute Gefühl, die unmittelbare Bedrohung sind durch die ganze Geschichte hindurch zu spüren. Es kriecht unter die Haut und setzt sich dort fest, sehnsüchtig wartet man auf die Erlösung. Bevor diese jedoch endlich kommt, muss man es mit den leider sehr eindimensionalen Charakteren aushalten. Weder Carl noch sein Untermieter oder ihre jeweiligen Lebensgefährtinnen können überzeugen, von dümmlich bis einfältig, von passiv bis einfallslos – sie sind einfach sehr schwer zu ertragen und wirken unausgereift. Auch die Lösung seiner Probleme, die Carl findet, scheinen mir zu konstruiert, um sie wirklich als authentisch anzusehen und sie passen in keiner Weise zu der Anlage der Figur.

Alles in allem hat der Roman durchaus Potenzial, das er jedoch leider nicht ausschöpft.

Sophie Bonnet – Provenzalische Intrige

Provenzalische Intrige von Sophie Bonnet
Sophie Bonnet – Provenzalische Intrige

Pierre Durand hat es sich inzwischen in dem kleinen provenzalischen Dorf Sainte-Valérie eingerichtet. Doch mit dem Erwerb des Hofes ist seine finanzielle Situation etwas kritisch geworden, weshalb er sich auf den Posten als Commissaire in Cavaillon bewirbt. In einem Mordfall sollen er und sein Mitbewerber beweisen, wer für den Posten besser geeignet ist. Die Unternehmerin Paulette Simonet wird in der Seiferei ihrer Kosmetikfirma tot aufgefunden. Verdächtige gibt es viele: ihr Exmann, von dem die Scheidung kurz bevorsteht; die Konkurrenz, die ihre Forderungen nach Umweltschutz für überzogen und geschäftsschädigend hält; aber auch ihr eigener Sohn gerät schnell ins Visier der Ermittler. Für Pierre kein leichtes Unterfangen, arbeitet er doch gerne alleine und folgt seiner Intuition, nun ist er Mitglied eines Ermittlungsteams und schnell schon auf Konfrontationskurs mit den Kollegen.

Götz Otto liest das Hörbuch mit einem angenehmen Timbre, das Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt und somit die Atmosphäre der ländlichen Provence hervorragend widerspiegelt. Der Fall bietet allerlei Spuren und Verdächtige, wird aber dadurch bisweilen etwas langatmig, was sich beim Hörbuch noch stärker auswirkt als dies bei einem gedruckten Buch der Fall sein dürfte. Zu häufig dreht sich alles im Kreis und bewegt sich nicht vorwärts. Dass Regionalkrimis, die im ländlichen Frankreich angesiedelt sind, tendenziell eher ein moderates Tempo haben, mag dem Setting geschuldet sein, lässt aber dadurch die Spannung etwas leiden.

Der Fall wird letztlich glaubwürdig gelöst, auch die Figurenzeichnung ist gelungen, wenn mir auch der Protagonist nicht wirklich sympathisch wird, seine permanenten Egotrips und sein Verhalten gegenüber seiner Partnerin sprechen nicht gerade für ihn. Als Hörbuch für zwischendurch gelungen, aber als Krimi doch etwas zu lau.