Matthew Weiner – Alles über Heather

Alles ueber Heather von Matthew Weiner
Matthew Weiner – Alles über Heather

Mark Breakstone ist eher unscheinbar, aber seine analytischen Fähigkeiten werden ihm irgendwann ein großes Einkommen bescheren – wenn er ansonsten schon für seine Eltern eine Enttäuschung war, da er so gar nicht ihren Wünschen entsprach. Karen hat immer von einer Karriere im Literaturbetrieb geträumt, hängt jetzt aber im PR fest und als Freunde ihr ein Date mit Mark vermitteln, erwartet sie nicht viel. Doch die beiden sind pragmatisch und eine Vereinigung erscheint sinnvoll. Heather ist das Ergebnis ihrer Liebe und das Kind ist in jeder Hinsicht perfekt: hübsch und charismatisch wickelt sie vom ersten Tag an alle um den Finger, dazu ist sie einfühlsam und aufmerksam, will niemanden verletzten. Mit Marks Karriere geht es voran, wenn auch nicht ganz so glanzvoll wie gewünscht, aber allein das Dasein Heathers und die Wohnung im teuersten Postleitzahlenbezirk von New York sind schon repräsentativ genug. Doch es droht Unheil in Form von Bobby Klasky, Sohn einer Drogensüchtigen und Ex-Knacki, der als Bauarbeiter in das vornehme Haus der Breakstones kommt und dem die Teenager-Tochter auch direkt ins Auge fällt.

Matthew Weiner hat sich als Schöpfer der Serie „Mad Men“ bereits einen Namen gemacht, bevor er mit „Alles über Heather“ nun seinen ersten Roman verfasste. Die Erwartungen waren naturgemäß hoch, für mein Empfinden konnte Weiner sie erfüllen und mit Ulrich Matthes als Vorleser konnte ohnehin nur wenig schiefgehen.

Der Autor lässt zwei Geschichten des gegenwärtigen Amerika parallel verlaufen, die unterschiedlicher kaum sein könnten und dennoch im selben Land geschehen: einerseits der Mikrokosmus der New Yorker Upper Class mit ihren eigenen Regeln und dem aufrechtzuerhaltenden schönen Schein nach außen, während hinter der Fassade langsam alles zu bröckeln beginnt. Die erfolgreiche und hübsche Tochter, die als Projektionsfläche der elterlichen Träume und Wünsche fungieren muss und in der gleichzeitig auch deren größten Ängste zentriert sind. Dagegen die drogenabhängige Mutter Bobbys, die nicht einmal weiß, wer der Vater ihres Sohnes ist, da einfach zu viele in Frage kommen, die weder das Potenzial des Kindes erkennt, noch die geringste Anstrengung auf ein geregeltes Leben unternimmt. So kommt es wie es kommen muss, Bobby gerät auf die schiefe Bahn und einmal im wahrsten Sinne des Wortes Blut geleckt, kann er seine Triebe nur schwer kontrollieren. Es ist abzusehen, dass sich die Wege kreuzen müssen und eine Katastrophe sich anbahnt.

Der Roman scheint ein eindeutiges Schwarz und Weiß zu kennen, doch so einfach ist es nicht. Bobbys Familiengeschichte erklärt seine Entwicklung, man kann Mitleid mit ihm haben, zum Teil sogar bewundern, dass er nicht schon viel früher in Schlimmeres verwickelt war und sich doch immer wieder selbst auf den richtigen Weg gebracht hat. Er ist ein Soziopath, ohne Frage, aber vielschichtiger als zunächst vermutet. Auch die Breakstones sind keineswegs so oberflächlich und eindimensional, wie dies der Schein vermuten ließe. Was alle gemeinsam haben, ist eine tiefe Enttäuschung vom Leben, wirklich glücklich ist niemand, weder am oberen noch am unteren Ende der Gesellschaft.

Der Roman ist Abbild und Analyse der USA unter Trump. Der Rückzug ins Private, die Konzentration auf das unmittelbare Lebensumfeld und das Ausblenden der Wirklichkeit darüber hinaus. Doch dieser Kokon hat eine fragile Außenschicht, was ihn verletzlich und zerbrechlich macht und schutzlos der bösen Außenwelt ausliefert.

