Sara Larsson – Die erste Lüge

sara-larsson-die-erste-lüge
Sara Larsson – Die erste Lüge

Fünf Jugendliche, ausgelassene Stimmung mit viel Alkohol und Ecstasy. Am nächsten Morgen die Ernüchterung: als Josefin wach wird und sich blutverschmiert mit zerrissenen Klamotten und unsäglichen Schmerzen im Bett wiederfindet, kommt auch die Erinnerung an das, was geschehen war zurück. Trotz der eigentlich klaren Sachlage werden Jonas, Oskar und Rikard freigesprochen, das Opfer muss neben den Schmerzen auch noch den Spott ertragen. Fast zwanzig Jahre sind vergangen und aus den Jungs sind inzwischen Männer mit beachtlichen Karrieren geworden; an die Geschehnisse ihrer Jugend verschwenden sie keine Gedanken mehr. Doch dann holt sie die Vergangenheit ein und sie müssen sich nicht nur den Tatsachen stellen, die sie damals die Wahrheit zu ihren Gunsten verdrehen konnten, sondern ihr ganzes Leben steht auf dem Spiel, wenn herauskommt, dass sie rücksichtslose Vergewaltiger sind.

Sara Larsson greift eines der beschämendsten Themen überhaupt auf: ein junges Mädchen wird misshandelt mit dokumentierten Spuren der Gewalt, aber statt ihr zu Recht zu verhelfen, erlebt sie bei den Ermittlungsbehörden eine Vorverurteilung und steht am Ende als Schuldige da, die es selbst zu verantworten hat, in diese Situation gekommen zu sein. Auch die anderen Frauenfiguren erleben Situationen, die zwar nicht dieses drastische Ausmaß annehmen, aber in denen sie ebenso letztlich männliche Gewalt erdulden und sogar (vor sich) rechtfertigen. Inzwischen hat Schweden die strengsten Gesetze was Gewalt gegen Frauen angeht, aber es sind immer noch die Menschen, die sie ausgestalten und was nicht zur Anzeige gebracht wird oder von der Polizei schon bei der Beweisaufnahme schlampig bearbeitet wird, findet auch damit keine Gerechtigkeit.

Es ist recht schnell sehr offenkundig, woher die anonyme Bedrohung kommt, lediglich Details im Wie sind noch aufzudecken. Es ist daher nicht die spannende Frage nach dem Täter oder dem, was geschehen war, das fesselt. Mich konnten vor allem die Figuren mit ihren Emotionen überzeugen. Langsam wird die arrogante Überheblichkeit Oskars demontiert. Stück für Stück verliert sein strahlendes öffentliches Bild an Glanz und er muss erkennen, dass man mit Geld nicht alles kaufen und Gewalt nicht jedes Problem lösen kann. Er fasziniert, weil er ein abgrundtief verabscheuenswerter Charakter ist, für den Frauen nur ein Mittel zu Befriedigung sind und der über keinerlei Empathie zu verfügen scheint. Gerade aber, weil er ansonsten doch ziemlich durchschnittlich wirkt, erschrickt er einem so sehr, denn das Böse kann offenbar unbehelligt mitten unter uns leben. Jonas und Rikard sind typische Mitläufer ohne Rückgrat und moralischem Gewissen, erst als sich die Schlinge auch um ihren Hals zuzieht, versuchen sie halbherzig was zu retten, aber mehr um ihrer selbst Willen und sicher nicht der Opfer wegen.

Ein drastisches, aber, wenn man sich mit der Materie befasst, durchaus realistisches Bild der westlichen Gesellschaft. Das Ganze in eine unterhaltsame fiktive Geschichte eingebettet, die zwar recht leicht durchschaubar, aber dennoch insgesamt überzeugend und spannungsgeladen ist.

Sibylle Berg – GRM. Brainfuck

sibylle-berg-grm
Sibylle Berg – GRM. Brainfuck

England nach dem Brexit. Der Klimakollaps hat das Land noch nicht eingeholt, das ist aber auch die einzige Katastrophe, die nicht über das Königreich hereingebrochen ist. Die Armen werden ärmer, die Reichen werden reicher, die Kinder und Jugendlichen sind chronisch vernachlässigt bis misshandelt, die Bevölkerung wird totalüberwacht, das Gesundheitssystem am Ende, Arbeit gibt es kaum mehr, die Computer mit ihren Algorithmen haben die Kontrolle übernommen. Vier Jugendliche, fast noch Kinder, schließen sich zusammen zu einer Zweckgemeinschaft, einem Familienersatz, und suchen nach dem Glück, das die Erwachsenen ihnen sicher nicht bieten können.

