Max Bronski – Schneekönig

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Max Bronski – Schneekönig

Nach einem kalten Abend auf dem Münchner Christkindlmarkt ist Wilhelm Gossec auf dem Weg nach Hause zu seinem Trödelladen als er plötzlich angefahren wird. Zwischen Sein und Nichtsein schwebend scheint man ihm noch eine Chance zu geben und schickt ihn zurück auf die Erde, wo er vor seinem Laden ein Paar in Not findet. Er nimmt die beiden mit zu sich und kurz danach assistiert er Mariella auch schon bei der Geburt ihres Sohnes Joshua. Ein ungutes Gefühl hatte sie davon abgehalten in die Klinik zu gehen, in der just in dieser Nacht zwei neugeborene Jungen ermordet wurden. Mariella druckst herum, ihr Begleiter ist nicht der Vater des Kindes, schnell wird Gossec klar, dass die Frau in höchster Gefahr ist. Derweil bricht der Winter über die bayerische Hauptstadt herein und das Leben kommt zum Erliegen – nicht jedoch für Gossec, der neben der Findelfamilie auch noch seine eigene Bleibe retten muss und dann war da ja auch noch die Frage, ob er jetzt gen Himmel reisen darf oder doch noch ein paar Jahre irdisches Dasein genießen soll…

Max Bronskis sechster Fall um den Trödelhändler ist kein bierernster Krimi, sondern recht humorvoll in Handlung und Sprache und durch die schon wenig realistische Ausgangssituation eine eher unterhaltsame denn spannende Angelegenheit. Nichtsdestotrotz gibt es eine gut konstruierte und durchaus knifflige Krimihandlung, die nebenbei um das ernste Thema der Immobilienhaie und die schwierige Situation auf dem Münchner Wohnungsmarkt ergänzt wird.

Gossec ist als Figur kauzig angelegt und kann dank seiner Menschenkenntnis den Fall eher unkonventionell angehen. Vor dem Hintergrund der Ereignisse der vergangenen Tage erscheint mir auch das Vorgehen der saudischen Prinzen auch keineswegs mehr so abwegig wie das vielleicht noch vor Kurzem der Fall gewesen wäre. Dass Mariella und das Baby in ernsthafter Gefahr schweben, wenn ein Killerkommando nach ihnen sucht, ist leicht vorstellbar. Neben dieser Haupthandlung fand ich jedoch die Problematik um die alte Immobilie, in der Gossec und seine Nachbarn wohnen, nicht nur überzeugend eingebaut, sondern auch als reale Bedrohung der normalen Bürger gut gewählt. So entsteht eine gelungene und unterhaltsame Mischung aus Spannung und Humor, die man aufgrund der Kürze des Romans an einem entspannten Sonntagnachmittag genießen kann.

Elena Ferrante – Lästige Liebe

Laestige Liebe von Elena Ferrante
Elena Ferrante – Lästige Liebe

Als Delia vom Tod ihrer Mutter Amalia erfährt, eilt sie von Rom nach Neapel, wo sie aufgewachsen ist. Was geschah am Abend des 23. Mai und weshalb hat man ihre Mutter nur mit einem BH bekleidet aus dem Wasser gezogen? Sie beginnt die letzten Wochen und Monate ihrer Mutter zu erforschen und stößt auf einen Mann, der offenbar ihrer Liebhaber war. Caserta kommt ihr bekannt vor, eine vage Erinnerung aus ihrer Kindheit. War dieser Mann nicht mit ihrem gewalttätigen Vater befreundet, von dem sich die Mutter einst trennte und sich mit drei kleinen Töchtern fortan lieber alleine durchschlug? Ihre Fragen werden nicht gerne gesehen im Stadtviertel und je mehr sie in das Leben von Amalia eintaucht, desto deutlicher werden für Delia auch die Ähnlichkeiten mit sich selbst.

Elena Ferrantes erster Roman erschien schon 1992 im Original und zwei Jahre später in deutscher Übersetzung. Nach dem großen Erfolg der neapolitanischen Saga um die zwei Mädchen Lila und Elena hat man sich nun der älteren Romane angenommen und nochmals von Karin Krieger übersetzen lassen, die auch die neuen Werke übertrug. „Lästige Liebe“ spielt ebenfalls in dem neapolitanischen Stadtteil, der aus der Tetralogie bekannt ist und ganz eigenen Regeln folgt.

