Deutscher Buchpreis 2017 – Mein Fazit

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Übermorgen, am 9. Oktober 2017, wird er nun verliehen, der diesjährige Deutsche Buchpreis. Da ich bis dahin keinen weiteren Roman mehr lesen werde, hier mein Fazit zur diesjährigen Liste. Eine Gesamtübersicht mit den Links zu meinen Rezensionen findet sich hier:

https://missmesmerized.wordpress.com/deutscher-buchpreis-2017/

Was mich überrascht hat:

Die Bandbreite an Themen und Genre hat mich dieses Jahr wirklich überrascht. Meine ersten drei Romane ließen mich noch befürchten, dass gescheiterte Männer dieses Jahr hoch im Kurs stehen könnten (Kraft, Walter Nowak bleibt liegen, Nach Onkalo). Doch dann plötzlich entfaltete sich eine unglaubliche literarische Breite, die mit Romanen wie Katie ungewohnte Genre und mit den Kieferninseln sogar richtige Poesie bieten konnte.

Was mich begeistern konnte:

Die Hauptstadt ist ein rundum kompletter Roman, der sowohl wegen seiner Geschichte wie auch der Sprachgewalt des Autors vollends überzeugt. Sehr viel Spaß beim Lesen hatte ich aber auch mit Das Jahr der Frauen und Romeo oder Julia, die neben ihrer literarischen Qualität auch einfach unterhalten können.

Worauf ich hätte verzichten können:

Schlafende Sonne dürfte der streitbarste Roman der diesjährigen Liste sein. Hat mich überhaupt nicht erreicht, wie viele andere Leser offenbar auch.

Was ich nicht gelesen habe:

Von der Shortlist fehlt mir Das Floß der Medusa, das mit thematisch einfach nicht angesprochen hat. ich werde sehen, ob ich damit genau das Buch nicht gelesen habe, das am Ende den Preis erhält und das viele Leser auch begeistern konnte. Von der Longlist werde ich mir sicher noch Zaimoglus und Regners Romane ansehen.

Was mir gefehlt hat:

Monika Helds Roman Sommerkind hätte sicher eine Nominierung verdient gehabt, ganz sicher auch Husch Jostens Hier sind Drachen, das für mich auch ein würdiger Sieger gewesen wäre.

Wie auch immer, ich habe interessante Romane entdeckt, die mir ohne den Preis sicher entgangen wären. Abschließend bleibt noch folgende Frage zu beantworten:

Wer hat den Preis verdient und wer wird ihn wohl bekommen?

Robert Menasse ist mit Die Hauptstadt mein großer Favorit, weil er in jeder Hinsicht überzeugen kann: politisch/gesellschaftlich relevant, sprachlich bestechend und unterhaltsam dazu. Marion Poschmanns Die Kieferninseln würde ich ihn einfach aufgrund der ganz großen Poesie in ihrem Roman wünschen. Ich fürchte jedoch, man wird die Schlafende Sonne zum Sieger erklären, da dieses Werk so unverständlich ist, dass sich keiner traut zuzugeben, dass er nichts darin finden konnte und es deshalb ganz große Kunst sein muss.

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Birgit Müller-Wieland – Flugschnee

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Birgit Müller-Wieland – Flugschnee

Eine Familie voller Geheimnisse, die alle an einem Tag zwanzig Jahre zuvor plötzlich offenlagen, einem Tag mit Schneefall, ein Tag voller Freude für die Kinder und voller Schrecken für die Erwachsenen. Das Verschwinden ihres Bruders Simon lässt Lucy zurückdenken an jenen Tag, an dem seltsame Besucher das Haus ihrer Großeltern aufsuchten. Helene, die Großmutter, schon von Demenz gezeichnet, aber in manchen Momenten doch klar in der Erinnerung an das, was in den Kriegstagen geschah, als sie noch ein Kind war. Lorenz, der seine Frau mit Sorge beobachtet und immer wieder in seinem eigenen Haus an der Galerie der Bilder vorbeigeht und so manches nicht versteht, was er und Helene damals erlebten. Arnold, Lucys und Simons Vater, der beruflich hadert und eine Entscheidung bezüglich eines Geheimnisses treffen muss, von dem er zufällig Kenntnis erlangte. Vera, die Mutter, die wegen anhaltender Übelkeit nicht direkt mitkam zu den Großeltern, doch sie hat sich nicht nur den Magen verstimmt. Was sie an diesem Tag wirklich bewegte, wird sie erst Jahre später offenbaren. Und dann kommen die Besucher mit einem Erinnerungsstück.

