Indyana Schneider – 28 Questions

Indyana Schneider – 28 Questions

Amalia leaves her Australian home to study music in Oxford. She has only just arrived when she meets Alex, another Australia in her third year already. They befriend immediately and spend more and more time together philosophing, questioning life and sharing everything. It is an intense but perfect friendship. Yet, things become complicated when their friendship turns into love. What was easy and carefree suddenly becomes complicated, misunderstanding after misunderstanding, unexpressed and unfulfilled expectations turn the perfect friends into the worst lovers.

“(…) every so often, I come across a new piece of music and getting to know the music kind of feels like falling in love. And the idea of spending my life falling in love over and over again… who wouldn’t want that?”

The title refers to a study by psychologist Arthur Aron which postulates that a certain set of questions can lead to more intimacy and a deeper relationship between people. The protagonist of Indyana Schneider’s novel asks “28 Questions” which actually bring her closer to her first friend, then lover but they cannot help untangle the complications they have to face. It is a kind of college novel about becoming an adult, about love and about identity in an ever more complex world.

“I just don’t get how it’s possible to be such wonderful, compatible friends and so ill suited as lover.”

This is the central question. How can two people being that close, sharing the same ideas and attitudes simply be so incompatible as lovers. They are fond of each other, there are butterflies and they even match physically – but the relationship doesn’t work out. Over years, they have an on/off relationship because they can neither live with nor without each other.

Yet, the novel is not a classic heart-breaking love story. What binds Amalia and Alex is an intellectual love, they get closer over the questions which address core human topics, from social interaction over social categories of identity and the definition of themselves. They grow with each other, reflect upon their convictions and finally enter the real world of adulthood for which they are still not quite prepared.

A wonderfully written, intense novel about love which goes far beyond just being attracted by someone.

Chibundu Onuzo – Sankofa

Chibundu Onuzo – Sankofa

Seit einem halben Jahr ist Annas Mutter inzwischen tot. Sie hat bislang immer noch nicht alle ihre Sachen durchgesehen, doch nun, wo ihre Tochter auch längerer Geschäftsreise ist und sie vor der Scheidung steht, macht sich Anna an den Nachlass. Sie stößt auf ein Tagebuch, das offenbar zu ihrem Vater gehörte. Ihr Leben lang hat sich ihre Mutter geweigert, Fragen zu ihm zu beantworten. Anna weiß nur, dass der Student aus Bamana einige Zeit in London verbrachte und als Untermieter bei ihren Großeltern lebte. Von der Schwangerschaft hat er nie etwas erfahren und Anna hat früh gemerkt, dass er ein Tabu-Thema ist. Sie hat ihn nie wirklich vermisst, doch nun wächst die Neugier und schnell findet sie heraus, wessen Tochter sie ist: die eines brutalen, mittlerweile offenbar superreichen Diktators. Dieses Bild passt so gar nicht zu jenem, dass sie sich von dem Mann, dessen Tagebuch sie gelesen hat, gemacht hat. Es bleibt wohl nur hinzufahren und sich einen realen Eindruck zu verschaffen.

Chibundu Onuzo ist in Nigeria geboren und als Teenager nach England gekommen. Mit nur 19 hatte sie ihren ersten Vertrag bei Faber and Faber und enttäuschte mit ihrem vielfach ausgezeichneten Debüt auch nicht. „Sankofa“ ist ihr dritter Roman, der die Frage nach Identität und Zugehörigkeit auf eine ungewöhnliche Weise angeht. Das fiktive Land Bamana an der westafrikanischen Diamantenküste bietet den Hintergrund für eine hochinteressante Begegnung und Auseinandersetzung der Kulturen, in der der europäische Blick gnadenlos und dennoch annehmbar vorgeführt wird.

Die Handlung beginnt in London, wo Anna auf die Erinnerungen ihres Vaters stößt, der sich Ende der 60er Jahre als afrikanischer Student offenem Rassismus gegenüber sieht. Er wollte die Engländer kennenlernen, merkt aber schnell, dass er nie zu ihnen eingeladen wird und seine einzigen Kontakte die anderen ausländischen Studenten sind, die sich auch zunehmend ob der politischen Lage und der gesellschaftlichen Ausgrenzung radikalisieren. Seine Affäre mit Annas Mutter muss geheim bleiben, er kann sich auch nie des Gefühls der Unterlegenheit erwehren.