Die Grundidee des Romans hat mir gut gefallen, vor allem da auch ein spannendes Element dabei war und man wissen wollte, weshalb eine ältere Frau so aufgefunden wird. Allerdings verliert sich Ferrante immer wieder in der Geschichte. Ebenso wie Delia durch Neapel irrt, hatte ich bisweilen das Gefühl durch den Roman zu irren und nicht zu wissen, wo ich eigentlich bin und wo der Weg hinführen wird. Das Handeln der Protagonistin erschien mir oftmals wenig durchdacht – was nach so einem Schock durchaus in einem gewissen Maße nachvollziehbar ist, hier aber eher seltsam wirkte und so gar nicht zu dem Charakter der Figur zu passen scheint. Auch der Fokus auf Äußerlichkeiten hat mich eher irritiert, ja, es spielt eine Rolle, dass Delia ein bestimmtes Kleid trägt, aber dass dieses immer und immer wieder hervorgehoben werden muss, war doch seltsam – oder es fehlte mir die Visualisierung um zu verstehen, weshalb es wirklich so auffällig war.

Man kann schon erkennen, dass Ferrante Potenzial hat, aber dieser Roman ist noch weit von den späteren Werken entfernt. Weder Handlung noch Figurenzeichnung konnten wich wirklich überzeugen und so bleibt ein sehr mittelmäßiges Fazit.

Jodi Picoult – A Spark of Light

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Jodi Picoult – A Spark of light

An ordinary day at the so called Center in Jackson, Mississippi. Women come there to get information about how to prevent a pregnancy, others to end an unwelcome one. Protesters outside belong to the everyday work as well as security measures before getting inside. But on this sunny days, things go wrong when a man with a gun walks in to revenge the grand-child he never had. How can these women dare to decide on another person’s life? George Goddard will teach them a lesson. Outside, Hugh McElroy will try everything to keep the number of victims low, especially since his sister and daughter are in the Center.

When I started the novel, I was fairly astonished even before getting to the first chapter: the novel is told from the end and starts in the late afternoon of that day. This is quite an interesting idea and admittedly I had some doubts if this might actually work out. But it does and suspense is not diminished at all, since there is still a lot to be revealed even when going through the story the wrong way around.

I read other novels of Jodi Picoult before and again, the author did completely fulfil my expectations. She once more chose a highly controversial topic to which you cannot find an easy solution. The women as well as the doctors who are in the Center at the moment the shooter enters all have their individual stories that led them there: a pro-life activist in disguise, a nurse who doubts her boyfriend’s motivation of marrying her and who wants to offer him the possibility of going on in life without her, another young woman who herself had to grow up knowing how it feels if you are not loved and only a burden, a girl who just wants to get a pill – you don’t feel like they didn’t think about what they do before they decided to go to the Center on that day. But the situation between life and death – their life and death – puts the decision they had taken to another test. Especially poignant is the constellation of having the detective in charge’s daughter in the clinic. This adds another very personal aspect to the whole story.

It is not a story about pro-life vs. abortion advocates. Even though this is the initial starting point, Picoult focuses on the individual characters and their respective situation. Neither does she put their decision to the test nor excuse any decision taken. It could have been another connecting element that brings those characters together, what they experience is the moment in life where all could be over and when you inevitably have to question yourself about what is important for you and if it has been worth living. I really like her style of wiring and particularly the characters she creates, thus for me, another remarkable novel not to be missed.

Christian Torkler – Der Platz an der Sonne

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Christian Torkler – Der Platz an der Sonne

Josua Brenner wird Ende der 1970er Jahre in eine schwierige Lage Berlins hineingeboren. Seine alleinerziehende Mutter weiß kaum die Kinder zu ernähren und so muss der aufgeweckte Junge schon früh mithelfen, Geld zu verdienen. An eine langjährige Schulbildung ist in der Neuen Preußischen Republik auch nicht zu denken, es geht um das Überleben. Aber mit Cleverness und Mut schafft er es als junger Vater für sich und seine kleine Familie ein verhältnismäßig ordentliches Leben aufzubauen, trotz aller Widrigkeiten. Immer wieder hört er von Bekannten, die dem Land den Rücken kehren und ihr Glück im Süden versuchen, in Afrika, wo stabile politische Verhältnisse herrschen, die Staaten nicht von korrupten Politikern geführt werden, die sich und ihren Familien die Taschen vollstopfen und zugleich das Volk ausbluten lassen. Doch der Weg dorthin ist weit und gefährlich. Nach zwei harten Schicksalsschlagen beschließt auch Josua, dass er nicht mehr zu verlieren hat und es das aktuelle Leben auch nicht wert ist, gelebt zu werden. Also bricht er auf.

