Arno Strobel – Die App

Arno Strobel – Die App

Hendrik und Linda stehen nur wenige Tage vor der Hochzeit als die junge Frau spurlos verschwindet. Hendrik kehrt von einem nächtlichen Notfalleinsatz in der Klinik zurück und sieht sich mit einem leeren Haus konfrontiert. Kein Hinweis auf den Verbleib der zukünftigen Gattin. Die Polizei interessiert sich auch nur mäßig für den Fall, doch ein Aufruf bei Facebook bringt Erfolg: Linda ist nicht die einzige, die in Hamburg spurlos verschwunden ist, die mysteriösen Vermisstenfälle häufen sich und alles deutet darauf hin, dass die SmartHome Software Adam das verbindende Element der Fälle ist. Die App sichert nicht nur das Haus, sie scheint die Kontrolle übernommen bzw. jemandem genau zu dem verholfen zu haben, was mit ihr eigentlich verhindert werden sollte: Zugang zu den geschützten, privaten Räumen.

Nach den ersten 100 Seiten der Leseprobe war ich angefixt und wollte unbedingt wissen, wie der Fall gelöst wird. Leider konnte der überzeugende, starke Auftakt die Erwartungen nicht erfüllen. Bedauerlicherweise wandelt sich der Psychothriller von einem spannenden Wettstreit Mensch gegen Computer zu einer sehr ehrvorsehbaren und reichlich abstrusen Posse, die leider jeglicher Glaubwürdigkeit entbehrt.

Konnte ich über Kleinigkeiten zunächst noch geflissentlich hinwegsehen – Hendriks Vermisstenmeldung landet nicht bei der Polizei, sondern direkt bei den Hauptkommissaren des LKA – haben mich zahlreiche Plattitüden und Nachlässigkeiten zunehmend geärgert. Der Psychologin, die Hendrik hilft und den entscheidenden Verbindungsaspekt der Fälle erkannt hat, wird mit großem Erstaunen konstatiert, dass sie ja selbstständig denken kann; Hendrik stellt drei banale Fragen und man attestiert ihm das Potenzial zum LKA Kommissar; niemand wird stutzig, als der Kommissar die zwei aufbrausende und leichtsinnige Zivilisten zu seinen Verbündeten macht, um gemeinsam mit ihnen gegen das Böse zu kämpfen. Kleine Szenen nur, die jedoch einfach ärgerlich sind, weil sie mich als Leser nicht ernst nehmen, soll man wirklich einfach alles glauben und hinnehmen?

Die Themen SmartHome und Gefahren durch KI und deren Fernsteuerung durch böse Darknet Nutzer waren noch nicht groß genug für den Roman, es musste noch ein weiterer Reißer draufgesetzt werden, der für mich zu sehr bemüht war, um ernsthaft glaubwürdig die gesamte Handlung zu motivieren. Auch das Laien innerhalb weniger Tage gelingt, woran das LKA offenkundig über Monate scheiterte – das mag es mal geben, mich überzeugen jedoch mehr realistische Handlungen.

Fazit: leider am Ende große Enttäuschung. Der Roman hatte mehr versprochen, sich dann aber leider in typischen Krimi-Versatzstücke und konstruierter Logik verloren.

Adrian McKinty – Dirty Cops

adrian mckinty dirty cops
Adrian McKinty – Dirty Cops

Seit einiger Zeit schon ist es erstaunlich ruhig im Belfast des Jahres 1988, doch bevor Sean Duffy in seinem Revier in Carrickfergus die Füße ganz hochlegen kann, geschieht doch noch ein Mord und der hat es in sich. Mit einer Armbrust wird der kleine Drogendealer Francis Deauville in seinem Vorgarten aufgefunden. Als Unabhängiger ging er seinen Geschäften nach, aber nicht so erfolgreich, dass er den wirklich Großen im Geschäft ins Spiel gekommen wäre. Und die hätten auch eine weitaus weniger spektakuläre Waffe benutzt, um sich Deauvilles zu erledigen. Während Duffy und sein kleines Team verzweifelt nach Anhaltspunkten suchen, haben es gleich mehrere auf ihn abgesehen: nicht nur fällt er durch den Sporttest und der Arzt droht ihm, ihn aus dem Verkehr zu ziehen, auch intern muss er mit ansehen, wie seine Widersacher an ihm vorbei befördert werden. Das ist aber alles nichts im Vergleich zu dem, was er sich mit diesem Fall einhandelt, denn bald schon befindet er sich im Fadenkreuz von Special Branch und IRA gleichermaßen.