Sibylle Berg ist als Autorin bekannt, die vor harten Themen nicht zurückschreckt und mit scharfem Ton den Finger in Wunden zu legen weiß. Auch „GRM“ besticht durch eine bisweilen geradezu brutale Sprache, die nichts beschönigt, wo es nichts mehr zu beschönigen gibt, sondern die harten Wahrheiten beim Namen nennt. Die Begründung der Jury des Schweizer Buchpreises 2019 bringt schon so ziemlich alles auf den Punkt, was es zu dem Roman zu sagen gibt:

„In ihrem Roman «GRM» treibt Sibylle Berg den entfesselten Neoliberalismus auf die Spitze und attackiert eine moralisch verkommene Zwei-Klassen-Gesellschaft mit ihrer eigenen entfesselten Fantasie. Dieser Entwicklungsroman ist eine Mind Bomb von emotionaler Wucht.“

Die Geschichte befindet sich irgendwo zwischen Dystopie und beißender Satire und ist aufgrund des harten Tones, der zur Handlung hervorragend passt, keine leichte Lektüre. Die schlimmsten Auswüchse einer Gesellschaft treibt Berg einfach noch ein bisschen weiter: noch mehr Überwachung, noch mehr Gewalt (die nun auch gar niemanden mehr zu interessieren scheint), noch mehr Drogenrausch. Das Männer- und Frauenbild bewegt sich indes rückwärts und wird letztlich nur noch reduziert auf die Dichotomie „er bestimmt-sie untergibt sich“.

„Auch Rochdale wurde unerfreulich. Immer mehr Menschen bewaffneten sich, täglich gab es Schlägereien. Schwule wagten sich nach Einbruch der Dämmerung nicht mehr auf die Straßen, Frauen dito. Aber das nur am Rande, am Rande der Welt, die in eine neue Phase der Widerwärtigkeit taumelte. Ja, es ging allen besser.”

So bösartig und zynisch die Figurensteckbriefe erscheinen, reduziert und zugespitzt auf den Punkt, so sehr wachsen einem die vier Jugendlichen ans Herz.

„Die Kinder gehörten zur neu definierten Generation Z. Das Ende des Alphabets. Das Ende der Nahrungskette, gut erforscht, um Produkte besser verkaufen zu können. Sie waren die zweite Welle von Digital Natives. Körperlich verbunden mit digitaler Technologie, waren sie in Ermangelung irgendeiner Perspektive zur Darsteller-Generation geworden.”

Don, Peter, Hannah und Karen sind alle auf ihre Weise Außenseiter, von ihren Familien vergessen, von der Welt gemieden haben sie nur noch sich.

Ein Roman, der an die Substanz geht und doch in all seiner Drastik notwendig ist, damit niemand sagen kann, man hätte es ja nicht vorher wissen können. Für mich an mancher Stelle etwas zu viel, aber vermutlich hat es genau das gebraucht: ein Milieu, über das man nicht lesen will; Gewalt, die man nicht ertragen kann; eine Politik, die jede Menschlichkeit verloren zu haben scheint.

Peter Middendorp – Du gehörst mir

Peter-middendorp-du-gehörst-mir
Peter Middendorp – Du gehörst mir

Tille Storkema wächst in einem niederländischen Dorf auf einem abgeschiedenen Bauernhof auf. Seine Eltern leben so, wie es seit Generationen der Fall war, bestimmt durch den Wechsel der Jahreszeiten, dem natürlichen Gang der Dinge folgend. Als er Ada kennenlernt, wirbelt diese sein Leben durcheinander, sie hinterfragt die nie in Frage gestellten Regeln, fügt sich letztlich aber in die kleine Gemeinschaft ein, denn so etwas wie Familie hat sie selbst nie kennengelernt und vielleicht ist das der Preis für ein Zuhause. Doch dann geschieht etwas, das Tille als er bereits Vater ist, von seinem üblichen Weg abbringt. Ein junges Mädchen, eine Wiese, ein Verbrechen. Doch er wird nicht gefasst. Zwei Jugendliche Asylbewerber verdächtigt man. Und Tille muss mit der Schuld leben.

Schon wenn man den ersten Satz von Peter Middendorps Roman liest, ist einem klar, dass der Autor seine Leser nicht schonen wird. Mit dem grausamen Unfall mit dem Mähdrescher, der Tilles Vater beinahe das Leben gekostet hätte, beginnt die Geschichte und legt den Grundstein für die völlige Verstörung des Jungen, die in dessen Erwachsenenleben erst richtig dramatische Züge annehmen wird. Der Blick in den Kopf eines Mannes, dessen Horizont begrenzt ist, der nie aus seinem Dorf herausgekommen ist und an dem jede Entwicklung vorbeigegangen ist. Keine leichte Lektüre und bisweilen grenzwertig bis verstörend.