Christian Torkler verkehrt die Welt in seinem Roman „Der Platz an der Sonne“: Europa hat sich vom Zweiten Weltkrieg nicht erholt, ist politisch und wirtschaftlich instabil und in unzählige Kleinstaaten zersplittert. Afrika ist der reiche Kontinent, der zum Sehnsuchtsort wird, wo sich die Träume vom guten Leben realisieren lassen. Doch die Grenzen sind dicht, scharfe Kontrollen überall verhindern den unkontrollierten Exodus gen Süden, was jedoch viele Lebensmüde und Mutige nicht davon abhält, die weite und riskante Reise zu wagen.

Im ersten Teil des Buchs erleben wir die schwierige Lage in Berlin. Dass es auch so hätte kommen können, ist durchaus vorstellbar. Das Leid der Leute, die korrupten Beamten, die Verschwendung und Veruntreuung von Aufbaugeldern reicher Staaten, die wiederholten Rückschläge, die Josua auf dem Weg zu seiner eigenen Kneipe erlebt – Torkler zeichnet ein glaubwürdiges Bild, das durchaus angelehnt an das ist, was für viele Menschen heute Alltag ist, wenn auch nicht in Mitteleuropa. Es braucht diese lange Vorgeschichte, um nachvollziehen zu können, weshalb Josua nichts mehr zu verlieren hat und die Flucht ergreift.

Der Weg ist geprägt von allerlei Beschwerlichkeiten durch Witterung, Grenzzäune oder auch Polizisten, schnell schon lassen die ersten Weggefährten ihr Leben. Die Brutalität und Sinnlosigkeit, mit der auf die Geflüchteten eingeschlagen wird, lässt einem manchmal an der Menschheit zweifeln. Umgekehrt schildert Torkler aber auch Episoden von Hilfsbereitschaft und Unterstützung, subversivem Unterwandern der Gesetze und dem gemeinsamen Bewältigen der unmöglichen Situation. Es gab und gibt eben immer beides auf der Welt. Die finale Überquerung des Mittelmeers wird zum Höhepunkt, ein unberechenbares Glücksspiel, das man überlebt oder nicht und das selbst im ersten Fall kein Garant für eine glückliche Zukunft ist.

Eine ungewöhnliche Geschichte von Flucht und Hoffnung auf ein besseres Leben. Das Buch ist ohne Frage politisch, stärker wiegt jedoch der menschliche Appel an das Verständnis für die Lage derjenigen, die ihre Heimat verlassen, weil es dort nichts mehr gibt, das sie hält. Niemand wird Zweifel daran hegen, weshalb Josua Brenner Berlin den Rücken kehrt. Warum kann man dieses Verständnis nicht auch in der Wirklichkeit aufbringen? Der ungehinderte Zugang zu wirtschaftlich und politisch stabilen Ländern kann nicht die Lösung sein, das geht auch aus „Der Platz an der Sonne“ hervor, denn eigentlich will niemand seine Heimat verlassen, sondern nur ein bescheidenes, aber sicheres Leben führen.

Manja Präkels – Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß

Manja Präkels - Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß
Manja Präkels – Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß

Mimi Schulz wird in die geordnete Welt einer Kleinstadt im Havelland hineingeboren. Der äußere Rahmen wird durch die DDR bestimmt, der familiäre durch die Krankheit des Vaters und die Linientreue der Lehrerinnen-Mutter. Als Kind spielt Mimi gerne mit Oliver, er wohnt nebenan und so verbringen sie die Freizeit und Familienfeste zusammen, bei denen sie den Erwachsenen die Schnapskirschen klauen. Doch mit dem Mauerfall ändert sich einiges in der Ordnung der Stadt. Die vormals Begünstigten haben plötzlich das Nachsehen, viele fühlen sich von der neuen BRD und ihrem Kapitalismus im Stich gelassen, wozu noch Pläne machen für eine Zukunft, die außer Ungewissheit nichts mehr bietet? Plötzlich tauchen Nazis auf, Schlägergruppen, die auf alles eindreschen, was nicht rechtzeitig davonlaufen kann. Oliver gehört auch zu ihnen, er ist jedoch kein Mitläufer, sondern ihr Anführer, ehrenvoll „Hitler“ genannt. Und so wird der Kindheitsfreund plötzlich zum ärgsten Feind.