Anna selbst wächst mit dunkler Hautfarbe in einem weißen Mittelschichtenmilieu auf. Ihre Mutter kann – oder will – die Anfeindungen nicht sehen, denen sie immer wieder ausgesetzt ist, sie leugnet jeden Rassismus kategorisch. Doch schon kleine Dinge wie ihre Haare, die mit europäischen Shampoos nicht zu bändigen sind, führen Anna immer wieder ihre Andersartigkeit vor.

Nachdem sie mittels eines schottischen Professors und Studienkollegen ihres Vaters herausgefunden hat, dass Francis Aggrey inzwischen charismatischer Führer eines kleinen Landes ist, ist sie gleichermaßen neugierig wie verschreckt. In Bamana ist sie ganz eindeutig eine obroni, eine Weiße, und wird so behandelt. Die erste Begegnung mit ihrem Vater endet im Desaster, doch dieser lädt sie ein, länger zu bleiben. In ihren weiteren Treffen stößt Anna dann aber immer wieder an die Grenzen ihrer Überzeugung und ihrer Vorurteile, hin und her gerissen zwischen dem Vater mit seinen zugewandten und auch liebenswerten Seiten und dem rücksichtslosen Diktator, der weiß, wie sein Land funktioniert und auch nicht davor zurückschreckt, seiner eigenen Tochter eine Lektion in Rassismus zu erteilen.

Die Stärke des Romans liegt fraglos in der zweiten Hälfte der Handlung. Anna ist als Protagonistin einerseits mit den typisch westeuropäischen Attributen ausgestattet –  Mittelschicht, Studienabschluss, viele Jahre Hausfrau und Mutter – andererseits kennt sie auch Rassismus. Sie geht mit einer großen Portion Naivität an ihre Reise, was sie sogleich teuer bezahlt. Viele ihrer Vorstellungen sind einem nicht fremd, man identifiziert sich leicht mit ihr und doch trägt sie in sich den Zwiespalt zwischen der vermeintlich objektiven Betrachtung des Landes von außen und jenes Blicks der Tochter, die um die Erfahrungen des Vaters in England und seine ursprünglichen Ideale weiß. Das Spannungsfeld lässt sich nicht auflösen, bietet daher immer wieder interessante Konfrontationen, die einem als Leser nachdenklich stimmen. Für mich eines der spannendsten und aufschlussreichsten Bücher einer BIPoC Autorin, das ich uneingeschränkt empfehlen würde.

John le Carré – Silverview

John le Carré – Silverview

Julian Lawndsley hat seinen stressigen Job in London aufgegeben, um in einem kleinen englischen Küstenort eine Buchhandlung zu eröffnen, auch wenn er bislang nur wenig Erfahrung in diesem Bereich hat. Eines Abends kommt ein ungewöhnlicher Kunde in seinen Laden, der auf dem nahegelegenen Herrschaftssitz Silverview wohnt und sich als Jugendfreund von Julians Vater vorstellt. Mit Ratschlägen will er den Neubuchhändler unterstützen, der nicht sicher ist, was er von Edward Avon halten soll. Sein Vater hatte ihn nie erwähnt, aber er scheint bestens informiert über Julians Familie und da Edwards Frau schwerkrank ist, will er den älteren Herren auch nicht gleich der Lüge bezichtigen. Zur selben Zeit klingeln bei den Geheimdiensten alle Alarmglocken, eine undichte Stelle weist auf den kleinen Küstenort und setzt eine Maschinerie von Agenten in Gang.

