Allie Reynolds – Frostgrab

Allie Reynolds – Frostgrab

Zehn Jahre ist es her, dass Milla den Winter in den französischen Alpen verbracht hat, um sich auf einen wichtigen Snowboard Wettkampf vorzubereiten. Jetzt erhält sie eine Einladung zum Wiedersehen mit der alten Clique. Sie ist sich nicht sicher, ob sie das wirklich möchte, das Ende ihrer Zeit dort war alles andere als erfreulich. Die Neugier ist jedoch stärker, weshalb sie sich mit Curtis, Heather, Brent und Dale auf eine einsame Hütte begibt, denn die Saison hat noch nicht begonnen. Doch bald schon geschehen seltsame Dinge, die sich die fünf nicht erklären können. Doch nicht nur das ungute Gefühl, dass sie nicht alleine sind, drückt auf die Stimmung, sondern auch die Frage, was damals mit Saskia, Curtis‘ Schwester, geschah, die seither spurlos verschwunden ist.

Allie Reynolds Thriller erzählt parallel die Ereignisse der Gegenwart und Millas Erinnerungen an den Winter ein Jahrzehnt zuvor. Vieles, was die Figuren zunächst von sich geben, bleibt vorerst kryptisch und unverständlich, erst als sich mehr und mehr Puzzlesteinchen in das Bild einfügen, ergibt ihr Verhalten einen Sinn. Doch dies beantwortet noch nicht die Frage, wer hinter der ganzen Aktion steckt und ihnen offenbar Böses will. Der Autorin gelingt es so, die Spannung bis zuletzt hoch zu halten und dann eine saubere und glaubwürdige Lösung zu präsentieren.

Es ist nicht ganz einfach, Sympathien für die Figuren zu entwickeln. Die junge Milla ist zerfressen vom Ehrgeiz und steht ihrer Konkurrentin Saskia damit in nichts nach. Gegenseitig bekämpfen sie sich mit allerlei fieser Tricks, nur um als Siegerin auf dem Podest zu stehen. Auch auf Gefühle jenseits der Ski-Bretter nehmen sie dabei keinerlei Rücksicht. Die bunt gemischte Gemeinschaft lebt das sorglose Dasein der Jugend mit viel Alkohol, Party und wechselnden Bettpartnern. Die Tage werden auf der Piste verbracht und so richtige Sorgen scheinen sie alle nicht zu haben, deshalb machen sie sich selbst welche.

Auch zehn Jahre später werden sie nicht wirklich sympathischer, alle haben offenbar Geheimnisse im Gepäck und sind unfähig einander offen und freundschaftlich zu begegnen. All dies tut der Spannung und Unterhaltung jedoch keinen Abbruch, im Gegenteil, fast ein wenig schadenfroh sieht man mit an, wie einem nach dem anderen böse mitgespielt wird. Die verzögerte Erzählweise durch die Rückblicke nehmen immer wieder Tempo raus, liefern dafür aber immer weitere Deutungspunkte über den augenscheinlich vorhandenen geheimen Gegenspieler.

Es wird sehr viel über Snowboarden und irgendwelche Sprünge gesprochen, die mir leider gar nichts sagten und deren Schwierigkeit und Raffinesse ich auch nicht im Geringsten einschätzen könnte. Über diese Passagen lässt sich jedoch locker hinweglesen. Insgesamt eine fesselnde Angelegenheit, die wunderbar zum feucht-kalten Herbst oder Winter passt und bestens unterhält.

Arno Strobel – Die App

Arno Strobel – Die App

Hendrik und Linda stehen nur wenige Tage vor der Hochzeit als die junge Frau spurlos verschwindet. Hendrik kehrt von einem nächtlichen Notfalleinsatz in der Klinik zurück und sieht sich mit einem leeren Haus konfrontiert. Kein Hinweis auf den Verbleib der zukünftigen Gattin. Die Polizei interessiert sich auch nur mäßig für den Fall, doch ein Aufruf bei Facebook bringt Erfolg: Linda ist nicht die einzige, die in Hamburg spurlos verschwunden ist, die mysteriösen Vermisstenfälle häufen sich und alles deutet darauf hin, dass die SmartHome Software Adam das verbindende Element der Fälle ist. Die App sichert nicht nur das Haus, sie scheint die Kontrolle übernommen bzw. jemandem genau zu dem verholfen zu haben, was mit ihr eigentlich verhindert werden sollte: Zugang zu den geschützten, privaten Räumen.

