Lydia Sandgren – Gesammelte Werke

Lydia Sandgren – Gesammelte Werke

Der Göteborger Verleger Martin Berg ist immer auf der Suche nach interessanten und außergewöhnlichen Büchern. Als ihm ein Bestseller aus Deutschland angeboten wird, bittet er mangels Sprachkenntnissen seine Tochter Rakel, diesen zu lesen und eine Einschätzung abzugeben. Das Buch ist wie die Büchse der Pandora, Martin ahnt nicht, was er Rakel in die Hände gedrückt hat. Dafür hat er aktuell auch nur wenig Gedanken, sein Wallace Projekt kommt nicht voran, er sorgt sich um seinen Freund, den Maler Gustav Becker, den er seit einiger Zeit nicht mehr erreichen kann und auch sein Sohn, gerade volljährig und die Pariser Bohème entdeckend, die ihn selbst einst faszinierten und zum Studium in die französische Hauptstadt führten, bereitet ihm Sorgenfalten. Zwischen Erinnerung und dem Jetzt klafft jedoch noch eine große Wunde: Cecilia, seine Frau und Mutter der Kinder ist seit Jahren spurlos verschwunden und scheinbar lebt nur noch in seinen Erinnerungen weiter.

Lydia Sandgrens Debüt ist nicht nur aufgrund der immensen Seitenzahl – mehr als 900 – ein gewaltiges Werk. Die schwedische Psychologin hat mit „Gesammelte Werke“ sogleich den renommiertesten schwedischen Literaturpreis, den Augustpriset, gewonnen und wird sicherlich auch hierzulande die Kritiker begeistern. Es ist eines dieser Bücher, in das man auf der ersten Seite versinkt und nicht mehr auftauchen möchte, bis man den Schlusspunkt erreicht hat. Einer dieser ganz großen, außergewöhnlichen Romane, auf die man nur alle paar Jahre mal trifft und die man nicht mehr vergisst. Ihre Geschichte um die verschwundene Ehefrau ist auch eine Hommage an das Lesen, an die Literatur und die Begeisterung, die diese im Leser auslösen kann.

Zentrale Figur ist Martin, der nicht aus einer Akademikerfamilie stammt und dennoch schon in der Schulzeit von der Literatur ebenso wie von der Philosophie begeistert wird. Sein bester Freund Gustav lässt schon früh sein malerisches Talent erkennen, das ihn zu einem der größten zeitgenössischen Künstler werden lässt. Erst die Schulzeit, dann das Studium, mit einem Intermezzo in Paris – Martin und Gustav sind vom ersten Tag an unzertrennbar, auch Martins Beziehung zu Cecilia führt nicht zum Bruch, im Gegenteil, sie bildet so etwas wie das fehlende Puzzleteil, das die beiden ergänzt und komplettiert. Geistig ist sie Sparringspartner für Martin, brillant in ihrem Fachgebiet und große akademische Hoffnung, für Gustav wird sie zur Muse und Hauptmotiv. Doch dann ist sie eines Morgens spurlos verschwunden.

Die Kinder eifern ihnen nach ohne es zu wollen, leicht erkennt man die Parallelen zwischen dem jungen Martin und seinem Sohn. Auch Rakel ähnelt der Mutter zunehmend und schlägt eine ähnliche Laufbahn ein. Doch dann liest sie den beiläufig erhaltenen Roman, der plötzlich Fragen aufwirft, die sie nie gestellt hat, die jedoch bestimmend werden für ihr weiteres Leben.

Man gleitet durch die Seiten, merkt kaum, wie die Zeit vergeht, wächst mit Martin auf, verfolgt die literarischen und philosophischen Diskurse und vergisst den banalen Alltag um einen herum. Die Frage nach Cecilias Verbleib schafft zudem ein Spannungsmoment, lenkt jedoch nicht von den innerfamiliären und freundschaftlichen Dynamiken ab, die die Handlung im Wesentlichen bestimmen.

Ohne Frage eines der absoluten Highlights dieses Jahres und in einer Liga mit nur ganz ganz wenigen Büchern. Es wird interessant werden, ob es der Autorin gelingt, noch einmal einen solch herausragenden Roman zu verfassen.