Es schneit an dem unheilvollen Tag, sogenannter Flugschnee, der besonders fein ist und dadurch auch ins Haus eindringen kann. Ähnlich wie dieser feine Schnee, der nicht durch seine Masse unmittelbar erdrückt, sondern leicht ist und hübsch anzusehen, in seiner Konsequenz aber schwere Folgen haben kann, so sind auch die Geheimnisse und Erinnerungen der Figuren. Sie können sie über Jahre verdrängen, ignorieren, doch sie sind da und beharrlich dringen sie ein, bis der Schaden offenkundig wird. Schnee ist kalt, bietet keine Wärme, ist man ihm schutzlos ausgeliefert, kann er töten. Dieses Bild begleitet den Roman, ebenso wie Lucys Erinnerungen an ihren Bruder, ihre Familie und ähnlich wie beim Schneetreiben ist auch ihr Blick noch getrübt und erlaubt keine klare Sicht auf die Vergangenheit und die Zukunft:

„Diese Weihnachten, damals.

Ich weiß vom Schnee, und daß danach nichts mehr war wie zuvor.

Weiß ich das wirklich? Oder haben sich Gefühle von anderen – deine oder die unserer Eltern, Großeltern – in meinen Kopf gelegt und geben sich als meine aus?

Oder werde ich einfach ein bißchen wahnsinnig?“

Der Roman ist nicht mit einem großen Spannungsbogen aufgebaut, auch wenn zu Beginn schon das Verschwinden Simons thematisiert wird und man sich fragt, was geschehen sein mag, lebt er nicht von dieser übergreifenden Frage. Dennoch schafft die Autorin einen Sog, der einem weiterlesen lässt; je mehr man von den Figuren erfährt, desto mehr will man über sie und ihre Vergangenheit und ihre Geheimnisse wissen. Trotz des unaufgeregten Tons, der fehlenden dramatischen Ereignisse, die die Handlung voranpeitschen würden, wird man mitgerissen von dieser Familiengeschichte. Doch ebenso wie Lucy muss sich auch der Leser fragen, ob er, trotz der Kenntnis um viele ihrer Geheimnisse, wirklich hinter ihre Fassaden blicken kann:

„Aber das Bohrende blieb: Die Frage, wer du eigentlich bist.

Ob wir je etwas von dir gewußt haben.

Was das für ein Mensch war, der neben uns gelebt und so viel vor uns verborgen hatte.“

Diese Frage muss man sich auch in der eigenen Welt stellen. Was weiß an von den Menschen der eigenen Familie? Welche Dinge tragen sie in sich, verborgen vor den anderen? Die sie bewegten und immer noch bewegen und die lange unter der Oberfläche verborgen bleiben. Birgit Mülle-Wielands Roman stand auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2017, was diese Geschichte mit dem unscheinbaren Cover, das doch ganz hervorragend gewählt ist, sowohl aufgrund der Konstruktion wie auch der sprachlichen Umsetzung vollends verdient hat.

Monika Helfer — Schau mich an, wenn ich mit dir rede!

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Monika Helfer – Schau mich an, wenn ich mit dir rede!

Vev gerät zwischen die Fronten ihrer Eltern. Ihr Vater Milan will eigentlich gar nichts mit Menschen zu tun haben. Sein Erbe erlaubt ihm glücklicherweise eine großzügige Freiheit, die das Leben nennenswert erleichtert. Vevs Mutter hingegen kommt von den Drogen nicht los und treibt ebenfalls mehr im Meer des Lebens als dass sie planvoll irgendeinen Weg einschlagen würde. Beide finden neue Partner, die ihnen ein geregeltes Leben ermöglichen könnten. Nati und ihre Töchter könnten mit Milan und Vev eine glückliche Patchworkfamilie bilden, auch der neue Freund der Mutter, The Dude, würde Vev und ihr ein gutes Leben bieten.

Monika Helfers Roman zeigt das typische Leben vieler freiheitsliebender Menschen: sie wollen sich nicht fest binden, keine langfristigen Verpflichtungen eingehen, frei bleiben und genau dadurch fehlt ihnen der Halt und die Sicherheit, die sie auch zugleich suchen. Aber das scheint sie nicht weiter zu stören:

„So kam Milan sein Alltag ziemlich sorgenfrei vor. Er genoss das. Er nahm in Kauf, dass er Nati nicht liebte, ebenso wenig wie ihre Kinder. Die er nicht nur nicht liebte, sondern geradezu hasste.“

Vevs Eltern sind dermaßen auf sich konzentriert, dass das Mädchen nur eine Nebenrolle in ihrem Leben spielt. Zärtlichkeit und Herzlichkeit finden keinen Platz, Zuneigung wird gespielt, weil es so halt sein muss. Geradezu erschreckend, mit welchem Egoismus sie ihr eigenes Leben verfolgen dabei die Tochter immer wieder beiseiteschieben und vergessen.

„Schau mich an, wenn ich mit dir rede!“ war nominiert auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2017. Als Begründung wird der gnadenlose Blick auf den Alltag genannt, der die fragilen Konstrukte von Familie entlarvt, die überall zu finden sind und aus der viele auch gerne ausbrechen würden, es aber nicht tun. Dies ist sicherlich richtig, jedoch blieb für mich der Roman insgesamt hinter den Erwartungen für einen Buchpreis-Kandidaten zurück. Weder konnte ich besondere sprachliche Finesse ausmachen, noch hat der Roman Lösungen angeboten. Alle Figuren sind schwach, bisweilen geradezu erbärmlich oder wie „The Dude“ gänzlich überzeichnet und dadurch unauthentisch.