Nach den ersten 100 Seiten der Leseprobe war ich angefixt und wollte unbedingt wissen, wie der Fall gelöst wird. Leider konnte der überzeugende, starke Auftakt die Erwartungen nicht erfüllen. Bedauerlicherweise wandelt sich der Psychothriller von einem spannenden Wettstreit Mensch gegen Computer zu einer sehr ehrvorsehbaren und reichlich abstrusen Posse, die leider jeglicher Glaubwürdigkeit entbehrt.

Konnte ich über Kleinigkeiten zunächst noch geflissentlich hinwegsehen – Hendriks Vermisstenmeldung landet nicht bei der Polizei, sondern direkt bei den Hauptkommissaren des LKA – haben mich zahlreiche Plattitüden und Nachlässigkeiten zunehmend geärgert. Der Psychologin, die Hendrik hilft und den entscheidenden Verbindungsaspekt der Fälle erkannt hat, wird mit großem Erstaunen konstatiert, dass sie ja selbstständig denken kann; Hendrik stellt drei banale Fragen und man attestiert ihm das Potenzial zum LKA Kommissar; niemand wird stutzig, als der Kommissar die zwei aufbrausende und leichtsinnige Zivilisten zu seinen Verbündeten macht, um gemeinsam mit ihnen gegen das Böse zu kämpfen. Kleine Szenen nur, die jedoch einfach ärgerlich sind, weil sie mich als Leser nicht ernst nehmen, soll man wirklich einfach alles glauben und hinnehmen?

Die Themen SmartHome und Gefahren durch KI und deren Fernsteuerung durch böse Darknet Nutzer waren noch nicht groß genug für den Roman, es musste noch ein weiterer Reißer draufgesetzt werden, der für mich zu sehr bemüht war, um ernsthaft glaubwürdig die gesamte Handlung zu motivieren. Auch das Laien innerhalb weniger Tage gelingt, woran das LKA offenkundig über Monate scheiterte – das mag es mal geben, mich überzeugen jedoch mehr realistische Handlungen.

Fazit: leider am Ende große Enttäuschung. Der Roman hatte mehr versprochen, sich dann aber leider in typischen Krimi-Versatzstücke und konstruierter Logik verloren.

Ragnar Jónasson – DUNKEL

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Ragnar Jónasson – DUNKEL

Sie hat nicht mehr lange bis zu ihrer Pensionierung, aber die letzten Monate wollte die Kommissarin Hulda Hermannsdóttir noch mit gewohntem Elan ihrer Arbeit nachgehen, doch dann eröffnet ihr Chef ihr, dass ein jüngerer Kollege sie schon in zwei Wochen ersetzten wird. Sie erbittet sich so lange noch einen Fall und greift zu einer scheinbar erledigten Sache, die ihr komisch vorkommt. Die russische Asylbewerberin Elena wurde tot am Strand aufgefunden, die Verletzungen waren nicht eindeutig einer Straftat zuzuordnen und so wurde der Fall als Suizid abgelegt. Doch weshalb sollte sich die junge Frau das Leben nehmen, gerade nachdem ihrem Asylantrag stattgegeben wurde? Hulda beginnt nachzuforschen und stößt schon bald auf weitere Details, offenbar wurde in dem Fall sehr schlampig ermittelt und ihre These von einem Mordfall nimmt immer konkretere Formen an. Je tiefer Hulda sich in die Sache vergräbt, desto weniger merkt sie jedoch, was um sie herum geschieht und dass sie selbst gerade ins Fadenkreuz gleich mehrere Menschen gerät.