Manja Präkels hat für ihren Debütroman den Deutschen Jugendliteraturpreis sowie den Anna-Seghers-Preis 2018 erhalten. Ich hätte das Buch nicht per se als Jugendbuch klassifiziert, auch wenn es sicherlich auch Jugendliche anspricht. Dass es jedoch beide Auszeichnungen verdient hat, steht völlig außer Frage, denn der Autorin ist gelungen, sowohl die kindlich-verklärte DDR-Idylle wie auch die Wende und die schwierigen 90er Jahre einzufangen ohne zu werten und ohne die Figuren für ihre Gedanken oder ihr Handeln abzuurteilen.

Mimis Kindheit ist recht sorgenfrei, wie dies glücklicherweise für die meisten der Fall ist. Die großen Zusammenhänge bleiben ihr verborgen, sie ist zwar eine fleißige Schülerin, was sie aber nicht von gelegentlichen Ausrutscher und Ausbrüchen bewahrt. Sie wächst heran zur Jugendlichen, die ersten näheren Begegnungen mit Jungs verlaufen eher weniger zufriedenstellend und die Dimension der Wende erschließt sich ihr eher im Kleinen mit veränderten Zukunftsplänen als in ihrer globalen Relevanz. Doch plötzlich wird die Idylle durchbrochen: die Menschen verändern sich, der Einfluss des Westens wird sichtbar und Mimi fragt sich:

Was mit unserem Land, der DDR, geschah, war aus der Froschperspektive schwer zu überblicken. Niemand sprach mehr von ihr. Waren wir noch da? Es hatte freie Wahlen gegeben. Mein neuer Reisepass wies mich als Bürgerin der Deutschen Demokratischen Republik aus. Aber alle redeten nur von Deutschland und meinten die BRD. Karl-Marx-Stadt hieß jetzt Chemnitz.

Doch diese Verunsicherung ist es nicht, die alles ändern wird, sondern das, was ihr Freund Zottel treffsicher auf den Punkt bringt:

Die Südafrikaner hatten gerade die Apartheid abgeschafft, aber, wie Zottel bei jedem unserer Treffen zu bemerken pflegte: »Bei uns jibt’s jetz endlich wieder Nazis. Prost!«

Zunächst sind nur die Ausländer Ziel ihrer Angriffe, dann aber auch zunehmend all jene, die den alten Staat verkörpern oder die nicht zu ihnen gehören. So wie Mimi. Es sind nicht irgendwelche Leute, die sie beschimpfen und jagen. Es sind junge Erwachsene, die sie kennt, mit denen sie als Kind gespielt und in der Jugend gelacht hat. Es dauert, bis ihr die Lage wirklich bewusst wird und als sie sich der Thematik journalistisch nähert, bringt sie sich in Lebensgefahr.

Es fällt nicht schwer mit Mimi zu sympathisieren, auch ihr Staunen ob der Veränderungen und ihre Verunsicherung und Orientierungslosigkeit sind leicht nachzuvollziehen und werden von Manja Präkels authentisch und glaubwürdig geschildert. Die Jagdszenen der Neonazis sind nicht einfach zu ertragen, man erinnert sich an die Bilder aus den 90ern und starrt umso ungläubiger auf die aktuellen Nachrichten. Wenn Literatur etwas bewegen kann, dann solche Bücher, die keine Ideologie vorgeben, nicht mit erhobenem Zeigefinger den rechten (und nicht politisch rechts-außen) Weg zeigen, sondern alternative Denkweisen anbieten und Raum für Emotionen lassen, die in Zeiten großer Verunsicherung nun einmal nicht zu leugnen sind.