Michael Wildenhain – Das Singen der Sirenen

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Michael Wildenhain – Das Singen der Sirenen

Der Literaturwissenschaftler Jörg Krippen wird als Gastdozent nach London eingeladen. Schon bei der Ankunft in seiner Bleibe begegnet er einer jungen Frau, die zugleich etwas Bekanntes wie auch etwas Faszinierendes hat. Als sie in seinem Seminar auftaucht und ihn dann auch noch auf Deutsch anspricht, ist er mehr als verwundert, lässt sich aber auf eine Affäre ein. Bald schon muss er jedoch feststellen, dass sie sich nicht zufällig über den Weg gelaufen sind, sondern dass Mae dies alles geplant hat und ihn tatsächlich schon aus Berlin kannte. Berlin, seiner Heimat, wo auch seine Frau Sabrina und sein Sohn Leon sind und eigentlich das gemeinsame Leben stattfindet, aus dem sich Jörg gerade mehr und mehr flüchtet. Schnell entfremdet er sich von seinem alten Leben, doch die Vergangenheit holt ihn ein, eine Vergangenheit, die noch vor der mit Sabrina lag.

Sirene, die, ein weibliches Fabelwesen der griechischen Mythologie, das mit seinem Gesang die Männer betört und schließlich tötet.  Auch bei Michael Wildenhain singen die Sirenen und locken Jörg Krippen an, der scheinbar den Verlockungen der Frauen nichts entgegenzusetzen hat und sich wehrlos ausgeliefert sieht. Sabrina lockt ihn und kann ihn für ihre Ideale einnehmen, auch Mae ergibt er sich unmittelbar. Was in der Mythologie einen gewissen Reiz hat, weil immer die Hoffnung besteht, dass eines dieser Fabelwesen seinen Willen nicht bekommt, wird bei Wildenhain jedoch zu einem lahmen Männerbild, das mich nur teilweise überzeugen kann.

Jörg Krippen als Figur ist schwach. Beruflich weitgehend gescheiter, privat auch nur wenig vorzuweisen, als Vater versagt. Statt sich der Realität zu stellen, flüchtet er: in ein anderes Land, in eine andere Beziehung. Immer wenn es gilt, Verantwortung zu tragen, läuft er weg. Was soll mir diese Figur sagen? Dass es schwache Menschen gibt? Ja, natürlich. Dass es feige Menschen gibt? Sowieso. Aber wo bleibt die Lösung? Der Roman liest sich sehr gut, sprachlich tadellos und überzeugend. Aber auch ein wenig zu glatt, zu smooth, um Reibungspunkte zu erzeugen. Er kann an einigen Stellen überraschen, aber insgesamt für mich der Roman, der bezogen auf Handlung, Figuren, Thema und auch Sprache von den Nominierten der Longlist zum Deutschen Buchpreis der blasseste und am wenigsten überzeugende Roman ist.

Robert Prosser – Phantome

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Robert Prosser- Phantome

2015, Wien. Sara und ihr Freund kennen die Geschichte von Saras Mutter Anisa nur aus deren Erzählungen. Die Flucht aus Bosnien, wegen des Krieges aus der Heimat vertrieben. Der Konflikt, der plötzlich Nachbarn zu Feinden machte und Familien auseinanderriss. Die beiden Jugendlichen machen sich auf nachzuforschen, vor Ort, im Süden, da wo einst ein Land war und was inzwischen in unzählige Kleinstaaten zersplittet ist. Schnell wird das Leben von damals wieder lebendig und der Leser befindet plötzlich im Jahr 1992 und auf der Flucht vor dem Krieg. Anisa, die als Flüchtling hofft in Sicherheit zu kommen und ihr Freund Jovan, der von der Armee eingezogen werden soll und zwischen die Fronten gerät. Anisa kann die schrecklichen Kriegserlebnisse auch im fernen Wien nicht hinter sich lassen, die Ungewissheit, was mit dem Freund und dem Vater ist, lähmt sie immer wieder. Doch sie muss auch nach vorne blicken, sich in der Fremde ein neues Leben aufbauen – doch wie?

Robert Prosser greift in seinem Roman, der auf der Longlist des Deutschen Buchpreis 2017 stand, einen Konflikt auf, den man in Europa nur zu gerne verdrängt, weil es der erste Krieg auf europäischen Boden nach Ende des Zweiten Weltkrieges war. Dieser Konflikt hat jedoch auch unzählige Menschen gen Norden flüchten lassen und sie vor die schwierige Aufgabe gestellt, in der Fremde ein neues Leben beginnen zu müssen, obwohl das alte weder abgeschlossen war noch man dieses freiwillig aufgegeben hatte.