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Monika Maron – Munin oder Chaos im Kopf

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Monika Maron – Munin oder Chaos im Kopf

Eigentlich lebt Mina Wolf in einer ruhigen Berliner Straße, in der die Journalistin auch gut von zu Hause arbeiten kann. Seit einiger Zeit wird der Frieden jedoch erheblich durch eine Frau des Nachbarhauses gestört: lauthals singt sie auf ihrem Balkon und treibt mit ihrer krächzenden Stimme die anderen Anwohner langsam in den Wahnsinn. Auch Mina leidet darunter, muss sie doch fristgerecht einen Artikel über den 30-Jährigen Krieg für eine westfälische Kleinstadt verfassen. Kurzerhand entschließt sie sich ihren Rhythmus zu ändern und nun nachts zu arbeiten, da sie nur wenige Sozialkontakte pflegt, ist das nicht weiter problematisch und es soll ja auch nur für die Zeit dieser Arbeit sein. Die Lage verschlimmert sich zunehmend und als die Sängerin ihre musikalische Darbietung schließlich auch noch mit technischer Unterstützung verstärkt, droht die völlige Eskalation, denn man kann nichts gegen sie tun, die Frau ist krank und kann nicht anders. Mina droht langsam auch verrückt zu werden und dass sie sich nächtens mit einer Krähe, die sie Munin getauft hat, über die Menschen und Kriege philosophisch austauscht, bestärkt sie in dieser Ahnung nur noch mehr.

Die Berliner Autorin Monika Maron hat ihren Roman für die Hörbuchvariante selbst eingesprochen, was ich zunächst eher ungewöhnlich finde. Auch auf Lesungen habe ich schon wiederholt erleben müssen, dass gute Autoren nicht unbedingt auch gute Leser sind. Hier jedoch passt beides hervorragend zusammen und die Stimme der Autorin ist wie gemacht für die der Erzählerin Mina, man ist sogar schnell geneigt, beide für identisch zu halten, Wohnort und Beruf stimmen überein, darüber hinaus dürften die Parallelen aber vermutlich überschaubar bleiben.

„Munin oder Chaos im Kopf“ greift viele Alltagsthemen auf, die dem Leser oder Zuhörer gut bekannt sein könnten: das Zusammenleben in der Großstadt, die Eigenarten mancher Mitmenschen, die einem geradezu in den Wahnsinn treiben könnten, die Anonymität der Großstadt, aber auch aktuelle Themen wie die massenhafte Zuwanderung nach Deutschland 2015 und der dadurch aufkeimende Nationalismus mit all seinen absurden Zügen und Vorurteilen und ganz zentral die Frage, weshalb die Menschheit nicht aus der Geschichte lernt und von einem Krieg in den nächsten zieht. Aktueller könnte ein Roman kaum sein und doch wirkt nichts gezwungen oder konstruiert, sondern es fließt genau so wie dies auch im Alltag geschieht von einem Thema ins nächste, springt zurück und wendet sich etwas anderem zu.

Monika Marons Erzählerin erkennt in ihrer Arbeit über den 30-Jährigen Krieg Parallelen zu aktuellen politischen Lage und gewinnt zunehmend den Eindruck, dass Deutschland sich bereits in der „Vorkriegszeit“ befinde. Dies dürfte die vermutlich streitbarste Aussage des Romans sein. Die Zeichen stehen ohne Frage auf Sturm, gerade die letzten Wochen haben dies deutlich unterstrichen. Aber würde man der Erzählerin hier zustimmen? Man möchte es ganz sicher nicht glauben, aber die Erkenntnis, dass gerade in Deutschland sehr viel Zeit gewesen wäre, um den 2. Weltkrieg zu verhindern, wenn doch nur ein paar mehr Menschen mutiger gewesen wären, ist auch eine Tatsache und man möchte sich gar nicht vorstellen, in einigen Jahrzehnten vor einem Scherbenhaufen zu stehen und sich selbst Untätigkeit vorwerfen zu müssen. Auch Minas Dispute mit Munin bieten reichlich Anlass selbst den Gedanken nachzuhängen – ein Roman, der nachwirkt.

