Pascal Engman – Rattenkönig

Pascal Engman – Rattenkönig

Der Mord an einer jungen Frau führt direkt zu ihrem Ex-Freund. Dieser sitzt zwar noch in der JVA, hatte am fraglichen Abend jedoch Ausgang und die Spuren liefern den eindeutigen Beleg für seine Schuld. Doch die Ermittlerin Vanessa Frank muss bald sehen, dass sie offenbar auf eine falsche Fährte gelockt wurden, denn der vermeintliche Mörder hat ein felsenfestes Alibi. Ein weiterer Mord an einer jungen Frau und wieder wird schnell ein Täter identifiziert, dieses Mal ein berühmter Moderator, der seine Affäre getötet haben soll. Doch auch in diesem Fall wurden Spuren für die Polizei platziert. Es scheint, als sei ein Serientäter am Werk, der geschickt Opfer und scheinbare Täter aussucht, um so die Polizei zu narren. Es dauert, bis Vanessa Frank erkennt, dass das Motiv ganz anders gelagert ist und sie ein völlig verqueres Weltbild verstehen muss, um den Täter dingfest machen zu können.

„Verschwundene Frauen brachten starke Auflagen. Nicht ganz so hohe wie zerstückelte oder zersägte Frauen, aber fast.“

Der zweite Band um Vanessa Frank setzt die Reihe um die eigenwillige Ermittlerin überzeugend fort. An ihrer Seite einmal mehr der Ex-Elitesoldat Nicolas, der nicht nur an ihrer Seite steht, wenn unkonventionelle Hilfe erforderlich ist, sondern in dem sie auch einen Seelenverwandten gefunden hat. Im Zentrum jedoch steht ein ganz anderer Typ Mann, jener, den man heute als „Incel“ bezeichnet: ein unfreiwilliger Single, der Frauen hasst, weil sie ihm nicht die Aufmerksamkeit entgegenbringen, die er glaubt verdient zu haben und sich mit Gleichgesinnten in ein irres Verschwörungsbild von männerhassenden Frauen gesteigert hat, dessen Ausweg nur in der brutalsten Art von Gewalt gegenüber dem anderen Geschlecht bestehen kann.

„Hatte geglaubt, der Fehler läge bei ihm. Aber jetzt hatte er begriffen. Der Fehler lag bei der westlichen Welt.- Er gehörte zu den Verlierern. Er war einer der wertlosen weißen Männer, die Tag für Tag von Journalistinnen in Zeitungen verspottet und verfolgt wurden.“

Ähnlich wie ein Rattenkönig – mehrere an den Schwänzen fest miteinander verbundene Ratten, die sich nicht mehr einzeln bewegen können – sind auch die Incels miteinander verbunden und können nur gemeinsam ihren Wahn leben und zelebrieren. Dem Mythos zufolge bedeutet die Existent eines Rattenkönigs ein böses Omen und so ist es auch in Engmans Roman. Es ist jedoch nicht ein einzelner Verirrter, der sich völlig verrannt hat, auch viele der anderen Männerfiguren weisen zweifelhafte Züge auf, die eindeutig einem toxischen Männlichkeitsbild mit überzeugtem Überlegenheitsglauben zuzuordnen sind. Der Autor stellt ihnen nicht die nur guten Frauen gegenüber, er verzichtet auf eine einseitige Schwarz-Weiß-Malerei und greift geschickt eine bislang meines Erachtens viel zu sehr vernachlässigte oder belächelte Bewegung auf, von der womöglich viel mehr Gefahr ausgeht, als man bislang wahrhaben wollte.

Auch der dritte Roman Engmans konnte mich restlos überzeugen: wieder eine komplexe Handlung, die maßgeblich von den interessanten und vielschichtigen Figuren getragen wird, so abwegig auch ihre Gedankengänge sein mögen.