„Dunkel“ ist der Auftakt zu einer offenbar eher düsteren Trilogie. Isländische Krimis leben häufig von einer melancholisch-dunklen Atmosphäre, die zu der monatelangen Dunkelheit im Land passt. Der Thriller überzeugt jedoch vor allem durch eine interessante Protagonistin, die einerseits als clevere Kommissarin punktet, jedoch auch eine zweite, verletzliche Seite hat, die bisweilen ihr Urteils- und Rechtsvermögen herausfordert. Nach und nach wird ihre Lebensgeschichte enthüllt, die wenig Erquickliches zu bieten hat und schließlich mit einem großen und vor allem unerwarteten Knall aufwartet.

Der Kriminalfall um die tote Elena bietet einige vielversprechende Spuren ohne zu schnell gelöst zu werden. Parallel erzählt werden die scheinbar letzten und verhängnisvollen Stunden der jungen Frau, so dass man sich der Auflösung von zwei Seiten annähert, bis man feststellt, dass man geschickt in die Falle gelenkt wurde und so manches scheinbar klare Faktum doch ganz anders zu deuten ist. Die größte Überraschung indes gelingt dem Autor mit dem Ende, von dem ich noch nicht weiß, wie ich es einordnen soll, unerwartet war es auf jeden Fall.

Ein gelungener Auftakt, der große Erwartungen an die Folgebände weckt. Passende Stimmung für eine außergewöhnliche Protagonistin.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor, der Serie und dem Buch selbst finden sich auf der Seite der Verlagsgruppe Random House.

Taffy Brodesser-Akner – Fleishman steckt in Schwierigkeiten

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Taffy Brodesser-Akner – Fleishman steckt in Schwierigkeiten

Als Toby Fleishman morgens wach wird, checkt er zunächst die neuen Nachrichten auf seiner Dating App. Seit seine Frau Rachel sich von ihm getrennt hat, lernt er die schönen Seiten des Single Daseins kennen und offenbar ist ein Arzt jenseits der 40 noch attraktiv, besonders für junge Frauen. Doch er wird jäh unterbrochen als er merkt, dass seine Kinder Solly und Hannah in der Wohnung sind, offenbar hat Rachel sie Mitten in der Nacht dort abgeladen, dabei wäre er erst am Wochenende wieder mit der Betreuung dran gewesen. Das allein ist seltsam genug, doch auch Tage später lässt sich die Mutter nicht mehr blicken, ist auch nicht zu erreichen. Ihre Assistentin blockt ebenfalls jeden Anruf ab und langsam wird für Toby das Leben als alleinerziehender Vater etwas schwierig, denn der Leberexperte hat eine Patientin mit seltenem Syndrom, die im Sterben liegt, während sein Freund Seth plant seine viel zu junge Freundin zu ehelichen. Doch das ist erst der Anfang.

Taffy Brodesser-Akners Roman ist auf der Longlist des diesjährigen Women’s Prize for Fiction Longlist nominiert und wurde insgesamt von den Kritiken sehr positiv aufgenommen. Die Journalistin der New York Times hat in ihrem Debut eine ganze Bandbreite von Themen in einem ausnehmend humorvollen Ton umgesetzt und ihr ist so durchaus ein unterhaltsamer, wenn auch kritischer und bisweilen nachdenklich stimmender Blick auf unsere moderne Welt gelungen, der mich restlos begeistern konnte.

Gemeinsam haben alle Figuren, dass sie ein Leben führen, dass von außen gesehen geradezu perfekt anmutet: sie gehören zu Oberschicht Manhattans, weder an Geld noch an beruflichem Erfolg mangelt es, die Kinder sind weitgehend wohlgeraten und eigentlich gibt es nicht den geringsten Grund zur Unzufriedenheit. In dem Moment jedoch, in dem die Fassaden fallen, wird deutlich, dass kaum einer von ihnen das Leben führt, das er oder sie gerne hätte. Seth ist der immer aktive und attraktive Junggeselle, der das Nacht- und Kulturleben voll ausschöpft, aber in Wirklichkeit vom biederen Familiendasein träumt. Libby, eigentliche Erzählerin und seit Jugendtagen mit Seth und Toby befreundet, arbeitet freiberuflich als Journalistin, hat aber seit Monaten keinen Satz aufs Papier gebracht. Rachel hat vor der Trennung erkannt, dass Toby nicht der Mann ist, der ihr das Leben bietet, von dem sie immer geträumt hat und dass sie selbst dafür verantwortlich ist, das entsprechende Einkommen zu generieren, was sie aber letztlich in den völligen Abgrund stürzt.

