Teju Cole – Every Day is for the Thief [Jeder Tag gehört dem Dieb]

Teju Cole – Every Day is for the Thief

Nach 15 Jahren in den USA kehrt ein namenloser Erzähler zurück in seine nigerianische Heimat. Zwischen Familientreffen und Kindheitserinnerungen erkundet er das Land, das er einst verlassen hat, da es ihm keine Zukunft zu bieten schien. Doch was er sieht, ist ernüchternd. Korruption allerorts, die Lebensverhältnisse kritisch wie eh und je, Gefahren lauern auf den Straßen ebenso wie Zuhause, Aberglaube und Vorurteile zwischen den unterschiedlichen Stämmen sind ebenso präsent wie religiöse Beteuerungen, die die Bewohner davon abhalten, ernsthafte Veränderungen anzustoßen. Schon bald hat er für sich eine eindeutige Antwort auf die Frage, ob er sich eine Rückkehr vorstellen kann, gefunden.

Auch meine vierte literarische Reise nach Nigeria in diesem Jahr ist eine Mischung aus Faszination und Schrecken. Auch wenn Teju Coles Roman bereits 13 Jahre alt ist, bleibt doch anzunehmen, dass vieles, von dem er schreibt, auch heute noch genauso Gültigkeit besitzt. Auch wenn der Text als Fiktion klassifiziert ist, erinnert er doch mehr an ein Tagebuch und ist vermutlich auch als solches entstanden. Was es jedoch ganz sicher ist, ist das Porträt einer Stadt, eines Landes in einem deplorablen Zustand, egal wie amüsant so manche geschilderte Begebenheit ist, führt man sich vor Augen, dass die der reale Alltag vieler Menschen ist, bleibt einem das Lachen im Hals stecken.

Jeder kennt die E-Mails, in denen ein Nigerianer einem um eine finanzielle Unterstützung bittet für welche im Umkehrschluss eine große Summe überwiesen wird. Man denkt ja immer, dass irgendein Computerbod sie schreibt, nein, der Erzähler sieht in einem Internetcafé genau jene Menschen, die hinter diesem Betrug stecken und tausende Mails pro Tag verfassen – wobei sie unter einem Schild sitzen, das genau jenes deutlich verbietet. Bei Flugzeugabstürzen vermutet man eher Gottes Wille als fehlende Überwachung und ordentliche Wartung – dies befreit nicht nur von notwendigen Taten, sondern stellt auch die Bevölkerung gleich wieder ruhig. Eine Busfahrt ist eine Hochrisikounternehmung, von der jeder mit einem Funken Verstand und Minimum an Geld absieht.

Ein neuer Ausweis: ein Beamter hält die Hand auf. Ein Verkehrsvergehen: ein Polizist hält die Hand auf. Dazu Jugendbanden, die ebenfalls einfach dafür, dass sie einem nicht umbringen, Geld erpressen. In Musikläden sind CDs nicht verkäuflich, gegen eine überschaubare Summe kann man dort jedoch Raubkopien erwerben. Es ist keine Welt, die er mehr kennt und besonders schmerzt ihn, dass er auch in den Museen kaum etwas über die Geschichte und Kultur des Landes sehen kann, sondern in quasi allen Ausstellungen weltweit mehr nigerianisches Kulturgut präsentiert bekommt als in Lagos.

„Religion, corruption, happiness.“ Mit diesen drei Begriffen fasst Cole schließlich seine Erfahrung zusammen, die das Land jedoch genau dahin bringen, wo es steht. Übermächtige Prediger, die die Wahrheit verblenden; Korruption in allen Bereichen des Lebens wird als quasi Gott gegeben akzeptiert und eine Kultur, in der jeder zwanghaft glücklich sein muss, was jede Chance auf Konfrontation mit dem wahren Zustand verhindert.

Ein sehr empfehlenswerter Bericht, der nicht nur inhaltlich interessant, sondern auch noch in angenehmen Plauderton verfasst ist und Einblick in die Gedankenwelt des Erzählers gibt, der sowohl Teil dieser Welt ist, aber diese auch mit einem gewissen Abstand einordnen und kommentieren kann.