Auch wenn die Thematik an Ernsthaftigkeit kaum zu überbieten ist, ist er doch über weite Strecken auch leicht und unterhaltsam. Auch wegen der Thematik erinnert er mich an die Romane von Thomas Brussig, der ebenfalls das Verbindung von unterhaltsam und dennoch relevant leichtfüßig gelingt. Ein rundum überzeugender Roman, der weiteren Werken der Autorin gespannt entgegenblicken lässt.

Michael Kumpfmüller – Nachricht an alle

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Michael Kumpfmüller – Nachricht an alle

Eine seltsame Nachricht erhält Innenminister Selden: von seiner Tochter,, am frühen Morgen, ein Scherz? Nein, es war ihre letzte SMS aus dem abstürzenden Flugzeug. Es wird keine Überlebenden geben und Selden wird über Wochen wie gelähmt sein. Doch „The Show must go on“ und in Zeiten schwerer Krisen und bevorstehenden Wahlen kann ein Ausfall das Ende der Karriere bedeuten. Wer ist dieser Mann? fragt sich die junge Journalistin Hannah, die kurze Zeit später einen Termin mit ihm erhält für ein Portrait. Sie sieht hinter die Fassade des Politikers, er ist von dem unverbrauchten Blick auf die Welt der jungen Frau fasziniert und da seine Ehe sich ohnehin in der Auflösung befindet, führt diese Begegnung zwangsweise in die Affäre. Doch sein politischer Alltag holt ihn schnell zurück: innenpolitische Krise, Streiks und Aufstände, ein Angriff der Medien auf ihn aus dem Nichts – was soll denn noch passieren, das er aushalten muss? Selden wird von den Ereignissen getrieben und kann nur noch reagieren.

„Nachricht an alle“ entsprach so gar nicht dem, was ich von dem Buch aufgrund des Klappentextes erwartet hatte. Die schrecklichen Ereignisse um den Unfalltod der Tochter sind keineswegs das tragende Element, sondern letztlich nur eine Randnotiz, die den Auftakt zu Geschichte bildet und schnell vergessen ist. Aber nur, weil eine andere Geschichte erzählt wird, als man erwartet hat, bedeutet dies nicht gleich Enttäuschung, denn Michel Kumpfmüllers Roman, der 2007 vom LCB und der Akademie der Künste mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet wurde, kann überzeugen und obwohl der Text mehr als zehn Jahre alt ist, hatte ich den Eindruck, dass er die aktuellen Krisen genauso erfasst und eine erschreckende Warnung darstellt.

Die ganze Handlung dreht sich um Selden, der sowohl privat wie auch beruflich kurz vor dem Absturz steht. Seine Frau Britta sieht er nur noch sporadisch, wo die Malerin weilt und was sie tut, erfährt er nur noch am Rande. In Brüssel hat er eine lockere Geliebte, mit der ihn jedoch nur der Sex verbindet und mit der Journalistin Hannah bahnt sich eine gänzlich andere Art von Beziehung an. Für die Trauerarbeit nach dem Verlust der Tochter bleibt keine Zeit, dies genauso wie das Chaos um seine Frauen muss verschoben werden. Spannender als das private Chaos ist jedoch der politische Druck. Das Volk geht auf die Straße, der Unmut wird täglich größer und innerparteiliche Streitigkeiten lassen konzertierte Arbeit auch nicht zu. Besonders überzeugend fand ich den Angriff auf ihn über die Medien, die minimalste Verfehlungen ausschlachten, ihn an den öffentlichen Pranger stellen und beinahe zum Sturz bringen. Es bleibt vage, woher dieser Angriff kam und weshalb er sich in diese Dimension aufblasen konnte – aber funktioniert diese Art der öffentlichen Hinrichtung nicht immer nach diesem Muster?

In einer Nebenhandlung erlebt man auch junge Erwachsene, die auf die Straße gehen und gegen das Establishment demonstrieren. Allerdings verhallt ihre Stimme und ihr Ansinnen vor dem Hintergrund der völlig durchgeknallten Maria, die aufgrund ihrer Extreme allen womöglich gerechtfertigten Kritiken den Wind aus den Segeln nimmt.