Der Roman basiert lose auf dem Mord an der 16-jährigen Marianne Vaatstra, die 1999 in der Nähe ihres Elternhauses in Zwaagwesteinde vergewaltigt und ermordet wurde und deren Tod zu Ausschreitungen gegenüber den Bewohnern eines Asylbewerberheims führten. Der Täter wurde erst 2012 dank einer großangelegten DNA Analyse ausfindig gemacht. Bis dahin lebte der Bauer unbehelligt in der Nähe des Tatortes. Bei der Verhandlung sagte er aus, dass ihm, als er das Mädchen auf dem Fahrrad sah, plötzlich der Gedanke „Du gehörst mir“ durch den Kopf geschossen war und er nicht anders handeln konnte.

Middendorp findet die passende Sprache für dieses verstörende Verbrechen, für diesen gestörten Protagonisten. Starke Parallelen zur Natur ruft er hervor, um die Verbundenheit der Bauernfamilie zu unterstreichen; kurze Sätze und knappe Dialoge versinnbildlichen das schlichte Gemüt Tilles, der das Geschehen als Unfall sieht, der leider unvermeidlich war. Unfälle passieren halt, ohne dass jemand etwas dafür könnte. Ein schockierendes Buch, das so manchem Leser auch schwer zusetzen dürfte.

Alafair Burke – The Wife

alafair-burke-the-wife
Alafair Burke – The Wife

Nach einer schrecklichen Entführung in ihrer Jugend scheint Angela endlich das zauberhafte Leben führen zu können, von dem sie in ihrer ärmlichen Kindheit immer geträumt hat. An der Seite des Wirtschaftsprofessors und erfolgreichen Beraters Jason Powell verbringen sie und ihr Sohn Spencer sorgenlose Tage – bis eine Praktikanten unglaubliche Anschuldigungen erhebt: Jason habe sie sexuell belästigt. Dieser streitet den Vorfall ab und misst ihm keine große Bedeutung bei. Bis eine weitere Frau auf den Plan tritt und Vergewaltigungsvorwürfe erhebt. Dieses Mal scheint die Beweislage eindeutiger, aber Angela hält zu ihrem Mann. Sie kann und will nicht glauben, was die Frauen behaupten, vor allem, weil diese scheinbar auch die Gelegenheit nutzen möchten, mit einer geschickten Erpressung Nutzen aus der Situation zu ziehen. Je länger sich die Affäre hinzieht und je mehr Details über Jason an die Öffentlichkeit geraten, desto mehr wachsen auch Zweifel in Angela, wichtiger jedoch als dieser Fall ist ihr noch etwas gänzlich anderes, das sie vor der reißerischen presse schützen muss.

Alafair Burke wählt ein Szenario, das viel Spannung verspricht und Potenzial für zahlreiche Verwicklungen und Wendungen hat, jedoch auch bereits mehrfach als Basiskonzeption gewählt wurde. Im Vergleich zu ähnlichen Stories konnte mich die Autorin nicht ganz überzeugen, was vor allem an der Protagonistin lag, die für mich etwas zu diffus blieb und mich nicht wirklich für sie einnehmen konnte.

Der Spannungsaufbau kann überzeugen, immer weiter zieht sich die Schlinge um den untreuen Gatten, immer mehr Enthüllungen lassen ihn in einem immer schlechteren Licht erscheinen. Auch wenn einem die Mutmaßungen, dass die Frauen geschickt seine Lage nutzen möchten, um sich selbst zu bereichern, glaubwürdig ist, kommt er doch nicht auch ganz schadlos aus der Nummer heraus. Aufgrund der gewählten Erzählperspektive bleiben bei Jason Lücken, so dass man nicht sicher sein kann, wie weit er gehen würde und ob man seinen Aussagen trauen kann. Da man sich als Leser immer auf Angelas Seite befindet und sie das offenkundig wahre Opfer ist – gleich in mehrfacher Hinsicht – ist man geneigt, für sie eher Sympathie zu empfinden und ihr Glauben zu schenken. Leider lässt sich dies nicht lange genug aufrechterhalten und man kann daher die letztlichen Entwicklungen schon bald sehr deutlich vorhersehen.

