John Marrs – Ich kenne deine Lügen

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John Marrs – Ich kenne deine Lügen

Ein ganz gewöhnlicher Morgen im Haus der Familie Nicholson, doch dieser 4. Juni wird ihrer aller Leben verändern. Schon lange leidet Vater Simon unter Schlafstörungen und häufig nutzt er das frühe Erwachen für eine Joggingrunde. Auch an diesem Morgen verlässt er das Haus, jedoch ohne Joggingschuhe und ohne zurückzukehren. Er geht einfach weg und lässt seine Frau Catherine mit den drei kleinen Kindern James, Robbie und Emily zurück. Keine Spuren gibt es von ihm und niemand weiß, ob ihm etwas zugestoßen ist, ob er überhaupt noch am Leben ist. Catherine wird Monate brauchen, bis sie wieder zu sich kommt und die Verantwortung für ihre Familie übernehmen kann. Simon begibt sich derweil auf eine Reise durch die Welt, es wird ihn nach Frankreich, Kanada, die USA und weitere Länder ziehen, bis er fünfundzwanzig Jahre später wieder vor seinem Haus und seiner Ehefrau stehen wird.

Mir ist John Marrs als Autor von nervenzerreißenden und psychologisch perfekt abgestimmten Krimis bekannt, die die Figuren an den Rand dessen treiben, was sie aushalten können. „Ich kenne deine Lügen“ funktioniert jedoch ganz anders, es beginnt mit dem Wiedersehen und langsam wird dann die Geschichte des Verschwindens aufgerollt. Lange Zeit kommt der Roman wie eine toll erzählte Geschichte von Verlust und Flucht daher, doch das Blatt wendet sich und wie aus dem nichts taucht genau das auf, was man von Marrs erwartet: ein geschicktes Spiel zweier ebenbürtiger Gegner, die sich psychologisch versiert nichts schenken.

Simons unerwarteter und scheinbar unmotivierter Weggang verwundert zunächst, kann ein Mensch nur aus Langeweile und familiärem Frust einfach so alles hinter sich lassen? Wohl kaum, aber es dauert ein wenig, bis seine wahren Beweggründe sich offenbaren und wenn man gerade denkt, ihn verstanden zu haben und womöglich sogar Verständnis für sein Handeln aufbringt, kommt der Schlag mit dem Holzhammer. Nein, die Handlung bietet keine dramatische Spannung von Beginn an, aber wenn man sich dem Ende nähert, wird man umso mehr belohnt von den Überraschungen, die der Autor vorbereitet hat und die einem aus dem Nichts treffen.

Hatte mich der Roman rein schon durch die Erzählung der 25 Jahre zwischen Weggang und Wiedersehen begeistern können – interessant entwickelt er die beiden Figuren und stellt sie unablässig vor neue Herausforderungen, hier ganz sicher eine deutliche Steigerung zu früheren Romanen, die mehr auf Action und Spannung setzen – sucht der finale Paukenschlag wirklich seinesgleichen. Immer und immer wieder wird plötzlich innerhalb kürzester Zeit alles infrage gestellt und man muss sein Konzept von dem, was wirklich geschah und die Figuren zu ihrem Handeln motivierte, überdenken.

Ein Thriller der etwas anderen Art, der sicherlich nicht jedermanns Sache ist, für mich aber gerade wegen der sehr ausgefeilten Figurenzeichnung und dem brillanten Schluss ganz klar aus der Masse herausragt.

Claire McGowan – The Other Wife

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Claire McGowan – The Other Wife

Suzi freut sich, als sie in der abgelegenen Gegend, in die sie kürzlich mit ihrem Mann gezogen ist, endlich eine Nachbarin bekommt. Nora macht einen sympathischen Eindruck, auch wenn sie gerade ihren Ehemann verloren hat und offenkundig trauert. Was Suzi nicht ahnt, ist, dass Nora mit gutem Grund das Nachbarhaus wählte, denn sie weiß, dass Suzi die Frau ist, mit der ihr Mann eine Affäre hatte und die ihn als letzte vor dem Unfall gesehen hat. Auch Suzis Mann weiß von der Untreue seiner Frau und hat ebenfalls so seine Pläne, Suzis Schwangerschaft spielt ihm dabei hervorragend in die Hände. Während die junge Frau ahnungslos versucht sich im neuen Leben zu orientieren, bringen sich die anderen in Position, doch bald schon werden die Karten neu gemischt und die Frage wer Freund und wer Feind ist, muss neu beantwortet werden.