Ruth Rendell – Dark Corners

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Ruth Rendell – Dark Corners

Nachdem Carl Martin, ein junger Autor, von seinem Vater ein Haus in London geerbt hat, findet er in dessen Nachlass eine Reihe von mysteriösen homöopathischen Pillen und Tinkturen. Er will sie entsorgen, aber wie das Leben so spielt, vergisst er sie. Aus Geldnot und weil der Wohnungsmarkt lukrativ ist, vermietet Carl die Räume im Obergeschoss. Da er keine Lust auf lange Interviews hat, erhält der erste Interessent den Zuschlag: Dermot McKinnon. Als eine Freundin ihn zufällig um Rat bzgl. einer Diät bittet, fallen Carl die Pillen wieder ein, eine Sorte war seiner Erinnerung nach auch zur Gewichtsreduktion geeignet. Das Angebot, ihm diese abzukaufen, nimmt Carl gerne an. Am nächsten Morgen wird die Freundin jedoch tot in ihrer Wohnung aufgefunden, offenbar sind die Tabletten Schuld an ihrem Ableben. Carl macht sich Vorwürfe, doch damit nicht genug: sein Untermieter hatte den Deal zufällig belauscht und droht nun zur Polizei und zur Presse zu gehen und Carl als Mörder zu entlarven. Die grausame Spirale ist in Gang gesetzt und Carl sieht sich gefangen in einer Situation, aus der es scheinbar keinen Ausweg gibt.

Ruth Rendell, die auch unter dem Pseudonym Barbara Vine schrieb, hat die Veröffentlichung ihres letzten Romans „Dark Corners“ nicht mehr miterlebt. Mit weit über 60 Romanen zählt sie nicht nur zu einer der eifrigsten, sondern auch der erfolgreichsten Krimi- und Thrillerautoren Großbritanniens. Mehrfach erhielt sie den Gold Dagger Award für den besten Krimi des Jahres.

Ihr letztes Werk bleibt jedoch weit hinter den zugegebenermaßen hohen Erwartungen zurück. Was ihr sehr gut gelungen ist, ist die psychische Anspannung, unter der Carl durch die Drohungen seines Untermieters steht, zu transportieren. Das ungute Gefühl, die unmittelbare Bedrohung sind durch die ganze Geschichte hindurch zu spüren. Es kriecht unter die Haut und setzt sich dort fest, sehnsüchtig wartet man auf die Erlösung. Bevor diese jedoch endlich kommt, muss man es mit den leider sehr eindimensionalen Charakteren aushalten. Weder Carl noch sein Untermieter oder ihre jeweiligen Lebensgefährtinnen können überzeugen, von dümmlich bis einfältig, von passiv bis einfallslos – sie sind einfach sehr schwer zu ertragen und wirken unausgereift. Auch die Lösung seiner Probleme, die Carl findet, scheinen mir zu konstruiert, um sie wirklich als authentisch anzusehen und sie passen in keiner Weise zu der Anlage der Figur.

Alles in allem hat der Roman durchaus Potenzial, das er jedoch leider nicht ausschöpft.

Sophie Bonnet – Provenzalische Intrige

Provenzalische Intrige von Sophie Bonnet
Sophie Bonnet – Provenzalische Intrige

Pierre Durand hat es sich inzwischen in dem kleinen provenzalischen Dorf Sainte-Valérie eingerichtet. Doch mit dem Erwerb des Hofes ist seine finanzielle Situation etwas kritisch geworden, weshalb er sich auf den Posten als Commissaire in Cavaillon bewirbt. In einem Mordfall sollen er und sein Mitbewerber beweisen, wer für den Posten besser geeignet ist. Die Unternehmerin Paulette Simonet wird in der Seiferei ihrer Kosmetikfirma tot aufgefunden. Verdächtige gibt es viele: ihr Exmann, von dem die Scheidung kurz bevorsteht; die Konkurrenz, die ihre Forderungen nach Umweltschutz für überzogen und geschäftsschädigend hält; aber auch ihr eigener Sohn gerät schnell ins Visier der Ermittler. Für Pierre kein leichtes Unterfangen, arbeitet er doch gerne alleine und folgt seiner Intuition, nun ist er Mitglied eines Ermittlungsteams und schnell schon auf Konfrontationskurs mit den Kollegen.