Katrine Engberg – Das Nest

Katrine Engberg – Das Nest

Ein Teenager, der am Wochenende nicht nach Hause kommt. Grund zur Beunruhigung oder völlig normales Verhalten? Oscars Eltern sind besorgt, zwei Jahre zuvor waren die Inhaber eines erfolgreichen Auktionshauses schon einmal bedroht worden und ein mysteriöser Brief lässt sich nur schwer deuten. Jeppe Kørner und Anette Werner begeben sich auf die Suche, unsicher, was sie von den Eltern mit seltsamen Erziehungsansichten halten sollen. Als in einer Müllverbrennungsanlage eine Leiche auftaucht, befürchten sie Schlimmstes, doch der Fall ist viel komplexer als sie anfangs vermuten.

Bereits zum vierten Mal lässt Katrine Engberg ihr Ermittlerduo in Kopenhagen auf Verbrecherjagd gehen. Neben dem undurchschaubaren Fall geraten beide auch in emotionale Verwirrungen und stellen ihre Beziehungen in Frage. Mit jedem Band gewinnen Jeppe und Anette an Facetten hinzu ohne dabei in bekannte und schon abgedroschene Schemata zu passen. Menschliche Schwächen lassen sie authentisch wirken ohne dabei auf Kosten der Spannung zu gehen.

Der Fall wird ist clever konstruiert und schon zu Beginn schickt sie die Leser geschickt auf eine falsche Fährte, die sich zwar rasch auflöst, aber nur um durch weitere Fragezeichen ersetzt zu werden. Es ist nicht das eine Motiv, die eine Tat, die die Geschichte antreibt, es sind niedere menschliche Instinkte, Ursünden, denen gleich mehrere Figuren verfallen und denen sie sich ergeben, ohne auch nur den geringsten Gedanken daran zu verschwenden, wer die Opfer ihrer Taten sein werden.

Es braucht keine detaillierten Beschreibungen von brutaler Gewalt, um das alltägliche Grauen, das sich hinter hübschen Fassaden versteckt, zu visualisieren. Katrine Engberg nutzt das alltägliche Grauen, das so naheliegt und von dem man sich kaum distanzieren kann, um die Spannung zu erzeugen und den Leser zu erschüttern. Dies gelingt ihr auch in diesem Band fraglos hervorragend.

Friedrich Ani – Letzte Ehre

Friedrich Ani – Letzte Ehre

Fariza Nasri ist eine der besten Kommissarinnen, denn sie bringt die Menschen zu reden. Sie hört ihnen zu, gibt ihnen das Gefühl, dass sie sich bei ihr endlich alles von der Seele reden können. Nach dem Verschwinden der 17-jährigen Finja stecken die Ermittlungen fest, die Polizisten sind sich jedoch sicher, dass Stephan Barig, der Freund der Mutter, etwas damit zu tun hat. Langsam nähert sich die Oberkommissarin der Wahrheit. Sie hört Dinge, die sie nicht hören will, sich aber anhören muss und findet in dem Netz, das sie langsam webt, weitere Spuren zu einem ganz anderen Verbrechen und auch da ist sie es wieder, der das Herz ausgeschüttet wird und die die Last der Mörder auf sich nehmen muss. Dabei trägt sie auch ihre eigene Last, denn auf welcher Seite des Tisches im Befragungsraum Täter sitzen, verwischt ebenso wie die Vorstellung von Täter und Opfer.

Schon seit vielen Jahren ist Friedrich Ani eine feste Größe im deutschen Literaturbetrieb, mehrfach mit dem Deutschen Krimi Preis und anderen Ehrungen ausgezeichnet, hat er sich daneben auch als Drehbuchautor für Filme und Hörspiele einen Namen gemacht. Immer wieder erschafft er dabei ungewöhnliche Ermittler, die sich in keine Schublade pressen lassen, allen voran Tabor Süden. In „Letzte Ehre“ macht er eine Frau zur Protagonistin und wieder handelt es sich um einen Charakter, der aneckt, heraussticht, aber über genau jene speziellen Fähigkeiten verfügt, die letztlich zum Ermittlungserfolg führen.