Mons Kallentoft – Verschollen in Palma

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Mons Kallentoft – Verschollen in Palma

Tim Blanck konnte es nicht ertragen. Spurlos ist seine Tochter Emme auf Mallorca verschwunden und die Polizei scheint nicht gerade bemüht nach dem 16-jährigen Mädchen zu suchen. Also kündigt er seinen Job und reist selbst auf die Balearen-Insel. Drei Jahre sind inzwischen vergangen und Spuren gibt es keine. Als Privatermittler verdient er inzwischen sein Geld, sein neuer Fall schein einfach: der deutsche Unternehmer Peter Kant hat ein anonymes Schreiben erhalten, demzufolge ihn seine Frau Natascha betrügt. Es dauert nur wenige Stunden, bis Tim den Beweis dafür hat. Als er dem Auftraggeber die Fotos vorlegt, scheint dieser relativ gefasst, gewillt, mit Natascha wieder alles ins Reine zu bringen. Doch nur kurze Zeit später wird Kant verhaftet: seine Frau ist spurlos verschwunden und ihr Liebhaber tot. Ein klassischer Fall von Eifersuchtsmord. Doch Kant beteuert glaubhaft seine Unschuld und Tim will diese beweisen, vor allem nachdem Kant in der Zelle scheinbar Selbstmord begangen und einen Abschiedsbrief mit Geständnis hinterlassen hat. Doch die Schrift ist sicher nicht seine. Tim beginnt zu wühlen und ahnt nicht, mit wem er sich anlegt.

Mons Kallentoft ist seit vielen Jahren eine bekannte und vielfach ausgezeichnete Größe unter den schwedischen Krimiautoren, mich konnte er vor allem mit seinen Malin Fors und Zack Herry Reihen begeistern, die beide mit starken Figuren und komplexen Handlungen überzeugen. „Verschollen in Palma“ ist der Beginn einer womöglich neuen Reihe um den schwedischen Privatermittler auf der Mittelmeer-Insel.

Zunächst scheint völlig klar, worum es bei der Handlung geht: ein verzweifelter Vater ist auf der Suche nach seiner Tochter, hofft auch nach Jahren noch auf ein Lebenszeichen und will diese nicht aufgeben, solange es keine Gewissheit über ihren Tod gibt. Sein Job als Privatermittler scheint nur ein Nebenschauplatz, der sich dann jedoch rasant zu einem komplexen Fall ausweitete, der schlichtweg nichts auslässt: Korruption in allen Bereichen der Verwaltung und Polizei, Vetternwirtschaft schlimmster Sorte, Drogen, zwielichtige Partys, bei denen die High Society der Insel nicht nur alle Arten von Drogen konsumiert, sondern vor allem auch sehr junge Mädchen misshandelt. Es ist ein wahrer Sumpf, in den der Protagonist förmlich hineinfällt. Glaubwürdig wird das Ausmaß der Verstrickungen und des Abgrunds immer weiter ausgedehnt, bis es zu dem notwendigen Showdown kommt.

Geschickt hat der Autor den Kriminalfall aufgezogen und vor allem völlig unerwartet in eine gänzlich andere Richtung entwickelt. Das Tempo nimmt in der Erzählung stetig zu und die Geschichte wird routiniert zu einem passenden Ende geführt. Einzig, es fehlt der Schlusspunkt. Ein interessanter Aspekt, der offen lässt, was an dieser Stelle gesagt wird – auch wenn man es sich denken kann – aber auch, ob die Handlung fortgeführt werden wird. Gewohnt routiniert erzählt, aber im Vergleich zu den beiden Reihen um Malin Fors und Zack Herry für mich nicht ganz so stark.

Anna Tell – Nächte des Zorns. Die Unterhändlerin

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Anna Tell – Nächte des Zorns. Die Unterhändlerin

Achtzehn Monate nach der Geburt ihrer Zwillinge kehrt Amanda Lund in den Polizeidienst zurück. Statt einer langsamen Wiederaufnahme wird sie jedoch direkt in einen Einsatz im Kosovo geschickt, wo ein schwedischer Polizist verschwunden ist. Der Kollege des Entführten erweist sich als korrupt und wenig vertrauenswürdig, wodurch die Verhandlungen scheitern und Amanda und ihr Partner unverrichteter Dinge nach Stockholm zurückkehren. Doch sie waren nicht die einzigen, die auf dem Balkan waren: die ehemalige Polizistin Ellen, die inzwischen für ein Sicherheitsunternehmen tätig ist, soll für ihren Chef einen Wagen aus Belgrad holen. Doch ihr kommen Zweifel an dem Vorhaben, weshalb sie zurück in der Heimat Kontakt zur Polizei aufnimmt und so das Puzzleteil liefert, das die Ermittlungen wieder in Gang bringt: das Entführungsopfer und sein Kollege sind tief in dunkle Geschäfte verwickelt und jetzt will sich jemand an ihnen rächen.