„Silverview“ ist der letzte Roman des großen britischen Krimiautors, der selbst für die Geheimdienste gearbeitet hat und immer wieder sein Insiderwissen geschickt für seine Romane einsetzte. John le Carré bleibt auch in diesem Krimi dem Stil treu, den man von seinen letzten Geschichten kennt. Es ist nicht mehr der Agent in Action, der zwischen die Fronten gerät und selbst den eigenen Leuten nicht trauen kann, sondern eine komplexe Hintergrundgeschichte, die sich erst langsam enthüllt und vor allem von dem erzählerischen Geschickt des Autors lebt.

Julian ist offenkundig ein unschuldiger Zivilist, der die Bitten des älteren Herren nicht wirklich abschlagen kann und so in die Handlungen verstrickt wird, die er nicht mehr abschätzen oder gar stoppen kann. Dass er sich in Edwards Tochter verliebt, ist geradezu klassisch und geschieht dezent nebenbei. Man hat es mit distinguierten und höchst zivilisierten Menschen zu tun, deren kriminelles Potenzial woanders liegt.

Als geübter le Carré Leser weiß man, dass man den harmlosen Figuren genauso wenig trauen darf wie den offenkundig verdächtigen. Mit feinem Humor präsentiert der Brite dann auch eine Spionagegeschichte in Reinform, die sich vor aller Augen und doch im Verborgenen abspielt und aus dem netten, freundlichen Nachbarn plötzlich einen ganz großen Player im globalen Spiel der Mächte macht. All das geschieht ohne moderne Technik auf herrlich klassische Weise mit Briefen, die heimlich überbracht werden, und konspirativen Verabredungen an öffentlichen Orten.

Mit dem Roman taucht man ein wenig ab in eine längst vergangene Zeit und kann noch einmal einen großen Autor erleben. Und wieder einmal reißt dieser die großen Fragen auf, nämlich danach, wo letztlich die Loyalitäten liegen, wie weit Integrität geht und wo schlicht Menschlichkeit über strategische Überlegungen siegt. Vielleicht nicht der größte Roman le Carrés, aber auf jeden Fall ein würdiger Abschied.

Cassandra Parkin – The Leftovers

Cassandra Parkin – The Leftovers

Nurse Callie is giving up her job to be better able to care for her brother. For years now, Noah has been suffering from mental illness and apart from their father, Callie is the only one he trusts and who is able to calm him when he gets in a state of emergency. To have more time, she leaves the hospital and becomes a carer for Frey, a young man who does not talk and needs strict daily routines to cope with life. Thus, Callie spends two weeks with her father and brother and the other two together with a colleague with Frey. When she returns one night from work, she receives an awful message: both her beloved ones have died in an accident and now she has to face her mother again. The woman who left them, who always hated Callie and the single person she does not want to see. It is a confrontation which is not only hurtful but which also lets lose monsters which have been kept locked up for many years.

Cassandra Parkin’s novel is a dark tale which play with the big question if the narrator is reliable or not and if what we remember is actually how things really happened or if our brain might play tricks on us. “The Leftovers” is great in making you high alert for the half-sentences, the things implied, all that is not said and questions all characters. Whom can you trust? Who is willingly misleading? Who is misled by their brains? From a point where all is clear, you enter an abyss where everything is possible.

Callie appears to be a selfless young woman who has destined her life to care for others. She is great with Frey as she has a long history of living with her brother and noticing nuances, slight changes which might be signs for dramatic events. She can well adapt to Frey’s needs and sync herself with his life which makes her perfect for the job. Yet, after some time, things slightly change and it takes some time for the reader to figure out why that is.

In the confrontation with her cool and repellent mother, childhood memories come up. Not only did her mother not show any affection towards her and clearly preferred her brother, she definitely neglected the girl. In Callie’s recollections, it all makes sense and fits together perfectly, yet, the more you get to know, the more you start to wonder if she, too, might see things that are not there just like her brother. Even though from what she tells, it all seems right and yet, doesn’t the understanding from the world of somebody suffering from paranoia normally form a consistent picture?

A great read I can only recommend but you should be aware that some contents might feel like triggers for a highly sensitive reader.

