Elizabeth Harrower – Die Träume der anderen

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Elizabeth Harrower – Die Träume der anderen

Als der Vater von Laura und Clare unerwartet stirbt, steht die Mutter mit den beiden Mädchen alleine da. Sie konnte noch nie viel mit ihnen anfangen und beabsichtigt auch jetzt nicht, sich um sie zu kümmern. Laura, die Ältere, soll auf eine Hauswirtschaftsschule, der Traum vom Medizinstudium oder als Opernsängerin ihren Lebensunterhalt zu verdienen, soll sie halt aufgeben. Die Jüngere hat noch keine Träume und als sie in das Alter kommt, welche zu entwickeln, wird auch ihr die Entscheidung abgenommen. Die Mutter beschließt Australien trotz des wütenden 2. Weltkrieges gen England zu verlassen und da Lauras Chef ohnehin noch Bedarf an einer Gattin hat, kann er das Mädchen ja heiraten und sich auch gleich um Clare kümmern. So kommen die beiden aufgeweckten und neugierigen Frauen von einem Haushalt, in dem sie von jung an auf sich alleine gestellt waren in die Fänge eines kontrollsüchtigen und jähzornigen Eigenbrötlers.

Elizabeth Harrower wurde 1928 in Sydney geboren und hat bis Ende der 1960er vier Romane verfasst, von denen jedoch bislang nur einer in deutscher Sprache verfügbar war. „Die Träume der anderen“ ist die zweite Übersetzung, die mehr als 50 Jahre nach der Veröffentlichung entstand. Bemerkenswert – und auch erschreckend – daran ist, dass die Autorin den Zeitgeist damals ebenso wie heute eingefangen hat und das Buch quasi keinerlei Aktualität eingebüßt hat.

„‘Aber gibt es nicht irgendetwas, was du gern sein möchtest?‘ Das Mädchen betrachtete sie. Laura zwang sie unglücklich zu sein. Aber das wollte sie nicht sein. Und wenn doch, dann in ihrem eigenen Tempo und aus ihren eigenen gründen.“

Die Schwestern und ihre Träume bilden den Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Interessanterweise beginnt das Buch mit der Präsentation einer recht unabhängigen Frau. Die Mutter der beiden ist hochgradig selbstbestimmt, dies geht sogar so weit, dass sie die Mutterrolle einfach ablegt und sich nicht verantwortlich erklärt. Sie verlässt ihre Töchter, um ihren eigenen Ideen nachzujagen und taucht auch später nicht mehr auf. Die vermeintlichen Freiheiten der Töchter werden jedoch durch die finanzielle Situation massiv eingeschränkt und so müssen sie sich dem Schicksal letztlich fügen.

Musste Laura früh schon die Last für ihre kleine Schwester mittragen nachdem die Eltern ausgefallen waren, drängt sie ihrerseits die Jüngere nun in die Zwangsgemeinschaft und fordert von ihr, das Leid im neuen Haushalt des Chefs mitzutragen. Es ist weniger Böswilligkeit aus dem Gedanken, dass die anderen nicht haben soll, was sie nicht bekommen konnte, als das Wissen, alleine das Leben an der Seite von Felix Shaw nicht ertragen zu können. Doch Clare kann und will sich nicht einfach einfügen und beginnt ihre Rebellion.

Der Roman leidet für meinen Geschmack unter etlichen Längen und dreht sich wiederholt im Kreis. So mühsam das Lesen an diesen Stellen wird, so beschwerlich gestaltet sich auch das Leben der Mädchen. In dieser Hinsicht ist die Passung sehr gut, überzeugt mich jedoch nicht wirklich. Auch fand ich es etwas schade, wie die Figur von Laura, die mir im ersten Teil sehr gut gefallen hat, so viel an Persönlichkeit verliert und immer mehr zur Puppe verkommt, die von Schwester und Ehemann nur noch benutzt und hin und her geschubst wird. Sicherlich war Emanzipation und völlige Entscheidungsfreiheit 1966 für junge Frauen eher im Bereich der Utopie angesiedelt, aber wäre es nicht gerade da wünschenswert gewesen, wenn die Literatur Ideen geliefert hätte und Modelle zur Orientierung hätte bieten können? Ein toller Anfang, den jedoch dann der Mut verlässt und mich am Ende etwas unglücklich mit der Geschichte zurücklässt.

