Guido Gin Koster – Quel beau voyage (Hörspiel)

Der Erzähler begleitet seine fast 80-jährige Tante Marthe und deren Freundin Aimée auf einer Reise von Paris nach Béziers. Die Reise wird auch ein Blick zurück auf die bewegte Vergangenheit der Damen. Aimée, gefeierte Pianistin, möchte bevor sie das letzte Mal auf Tournee geht, das Grab des Mannes besuchen, den sie während eines Konzerts erschossen hat. Der Dirigent hatte zu Zeiten des besetzten Paris dafür gesorgt, dass ihre Eltern, ebenfalls Musiker und jüdische Emigranten aus Deutschland, deportiert wurden und damit seinen eigenen Aufstieg vorangetrieben. Doch ihre Rache lief nicht wie geplant. Statt eines Tribunals, vor dem sie ihre Verteidigungsrede, auf die sie sich 30 Jahre lang vorbereitet hat, halten wollte, wird sie auf Betreiben des Präsidenten zwei Jahre in die Psychiatrie eingesperrt. Eine nachdenkliche, aufwühlende und doch – wie die Damen finden – schöne Reise.

******/5 (Hörspiel)

Alexandra Marinina – Widrige Umstände

Ein komplexer Fall: Irina Filatowa wird nach der Rückkehr einer Reise von einem Profikiller in ihrer Wohnung ermordet. Was wie ein Unfall getarnt sein sollte, blieb jedoch nicht wie geplant unentdeckt und so wird eine Reihe von Leute aufgescheucht und einen Prozess in Gang gesetzt, bei dem auch Anastasija Kamenskaja in die Schusslinie gerät. Verstrickungen der Miliz, Profikiller und hoher Beamten des Moskauer Innenministeriums ergeben einen Krimi, der zwar ein paar Längen hat und dessen Aufklärung ein wenig zu speziell ist, um überzeugend zu sein. Trotz allem unterhaltsam.

Großer Kritikpunkt: Bei der Übersetzung als 6. Fall für Anastasija gekennzeichnet, ist dieser der eigentlich erste Band.Eine katastrophale Entscheidung des Verlags, denn die Figur entwickelt sich weiter und in dieser Reihenfolge gelesen bleibt viel auf der Strecke. Insgesamt ist dieser Band auch der mit Abstand schwächste der Reihe.

***/5

Esmahan Aykol – Hotel Bosporus (Hörspiel)

Istanbul. Die beiden Freundinnen Kati Hirschel, die bereits vor mehr als 10 Jahren in die türkische Hauptstadt ausgewandert ist, und Petra Vogel, eine Schauspielerin, die in Istanbul einen Film drehen wird, treffen sich nach langer Zeit wieder. Kati besitzt einen Buchladen, der auf Krimis spezialisiert ist, weshalb sie sich auch direkt als Privatdetektivin betätigt, als man Petras Regisseur tot im Hotel auffindet. War es Mord aus Eifersucht, hatte der Regisseur wirklich ein Verhältnis mit Petra und wollte diese umbesetzen? Und was hat die Mafia mit dem Todesfall zu tun – warum meldet sich der Boss höchstpersönlich bei Kati, um ihre Aktivitäten zu unterbinden?

Erfrischende Figuren und eine gehörige Portion Witz gestalten das Hörspiel unerwartet unterhaltsam und kurzweilig. Die Geschichte dahinter ist ebenfalls spannend und gut und glaubhaft konstruiert. Weder Kommissar Zufall noch billige Motive werden herangezogen. Bitte mehr davon!

*****/5 (Hörspiel)

John von Düffel – Ein klarer Fall (Radiotatort)

Kommissarin Evernich geht endlich in Urlaub – wohin verrät sie nicht. Privatsache. Tatsächlich liegt ihr Vater im Sterben und sie will in den letzten Stunden für ihn da sein. Der aktuelle Fall scheint auch bereits gelöst: ein Kasinoräuber wird mittels neuer DNA Technik überführt und kann direkt gestellt und inhaftiert werden. Kollege Claas soll diesen klaren Fall nur noch zu Ende bringen. Als der vermeintliche Räuber jedoch tags drauf erhängt in der Zelle gefunden wird und sein Blut große mengen Barbiturate gefunden werden, die einen Selbstmord ausschließen, sieht sich Class genötigt zu handeln und lässt sich eigenmächtig undercover ins Gefängnis einschleusen – mit schmerzhaftem Ende für ihn.