Der Krimi fokussiert abwechselnd auf den Frauenfiguren, wobei es einige Zeit braucht, bis man Suzi, Nora und die ebenfalls vorhandene Elle in den richtigen Zusammenhang bringt. Durch den Perspektivenwechsel hat man mal einen Vorsprung vor den Figuren, mal aber verwirrt dieses auch wieder. Interessant dabei ist, wie man seine Sympathien immer wieder verschiebt, je besser man die Figuren kennenlernt.

Schon bald glaubt man die Verschwörung durchschaut zu haben, doch das tatsächliche Ausmaß entfaltet sich erst spät und lenkt die Aufmerksamkeit nochmals auf eine ganz andere Geschichte. Mit den Figuren habe ich etwas gehadert, Suzis Fremdgehen mag man ja noch neutral betrachten können, aber ihre Naivität und geringe Weitsicht machen es schon schwer wirklich Mitleid mit ihr zu haben. Auch Nora ist ein Opfer, ihre Rachepläne durchaus nachvollziehbar, aber so richtig zum Sympathieträger wird sie auch nicht. Die ganz große Geschichte, die hinter allem steht, ist durchdacht und nachvollziehbar konstruiert, wenn ich auch meine Zweifel hege, dass jemand wirklich einen so großen Coup planen und unentdeckt umsetzen könnte. Das tut der Spannung jedoch keinen Abbruch, denn die Autorin bietet insgesamt so viele bemerkenswerte Details an menschlicher Bösartigkeit, dass man fasziniert davon das Buch kaum aus der Hand legen mag.

Lina Bengtsdotter – Löwenzahnkind

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Lina Bengtsdotter – Löwenzahnkind

Das Verschwinden einer 17-Jährigen führt Charlie Lager zurück in den Ort ihrer Kindheit, den sie nicht nur vergessen, sondern völlig aus ihren Gedanken löschen wollte. Schnell kommen in der trostlosen Provinz, die Kindern und Jugendlichen außer Drogen, Alkohol und Gewalt nichts zu bieten hat, die Erinnerungen wieder hoch. Und wie zu erwarten war, mauern die Einheimischen, niemand will etwas gesehen haben oder über den Abend wissen, an dem sich Annabelles Spur verliert. Charlie versucht herauszufinden, wer das Mädchen war, das scheinbar gerne zur Schule ging und wissbegierig war, andererseits aber immer wieder gegen die Regeln der Eltern verstieß und am Wochenende wie alle anderen auch die sie umgebende Tristesse versuchte zu ertränken.

Lina Bengtsdotter hat ihre Thriller Serie um die Polizistin Charlie in ihrem Heimatort Gullspång angesiedelt, eine Kleinstadt abgehängt von der Großstadt und mit wenig Perspektiven. Der erste Band erzählt nicht nur die Suche nach dem verschwundenen Mädchen, sondern gibt auch erschreckende Einblicke in Funktionsweisen der kleinen Gemeinschaft, wo jeder alles über jeden weiß und dennoch Geheimnisse über Jahrzehnte gut gehütet werden. Auch die Protagonistin trägt so einiges an Ballast mit sich herum, Dämonen, die mit der Rückkehr wieder zum Leben erwachen.

Der Roman lebt davon, dass jede Begegnung, jede Tür, die geöffnet wird, das Potenzial hat, die Handlung in eine völlig neue Richtung zu lenken oder der ohnehin kaum auszuhaltenden Trostlosigkeit ein weiteres Mosaiksteinchen an trauriger Realität hinzuzufügen. Gullspång hat wenig gemein mit dem fröhlichen und ausgelassenen Midsommar, den man so gerne für die Darstellung Schwedens bemüht, sondern bietet eine brutale Sommerhitze, die die aufgeheizte und angespannte Stimmung noch verschärft. Die Spannung lebt vor allem von der feindseligen Atmosphäre, weder die Menschen noch die Natur wirken einladend oder freundlich, im Gegenteil, wir sehen eigentlich nur die feindselig-destruktiven Seiten.