Joe Heap – Die Welt in allen Farben

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Joe Heap – Die Welt in allen Farben

Zwei Frauen, deren Leben kaum verschiedener sein könnte und deren Wege sich zufällig in London kreuzen. Die Dolmetscherin Nova ist seit der Geburt blind, doch eine Operation verspricht ihr mit Anfang 30 plötzlich Zugang zur Welt der Sehenden. Im Leben der Architektin Kate ist eigentlich alles bestens, bis ihr Freund ausrastet und sie unglücklich stürzt und sich schwer verletzt. Im Krankenhaus begegnen sie sich zum ersten Mal. Während Novas Welt durch die Farben und Formen immer größer und verwirrender zu werden scheint, engt sich Kates Radius wegen zunehmender Angstattacken immer weiter ein. Als Team sind sie toll, aber so einfach ist das Leben nicht.

Wollte ich kurz und prägnant auf den Punkt bringen, worum es in Joe Heaps Roman primär geht, würde ich scheitern. Das ist auch mein einziger und größter Kritikpunkt: irgendwie war mir das zu viel in der Geschichte. Novas Entdeckung der Welt mit dem plötzlich vorhandenen Sehsinn hätte locker ausgereicht als Grundlage für eine Geschichte. Kates gewalttätiger Ehemann und ihre Schwierigkeiten, sich von ihm zu lösen und seine Reaktion auf die Trennung ebenfalls. Gleichermaßen die vorsichtige Liebesbeziehung der beiden unter schwierigen Bedingungen sowohl aus den Figuren selbst heraus, aber auch aufgrund ihres Umfelds.

„Sehregeln Nr. 275 – Sehende Menschen können Formen so gut wiedererkennen, dass sie sie anstelle von Worten verwenden. Sie hängen Bilder an Toiletten, Straßenschilder, Putzmittelflaschen, Nichtraucherzonen, Mixer und Krankenhäuser. Sie scheinen bei der Deutung nie unsicher zu sein.“

Mit der Entdeckung der Welt der Sehenden formuliert Nova für sich Regeln wie die gerade zitierte. Das war für mich der größte Gewinn an der Geschichte über die Unterhaltung hinaus. Glaubwürdig schildert Heap die Annäherung Novas an den neuen Sinn, die Verblüffung und das Hinterfragen von Dingen, die für uns völlig normal sind und daher gar nicht mehr wahrgenommen werden. Viele Schwierigkeiten, die seheingeschränkte oder blinde Menschen haben, werden einem so bewusst und lassen einem über das nachdenken, was man selten infrage stellt.

Genauso überzeugend, wenn auch schwerer zu ertragen ist Kates Verhalten gegenüber ihrem Mann. Sie wundert sich selbst über ihr Verhalten und weiß, dass es dumm und gefährlich ist, Ausreden und Beschwichtigungen zu finden, schafft aber den Schritt der Trennung nicht.

Der Roman ist emotional aufgeladen, beide Protagonistinnen haben ein ordentliches Päckchen zu tragen und sind oftmals nachvollziehbar psychisch wenig stabil. All dies wird jedoch menschlich authentisch geschildert und wirkt keineswegs überladen. Für mich punktet die Geschichte ganz besonders bei Novas Sehenlernen, das ist interessant und faszinierend fand und bei dem auch nachvollziehbar wurde, weshalb für sie das Nichtsehenkönnen durchaus auch ein attraktiver Zustand war, den sie irgendwann herbeisehnt.

Dror Mishani – Drei

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Dror Mishani – Drei

Drei Frauen, drei Schicksale. Orna ist von ihrem Mann verlassen worden und nun mit dem Sohn Eran, der wegen seiner multiplen Auffälligkeiten permanent in psychologischer Behandlung ist, alleine. Über eine Dating-App lernt sie einen Mann kennen, der in einer ähnlichen Trennungssituation zu stecken scheint und der in ihr die Hoffnung weckt, dass auch sie wieder einen Partner finden könnte, mit dem sie glücklich sein kann. Emilia sucht weniger nach dem Glück, nachdem der Mann, den sie mehrere Jahre lang gepflegt hat, verstorben ist. Die gebürtige Lettin benötigt dringend eine neue Arbeit, um in Israel bleiben zu können. Doch die Familie ihres neuen Pflegefalles ist ihr nicht wohlgesonnen. Auch Ellas Leben schenkt ihr gerade wenig Freude, die drei Kinder stressen sie und mit Mitte 30 hat sie immer noch nicht ihr Studium abgeschlossen. Eine zufällige Begegnung in einem Café bringt wenigstens wieder etwas Reiz in den Alltag.