Götz Otto liest das Hörbuch mit einem angenehmen Timbre, das Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt und somit die Atmosphäre der ländlichen Provence hervorragend widerspiegelt. Der Fall bietet allerlei Spuren und Verdächtige, wird aber dadurch bisweilen etwas langatmig, was sich beim Hörbuch noch stärker auswirkt als dies bei einem gedruckten Buch der Fall sein dürfte. Zu häufig dreht sich alles im Kreis und bewegt sich nicht vorwärts. Dass Regionalkrimis, die im ländlichen Frankreich angesiedelt sind, tendenziell eher ein moderates Tempo haben, mag dem Setting geschuldet sein, lässt aber dadurch die Spannung etwas leiden.

Der Fall wird letztlich glaubwürdig gelöst, auch die Figurenzeichnung ist gelungen, wenn mir auch der Protagonist nicht wirklich sympathisch wird, seine permanenten Egotrips und sein Verhalten gegenüber seiner Partnerin sprechen nicht gerade für ihn. Als Hörbuch für zwischendurch gelungen, aber als Krimi doch etwas zu lau.

Matt Haig – How to Stop Time

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Matt Haig – How to Stop Time

Er sieht zwar aus wie ein durchschnittlicher 41-Jähriger, aber Tom Hazard ist älter. Viel älter- mehr so 400 Jahre alt. Geboren gegen Ende des 16. Jahrhunderts auf einem französischen Schloss wurde seine Mutter schon früh der Hexerei beschuldigt und zum Tode verurteilt. Seither ist Tom vorsichtig. Nur ein einziges Mal hat er sich verliebt, in Rose, und mit ihr hat er eine Tochter bekommen, die dasselbe Schicksal erlitten hat wie er. Doch schon seit ewigen Zeiten hat er sie nicht mehr gesehen, weiß auch nicht, ob sie noch lebt. Alle paar Jahre muss sich Tom von seinem gewohnten Leben verabschieden, um nicht aufzufallen. Gerade hat er wieder eine neue Identität angenommen und arbeitet als Lehrer für Geschichte – was auch sonst. Doch am Himmel ziehen dunkle Wolken auf, denn Tom droht etwas zu tun, was er nicht darf: sich verlieben.

Ich bin nun wahrlich kein Fan von übernatürlichen Vorkommnissen und Untoten, aber zugegebenermaßen konnte mich Matt Haig mit seiner Geschichte fesseln. Auch wenn das Grundkonzept völlig absurd ist, sein Protagonist trägt durch die Handlung, die immer wieder Episoden seiner Vergangenheit evoziert und so sein Leben nicht nur interessant, sondern auch spannend werden lässt. Wen hat er alles getroffen, den großen Shakespeare ebenso wie Scott F. und Zelda Fitzgerald. Aber es sind nicht die großen Namen und die Begegnungen, die die Geschichte so außergewöhnlich machen, es ist die Figur Tom selbst.

Weder ist er verbittert ob all der schlimmen Dinge, die er erleben musste – die Pest ebenso wie zwei Weltkriege neben all den kleinen Katastrophen – noch wird er zynisch. Er ist im positiven Sinne weise und melancholisch. Er mag die Menschen, auch wenn er weiß, dass er jeweils nur eine kurze Zeit mit ihnen teilen kann. Und er ist treu. Obwohl seine Beziehung mit Rose 400 Jahre zurückliegt, hat doch nie eine andere sein Herz in dem Maße erobern können wie diese einfache Verkäuferin. Auch wenn sich die Zeiten gewaltig verändert haben, die Menschen sind geblieben wie sie immer waren und er kann noch so viel Geschichte unterrichten – sie werden nicht aus ihr lernen, da ihr Blick in der Gegenwart verhaftet ist.

Eine geradezu bittersüße Geschichte, ideal, um den Alltag zu vergessen.

Daniel Kehlmann – Tyll

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Daniel Kehlmann – Tyll

Tyll Ulenspiegel, als Junge Zeuge der Willkür der Oberen, die seinen Vater öffentlich hingerichtet haben, entschließt sich das dörfliche Leben zu verlassen und zusammen mit der Bäckerstochter Nele zu fliehen. Als Wanderer und Schausteller, später auch Hofnarr kommt er zu Berühmtheit im ganzen Land. Auf seinem Weg während des 30-jährigen Krieges führt er so manchen Gelehrten vor, trifft auf Fürsten und Könige und kann den Menschen immer wieder vorführen, wie schnalle sie sich von Gauklern hinters Licht führen lassen.