Michaela Kastel – Ich bin der Sturm

Michaela Kastel – Ich bin der Sturm

Mit einer List kann sie dem Martyrium entfliehen. Jahrelang wurde die junge Frau, die alle nur Madonna nennen, in einem Kerker festgehalten und von Männern, die dafür bezahlten, auf alle erdenklichen Weisen misshandelt. Sie war nicht allein, zahlreiche Schicksalsgenossin teilten ihr Leid bis sie den Gnadentod fanden. Endlich in Freiheit geht Madonna auf die Suche nach dem Mann, der das Ganze zu verantworten hat, dem sie einst Glauben schenkte und der sie so enttäuschte. Ihr Weg ist lang und blutig, aber darauf kann sie keine Rücksicht mehr nehmen, denn sie will Rache. Und sie will wissen, wer sie eigentlich ist, wo sie herkommt und was es mit den bruchstückhaften Kindheitserinnerungen auf sich hat.

Michaela Kastels Romane „So dunkel der Wald“ und „Worüber wir schweigen“ konnten mich restlos begeistern Entsprechend hoch waren meine Erwartungen an ihren aktuellen Thriller, der diese für mich jedoch leider nicht erfüllen konnte. Das Thema Zwangsprostitution hat ohne Frage Potenzial für einen herausfordernden Roman, allerdings ist für mich die Geschichte eine Ansammlung von brutalen Gewaltakten, mehr oder weniger lose hintereinander gereiht und getragen von einer Protagonistin, die mir nur sehr begrenzt glaubwürdig erscheint und eher einem wilden Comic entsprungen zu sein scheint.

Eine Frau auf Rachefeldzug kann funktionieren, aber so wirklich stimmig wirkt Madonna für mich als Figur nicht. Die offenkundigen Erlebnisse so locker wegzustecken und sie hinter die vermeintliche Härte zurückzudrängen, ist für mich nicht plausibel, vor allem nicht vor dem Hintergrund der großen Erinnerungslücken aus der Kindheit, die auf hochtraumatische Erlebnisse schließen lassen. Auch die körperlichen Misshandlungen haben offenbar kaum wirkliche Folgeerscheinungen, was mich nicht überzeugt. Bei der Figur gibt es keine Entwicklung und nur wenig Nuancen, auch die anderen sind mir zu eindimensional, um zu überzeugen. Die Handlung besteht im Wesentlichen aus exzessiven Gewaltausbrüchen und am Ende einer knappen Auflösung, die zwar durchaus logisch ist, aber leider für mich auch nichts mehr rettet.

Christian von Ditfurth – Mann ohne Makel

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Christian von Ditfurth – Mann ohne Makel

Schon längst hätte der Historiker Josef Maria Stachelmann seine Habilitation abschließen können und müssen, erst als sein Chef ihm droht und eine jüngere Kollegin ihm seinen Platz streitig machen könnte, merkt er, dass es Zeit wird. Als ein ehemaliger Kommilitone sich bei ihm meldet, ist er zunächst verwundert, Ossi Winter arbeitet inzwischen als Kommissar und er hat eine Reihe von Morden, bei denen er glaubt, mit Stachelmanns Hilfe weiterzukommen. Der Immobilienmakler Holler hat Frau und Kind durch einen Mörder verloren; Stachelmann glaubt tatsächlich den Namen im Zusammenhang mit seiner Forschung über Konzentrationslager schon einmal gehört zu haben, vielleicht liegt das der entscheidende Punkt, gar nicht bei Holliger selbst, sondern bei seinem Vater, der nach dem Krieg das kleine Imperium aufbaute, indem er alle Konkurrenten aufgekauft hat. Bei einer Forschungsreise nach Berlin, um dort in Archiven die letzten Informationen zusammentragen, wird Stachelmann nicht nur beobachtet, sondern man versucht ihn zu töten. Offenbar war seine Vermutung mehr als richtig.

Christian von Ditfurth greift in seinem Krimi nicht nur auf das schwärzeste Kapitel der deutschen Geschichte zurück, sondern thematisiert vor allem den Umgang mit der Schuld in der Zeit nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Er lässt dabei alle Stimmen zu Wort kommen, auch die des Mörders, der erzählt, wie er die Zeit als jüdisches Kind erlebt hat, dessen Familie ausgelöscht und der selbst zu einer Pflegefamilie ins Ausland geschickt wurde. Dagegen stehen die Leugner, diejenigen, die sich versuchen rauszureden, um ihr Gewissen zu entlasten. Doch wirklich vor der eigenen Vergangenheit weglaufen kann niemand.