Insgesamt überzeugender Plot, der jedoch für mich im Detail bei der Figurengestaltung etwas schwächelt und leider im letzten Drittel zu vorhersehbar wird und dadurch an Spannung verliert. Daher das Fazit: solide Unterhaltung, die aber noch steigerungsfähig gewesen wäre.

Dror Mishani – Die schwere Hand

dror-mishani-die-schwere-hand
Dror Mishani – Die schwere Hand

Der Mord an Lea Jäger wird zur Zerreißprobe für die Polizei in Cholon. Die Frau war einige Jahre zuvor vergewaltigt worden und hatte ihren Peiniger angezeigt und ins Gefängnis gebracht. Dessen Familie schwor Rache. Ein Nachbar will einen Streit gehört haben und danach habe ein Polizist das Haus des Opfers verlassen. Für Avi Avraham eine eindeutige Spur, bei seinen Kollegen jedoch stößt dies auf erheblichen Widerstand, gegen die Kollegen ermittelt man nicht und so stürzten sie sich auf den Sohn der Ermordeten, dessen Alibi nach und nach immer größere Löcher aufweist. Sein neuer Job als Leiter der Ermittlungen fordert alles von Avi, doch er hat verbündete und so kommen sie bald einer noch ganz anderen Spur auf die Fährte.

Beim zweiten Roman nach „Vermisst“, den ich von Dror Mishani gelesen habe, kann mich der Protagonist deutlich mehr begeistern. Avi Avraham tritt als entschiedener Polizist auf, der sich nicht von der konzentrierten und akribischen Arbeit abbringen lässt und auch die zunehmenden Widerstände aushält. Einmal mehr ist der Fall jedoch ausgesprochen komplex konstruiert und bietet gänzlich unerwartete Entwicklungen, die erkennen lassen, dass der Autor als Professor für Kriminalliteratur nicht nur Versatzbausteine verwendet, sondern etwas Neues schaffen kann.

„Die schwere Hand“ überzeugt vor allem durch die psychologischen Aspekte. Die vergewaltigten Frauen leiden seit Jahren unter den Traumata, die das Erlebte bei ihnen hinterlassen hat. Mishani lässt dies geschickt in die Handlung einfließen, um ihr Verhalten glaubwürdig zu motivieren und zugleich bricht er sie nicht auf Eindimensionalität herunter, sondern schildert gerade die Vielschichtigkeit, die hierdurch entsteht. Aber nicht nur die Frauen leiden darunter, auch an ihren Partnern geht das Ereignis nicht spurlos vorbei und kann zu dramatischen Reaktionen führen. Eine runde Geschichte, die restlos überzeugt.

Roxane Gay – Hunger

roxane-gay-hunger
Roxane Gay – Hunger

„Je erfolgreicher ich werde, desto öfter werde ich daran erinnert, dass ich für sehr viele Menschen niemals mehr sein werde als mein Körper. Egal, was ich leiste, zuallererst werde ich immer dick sein.”

Wenn die Menschen den Namen Roxane Gay hören oder lesen, weiß zumindest das US-amerikanische Publikum, dass es sich um eine sehr erfolgreiche Autorin, Professorin und Feministin handelt. Wenn sie dem Menschen Roxane Gay zum ersten Mal begegnen, sind viele jedoch erschrocken, denn mit dieser Person haben sie nicht gerechnet. Roxane Gay ist nicht nur schwarz, sondern auch noch dick. Sehr dick. Weit über das Maß von adipös hinaus. Vergessen ist in diesem Moment, was sie an intellektueller Leistung erbringt, es zählt nur noch der Körper, der alles andere verdrängt und ein finales Urteil beim Betrachter auslöst. Meist kein sehr schmeichelhaftes. Die Autorin ist sich dessen bewusst, schon lange lebt sie damit, doch nun erzählt sie ihre Geschichte hinter dem Gewicht. Die Geschichte eines Mädchens, das mit 12 Jahren brutal von mehreren Jungs vergewaltigt wird und danach beginnt, ihren Körper zu hassen.

 

„Ich habe angefangen zu essen, um meinen Körper zu verändern. Das hatte ich wirklich gewollt. Ein paar Jungs hatten mich zerstört, und ich hatte es fast nicht überlebt. Ich wusste, ich würde keinen zweiten Übergriff dieser Art ertragen, und deshalb habe ich gegessen, weil ich dachte, wenn mein Körper abstoßend wäre, würde das die Männer von mir fernhalten.”