Adrian McKinty gelingt mit seiner Reihe um Sean Duffy nicht nur ein spannender Kriminalfall nach dem nächsten, sondern vor allem eine Serie, die wie kaum eine andere atmosphärisch und politisch in ihr Setting eingebunden ist. Als katholischer Polizist ist der Protagonist ein Außenseiter in Nordirland und natürliches Feindbild beider Seiten. Die Troubles dauern in den 80er Jahren noch an und vom lange ersehnten Frieden ist das kleine Land weit entfernt. Alles ist politisch und mit jedem Schritt läuft man Gefahr, in den blutigen Konflikt hineingezogen zu werden. Überzeugungstäter wie Duffy sind daher prädestiniert für Ärger auf allen Ebenen, aber gerade seine aufrechte Haltung und klare Positionierung – die jedoch Deals und kleine Gefallen nicht ausschließt – machen ihn nicht nur zu einem Sympathieträger, sondern zu genau jenen Alltagshelden, die man sich wünscht.

Sein sechster Fall beginnt kurios mit dem Armbrustmord und einem völlig chaotischen Tatort. Die Frau des Opfers liefert auch viel Raum für Spekulationen, als Bulgarin stammt sie von der anderen Seite des eisernen Vorhangs, was politische Motive ganz anderer Art vermuten lässt. Doch tatsächlich ist der Fall ganz anders und der Versuch aus den höchsten Rängen der IRA angeordert, Sean Duffy endgültig zu beseitigen – und das, wo er selbst dank seiner Kindheit in Derry gute Kontakte nach weit oben unterhält – lässt vermuten, dass etwas ganz anderes dahintersteckt.

Das geradezu biblische Ausmaß der Verstrickungen ist clever angelegt und eröffnet sich erst Schritt für Schritt. McKinty dosiert die Spannung wieder einmal perfekt und hat für mich einen in jeder Hinsicht kaum zu überbietenden politischen Krimi geschaffen, in dem es nur Graustufen gibt, denn Gut und Böse sind für Nordirland schon lange keine passenden Kategorien mehr. Mit abgeklärtem Sarkasmus lässt er Duffy seine Geschichte erzählen, wobei dieser auch seine schwache Seite in Bezug auf seine Freundin Beth und die gemeinsame Tochter zeigen darf und dadurch noch mehr Profil erhält.

Carlton Roster – Blutboden

cartton-roster-blutboden.jpg
Carlton Roster – Blutboden

Ein Krimi-Hörbuch aus dem Genre „Mit Recherche und Realismus hab ich’s nicht so, aber meine Porno- und Fetischphantasien würde ich schon gerne als Krimi präsentieren“. Eigentlich ist das scheußliche Cover schon recht wegweisend und sollte einem vom Hören abhalten. Aber zum Inhalt: Einer jungen Studentin werden brutal die Zehen abgehackt und sie findet einen grausamen Tod durch Ausbluten. Der zuständige Hauptkommissar Krüger kümmert sich nen feuchten Kehricht um den Fall und schickt stattdessen seine attraktive Marie Liebsam allein zu ihrem ersten Fall. Sie macht dann auch etwas, was man großzügig ermitteln nennen könnte, bevor sie erwartungsgemäß selbst in die Fänge des Bösen Mörders gerät.

Wer hinter dem Autorennamen „Carlton Roster“ steckt ist schwer herauszufinden, viel mehr als das „Blutboden“ sein Erstlingswerk und Auftakt einer Reihe ist, konnte ich nicht herausfinden. Es besteht keine Gefahr, dass ich an weitere Bücher oder Hörbücher des Schreibers gerate, zu sehr hat sich mir das Hörerlebnis in die Erinnerung eingebrannt. Gleich auf mehreren Ebenen kann man das Werk als geradezu bahnbrechend beschreibend. Himmelschreiend würde es aber auch ganz gut treffen.