Die Schilderungen der Kriegserlebnisse von Anisa und ihrem jungen Freund sind grausam. Der Autor gibt sich nicht mit Andeutungen zufrieden, sondern schildert das, was sich in solchen Zeiten nun einmal zuträgt schonungslos und direkt. Auch das Leben im Flüchtlingsheim, wo man das Schlimmste eigentlich hinter sich gelassen hat, ist kein angenehmes und entspanntes Dasein. Andere Konflikte und Sorgen bestimmten den Alltag und soziale Gruppenprozesse, wie sie auch in jeder Dorfgemeinschaft zu finden sind, greifen auch dort und setzen den Bewohnern zusätzlich zu.

Im Rückblick etwas verwunderlich der Vorspann des Romans, der sehr auf den Graffiti sprayenden Freund von Anisas Tochter fokussiert und dessen nächtlichen illegalen Aktionen sehr ausufernd schildert. Ob es der Kontrast sein soll zwischen den beiden jungen Pärchen? Das eine, das den Nervenkitzel sucht, weil das Leben womöglich nicht genug zu bieten hat, das andere, das unmittelbare Kriegserfahrung machen muss – ich weiß es nicht, aber vom Ende an blickend ist dieser ganze Abschnitt eigentlich irrelevant.

Was jedoch auf jeden Fall gelungen ist, ist das Thema Balkan und die vielen ungelösten Fragen aufzugreifen und zu mahnen, dass man nicht nur die aktuellen Krisen im Blick haben sollte, sondern auch die vor unserer Haustür befindlichen, die auch 20 Jahre nach dem Friedensschluss noch immer nicht aufgearbeitet sind und liebsten offenbar vergessen wären. Aber viele der Betroffenen leben unter uns und sollten viel mehr daran erinnern.

Ein thematisch interessantes und sprachlich eindringliches Buch, das für mich nicht unbedingt durch besondere literarische Kniffe oder eine auffällige Sprache punkten kann, sondern das mit einer authentisch wirkenden Geschichte und politischer Relevanz überzeugt.

Thomas Lehr – Schlafende Sonne

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Thomas Lehr – Schlafende Sonne

Normalerweise habe ich eine recht feste Art, Rezensionen zu Büchern zu schreiben. Bei Thoms Lehrs Buch „Schlafende Sonne“ funktioniert dies nicht, mich hat aber auch selten ein Buch so ratlos am Ende zurückgelassen und auch schon beim Lesen verärgert.

Dass man etwas Zeit braucht, um sich in ein Buch reinzulesen, ist bei anspruchsvollerer Literatur nicht ungewöhnlich. Manche Bücher muss man sich auch erarbeiten, was ich völlig ok finde, auch wenn ich ein Buch in meiner Freizeit zur Unterhaltung lese. Als ich etwas ein Drittel der 640 Seiten hatte, war mir jedoch immer noch nicht klar, worüber ich eigentlich gerade lese. Also habe ich mir nochmals die Verlagsseite mit der Kurzzusammenfassung angesehen. Aha. Hm. Nun ja. Aufgeben und das Buch weglegen ist nicht so meins, also weiter in der Lektüre.

Bei der Hälfte angekommen und immer noch genauso ratlos und völlig im Inhalt verloren, der mir episodenhaft und unzusammenhängend erscheint, der den Erzähler fröhlich wechselt und den Leser in keiner Weise begleitet oder ihm wenigstens ein kleines rotes Fädchen zur Orientierung bieten würde, also die nächste Strategie: was denken denn andere über das Buch?

Es steht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2017 und im Kommentar der Jury wird ein Labyrinth erwähnt – ja, genau so kommt es mir vor, und ich habe mich darin völlig verlaufen. Dann folgt die Erwähnung einer spannenden Erzählung und ästhetischen Wagemutes – nein, hier frage ich mich, ob ich ein anderes Buch lese. In einem kurzen Artikel der Zeit zu den Nominierten wird der Vergleich zu Robert Musil gezogen – ein Hinweis, dass der Roman vielleicht definitiv nichts für mich ist. In zahlreichen weiteren Besprechungen wird die außergewöhnliche Konstruktion des Romans hervorgehoben, die Form des Romans, die immer wieder neue Perspektiven bietet und sich spiralförmig um die Figuren legt. Ok, vermutlich ist mir etwas entgangen und ich sehe das Große Ganze nicht. Allerdings fand ich bei meiner Recherche Anne-Dore Krohns Kommentar auf der Seite des Kulturradios sehr sympathisch in diesem Zusammenhang. Die beginnt ihre Rezension mit dem Verweis auf Pennacs Rechte des Lesers, von denen sicherlich einige Gebrauch machen werden.