Aus psychologischer Sicht ein interessantes Sammelsurium an Figuren, die auch viel Potenzial für weitere Bände haben. In dieser Umgebung aufzuwachsen geht nicht ohne Spuren zu hinterlassen. Ich bin gespannt, was in der Ermittlerin Charlie noch versteckt ist.

Grégoire Delacourt – Das Leuchten in mir

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Grégoire Delacourt – Das Leuchten in mir

Eine zufällige Begegnung in einer Brasserie und Emmas Leben gerät aus den Fugen. Sie sieht ihn dort und wird ihn nun täglich sehen, immer zur Mittagszeit werden sich ihre Blicke kreuzen, doch es werden Wochen vergehen, bis sie das erste Wort wechseln. Schmetterlinge kehren zurück zu der Ehefrau und Mutter, deren Leben von außen scheinbar perfekt ist mit dem liebenden Gatten und den drei wohlgeratenen Kindern. Aber es fehlt etwas, genau dieses Gefühl wieder lebendig zu sein, die Emotionen und aufsteigende Hitze, wenn sie nur an ihn denkt. Sie stellen sich vor, Alexandre heißt er, Journalist, verheiratet. Doch das spielt alles keine Rolle, denn genau für diesen Moment werden sie alles aufgeben, ihr bisheriges Leben hinter sich lassen und gemeinsam in die Zukunft gehen. Doch es gibt keine Zukunft für sie und so steht Emma plötzlich vor dem Trümmerhaufen, der mal ihr Leben war.

Der mit bereits zahlreichen Literaturpreisen geehrte Autor Grégoire Delacourt unterstreicht in seinem aktuellen Roman einmal mehr seinen Platz unter den zeitgenössischen französischen Autoren. Ihm gelingt es unvergleichlich die Emotionen seiner Figuren einzufangen und zu transportieren ohne deren Last auf den Leser zu legen. Es ist etwas bedauerlich, dass man sich für die deutsche Ausgabe für einen anderen Titel entschieden hat, denn der Originaltitel „Danser au bord de l’abîme“ drückt perfekt das aus, worüber Delacourt in seiner Geschichte schreibt: die Figuren tanzen ausgelassen am Rande des Abgrunds und drohen zu jedem Zeitpunkt abzustürzen.

„Meine künftigen Tage versprachen stürmisch zu werden. Und einer von ihnen erschütternd.“

Emmanuelle ist eine durchaus attraktive Frau Ende dreißig, ihr Mann Olivier Leiter eines großen Autohauses und die beiden Töchter Manon, 16, und Léa, 12, sowie der 14-jährige Sohn Louis sind ebenfalls eine Freude für die Eltern. Doch sie spürt, dass etwas in ihrem Leben verloren gegangen ist, etwas fehlt. Alexandre gelingt es, wieder etwas in ihr zu entzünden, das so stark leuchtet, dass sie bereit ist, dafür alles zu riskieren, alles aufzugeben. Sie macht sich die Entscheidung nicht leicht, man folgt ihren Gedanken und kann sie verstehen. Die Vorwürfe, die sie sich selbst macht, die Kinder zu verlassen, ihr Leben zu zerstören, das Hadern und Zaudern und doch zu wissen, dass sie nicht anders handeln kann, denn ihre Liebe zu Olivier findet nicht mehr in der Gegenwart statt.

Doch dann kurz bevor das Glück kaum größer sein könnte, lässt Delacourt seine Protagonistin fallen, tief fallen. Plötzlich sieht sie sich alleine auf einem Campingplatz mit anderen vergessenen Figuren. Der Frühling geht in den Sommer und den Herbst über und erst nach dem Winter findet sie zurück zu ihrer Familie, die nicht mehr dieselbe ist. Der Autor folgt mit seiner Sprache der Emotionen der Figur, wurden im ersten Teil noch überschäumend die Emotionen ausgelebt, werden die Sätze kürzer und schlichter in der Zeit der Trauer. Dabei umschifft er jede Gefahr von Kitsch, dem eine solche tragische Liebesgeschichte erliegen könnte. Viel mehr zeigt er, dass nur dadurch, dass Emma wieder aufgelebt ist, sie sich wieder lebendig fühlte, sie auch so hart vom Schicksal getroffen werden konnte und der Fall so tief war. Delacourt hat den entscheidenden Moment im Leben seiner Figur überzeugend und ausdrucksstark umgesetzt.