Katharina Volckmer – Der Termin

Katharina Volckmer – Der Termin

Sarah, die Erzählerin, befindet sich in einer exklusiven Londoner Klinik. Während Dr Seligman sie behandelt, sprudelt es geradezu aus ihr heraus. Es wird ein intimes Geständnis über ihre Beziehungen, ihre Sexualität, die schwierige Beziehung mit ihrem Psychologen Jason, aber auch ihre Obsession mit Hitler und den Nazis; über die Scham, die sie als Frau, als Tochter, als Deutsche empfindet. Es gibt kein Tabu, das sie bei diesem Termin nicht bricht, kein Vorurteil über ihre Heimat, das sie nicht leichter Hand vom Tisch wischt. Eine Konsultation der anderen Art.

„Ich will Sie nicht provozieren, Dr. Seligman, erst recht nicht hetzt, da Sie ihren Kopf zwischen meinen Beinen haben, aber (…)“

Genau das ist es jedoch, was die deutsche Autorin Katharina Volckmer, die in London lebt und ihren Debutroman „Der Termin“  in englischer Sprache verfasste, erreichen möchte. In Interviews betont sie stets, dass ihr Text auf Deutsch und für ein deutsches Publikum nicht funktioniert. Zu sehr wären Leser schockiert von den Offenbarungen und der Abrechnung mit der fehlgeschlagenen Vergangenheitsbewältigung, die sich hinter der Prüderie und Pedanterie verstecke.

Es ist vor allem die Verbindung von Holocaust und Sexualität, die irritiert. Dass die Erzählerin ein Fetisch für Männer hat, die sie dominieren, unterwerfen, ausnutzen, missbrauchen, ist eine Sache. Ob ihr Wunsch nach Transition aus dem Gedanken, den totgeborenen Bruder ersetzen zu wollen – sie, die Nachgeburt, der übrig geblieben Zellhaufen – resultiert, bleibt unklar. Keine Zweifel gibt es jedoch daran, dass sie in ihrer eigenen Wahrnehmung als Tochter den elterlichen Erwartungen nie gerecht werden konnte und dass sie zu der Erkenntnis gekommen ist, als Frau immer nur Mensch zweiter Klasse zu sein.

Bewusst fordert sie den jüdischen Arzt heraus, will ihn schockieren, ihn, der geschichtsbedingt auf der anderen Seite steht, keine Schuld mit sich trägt wie sie, für ewig die Absolution erhalten hat und über jeder Form von Anschuldigung steht. Dies erlaubt es ihm auch zu schweigen, er scheint zwar Fragen zu stellen, doch werden diese nicht widergegeben und könnten ebenso schlicht Sarahs Gedankenfluss entspringen.

Ob das Buch wirklich tiefgründig ist oder doch nur oberflächlich reizen möchte, ist tatsächlich schwer zu sagen, immerhin hat der Roman in der internationalen Presse viel Aufmerksamkeit erhalten. Die Frage danach, was die eigene Identität ausmacht, inwieweit Erziehung insbesondere bezogen auf das Geschlecht und damit verbundene Erwartungen formen bzw. inwieweit die Geschichte unserer Familie, unseres Landes sich auswirkt, eine andere. Bisweilen schwer zu ertragen ob der brutalen und schamlosen Wortwahl – umgekehrt mit dem Schluss des Kreises, indem sie am Ende wieder zu ihrem Ausgangsthema, den Nazis und ihre eigene familiäre Schuld, zurückkehrt, jedoch überzeugend konstruiert.

Benjamin Myers – Der perfekte Kreis

Benjamin Myers – Der perfekte Kreis

Es müssen wohl Außerirdische sein, die den Süden Englands im Sommer 1989 mit wundersamen Mustern überziehen. Anders kann sich die Presse nicht erklären, was plötzlich morgens auf den Feldern erscheint. Es sind Kunstwerke, perfekt ausgearbeitete, harmonische Figuren, die selbst Wissenschaftler zum Staunen bringen. Doch die Erklärung ist viel schlichter, denn dies sind die Taten von zwei Männern, die darin ihre Aufgabe gefunden haben. Sorgfältig wählen die beiden Außenseiter Redbone und Calvert die Orte aus, an denen sie das, was in Redbones Kopf entsteht, künstlerisch umsetzen. Sie zerstören dabei nicht, sondern achten penibel darauf, weder das Korn noch die Tiere zu stören. Bei ihrer Arbeit in den Feldern fühlen sie das, was vielen Menschen bereits verloren ist: eine tiefe Verbundenheit und Demut vor der Natur und dem, was diese erschaffen hat. Sie werden ein Teil davon. Es geht ihnen nicht um Ruhm, sie bleiben im Verborgenen, namenlos, glücklich sind sie, wenn sie das Ergebnis betrachten können und erleben, was dies mit den Menschen macht, die plötzlich wieder den Blick auf die Natur richten.