„Mann ohne Makel“ ist der erste Band der Reihe um den Historiker und Hobbyermittler Stachelmann, inzwischen ist die Reihe bei Band 7 angekommen. Für mich ein solider Krimi mit interessanten und facettenreichen Figuren, die das Potenzial haben, über viele Fälle zu tragen. Besonders freut mich, dass es weniger um Gewalt und exzessive Darstellung selbiger geht, sondern die Verbindung von Geschichte und Psychologie zur Lösung führt. Ein klarer Fall von: hier hat sich der Griff auf den SUB zu einem älteren Buch wirklich gelohnt.

Karin Kalisa – Radio Activity

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Karin Kalisa – Radio Activity

Nachdem sie fluchtartig die USA und ihre Tanzcompagnie verlassen hat, kehrt Nora in ihre Heimatstadt und die Wohnung ihrer Mutter zurück. Neben dem Talent fürs Tanzen hat sie auch eine außergewöhnliche Stimme, geradezu perfekt fürs Radio und so plant sie mit zwei Freunden einen eigenen Sender. Auf 100,7 werden sie als Tee und Teer – Meer Radio der Ostfriedenküste einen neuen Sound einflößen. Aber Nora hat noch eine zweite, heimliche Agenda, die sie mit dem Sender verfolgt. Jahrzehntelang hatte ihre Mutter geschwiegen, erst auf dem Sterbebett hat sie ihr ein schreckliches Vergehen anvertraut, das zu berichten sie als Kind nicht in der Lage war: der Missbrauch durch ihren Nachhilfelehrer, einen angesehenen Bewohner der Stadt. Da das Recht nicht auf Noras Seite ist, hat sie einen nachhaltigen Plan der Rache entwickelt und dieses Mal soll nicht verschwiegen, sondern öffentlich bekannt gemacht werden.

Karin Kalisas Roman beginnt eigentlich eher heiter mit der zunächst nur gealberten Idee eines Senders, die dann aber zunehmend konkreter wird und den Figuren, genau wie dem Leser, unheimlichen Spaß bereitet. Ganz heimlich schleicht sich jedoch ein zweiter Plot ein, der um den nicht gesühnten Missbrauch und mit diesem wandelt sich auch die Stimmung von heiter-locker zu trüb-melancholisch. Man begleitet Noras Mutter in den letzten Stunden, in denen sie endlich bereit ist, über das zu sprechen, was man ihr angetan hat. Der Autorin gelingt es trotz dieser doppelt schweren Thematik, den Leser emotional nicht in ein Loch fallen zu lassen, denn die Protagonistin selbst wird nun aktiv und vor allem kreativ, um diese Tat nicht einfach mit dem Sarg der Mutter für immer zu begraben. Ein Thema, über das nicht leicht zu schreiben oder sprechen ist, das in diesem Roman aber von unterschiedlichen Seiten beleuchtet und auch informativ in die Handlung eingebaut wird, ohne diese zu erdrücken.

«Natürlich haben wir miteinander gesprochen – wie man eben miteinander spricht, wenn man zusammen in einer Schule, aber nicht befreundet ist. Über Noten und Lehrer. Aber darüber, nein, darüber haben wir nicht gesprochen.»  «Wenn ihr euch zusammengetan hättet, hättet ihr ihn fertigmachen können», sagte Nora. Ihre Mutter schwieg. «Wenn wir uns nicht so geschämt hätten, es auszusprechen», sagte sie dann. Voreinander. Jede eine Zeugin der anderen.