„Nächte des Zorns“ ist der zweite Band um die schwedische Unterhändlerin aus der Feder von Anna Tell. Wie auch „Vier Tage in Kabul“ hat dieser Thriller in hohes Tempo und eine komplexe Hintergrundgeschichte, die sich erst nach und nach entwirrt. Die Erfahrung der Autorin als Kriminalkommissarin und im Auslandseinsatz für das Militär wird auch hier wieder deutlich: übermäßig und sinnlos wird nicht geballert, die Sicherheit der Einsatzkräfte steht im Vordergrund und ein präzises, abgestimmtes Handeln zeichnet ihren Einsatz aus. Das unterscheidet Anna Tells Romane positiv von vielen anderen Krimis und Thrillern, die von kopflosen Superhelden leben, die in Eigenregie ohne jede Vorsichtsmaßnahme agieren und sich und andere sinnlos gefährden.

Auch wenn der Zufall in Form einer kooperativen ehemaligen Kollegin maßgeblich zum Vorankommen des Falls beigetragen hat, konnte mich der Thriller doch überzeugen. Die Spannung ist durch das rasche Erzähltempo hoch und auch in dem Moment, in dem man die Zusammenhänge als Leser durchschaut hat, wird sie durch die Frage, wie das Szenario enden wird, auf demselben Niveau gehalten. Die Protagonistin konnte mich durch die authentische Figurenzeichnung ebenfalls überzeugen. Als Mutter ist sie mit den Gedanken zwar konzentriert bei ihrem aktuellen Fall, aber immer wieder versucht sie auch, die beiden Rollen (wenn auch wenig erfolgreich) unter einen Hut zu bringen und Zeit für ihre Kinder freizuschaufeln.

Der Fall ist zunächst kaum durchschaubar, zu lose sind die Enden, die einem Anna Tell präsentiert, um darauf einen Zusammenhang zu stricken. Im Laufe der Handlung entsteht jedoch ein stimmiges Bild und die unterschiedlichen Motivationen der Figuren werden nachvollziehbar und wirken glaubwürdig. Rundum gelungene Unterhaltung.

Ein herzlicher Dank geht an den Rowohlt Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Roman und Autorin finden sich auf der Verlagsseite.

Alexander Oetker – Zara & Zoë: Rache in Marseille

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Alexander Oetker – Zara & Zoë: Rache in Marseille

Ein komplizierter Fall lässt die beiden Europol Kommissare Zara von Hardenberg und ihren Kollegen Per Isaakson in Zaras provenzalische Heimat kommen. Der Tod eines Mädchens ist verdächtig und Zara spürt, dass ein großer Anschlag kurz bevorsteht. Die Ermittlungen kommen nur schwer voran, die Polizei von Marseille ist offenbar tief korrupt und in der Cité ist ohnehin niemand bereit, mit den Ermittlern zu kooperieren. Zara bleibt keine Wahl, sie muss das tun, was sie immer vermeiden wollte: sie muss ihre Schwester um Hilfe bitten. Nur Zoë kann herausfinden, was bevorsteht, denn im Gegensatz zu Zara hat sie ganz andere Möglichkeiten. Zoë nicht irgendwer, sie ist die Königin der Mafia, die die Drogengeschäfte und Waffenlieferungen kontrolliert und der sich niemand in den Weg stellt. Nach vielen Jahren ohne Kontakt stehen sich die Zwillinge nun wieder gegenüber – aber dieses Mal gemeinsam im Kampf.

Alexander Oetker kennt als ehemaliger politischer Korrespondent das schwierige Pflaster von Marseille, der französischen Stadt, die lange Zeit im Ruf stand, rein von Mafiabanden kontrolliert zu werden und wo sich Polizisten selbst bewaffnet nicht in manche Stadtviertel wagten. Der ideale Schauplatz für einen Thriller, der die eskalierende Gewalt und Kriminalität ins Zentrum stellt.

Die Handlung hat ein enorm hohes Tempo und ist insgesamt sauber und überzeugend konstruiert. Die verfeindeten Banden, die den finalen Kampf ums Revier vorbereiten, dazu die nach den zahlreichen Attentaten in Frankreich aufgeheizte Stimmung – all das wird geschickt genutzt und lässt den Fall authentisch wirken. Stärker noch als die Geschehnisse reizt das ungleiche Schwesternpaar. Zwar etwas klischeehaft gezeichnet – Zara die fleißige und gute Tochter, die einen Job bei den Strafverfolgungsbehörden annimmt einerseits, andererseits die wilde Zoë, die schon früh den Reiz der illegalen Geschäfte erkennt und rasch in der Mafia aufsteigt – gibt ihr doppeltes Spiel doch der Geschichte eine ganz eigene Note.

Rundherum ein überzeugender Thriller, der hoffentlich als Auftakt einer Serie weitere so überzeugende und unterhaltsame Bände folgen lässt.