Mir ist Dror Mishani bereits als Autor der Avi Avraham Reihe bekannt, die mich mit jedem Band begeistern konnte. In seinem aktuellen Roman „Drei“ kommt der Ermittler nicht vor, insgesamt erweckt der Roman zunächst ohnehin nicht den Anschein, überhaupt ein spannendes Element zu enthalten. Doch dann lässt Mishani sein ganzes Können zum Vorschein kommen und bietet dem Leser eine unglaublich clever konstruierte Geschichte, die einem immer wieder auf falsche Fährten schickt und die alle scheinbar losen Teile perfekt zusammenlaufen lässt.

Es ist nicht einfach zu diesem Roman eine Rezension zu schreiben ohne zu viel von der Handlung zu verraten und die wirklich gelungenen Überraschungsmomente für potenzielle Leser kaputtzumachen. Mishani brilliert auf allen Ebenen: der geniale Handlungsverlauf, der auf einer ausgeklügelten Figurenzeichnung basiert, wird durch den ruhigen, bisweilen fast monotonen Erzählton unterstützt, der vor sich hinplätschert, bis der Autor den Leser brutal aus der Lethargie reißt. Glaubt man ein Schema zu erkennen, hat man sich geirrt, so leicht lässt er einem nicht davonkommen.

Ein außergewöhnlicher Roman, der durchaus auch gesellschaftskritische Züge aufweist und so Spannung mit Anspruch gekonnt kombiniert und nur unterstreicht, weshalb Mishani aktuell als einer der besten israelischen Krimiautoren gilt.

Tanja Raich – Jesolo

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Tanja Raich – Jesolo

Andrea und Georg, beide Mitte 30 und mit beiden Beinen im Leben stehend. Sie machen Urlaub in Jesolo, weil sie immer Urlaub in Jesolo machen. Sie kennen das Hotel, den Stand mit den immer gleichen Liegen, die Umgebung und wissen, worauf sie sich einlassen. Doch statt entspannter Tage verbringen sie die schönste Zeit des Jahres mit Streitigkeiten. Ein wiederkehrendes Thema ist Andreas Weigerung, mit Georg zusammenzuziehen. Sie will ihre Freiheit nicht aufgeben, er will und kann sie nicht verstehen. Im Haus seiner Eltern ist genügend Platz, sie können die Miete sparen, haben Unterstützung. Für Andrea die Vorhölle. Doch dann teilt ihr Arzt ihr mit, dass sie schwanger ist. Sie denkt über Abtreibung nach, sagt Georg nicht Bescheid, bis sie die vermeintlich freudige Nachricht doch teilt und sich für das gemeinsame Leben entscheidet. Ein Leben, das nicht ihres ist, das sie nie wollte und das sie schon hasst, bevor es beginnt.

Tanja Raich bringt in ihrem Roman das Dilemma der heutigen Frau auf den Punkt. Jahrelang schildert man ihr die Illusion der beruflichen Selbstverwirklichung, lässt sie zur Karriere ansetzen und suggeriert ihr, dass sie die ganze Welt haben kann. Doch dann wird sie 30 und aus der ganzen Welt wird plötzlich Kinder, Küche, Kirche. Wer sich sträubt, muss den Gegenwind aushalten, Alternativen zum tradierten Rollenverständnis gibt es nicht. Ihr Erstlingswerk hat ihr die Nominierung auf der Shortlist Debüt 2019 des Österreichischen Buchpreises beschert, einer Auszeichnung, der man aufgrund ihrer Sprachversiertheit nur uneingeschränkt zustimmen kann.

