Megan Collins – The Winter Sister

megan-collins-the-winter-sister
Megan Collins – The Winter Sister

It’s been sixteen years since her sister Persephone was murdered. Sylvie has created herself a new life, far away from home, but now she has to return to her hometown and confront her seriously ill mother. It doesn’t take long until all that happened that winter night comes back to her, especially when she meets Ben, her sister’s boyfriend, her sister’s murderer. Yet, Ben insists in his innocence. But can she trust him? And what about her mother who always refused to tell the girls who their respective fathers are and who also refused to talk about that night. Is it time now to open Pandora’s box and let the truth out?

Megan Collins’ debut is at the first glance a typical murder case: an 18-year-old girl is strangled and the murderer has been running free for sixteen years. However, at the second glance, it is much more a story about family relationships, about secrets and about love and trust. The small family of three females lived on secrets and lies, had they ever been open and honest with each other, the death of one daughter could have been prevented. Yet, that’s how human beings are, sometimes they lack the necessary courage to do what is right and thus risk to lose all they love.

The novel is well-created, even though at a certain point it is quite obvious how all the dots are linked, I found it full of suspense. Telling the story through Sylvie’s eyes gives you a certain bias at the beginning, but the missing pieces and gaps add to the thrill and the big questions marks Sylvie herself feels can also be experienced by the reader. Collins’ biggest strength is certainly the creation of the characters who all act convincingly and appear quite authentic. I am looking forward to read more from the author.

Horst Eckert – Schwarzlicht

horst-eckert-schwarzlicht
Horst Eckert – Schwarzlicht

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Walter Castorp wird nur wenige Tage vor der wichtigen Landtagswahl tot im Swimmingpool seines Hauses aufgefunden. Vincent Veih erhält so seinen ersten Fall als neuer Leiter des KK11, was keine dankbare Aufgabe ist: nicht nur der Medienrummel ist erwartungsgemäß enorm, sondern auch der politische Druck, der auf dem Polizisten lastet. Eigentlich bräuchte er alle Energie für den Fall und seinen neuen Job, aber sein Privatleben fordert ebenfalls Tribut: seine Freundin Nina ist aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen und seine Mutter, eine Ex-RAF Terroristin, plant eine große Ausstellung und wird gleichzeitig vom Verfassungsschutz wegen neuer Vorwürfe observiert, was ihr gar nicht gefällt und was ihr Sohn richten soll. Unter diesen Umständen dauert es erwartungsgemäß nicht lange, bis die Ermittlungen zu einem Ding der Unmöglichkeit werden.

„Schwarzlicht“ ist der erste Fall für den Düsseldorfer Kommissar mit kriminellen Vorfahren. Aus der Reihe sind inzwischen zwei weitere Bände erschienen: „Schattenboxer“ (2015) und „Wolfsspinne“ (2016). Das Setting und die Anlage der Figur Vincent Che Veih hat mich neugierig gemacht, denn beides verspricht solide Krimiunterhaltung, leider konnte der Roman nicht ganz meine Erwartungen erfüllen, da für mein Empfinden das Privatleben, vor allem die Frauengeschichten Veihs, sehr viel Raum einnehmen und seine Ermittlungsweise im besten Fall als unorthodox, genauer aber als illegal und damit überzeugend bezeichnet werden kann.

Was den Fall angeht, war er komplex angelegt, aber diese vermeintliche Komplexität hat sich letztlich als Versuch herausgestellt, alle möglichen Nebenszenarien mit einzubauen, was die Handlung den roten Faden verlieren lässt und eher zusammengestrickt als plausibel wirken lässt. Man kann sich vorstellen, dass ein ranghoher Politiker in dunkle Geschäfte verstrickt ist, aber gleichzeitig schwarze Kassen, enge Kontakte ins Prostitutionsmilieu, zu dubiosen Bauunternehmern, daneben noch Affären und eine lesbische Ehefrau und in Verwaltung und Polizei dicke Freunde, die alles mitvertuschen – vielleicht ein bisschen zu viel für einen einzigen Roman.