Fariza Nasri spielt nicht guter Bulle/böser Bulle, sie konfrontiert ihre Gegenüber nicht mit Fakten, unterstellt ihnen nichts. Sie hört zu, gibt ihnen das Gefühl zu ersten Mal im Leben frei erzählen zu können. Sie haben keine Angst vor ihr, glauben sich ihr anvertrauen zu können und ahnen nicht, wie sie jedes Detail einsaugt, bis sie genug gehört hat, um zum Schlag auszuholen. So beherrscht sie in den Gesprächen ist, so emotional wird sie, als ihre Freundin überfallen und brutal misshandelt wird. Es gibt auch eine andere Seite der scheinbar völlig kontrollierten Frau, jene, die sie gut verbirgt, die ihr aber schon einmal zum Verhängnis wurde.

Neben seiner ungewöhnlichen Protagonistin besticht der Roman jedoch noch viel mehr durch die clevere Anlage gleich mehrerer Mordfälle, die so reibungslos ineinanderfließen, als wäre es geradezu zwingend von einem zum nächsten zu kommen. Spannend auch die Frage nach Schuld, Nasri kümmert sich nicht um die Emotionen der Täter, sie blickt dahinter und findet komplexe Geflechte, die, genau wie in ihrem eigenen Fall, die scheinbar so eindeutigen Grenzen der wohlgeordneten Welt verwischen.

Auch wenn viel gemordet und ermittelt wird, ein klassischer Krimi ist „Letzte Ehre“ so gar nicht. Es ist viel mehr der Blick in den Abgrund der menschlichen Psyche, der all das an die Oberfläche spült, was lange gut versteckt war, weil es hässlich und schlicht böse ist.

Steintór Rasmussen – Rache aus der Tiefe des Meeres

Steintór Rasmussen – Rache aus der Tiefe des Meeres

Schon seit Wochen haben sich die sechs Freundinnen des Strickclubs darauf gefreut ein gemeinsames Sommerwochenende in Gjógvará an der Nordostküste der färöischen Insel Eysuroy zu verbringen. Sie kennen sich bereits seit Schultagen und haben inzwischen alle Familie und Karriere. Der erste Abend beginnt feuchtfröhlich als sich zu später Stunde Bjørg entschließt, noch einen Spaziergang zu machen. Kurze Zeit später erreicht den Rest der Gruppe die Information, dass in der Nähe ein Haus in Feuer aufgegangen und darin der pensionierte Lehrer Tummas Pól  ums Leben gekommen sei. Schnell ist klar, dass dies kein Unfall und kein Suizid sein kann und von Bjørg fehlt jede Spur. Ihr Spaziergang sollte sie unmittelbar zur Unglücksstelle führen – ist sie dort dem Täter begegnet?

Steintór Rasmussen ist färöischer Sänger und Autor, „Rache aus der Tiefe des Meeres“ ist der zweite Roman der Serie um die Strickclub-Freundinnen, der zwar gelegentlich Bezug auf die vorausgegangenen Ereignisse nimmt, jedoch auch ohne Kenntnis des ersten Bandes problemlos gelesen werden kann. Gereizt hat mich an der Geschichte vor allem der Handlungsort, sind Island-Romane, insbesondere Krimis, seit vielen Jahren in großer Fülle vorhanden und erfolgreich, waren mir die Färöer-Inseln bislang literarisch unbekannt. Meine Erwartung wurde diesbezüglich auch voll erfüllt: die Landschaft und die Eigenart der Bewohner spielen eine entscheidende Rolle für die Entwicklung des Falles und liefern so neben der spannenden Mordermittlung Einblick in eine fremde Welt.

Als Leser hat man gegenüber den beiden Ermittlern Jákup und Birita einen gewissen Vorsprung, da man neben der aktuellen Handlung in der Gegenwart parallel immer wieder Erinnerungen einer Figur präsentiert bekommt, die nach und nach das Motiv für die Tat enthüllen und das Schicksal eines gebeutelten und immer wieder gedemütigten Menschen schildern. Zunächst ist dies nicht ganz in Zusammenhang zu bringen, so einfach ist dann Handlung dann nämlich doch nicht gestrickt.

Als man jedoch die Verbindung herstellen kann und nur noch die Frage bleibt, wann der Täter gefasst wird, aber nicht mehr, wer es war, verschiebt sich auch der Fokus von der Ermittlung hin zu den psychologischen Faktoren, die einen Menschen an den Rand der Existenz und in einen emotionalen und gedanklichen Ausnahmezustand bringen können. Dies nimmt zwar etwas Tempo und Spannung raus, hat mir jedoch ausgesprochen gut gefallen, weil die Entwicklung der Figuren nicht nur glaubwürdig ist, sondern auch ihr Handeln so überzeugend motiviert. Vieles dabei ist unmittelbar an die Bedingungen auf den Atlantikinseln geknüpft und kann sich nur dort zu abspielen, was der Geschichte ein besonderes Flair verleiht und sie von der Krimimasse abhebt.