Klassischer Radiotatort: überzeugende Geschichte kurzweilig präsentiert und die Persönlichkeiten der Ermittler kommen auch nicht zu kurz.

****/5 (Hörspiel)

Georges Simenon – Der Bericht des Polizisten (Hörspiel)

Nach einer stürmischen Nacht liegt ein unbekannter Mann verletzt auf der Straße bei dem Gut der Familie Roy. Zunächst dreht sich die Suche nach dem Unfallverursacher, doch war es wirklich ein zufälliger Unfall? Und warum hatte der Mann die Adresse der Familie auf einem zettel bei sich, was die Bäuerin Joséphine vor der Polizei verheimlichen wollte? Sowohl der Wachtmeister Liberge als auch Ehemann Etienne werden mehr als skeptisch. Die hingebungsvolle Pflege des Unbekannten und seltsame Postkarten ohne Text lassen die Zweifel wachsen.

*/5 (Hörspiel)

Isaac Bashevis Singer: Feinde, die Geschichte einer Liebe

Herman Broder, polnischer Jude, und seine Frau Yadwiga sind nach Ende des zweiten Weltkriegs nach New York ausgewandert. Yadwiga, bäuerlichen Ursprungs, schüchtern und von den vielen Eindrücken und der neuen Sprache gänzlich überfordert, arbeitete vor Beginn des Naziregimes als Dienstmädchens im Broder’schen Haushalt, als die Situation sich für die Juden zuspitzt, versteckt sie Herman kurzerhand drei Jahre lang auf dem Heuboden ihrer Eltern. Aus Dankbarkeit und weil er seine Frau Tamara für tot hält, heiratet Herman sie später. Das New Yorker Leben gestaltet sich einseitig, während sie den Haushalt wie eh und führt und aufgrund der Sprachbarrieren auch keinen Kontakt nach außen hat, Herman schreibt Reden und Bücher für einen Rabbi und gibt vor von zeit zu Zeit auf Geschäftsreise zu gehen, um Bücher zu verkaufen. Tatsächlich verbringt er dann seine Zeit mit seiner Geliebten, Mascha. Diese setzt ihn mehr und mehr unter Druck seine Frau zu verlassen. Als eines Tages in einer Zeitungsanzeige nach Herman gesucht wird, ahnt dieser Schreckliches. Und tatsächlich: seine erste Frau Tamara ist am Leben und sein Doppelleben droht aufzufliegen.

Singers Roman ist schwer einzuordnen. Die Hauptfigur Herman Broder handelt in jeder Weise unglücklich und bisweilen geradezu dumm. Mit dem geschilderten Hintergrund jedoch auch wieder nachvollziehbar. Auch die anderen Figuren sind in ihrem Verhalten glaubwürdig geschildert, gerade mit Yadwiga hat man als Leser sehr viel Mitleid und wünscht ihr ein wenig Emanzipation. Spannend fand ich immer wieder die Schilderung der polnischen Community, die auch über die Emigration überlebt hat und letztlich zum Verhängnis Broders wird – die Welt ist nun einmal klein.

Das Buch ist einerseits ein Liebesroman, andererseits erlebt man die klassische Flüchtlings- und Emigrationsgeschichte, ebenso die Folgen, die die Internierung in Konzentrationslagern für die Überlebenden hatte. Zwischen Tragik und auch Komik, jüdischem Leben und modernem Überlebenskampf in der Großstadt hat Broder eine durchaus unterhaltsam Geschichte angesiedelt.