Man hat ein wenig den Eindruck, als wenn dem Roman die Dramaturgie fehle, die ihn am Ende rund erscheinen lässt und die die Handlung zielgerichtet leitet. Dies erklärt auch viele eher verhaltene Kritiken. Mich hat es bisweilen auch ein wenig irritiert, weil man nicht durchschaute, wohin die Geschichte läuft. Umgekehrt fragt man sich bei der ausgesprochen authentisch wirkenden Darstellung des Ministers, inwiefern unsere höchsten Politiker wirklich nur noch Getriebene sind, die schon längst das Ruder aus der Hand geben mussten und noch auf Medien und die Stimme der Straße reagieren, aber nicht mehr selbst den Kurs bestimmen und lenken. Ein beunruhigender Gedanke, der wiederum in der Geschichte überzeugend umgesetzt wurde.

Joe Bausch – Gangsterblues

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Joe Bausch – Gangsterblues

JVA Werl – Anstalt des geschlossenen Vollzugs, drei Gebäude für Gefangene, ein separater Bereich für Sicherungsverwahrte. Knapp 1000 Straftäter können dort untergebracht werden und werden dabei von über 500 Vollzugsbeamten und unzähligen sonstigen Mitarbeitern betreut. Darunter auch von Anstaltsärzten, einer von ihnen ist Joe Bausch, besser bekannt als Dr. Joseph Roth, Gerichtsmediziner des Kölner Tatorts. In „Gangsterblues“ schreibt er über seine Arbeit in der JVA, über außergewöhnliche Begegnungen und unvorstellbare Fälle.

In zwölf Geschichten berichtet er von Mördern, die vielleicht gar keine waren; von Selbstjustiz in der JVA; von ungleichen Zwillingsbrüdern und ehrenhaften Senioren; von ernsthaft psychisch Kranken und von wiederholten Ablehnungen der Behandlung. Jede Geschichte ist ein Schicksal, das unter die Haut geht und das zeigt, dass kein Mensch nur gut oder nur böse ist, immer tragen die Menschen beides in sich – manchmal gewinnt das eine, dann das andere die Oberhand.

Es ist nicht der voyeuristische Blick hinter die Gefängnismauern, der den Reiz des Buches ausmacht, sondern die bewundernswerte Menschlichkeit, die Bausch seinen Patienten unter diesen besonderen Umständen entgegenbringt. Er begegnet ihnen neutral, unvoreingenommen. Mehr als die anzuwendenden Sicherheitsmaßnahmen weiß er oft nicht von ihnen, wenn er sie zum ersten Mal trifft. Ihre Geschichten berühren ihn, lassen ihn aber nicht die professionelle Distanz und Skepsis verlieren. Er glaubt nicht blind jede Story, ist aber bereit zuzuhören und mehr als einmal lohnt sich die Nachfrage und das Vertrauen, das er dem Gefangenen entgegenbringt. So verhält er sich als Arzt und auch als Autor, denn er missbraucht die Fälle nicht für sein Buch, sondern schildert bemerkenswerte Schicksale, die auch auf Schwächen im Justizsystem und der Gesellschaft hinweisen. Immer wieder wird deutlich, dass die Menschen, trotz der schwere der Taten, die sie verübt haben, auch Werte haben, die sie leben und dass ihr Charakter sich nicht ausschließlich aus diesen bildet.

Auch wenn das Buch als True-Crime angekündigt ist, stehen weniger die Taten als viel mehr die Menschen im Fokus, das, was nach der Gerichtsverhandlung und nach der Zeitungsmeldung kommt, wenn sich niemand mehr für den Täter interessiert. Und genau das wird von Joe Bausch unterhaltsam und lesenswert dargeboten.

Thomas Sautner – Fremdes Land

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Thomas Sautner – Fremdes Land

Jack Blind ist sich sicher, dass er und seine Partei nicht nur schon sehr bald die Regierung übernehmen, sondern dass sie auch das Leben für die Menschen verbessern werden. Als der regierende Präsident unerwartet zurücktritt und Neuwahlen ausgerufen werden, tritt das ersehnte Ereignis ein und Jack wird Stabschef und enger Vertrauter des Präsidenten. Sowohl er wie auch sein Freund und Neu-Staatsoberhaupt Mike Forell sind gänzlich unerfahren, aber eine hilfsbereite Gräfin nimmt sie unter ihre Fittiche und erleichtert ihnen den Start im Amt. Sie stellt ihnen auch den „Vertreter“ vor, der für eine Gruppe von wichtigen Wirtschaftsbossen spricht und die neue Regierung vor allem in ihrem Kampf gegen den islamistischen Terror unterstützen möchte. Nein, Gegenleistungen möchten sie dafür nicht, sie haben zwar den einen oder anderen vernachlässigbaren Wunsch, aber das sind doch Petitessen, die man im Vorbeigehen erledigen kann. Obwohl Jack eindringlich von seiner Schwester gewarnt wird, läuft er sehendes Auges ins Unglück – und reißt das ganze Land mit.