Patricia Highsmith – A Suspension of Mercy

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Patricia Highsmith – A Suspension of Mercy

Natürlich hat er schon darüber nachgedacht seine Frau zu ermorden, mehrfach sogar, auf vielfältige Weise, aber letztlich ist das ja sein Job. Sydney Bartleby ist Drehbuchautor für Mystery Serien und muss sich daher schon von Beruf wegen mit dem Ableben der Menschen beschäftigen. Als Alicia sich entschließt, kurzfristig auf eine längere Reise zu gehen, nutzt er die Chance, den perfekten Mord zu inszenieren und seine Schreibblockade zu lösen. Am Tag nach dem Verschwinden Alicias beseitigt er frühmorgens unter genauer Beobachtung seiner Nachbarin einen Teppich und auch ansonsten bemüht er sich möglichst auffällig unauffällig zu sein, was die Polizei, Freunde und seine Schwiegereltern auf den Plan ruft und ihn zum Verdächtigen Nummer 1 macht.

Patricia Highsmith ist ohne Frage eine der begnadetsten Krimiautorinnen des 20. Jahrhunderts – und das funktioniert sogar gänzlich ohne Mord. Leider ist sie über ihren Ripley Roman hinaus dem breiten Publikum nur wenig bekannt, dabei schafft sie es immer wieder hochinteressante Figuren zu konstruieren, die über das Spannungsmoment hinaus ihre Romane bereichern, wie sie eindrucksvoll in „Carol oder Salz und sein Preis“ oder auch in „Der Schrei der Eule“ beweist. Auch Sydney Bartleby ist faszinierend in seinem Spiel mit den Mitmenschen zu beobachten.

Die gescheiterte Ehe der beiden Künstler ist der Ausgangspunkt des fatalen Treibens. Bartlebys Manipulationen zeigen wahrlich, dass er das Zeug zum Krimiautor hat, nicht nur ist er kreativ im Erfinden möglicher Tode, nein, jeder Schritt ist geplant, das vergessene Manuskript, das leichtfertig als Tagebuch gedeutet werden könnte, ebenso wie die Besuche bei der neugierigen Nachbarin oder die falschen und widersprüchlichen Aussagen zu Alicias Verbleib. Das Katz-und-Maus-Spiel steigert sich immer weiter, bis es zu dem unweigerlichen Unglück kommen muss – das jedoch völlig anders ausgeht als erwartet. Hier zeigt sich die Patricia Highsmith’s wahres Talent, wenn sie auch mit ihrem Leser spielt.

Heute vermutlich eher als cosy crime klassifiziert, hat der inzwischen über 40 Jahre alte Text jedoch nichts an Unterhaltungswert verloren.

Claire McGowan – Blackwater

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Zehn Jahre sind vergangen, seit Zoe tot aufgefunden wurde. Ihr Vater ist daran zerbrochen, ihre Mutter hat Blackwater verlassen und Paul hat seine Strafe für den Mord abgesessen. Doch jetzt taucht plötzlich eine junge Frau an Zoes Elternhaus auf und behauptet ebendiese Zoe zu sein. Wie kann das sein? Ihr Onkel und ehemaliger Polizist Phil hatte sie eindeutig identifiziert, ihr glitzerndes Partykleid, das sie zum Feiern an ihrem letzten Abend trug, war auch sehr ausgefallen, so dass eine Verwechslung ausgeschlossen war. Es dauert nicht lange, bis Zweifel an den damaligen Ermittlungen aufkommen, hatte man Paul zu schnell verurteilt und er unschuldig Jahre im Gefängnis gesessen? Stellt sich die Frage, wer die tote Frau dann war und wo Zoe in den letzten Jahren war.

Claire McGowan hat die Geschichte exklusiv für das Radioprogramm der BBC geschrieben, die bereits auch mehrere ihrer Romane für das Radio adaptiert hat. Die Handlung ist ausgesprochen kompakt und damit perfekt als Hörbuch, die Anzahl der Figuren bleibt überschaubar und auf Nebenhandlungen wird weitgehend verzichtet. Nichtsdestotrotz bietet die Story einiges an Spannung und kann durch eine clevere Konstruktion, die sauber aufgelöst wird, überzeugen.