Vom Ende her betrachtet, beginnt der Roman interessanterweise geradezu mit dem Auflösen der Beziehung der beiden Protagonisten. Man wundert sich, dass sie den finalen Schritt nicht endlich tun, so quälend sind ihre Auseinandersetzungen. Sie verletzten sich gegenseitig absichtlich, nichts scheint sie mehr zu verbinden. Nur nach außen erhalten sie noch den Schein. Die Zäsur kommt durch die Schwangerschaft. Lange war ich überzeugt, dass Andrea sich gegen das Kind, gegen Georg und gegen das gemeinsame Leben entscheidet. Doch dann kommt es anders und genau das, wovor sie immer Angst hatte, tritt ein. Noch stellt sie Bedingungen an das gemeinsame Leben, doch mit dem Heranwachsen des Kindes schwindet ihr Widerstand und mit ihm verschwindet Andrea:

„Das ist nur der Anfang. Dieser Strudel wird uns immer weiter nach unten ziehen. Aber vielleicht zieht dieser Strudel nur mich nach unten, während du sorglos an der Oberfläche weiterschwimmst.“

Georg realisiert seinen Traum vom Haus, von der Familie, von der Idylle auf dem Land. Immer beratend an seiner Seite: seine Eltern. Andrea ist nur ein Möbelstück, ein Accessoire, das aber bitte nicht reinreden soll:

„Was weiß ich schon von diesem neuen Leben. Darüber weißt du besser Bescheid.“

Und bald schon erkennt sie in sich die Kopie ihrer Schwiegermutter, die wartet, dass der Gatte nach Hause kommt, um ihm dann das heiße Essen zu servieren.

Wenig deutet zu Beginn des Buchs auf das hin, was Andrea widerfährt. Aber so ist nun mal das Leben und Tanja Raich schildert authentisch, wie Frauen in diese Rolle hineingedrängt werden, zunächst ganz sachte, sich irgendwann ergeben und einfach machen, was man von ihnen erwartet. Widerstand ist zwecklos bzw. der Zeitpunkt, um einen anderen Weg einzuschlagen, wurde einfach verpasst. Sie können daran verzweifeln oder sich einreden, dass das auch ihr Traum ist. Ist ja auch alles ganz toll. Nur halt nicht das, was sie vom Leben erwarteten, wovon sie träumten, was aus ihnen hätte werden können.

Dramaturgisch überzeugend, sprachlich stark – ein Debut, das mich schnell überzeugen konnte und das in seiner Aktualität nicht unterschätzt werden sollte, denn diese Generation wir irgendwann ausbrechen wollen und sich das zu holen, was man ihr versprochen hatte.

Patricia Highsmith – Carol oder Salz und sein Preis

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Patricia Highsmith – Carol oder Salz und sein Preis

Die 22-jährige Therese Belivet ist nach New York gezogen, um dort als Bühnenbildnerin zu arbeiten. Ohne die richtigen Kontakte ist das jedoch nicht so einfach und so nimmt sie einen Job in einem Kaufhaus an. In der Puppenabteilung trifft sie kurz vor Weihnachten auf Carol Aird, die für ihre Tochter nach einem Geschenk sucht. Sofort ist Therese von dieser Frau fasziniert und auch bei Carol hinterlässt diese flüchtige und zufällige Begegnung Spuren. Was folgt ist eine Liebesgeschichte, die nicht sein darf. In den USA der ausgehenden 1940er Jahre können zwei Frauen sich nicht lieben, schon gar nicht, wenn eine verheiratet ist und der gehobenen Gesellschaft angehört.

Patricia Highsmith kannte ich bislang nur als Autorin von psychologisch interessanten Krimis (The Two Faces of January, The Tremor of Forgery, The Cry of The Owl, Der talentierte Mr Ripley), eine Liebesgeschichte und vor allem in dieser Konstellation war nun doch eher unerwartet. Die Autorin ahnte sicherlich auch die Reaktionen des zeitgenössischen Publikums voraus, weshalb der Roman 1952 unter dem Pseudonym Claire Morgan erschien und erst fast 40 Jahre später Patricia Highsmith zugeordnet wurde. Interessanterweise verarbeitet Highsmith in dem Roman gleich zwei autobiografische Aspekte: sie selbst arbeitete ebenfalls als Puppenverkäuferin und hatte bei Bloomingdale’s eine ähnlich beeindruckende Begegnung wie ihre Protagonistin und ihre Beziehung mit Kathryn Cohen konnte sie ebenfalls nur im Geheimen leben.

Der Leser begleitet Therese in der Geschichte, erlebt ihre Faszination und Verliebtheit, die auch mit einiger Verwirrung einhergeht. Besonders die Annäherung der beiden Frauen ist Highsmith sehr gut gelungen, es ist nicht die überbordende Leidenschaft, sondern ein langsames Herantasten an die andere. Durch Carols Scheidung und der Kampf mit ihrem Noch-Gatten Harge um das Sorgerecht für die gemeinsame Tochter wird die Liebe verkompliziert und Therese findet sich häufig in der Situation wieder, durch das Verhalten der älteren Frau verunsichert zu werden und nicht zu wissen, ob ihre Empfindungen von Carol gleichermaßen geteilt werden und ob sie nicht nur ein temporärer Zeitvertreib ist.