„(…) sowohl Redbone als auch Calvert spüren, dass sie Teil einer langen Ahnenreihe von Männern und Frauen sind, die über Tausende Jahre hinweg in verzücktem Staunen auf just diesen Feldern gestanden haben, betört und fasziniert von der Magie des Nachthimmels, und die Kleinheit ihres Lebens und die Kostbarkeit ihres Heimatplaneten wird ihnen immer bewusster.“

Benjamin Myers gelingt es meisterlich in seinem Roman, die Motive der beiden Kornkreiskünstler greifbar zu machen und die Leidenschaft der Protagonisten auf den Leser überspringen zu lassen. Es genügen schon wenige Zeilen, um in den Bann gezogen zu werden, der die beiden Männer erfasst hat und obwohl beide nur wenig von sich preisgeben, fühl man sich doch schnell mit ihnen und ihrer Mission verbunden.

Redbone und Calvert schaffen ihren eigenen Mythos, der viel größer ist als sie, deshalb sind ihre Namen auch irrelevant, und sie arbeiten akribisch und diszipliniert und folgen ihrem ungeschriebenen Kodex, der nicht nur Sicherheit vor Entdeckung gibt, sondern auch den sorgsamen Umgang mit der Natur regelt. Verschwörungstheoretiker, Esoteriker, Wissenschaftler – sie alle analysieren und kommentieren, was sich morgens im Schein der Sonne offenbart und doch entgeht ihnen der Kern der Nachricht: die schlichte Perfektion der Natur zu erkennen, die die beiden ungleichen Freunde erreichen, weil sie auf ihr Innerstes hören und nicht über dem stehen, was die Welt um sie herum bietet.

„Alle Lebewesen haben eine ureigene Aufgabe, und das ist ihre, genau wie es Redbones und Calverts Aufgabe ist, Kornkreise zu machen und sonst nichts.“

Die Geschichte spielt nicht zufällig im Jahr 1989, die Protagonisten haben den Schatz erkannt, der ihnen geschenkt wurde und sehen, wie die Menschheit ihren Lebensraum zupflastert. Der Sommer ist heiß, erste Zeichen des Klimawandels werden ersichtlich. Handeln ist erforderlich, sie denken, dass sie noch Zeit haben, weil man erkennt, was man gerade zerstört und die Folgen abwenden oder zumindest abmildern kann. Wir wissen es heute besser, die Menschheit hat nicht nur nichts getan, sondern die Lage noch verschlimmert, so wie die beiden die Folgen der Veränderung bereits zu spüren bekommen, rennen auch wir sehenden Auges in unseren Untergang.

Der Roman, der lange Zeit die Faszination des Planeten zelebriert, streut schließlich gnadenlos Salz in die Wunde der Sorglosigkeit und Verantwortungslosigkeit, mit der der Mensch nicht wertschätzt, sondern zerstört, was ihm geschenkt wurde. Eine Einladung zum Nachdenken und Handeln.

Matt Cain – The Secret Life of Albert Entwistle

Matt Cain – The Secret Life of Albert Entwistle

Kurz vor Weihnachten erhält Albert die Nachricht, dass mit Erreichen des 65. Lebensjahres automatisch sein Renteneintritt folgt. Nur noch drei Monate bis dahin, der Postmann weiß jedoch nicht, was er ohne seinen Lebensinhalt tun soll. Familie hat er keine, seine Eltern sind schon lange tot und er lebt allein mit seiner Katze Gracie. Als diese auch noch verstirbt, versinkt er zunächst in einem Loch, bis er beschließt, sein Leben zu ändern. Er will endlich wieder fröhlich sein und entspannt mit anderen Menschen umgehen, er war lange genug einsamer Eremit. Und eine Sache muss er noch klären: er will sich bei George entschuldigen, der einzigen Liebe seines Lebens. 