Nach der Erkenntnis, dass es keine klassische Handlung gibt, bleiben mir noch immer 300 Seiten, die ich nun aber eher großzügig überfliege, episodenhaft reinlese – manche Geschichten in der Geschichte sind wirklich interessant, toll, überzeugend geschrieben und können mich überzeugen, aber ich versuche nicht mehr weiter, irgendeinen Zusammenhang dazwischen zu konstruieren. Das Buch hat mich verloren und ich sehe mich am Ende nicht einmal in der Lage, in wenigen Sätzen die grobe Rahmenhandlung zusammenzufassen Ja, ich habe es inzwischen mehrfach gelesen und könnte es entsprechend wiedergeben, aber mir hat sich dies in nicht erschlossen.

Man kann in der Literatur experimentieren, soll man auch. Das wird nicht die großen Mengen an Lesern anziehen und begeistern, muss es aber auch nicht, so ist das in der Kunst nun einmal. Mich beschleicht jedoch in der Rezeption des Romans der Verdacht, dass hier einmal mehr ein besonders unlesbarer Roman hochgelobt wird und damit nicht nur zum heißesten Kandidaten für den Buchpreis gemacht wird, sondern auch einmal mehr zur Entfremdung zwischen profaner Leserschaft und hochintellektueller Buchkritik beiträgt. Das Volk versteht’s halt nicht. In meinem Fall ist das ganz sicher so, allerdings habe ich auch die Leseerfahrung gemacht – und ein Literaturwissenschaftsstudium und tausende gelesene Bücher reichen dafür allemal aus – dass wirklich große Literatur beides kann: literarisch innovativ und herausfordernd sein und gleichzeitig unterhalten.

Jakob Nolte – Schreckliche Gewalten

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Jakob Nolte – Schreckliche Gewalten

Eine Frau wird zum Werwolf, zerreißt ihren Mann und hinterlässt die beiden Zwilligskinder sich selbst. Iselin bleibt in Norwegen, versucht das, was ihre Eltern ihr mitgegeben haben, zu vergessen und wird Mitglied einer lokalen Terrorzelle, die jedoch lange Zeit wenig erfolgreich ist. Erst als Moira zu ihr stößt, wird es gefährlich. Die beiden Frauen treffen sich nicht zufällig, Moira hat dies geplant, denn sie kennt Iselins Familiengeschichte und fühlt eine Seelenverwandtschaft. Der Bruder Edvard hingegen verschwindet in den Schutz der sozialistischen Sowjetunion, wo er sich mit seinem Freund und Geliebten auf die Reise ins entfernte Afghanistan begeben will. Dazwischen liegen unzählige Ereignisse und Daten und Fakten, die einem den Kopf über diese abstruse Geschichte verlieren lassen.

Jakob Noltes Roman hat mein Interesse durch die Nominierung auf der Longlist des Deutschen Buchpreis 2017 geweckt. Schon die Kurzbeschreibung hatte mich eher abgeschreckt, das Cover machte mich ratlos. Aber nun gut, man soll ja seine Vorurteile nicht pflegen, sondern hinterfragen und so habe ich das Buch dennoch aufgeschlagen.

Diesen Roman zu fassen, ist nicht einfach. Wir haben die Geschichte – oder eher Geschichten – der beiden Geschwister. Sowie ein paar Vorinformationen der Eltern, die ganz und gar nicht irrelevant sind, aber eher Randnotizen bleiben. Dann wird Moiras Geschichte eingeschoben, die nicht minder interessant, nein eigentlich sogar wie ich finde, die spannendere Geschichte ist. Dazwischen verliert sich der Autor völlig in seinem Roman. Einzelne Begriffe scheinen ihn abzulenken und reißen einem aus der Handlung raus, um pseudowissenschaftliche Fakten zu referieren. Die wechselt sich mit den historischen Realitäten der Gewaltvollen 70er Jahre ab.

Es ist vor allem die Darstellung von Gewalt, die so nebenbei geschieht und doch brutal deutlich präsentiert wird, die einem verstört:

[als] „später als Licht den Mond erreichte, und dieser Mond, der nicht wirklich ein Planet ist und nicht wirklich ein Stern, sondern ein Mond, voll erleuchtet am Himmel stand, erblickte ihn die Mutter von Iselin und Edvard Honik, war erfasst von seiner Sanftmut, verwandelte sich in ein wölfisches Wesen, biss ihrem Gatten den Nacken durch, zerfleischte Teile seines Oberkörpers und schlief wieder ein.“

Auch Moira alias Sofia wird gewalttätig, aber sie ist nicht vor sich selbst erschrocken, sondern fasziniert von den Auswüchsen der menschlichen Seele. Sie fühlt sich bewohnt von einem Tier, das sie leitet und ihr Befehle erteilt. Diese Aufspaltung ermöglicht ihren blitzgescheiten Verstand, sich von ihrer dunklen Seite zu trennen und auch keine Schuld zu empfinden.