Noras Mutter teilt ein Erlebnis, wie es leider vielfach vorkommt und verschwiegen wird, durch Druck und Scham bleiben Täter oft unentdeckt und ganz häufig passiert es quasi vor den Augen der Eltern und Lehrer. Nein, das ist eigentlich keine Thematik, über die man an einem heißen Sommernachmittag lesen möchte. Doch, es ist eine Thematik, über die geschrieben und gesprochen werden muss, um den Opfern eine Stimme zu geben und den Danebenstehenden die Augen für das zu öffnen, was sie sehen können, wenn es schon nichts zu hören gibt. Gerade unter diesem Gesichtspunkt finde ich es hilfreich, wenn Literatur sich solcher Themen annimmt; sie erlaubt es, sie als Fiktion ein Stück weit von einem zu schieben, über die Empathie, die man mit den Figuren empfindet, aber auch ein Verständnis für die Not und die Dringlichkeit zu entwickeln – und vielleicht auch dem einen oder anderen Betroffenen Mut zu schenken.

Wunderbare, eigensinnige Figuren bringen die Handlung voran. Es sind die Introvertierten und oft Unscheinbaren, die hier Großes bewegen. Dabei begleitet einem die Autorin auf einer emotional hohen Welle, die einem jedoch gemächlich wieder in sichere Gewässer leitet. Vielschichtig und tiefgründig, dabei sprachlich auf den Punkt und federleicht. Und was bleibt am Ende: die Hoffnung, dass es immer genügend Menschen mit (vielleicht nicht ganz so viel krimineller) Energie, Kreativität und vor allem Mut gibt.

John Marrs – Die gute Seele

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John Marrs – Die gute Seele

Menschen, die sich bei der Telefonseelsorge melden, suchen jemanden, der ihnen zuhört, vielleicht Ratschläge gibt und ihnen hilft, eine schwierige Situation zu meistern. Wenn die Anrufer auf Laura treffen, erwartet sie ein vielfältiges Angebot von Hilfestellungen: sie bietet Trost, macht Mut, gibt nützliche Tipps und begleitet einem auch beim erfolgreichen Suizid. Was?!? Ja, die Menschen, die kurz davor stehen, sich das Leben zu nehmen sind Lauras Spezialität. Doch als sie David und Charlotte auf diesen Weg geführt hat, ahnte sie nicht, dass Charlottes Verlobter sich nicht mit der Erklärung Schwangerschaftsdepression zufrieden stellen lassen würde. Er beginnt nachzuforschen und kommt hinter Lauras Geheimnis. Er muss dieser Frau das Handwerk legen. Der finale Kampf hat begonnen.

John Marrs gehörte 2019 zu meinen Highlights und auch „Die gute Seele“ bietet wieder ein morbides Spiel mit den zentralsten menschlichen Charakterzügen. Dabei steigt er einmal mehr in Abgründe der Seele hinab, die man sich eigentlich gar nicht vorstellen möchte. So einfach die Grundkonstellation zu Beginn scheint, so sehr hat man sich aber als Leser auch getäuscht, denn Marrs hat bei der Anlage seiner Charaktere noch viel mehr auf Lager als man zunächst annehmen würde und eins steht fest: schwarz und weiß bzw. gut und böse sind keine Kategorien, die hier funktionieren würden.

Der Psychothriller kommt mich vor allem dadurch begeistern, dass die Karten immer wieder neu gemischt werden und jede Festlegung und Meinung, die man zu einer Figur entwickelt hat, so auch immer wieder neu justiert werden muss. Geschickt manipulieren die beiden Protagonisten, wobei sie nicht selten selbst die Leidtragenden ihres Tuns sind, was fast schon wieder Mitleid weckt. Scheint Laura zunächst einfach abgrundtief böse zu sein, muss bei ihr das Urteil auch differenzierter ausfallen, was es einerseits schwer macht, da man gerne in Kategorien denkt, aber gleichzeitig wird der Roman so unglaublich authentisch, denn die Realität verweigert sich oftmals ebenfalls den einfachen Zuschreibungen.

Einmal begonnen reißt einem der Roman einfach mit und man folgt das perfide Spiel gebannt ohne die leiseste Ahnung, wie es am Ende ausgehen wird.