Ein psychologischer Krimi in außergewöhnlicher Umgebung, der hauptsächlich von der Atmosphäre lebt. Bisweilen erscheint er sprachlich etwas ruppig, was jedoch zum Charakter der Figuren passt, die durchaus den Anschein erwecken, ein eigener Menschenschlag zu sein.

Allie Reynolds – Frostgrab

Allie Reynolds – Frostgrab

Zehn Jahre ist es her, dass Milla den Winter in den französischen Alpen verbracht hat, um sich auf einen wichtigen Snowboard Wettkampf vorzubereiten. Jetzt erhält sie eine Einladung zum Wiedersehen mit der alten Clique. Sie ist sich nicht sicher, ob sie das wirklich möchte, das Ende ihrer Zeit dort war alles andere als erfreulich. Die Neugier ist jedoch stärker, weshalb sie sich mit Curtis, Heather, Brent und Dale auf eine einsame Hütte begibt, denn die Saison hat noch nicht begonnen. Doch bald schon geschehen seltsame Dinge, die sich die fünf nicht erklären können. Doch nicht nur das ungute Gefühl, dass sie nicht alleine sind, drückt auf die Stimmung, sondern auch die Frage, was damals mit Saskia, Curtis‘ Schwester, geschah, die seither spurlos verschwunden ist.

Allie Reynolds Thriller erzählt parallel die Ereignisse der Gegenwart und Millas Erinnerungen an den Winter ein Jahrzehnt zuvor. Vieles, was die Figuren zunächst von sich geben, bleibt vorerst kryptisch und unverständlich, erst als sich mehr und mehr Puzzlesteinchen in das Bild einfügen, ergibt ihr Verhalten einen Sinn. Doch dies beantwortet noch nicht die Frage, wer hinter der ganzen Aktion steckt und ihnen offenbar Böses will. Der Autorin gelingt es so, die Spannung bis zuletzt hoch zu halten und dann eine saubere und glaubwürdige Lösung zu präsentieren.

Es ist nicht ganz einfach, Sympathien für die Figuren zu entwickeln. Die junge Milla ist zerfressen vom Ehrgeiz und steht ihrer Konkurrentin Saskia damit in nichts nach. Gegenseitig bekämpfen sie sich mit allerlei fieser Tricks, nur um als Siegerin auf dem Podest zu stehen. Auch auf Gefühle jenseits der Ski-Bretter nehmen sie dabei keinerlei Rücksicht. Die bunt gemischte Gemeinschaft lebt das sorglose Dasein der Jugend mit viel Alkohol, Party und wechselnden Bettpartnern. Die Tage werden auf der Piste verbracht und so richtige Sorgen scheinen sie alle nicht zu haben, deshalb machen sie sich selbst welche.

Auch zehn Jahre später werden sie nicht wirklich sympathischer, alle haben offenbar Geheimnisse im Gepäck und sind unfähig einander offen und freundschaftlich zu begegnen. All dies tut der Spannung und Unterhaltung jedoch keinen Abbruch, im Gegenteil, fast ein wenig schadenfroh sieht man mit an, wie einem nach dem anderen böse mitgespielt wird. Die verzögerte Erzählweise durch die Rückblicke nehmen immer wieder Tempo raus, liefern dafür aber immer weitere Deutungspunkte über den augenscheinlich vorhandenen geheimen Gegenspieler.

Es wird sehr viel über Snowboarden und irgendwelche Sprünge gesprochen, die mir leider gar nichts sagten und deren Schwierigkeit und Raffinesse ich auch nicht im Geringsten einschätzen könnte. Über diese Passagen lässt sich jedoch locker hinweglesen. Insgesamt eine fesselnde Angelegenheit, die wunderbar zum feucht-kalten Herbst oder Winter passt und bestens unterhält.