Die Kinder hingegen haben Angst, dem selben Schicksal wie die Eltern zu erliegen und flüchten sich daher in ihre eigenen Welten, die sie sich schaffen:

„Um sich nicht eines Nachts in ein Unheil und Schrecken verbreitendes Ungetüm zu verwandeln, versuchte er, so wenig wie möglich zu empfinden. Er dachte, dass das Eindämmen seiner Gefühle ein Überborden derselben praktisch unmöglich machen würde. Denn das, glaubte er, war die Tierwerdung seiner Mutter — ein bis in die Absurdität oder Absolutheit des Extremen übertriebenes Überborden von Gefühlen.“

Viele Formulierungen sind pointiert, exakt treffen sie in Schwarze und lassen einem erstaunen ob der Sprachgewalt des Autors. Auch die Konstruktion, ausgesprochen eigenwillig und daher eher gewöhnungsbedürftig, schließt sich am Ende und ist durchaus gelungen. Ein Roman wie eine Collage, vieles kennt man aus anderen Zusammenhängen, es wird von Nolte neu arrangiert. Fast surreal treffen die Versatzstücke aufeinander und ergeben so etwas Neues, das für sich steht und vom Leser über die Bausteine entschlüsselt werden muss.

Christine Wunnicke – Katie

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Christine Wunnicke – Katie

Was ist los mit Florence Cook? Schon als Kind benimmt sie sich seltsam, bindet sich an ihrem Bett fest und hat komische Wahnvorstellungen. Ein Gutachten muss her, sie könnte ein Medium sein. Florence zieht also zu Familie Crookes, deren Oberhaupt Sir William Crookes viel Erfahrung mit allerlei Gutachten hat und ein gefragter Mann im London des ausgehenden 19. Jahrhunderts ist. Im Hause Crooks zeigt sich dann, was mit Florence los ist: sie wird von Katie Morgan bewohnt, dem Geist einer seit 200 Jahren untoten Piratentochter, die den Weg ins Jenseits noch nicht gefunden hat. Katie kann regelrecht aus ihr heraustreten, wissenschaftlich ist das sogar nachweisbar, denn Florence wiegt weniger und ihre Körpertemperatur sinkt. Ein Faszinosum und Highlight der Stadt.

Was aus heutiger Sicht natürlich völliger Humbug ist, zeichnet Christine Wunnicke mit der zeitgemäßen Ernsthaftigkeit nach. Der Wissenschaftler hält seine Erkenntnis wie folgt fest:

„Die psychische Elektrizität unseres Mediums«, fuhr Crookes langsam fort, »erzeugt neuerdings ebenfalls eine Emanation von stark wechselnder Stofflichkeit. Diese sitzt einer Verkennung auf, welche wohl ein Residuum erlernten Aberglaubens des Mädchens ist. Sie hält sich für den Nachhall einer ehemals Lebenden. Sie glimmt dito. Sie bewegt auch das Radiometer. Sie geht umher und spricht.”

Der Autorin gelingt es in jeder Hinsicht, die Atmosphäre Londons vor rund 150 Jahren einzufangen und ihren Figuren in den Mund zu legen. Dabei legt sie einen ironischen Ton an, der einem beim Lesen einfach begeistert. Insbesondere in Bezug auf Katie. Die mysteriöse Erscheinung ist kein freundliches Fräulein, das man befragen könnte, sondern ein durchtriebenes Gör:

„Auch für das, was der Geist tat, fand Pratt keine Worte. Er saß auf Pratt und drückte ihn mit leibhaftigem Menschengewicht in die Matratze. Zuvor hatte er andere Dinge getan, die ein Mensch nicht tun darf oder nur im Hafen der Ehe. Pratt drehte sich mühsam um. Jetzt saß der Geist auf seinem Rücken und Pratt konnte ihn nicht mehr sehen. Das war gut so.“

Es hat durchaus seinen Grund, dass Katie gerade Florence bewohnt. Auch für alle anderen Figuren, die mit ihr Kontakt haben, spiegelt sie jeweils das wider, was sie erwarten und in ihr sehen wollen. Wie bei jeder anderen Séance ist hier der Wunsch und Eindruck des Betrachters maßgeblicher als das, was real vorhanden ist. Die Figuren basieren auf realen Tatsachenberichten, es fällt nicht besonders schwer zu glauben, dass sich vieles genau so zugetragen hat, auch wenn es heute eher amüsant bis absurd anmutet.

Die Parodie der Schauerromane ist nicht zu verkennen – das jungfräuliche Mädchen, das besessen ist, der Forscher, der ihr helfen will, der abgeschlossene Handlungsort im hause Crooks, der böse Geist – und dann ein sehr modernes Verhalten der Figuren, die den wirtschaftlichen Nutzen des Ganzen erkennen und daraus zu Profit schlagen wissen: aus dem umherwandernden Geist Katie wird „Katie King“, die in öffentlichen Auftritten vorgeführt wird.

Christine Wunnickes Roman stand auf der diesjährigen Longlist für den Deutschen Buchpreis. Dies finde ich eher ungewöhnlich, denn weder Genre noch Umsetzung passen in die Reihe der üblichen Erwählten.