Aktuell unter BBC Sounds noch zum Nachhören verfügbar.

Su Turhan – Die Siedlung: Sicher bist du nie

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Su Turhan – Die Siedlung: Sicher bist du nie

Der Wohnraum der Zukunft: „Himmelhof“ könnte Vorbild für die durch Technik optimierte Wohnform werden. Von überall aus der Welt kommen Besuchergruppen, um sich ein Bild von der Siedlung bei Augsburg zu machen, wo selbstfahrende Fahrzeuge, per Spracheingabe agierende Smarthomes und ausgeklügelte Überwachungssysteme das Leben nicht nur angenehmer, sondern auch sicherer machen. Helen Jagdt und ihr Kollege Walter Fromm wollen sich als Gäste ebenfalls ein Bild vom Leben im Idyll machen. Aber eigentlich sind sie in geheimer Mission für die Kreuzer Holding unterwegs, die Adam Heise, dem Herrscher über die Siedlung, durch großzügige Geldgabe das Projekt erst ermöglichte. Neben den Meldungen über die fantastischen Errungenschaften treten nämlich auch eine Reihe von Gerüchten über seltsame Machenschaften, medizinische Experimente und das unerklärliche Verschwinden von Bewohnern an die Öffentlichkeit außerhalb von Himmelhof.

Su Turhan, erfolgreicher Regisseur und Autor, hat das klassische Science-Fiction Setting gewählt: eine von Technik gesteuerte Umgebung, die von einem größenwahnsinnigen Individuum überwacht und gelenkt wird. Neben den positiven Absichten wirken auch dunkle Abgründe, die jedoch tief im Untergrund verborgen sind und nie für die Öffentlichkeit gedacht waren. Eine vielversprechende Konzeption, die jedoch in der Umsetzung nicht ganz überzeugend gelungen ist.

Als Antagonisten stehen Adam Heise und Helen Jagdt – für meinen Geschmack eine etwas zu plakative telling name Anlage, aber das ist sicher Geschmackssache – im Zentrum der Handlung. Er der geniale Kopf hinter Himmelhof, sie die attraktive Verführerin, die ihm die Geheimnisse entlocken soll. Beide sind mir aber etwas zu wenig konsequent und unscharf angelegt; vor allem hätte ich mir von einer starken weiblichen Figur gewünscht, dass sie nicht ganz so dümmlich daherkommt, wie es bei Helen oft der Fall ist. Die anderen Figuren blieben leider völlig blass, weshalb man auch nur wenig Verbindung zu ihnen aufbauen konnte und ihr mysteriöses Verschwinden einem nicht so getroffen hat, wie es vermutlich intendiert war. Gut gefallen haben mir allerdings die Ideen für die Ausgestaltung der Smarthomes, vor allem die selbstputzenden Roboter hatten einen gewissen Charme. Die medizinische Forschung, die im Tunnelsystem unter der Siedlung durchgeführt wird, konnte mich leider gar nicht überzeugen, was vor allem daran lag, dass sie irgendwie nicht richtig zum Rest der Geschichte passen wollte. Sie blieb als Einzelaspekt immer etwas diffus und unmotiviert.

Der Plot hat durchaus Potenzial, aber irgendwie ist der Roman für mich holprig geblieben und nur teilweise plausibel und fesselnd.

Friedrich Ani – All die unbewohnten Zimmer

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Friedrich Ani – All die unbewohnten Zimmer

Drei Schüsse aus einer Wohnung, eine Frau ist tot, Chaos bricht aus. Das K111 hat scheinbar einen einfachen Fall, trotz schwieriger Personalkonstellation, denn Fariza Nasri ist wieder da, die einst im K112 unter Jakob Franck ermittelte und nun Polonius Fischer zugeteilt ist. Dann noch ein Mord, dieses Mal an einem Polizisten und Tabor Süden, Ex-Polizist und nun privater Detektiv, muss sich einmal mehr auf die Suche nach Vermissten machen. Derweil gerät die Polizei immer weiter unter Druck durch die Presse und die Zeugen wollen alle nichts gesehen haben und nichts wissen – die Lage ist schon kompliziert genug, da muss man sich nicht auch noch einmischen und die Ordnungsmacht auf einem aufmerksam machen.