Arno Strobel – Die App

Arno Strobel – Die App

Hendrik und Linda stehen nur wenige Tage vor der Hochzeit als die junge Frau spurlos verschwindet. Hendrik kehrt von einem nächtlichen Notfalleinsatz in der Klinik zurück und sieht sich mit einem leeren Haus konfrontiert. Kein Hinweis auf den Verbleib der zukünftigen Gattin. Die Polizei interessiert sich auch nur mäßig für den Fall, doch ein Aufruf bei Facebook bringt Erfolg: Linda ist nicht die einzige, die in Hamburg spurlos verschwunden ist, die mysteriösen Vermisstenfälle häufen sich und alles deutet darauf hin, dass die SmartHome Software Adam das verbindende Element der Fälle ist. Die App sichert nicht nur das Haus, sie scheint die Kontrolle übernommen bzw. jemandem genau zu dem verholfen zu haben, was mit ihr eigentlich verhindert werden sollte: Zugang zu den geschützten, privaten Räumen.

Nach den ersten 100 Seiten der Leseprobe war ich angefixt und wollte unbedingt wissen, wie der Fall gelöst wird. Leider konnte der überzeugende, starke Auftakt die Erwartungen nicht erfüllen. Bedauerlicherweise wandelt sich der Psychothriller von einem spannenden Wettstreit Mensch gegen Computer zu einer sehr ehrvorsehbaren und reichlich abstrusen Posse, die leider jeglicher Glaubwürdigkeit entbehrt.

Konnte ich über Kleinigkeiten zunächst noch geflissentlich hinwegsehen – Hendriks Vermisstenmeldung landet nicht bei der Polizei, sondern direkt bei den Hauptkommissaren des LKA – haben mich zahlreiche Plattitüden und Nachlässigkeiten zunehmend geärgert. Der Psychologin, die Hendrik hilft und den entscheidenden Verbindungsaspekt der Fälle erkannt hat, wird mit großem Erstaunen konstatiert, dass sie ja selbstständig denken kann; Hendrik stellt drei banale Fragen und man attestiert ihm das Potenzial zum LKA Kommissar; niemand wird stutzig, als der Kommissar die zwei aufbrausende und leichtsinnige Zivilisten zu seinen Verbündeten macht, um gemeinsam mit ihnen gegen das Böse zu kämpfen. Kleine Szenen nur, die jedoch einfach ärgerlich sind, weil sie mich als Leser nicht ernst nehmen, soll man wirklich einfach alles glauben und hinnehmen?

Die Themen SmartHome und Gefahren durch KI und deren Fernsteuerung durch böse Darknet Nutzer waren noch nicht groß genug für den Roman, es musste noch ein weiterer Reißer draufgesetzt werden, der für mich zu sehr bemüht war, um ernsthaft glaubwürdig die gesamte Handlung zu motivieren. Auch das Laien innerhalb weniger Tage gelingt, woran das LKA offenkundig über Monate scheiterte – das mag es mal geben, mich überzeugen jedoch mehr realistische Handlungen.

Fazit: leider am Ende große Enttäuschung. Der Roman hatte mehr versprochen, sich dann aber leider in typischen Krimi-Versatzstücke und konstruierter Logik verloren.

Ragnar Jónasson – DUNKEL

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Ragnar Jónasson – DUNKEL

Sie hat nicht mehr lange bis zu ihrer Pensionierung, aber die letzten Monate wollte die Kommissarin Hulda Hermannsdóttir noch mit gewohntem Elan ihrer Arbeit nachgehen, doch dann eröffnet ihr Chef ihr, dass ein jüngerer Kollege sie schon in zwei Wochen ersetzten wird. Sie erbittet sich so lange noch einen Fall und greift zu einer scheinbar erledigten Sache, die ihr komisch vorkommt. Die russische Asylbewerberin Elena wurde tot am Strand aufgefunden, die Verletzungen waren nicht eindeutig einer Straftat zuzuordnen und so wurde der Fall als Suizid abgelegt. Doch weshalb sollte sich die junge Frau das Leben nehmen, gerade nachdem ihrem Asylantrag stattgegeben wurde? Hulda beginnt nachzuforschen und stößt schon bald auf weitere Details, offenbar wurde in dem Fall sehr schlampig ermittelt und ihre These von einem Mordfall nimmt immer konkretere Formen an. Je tiefer Hulda sich in die Sache vergräbt, desto weniger merkt sie jedoch, was um sie herum geschieht und dass sie selbst gerade ins Fadenkreuz gleich mehrere Menschen gerät.