Der Protagonist ist mir zu viel Django und zu wenig Polizist. Auch seine Familiengeschichte, die sowohl RAF-Terroristen wie Nazi-Schergen bietet, ist vielleicht etwas zu überladen. Dass er ohne mit der Wimper zu zucken freimütig Insiderinformationen an die Presse weitergibt, nur um eine Journalistin zu beeindrucken und sie ins Bett zu zerren, macht ihn auch nicht sympathischer. Ein viel zu großes Ego lässt für ihn auch jede gute Zusammenarbeit mit Kollegen schwierig werden, was aber für den Superhelden nur am Rande ein Problem ist.

Die vermeintlich komplexe Handlung wird so zu einem nur begrenzt authentischen Mischmasch vielfältiger Themen, die als Konsequenz auch einige Längen aufweist und immer wieder den Fall aus den Augen verliert.

Mons Kallentoft/Markus Lutteman – Das Blut der Hirsche

mons-kallentoft-markus-luttman-das-blut-der-hirsche
Mons Kallentoft/Markus Lutteman – Das Blut der Hirsche

Eine ausgelassene Midsommar-Party endet für eine Gruppe von Jugendlichen auf einer Schäreninsel im Tod. Aber damit nicht genug: alle weisen grauenvolle Verstümmelungen auf und scheinen sich nicht gegen den Angriff gewehrt zu haben. Schnell wird klar, dass eine neue Party-Droge in Stockholm im Umlauf ist: Bambi. Das Team um Zack Herry steht unter Druck, vor allem als eine weitere Gruppe von Mädchen tot aufgefunden wird. Wer kommt auf die Idee eine solche Droge zu entwickeln? Der Fall nimmt Zack voll in Beschlag und er hat kaum Zeit für seine Verlobte Mera – etwas, das er bitter bereut als er sie verblutend in den Armen hält. Aus nächster Nähe erschossen, aber die Schüsse galten doch ihm, oder?

„Das Blut der Hirsche“ ist der dritte Band aus der Reihe um den schwedischen Polizisten Zack Herry, den Mons Kallentoft zusammen mit Markus Lutteman geschrieben hat. Der Thriller spielt mit einem hohen Tempo und einer komplizierten Geschichte, die gleich mehrere Stränge miteinander kombiniert, in erster Linie auch das Privatleben von Zack Herry, das einige blinde Flecken bietet. Auch wenn ich die beiden Vorgänger der Reihe nicht gelesen habe, viel es mir leicht den Einstieg zu finden – und jetzt auch ganz sicher noch zu den anderen beiden zu greifen.

Es braucht nur wenige Kapitel, bis man tief in die Handlung eingetaucht ist und diese einem nicht mehr loslässt. Der Thriller hat einen ungemein fesselnden Stil, so dass man ihn schlichtweg nicht mehr aus der Hand legen will und innerhalb kürzester Zeit gelesen hat. Die Todesfälle der Jugendlichen sind zunächst mysteriös und es dauert einige Zeit, bis die Ursache gefunden wurde. Dass einer der Ermittler selbst unmittelbare Verbindungen in die Drogenszene hat, ermöglicht zwar einerseits Insiderinformationen, bringt ihn aber auch in Gefahr. Auch die Figuren haben mir gut gefallen – individuell gezeichnet und trotz ihrer extreme wirken sie authentisch und überzeugend.

Es sind kurze Einschübe, die zunächst scheinbar ohne Bezug zur restlichen Handlung sind, die aber schnell erkennen lassen, dass es im Hintergrund noch eine ganz andere Geschichte gibt, die viel größer ist und die offenbar über den Einzelband der Reihe hinaus gespannt wird. Die Autoren haben dies geschickt eingebunden, ohne zu aufdringlich offensiv zu sein und um dennoch eine vage Ahnung der eigentlichen Story zu geben. Häufig entwickelt sich das Privatleben der Kommissare im Laufe der Bände einfach weiter, hier scheint etwas gänzlich Anderes angelegt zu sein, was mein Interesse an den anderen Bänden und vor allem auch an dem vierten Teil immens geweckt hat.