Eine Liebesgeschichte mit vielen Facetten, die ferner von Kitsch kaum sein könnte und ein sehr lesenswertes Zeugnis seiner Zeit – Patricia Highsmith für mich einmal ganz anders.

Chris Cander – Das Gewicht eines Pianos

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Chris Cander – Das Gewicht eines Pianos

Es ist das Klavier des deutschen Nachbarn, das die kleine Katya in ihrer russischen Heimat jede Nacht fasziniert. Sie lauscht den Sonaten und Préludes und der unendlichen Traurigkeit, die von der Musik ausgeht. Der Besitzer spürt die Verbindung des Mädchens zu dem Instrument und so erbt sie es nach seinem Tod. Die Musik wird ihre Leidenschaft, eine, die sogar größer ist als die Liebe zu ihrem Mann Mihail, für den sie ihre Heimat verlässt, um in den USA ein besseres Leben zu finden. Doch dort erwartet sie nichts. Das Piano musste sie zurücklassen und ohne Musik ist ihr Leben leer und kalt. Auch ihr Sohn Grisha kann das nicht ändern. Claras Leben ist ebenfalls von Traurigkeit bestimmt, früh schon hat sie ihre Eltern verloren, das einzige, was ihr als Erinnerung geblieben ist, ist ein Piano, das offenbar nicht nur die Töne, sondern die auch die Gefühle vieler Jahrzehnte und unzähliger Pianisten in sich trägt.

Die amerikanische Autorin Christ Cander, deren vorherige Werke bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurden, hat viel Lob für ihren Roman erhalten, immer wieder wird die Intensität hervorgehoben, mit der sie die Rolle der Musik für ihre Figuren beschreibt. Dies war es auch, was mich am meisten begeistern konnte, obwohl mir jede Musikalität fehlt.

Die Geschichten von Katya und Clara laufen lange Zeit parallel. Es ist schnell klar, dass das Piano das verbindende Element zwischen den beiden ist, wie genau die Beziehung jedoch aussieht, löst sich erst spät auf. Unabhängig von der bildstarken Beschreibung des Klavierspiels und den Melodien vor allem der russischen Komponisten wie Alexander Skrjabin oder Peter Tschaikowksi, hat mich die Autorin mit ihren beiden Frauenfiguren gepackt. Einerseits das russische Mädchen, das ganz in der Musik aufgeht und später zur erwachsenen Frau heranreift, die nur wenig ihrem herrischen und brutalen Ehemann entgegenzusetzen hat. Metaphorisch lässt Cander ihren Sohn über sie sagen, dass Katya in Kalifornien zu Eis wurde, trotz der andauernden Hitze. Innerlich erstarrt ist die mächtige Naturgewalt im Death Valley und dem Coffin Peak die Nachaußenkehrung ihres Daseins.  Auf der anderen Seite Clara, die nicht nur keine Familie mehr hat, sondern auch ansonsten allein und planlos im Leben umherirrt. Für sie ist die Begegnung mit Greg der Moment des Loslösens von den Erinnerungen an die Zeit vor dem Tod ihrer Eltern und das Loslassen, das ihr letztlich erlaubt, ihr Leben zu beginnen.

Sicherlich sind weite Teile der Handlung vorhersehbar und die Figuren recht reduziert auf wenige Charakterzüge. Aber dies wird durch die poetische Beschreibung, mit der Cander der Musik Leben einhaucht, locker aufgewogen.

Ein herzlicher Dank geht an HarperCollinsGermany für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Buch und Autorin finden sich auf der Verlagsseite.