Der Fall beginnt tatsächlich blutrünstig und spannend, man gerät direkt in die Mordszene und die Neugier ist geweckt. Interessant: es werden bei der Leiche nur neun Zehen gefunden, was die Ermittler messerscharf zur Erkenntnis führen: das muss der Beginn einer Mordserie sein oder das Opfer hatte nur neun Zehen. Joa, beides die unmittelbar logischen Schlüsse. Der Täter versteht etwas von seinem Handwerk, weshalb zunächst das Umfeld des Opfers beleuchtet wird und da ist es naheliegend, in eine große Erstsemester BWL Vorlesung mit mehreren Hundert Zuhörern zu gehen und allen zu erzählen, dass sie ermordet und wurde und jetzt um qualifizierte Beiträge zu bitten. Einzig suspekt ist jedoch der Dozent, der aber gegenüber der Polizei nicht zugeben wird, dass er diese Studentin tatsächlich näher kennt. Also ziemlich nah, denn er hat in seinem Auto mit ihr geschlafen. Lange Rede: es wird dann noch eine falsche Spur gefunden, der man nachgeht und die sogar zu einer Verhaftung führt. Jetzt ein bisschen CSI: die DNA Daten entlasten den Verdächtigen, das Ergebnis ist positiv wie der Polizist mitteilt. Also negativ, aber positiv für den Mann in Gewahrsam.

Das absolute Highlight ist aber Marie Liebsam. Sie trägt im Dienst Minikleidchen, bei dem man den Zwickel der Strumpfhose sehen kann. Das erfährt man nicht einmal, nicht zweimal, sondern jedes Mal, wenn sie ihren Auftritt hat. Sie ist die Protagonistin, das kommt also dauernd.  Nicht mit Charme, sondern ganz profan nackten Tatsachen becirct sie ihre Zeugen und Verdächtigen. Dies tut sie vorwiegend allein. Wozu auch noch einen Kollegen mitnehmen, kann die junge Polizistin in ihrem ersten Fall ganz allein, bringt sie zwar mehrfach in brutal gefährliche Lagen, aber mit Realismus war’s bei der Story ja eh nicht so. Ach ja, sie zeigt ihren messerscharfen Verstand – der offenbar gelegentlich auch schwere Aussetzer hat – und beeindruckt damit die männlichen Kollegen. Da man an der Haustür des Opfers keine Einbruchsspuren findet, erklärt sie dies mit folgender beeindruckender Überlegung: die junge Frau hat bestimmt immer die Tür offenstehen lassen. Sicher, liegt nahe bei einer jungen Frau, die frisch aus der Provinz in die Großstadt gezogen ist.

Nochmal zurück zu den Zehen, von denen ja eine fehlte. Das schien irgendwie wichtig zu sein. Wurde dann aber leider vergessen zu erklären. Ebenso woher jemand was von dem Bargeldversteck unter der Badewanne wissen konnte. Dass eine Studentin mehrere tausend Euro in ihrer Wohnung aufbewahrt, ist ja jetzt auch nicht unbedingt der Normalfall. Achtung Spoiler! sollte jemand trotz der klaren Warnung doch noch Interesse an dieser Geschichte haben, nicht weiterlesen! Dem echten Täter kommen sie dann nicht wegen Kommissar Zufall auf die Spur, sondern dieser kehrt einfach in die Wohnung des Opfers zurück, wo er – hier dann doch Kommissar Zufall – auf Marie trifft. Warum er dort ist, bleibt völlig unklar. Was er mit der Nachbarin zu tun hat, ebenso. Und außerdem wird der Fall am Ende sowieso nicht geklärt.

Fazit: beeindruckend, wie viele frauenverachtende männliche Figuren man in einer so kurzen Geschichte unterbringen kann. Auch die Dreistigkeit, mit der eine Pornodarstellerin als verantwortliche Kommissarin getarnt ermitteln darf, ist durchaus beachtenswert. Ebenfalls gelernt: alle jungen Frauen haben offenbar einen Schuhfetisch und sind sowieso nymphoman veranlagt. Aber auch alles andere ist so schräg und realitätsfern – unbedingt noch zu erwähnen: der Pathologe, der während der Obduktion das Handy greift, mit den Handschuhen, mit denen er gerade an der Leiche war, aber die zieht er dann eh aus, um mit bloßen Händen weiter zu untersuchen – dass man vor lauter Fassungslosigkeit den Ausschaltknopf nicht findet.

Mons Kallentoft/Anna Karolina – In den Klauen des Falken

kallentoft-anna-karolina-in-den-klauen-des-falken
Mons Kallentoft/Anna Karolina – In den Klauen des Falken

Der brutale Mord an einem Kollegen bringt Zack Herry seinen nächsten und schwersten Fall: er soll einen verdeckt agierenden Polizisten betreuen, der zuvor von dem getöteten Kollegen geführt wurde. Der Doppelagent sitzt offenbar ganz nah an Bogan Ravi, einem Drogenbaron, der offenbar einen großen Coup plant. Im Privatleben läuft es unerwartet gut, nachdem er die attraktive Indha kennengelernt hat. Etwas Mysteriöses umgibt die Frau, aber das erhöht nur ihren Reiz. Als Zack den Kontakt zu seinem Informanten verliert, bittet er seinen alten Freund Abdula um Hilfe, nicht wissend, dass er damit mehr als nur ihre Freundschaft riskiert. Aber es steckt noch viel mehr dahinter, womit er nicht nur sich selbst, sondern ganz Stockholm gefährdet.