Toby ist mit der aktuellen Situation wenig zufrieden, alleinerziehend mit vorpubertären Kindern, ist sein Gleichgewicht in Schwanken geraten, denn zuvor war für ihn alles Bestens: er hatte keine großen beruflichen Ambitionen, sein Job im Krankenhaus mit den Patientenkontakten erfüllt ihn, wenn ihm danach war, spazierte er in aller Ruhe durch den Central Park nach Hause und genoss sein Leben – auf Kosten aller um ihn herum.

Es sind vor allem die oberflächliche Dating Kultur, die mit Aufkommen von entsprechenden Apps noch groteskere Züge angenommen hat, sowie der New Yorker Kampf um den schönen Schein: Job, Haus, Familie, Aussehen – alles ordnet sich diesem unter. Gerade die Frauen geraten dabei jedoch unter die Räder, wie an der abwesenden Rachel, aber auch an Libby deutlich wird. Neben der Organisation des Familienlebens – und vor allem der richtigen Kinderkontakte und den perfekten Partys – müssen sie zugleich in einer immer noch von Männern dominierten Berufswelt bestehen. Dass sie dabei auch noch attraktiv aussehen sollen und die angesagten Yoga-Kurse besuchen müssen goes without saying.

Der Autorin gelingt es, mit einer weiblichen Erzählerin das männliche Weltbild Tobys hervorragend zu transportieren: die böse Exfrau, die ihn allein mit den Kindern zurücklässt; die pubertierende Tochter, die einfach aufreizende Bilder von sich online postet (die erschreckende Ähnlichkeiten zu jenen seiner jungen Bettgenossinnen aufweisen); seine Assistenzärztin, die seine Essenseinladung ausschlägt – irgendwie verhalten sich die weiblichen Menschen um ihn herum nicht mehr planmäßig und er muss sich plötzlich anpassen. Dabei kommt er trotzdem irgendwie charmant und liebenswert daher, was das Lesen zu einer großen Freude macht. Es ist ganz sicher keine Abrechnung mit den Männern dieser Welt, aber, wie der Titel bereits andeutet, das Leben wird schwieriger für sie.

Gabriella Ullberg Westin – Der Todgeweihte

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Gabriella Ullberg Westin – Der Todgeweihte

Nächtliche Schüsse im Zentrum des beschaulichen Hudiskvall mit einem Toten und einer Schwerverletzten stellen die Polizei vor Fragezeichen. Im Umfeld der Opfer können Kriminalinspektor Johan Rokka und seine Kollegen keine Motive für den brutalen Mord finden. Doch dann werden die Ermittlungen für Rokka noch deutlich erschwert als Louise Hojier, die Frau seines Cousins und Mutter der 5-jährigen Silje, auf einer Geschäftsreise verschwindet. Eigentlich darf er in diesem Fall nicht ermitteln, aber das Personal ist knapp und so lässt man ihn nach der top Informatikerin eines erfolgreichen Start-Ups suchen. Dass sein Bruder Daniel unerwartet nach 15 Jahren Funkstille plötzlich vor ihm steht, macht die Lage auch nicht einfacher, denn Daniel ist Morphium-abhängig und offenbar todkrank. Nicht nur Johan Rokkas schwerster, sondern vor allem sein persönlichster Fall, doch wie persönlich dieser wird, ahnt er noch gar nicht…

Die Schwedin Gabriella Ullberg Westin konnte sich mit ihrer Serie um den Inspektor Johan Rokka schnell einen vorderen Platz in der Riege der skandinavischen Krimiautoren sichern. Sein dritter Fall setzt die Reihe überzeugend fort und stellt einmal mehr unter Beweis, dass auch fernab der Hauptstadt spannende Geschichten erzählt werden können. Der Protagonist steht dieses Mal mehr denn je unter Beschluss, blieb er gerade im ersten Band noch etwas undurchschaubar, wird Rokka zunehmend sympathisch und als Figur greifbarer.