Die junge Roxane fühlt sich schuldig und sieht sich nicht in der Lage, mit jemandem über das zu reden, was ihr geschehen ist. Es beginnen Jahres des Martyriums. Als Teenager versucht sie, sie hinter ihrem Körper zu verstecken, ein Schutzschild aufzubauen und Menschen nicht zu nahe an sich herankommen zu lassen. Ihr Umfeld sieht nur die Kilos und versucht mit zweifelhaften guten Tipps ihre Lage zu verbessern.

In ihren 20ern gerät ihr Leben völlig aus dem Ruder. Neben der unkontrollierten Nahrungsaufnahme behandelt sie ihren Köper wenig rücksichtsvoll, geradezu fahrlässig begibt sie sich in Gefahr und verliert jede Bindung zu ihm. Erst jenseits der 30 kann sie langsam in einem stabilen Leben beginnen, das aufzuarbeiten, was geschehen ist. Sie kann nicht ungeschehen machen, was man ihr angetan hat und ebenso kommt sie nicht aus diesem Körper heraus, der auf sie wie ein Käfig wirkt, in dem sie gefangen ist. Sie sieht, was möglich wäre, aber ihr Leben ist das, was sie erlebt hat und was es aus ihr gemacht hat.

Erst fast 30 Jahre nach den Ereignissen kann sie dieses Buch schreiben. Sie springt in ihren Gedanken vor und zurück, man merkt, dass der Schreibprozess Teil der Verarbeitung ist. Doch die dadurch lebendige Erzählung lässt den Bericht authentisch wirken, ihre Wut und Verzweiflung wirken so eindrücklicher als bei einem glatt gebügelten Text. „Hunger“ beschäftigt sich jedoch nicht nur mit ihr, sondern auch mit der Gesellschaft und deren Reaktion auf Dicke. Sie schreibt von sensationslüsternen Sendungen wie „The Biggest Loser“ und absurden Diätprogrammen über alltägliche Probleme in Restaurants oder beim Kleidung kaufen; von dem Versuch Körperkontakt um jeden Preis zu vermeiden und dafür gesundheitliche Schäden in Kauf zu nehmen, nur um den Arztbesuch zu vermeiden; von Vorurteilen und dem schwierigen Umgang mit dem Selbsthass, den sie empfindet.

Roxane Gay konfrontiert den Leser mit allerhand, das macht das Buch nicht immer einfach, aber sie bricht eine Lanze für all diejenigen, denen nicht die Chance gegeben wird, das zu sagen, was sie zu sagen hätten, wenn man hinter die Fassade blicken würde.

Laurie Halse Anderson – Speak

laurie-halse-anderson-speak
Laurie Halse Anderson – Speak

Alle hassen Melinda Sordino, niemand will mehr mit ihr befreundet sein, nachdem sie bei einer legendären Party im Sommer die Polizei gerufen hat. Nur Heather, die neu an der Schule ist, spricht noch mit ihr. Melinda geht es zunehmend schlechter, sie hat nicht ohne Grund die Polizei gerufen an diesem Abend, sie wusste einfach nicht, was sie tun sollte, nachdem sie von Andy Evans vergewaltigt worden war. Doch sie kann mit niemandem darüber sprechen. Sprechen fällt ihr ohnehin zunehmend schwerer und deshalb schweigt sie. Gegenüber den Mitschülern, gegenüber den Lehrern, gegenüber den Eltern. Ihre Noten werden immer schlechter, sie schwänzt die Schule, versteckt sich in einer Abstellkammer, ihrer einzigen Zuflucht, aber statt sie zu fragen, was mit ihr los ist und die Depression und post-traumatische Störung zu erkennen, wird sie als renitente Schülerin abgestempelt.

Das Jugendbuch „Speak“ ist inzwischen zwanzig Jahre alt und so etwas wie ein Klassiker unter den Traumabüchern. Erst viele Jahre nach Erscheinen des Buchs und zahlreichen Lesungen in Schulen hat die Autorin eingeräumt, dass die Geschichte auf ihren persönlichen Erfahrungen basiert und sie ebenso wie ihre Protagonistin als junges Mädchen vergewaltigt wurde und nicht darüber gesprochen hat. Aufgrund des Triggerpotenzials wird „Speak“ unterschiedlich aufgenommen, zahlreiche Preise anerkennen den literarischen und vor allem inhaltlichen Wert für Jugendliche, gleichermaßen ist es an zahlreichen Schulen und Universitäten verboten.