Auch im fünften Band der Reihe um den schwedischen Polizisten lässt das Duo Mons Kallentoft/Anna Karolina kein bisschen nach. Einmal mehr ist der Thriller nicht nur spannend von der ersten bis zur letzten Seite, sondern überzeugt auch mit einer komplexen Handlung und interessanten Figuren. Das Thema um Zacks Herkunft wird weiterverfolgt und auch mit diesem Teil kann das Bild um seine Familiengeschichte um weitere Mosaiksteinchen ergänzt werden.

Der Thriller beginnt mit einem Knall: ein Anschlag auf die U-Bahn, doch Zack wird den Eindruck nicht los, dass ihm ganz persönlich dieses Attentat gegolten hat. Schnell rückt die Suche nach den Hintermännern und der Identität des Mädchens, das zahlreiche Opfer forderte, in den Hintergrund und wird von dem neuen Mordfall an dem Kollegen verdrängt. Dies ist nur die erste Unachtsamkeit, die die Situation völlig eskalieren lässt. Erst am Ende erkennt man das ganze Muster der unzähligen Punkte, die einzeln betrachtet unerklärlich bleiben oder mit einfachen Zuschreibungen versehen werden. Den Autoren ist es gelungen die Spuren auszulegen, ohne jedoch zu schnell zu enthüllen, wie alles zusammenpasst. Indem man als Leser immer wieder kleine Einblicke erhält und sich den Ermittlern einen Schritt voraus wähnt, wiegt man sich in Sicherheit, schneller als diese den Fall zu lösen. Doch weit gefehlt und überzeugend in die Irre geführt.

Das Autorenduo hat einmal mehr die Erwartungen übertroffen. Die Serie um Zack Herry ist für mich derzeit eine der besten Thriller Reihen, die einerseits in jedem Band abgeschlossene Fälle präsentiert, die mit hoher Spannung und Komplexität glänzen, und andererseits mit der Frage nach der wahren Identität des Polizisten ein übergreifendes Thema weiterverfolgt, das die Freude auf die Fortsetzung sofort beim Zuklappen aufkommen lässt.

Anna Tell – Nächte des Zorns. Die Unterhändlerin

anna-tell-nächte-des-zorns
Anna Tell – Nächte des Zorns. Die Unterhändlerin

Achtzehn Monate nach der Geburt ihrer Zwillinge kehrt Amanda Lund in den Polizeidienst zurück. Statt einer langsamen Wiederaufnahme wird sie jedoch direkt in einen Einsatz im Kosovo geschickt, wo ein schwedischer Polizist verschwunden ist. Der Kollege des Entführten erweist sich als korrupt und wenig vertrauenswürdig, wodurch die Verhandlungen scheitern und Amanda und ihr Partner unverrichteter Dinge nach Stockholm zurückkehren. Doch sie waren nicht die einzigen, die auf dem Balkan waren: die ehemalige Polizistin Ellen, die inzwischen für ein Sicherheitsunternehmen tätig ist, soll für ihren Chef einen Wagen aus Belgrad holen. Doch ihr kommen Zweifel an dem Vorhaben, weshalb sie zurück in der Heimat Kontakt zur Polizei aufnimmt und so das Puzzleteil liefert, das die Ermittlungen wieder in Gang bringt: das Entführungsopfer und sein Kollege sind tief in dunkle Geschäfte verwickelt und jetzt will sich jemand an ihnen rächen.

„Nächte des Zorns“ ist der zweite Band um die schwedische Unterhändlerin aus der Feder von Anna Tell. Wie auch „Vier Tage in Kabul“ hat dieser Thriller in hohes Tempo und eine komplexe Hintergrundgeschichte, die sich erst nach und nach entwirrt. Die Erfahrung der Autorin als Kriminalkommissarin und im Auslandseinsatz für das Militär wird auch hier wieder deutlich: übermäßig und sinnlos wird nicht geballert, die Sicherheit der Einsatzkräfte steht im Vordergrund und ein präzises, abgestimmtes Handeln zeichnet ihren Einsatz aus. Das unterscheidet Anna Tells Romane positiv von vielen anderen Krimis und Thrillern, die von kopflosen Superhelden leben, die in Eigenregie ohne jede Vorsichtsmaßnahme agieren und sich und andere sinnlos gefährden.