Veikko Bartel – Mörderinnen

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Veikko Bartel – Mörderinnen

Wer einen Menschen tötet, ist ein Mörder und schuldig. So einfach. Und manchmal genauso falsch. Veikko Bartel ist Strafverteidiger und schildert vier Fälle von Frauen, die ohne Frage einem Menschen das Leben genommen haben, aber die Frage nach ihrer Schuld ist keineswegs so einfach zu beantworten. Elvira P. tötet ihr Kind, ein grausames und verabscheuungswürdiges Verbrechen, doch was vor Gericht geschieht, lässt ihr Leben und die Tat in einem anderen Licht erscheinen. Hertha F. ist schon jenseits der 70, als sie den Mord an ihrem Mann begeht – doch wirklich daran erinnern kann sich die einstige Karrierefrau nicht mehr. Gina S. hingegen weiß sehr genau, was sie getan hat, aber die Sichtweise des Opfers ihres Mordversuchs verblüfft die Ermittler. Und Natascha G. scheint ebenfalls zwei Gesichter zu haben: das, das die Polizei sieht und das, das die Männer in ihrem Leben sehen wollen. Vier eindeutige Fälle, bei denen am Ende gar nichts mehr eindeutig ist.

„So unterschiedlich die Fälle, so verschieden meine Mandanten in Alter, Motiven, Lebensläufen waren, auf welchem Wege sie wem das Leben nahmen – eine Erkenntnis ist allumfassend: Jeder Mensch kann töten. Und er wird es tun, kommt er nur an eine ganz bestimmte Grenze.”

Das Zitat stammt aus der Einleitung des Buchs und zu diesem Zeitpunkt mag man es dem Autor noch nicht ganz glauben. Die Fälle jedoch, die er beschreibt, sind eindeutige Belege hierfür. Keine der Frauen war durch und durch böse, keine hatte Tötungsabsichten aus reiner Mordlust. Sie alle vier sind das Ergebnis der Umstände, in denen sie aufgewachsen sind bzw. leben. Sie begehen Taten, die sie sich selbst vermutlich nie hätten träumen lassen und die kaum zu dem Bild passen, das man sonst von ihnen hat. Der erste Eindruck, nachdem man von der Tat hört, muss revidiert werden und am Ende des Prozesses fragt man sich tatsächlich, ob nicht die Täterinnen die eigentlichen Opfer sind.

„Fast 20 Jahre Strafverteidigung haben mir zwei fundamentale Erkenntnisse beschert. Zum einen (das ist mein vollster Ernst): Das Gute wird siegen. Immer.
Zum anderen: Es gibt Paralleluniversen. Wenn ich am Tag nach einem Prozess, in dem ich verteidigt hatte, die Zeitungsberichte über genau dieses Verfahren las, wusste ich oft: In diesem Verfahren habe ich definitiv nicht verteidigt.”

Dies ist die andere Erkenntnis, zu der Bartel kommt und die man leicht nachvollziehen kann. Der voyeuristische Boulevard benötigt Meldungen, die in ein bestimmtes Schema passen und die sensationelle Schlagzeilen produzieren. Die Fälle der Frauen passen nicht dazu, weshalb die Darstellung in der Presse entweder verkürzt und zugespitzt wird, so dass man die Menschen dahinter gar nicht mehr erkennen kann, oder die Fälle verschwinden genauso schnell wieder in der Schublade wie sie aufgepoppt waren.

Ein lesenswertes Buch, das zwar viele intime Details offenlegt, aber den Schmalen Grat zwischen Voyeurismus und erläuternder Darstellung locker meistert. Für mich nicht nur informativ und interessant, sondern vor allem bereichernd und zum Nachdenken anregend.

Hiromi Kawakami – Die zehn Lieben des Nishino

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Hiromi Kawakami – Die zehn Lieben des Nishino

Yukihiko Nishino ist ein auf den ersten Blick unauffälliger Mann, doch irgendetwas fasziniert an ihm und die Frauen verfallen reihenweise seinem Charme. Zahlreiche Freundinnen hat er, zeitgleich, kurz nacheinander; oftmals wissen sie voneinander, vielfach ignorieren sie die anderen. Er trifft sie, er liebt sie, er telefoniert mit ihnen, trennt sich und begegnet ihnen Jahre später wieder. In der Schule, auf der Arbeit, in einem Kochkurs, die Nachbarin – überall lernt er Frauen kennen, die sich ihm ergeben. Nun erzählen sie von ihrem Liebhaber, von dem sie oftmals gar nicht wissen, ob sie ihn überhaupt geliebt haben, aber ganz sicher haben sie ihn vermisst, als er fort war.