Claire McGowan – The Other Wife

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Claire McGowan – The Other Wife

Suzi freut sich, als sie in der abgelegenen Gegend, in die sie kürzlich mit ihrem Mann gezogen ist, endlich eine Nachbarin bekommt. Nora macht einen sympathischen Eindruck, auch wenn sie gerade ihren Ehemann verloren hat und offenkundig trauert. Was Suzi nicht ahnt, ist, dass Nora mit gutem Grund das Nachbarhaus wählte, denn sie weiß, dass Suzi die Frau ist, mit der ihr Mann eine Affäre hatte und die ihn als letzte vor dem Unfall gesehen hat. Auch Suzis Mann weiß von der Untreue seiner Frau und hat ebenfalls so seine Pläne, Suzis Schwangerschaft spielt ihm dabei hervorragend in die Hände. Während die junge Frau ahnungslos versucht sich im neuen Leben zu orientieren, bringen sich die anderen in Position, doch bald schon werden die Karten neu gemischt und die Frage wer Freund und wer Feind ist, muss neu beantwortet werden.

Der Krimi fokussiert abwechselnd auf den Frauenfiguren, wobei es einige Zeit braucht, bis man Suzi, Nora und die ebenfalls vorhandene Elle in den richtigen Zusammenhang bringt. Durch den Perspektivenwechsel hat man mal einen Vorsprung vor den Figuren, mal aber verwirrt dieses auch wieder. Interessant dabei ist, wie man seine Sympathien immer wieder verschiebt, je besser man die Figuren kennenlernt.

Schon bald glaubt man die Verschwörung durchschaut zu haben, doch das tatsächliche Ausmaß entfaltet sich erst spät und lenkt die Aufmerksamkeit nochmals auf eine ganz andere Geschichte. Mit den Figuren habe ich etwas gehadert, Suzis Fremdgehen mag man ja noch neutral betrachten können, aber ihre Naivität und geringe Weitsicht machen es schon schwer wirklich Mitleid mit ihr zu haben. Auch Nora ist ein Opfer, ihre Rachepläne durchaus nachvollziehbar, aber so richtig zum Sympathieträger wird sie auch nicht. Die ganz große Geschichte, die hinter allem steht, ist durchdacht und nachvollziehbar konstruiert, wenn ich auch meine Zweifel hege, dass jemand wirklich einen so großen Coup planen und unentdeckt umsetzen könnte. Das tut der Spannung jedoch keinen Abbruch, denn die Autorin bietet insgesamt so viele bemerkenswerte Details an menschlicher Bösartigkeit, dass man fasziniert davon das Buch kaum aus der Hand legen mag.

Sara Larsson – Die erste Lüge

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Sara Larsson – Die erste Lüge

Fünf Jugendliche, ausgelassene Stimmung mit viel Alkohol und Ecstasy. Am nächsten Morgen die Ernüchterung: als Josefin wach wird und sich blutverschmiert mit zerrissenen Klamotten und unsäglichen Schmerzen im Bett wiederfindet, kommt auch die Erinnerung an das, was geschehen war zurück. Trotz der eigentlich klaren Sachlage werden Jonas, Oskar und Rikard freigesprochen, das Opfer muss neben den Schmerzen auch noch den Spott ertragen. Fast zwanzig Jahre sind vergangen und aus den Jungs sind inzwischen Männer mit beachtlichen Karrieren geworden; an die Geschehnisse ihrer Jugend verschwenden sie keine Gedanken mehr. Doch dann holt sie die Vergangenheit ein und sie müssen sich nicht nur den Tatsachen stellen, die sie damals die Wahrheit zu ihren Gunsten verdrehen konnten, sondern ihr ganzes Leben steht auf dem Spiel, wenn herauskommt, dass sie rücksichtslose Vergewaltiger sind.