Die beiden Fälle scheinen zunächst nichts miteinander zu tun zu haben, gerade der Anschlag auf die beiden jungen Kinobesucher kommt nicht voran. Dafür wird das Umfeld des Inspektors schnell interessant. Die Nebenhandlung um Amanda ist zwar recht vorhersehbar, die Bedeutung ihrer Täuschung jedoch wird erst später offenkundig. Der Fall ist als ganz persönliche Herausforderung für Johan Rokka angelegt, hätte aber durchaus auch das Potenzial zu einem Wirtschaftskrimi gehabt, diese Chance hat Ullberg Westin leider verschenkt, denn so richtig wird nicht klar, welche Bedeutung für die Sicherheitstechnik Louises Erfindung haben könnte. Dies tut der Spannung jedoch keinen Abbruch, die sich stetig steigert im Laufe der Handlung.

Ein sauber konzipierter Krimi, dessen Fäden langsam zusammenlaufen und am Ende keine Fragen offenlassen. Die Entwicklung der Figuren wird von Fall zu Fall besser, womit Ullberg Westin meine Erwartungen voll erfüllt hat.

John Marrs – Ich kenne deine Lügen

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John Marrs – Ich kenne deine Lügen

Ein ganz gewöhnlicher Morgen im Haus der Familie Nicholson, doch dieser 4. Juni wird ihrer aller Leben verändern. Schon lange leidet Vater Simon unter Schlafstörungen und häufig nutzt er das frühe Erwachen für eine Joggingrunde. Auch an diesem Morgen verlässt er das Haus, jedoch ohne Joggingschuhe und ohne zurückzukehren. Er geht einfach weg und lässt seine Frau Catherine mit den drei kleinen Kindern James, Robbie und Emily zurück. Keine Spuren gibt es von ihm und niemand weiß, ob ihm etwas zugestoßen ist, ob er überhaupt noch am Leben ist. Catherine wird Monate brauchen, bis sie wieder zu sich kommt und die Verantwortung für ihre Familie übernehmen kann. Simon begibt sich derweil auf eine Reise durch die Welt, es wird ihn nach Frankreich, Kanada, die USA und weitere Länder ziehen, bis er fünfundzwanzig Jahre später wieder vor seinem Haus und seiner Ehefrau stehen wird.

Mir ist John Marrs als Autor von nervenzerreißenden und psychologisch perfekt abgestimmten Krimis bekannt, die die Figuren an den Rand dessen treiben, was sie aushalten können. „Ich kenne deine Lügen“ funktioniert jedoch ganz anders, es beginnt mit dem Wiedersehen und langsam wird dann die Geschichte des Verschwindens aufgerollt. Lange Zeit kommt der Roman wie eine toll erzählte Geschichte von Verlust und Flucht daher, doch das Blatt wendet sich und wie aus dem nichts taucht genau das auf, was man von Marrs erwartet: ein geschicktes Spiel zweier ebenbürtiger Gegner, die sich psychologisch versiert nichts schenken.

Simons unerwarteter und scheinbar unmotivierter Weggang verwundert zunächst, kann ein Mensch nur aus Langeweile und familiärem Frust einfach so alles hinter sich lassen? Wohl kaum, aber es dauert ein wenig, bis seine wahren Beweggründe sich offenbaren und wenn man gerade denkt, ihn verstanden zu haben und womöglich sogar Verständnis für sein Handeln aufbringt, kommt der Schlag mit dem Holzhammer. Nein, die Handlung bietet keine dramatische Spannung von Beginn an, aber wenn man sich dem Ende nähert, wird man umso mehr belohnt von den Überraschungen, die der Autor vorbereitet hat und die einem aus dem Nichts treffen.

Hatte mich der Roman rein schon durch die Erzählung der 25 Jahre zwischen Weggang und Wiedersehen begeistern können – interessant entwickelt er die beiden Figuren und stellt sie unablässig vor neue Herausforderungen, hier ganz sicher eine deutliche Steigerung zu früheren Romanen, die mehr auf Action und Spannung setzen – sucht der finale Paukenschlag wirklich seinesgleichen. Immer und immer wieder wird plötzlich innerhalb kürzester Zeit alles infrage gestellt und man muss sein Konzept von dem, was wirklich geschah und die Figuren zu ihrem Handeln motivierte, überdenken.