****/5

Jean-Baptiste Destremau – La sonate de l’assassin

Laszlo Dumas ist ein berühmter Pianist, dem man lange Zeit nach sagt, dass er zwar gut aber nicht überragend talentiert sei. Eines Tages, als ihm während eines Konzerts ein minimaler Fehler unterläuft, der jedoch von einem Zuschauer in der ersten Reihe bemerkt wird, wird sein Genie herausgefordert: er kann die Existenz dieses Mannes nicht ertragen und begeht einen Mord. Sofort verändert sich sein Spiel und er wird besser und besser. Um diesen Effekt und seinen Ruhm zu retten, muss er jedoch immer wieder töten. Die Auswahl seiner Opfer folgt dabei immer demselben Muster: er baut kleine Fehler in sein Spiel ein und wer sie bemerkt, muss dafür mit dem Leben bezahlen. Eines Tages jedoch lernt er Lorraine kennen und lieben – sie bemerkt seine Fehler jedoch auch…

****/5 (Hörspiel)

Giorgio Scerbanenco – Das Mädchen aus Mailand (Hörspiel)

Duca Lamberti, frisch aus der Haft entlassener Arzt, erhält einen ungewöhnlichen Auftrag: er soll den Sohn eines reichen Unternehmers vom Alkohol abbringen. Doch schon im ersten Gespräch mit Davide erfährt Lamberti, dass dieser ein ganz anderes Problem hat: er sieht sich für den Tod einer Prostituierten verantwortlich, die ein Jahr zu vor vermeintlich Selbstmord begangen hat. Er war der letzte, der sie lebend gesehen hat und zudem hat er eine kleine Filmrolle, die sie in seinem Wagen zurücklies. Nachdem die Bilder entwickelt sind und sich schnell zeigt, dass der Suizid in Wahrheit wohl eher Mord war und noch ein zweiter ähnlicher Fall existiert, beginnt Lamberti zu ermitteln. Bei seinen Nachforschungen im Milieu wird er von einer attraktiven Lehrerin unterstützt, die sich dabei selbst in Lebensgefahr bringt,

****/5 (Hörspiel)

Batya Gur – Denn die Seele ist in Deiner Hand

Der 5. Fall für Michael Ochajon führt den Kommissar in eine historisch aufgeladene Konfliksituation zwischen verfeindeten Familien und voller Hass ausgetragener Aversionen gegenüber anderen Völkern und Ethnien. Der Roman beginnt mit dem Fund der Leiche der hübchen Zohra, gerade einmal 22 Jahre alt und als Nachzüglerin das Lieblingskind der Eltern und von den drei älteren Brüdern ebenfalls verhätschelt. Bewundert wird sie von dem unscheinbaren und etwas zu kräftigen Nachbarsmädchen, das sich nicht mehr wünscht als wie die hübsche Zohra zu sein.

In alle Richtungen ergeben sich mögliche Motive und Spuren, viele der Bekannten und Verwandten sind eher seltsamer Natur haben etwas zu verbergen. Als das Nachbarsmädchen verschwindet, spitzt sich die Situation zu. Hat sie etwas gesehen, was zum Mörder führen könnte und wurde ihr ihr Wissen zum Verhängnis? Und was hat es mit Zohras Nachforschungen in der eigenen Familiengeschichte auf sich?

Der bislang schwächste Roman aus der Reihe. Leider bleibt auch Ochajon und seine private Geschichte dieses Mal denkbar blass, nachdem Gur in den vorangegenagene Romanen gerade damit gepunktet hat.

***/5

Claire Goll – Eine Deutsche in Paris

Erika Wolf, Malerin und Professorentochter, flieht aus dem bürgerlichen Leben einer deutschen Kleinstadt, wo sie kurz vor der Heirat stand, nach Paris. Dort lernst sie Jacques Narval, den Sohn des Premierministers kennen, der an der Sorbonne Medizin studiert. Sie verliebt sich in ihn, obwohl ihr seine Ansichten zur Welt und zu Beziehungen seltsam vorkommen und zunehmen Schwierigkeiten bereiten. Sie will ihm nicht zu nahe treten oder ihn gar zu ungewollten Gefühlsäußerungen zwingen – weshalb sie, im 4. Monat schwanger, schließlich Paris und ihre Liebe verlässt.

**/5 (Hörspiel)