Thomas Sautners Roman ist bereits einige Jahre alt, was der Aktualität jedoch keinen Abbruch tut. Im Gegenteil, vieles, was er beschreibt, kann man inzwischen in der Realität beobachten: die Angst vor islamistischem Terror, die Möglichkeiten der völligen Überwachung, die der Endverbraucher schon gar nicht mehr nachvollziehen kann und spätestens seit der Euro- und Banken-Krise von 2008 sollte auch dem letzten aufgegangen sein, dass nicht die gewählten Volksvertreter die wesentlichen Entscheidungen treffen. Die Tatsache, dass der entscheidende Vertreter der Wirtschaftsinteressen nicht einmal einen Namen bekommen hat, spricht hierbei Bände.

An vielen Stellen hat mich „Fremdes Land“ an bekannte Dystopien erinnert, die gefühlsverstärkten Kinos und die Feelgood-Pillen kommen einem stark aus „Brave New World“ bekannt vor, die staatliche Überwachung und Gedankenkontrolle kennt man aus „1984“. Auch der Aufbau der Figurenkonstellation ist recht typisch für eine Dystopie: der naive und im Umgang mit anderen Menschen gehemmte Protagonist, der nicht durchschaut, was eigentlich geschieht und nur die Vorteile des Systems sehen möchte, obwohl ihm eine nahestehende Person versucht vor der Gefahr zu warnen. Die Zuspitzung der Situation, die letztlich private und öffentliche Interessen konfrontieren und eskalieren lässt. Trotz der leicht erkennbaren Versatzstücke schmälert dies in keiner Weise den Roman. Inhaltlich hat er einige neue Aspekte zu bieten und der starke Fokus auf den politischen Entscheidungen machte ihn für mich interessanter als viele Romane des Genres, die ihren Schwerpunkt eher auf die persönlichen Entwicklungen einzelner Figuren legen.

Eine Dystopie, die so wirklichkeitsnah und authentisch daherkommt, dass man vergessen könnte, dass es sich um eine fiktive Geschichte handelt. Ein herausragender Roman des Genres, der leider viel zu wenig Beachtung erfahren hat.

Ferdinand von Schirach – Strafe

Strafe von Ferdinand Schirach
Ferdinand von Schirach – Strafe

Seit vielen Jahren schon ist Fernand von Schirach eine feste Größe im Literaturbetrieb und hat mit seinen Rechtsfällen eine eigene literarische Gattung geschaffen. „Strafe“ knüpft an seine beiden ersten Bücher „Verbrechen“ und „Schuld“ an und hat wieder einmal verschiedene Rechtsfälle in Form von Kurzgeschichten zum Inhalt. Zwölf Schicksale stellt von Schirach vor, die auch die Grenzen des Rechtssystems zeigen und nachvollziehen lassen, weshalb manchmal Unschuldige ins Gefängnis wandern und weshalb manchmal Schwerverbrecher auf freien Fuß kommen.

Der Autor ist kein klassischer Erzähler, sein Stil trägt deutlich die Handschrift des Juristen: klar, präzise, schnörkellos. Das mag nicht jedem gefallen, er bieten jedenfalls wenig Raum für analytische Sprachbetrachtung und vielschichtige Entschlüsselung des Textes. Dies ist auch gar nicht nötig, denn das, was der Autor mitzuteilen wünscht, liegt direkt vor einem und besticht eben durch die sachliche Darstellung, die keine Fragen offen lässt. Dies hindert einem jedoch keinesfalls daran, mit den Menschen Mitgefühl zu empfinden, zu leiden und sie auch bisweilen zu verachten.