Fazit: ein Thriller, der den Titel wirklich verdient hat.

Yrsa Sigurðardóttir – SOG

SOG von Yrsa Sigurdardottir
Yrsa Sigurðardóttir – SOG

Die achtjährige Vaka wird vergewaltigt und ermordet. Der Täter ist offenkundig und wird zu einer langen Haftstrafe verurteilt. Zwölf Jahre später kommt es zu einer unheimlichen Mordserie, in deren Zentrum der Sohn des einstigen Mörders steht: er hatte bereits damals eine solche Serie mit den Initialen der Opfer angekündigt, was erst jetzt durch das Ausgraben einer Zeitkapsel entdeckt wird. Aber wieso wird er nach so vielen Jahren zum Mörder? War er es überhaupt oder steckt etwas ganz Anderes dahinter? Die Ermittlungen gestalten sich nicht einfach, was auch durch die privaten Verwicklungen der Polizisten bedingt ist.

Yrsa Sigurðardóttir ist unangefochtene Meisterin des isländischen Crime. Die Romane, die ich bislang von ihr gelesen habe, fielen vor allem durch eine düstere Atmosphäre auf, die insbesondere durch die langen Winter mit Eiseskälte und viel Dunkelheit gekennzeichnet sind. In „SOG“ fand ich die Atmosphäre nicht ganz so gruselig, dafür kann der Thriller durch eine clevere und komplexe Handlung Punkten.

Die Mordserie ist nur schwer zu durchschauen, dass die beiden scheinbar voneinander unabhängigen Fälle überhaupt in Zusammenhang stehen, ahnt man als Leser zwar, bestätigt sich aber erst langsam. Mordmotiv und Vorgehen sind glaubwürdig geschildert und sauber gelöst. Auffällig bei diesem Roman sind die Figuren und wie deren Charakter und vor allem ihr Interagieren maßgeblich den Fortgang bestimmen. Bisweilen war es mir fast zu viel Privatleben, das den Fokus immer wieder verrückte, letztlich ist es aber völlig authentisch in einem so überschaubar kleinen Umfeld immer wieder auch durch Ereignisse außerhalb des Arbeitsplatzes beeinflusst zu werden.

Kommissar Huldar und die Psychologin Freyja sind ein gutes, wenn auch sehr ungleiches Team. Dass sie nicht über ihren Schatten springen können und wider besseres Wissen bisweilen sogar gegen ihren eigenen Willen handeln, macht sie sympathisch und glaubwürdig. Sie sind bodenständig und keine Superhelden, machen aber engagiert ihren Job, was sich letztlich auch auszahlt.

Daniel Silva – Der Drahtzieher

daniel-silva-der-drahtzieher
Daniel Silva – Der Drahtzieher

Schon wieder ein Anschlag des IS auf britischem Boden, hunderte Tote und Verletzte, das Westend in Schutt und Asche. Drahtzieher ist offenkundig Saladin, der Islamist, den es nicht gelungen war zu eliminieren nach dem Angriff auf das Weinberg Center in Paris. Gabriel Allon, inzwischen Chef des israelischen Geheimdienstes, will ihn endlich unschädlich machen und stellt eine nie gesehene internationale Koalition zusammen: MI5 und MI6 aus England, der französische Geheimdienst und sogar die USA, selbst Opfer Saladins geworden, erklären sich zur Zusammenarbeit bereit, um dem größten Feind des Westens mit vereinten Kräften zu begegnen. Die Spuren führen nach Marseille, Einfallsort für die Drogenversorgung Europas. Als Lockvögel werden der beste Spion der Briten und alter Bekannter Allons, sowie Natalie, die Saladin bereits schon einmal sehr nah kam und ihm damals das Leben rettete, auf den Kontaktmann angesetzt. Dann ist Warten angesagt, bis sich die Chance ergeben wird.

Band 17 der Gabriel Allon Reihe setzt nahtlos da an, wo der Vorgänger aufhörte. Immer noch ist der Islamist Saladin das Ziel des Israelis. Auslöser für alle Aktivität ist wieder einmal ein Attentat in Europa, dem die westlichen Sicherheitskräfte nichts entgegensetzen konnten.