Robert Menasse – Die Hauptstadt

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Robert Menasse – Die Hauptstadt

Eine neue Sau wird durchs Dorf getrieben – oder so ähnlich. Ein Schwein, Mitten in Brüssel, der europäischen Hauptstadt. Die Gemüter sind erregt, die Gazetten stürzen sich auf das Thema. Derweil plagen die Beamten der Europäischen Kommission ganz andere Sorgen als Schweine auf Brüssels Straßen. Schweineohren sind interessant, aber nur, weil man damit auf dem chinesischen Markt Geld verdienen kann und aktuell die Nationalstaaten im Alleingang mit dem asiatischen Riesen verhandeln und sich gegenseitig reihenweise ausbooten und schaden. Ist das im Sinne der EU? Die könnte etwas für ihr Image tun, da kommt Fenia Xenopoulou das Big Jubilee Project gerade recht. Außerdem könnte das ihr Sprungbrett in ein wichtiges Ressort sein, Kultur ist mehr so das Abstellgleis. Apropos Gleis, als Kind ist David de Vries von einem Zug gesprungen, einem Deportationszug nach Auschwitz, der ihn in den sicheren Tod befördern sollte. Sein Leben lang war er Zeuge dessen, was Hass und Nationalstolz verursachen können, doch jetzt kann er sich kaum mehr erinnern, was er zehn Sekunden zuvor noch gedacht hat. Sein geistiges Erbe droht zu verfallen. Ähnlich verfällt auch der Körper von Kommissar Brunfaut, der eigentlich einen Mord aufklären will, den es aber plötzlich nicht mehr gegeben haben soll und der ihm einen unplanmäßigen Urlaub einbringt.  Sie alle haben das Schwein gesehen, wie viele andere in der Hauptstadt der derzeit unpopulären Union, ein Schwein, über das alle reden und das die Leute in der Suche nach einem Namen zusammenführt und so wenigstens in einem Thema vereint.

Es ist nicht einfach, Robert Menasses Roman auf den Punkt zu bringen. Sehr viele Figuren, sehr viele Einzelhandlungsstränge, viel Geschichte und Politik – aber vielleicht ist es doch ganz einfach: es lebe die EU. Was wie ein chaotisches Kaleidoskop undurchdringlich scheint, schillert jedoch und entsteht in jeder Sekunde neu und kann bestaunt und bewundert werden. Die Menschen sind es, die das gemeinsame Europa entstehen lassen und die Vielfalt ausmachen.

Die Figuren sind durchdacht und vielschichtig kreiert. Die Karrieristin, der brave Beamte, der leidenschaftliche Volkswirt – es mangelt nicht an Stereotypen, jedoch bleiben sie dabei nicht stehen, sie haben Brüche und zeigen Facetten, die sie aus der Schablone herauslösen und zu Individuen werden lassen. Ihre Wege kreuzen und überschneiden sich, lösen sich dann wieder und oftmals bleiben die Begegnungen unentdeckt. Ein buntes Treiben geradezu, genau wie man es in Brüssel auch erleben kann.

Zweifelsohne ist der Roman ein Lobgesang auf die nachnationale Staatengemeinschaft, auch wenn die Mitarbeiter der Kommission weniger an der großen politischen Idee als an dem persönlichen Weiterkommen interessiert zu sein scheinen. Geradezu ad absurdum wird dies durch die Figur Alois Erharts geführt, der ein rauschendes Plädoyer auf eine neue europäische Hauptstadt singt, die aus Ruinen auferstehen müsse und daher nur an dem Ort entstehen könne, an dem die größte Niederlage Europas zu beklagen war: in Auschwitz. Leider verstirbt kurz danach der letzte Überlebende der Tragödie. Ein Humor, der begeistern kann, wenn man über eine gewisse Morbidität hinwegsieht, die sich durch das ganze Buch zieht. Menasse versteht sein Handwerk und setzt seine Sprachfertigkeit gekonnt ein, nein, er steht sogar über dem gängigen literarischen Diskurs und kann sich eine Eröffnung mit „Wer hat den Senf erfunden?“ erlauben.

Dass „Die Hauptstadt“ auf der Shortlist des Deutschen Buchpreis 2017 gelandet ist, ist keine große Überraschung. Thematisch am Puls der Zeit – das Schwein soll hier nochmals ganz am Ende eine grenzwertige politisch relevante Rolle spielen und den Verdruss der Bürger zu einer unsäglichen Klimax führen – und doch leicht und unterhaltsam. Es macht tatsächlich wieder Lust auf das europäische Miteinander, das Europa von Menschen, die hier bei Menasse auch äußert menschlich sein dürfen.