Die Texte variieren in Länge und Perspektive, den einen oder anderen Fall glaube ich auch aus den Medien zu kennen, etwa die Geschichte um den Mann im Taucheranzug – das ist so skurril, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass die häufiger vorkommt. Am interessantesten und berührendsten fand ich die Fälle „Lydia“ um die Puppe, die zur Lebensgefährtin wird, und „Subotnik“, die zeigt, in welcher Zwickmühle sich Verteidiger wiederfinden können. Zwar kommen alle Geschichten nicht an das ethisch/moralisch nicht zu lösende Dilemma von „Terror“ heran, trotzdem liefern sie Einblicke in Grenzbereiche der Justiz, die einem ansonsten verborgen bleiben würden.

Michael Dobbs – House of Cards

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Michael Dobbs – House of Cards

Nachdem die große Premierministerin Margaret Thatcher abgedankt hat, werden die Conservatives von Henry Collingridge angeführt. Ein katastrophales Wahlergebnis mit nur knappem Sieg stürzt die Parteimitglieder in ein tiefes Loch, hinzu kommen die üblichen Enttäuschungen nach den Wahlen, wenn man den erhofften Posten nicht bekommen hat. So ergeht es auch Francis Urquhart, Chief Whip, der auf die Leitung eines Ministeriums gehofft hatte und jetzt zusehen soll, wie unfähige Dumpfbacken an ihm vorbeiziehen. Doch das wird er nicht so einfach auf sich sitzen lassen und Schritt für Schritt nimmt sein Plan Formen an. Es beginnt mit kleinen Leaks und führt letztlich zum Sturz des Premierministers. Der Weg für parteiinterne Neuwahlen ist geöffnet, aber es gibt Gegenkandidaten – diese ahnen jedoch nicht, was Urquhart in den Jahren zuvor alles über sie gesammelt hat und jetzt einzusetzen bereit ist.

Michael Dobbs kennt den innersten Kreis der Conservatives, hat selbst ab 1977 für die Partei gearbeitet und war unter Thatcher ein hoher Parteifunktionär. Der Rausschmiss durch die Eiserne Lady hat in seinem eigentlich als Erholung gedachten Urlaub zu dem schier unglaublichen Politthriller geführt, der mehrfach verfilmt wurde und als Netflix Serie große Erfolge feierte.

Im Zentrum der Handlung steht Francis Urquhart, dessen Machenschaften vor dem Hintergrund von Dobbs realen Erfahrungen noch erschreckender wirken als sie es schon sind. Es wird mit harten Bandagen gekämpft und vor nichts Halt gemacht. Jede noch so kleine Verfehlung kann den großen Sturz auslösen und ein cleverer und intelligenter Strippenzieher wie Urquhart weiß die Schwächen seiner Gegner zu nutzen. Er hat Geduld und Überblick, agiert nie hastig, sondern wartet geschickt seine Chancen ab, die er mal herbeiführt und mal einfach nutzen kann. Für die Macht geht er bis zum Äußersten und man hat nicht den geringsten Zweifel daran, dass dies alles genau so geschehen könnte. Seine einzige ernstzunehmende Gegenspielerin ist die junge Journalistin Mattie, die jedoch ebenfalls geschickt kaltgestellt werden kann, was sie jedoch nicht daran hindert, weiterhin Nachforschungen anzustellen und dem wahren Täter der Verschwörung auf die Schliche zu kommen.

Nicht nur die Handlung ist überzeugend konstruiert und bietet genau die Spannung, die man von einem Buch in diesem Genre erwarten würde. Auch Dobbs Schreibstil zwischen süffisanter Ironie und kaltherziger Abrechnung konnte mich schnell packen. Besonders die kurzen Zitate, die jedem Kapitel vorangestellt sind, zeigen nicht nur, dass der Autor genau weiß, wovon er schreibt, sondern dass er seine Worte auch punktgenau platzieren kann:

Kapitel 18: The world of Westminster is driven by ambition and exhaustion and alcohol. And lust. Especially lust.

Kapitel 27: A politician should never spend too much time thinking. It distracts attention from guarding his back.

Die Motti stimmen hervorragend ein und Dobbs folgt ihnen dann nur noch konsequenterweise. Beste Unterhaltung, die keine Wünsche offen lässt und auch nach fast 30 Jahren nichts an Relevanz und Überzeugungskraft verloren hat.