Insgesamt legt „Der Drahtzieher“ über weite Strecken ein recht gemächliches Tempo an den Tag. Der Fokus liegt dieses Mal ganz entschieden auf der Arbeit der Geheimdienste, was jedoch kein bisschen an Spannung einbüßt. Anwerbung, Ausbildung, Kontrolle im Hintergrund – detailliert schildert Silva, wie eine große Operation geplant und umgesetzt wird, was dazu erforderlich ist und was offenkundig so alles bewegt werden kann. Ebenso interessant sind natürlich die Befindlichkeiten der einzelnen Länder, wie jeder den großen Sieg einfahren möchte, wie alte Animositäten fast die ganze Aktion gefährden. Hier bewegt sich Silva tatsächlich im klassischen Spionage-Milieu und kann an einen John LeCarré heranreichen.

So interessant dies alles ist, führt es jedoch unweigerlich auch dazu, dass die Handlung langsamer verläuft als man das von Silva gewöhnt ist. So manche Länge bleibt ebenfalls nicht aus. Auch Gabriel Allon bleibt dieses Mal im Hintergrund, die tragenden Figuren sind die Agenten und ihre Zielpersonen. Diese sind überzeugend gezeichnet und auch lebendig in ihrem Handeln. Allerdings habe ich mich doch gefragt, ob sich zwielichtige Personen tatsächlich so leicht anwerben lassen und uneigennützig kooperieren würden. Auch der finale Showdown in Marokko war zwar rasant und einem Thriller würdig, aber hatte doch mehr Hollywood Potential als Überzeugungskraft.

Insgesamt eine solide Fortsetzung mit großem Unterhaltungswert, die die Erwartungen an die Reihe voll erfüllt.

Juli Zeh – Neujahr

Neujahr von Juli Zeh
Juli Zeh – Neujahr

Henning und Theresa haben mit den Kindern zwei Wochen Urlaub auf Lanzarote gebucht; ideal, um der kalten Jahreszeit in Deutschland zu entfliehen. Dass auf den Kanarischen Inseln Weihnachten und Neujahr wenig feierlich ausfallen wird als sie es gewohnt sind und dass eine Ferienwohnung weniger Spielraum bietet als das eigene Heim, hatten sie jedoch nicht bedacht und so ist die Stimmung am ersten Januar ziemlich am Boden. Henning beschließt einen der guten Vorsätze in die Tat umzusetzen, was ihm zudem eine Auszeit von der Familie ermöglicht. Er steigt auf das Leihfahrrad und stemmt sich gegen den Wind den Berg hinauf. Alleine dem Wetter ausgesetzt kommen plötzlich auch die Gedanken auf Touren und je mehr er gegen den schweren Anstieg kämpft, desto mehr beginnt er sein Leben zu hassen: der Job, mit dem er nicht zufrieden ist und der ihn überfordert, die Kinder, die permanent etwas von ihm wollen, auch Theresa, die offenbar alle anderen Männer attraktiver findet als ihren eigenen. Ausgelaugt und mental am Ende erreicht er das Ziel, doch was ihn dort erwartet, wird sein Leben in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Juli Zeh hat einen weiteren Lanzarote Roman geschrieben, der sich nicht so ganz in ein literarisches Genre pressen lässt. Er beginnt als typischer Gesellschaftsroman mit einem Protagonisten, der stellvertretend für viele sein Leben in Frage stellt und kurz davor steht, vor dem überwältigenden Alltag zu kapitulieren. Seit einiger Zeit schon leidet er unter Panikattacken, die er jedoch vor seiner Frau verheimlichen muss, da sie dafür nur Verachtung übrig hat. Seine Ankunft auf der Bergspitze und die physische Erschöpfung scheinen zunächst eine gewisse Ruhe in ihm auszulösen, doch das abgeschiedene Haus löst plötzlich eine Erinnerung, von der er nicht wusste, dass er sie hatte, und der Roman entwickelt sich zu einem beklemmenden Thriller.