Sara Larsson greift eines der beschämendsten Themen überhaupt auf: ein junges Mädchen wird misshandelt mit dokumentierten Spuren der Gewalt, aber statt ihr zu Recht zu verhelfen, erlebt sie bei den Ermittlungsbehörden eine Vorverurteilung und steht am Ende als Schuldige da, die es selbst zu verantworten hat, in diese Situation gekommen zu sein. Auch die anderen Frauenfiguren erleben Situationen, die zwar nicht dieses drastische Ausmaß annehmen, aber in denen sie ebenso letztlich männliche Gewalt erdulden und sogar (vor sich) rechtfertigen. Inzwischen hat Schweden die strengsten Gesetze was Gewalt gegen Frauen angeht, aber es sind immer noch die Menschen, die sie ausgestalten und was nicht zur Anzeige gebracht wird oder von der Polizei schon bei der Beweisaufnahme schlampig bearbeitet wird, findet auch damit keine Gerechtigkeit.

Es ist recht schnell sehr offenkundig, woher die anonyme Bedrohung kommt, lediglich Details im Wie sind noch aufzudecken. Es ist daher nicht die spannende Frage nach dem Täter oder dem, was geschehen war, das fesselt. Mich konnten vor allem die Figuren mit ihren Emotionen überzeugen. Langsam wird die arrogante Überheblichkeit Oskars demontiert. Stück für Stück verliert sein strahlendes öffentliches Bild an Glanz und er muss erkennen, dass man mit Geld nicht alles kaufen und Gewalt nicht jedes Problem lösen kann. Er fasziniert, weil er ein abgrundtief verabscheuenswerter Charakter ist, für den Frauen nur ein Mittel zu Befriedigung sind und der über keinerlei Empathie zu verfügen scheint. Gerade aber, weil er ansonsten doch ziemlich durchschnittlich wirkt, erschrickt er einem so sehr, denn das Böse kann offenbar unbehelligt mitten unter uns leben. Jonas und Rikard sind typische Mitläufer ohne Rückgrat und moralischem Gewissen, erst als sich die Schlinge auch um ihren Hals zuzieht, versuchen sie halbherzig was zu retten, aber mehr um ihrer selbst Willen und sicher nicht der Opfer wegen.

Ein drastisches, aber, wenn man sich mit der Materie befasst, durchaus realistisches Bild der westlichen Gesellschaft. Das Ganze in eine unterhaltsame fiktive Geschichte eingebettet, die zwar recht leicht durchschaubar, aber dennoch insgesamt überzeugend und spannungsgeladen ist.

Pascal Engman – Der Patriot

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Pascal Engman – Der Patriot

Madeleine Winther ist eine junge ehrgeizige Journalistin, die unbedingt nach oben will. Koste es, was es wolle. Sie ist bereits weit gekommen, aber sie erwartet noch mehr. August Novak hingegen will raus aus seinem Leben. Nach Jahren bei der Fremdenlegion und nun in Kolumbien hat er die kriminelle Arbeit satt, vor allem die Tatsache, dass er in wenigen Monaten Vater wird, bestärkt ihn in seinem Wunsch nach einem bürgerlicheren Leben. Carl Cederhielm kann den ganzen linken Politikersprech in Schweden nicht mehr ertragen; was soll daran gut sein, wenn seine schwedische Heimat von mordenden und vergewaltigenden Muslimen überschwemmt wird? Mit dieser Meinung ist er nicht alleine, das weiß auch Mitra und vor allem ihre Eltern, die seit Jahrzehnten in Skandinavien leben und sich mustergültig integriert haben. Jetzt sind sie wieder die Ausländer, denen man die Schuld an allem, was schief läuft, in die Schuhe schiebt. Doch lange geht es nicht mehr so weiter, wenn die Verantwortlichen schon nicht handeln, muss das wer anders in die Hand nehmen und einen perfekten Plan in Gang setzen.

Pascal Engmans Debüt ist ein rasanter Thriller, der die in Europa derzeit angespannte Lage als Grundlage für seinen Roman nimmt und ein glaubwürdiges, wenn auch erschreckendes Szenario zeichnet. Zu keinem Zeitpunkt zweifelt man daran, dass die fiktiven Geschehnisse genauso gut der Tagespresse entstammen könnten, zu sehr haben wir uns mittlerweile daran gewöhnt, das Unglaubliche als real existent zu akzeptieren.