Gerhard Falkner – Romeo oder Julia

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Gerhard Falkner – Romeo oder Julia

Ein Schriftstellertreffen führt den Autor Kurt Prinzhorn nach Innsbruck in ein kleines Hotel. Dort trägt sich eine seltsame Begebenheit zu: erst findet er in seinem Badezimmer schwarze Frauenhaare, die vorher sicher nicht da waren, dann verschwinden sein Schlüsselbund und seine Notizbücher. Die Tür wurde aber gemäß der Chipkartenauslese nur von ihm selbst bedient. Der Fall bleibt unerklärlich und fesselt auch die anderen Literaten ob der Kuriosität. Wenige Tage später muss Prinzhorn für eine Lesung nach Moskau reisen. Dort hat er ebenfalls seltsame Erlebnisse, die sich nicht nur durch die fremde Kultur erklären lassen. Langsam fühlt sich Prinzhorn verfolgt, zudem macht er sich Sorgen, was der Eindringling mit seinen Schlüsseln anstellen könnte. Wieder in Deutschland stellt er jedoch fest, dass in sein Haus offenbar nicht eingebrochen wurde. Seine dritte Reise innerhalb weniger Wochen führt ihn schließlich nach Madrid, wo ihn abermals der Verdacht beschleicht, verfolgt zu werden. Seine Aufmerksam ist geschärft und tatsächlich soll er recht behalten. Er wird beschattet und die Person, die ihm nachstellt, sinnt auf Rache.

Gerhard Falkners Roman „Romeo oder Julia“ hat es nach der Longlist nun auch auf die Shortlist des Deutschen Buchpreis 2017 geschafft, was ich einigermaßen erstaunlich finde. Der Roman ist höchst unterhaltsam und mit seiner kriminalistischen Note eher untypisch als Kandidat für diese Ehrung. Umso erfreulicher, dass eine solche Erzählung in Betracht gezogen wird, der sicherlich auf beiden Ebenen – einmal als Unterhaltung mit einer gewissen Spannung – aber auch als literarisches Werk funktioniert.

Die Figurenzeichnung – wie viel vom Autor selbst in seinem Protagonisten steckt, vermag ich nicht zu beurteilen, allerdings basiert die Ausgangsgeschichte auf den wahren Erlebnissen Falkners selbst – ist facettenreich und vielschichtig. Es ist ein besonderer Spaß einen Autor in einem Roman zu erleben, da hier mit feiner (Selbst-?)Ironie die Schwächen und Eitelkeiten aufgedeckt werden:

„Obwohl ich Kurt heiße, bin ich Schriftsteller. Allerdings bin ich weit davon entfernt, mir auf diese Tatsache etwas einzubilden.“ (pos. 143) lässt er seinen Protagonisten vorausschicken.

Einerseits ist man ja doch ganz banal Mensch mit typisch menschlichen Bedürfnissen, aber andererseits ist die öffentliche Rolle und Selbstdarstellung von einem gewissen literarischen Habitus geprägt. Das Leben wird in Akten erlebt, seine Gespräche mit der Polizei sind geradezu absurd und der tragische Ausgang der Handlung kann natürlich nur einer der großen Tragödien nachempfunden sein – der Titel lässt es uns schon ahnen. Ein Balkon, eine vereitelte Liebe, ein unschönes Ende. Dazwischen noch die messerscharfen Beobachtungen des Literaturbetriebs:

„Hinter der gespielten Herzlichkeit verbargen sich Geltungssucht, Selbstüberschätzung und eiskalte Berechnung.“ (pos. 265)

So begegnen sich die Konkurrenten, die sich dem äußeren Schein nach alle furchtbar gerne mögen.

Die Handlung selbst bietet neben den offenkundigen Parallelen zu den großen Werken der Literatur – neben Shakespeare werden die Nationalheiligen gleich mehrerer Länder bemüht, bisweilen so überzeichnet deutlich, dass es schon wieder als Stilmittel durchgeht. Den russischen Straßenköter Raskolnikow zu taufen, wo dieser dann doch ganz harmlos und nett ist – man sieht schmunzelnd darüber hinweg. Aber er bedient sich auch großzügig des Films und der Malerei als Lieferant für zahlreiche Anspielungen, die er nebenbei ganz flüssig einbaut. Auch die eher plakativen Beobachtungen der russischen und spanischen Kultur und die grotesk anmutende Unheil ankündigende Nachricht, die in Walliserdeutsch verfasst wurde, lassen darauf schließen, dass der Autor sich einen Spaß mit seinem Leser erlaubt und vermutlich beim Schrieben ebensolchen hatte.

Da Falkner von Haus aus Lyriker ist, sind Vergleiche als Stilmittel naheliegend. Bisweilen entwickeln dies jedoch ein bemerkenswertes Eigenleben:

„Das Glück und das Unglück liegen manchmal so dicht beieinander wie Anus und Vagina. Tür an Tür.“ (pos. 2281).

Man weiß nicht so recht, wie man dies auffassen soll, aber es fügt sich herrlich in den Text, der mit einer Leichtigkeit und einer omnipräsenten Ironie eine große Freude zu lesen ist.