Die Konzentration auf Henning bringt die Zwänge unserer Tage ungehindert auf den Punkt: der Mensch muss funktionieren, pflichtbewusst seine Rollen in Beruf, Familie und Gesellschaft erfüllen und dabei Kritik wegstecken, oder besser: weglächeln, können. Ist die Autorin für ihre gesellschaftskritischen Romane bekannt, so zeigt sich dieses Mal die Kritik im Nukleus der Familie. Es beginnt schon bei der Frage, was eigentlich eine „echte“ Familie ist und gnadenlos lässt Zeh den Schein der Bilderbuchfamilie mit zwei liebreizenden Kindern mit Hennings Wahrnehmung und seiner Rolle als Vater kollidieren. Er schreit das hinaus, was ihm eigentlich verboten ist: er hasst sein Leben und seine Kinder. Sein eigenes Dasein, seine Panikattacken werden nicht ernstgenommen und er muss zurückstecken – immer und immer wieder.

Die Episode im abgeschiedenen Haus lässt sich zunächst schwer einordnen, phantasiert Henning, hat sich dies wirklich zugetragen und vor allem so zugetragen? Waren er und seine Schwester über Tage als Kleinkinder alleingelassen? Er scheint eine Erklärung für seine psychischen Probleme gefunden zu haben – wie schön, denn endlich gibt es einen Schuldigen und es ist nicht sein Alltag. Doch genau diesem müsste er sich eigentlich stellen und das in Ordnung bringen, was im Argen liegt.

Der Roman braucht einige Zeit, bis er einem als Leser packt, doch dann zeigt sich das Könnend r Autorin. Als Ganzes betrachtet ist er dramaturgisch überzeugend aufgebaut, nichtsdestotrotz bleibt aber ein Bruch zwischen den Ereignissen des Neujahrstages und den Erinnerungen. Dies tut dem Gesamturteil aber keinen Abbruch.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zum Buch und der Autorin finden sich auf der Seite der Verlgasgruppe Random House.

Wulf Dorn – Die Kinder

Die Kinder von Wulf Dorn
Wulf Dorn – Die Kinder

Nachdem sich der werdende Vater nicht so sehr über die Nachricht freute, wie Laura erhofft hatte und da ihre Nichte Mia und ihre Schwester Su ebenfalls eine Auszeit brauchen, beschließen die beiden Frauen in die Berghütte der Familie zu fahren, um ein paar Tage auszuspannen und Abstand zu gewinnen. Doch irgendetwas muss vorgefallen sein, denn als Sus Exmann Patrick sich besorgt aufmacht, um nach ihnen zu sehen, findet er Laura verunfallt auf einem Bergpass, seine Tochter Mia liegt tot im Kofferraum und im Auto befindet sich eine offenbar benutzte Waffe. Als die Polizei hinzukommt, ist Patrick verschwunden, ebenso wie alle Einwohner des Dorfes, nur Blutspuren finden sich überall. Die Geschichte, die Laura einem Psychologen erzählt, ist zu unglaublich, um wahr zu sein. Die junge Frau muss paranoide sein, denn anders lassen sich die Ereignisse nicht erklären.

Die Geschichte wird im Wesentlichen aus Sicht Lauras in Rückblenden geschildert, man weiß, dass mehrere Figuren verschwinden werden und dass unter anderem die kleine Mia ermordet werden wird – es geht um das Warum und das Wer und weshalb niemand das scheinbare Wüten stoppen konnte. Die Erzählungen Lauras werden jedoch durch scheinbar zusammenhanglose Einschübe unterbrochen, Kinderschicksale von überall auf der Welt werden berichtet, aber wie diese zu dem Rest der Handlung passen, bleibt lange mysteriös.