Daniel Kehlmann verlegt die Handlung der Sage um Till Eulenspiegel um einige Jahrhunderte und lässt den Schalk nun im 17. Jahrhundert auf seine im intellektuell unterlegenen Mitmenschen treffen. So stellt er nicht nur ihre Unzulänglichkeiten heraus, sondern kritisiert auch die Gesellschaftsstruktur und vor allem die Macht der Herrscher – gewagt in Zeiten eines der am schlimmsten Wütenden Kriege auf deutschem Boden.

Die Handlung folgt Tyll nicht chronologisch, viel mehr bleibt auch Kehlmann bei einer episodenhaften Sammlung von Ereignissen, die letztlich alle dem übergeordneten Zweck dienen, die Relevanz Till Eulenspiegels und seine bis heute gegebene Popularität zu begründen. So ist es denn auch weniger die Geschichte selbst, die mich überzeugen konnte, als die herrlichen Dialoge, die Worte und vor allem der Unsinn, den Kehlmann seinen Figuren in den Mund legt, die einem mehr als einmal zum Schmunzeln bringen. So zum Beispiel die Diskussion um die Hässlichkeit der deutschen Sprache, der man keine Zukunft voraussagt – wie auch, wird die Welt nach eingehender Berechnung ohnehin in wenigen Dekaden zugrunde gehen.

Literatur soll unterhalten und nicht zwingend Abbild der Realität sein, so gesehen ist die historische Ungenauigkeit im Roman durchaus akzeptabel und schmälert nicht das Vergnügen beim Zuhören.

Natascha Wodin – Sie kam aus Mariupol

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Natascha Wodin – Sie kam aus Mariupol

Natascha Wodin wurde 1945 als Kind russischer Zwangsarbeiter in Deutschland geboren. Schon jung hat sie ihre Mutter verloren, die offenbar aufgrund von Depressionen den Freitod wählte. Jahrzehnte lang hat sie sich gefragt, was hinter der Geschichte der eigenen Mutter steckt, doch erst im fortgeschrittenen Alter begibt sie sich auf die Suche nach den Ursprüngen. Diese Suche nach der Familie und der Vergangenheit hat sie in ihrem Roman „Sie kam aus Mariupol“ festgehalten.

Entstanden ist eine recht typische Geschichte einer Familie, die einst unter den Zaren zur gebildeten Oberschicht gehörte, sogar recht vermögend war, aber durch den Übergang zum Stalinismus nicht nur an sozialem Rang verlor, sondern einem Leben ausgesetzt war, auf das sie nicht vorbereitet war. Aber umgekehrt gab es in Natascha Wodins Familie auch starke Frauen, die sich den Obrigkeiten widersetzt haben und ihren Weg gingen, die clevere Entscheidungen getroffen haben, die sie im Leben voranbrachten.

Eine Geschichte einer Familie, wie man sie in Europa tausendfach findet. Geprägt von Verlust und Vertreibung, vom Neuanfang in der Fremde, der in jeder Generation aufs Neue begangen werden muss. Auch das Schicksal der Vertriebenen aus dem Osten, die oftmals hinter den jüdischen Opfern zurückstehen und deren Leid kaum Beachtung gefunden hat.

Auch wenn die Geschichte keine wirkliche Spannung hat, bleibt das Hörbuch doch über viele Stunden hinweg fesselnd und interessant. Natascha Wodin ermöglicht sehr persönliche und private Einblicke in das Leben ihrer Vorfahren, die auf so manche Randnotiz der Geschichte ein anderes Licht werfen.

Jane Harper – The Dry

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Jane Harper – The Dry

Zwanzig Jahre lang war Aaron Falk nicht mehr in Kiewarra, den kleinen Ort im australischen Outback, in dem er aufgewachsen ist. Doch nun wurde sein Jugendfreund Luke, dessen Frau und ihr Sohn erschossen aufgefunden. Alles deutet auf einen erweiterten Suizid hin. Doch nicht nur diese schreckliche Tragödie beschäftigt die Menschen; als sie Aaron sehen, kocht auch wieder die Gerüchteküche um den Mord an einem Mädchen zwanzig Jahre zuvor hoch. Luke war damals Aarons Alibi und beide wussten, dass ihre gegenseitigen Entlastungen Lügen waren. Offenbar weiß davon aber noch jemand etwas. Aaron hat Zweifel an Lukes Selbstmord und beginnt Fragen zu stellen, was nicht von allen gerne gesehen wird.