Auch wenn der Zufall in Form einer kooperativen ehemaligen Kollegin maßgeblich zum Vorankommen des Falls beigetragen hat, konnte mich der Thriller doch überzeugen. Die Spannung ist durch das rasche Erzähltempo hoch und auch in dem Moment, in dem man die Zusammenhänge als Leser durchschaut hat, wird sie durch die Frage, wie das Szenario enden wird, auf demselben Niveau gehalten. Die Protagonistin konnte mich durch die authentische Figurenzeichnung ebenfalls überzeugen. Als Mutter ist sie mit den Gedanken zwar konzentriert bei ihrem aktuellen Fall, aber immer wieder versucht sie auch, die beiden Rollen (wenn auch wenig erfolgreich) unter einen Hut zu bringen und Zeit für ihre Kinder freizuschaufeln.

Der Fall ist zunächst kaum durchschaubar, zu lose sind die Enden, die einem Anna Tell präsentiert, um darauf einen Zusammenhang zu stricken. Im Laufe der Handlung entsteht jedoch ein stimmiges Bild und die unterschiedlichen Motivationen der Figuren werden nachvollziehbar und wirken glaubwürdig. Rundum gelungene Unterhaltung.

Ein herzlicher Dank geht an den Rowohlt Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Roman und Autorin finden sich auf der Verlagsseite.

Dervla McTiernan – Todesstrom

dervla-mctiernan-todesstrom
Dervla McTiernan – Todesstrom

Seiner Frau zuliebe gibt Cormac Reilly seinen Posten bei der Spezialeinheit in Dublin für den normalen Polizeidienst in Galway auf. Das Team ist feindselig und man überlässt ihm nur ungelöste Altfälle. Nur mit Danny, den er auf der Polizeischule kennenlernte, versteht er sich einigermaßen, aber auch der kann sich keinen Reim darauf machen, weshalb man Cormac so kaltstellt. Ein Selbstmord weckt Erinnerungen an einen Fall 20 Jahre zuvor: Cormac war dem nun verstorbenen junge Mann damals begegnet, als dieser noch ein Kind war und er ihn und seine Schwester Maud aus unsäglichen Verhältnissen holte. Scheinbar hat die Gewalterfahrung aus der Kindheit doch ihre Spuren hinterlassen. Aber so einfach ist der Fall nicht, vor allem will Maud nicht an diese Theorie glauben. Zwei Jahrzehnte war sie spurlos verschwunden, doch nun ist sie wieder in Galway. Besteht zwischen dem Tod ihres Bruders und ihrem plötzlichen Auftauchen etwa ein Zusammenhang?

Dervla McTiernan stellt gleich mit ihrem Debut unter Beweis, dass sie es mit den bekannten irischen Krimi Autoren aufnehmen kann und inzwischen auch bei uns bekannten Namen wie Adrian McKinty, John Banville/Benjamin Black, John Connolly oder Catherine Ryan Howard in nichts nachsteht. Nicht nur der Fall – oder besser die Fälle, die geschickt mit einander verwoben werden – hat es in sich, vor allem konnte die Autorin mich mit dem spannenden menschlichen Zusammenspiel innerhalb der Polizei überzeugen.

Obwohl Galway die sechstgrößte Stadt Irlands ist, erweckt der Handlungsort doch eher den Eindruck eines Dorfes oder einer Kleinstadt. Alle kennen sich und jeder weiß irgendein schmutziges Geheimnis des anderen. In diesem Umfeld ist es nicht leicht für Außenseiter Fuß zu fassen und das Vertrauen zu gewinnen. Mit seinem Erfolg in der Hauptstadt sind die Schwierigkeiten für Cormac umso mehr vorprogrammiert. Die Atmosphäre, die McTiernan erschafft, legt sich über die ganze Handlung, ein ungutes Gefühl, dass noch irgendetwas im Busch ist, vom dem Cormac nichts ahnt, das aber entscheidend sein wird, lässt einem nicht los.

Besonders positiv ist mir aufgefallen, wie widersprüchlich und vielschichtig die Frauenfiguren in diesem Roman erscheinen. Statt auf plakative Schablonen zurückzugreifen, hat die Autorin sehr interessante Persönlichkeiten geschaffen, die den spannenden Krimi deutlich bereichern. Die Handlung wird geschickt aufgebaut und die Spannung steigert sich kontinuierlich bis zum großen Knall.