Ohne Frage bietet der Thriller einiges an Nervenkitzel und Grusel. Die Kinder verhalten sich seltsam und für die Erwachsenen unerklärlich, die üblichen Erklärungsversuche laufen ins Nichts und man steht auch als Leser vor einem Rätsel. Je weiter der Roman jedoch voranschritt, desto klarer wurde zwar einerseits, was sich zugetragen hat, andererseits fragte ich mich jedoch, wie der Autor dies plausibel auflösen und erklären möchte. Und hier liegt der Haken: spannend erzählt, wohldosierter Grusel und Gänsehaut, aber eine Erklärung, die in der Realität bestand haben könnte, bleibt der Autor dem Leser schuldig. Trotz all der guten Unterhaltung bleibt daher am Ende ein ganz großes Manko, das die Begeisterung für den Thriller doch entscheidend schmälert.

Pierre Lemaitre – Opfer

pierre-lemaitre-opfer
Pierre Lemaitre – Opfer

Ein Missgeschick mit einem Füller führt Anne Forestier in ein Einkaufszentrum. Auf dem Weg zu den Toiletten stört sie eine Gruppe von Räubern, die ein Juweliergeschäft überfallen wollen und die Zeugin niederstrecken. Doch die Frau überlebt und könnte eine Aussage machen. Aber noch viel brisanter: sie ist nicht einfach eine Frau, die zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort war, sondern auch die Partnerin von Camille Verhoeven, Pariser Kommissar, der den Fall zugleich an sich zieht, denn nicht nur die privaten Gründe, sondern auch eine offene Rechnung mit dem vermuteten Täter treiben ihn an. Ein Katz-und-Maus-Spiel beginnt und wer die Oberhand behält, ist völlig offen.

„Opfer“ ist nicht mein erster Roman von Pierre Lemaitre und bisher konnte er mich durch clevere Geschichten mit unerwarteten Wendungen und interessante Charaktere überzeugen. Dieser Thriller jedoch bleibt weit hinter den Erwartungen zurück und so manche Länge hat die Spannung etwas leiden lassen.

Zunächst schien mir die Grundidee, den Kommissar ganz persönlich mit dem Fall zu involvieren und die private Wut als weiteren Antrieb zu verwenden, ein überzeugendes Motiv. Dass Verhoeven dadurch bekannte Pfade verlässt, sich selbst schuldig macht und Vorschriften ignoriert, war passend und glaubwürdig. Auch dass die Figur von Anne Forestier nach und nach in einem anderen Licht erscheint, konnte die Spannung steigern. Allerdings haben Verhoevens Trauer um seine verstorbene Ehefrau und das scheinbar kopf- und ziellose Umherirren immer wieder die Zielstrebigkeit der Ermittlung und der Handlung vermissen lassen.

Auch der Schreibstil, der durch ein Stakkato an kurzen Sätzen geprägt ist und eher wie Gewehrsalven daherkommt als dahinzufließen, hat das Lesen doch erheblich holpriger gestaltet als ich das vom Autor gewohnt bin. Die minutenweise dokumentationsartige Kapitelgestaltung und die Perspektivenwechsel sind zwar grundlegend eine gute Idee, um das Tempo zu erhöhen und eine gewisse Atemlosigkeit in der Handlung entstehen zu lassen, haben hier aber nicht ganz ihre intendierte Wirkung entfalten können.

Ein starker Einstieg und durchaus cleverer Plot, die jedoch im Laufe der Geschichte etwas zerfleddern und unter dem Stil leiden, daher leider ein eher verhaltenes Fazit.

Mick Herron – Slow Horses: Ein Fall für Jackson Lamb

mick-herron-slow-horsesd
Mick Herron – Slow Horses

Slough House, das Abschiebegleis der Geheimdienste. In diesem unscheinbaren Haus sammeln sich all diejenigen, die ihren Vorgesetzen auf die Füße getreten sind, wie der Abteilungsleiter Jackson Lamb, oder die eine Operation grandios vermasselt haben, wie River Cartwright. Wobei sich letzterer sicher ist, dass er von seinem Ex-Kollegen reingelegt wurde, damit dieser karrieretechnisch freie Fahrt hat. Als ein pakistanischer Junge entführt wird und die Geiselnehmer drohen, ihm innerhalb von 48 Stunden den Kopf abzuschneiden, um Rache an den Attentaten zu nehmen, die Islamisten im Königreich verübt haben, bleibt das Team zunächst unbeteiligt. Mit solchen Fällen haben sie nichts mehr zu tun. Jackson Lamb war immer ein unbequemer Agent, aber einer der besten und er kommt mit seinen Slow Horses, wie man seine Mitarbeiter scherzhaft wegen ihres Arbeitsplatzes und ihrer Vergangenheit getauft hat, schnell darauf, dass hinter dem inzwischen angelaufenen Medienspektakel eine unglaubliche Verschwörung steckt.