Auch wenn ein depressives, traumatisiertes Mädchen im Zentrum der Handlung steht und die Geschichte aus ihrer Perspektive geschrieben ist, empfand ich dies beim Lesen als übermäßig belastend. Es ist weniger das Ereignis selbst, als viel mehr das Unvermögen ihres Umfeldes zu erkennen, dass mit ihr etwas nicht in Ordnung ist, dass sie sich zurückzieht, auch mit Ritzen experimentiert und nicht mehr spricht, das thematisiert wird. Melinda versucht selbst, einfach zu vergessen, was an dem Abend geschehen war, ein unmögliches Unterfangen, denn die Flashbacks lassen sich nicht aufhalten und so muss sie sich dem Erlebten immer wieder stellen.

Bemerkenswert fand ich, dass die Autorin nicht nur Melindas Innenleben und die Folgen des Traumas authentisch und überzeugend dargestellt hat, sondern auch, wie viel unter der Erzählebene versteckt liegt. Die Suche der Schule nach dem Maskottchen, das identitätsstiftend wirken soll und doch aufgrund der vielfältigen Konnotationen immer wieder abgelehnt wird – kann dies in einer diversen Gesellschaft überhaupt noch gelingen? Oder auch Melindas Gespräche mit einem Poster Maja Angelous, der Autorin, die ihre Gewalterfahrungen literarisch in „I Know Why the Caged Bird SIngs“ verarbeitete und die Besprechung von Hawthorne, in dessen Protagonistin Hester Prynne Melinda sich wiedererkennt. Allem voran jedoch ihr Jahresthema im Kunstunterricht: sie soll einen Baum schaffen, doch ihre Versuche enden immer in einem toten Geäst, es findet sich kein Leben in der Pflanze, keine neuen Blätter entstehen mehr, denn die Kraft des Lebens fehlt.

In jeder Hinsicht ein anspruchsvolles Jugendbuch, das einerseits ein wichtiges Thema beleuchtet, gleichzeitig fürchte ich jedoch, dass nicht jede junge Leserin bzw. auch jeder junge Leser gut damit umgehen kann, vor allem, wenn sie sich in Melinda wiederkennen und das Lesen ihre Trauma verstärken könnte.

Sarah Vaughan – Anatomie eines Skandals

sarah-vaughan-anatomie-eines-skandals
Sarah Vaughan – Anatomie eines Skandals

Holly kommt dank eines Vollstipendiums aus der nordenglischen Provinz nach Oxford, wo sie Literatur studieren will. Große Erwartungen hat sie an das Studentenleben, doch bald schon muss sie erkennen, dass sie nicht in diese Welt passt. Sie bemüht sich, passt sich an, findet in Sophie und Alison auch zwei Freundinnen. Ein Ereignis am Ende des ersten Studienjahres lässt ihre Welt jedoch zusammenbrechen. Von einem Kommilitonen, der zu den berühmt-berüchtigten Libertines gehört, die sich dank des Geldes ihrer Familien alles erlauben können, wird sie vergewaltigt und ergreift schließlich die Flucht. Zwanzig Jahre später ist sie nicht mehr das naive Mädchen, sondern eine knallharte Prozessanwältin und es scheint als sei endlich der Tag der Abrechnung gekommen.

Sarah Vaughns Roman lebt von den unterschiedlichen Perspektiven auf die Ereignisse. Im Wechsel werden die Protagonisten beleuchtet: die Anklägerin, der Angeklagte und dessen Frau. Obwohl es zunächst um den Vergewaltigungsvorwurf gegen den Politiker James Whitehouse geht, wird bald schon klar, dass eigentlich die beiden Frauen mit ihren widersprüchlichen Emotionen und Überzeugungen die interessantesten Figuren sind.

Zwei Aspekte hat Vaughan für mein Empfinden sehr überzeugend in ihrer Geschichte dargestellt: zum einen die ausufernden Partys, die die Sprösslinge der Oberschicht in den Elitelehranstalten feiern und die Arroganz, mit der sie schon in jungen Jahren den Menschen gegenübertreten, wo sie selbst noch nichts im Leben geleistet oder erreicht haben. Ihnen gehört die Welt, sie kaufen sie sich und drehen die Wahrheit wie es ihnen passt. Als Studenten und später im Berufsleben. Die dort geknüpften Bande sind hart wie Stahl und durch nichts zu erschüttern. So sichern sie sich gegenseitig ab und garantieren auch, dass niemand den Schutzwall, der sie scheinbar umgibt, durchdringt.

Der zweite Punkt liegt in der Figur von Ehefrau Sophie, die zwar nicht die cleverste Studentin zu sein scheint, aber durchaus über ausreichend Weitblick verfügt, zu durchschauen, was James mit ihr macht. Sie spielt mit, weil das die Rolle ist, zu der sie erzogen wurde und kann lange Zeit nicht über ihren Schatten springen, obwohl die Zweifel an ihr nagen. Ein wenig mehr Mut hätte es gebraucht, etwas mehr Rückgrat und die Dinge hätten anders verlaufen können. Ihre passive Schicksalsergebenheit macht sie schuldig.