Ein rundum überzeugender Auftakt für die Reihe um DI Cormac Reilly, bei dem die Autorin auf saubere Ermittlungen und nicht auf Technik oder Zufall bei der Lösung des Falles setzt.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autorin und Buch finden sich auf der Internetseite der Verlagsgruppe Random House.

Sophie Hénaff – Kommando Abstellgleis

sophie-hénaff-kommando-abstellgleis
Sophie Hénaff – Kommando Abstellgleis

Anne Capestan soll eine neue Chance erhalten und das, wo sie eigentlich mit ihrem endgültigen Rausschmiss aus der Pariser Polizei gerechnet hatte. Doch bald schon geht ihr auf, dass sie, genauso wie der Rest ihres Teams, ruhigstellt werden sollen. Eine schäbige Wohnung, der man nicht ansieht, dass sich dort ein Kommissariat befindet, ausgestattet mit aussortierten Möbeln kurz vorm Zusammenbrechen und das illustre Personal bietet ebenfalls alles, was man sich wünscht: den Denunzianten, den Whistle-Blower, den Alkoholiker – all die, die nicht entlassen werden können, aber irgendwo hin müssen. Und die Aufgabe? Ungelöste Altfälle, aber ach, eigentlich ist es egal, was oder ob sie überhaupt was tun, so lange sie nur die Füße ruhig halten. Doch das kann Anne Capestan nicht und schnell merkt sie, dass sie nicht nur ein ungewöhnliches, sondern ein sehr kompetentes Team und noch dazu zwei interessante Fälle hat.

Kurz und knapp: Ein toller Auftakt für diese Serie. Im Zentrum stehen die liebevoll gezeichneten Figuren, denen man ohne Frage abnimmt, dass sie in kein normales Team passen und deshalb unbequem geworden sind. Aber eigentlich sind sie nicht nur auf ihre verschrobene Art sympathisch, sondern vor allem auch kompetent in dem, was sie tun. Ihr erster Fall, bzw. zunächst die Fälle, die dann erwartungsgemäß eine Verbindung finden, ist mehr als komplex und droht wiederholt im Sande zu verlaufen. Aber mit aufmerksamer Beobachtung und ein wenig krimineller Energie kann das Team eine überzeugende Aufklärung leisten. All das locker erzählt und ohne die unnötigen Landschafts- und Essensbeschreibungen, an denen französische Krimis seit einiger Zeit massenhaft erkrankt zu sein scheinen. Man merkt, dass die Autorin von Haus aus Kolumnenschreiberin ist, denn trotz des Kriminalfalls bleibt die Atmosphäre doch eher humoristisch denn düster-angespannt, was vor allem an den charmanten Figuren liegt, die man sofort ins Herz schließt.

Karin Boye – Kallocain

Kallocain von Karin Boye
Karin Boye – Kallocain

Der Chemiker Leo Kall blickt zurück auf die Zeit vor seiner Verhaftung und will nun endlich nach unzähligen Jahren berichten, was damals geschah. In der Chemiestadt Nr. 4 arbeitete er in einem Labor und es gelang ihm ein sagenhaftes Medikament zu erfinden, das seinen Namen tragen sollte: Kallocain. Die Wahrheitsdroge führte dazu, dass die Versuchspersonen ihre Geheimnisse preisgaben und dem totalitären Staat ihre intimsten Gedanken verrieten. Schnell wird man auf ihn aufmerksam und lädt in gemeinsam mit seinem Vorgesetzten in die Hauptstadt ein, um der Staatsführung sein Experiment vorzuführen. Doch all der Erfolg kann Leo Kall nicht vor seinen Ängsten und Unsicherheiten schützen. Sein ganzes Leben lang wird er von Alpträumen geplagt und die für ihn nach all den Ehejahren immer noch offene Frage, ob ihn seine Frau Linda überhaupt jemals geliebt hat, lässt ihn eine Entscheidung mit schwerwiegenden Folgen treffen.

Karin Boyes Roman aus dem Jahre 1940 gilt als eines der wichtigsten schwedischen Romane des 20. Jahrhunderts. Ihr letztes Werk, bevor sie sich das Leben nahm, blickt in eine düstere Zukunft und ist stark beeinflusst von den Zeichen der Zeit. Die deutschen Vorfahren der Autorin haben sie immer wieder gen Süden blicken und beobachten lassen, was sich dort in den 1930er Jahren abspielte und wohin sich die Welt bewegte.