Ein Thriller der etwas anderen Art, der sicherlich nicht jedermanns Sache ist, für mich aber gerade wegen der sehr ausgefeilten Figurenzeichnung und dem brillanten Schluss ganz klar aus der Masse herausragt.

Claire McGowan – The Other Wife

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Claire McGowan – The Other Wife

Suzi freut sich, als sie in der abgelegenen Gegend, in die sie kürzlich mit ihrem Mann gezogen ist, endlich eine Nachbarin bekommt. Nora macht einen sympathischen Eindruck, auch wenn sie gerade ihren Ehemann verloren hat und offenkundig trauert. Was Suzi nicht ahnt, ist, dass Nora mit gutem Grund das Nachbarhaus wählte, denn sie weiß, dass Suzi die Frau ist, mit der ihr Mann eine Affäre hatte und die ihn als letzte vor dem Unfall gesehen hat. Auch Suzis Mann weiß von der Untreue seiner Frau und hat ebenfalls so seine Pläne, Suzis Schwangerschaft spielt ihm dabei hervorragend in die Hände. Während die junge Frau ahnungslos versucht sich im neuen Leben zu orientieren, bringen sich die anderen in Position, doch bald schon werden die Karten neu gemischt und die Frage wer Freund und wer Feind ist, muss neu beantwortet werden.

Der Krimi fokussiert abwechselnd auf den Frauenfiguren, wobei es einige Zeit braucht, bis man Suzi, Nora und die ebenfalls vorhandene Elle in den richtigen Zusammenhang bringt. Durch den Perspektivenwechsel hat man mal einen Vorsprung vor den Figuren, mal aber verwirrt dieses auch wieder. Interessant dabei ist, wie man seine Sympathien immer wieder verschiebt, je besser man die Figuren kennenlernt.

Schon bald glaubt man die Verschwörung durchschaut zu haben, doch das tatsächliche Ausmaß entfaltet sich erst spät und lenkt die Aufmerksamkeit nochmals auf eine ganz andere Geschichte. Mit den Figuren habe ich etwas gehadert, Suzis Fremdgehen mag man ja noch neutral betrachten können, aber ihre Naivität und geringe Weitsicht machen es schon schwer wirklich Mitleid mit ihr zu haben. Auch Nora ist ein Opfer, ihre Rachepläne durchaus nachvollziehbar, aber so richtig zum Sympathieträger wird sie auch nicht. Die ganz große Geschichte, die hinter allem steht, ist durchdacht und nachvollziehbar konstruiert, wenn ich auch meine Zweifel hege, dass jemand wirklich einen so großen Coup planen und unentdeckt umsetzen könnte. Das tut der Spannung jedoch keinen Abbruch, denn die Autorin bietet insgesamt so viele bemerkenswerte Details an menschlicher Bösartigkeit, dass man fasziniert davon das Buch kaum aus der Hand legen mag.

Lina Bengtsdotter – Löwenzahnkind

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Lina Bengtsdotter – Löwenzahnkind

Das Verschwinden einer 17-Jährigen führt Charlie Lager zurück in den Ort ihrer Kindheit, den sie nicht nur vergessen, sondern völlig aus ihren Gedanken löschen wollte. Schnell kommen in der trostlosen Provinz, die Kindern und Jugendlichen außer Drogen, Alkohol und Gewalt nichts zu bieten hat, die Erinnerungen wieder hoch. Und wie zu erwarten war, mauern die Einheimischen, niemand will etwas gesehen haben oder über den Abend wissen, an dem sich Annabelles Spur verliert. Charlie versucht herauszufinden, wer das Mädchen war, das scheinbar gerne zur Schule ging und wissbegierig war, andererseits aber immer wieder gegen die Regeln der Eltern verstieß und am Wochenende wie alle anderen auch die sie umgebende Tristesse versuchte zu ertränken.