Kein Gerichtsthriller, kein Drama, sondern eine Menschenstudie, die sehr gut gelungen ist und trotz des Hoffnungsschimmers am Ende ein wenig Frust zurücklässt, weil nämlich die Wahrheit nicht immer den Weg ans Licht findet und nicht jede Tat angemessen bestraft wird.

Tito Topin – Casablanca im Fieber

tito-topin-casablanca-im-fieber
Tito Topin – Casablanca im Fieber

Die Stimmung in der marokkanischen Hafenstadt ist 1955 kurz vor dem Abzug der französischen Besatzer erhitzt, die Fronten zwischen Arabern und Franzosen verhärtet, der Hass wird offen zutage getragen und man schenkt sich nichts. Als Georges Bellanger die junge Spanierin Ginette vergewaltigt und beinahe tötet, versteht sich von selbst, dass man dies den Arabern unterschiebt, vor allem, da Bellangers Mutter, Ärztin im Krankenhaus, in dem Ginette behandelt wird, ein Verhältnis mit dem Zivilgouverneur hat, der jede Ermittlung sofort unterbinden wird. Als Ginettes Verlobter Manu aus dem Krieg zurückkehrt, sinnt er auf Rache und will Georges stellen. Dieser zieht derweil eine Spur der Verwüstung hinter sich her: rücksichtslos nimmt er sich, was er möchte, sicher, dass er unter mächtigem Schutz steht. Die ohnehin hitzige Stimmung spitzt sich immer weiter zu und Casablanca rast auf eine Katastrophe zu.

Tito Topin ist ein französischer Autor, Illustrator und Drehbuchschreiber, der 1932 in Casablanca geboren wurde. „Casablanca im Fieber“, sein dritter Roman, erschien bereits 1983 in Gallimards Série noire unter dem Titel „55 de fièvre“ und wurde mit dem Prix Mystère de la Critique ausgezeichnet. Seine Romane, denen der Filmcharakter deutlich anzumerken ist, sind häufig in Nordafrika angesiedelt und haben neben dem Fall auch immer eine sozialkritische Komponente, weshalb sie trotz des späten Erscheinens geradezu idealtypisch für den Roman noir sind.

Die Handlung spielt sich vor dem Hintergrund der hochproblematischen politischen Lage ab, diese wird jedoch nicht offen thematisiert, sondern die beiden verfeindeten Parteien durch das Agieren der Figuren gegenüber gestellt. Bemerkenswert ist, dass die Zuordnung von „gut“ und „böse“ schlichtweg nicht möglich ist, sowohl bei den Franzosen, insbesondere bei der Polizei, wie auch bei den Arabern findet man beides und die Grenzen zwischen Ordnungsmacht und Milieu vermischen zunehmend.

Aber nicht nur die arabisch-stämmige Bevölkerung wird verachtet, Georges Mutter findet auch klare Worte bezüglich Ginette:

«Vergewaltigt! Du Dummkopf, du hast dich reinlegen lassen … Vergewaltigt! Als ob man diese Mädchen vergewaltigen könnte … Sie spreizen die Beine breit wie ein Arc de Triomphe und werfen sich in die Arme von Söhnen aus gutem Hause, und danach schreien sie Vergewaltigung!»

Damit auch nichts schief läuft, erhält Ginette die passenden Medikamente, die ihre Erinnerung leiden lassen. Das Vorgehen der Polizei wird auch schon früh deutlich charakterisiert:

«Ich bestehe darauf, Guglielmi. Ich will einen Schuldigen! Wen auch immer, Hauptsache Araber! Da wird kein Europäer rein verwickelt.»

Die Suche nach dem Schuldigen beginnt gar nicht erst, er steht bereits fest ohne dass auch nur klar ist, was überhaupt geschehen war. Es gibt aber auch nachdenkliche Stimmen, beispielsweise von Manu, der die Gesamtsituation zwischen Franzosen und Arabern bedenklich findet:

«Was mich schockiert, ist, dass ich in diesem Land geboren bin und nicht in der Lage bin, mich mit zwei Kindern zu verständigen, weil ich nicht einmal die Sprache dieses Landes spreche! Ich bin ein Krüppel, verstehst du … ein Krüppel! Sie müssen mich für einen Marsmenschen halten.»