Die japanische Autorin Hiromi Kawakami hat mit ihrem Roman ein außergewöhnliches Portrait eines Mannes geschaffen. Sie hat in ihrer Heimat zahlreiche Literaturpreise erhalten und ist seit einigen Jahren auch in Deutschland zu lesen. Ihr literarisches Feingefühl offenbart sich schon nach wenigen Seiten, wenn man nämlich durchschaut hat, dass sie in ihrem Roman die zentrale Figur immer nur vorbeihuschen lässt, sich ihm nie direkt, sondern immer nur durch andere Figuren nähert. Das diffuse Bild, das so entsteht, ist jedoch das Bild, das den Charakter Nishinos ausmacht.

Er bleibt schwer zu greifen, selbst für die Frauen, die ihn liebten:

„(…) war Nishino ein gutaussehender Mann. Adrett gekleidet, wohlerzogen und charmant. Und zur Krönung in einer renommierten Firma beschäftigt. (138)“

Die Äußerlichkeiten sind greifbar, aber eine herzliche Wärme strahlt er nicht aus. Er schläft mit den Frauen, zeigt Interesse und Zuneigung, aber es bleibt eine undefinierte Distanz, geradezu eine Kälte wie eine der Frauen beschreibt. Es ist diese Gegensätzlichkeit, die er scheinbar ausstrahlt, die die Frauen magisch zu ihm hinzieht:

„Mir gegenüber war er jedenfalls nicht besonders höflich, und besonders moralisch verheilt er sich auch nicht.“ (152)

Trotzdem fühlen sie sich geliebt – auch wenn Nishino am Ende seines Lebens Zweifel daran hegt, tatsächlich jemals geliebt zu haben. Mit jedem neuen Kapitel lernt man auch eine andere Facette Nishinos kennen. Was bleibt sind vor allem Erinnerungen an ihn, schöne Momente, die die Frauen teilten und die Erkenntnis, dass sie ihn hätten ziehen lassen dürfen.

Japanische Literatur ist immer etwas anders, man spürt die gesellschaftlichen Zwänge in ihr deutlicher als dies in manch anderer Kultur ist und die dadurch hervorgebrachte und tolerierte Untergrundkultur des Ausbruchs wird oftmals zum Schauplatz der Handlung. Was in „Die zehn Lieben des Nishino“ deutlich wird, ist die Schwierigkeit der dauerhaften Zuneigung und der tatsächlichen Liebe. Vielfach scheinen die Figuren Sex und Liebe gleichzusetzen und sich dann zu wundern, dass über die Lust hinaus nur wenig Verbindendes bleibt. Die Isolation des Individuums, von der man in vielen Gegenwartsromanen des fernöstlichen Landes lesen kann, tritt auch hier deutlich hervor. Selbst eine Heirat scheint kein inneres Bekenntnis zu sein.

Joshua Ferris – Männer, die sich schlecht benehmen

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Joshua Ferris – Männer, die sich schlecht benehmen

„Was tut ein Mann – und ich meine einen echten Mann, also, was tut ein echter Mann –, wenn er weiß, dass er einen Fehler gemacht hat?”

Dies ist eine der Fragen, die sich die Figuren in Joshua Ferris Geschichten stellen. Es geht um Beziehungen, meist zwischen Männern und Frauen, manchmal aber auch zwischen Männern und ihrer Umwelt im Allgemeinen, und all den Hürden, die diese tagtäglich mit sich bringen. Muss man die Freunde des Partners automatisch auch mögen und diverse gemeinsame Abende aushalten? Wie kommt man auf einer VIP Party am besten an, steht nicht blöd da und überwindet seine Menschenscheu? Wie erklärt man den Schwiegereltern einen Seitensprung und dass einem die eigene Frau gerade offenkundig verlassen hat? Leicht haben sie es alle nicht, aber ganz unverschuldet sind sie aber auch nicht in die kurzen Ausschnitte ihres Lebens geraten.

Joshua Ferris‘ Kurzgeschichtensammlung war mir nach Erscheinen im Original bereits aufgefallen, wo man sich allerdings mit „The Dinner Party and Other Stories“ für einen weitaus passenderen und nicht ganz zu verschreckenden Titel entschieden hat. „Männer, die sich schlecht benehmen“ hat einen Preis für nicht nur unglaublich schlechte Passung zum Inhalt, sondern auch für marktschreierisches Fishing for Aufmerksamkeit verdient, was das Buch eigentlich nicht verdient hat.