Leo Kall lebt im sogenannten Weltstaat, der mit seiner Überwachung und starren Struktur sowohl an die Ideen Hitlers anknüpfte wie auch an die stalinistische Sowjetunion erinnert. Ersteres kommt vor allem auch in der nur am Rande angerissenen Rassentheorie zum Ausdruck, der zufolge die Menschen im Weltstaat sich genetisch stark von jenen im verfeindeten Universaalstaat unterscheiden. Das Leben wird von Geburt an vom Staat bestimmt und gelenkt und spielt sich weitgehen unter der Erde ab, es bedarf einer Sondergenehmigung, um an die Oberfläche zu kommen. Die Gesellschaft ist stark kommunistisch ohne große Hierarchien geprägt, gleichzeitig durchdringt sie aber auch eine militärische Struktur, die sich beispielsweise in der Anrede als „Mitsoldat“ niederschlägt.

Interessant ist einerseits natürlich Kalls Erfindung namens „Kallocain“, die Wahrheitsdroge, die staatsfeindliche Gedanken aufdeckt und somit eine schnelle Reaktion auf konterrevolutionäre Strömungen erlaubt. Viel spannender fand ich jedoch den Charakter Kalls selbst, der fortwährend von Unsicherheit und Zweifel geplagt wird, der gefallen will und doch beinahe durchgängig starken Ängsten ausgeliefert ist. Letztlich ist das Gefängnis für ihn ein Ort der Befreiung, denn er ist die ihn beängstigende Freiheit im Staat losgeworden und die engen Mauern bieten ihm den Schutz vor sich selbst und seinen Gedanken, den er zuvor schmerzlich vermisst hat.

Boyes Roman steht in einer Reihe mit Dystopien wie „Schöne neue Welt“ oder „1984“, die in dieselbe Entstehungszeit fallen. Gerade weil Roman und Autorin einen starken Bezug zu Deutschland haben, ist mir unverständlich, weshalb er nicht weitaus bekannter bei uns ist. Vielleicht mag die Neuübersetzung daran etwas zu ändern, in der aktuellen Zeit kann es gar nicht genug erfolgreiche Literatur, die die Folgen extremer politischer Entwicklungen aufzeigt, geben.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Buch und Autorin finden sich auf der Seite de Verlagsgruppe Random House. 

Volker Kutscher – Der nasse Fisch

der-nasse-fisch

April 1929, Gereon Rath ist gerade von Köln in die Hauptstadt gezogen; statt im Morddezernat muss er jetzt allerdings in der Sitte seinen Dienst schieben, was ihn jedoch nicht daran hindert, privat in dem Fall um den unbekannten Toten vom Landwehrkanal zu ermitteln. Schnell stößt er auf eine Spur, sein Zimmernachbar, ein Journalist, kommt ihm dabei zu Hilfe. Doch seine Ermittlungen werden nicht nur von der Unterwelt ungern gesehen, stört er doch erheblich die Ruhe, sondern auch bei der Polizei selbst macht er sich damit Feinde. Dass er zudem der Stenotypistin und Jurastudentin Charlie Ritter Avancen macht, stößt den Kollegen ebenfalls auf.

Volker Kutschers Auftakt zu Serie um Kommissar Gereon Rath verbindet gleich mehrere Themen miteinander: die politisch fragile Lage Ende der 1920er, das berühmt-berüchtigte Berliner Nachtleben der Roaring Twenties, Korruption in der Polizei und beste Verbindungen ins Milieu – wenig läuft in geordneten Bahnen und wer erfolgreich ermitteln will, muss sich unkonventioneller Methoden bedienen und unerschrocken sein Ziel verfolgen.

Parallel zur Verfilmung unter dem Titel „Babylon Berlin“ wurde in Zusammenarbeit von Radio Bremen, WDR und RBB auch eine Hörspielversion des Romans produziert und unter anderem mit Ulrich Noethen, Peter Lohmeyer, Meret Becker und Uwe Ochsenknecht prominent und überzeugend besetzt.