Jane Harpers Debüt „The Dry“ (unter demselben Titel inzwischen auch auf Deutsch erschienen), ist ein atmosphärisch düsterer Thriller im australischen Nirgendwo zur Zeit einer Jahrhundertdürre, der den Menschen bereits an den Nerven zehrt. Hier liegt für mich die größte Stärke des Romans, man spürt förmlich, wie die Stimmung am Zerreißen ist und kurz vorm Kippen steht. Geradezu wartet man auf ein furchtbares Gemetzel, dem noch mehr Menschen zum Opfer fallen.

Der Kriminalfall lässt einem lange auf falschen Spuren wandern und die Tatsache, dass man auch nicht weiß, ob man Aaron Falk trauen kann oder ob er selbst an einem Mord beteiligt war, erhöht die Spannung zudem. Erst langsam nähert man sich der Wahrheit, die dann ganz andere Aspekte zu bieten hat als man zunächst vermuten sollte und mit diesen Überraschungen kann die Autorin bei mir wirklich punkten.

Ein Thriller, wie man ihn sich wünscht. Aufgrund Harpers gelungenem Setting finde ich hier auch die Hörbuch-Version besonders empfehlenswert, da man das Flirren der Hitze und die Anspannung der Figuren geradezu greifen kann.

Graham Swift – Ein Festtag

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Graham Swift – Ein Festtag

Wie alle Hausmädchen hat auch Jane Fairchild am Muttertag des Jahres 1924 frei. Nur hat sie keine Mutter, zu der sie fahren könnte; als Kind ausgesetzt, wuchs sie in einem Heim auf, bevor sie ihre erste Anstellung aus Hausmädchen annahm. Doch an diesem Tag hat sie etwas vor, sie wird sich mit Paul Sheringham treffen, dem Sohn eines befreundeten Ehepaares ihrer Arbeitsgeber, den Nivens. Es wird vermutlich eines der letzten Treffen mit Paul sein, denn in zwei Wochen wird er Emma Hobday heiraten, ein Mädchen, das aus denselben Kreisen stammt und eine angemessene Gattin sein wird. Paul hat sie gebeten zu ihm zu kommen, ganz offiziell auch den Vordereingang zu benutzen. Ihr Treffen wird etwas Besonderes werden, das spürt Jane und ahnt noch nicht, dass sie diesen Tag in ihrem ganzen Leben nicht mehr vergessen wird.

Graham Swift zählt zu den bedeutendsten britischen Gegenwartsautoren, seine Romane erhielten zahlreiche Literaturpreise, unter anderem den Booker Prize, den James Tait Black Memorial Prize und „Ein Festtag“ (Im Original „Mothering Sunday“) wurde mit dem Hawthornden Prize, einem der ältesten britischen Literaturpreise, ausgezeichnet.

Bemerkenswert an der Erzählung fand ich vor allem den Stil, den Swift findet. Der ganze Text erscheint sprachlich geradezu aus der Zeit gefallen und passt ganz hervorragend in das Jahr 1924, in dem die Handlung angesiedelt ist. Dabei gelingt ihm eine stilistisch bemerkenswerte Vermischung zwischen Introspektion der Protagonistin und zeitlichen Brüchen, die immer wieder in eine ferne Zukunft springen und ein Licht auf das werfen, was Jane erwarten wird, wenn dieser Tag vorbei und diese Episode ihres Lebens abgeschlossen ist.

Trotz zahlreicher Wiederholungen und Schleifen, minutiösen Detailbeschreibungen und bei realistischer Betrachtung sehr wenig Handlung bleibt der Roman immer lebendig und wird nie langatmig. Es ist dieser eine entscheidende Moment im Leben von Jane, der sich einbrennt und eine Wendung herbeiführt. Noch ist für sie alles wie gehabt, die Welt draußen ist jedoch schon einen Schritt weitergegangen, was sie noch nicht weiß. Der Leser ahnt schon, was sich zugetragen haben muss, gönnt Jane aber diese kurze Pause, die die Standesunterschiede aufhebt und ihr einen Vorgeschmack auf ihr späteres Leben gibt. Ein Leben, in dem sie viel von sich offenbaren wird, aber nicht diesen Tag im März 1924.