«Nein, einfach nur für einen Franzosen. Frankreich ist für sie schon so weit weg, dass sie sich keinen anderen Planeten vorzustellen brauchen. »

Tito Topins Roman überzeugt in jeder Hinsicht: ein Ermittlungsfall in hardboiled Qualität eines Raymond Chandler oder Léo Malet, der sich nur aufgrund der spezifisch gesellschaftspolitischen Lage Marokkos in dieser Weise entwickeln kann. Mit gerade einmal 220 Seiten kurz und auf den Punkt – für langatmige Ausschweifungen bleibt dabei keine Zeit.

Lina Muzur (Hrsg.) – Sagte sie. 17 Erzählungen über Sex und Macht

lina-mazur-sagte-sie
Lina Muzur (Hrsg.) – Sagte sie. 17 Erzählungen über Sex und Macht

Kurzgeschichten sind keine einfache literarische Form; sie sind oft zu kurz, um eine Entwicklung einer Figur zu zeigen, müssen sich beschränken auf den entscheidenden Moment, was davor war und was danach kam, muss notgedrungen ausgeblendet werden. Wenn sie dann noch von unterschiedlichen Autoren sind, deren Schreibstil sich stark unterscheidet, sind sie geradezu ein Wagnis. Zugegebenermaßen bin auch ich kein ausgewiesener Fan von diesen Sammlungen kurzer Episoden, denen schon aufgrund des Rahmens vieles nicht möglich ist, was ich an Romanen schätze. Und wie soll man als Leser und Rezensent erst diesen kurzen pointierten Ausschnitten des Lebens gerecht werden?

Nichtsdestotrotz gibt es die Ausnahmen, für die Form und Inhalt genau passend sind. Lina Muzur hat in dem Band „Sie sagte“ 17 Autorinnen versammelt, die rund um das Thema Sex und Macht die verschiedenen Sichtweisen, wenn auch immer die weibliche, in kurze Texte umsetzen, die gerade alles ausblenden, was nicht zu dem Kulminationspunkt gehört. Schlag auf Schlag folgen Erniedrigungen, Scham und Selbstzweifel. Kristine Bilkau, Hanna Katharina Hahn, Helene Hegemann, Heike-Melba Fendel und Julia Wolf sind nur einige der Autorinnen, die Kurzgeschichten geliefert haben und hier eine starke weibliche Seite der Literatur zeigen.

Die Geschichten sind so verschieden wie die Frauen dieser Welt und so spricht einem die eine mehr, die andere weniger an. Besonders beeindruckend fand ich Antonia Brauns „Setzen Sie sich!“, dem Bericht einer Frau, die von einem Mann genötigt und bedrängt wird und als sie dies berichtet damit konfrontiert wird, dass man ihr eine Mitschuld gibt, weil sie sich nicht viel früher gewehrt hat und jetzt in der Opferrolle Mitleid einfordert. In Julia Wolfs „Dickicht“ ist eine junge Mutter alleine Zuhause und die hereinbrechende Nacht bringt auch das ungute Gefühl mit sich, beobachtet zu werden und die diffuse Gefahr, die von der Situation ausgeht, bereitet Ängste, die sie kaum zugeben mag. Auch Fatma Aydemirs Geschichte „Ein Zimmer am Flughafen“, in der eine Studentin erst eine Vergewaltigung erlebt und dann einen Vertrauensmissbrauch, nachdem sie davon erzählt, beleuchtet den Zwiespalt zwischen den widersprüchlichen Gefühlen, denen Frauen in dieser Situation ausgesetzt sind, sehr drastisch. „Maria im Schnee“ von Annett Gröschner wurde bereits 1988 veröffentlicht und löste eine Debatte aus, da zu diesem Zeitpunkt das öffentliche Reden über Vergewaltigungen ein Tabu darstellte – was die Rolle der Frau, die ihr dabei von der Gesellschaft zugeschrieben wurde, verdeutlicht.

Ja, man kann sich an der #metoo Debatte sattgelesen haben. „Sagte sie“ ist sicherlich thematisch nicht weit davon entfernt, aber ganz sicher keine Anklageschrift gegen Männer, auch wenn diese hier vielfach als Täter auftreten. Es ist die literarische Bearbeitung von Grenzsituationen, die zwar fiktiv, aber keineswegs utopisch sind, sondern genau so tagtäglich in der Realität vorkommen. Darüber soll man reden, darüber muss man reden. Vielleicht hilft diese literarische Form insbesondere dabei, Worte für das Unsagbare zu finden und doch darüber ins Gespräch zu kommen.

Ein herzlicher Dank geht an die Hanser Literaturverlage für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zum Titel und den Autorinnen finden sich auf der Verlagsseite.