Die Handlung überzeugt durch komplexe Verwicklungen, ein authentisches Setting und vor allem zwei starke Protagonisten. Die Umsetzung als langes Hörspiel von fast vier Stunden konnte mich ebenfalls direkt begeistern. Die Sprecher sind hervorragend besetzt und die Ausgestaltung, insbesondere die musikalische Untermalung von Verena Guido und dem WDR Funkausorchester, könnte besser kaum sein. Nachdem ich die Verfilmung nach nur wenigen Minuten wieder aufgegeben habe, weil sie mir doch zu trostlos und wenig ansprechend erschien, hätte ich beim Hörspiel noch viele weitere Stunden zuhören können. In der ARD Mediathek sind die Folgen aktuell noch abrufbar.

Volker Heise – Außer Kontrolle

volker-heise-außer-kontrolle
Volker Heise – Außer Kontrolle

Der Abend beginnt eigentlich vielversprechend: Ja hat einen Tisch in einem teuren Restaurant gebucht, weil er Nadine einen Antrag machen will, bevor diese die Stadt verlässt und zurück in ihr Heimatdorf fährt. Tobias Naujoks, der Besitzer des etwas exklusiveren „Paris“, versucht derweil die roten Zahlen zu verdrängen, aber vielleicht geht ja was mit der neuen Praktikantin, die gefällt ihm. Währenddessen will Polizist Weber nur endlich die Anerkennung seiner Kollegen, sie machen sich über ihn lustig, hänseln ihn, doch an diesem Abend, als er zusammen mit dem harten und anerkannten Hentschel auf Streife geht, da kann er sich endlich beweisen, hofft er zumindest. Doch Hentschel hat andere Sorgen als den jungen Trottel neben ihm im Wagen, seine Frau hat sich getrennt, bestimmt wegen einem anderen und er vermutet, dass Kostic, ihr Teamleiter, dahintersteckt. Dieser fragt sich auch, was er da eigentlich tut und weshalb er sich von seiner Frau dauernd auf die Nerven gehen lässt, vielleicht kann er bei seiner Geliebten auf andere Gedanken kommen. Ein Abend in Berlin, mehrere angespannte und gereizte Menschen, die sich zufällig begegnen und schon nimmt die Geschichte ihren unheilvollen Lauf.

Volker Heises Roman beginnt in recht moderatem Tempo. Zunächst stellt er uns Jan vor, er ist aus der norddeutschen Provinz nach Berlin gekommen, hat dort aber bald schon das Studium geschmissen. Planlos dümpelt er vor sich hin und nachdem die Eltern den Geldhahn zudrehen, übernimmt er einen Job im Callcenter, wo er in Nadine eine Seelenverwandte trifft, die sich ebenfalls mehr von der Großstadt erhofft hatte. Zu diesen beiden eher traurigen Gestalten gesellt sich Naujoks, der ohne Abschluss von der Schule flog und nur zufällig in der Küche seine Heimat und Bestimmung fand. Jan und Naujoks sind gleichermaßen schon früh durch Gewalttätigkeit und geringe Impulskontrolle aufgefallen, man kann sich vorstellen, dass diese Begegnung schwierig endet. Doch dann kann Heise überraschen, denn die Handlung wird keineswegs so geradlinig fortgeführt, wie sie sich zunächst andeutete.

Was als Psychogramm von Versagern am Rand der Gesellschaft beginnt, verwandelt sich in eine rasante unheilvolle Verkettung von Ereignissen, die von Emotionen und völligem Kontrollverlust aller Figuren gekennzeichnet ist. Man starrt fassungslos auf den Text, wie dieser sich plötzlich entwickelt und eine unheimliche Geschwindigkeit aufnimmt. Man möchte die Figuren anschreien, ihnen zurufen die Ruhe und Nerven zu bewahren, aber dazu ist an diesem Abend keiner mehr fähig und am Ende bleibt ein Schlachtfeld mit unzähligen Toten und zahlreichen zerstörten Leben.

Ein Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Eine Demütigung zu viel. Der Autor, Volker Heise, bislang eher als Regisseur bekannt und ausgezeichnet, fängt in seinem Debut den kritischen Moment ein und lässt die Situation völlig eskalieren. Immer weiter treibt er seine Figuren und geradezu atemlos hofft man als Leser, dass sie irgendwie einen Ausweg finden und das Drama ein nicht ganz so schlimmes Ende nimmt. Ich war nach dem etwas schleppenden Beginn und der langen Vorstellung der zugegebenermaßen wenig als Sympathieträgern taugenden Protagonisten versucht das Buch nicht weiterzulesen – das wäre eine schlechte Entscheidung gelesen, denn „Außer Kontrolle“ ist einer dieser unscheinbaren Romane, die ihr Potenzial erst entfalten müssen, dann aber lange nachwirken.