Graham Swift konnte mich mit diesem Roman, eher eine Novelle, vollends überzeugen. Sein Schreibstil erinnert an Ian McEwan, ebenso unaufgeregt kann er intensiv beschreiben, was seine Figur bewegt. Das Hörbuch wird von Iris Berben gelesen, was sehr gut zur reifen rückblickenden Jane passt, die die notwendige Lebenserfahrung und Weitsicht hat zu wissen, was man offenbart und was man besser als Gemeinsinns für sich bewahrt.

Zsuzsa Bánk – Schlafen werden wir später

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Zsuzsa Bánk – Schlafen werden wir später

Johanna und Marta sind erwachsen geworden. Die beiden Kindheitsfreundinnen, die so viele Pläne und Ideen hatten, müssen feststellen, dass die Realität nicht das hält, was sie erwartet hatten. In E-Mails meist zu nächtlicher Zeit tauschen sie sich aus über die Sorgen und Nöte des Alltags, spenden Trost und geben Halt. Johanna, die Lehrerhin im Schwarzwald, die nebenbei seit Jahren über Annette von Droste-Hülshoff promoviert und Markus nachtrauert, der sie für eine andere verlassen hat, worüber sie nicht hinwegkommt. Marta ist Schriftstellerin, doch für das Schreiben bleibt ihr bei drei Kindern, fehlender Betreuung und einem Mann, der sich mehr um seine Theaterprojekte kümmert als um die Familie, kaum Zeit. Der Alltag droht beide immer wieder zu zerreiben und scheitern zu lassen. Doch die kleinen Lichtblicke und der Zuspruch der Freundin halten sie am Leben.

Zsuzsa Bánks Protagonistinnen sind keine großen Heldinnen mit außergewöhnlichen Lebensläufen. Sie sind Frauen, wie es sie zu Tausenden in Deutschland gibt mit Sorgen, wie sie tagtäglich zwischen Nordsee und Alpen auftauchen und drohen die fragilen Gebilde von Beziehungen und Alltag zerbrechen zu lassen. Der Schmerz nach einer Trennung, die Sinnfrage ob des gewählten Berufs, eine Krebserkrankung, die immer wieder aus der Ferne droht das Leben erneut zu beenden, die Ambitionen, für die kaum Zeit und Raum ist. Die Kinder, einerseits eine große Freude, andererseits bei schlechter Infrastruktur der entscheidende Faktor, der das berufliche Vorankommen verhindert. Das Leben verlangt viel, Durchhaltevermögen und Kraft, und so bleibt nicht einmal Zeit zum Schlafen, aber das können sie ja auch später noch.

Anna Thalbach und Ulrike Hübschmann leihen den beiden Frauen abwechselnd ihre Stimme im Hörbuch, was nicht nur eine angenehme Abwechslung schafft, sondern auch den Figuren noch mehr Charakter verleiht. Unaufgeregt und nicht überdramatisch inszenieren sie die beiden Protagonistinnen, was zu den oftmals geradezu banalen Problemen sehr gut passt und insbesondere herausstreicht, dass es Menschen wie du und ich sind, die hier erzählen. Gerade im Hörbuch hat man immer wieder den Eindruck selbst Teil der Geschichte zu werden, man hört sich die Sorgen der Frauen an, wie auch eine gute Freundin sie einem selbst berichten könnte.

Es ist nicht nur die Frage danach, ob die Entscheidungen, die die beiden Frauen mit Anfang 40 bislang in ihrem Leben getroffen haben, die richtigen waren. Es ist auch die Frage, was noch kommt, ob ein radikaler Wechsel noch möglich wäre, nochmal von vorne anfangen zu können. Ein Thema, mit dem Zsuzsa Bánk vielen Lesern oder Hörern aus der Seele sprechen dürfte und für das sie keine schnellen und unerwartete Antwort hat. Aber so funktioniert das Leben auch nicht und das ist es, was die Autorin überzeugend eingefangen hat.