Es dauert einige Zeit, bis man als Leser den Plan durchschaut und vor allem die Verbindung zwischen den einzelnen Handlungssträngen und den Figuren erkennt. Alles fügt sich jedoch nach und nach reibungslos ineinander und ergibt ein komplettes, wenn auch hochkomplexes Bild und eine stimmige Story. Neben dem Realitätsgehalt haben mich vor allem die Figuren überzeugen können. Obwohl sie extrem verschieden sind, ist jede einzelne auf ihre Art faszinierend und interessant: die ambitionierte Journalistin, die über Leichen geht; der zugewanderte Taxifahrer, der alles für seine Tochter tun würde und immer bemüht ist, möglichst unsichtbar in der Gesellschaft zu sein; der frustrierte Nazi, der seine eigenen Unzulänglichkeiten auf andere projiziert; der ehemalige Straftäter, der geläutert ist und sich nach geregelten Bahnen sehnt.

Die kurzen Kapitel erhöhen das Tempo der Handlung und treiben diese parallel verlaufend voran. Es gab zwar nicht die ganz großen Überraschungen, so dass man nicht von einem Nerven zerreißenden Thrill sprechen kann, es war mehr die Komplexität und auch die Gnadenlosigkeit der Figuren, die hier die Spannung am Anschlag hält und für überzeugende Unterhaltung sorgt.

Sarah Vaughan – Anatomie eines Skandals

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Sarah Vaughan – Anatomie eines Skandals

Holly kommt dank eines Vollstipendiums aus der nordenglischen Provinz nach Oxford, wo sie Literatur studieren will. Große Erwartungen hat sie an das Studentenleben, doch bald schon muss sie erkennen, dass sie nicht in diese Welt passt. Sie bemüht sich, passt sich an, findet in Sophie und Alison auch zwei Freundinnen. Ein Ereignis am Ende des ersten Studienjahres lässt ihre Welt jedoch zusammenbrechen. Von einem Kommilitonen, der zu den berühmt-berüchtigten Libertines gehört, die sich dank des Geldes ihrer Familien alles erlauben können, wird sie vergewaltigt und ergreift schließlich die Flucht. Zwanzig Jahre später ist sie nicht mehr das naive Mädchen, sondern eine knallharte Prozessanwältin und es scheint als sei endlich der Tag der Abrechnung gekommen.

Sarah Vaughns Roman lebt von den unterschiedlichen Perspektiven auf die Ereignisse. Im Wechsel werden die Protagonisten beleuchtet: die Anklägerin, der Angeklagte und dessen Frau. Obwohl es zunächst um den Vergewaltigungsvorwurf gegen den Politiker James Whitehouse geht, wird bald schon klar, dass eigentlich die beiden Frauen mit ihren widersprüchlichen Emotionen und Überzeugungen die interessantesten Figuren sind.

Zwei Aspekte hat Vaughan für mein Empfinden sehr überzeugend in ihrer Geschichte dargestellt: zum einen die ausufernden Partys, die die Sprösslinge der Oberschicht in den Elitelehranstalten feiern und die Arroganz, mit der sie schon in jungen Jahren den Menschen gegenübertreten, wo sie selbst noch nichts im Leben geleistet oder erreicht haben. Ihnen gehört die Welt, sie kaufen sie sich und drehen die Wahrheit wie es ihnen passt. Als Studenten und später im Berufsleben. Die dort geknüpften Bande sind hart wie Stahl und durch nichts zu erschüttern. So sichern sie sich gegenseitig ab und garantieren auch, dass niemand den Schutzwall, der sie scheinbar umgibt, durchdringt.

Der zweite Punkt liegt in der Figur von Ehefrau Sophie, die zwar nicht die cleverste Studentin zu sein scheint, aber durchaus über ausreichend Weitblick verfügt, zu durchschauen, was James mit ihr macht. Sie spielt mit, weil das die Rolle ist, zu der sie erzogen wurde und kann lange Zeit nicht über ihren Schatten springen, obwohl die Zweifel an ihr nagen. Ein wenig mehr Mut hätte es gebraucht, etwas mehr Rückgrat und die Dinge hätten anders verlaufen können. Ihre passive Schicksalsergebenheit macht sie schuldig.