„Dunkel“ ist der Auftakt zu einer offenbar eher düsteren Trilogie. Isländische Krimis leben häufig von einer melancholisch-dunklen Atmosphäre, die zu der monatelangen Dunkelheit im Land passt. Der Thriller überzeugt jedoch vor allem durch eine interessante Protagonistin, die einerseits als clevere Kommissarin punktet, jedoch auch eine zweite, verletzliche Seite hat, die bisweilen ihr Urteils- und Rechtsvermögen herausfordert. Nach und nach wird ihre Lebensgeschichte enthüllt, die wenig Erquickliches zu bieten hat und schließlich mit einem großen und vor allem unerwarteten Knall aufwartet.

Der Kriminalfall um die tote Elena bietet einige vielversprechende Spuren ohne zu schnell gelöst zu werden. Parallel erzählt werden die scheinbar letzten und verhängnisvollen Stunden der jungen Frau, so dass man sich der Auflösung von zwei Seiten annähert, bis man feststellt, dass man geschickt in die Falle gelenkt wurde und so manches scheinbar klare Faktum doch ganz anders zu deuten ist. Die größte Überraschung indes gelingt dem Autor mit dem Ende, von dem ich noch nicht weiß, wie ich es einordnen soll, unerwartet war es auf jeden Fall.

Ein gelungener Auftakt, der große Erwartungen an die Folgebände weckt. Passende Stimmung für eine außergewöhnliche Protagonistin.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor, der Serie und dem Buch selbst finden sich auf der Seite der Verlagsgruppe Random House.

Taffy Brodesser-Akner – Fleishman steckt in Schwierigkeiten

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Taffy Brodesser-Akner – Fleishman steckt in Schwierigkeiten

Als Toby Fleishman morgens wach wird, checkt er zunächst die neuen Nachrichten auf seiner Dating App. Seit seine Frau Rachel sich von ihm getrennt hat, lernt er die schönen Seiten des Single Daseins kennen und offenbar ist ein Arzt jenseits der 40 noch attraktiv, besonders für junge Frauen. Doch er wird jäh unterbrochen als er merkt, dass seine Kinder Solly und Hannah in der Wohnung sind, offenbar hat Rachel sie Mitten in der Nacht dort abgeladen, dabei wäre er erst am Wochenende wieder mit der Betreuung dran gewesen. Das allein ist seltsam genug, doch auch Tage später lässt sich die Mutter nicht mehr blicken, ist auch nicht zu erreichen. Ihre Assistentin blockt ebenfalls jeden Anruf ab und langsam wird für Toby das Leben als alleinerziehender Vater etwas schwierig, denn der Leberexperte hat eine Patientin mit seltenem Syndrom, die im Sterben liegt, während sein Freund Seth plant seine viel zu junge Freundin zu ehelichen. Doch das ist erst der Anfang.

Taffy Brodesser-Akners Roman ist auf der Longlist des diesjährigen Women’s Prize for Fiction Longlist nominiert und wurde insgesamt von den Kritiken sehr positiv aufgenommen. Die Journalistin der New York Times hat in ihrem Debut eine ganze Bandbreite von Themen in einem ausnehmend humorvollen Ton umgesetzt und ihr ist so durchaus ein unterhaltsamer, wenn auch kritischer und bisweilen nachdenklich stimmender Blick auf unsere moderne Welt gelungen, der mich restlos begeistern konnte.

Gemeinsam haben alle Figuren, dass sie ein Leben führen, dass von außen gesehen geradezu perfekt anmutet: sie gehören zu Oberschicht Manhattans, weder an Geld noch an beruflichem Erfolg mangelt es, die Kinder sind weitgehend wohlgeraten und eigentlich gibt es nicht den geringsten Grund zur Unzufriedenheit. In dem Moment jedoch, in dem die Fassaden fallen, wird deutlich, dass kaum einer von ihnen das Leben führt, das er oder sie gerne hätte. Seth ist der immer aktive und attraktive Junggeselle, der das Nacht- und Kulturleben voll ausschöpft, aber in Wirklichkeit vom biederen Familiendasein träumt. Libby, eigentliche Erzählerin und seit Jugendtagen mit Seth und Toby befreundet, arbeitet freiberuflich als Journalistin, hat aber seit Monaten keinen Satz aufs Papier gebracht. Rachel hat vor der Trennung erkannt, dass Toby nicht der Mann ist, der ihr das Leben bietet, von dem sie immer geträumt hat und dass sie selbst dafür verantwortlich ist, das entsprechende Einkommen zu generieren, was sie aber letztlich in den völligen Abgrund stürzt.