Ein gewagtes Unterfangen unternimmt Friedrich Ani in seinem neuen Roman, der trotz der Morde und Ermittlungen nur wenig von einem Krimi hat: Er lässt dieses Mal die Wege seiner bekannten Figuren kreuzen und so treffen Tabor Süden, Polonius Fischer und Jakob Franck aufeinander und ermitteln parallel in München. Doch nicht nur das, die Fälle sind eingebunden in hochaktuelle politische Diskussionen um Ausländer, prekäre Lebensverhältnisse und die Überforderung der Polizei.

Ein anspruchsvoller Plot, den der Autor da kreiert hat und der aufgrund seiner Komplexität auch nur wenig Spannung aufkommen lässt. Ani springt zwischen den Figuren und Handlungssträngen hin und her und verliert sich so für mein Empfinden immer wieder. Die Idee und natürlich auch die Relevanz der Nebenkriegsschauplätze sind ohne Frage die Grundlage für einen großen Roman, aber mich konnte er nicht erreichen. Das Potenzial für drei unabhängige Geschichten wurde hier leider verschenkt, eigene Bücher, die durch Stringenz und ein konzertiertes Erzählen dieser Geschichte sicherlich packender und überzeugender hätten sein können. Obwohl ich ein großer Freund eines unaufgeregten Erzähltons bin und keineswegs eine ruhigere Gangart verabscheue, dieses Buch hat meinen Atem doch sehr herausgefordert und immer wieder brauchte es längere Lesepausen, weil es mich nicht wirklich begeistern konnte.

Hörbuchspannung im Kurzformat: David Baldacci – Der Komplize / Andreas Schmidt – Dein Leben gehört mir / Romy Fölck – Stumme Geliebte

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David Baldacci – Der Komplize / Andreas Schmidt – Dein Leben gehört mir / Romy Fölck – Stumme Geliebte

Manchmal muss ein Hörbuch einfach kurz und in einem Durchgang zu hören sein, um zu passen. Drei Mal Spannung im Kurzformat: Baldacci mit 132 Minuten, Schmidt mit 166 Minuten und Fölck mit 170 Minuten.

David Baldacci – Der Komplize

Will Robie bereitet sich auf seinen nächsten Fall vor als er zufällig zur Geisel bei einem Banküberfall wird. Unter den Opfern ist auch Oliver Stone, ein undurchsichtiger Mann, in dem Robie einen Gleichgesinnten erkennt: ebenfalls Auftragskiller oder steht er auf der anderen Seite des Gesetzes? Viel wichtiger ist jedoch zunächst die Frage, was es in genau dieser kleinen Bankfiliale so Wichtiges gibt, dass das Gangsterteam sie mit großem Gerät und offenbar gut vorbereitet überfällt.

Überzeugender Plot, der so manche Überraschung zu bieten hat und den längen Krimis von Baldacci in nichts nachsteht. Besonders passend ist hier, dass man den Eindruck hat, dass sich die Handlung in Echtzeit abspielt und man jede Sekunde miterlebt. Mit dem Fokus auf die Krimihandlung kommt die Figurenzeichnung etwas zu kurz, was jedoch dem zielgerichteten Hörgenuss keinen wirklichen Abbruch tut.

Andreas Schmidt – Dein Leben gehört mir

Maren liegt schon im Bett als sie ein seltsames Geräusch hochschrecken lässt. Sie bittet ihren Mann Paul auf dem Dachboden nachzusehen, doch dieser kehrt unverrichteter Dinge wieder nach unten. Aber etwas stimmt nicht mit Paul, auch am folgenden Morgen verhält er sich seltsam bevor er zur Arbeit geht. Maren hat nicht lange Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, denn als es an der Tür klingelt und sie öffnet, wird sie gekidnappt bevor sie irgendetwas sagen kann. Während sie gefesselt in einem Verlies wieder zu sich kommt, sieht Paul sein Leben in sich zusammenfallen, irgendwer stalkt ihn online und will ihn zerstören. Dass er nicht das einzige Opfer dieser Attacke ist, ahnt er da noch nicht.