Kein Gerichtsthriller, kein Drama, sondern eine Menschenstudie, die sehr gut gelungen ist und trotz des Hoffnungsschimmers am Ende ein wenig Frust zurücklässt, weil nämlich die Wahrheit nicht immer den Weg ans Licht findet und nicht jede Tat angemessen bestraft wird.

Tony Parsons – Die Essenz des Bösen

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Tony Parsons – Die Essenz des Bösen

Detective Max Wolfe ist nur kurz im Einkaufszentrum Lake Meadows als die Hölle über ihn hereinbricht: ein Hubschrauber, von einer Drohne abgeschossen, stürzt in das Gebäude und löst ein Inferno aus. Es dauert nicht lange, bis die beiden Khan Brüder als Täter identifiziert sind, doch bei der Festnahme kommt es zum Schusswechsel und eine Polizistin stirbt durch die Waffe des Islamisten. Die Bevölkerung ist außer sich und schwankt zwischen Trauer um die junge Polizistin und Mutter von zwei Kindern und Hass auf die Khan Familie. Die Eltern der Attentäter und eine Nichte wollen trotz ausdrücklicher Warnung nicht unter Polizeischutz bleiben, sondern in ihr altes Haus, in ihr altes Leben zurück und so passiert, was passieren muss: ein weiteres Leben wird ausgelöscht. Nur dieses Mal findet die Polizei den Täter nicht so schnell.

Auch im fünften Teil seiner Reihe um den Londoner Detective greift Tony Parsons aktuelle Themen auf und baut um diese eine überzeugende und vor allem spannende Geschichte. Pünktlich zum Erscheinungstermin könnte die Story auch kaum aktueller sein, ist doch mit London Gatwick einer der wichtigsten europäischen Flughäfen wegen wiederholter Störungen durch Drohnen für mehrere Tage lahmgelegt worden. Und an der unmittelbaren Gefahr, die von fanatischen Islamisten auch in Europa ausgeht, zweifelt inzwischen ohnehin niemand mehr.

Neben der Aktualität hat mich vor allem die Differenziertheit, mit der Parsons die Problematik darstellt, überzeugt. Einerseits jagt die Polizei Terroristen, aber nicht alle Familienmitglieder sind Täter und dürfen nicht als solche behandelt werden. Der Vater, der auf sein Recht auf sein altes Leben pocht, weil er alles für seine Integration getan hat, tut einem Leid. Neben den Opfern, die durch die Attentate zu beklagen sind, ist er der Hauptleidtragende, denn so sehr er sich auch bemüht, die englische Gesellschaft wird ihn nie aufnehmen und seine Söhne versetzen diesem Wunsch den letzten Dolchstoß. Die Polizei muss ihn vor den eigenen Leuten schützen – wahrlich kein leichtes Unterfangen, weder praktisch noch moralisch.

Auch Layla, die 16-jährige Nichte ist gefangen zwischen den Erwartungen und kann letztlich keine erfüllen. Niemand hilft ihr, nimmt sie an die Hand, um ihren Weg zu finden und so bleibt ihr nur die Verzweiflungstat als letzter Ausweg.

Auch Max Wolfe steckt in einem Dilemma: seine Ex will nach Jahren plötzlich die gemeinsame Tochter zurück. Er will sie nicht aufgeben, will aber auch ihr Bestes und ihr vor allem nichts vorenthalten. Gleichzeitig liebt er seinen Beruf – doch als alleinerziehender Vater Verbrecher jagen ist zeitlich nicht immer koordinierbar und geht unweigerlich zu Lasten des Mädchens. Was also tun?

Auch wenn Max Wolfe so einiges einstecken kann, er ist nicht der Superheld, der im Alleingang alle Gegner besiegt. Gerade sein kompliziertes Privatleben hindert ihn an dieser Rolle. Das macht aber die Reihe aus und liefert immer das kleine bisschen mehr, das Tony Parsons‘ Romane auszeichnet.