Toby ist mit der aktuellen Situation wenig zufrieden, alleinerziehend mit vorpubertären Kindern, ist sein Gleichgewicht in Schwanken geraten, denn zuvor war für ihn alles Bestens: er hatte keine großen beruflichen Ambitionen, sein Job im Krankenhaus mit den Patientenkontakten erfüllt ihn, wenn ihm danach war, spazierte er in aller Ruhe durch den Central Park nach Hause und genoss sein Leben – auf Kosten aller um ihn herum.

Es sind vor allem die oberflächliche Dating Kultur, die mit Aufkommen von entsprechenden Apps noch groteskere Züge angenommen hat, sowie der New Yorker Kampf um den schönen Schein: Job, Haus, Familie, Aussehen – alles ordnet sich diesem unter. Gerade die Frauen geraten dabei jedoch unter die Räder, wie an der abwesenden Rachel, aber auch an Libby deutlich wird. Neben der Organisation des Familienlebens – und vor allem der richtigen Kinderkontakte und den perfekten Partys – müssen sie zugleich in einer immer noch von Männern dominierten Berufswelt bestehen. Dass sie dabei auch noch attraktiv aussehen sollen und die angesagten Yoga-Kurse besuchen müssen goes without saying.

Der Autorin gelingt es, mit einer weiblichen Erzählerin das männliche Weltbild Tobys hervorragend zu transportieren: die böse Exfrau, die ihn allein mit den Kindern zurücklässt; die pubertierende Tochter, die einfach aufreizende Bilder von sich online postet (die erschreckende Ähnlichkeiten zu jenen seiner jungen Bettgenossinnen aufweisen); seine Assistenzärztin, die seine Essenseinladung ausschlägt – irgendwie verhalten sich die weiblichen Menschen um ihn herum nicht mehr planmäßig und er muss sich plötzlich anpassen. Dabei kommt er trotzdem irgendwie charmant und liebenswert daher, was das Lesen zu einer großen Freude macht. Es ist ganz sicher keine Abrechnung mit den Männern dieser Welt, aber, wie der Titel bereits andeutet, das Leben wird schwieriger für sie.

Gabriella Ullberg Westin – Der Todgeweihte

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Gabriella Ullberg Westin – Der Todgeweihte

Nächtliche Schüsse im Zentrum des beschaulichen Hudiskvall mit einem Toten und einer Schwerverletzten stellen die Polizei vor Fragezeichen. Im Umfeld der Opfer können Kriminalinspektor Johan Rokka und seine Kollegen keine Motive für den brutalen Mord finden. Doch dann werden die Ermittlungen für Rokka noch deutlich erschwert als Louise Hojier, die Frau seines Cousins und Mutter der 5-jährigen Silje, auf einer Geschäftsreise verschwindet. Eigentlich darf er in diesem Fall nicht ermitteln, aber das Personal ist knapp und so lässt man ihn nach der top Informatikerin eines erfolgreichen Start-Ups suchen. Dass sein Bruder Daniel unerwartet nach 15 Jahren Funkstille plötzlich vor ihm steht, macht die Lage auch nicht einfacher, denn Daniel ist Morphium-abhängig und offenbar todkrank. Nicht nur Johan Rokkas schwerster, sondern vor allem sein persönlichster Fall, doch wie persönlich dieser wird, ahnt er noch gar nicht…

Die Schwedin Gabriella Ullberg Westin konnte sich mit ihrer Serie um den Inspektor Johan Rokka schnell einen vorderen Platz in der Riege der skandinavischen Krimiautoren sichern. Sein dritter Fall setzt die Reihe überzeugend fort und stellt einmal mehr unter Beweis, dass auch fernab der Hauptstadt spannende Geschichten erzählt werden können. Der Protagonist steht dieses Mal mehr denn je unter Beschluss, blieb er gerade im ersten Band noch etwas undurchschaubar, wird Rokka zunehmend sympathisch und als Figur greifbarer.