Mick Herrons Spionagethriller „Slow Horses“ ist der erste Band der Serie um Jackson Lamb, die inzwischen bereits aus sieben Bänden besteht. Sie gilt als die aktuell stärkste Agentenserie Großbritanniens und „Slow Horses“ war unter anderem für den Steel Dagger Award nominiert, den Herron dann mit dem zweiten Band „Dead Lions“ auch gewann.

Der Thriller beginnt rasant mitten in einem Einsatz, der jedoch sensationell scheitert und River Cartwright in das Slough Hosue befördert. Slough – das Sumpfloch – macht seinem Namen alle Ehre, betrachtet man die Vorgeschichten der dorthin versetzten MI5 Agenten; überhaupt sind die Namen von Herron hervorragend gewählt: Lamb, das unscheinbare Lamm, das zur Schlachtbank geführt und geopfert werden soll; James Webb, genannt Spider, der am Regent’s Park sein Netzt spinnt, um seine Karriere voranzutreiben; Standish, die keineswegs nur Garnitur ist und die zu unterschätzen ein böser Fehler wäre.

Herron gelingt es vor allem durch das Agieren seiner Figuren einen guten Eindruck nicht nur ihrer grenzwertigen psychischen Verfassung, sondern auch der Lage beim MI5 zu vermitteln. Er muss nicht langatmig beschreiben, sondern zeigt implizit, was schief läuft und wo sich der eigentliche Sumpf befindet. Seine Serie wurde schnell mit jener um George Smiley verglichen, die den Dienst auch so manches Mal eher zweifelhaft aussehen ließ. Der Fall wird sehr clever aufgebaut, man weiß schnell, was im Zentrum der Ermittlungen stehen wird, aber die Rolle, die die Slow Horses darin haben werden, bleibt zunächst unklar. Insgesamt lebt der Roman hauptsächlich von den eigenwilligen Figuren, die Herron interessant und überzeugend geschaffen hat und die mit viel Cleverness, aber ohne Zufälle, die Verschwörung aufdecken. Ein überzeugender Auftakt, der auch in den weitern Bänden viel Spannung verspricht.

Dirk Kurbjuweit – Fear

dirk-kurbjuweil-fear
Dirk Kurbjuweit – Fear

Randolph Tiefenthaler is a successful Berlin based architect. With his wife Rebecca and their two kids, they just moved into the stylish old houses of the German capital where they have find the seemingly perfect home. Yet, it doesn’t take too long until the neighbour from the basement, Dieter Tiberius, becomes more and more awkward and strange. He writes love letters to Rebecca, which is just annoying, but then he accuses her of child abuse and repeatedly calls the police to check on them. Randolph gets a lawyer, he contacts the youth welfare service, but there is nothing he can do to protect his family from the crazy man in the basement. The fear that he might attack his wife or hurt the children grows and with it the marriage become increasingly fragile. There nerves are on the edge until the day they cannot support it anymore and they need to help themselves to protect the family.

Dirk Kurbjuweit plays with the family idyll which is threatened in the core: the home. The loving father who has built the perfect life for himself and his wife, becomes suddenly incapable of action. He cannot protect his beloved, there is a danger close at hand that he cannot control and sees himself exposed defencelessly. The pressure which is on Randolph and Rebecca is palpable and you as a reader also feel the growing impression of being helpless, powerless and most of all vulnerable.

Even though from the start it is clear what the outcome of all will be, the thriller is full of suspense and the development of the plot gives you the creeps. Kurbjuweit has a very lively style of writing and making Randolph the narrator underlines the feeling of being a part of the story and makes it easy to sympathise with him and to commiserate with him.