Lina Bengtsdotter hat ihre Thriller Serie um die Polizistin Charlie in ihrem Heimatort Gullspång angesiedelt, eine Kleinstadt abgehängt von der Großstadt und mit wenig Perspektiven. Der erste Band erzählt nicht nur die Suche nach dem verschwundenen Mädchen, sondern gibt auch erschreckende Einblicke in Funktionsweisen der kleinen Gemeinschaft, wo jeder alles über jeden weiß und dennoch Geheimnisse über Jahrzehnte gut gehütet werden. Auch die Protagonistin trägt so einiges an Ballast mit sich herum, Dämonen, die mit der Rückkehr wieder zum Leben erwachen.

Der Roman lebt davon, dass jede Begegnung, jede Tür, die geöffnet wird, das Potenzial hat, die Handlung in eine völlig neue Richtung zu lenken oder der ohnehin kaum auszuhaltenden Trostlosigkeit ein weiteres Mosaiksteinchen an trauriger Realität hinzuzufügen. Gullspång hat wenig gemein mit dem fröhlichen und ausgelassenen Midsommar, den man so gerne für die Darstellung Schwedens bemüht, sondern bietet eine brutale Sommerhitze, die die aufgeheizte und angespannte Stimmung noch verschärft. Die Spannung lebt vor allem von der feindseligen Atmosphäre, weder die Menschen noch die Natur wirken einladend oder freundlich, im Gegenteil, wir sehen eigentlich nur die feindselig-destruktiven Seiten.

Aus psychologischer Sicht ein interessantes Sammelsurium an Figuren, die auch viel Potenzial für weitere Bände haben. In dieser Umgebung aufzuwachsen geht nicht ohne Spuren zu hinterlassen. Ich bin gespannt, was in der Ermittlerin Charlie noch versteckt ist.

Grégoire Delacourt – Das Leuchten in mir

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Grégoire Delacourt – Das Leuchten in mir

Eine zufällige Begegnung in einer Brasserie und Emmas Leben gerät aus den Fugen. Sie sieht ihn dort und wird ihn nun täglich sehen, immer zur Mittagszeit werden sich ihre Blicke kreuzen, doch es werden Wochen vergehen, bis sie das erste Wort wechseln. Schmetterlinge kehren zurück zu der Ehefrau und Mutter, deren Leben von außen scheinbar perfekt ist mit dem liebenden Gatten und den drei wohlgeratenen Kindern. Aber es fehlt etwas, genau dieses Gefühl wieder lebendig zu sein, die Emotionen und aufsteigende Hitze, wenn sie nur an ihn denkt. Sie stellen sich vor, Alexandre heißt er, Journalist, verheiratet. Doch das spielt alles keine Rolle, denn genau für diesen Moment werden sie alles aufgeben, ihr bisheriges Leben hinter sich lassen und gemeinsam in die Zukunft gehen. Doch es gibt keine Zukunft für sie und so steht Emma plötzlich vor dem Trümmerhaufen, der mal ihr Leben war.

Der mit bereits zahlreichen Literaturpreisen geehrte Autor Grégoire Delacourt unterstreicht in seinem aktuellen Roman einmal mehr seinen Platz unter den zeitgenössischen französischen Autoren. Ihm gelingt es unvergleichlich die Emotionen seiner Figuren einzufangen und zu transportieren ohne deren Last auf den Leser zu legen. Es ist etwas bedauerlich, dass man sich für die deutsche Ausgabe für einen anderen Titel entschieden hat, denn der Originaltitel „Danser au bord de l’abîme“ drückt perfekt das aus, worüber Delacourt in seiner Geschichte schreibt: die Figuren tanzen ausgelassen am Rande des Abgrunds und drohen zu jedem Zeitpunkt abzustürzen.

„Meine künftigen Tage versprachen stürmisch zu werden. Und einer von ihnen erschütternd.“

Emmanuelle ist eine durchaus attraktive Frau Ende dreißig, ihr Mann Olivier Leiter eines großen Autohauses und die beiden Töchter Manon, 16, und Léa, 12, sowie der 14-jährige Sohn Louis sind ebenfalls eine Freude für die Eltern. Doch sie spürt, dass etwas in ihrem Leben verloren gegangen ist, etwas fehlt. Alexandre gelingt es, wieder etwas in ihr zu entzünden, das so stark leuchtet, dass sie bereit ist, dafür alles zu riskieren, alles aufzugeben. Sie macht sich die Entscheidung nicht leicht, man folgt ihren Gedanken und kann sie verstehen. Die Vorwürfe, die sie sich selbst macht, die Kinder zu verlassen, ihr Leben zu zerstören, das Hadern und Zaudern und doch zu wissen, dass sie nicht anders handeln kann, denn ihre Liebe zu Olivier findet nicht mehr in der Gegenwart statt.