Die beiden Fälle scheinen zunächst nichts miteinander zu tun zu haben, gerade der Anschlag auf die beiden jungen Kinobesucher kommt nicht voran. Dafür wird das Umfeld des Inspektors schnell interessant. Die Nebenhandlung um Amanda ist zwar recht vorhersehbar, die Bedeutung ihrer Täuschung jedoch wird erst später offenkundig. Der Fall ist als ganz persönliche Herausforderung für Johan Rokka angelegt, hätte aber durchaus auch das Potenzial zu einem Wirtschaftskrimi gehabt, diese Chance hat Ullberg Westin leider verschenkt, denn so richtig wird nicht klar, welche Bedeutung für die Sicherheitstechnik Louises Erfindung haben könnte. Dies tut der Spannung jedoch keinen Abbruch, die sich stetig steigert im Laufe der Handlung.

Ein sauber konzipierter Krimi, dessen Fäden langsam zusammenlaufen und am Ende keine Fragen offenlassen. Die Entwicklung der Figuren wird von Fall zu Fall besser, womit Ullberg Westin meine Erwartungen voll erfüllt hat.

John Marrs – Ich kenne deine Lügen

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John Marrs – Ich kenne deine Lügen

Ein ganz gewöhnlicher Morgen im Haus der Familie Nicholson, doch dieser 4. Juni wird ihrer aller Leben verändern. Schon lange leidet Vater Simon unter Schlafstörungen und häufig nutzt er das frühe Erwachen für eine Joggingrunde. Auch an diesem Morgen verlässt er das Haus, jedoch ohne Joggingschuhe und ohne zurückzukehren. Er geht einfach weg und lässt seine Frau Catherine mit den drei kleinen Kindern James, Robbie und Emily zurück. Keine Spuren gibt es von ihm und niemand weiß, ob ihm etwas zugestoßen ist, ob er überhaupt noch am Leben ist. Catherine wird Monate brauchen, bis sie wieder zu sich kommt und die Verantwortung für ihre Familie übernehmen kann. Simon begibt sich derweil auf eine Reise durch die Welt, es wird ihn nach Frankreich, Kanada, die USA und weitere Länder ziehen, bis er fünfundzwanzig Jahre später wieder vor seinem Haus und seiner Ehefrau stehen wird.

Mir ist John Marrs als Autor von nervenzerreißenden und psychologisch perfekt abgestimmten Krimis bekannt, die die Figuren an den Rand dessen treiben, was sie aushalten können. „Ich kenne deine Lügen“ funktioniert jedoch ganz anders, es beginnt mit dem Wiedersehen und langsam wird dann die Geschichte des Verschwindens aufgerollt. Lange Zeit kommt der Roman wie eine toll erzählte Geschichte von Verlust und Flucht daher, doch das Blatt wendet sich und wie aus dem nichts taucht genau das auf, was man von Marrs erwartet: ein geschicktes Spiel zweier ebenbürtiger Gegner, die sich psychologisch versiert nichts schenken.

Simons unerwarteter und scheinbar unmotivierter Weggang verwundert zunächst, kann ein Mensch nur aus Langeweile und familiärem Frust einfach so alles hinter sich lassen? Wohl kaum, aber es dauert ein wenig, bis seine wahren Beweggründe sich offenbaren und wenn man gerade denkt, ihn verstanden zu haben und womöglich sogar Verständnis für sein Handeln aufbringt, kommt der Schlag mit dem Holzhammer. Nein, die Handlung bietet keine dramatische Spannung von Beginn an, aber wenn man sich dem Ende nähert, wird man umso mehr belohnt von den Überraschungen, die der Autor vorbereitet hat und die einem aus dem Nichts treffen.

Hatte mich der Roman rein schon durch die Erzählung der 25 Jahre zwischen Weggang und Wiedersehen begeistern können – interessant entwickelt er die beiden Figuren und stellt sie unablässig vor neue Herausforderungen, hier ganz sicher eine deutliche Steigerung zu früheren Romanen, die mehr auf Action und Spannung setzen – sucht der finale Paukenschlag wirklich seinesgleichen. Immer und immer wieder wird plötzlich innerhalb kürzester Zeit alles infrage gestellt und man muss sein Konzept von dem, was wirklich geschah und die Figuren zu ihrem Handeln motivierte, überdenken.

Ein Thriller der etwas anderen Art, der sicherlich nicht jedermanns Sache ist, für mich aber gerade wegen der sehr ausgefeilten Figurenzeichnung und dem brillanten Schluss ganz klar aus der Masse herausragt.