Andreas Schmidt fackelt in „Dein Leben gehört mir“ ebenfalls nicht lange und die Handlung schreitet zügig voran. Ihm gelingt es auf der emotionalen und der Spannungsebene nennenswert besser, den Nervenkitzel umzusetzen und es fällt nicht schwer, die Verzweiflung der Figuren nachzuempfinden. Dafür jedoch war die Auflösung für mich nicht ganz überzeugend und die Tatsache, dass Paul so intensiv in die Polizeiarbeit eingebunden und auch in die geheimsten Orte im Revier vorgelassen wurde, erschien mir dann doch etwas unglaubwürdig.

Romy Fölck – Stumme Geliebte

In Lars Kaufmanns Leben läuft es zur Zeit einfach nicht. Seine Spielschulden kann er nicht bezahlen und die Handlanger seines Buchmachers haben bereits deutlichgemacht, dass ihnen nicht sehr viel an seiner Gesundheit liegt. Auch in der Kanzlei seines Vaters hat er Ärger: obwohl er der natürliche Nachfolger ist, scheint es seinem Konkurrenten zu gelingen, ihn zu verdrängen. Ein einfacher Auftrag unter der Hand scheint seine Probleme lösen zu können: für den Reeder Albert Callsen soll er eine Frau finden, die dieser seit 60 Jahren nicht mehr gesehen hat. Doch kaum hat Kaufmann die Nachforschungen aufgenommen, wird dies von einem unsichtbaren Gegner sabotiert und er muss Angst um sein Leben haben.

In knapp drei Stunden ist schon etwas mehr Zeit, um Handlung und Figuren auszuführen und so wird die Geschichte auch deutlich komplexer als bei den anderen beiden Büchern. Großes Plus für die Verknüpfung unterschiedlicher Handlungsstränge, die neben der Spannung auch Abwechslung brachten und die Charaktere mit ihrem Profil deutlich mehr schärften.

Wulf Dorn – Die Kinder

Die Kinder von Wulf Dorn
Wulf Dorn – Die Kinder

Nachdem sich der werdende Vater nicht so sehr über die Nachricht freute, wie Laura erhofft hatte und da ihre Nichte Mia und ihre Schwester Su ebenfalls eine Auszeit brauchen, beschließen die beiden Frauen in die Berghütte der Familie zu fahren, um ein paar Tage auszuspannen und Abstand zu gewinnen. Doch irgendetwas muss vorgefallen sein, denn als Sus Exmann Patrick sich besorgt aufmacht, um nach ihnen zu sehen, findet er Laura verunfallt auf einem Bergpass, seine Tochter Mia liegt tot im Kofferraum und im Auto befindet sich eine offenbar benutzte Waffe. Als die Polizei hinzukommt, ist Patrick verschwunden, ebenso wie alle Einwohner des Dorfes, nur Blutspuren finden sich überall. Die Geschichte, die Laura einem Psychologen erzählt, ist zu unglaublich, um wahr zu sein. Die junge Frau muss paranoide sein, denn anders lassen sich die Ereignisse nicht erklären.

Die Geschichte wird im Wesentlichen aus Sicht Lauras in Rückblenden geschildert, man weiß, dass mehrere Figuren verschwinden werden und dass unter anderem die kleine Mia ermordet werden wird – es geht um das Warum und das Wer und weshalb niemand das scheinbare Wüten stoppen konnte. Die Erzählungen Lauras werden jedoch durch scheinbar zusammenhanglose Einschübe unterbrochen, Kinderschicksale von überall auf der Welt werden berichtet, aber wie diese zu dem Rest der Handlung passen, bleibt lange mysteriös.

Ohne Frage bietet der Thriller einiges an Nervenkitzel und Grusel. Die Kinder verhalten sich seltsam und für die Erwachsenen unerklärlich, die üblichen Erklärungsversuche laufen ins Nichts und man steht auch als Leser vor einem Rätsel. Je weiter der Roman jedoch voranschritt, desto klarer wurde zwar einerseits, was sich zugetragen hat, andererseits fragte ich mich jedoch, wie der Autor dies plausibel auflösen und erklären möchte. Und hier liegt der Haken: spannend erzählt, wohldosierter Grusel und Gänsehaut, aber eine Erklärung, die in der Realität bestand haben könnte, bleibt der Autor dem Leser schuldig. Trotz all der guten Unterhaltung bleibt daher am Ende ein ganz großes Manko, das die Begeisterung für den Thriller doch entscheidend schmälert.