Doch dann kurz bevor das Glück kaum größer sein könnte, lässt Delacourt seine Protagonistin fallen, tief fallen. Plötzlich sieht sie sich alleine auf einem Campingplatz mit anderen vergessenen Figuren. Der Frühling geht in den Sommer und den Herbst über und erst nach dem Winter findet sie zurück zu ihrer Familie, die nicht mehr dieselbe ist. Der Autor folgt mit seiner Sprache der Emotionen der Figur, wurden im ersten Teil noch überschäumend die Emotionen ausgelebt, werden die Sätze kürzer und schlichter in der Zeit der Trauer. Dabei umschifft er jede Gefahr von Kitsch, dem eine solche tragische Liebesgeschichte erliegen könnte. Viel mehr zeigt er, dass nur dadurch, dass Emma wieder aufgelebt ist, sie sich wieder lebendig fühlte, sie auch so hart vom Schicksal getroffen werden konnte und der Fall so tief war. Delacourt hat den entscheidenden Moment im Leben seiner Figur überzeugend und ausdrucksstark umgesetzt.

Patricia Highsmith – A Suspension of Mercy

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Patricia Highsmith – A Suspension of Mercy

Natürlich hat er schon darüber nachgedacht seine Frau zu ermorden, mehrfach sogar, auf vielfältige Weise, aber letztlich ist das ja sein Job. Sydney Bartleby ist Drehbuchautor für Mystery Serien und muss sich daher schon von Beruf wegen mit dem Ableben der Menschen beschäftigen. Als Alicia sich entschließt, kurzfristig auf eine längere Reise zu gehen, nutzt er die Chance, den perfekten Mord zu inszenieren und seine Schreibblockade zu lösen. Am Tag nach dem Verschwinden Alicias beseitigt er frühmorgens unter genauer Beobachtung seiner Nachbarin einen Teppich und auch ansonsten bemüht er sich möglichst auffällig unauffällig zu sein, was die Polizei, Freunde und seine Schwiegereltern auf den Plan ruft und ihn zum Verdächtigen Nummer 1 macht.

Patricia Highsmith ist ohne Frage eine der begnadetsten Krimiautorinnen des 20. Jahrhunderts – und das funktioniert sogar gänzlich ohne Mord. Leider ist sie über ihren Ripley Roman hinaus dem breiten Publikum nur wenig bekannt, dabei schafft sie es immer wieder hochinteressante Figuren zu konstruieren, die über das Spannungsmoment hinaus ihre Romane bereichern, wie sie eindrucksvoll in „Carol oder Salz und sein Preis“ oder auch in „Der Schrei der Eule“ beweist. Auch Sydney Bartleby ist faszinierend in seinem Spiel mit den Mitmenschen zu beobachten.

Die gescheiterte Ehe der beiden Künstler ist der Ausgangspunkt des fatalen Treibens. Bartlebys Manipulationen zeigen wahrlich, dass er das Zeug zum Krimiautor hat, nicht nur ist er kreativ im Erfinden möglicher Tode, nein, jeder Schritt ist geplant, das vergessene Manuskript, das leichtfertig als Tagebuch gedeutet werden könnte, ebenso wie die Besuche bei der neugierigen Nachbarin oder die falschen und widersprüchlichen Aussagen zu Alicias Verbleib. Das Katz-und-Maus-Spiel steigert sich immer weiter, bis es zu dem unweigerlichen Unglück kommen muss – das jedoch völlig anders ausgeht als erwartet. Hier zeigt sich die Patricia Highsmith’s wahres Talent, wenn sie auch mit ihrem Leser spielt.

Heute vermutlich eher als cosy crime klassifiziert, hat der inzwischen über 40 Jahre alte Text jedoch nichts an Unterhaltungswert verloren.