Im Zentrum der Geschichten stehen Männer und oft auch Frauen gemeinsam, denn die Beziehung, die sie verbindet, befindet sich an einem kritischen Scheidepunkt: geht es doch hoch gemeinsam weiter oder werden sich die Wege trennen? Die bestehenden Konflikte sind einem als Leser oftmals gut bekannt: Erwartungen, die der Partner nicht erfüllen kann; der Wunsch nach einem Leben, das einfach anders ist als das, in dem man sich gefangen fühlt. Die Figuren sind nicht immer Sympathieträger, ganz im Gegenteil, der Autor straft sie und ihr Verhalten oftmals auch mit feiner Ironie ab. Eine gewisse Neurotik und Selbstbezogenheit kann man kaum übersehen, aber dies macht die Figuren auch verwundbar und an dieser Stelle trifft Ferris sie und er wählt gerade einen der verletzlichsten Momente aus, der in der jeweiligen Geschichte dargestellt wird.

Nicht alle Geschichten konnten mich gleichermaßen überzeugen, mit mancher Konstellation konnte ich mehr anfangen als mit anderes, auch die Figuren sprechen mal mehr an, mal weniger. Insgesamt aber eine kurzweilige Sammlung, die vor allem durch die scharfe Beobachtungsgabe und treffsichere Umsetzung des Autors überzeugt.

Anneliese Mackintosh – Verdammt perfekt und furchtbar glücklich

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Anneliese Mackintosh – Verdammt perfekt und furchtbar glücklich

Ottila McGregor hat sich viel vorgenommen für 2014, sie will nicht nur vom Alkohol loskommen, sondern glücklich werden, verdammt glücklich. Doch das Leben macht es ihr nicht einfach, zum einen wird ihre Schwester in die Psychiatrie eingewiesen, wo sie hochgradig selbstmordgefährdet ist und Ottila sich fragt, inwieweit ihr Verhalten dazu geführt hat, dass Mina nicht mehr leben möchte. Zum anderen muss sie feststellen, dass sie eine Affäre mit der Schwester von Thales, ihrer aktuellen Flamme, hatte. Mit Hilfe ihres „Kleinen Buchs vom Glück“, in dem sie ihren Alkoholkonsum und ihre Gedanken notiert, und ihrer Therapeutin will sie alles auf die Reihe bekommen, aber so einfach wie gedacht ist das nicht.

Ottila McGregor erinnert zunächst stark an Bidget Jones, die ihre kleinen Sorgen und Nöte mit ihrem Tagebuch teilt und ebenfalls in einer unglücklichen Affäre mit ihrem Chef feststeckt und viel zu gerne viel zu viel Alkohol konsumiert. Noch stärker jedoch als bei Helen Fieldings Heldin gestaltet Anneliese Mackintosh ihren Debütroman jedoch als Kaleidoskop verschiedenster Textsorten – Tagebucheinträge, E-Mails zwischen Mutter und Tochter, Textnachrichten, Transkripte der Therapiesitzung etc. – aus denen sich erst die Handlung konstruiert. Und auch wenn humorvolle Passagen und urkomische Dialoge vorkommen, dominieren für mich in „Verdammt perfekt und furchtbar glücklich“ doch die ernsthaften Aspekte.

In erster Linie sind es Ottilas schwierige Beziehungen, zum einen mit ihrem Vater bzw. dem nicht verarbeiteten Tod des Vaters. Aber auch zu ihrer psychisch kranken Schwester und der Frage, ob sie etwas für sie hätte tun können oder gar die Situation durch ihr Verhalten verschlimmert hat. Vorwürfe, die sie sich selbst macht und die nur bedingt entkräftet werden können. Auch die Therapieformen, die Mina ausgesetzt wird, werden durchaus kritisch angesprochen, vor allem der Aspekt, dass die Angehörigen zwar informiert werden, aber letztlich doch passiv zuschauen müssen, hat einen etwas faden Beigeschmack. Wie viele Frauen Anfang 30 will Ottila eigentlich nur eine funktionierende Beziehung, die ihr Stabilität und Sicherheit gibt, doch den passenden Partner zu finden scheint ein Ding der Unmöglichkeit.

Die Art, wie Mackintosh den Leser in Ottilas Leben blicken lässt, gestaltet Roman authentisch und lebendig. Die Protagonistin ist sympathisch, gerade weil sie weit davon entfernt ist, perfekt zu sein und dies eigentlich auch gar nicht anstrebt. Sie hätte nur gerne ein kleines Stück vom Glück – wer würde ihr das übelnehmen wollen?