Matt Cains Roman ist das, was man guten Gewissens einen Wohlfühlroman nennen kann. Der etwas verschrobene ältere Postmann der nordenglischen Kleinstadt macht innerhalb kürzester Zeit eine unglaubliche Wandlung durch, bei der ihm quasi der ganze Ort hilft und am Ende hat man eine wundervolle Friede-Freude-Eierkuchenszene. Es ist ein schmaler Grat zum Kitsch, dies umschifft der Autor aber mit dem ernsten Hintergrund der Geschichte.

Ausgang zu Alberts Rückzug ist die Tatsache, dass er einen Jungen liebt, zu einer Zeit, als dies noch ein Verbrechen darstellte. Er hat nicht den Mut, sich seinen Eltern und der Gesellschaft entgegenzustellen. Stattdessen zieht er sich zurück, erträgt die harschen Worte des Vaters gegenüber der gay community und verzichtet auf jede Form von Zuneigung. Je älter er wird, desto unfähiger scheint er im Umgang mit anderen Menschen, dabei will er eigentlich nicht einsam sein. 

Zuhilfe kommt ihm eine andere Außenseiterin, Nicole, Teenagermutter mit Migrationshintergrund, die zwar frisch verliebt ist, aber schnell merkt, dass die Eltern ihres neuen Freundes sie nicht für eine angemessene Partnerin halten. 

Auch wenn in Alberts und Nicoles Fall alles sehr schnell sehr glatt läuft, zumindest hinsichtlich der Message, dass man manchmal einfach seinen Schatten überspringen sollte, macht die Geschichte Mut. Ein wenig erinnert mich der Stil an die Romane von Fredrik Backman und ganz sicher ist er was, wenn man ein Buch sucht, das einem mit guten Gefühl zurücklässt. 

Daniel Silva – The Cellist

Daniel Silva – The Cellist

A poisoned Russian dissident, an investigative journalist on the run and a non-descript German banker. Linking these three is not easy for Gabriel Allon but he will most certainly not just watch when one of his friends who once saved his life is killed with Novichok. The traces soon lead to Isabel Brenner who works at RhineBank in Zurich, the world’s dirtiest bank. Apart from calculating risks and laundering money, she also plays the cello like a professional. Deceived by her misogynist co-workers, she starts to leak information about the “Russian Laundromat”, the bank’s way of cleaning Russian oligarchs’ rubles. It does not take long for her to be convinced to work with Gabriel Allon to bring the bank and the Russians to fall. Their main target is Arkady Akimov but he himself is actually only a small figure, it is somebody much bigger and much more influential who is behind the Russian money.

In the twenty-first novel of the series about the legendary Israeli spy and art restorer turned into director-general of the world famous intelligence service, Daniel Silva focusses on another current topic: the political influence which money can buy, especially money which was acquired illegally and washed through layers of fake firms by banks which are only too willing to profit. The author also managed to incorporate the Covid restrictions as well as the challenges to the American democracy that we have witnessed in January 2021 making it highly topical.

The cellist is a remarkable character, on the one hand, she is a highly intelligent cool mathematician who knows how to juggle with numbers and money. On the other hand, as a woman, she experiences the misogynist behaviour of her colleagues in a dominantly male business and despite her skills is prevented from unfolding her full potential. She finds solace in music, the cello she can play on her own and the impact the tone has on her own mood but also on others is amazing.

The Russians are an old but nevertheless still interesting topic in spy novels. It is not the cold war scenario of piling up destructive weapons anymore, the war between the systems is fought a lot more subtly today. Nerve agents like Novichok have become broad knowledge and the fact that money makes the world go round is also well-known. Having the financial means leads to the necessary power to rule the world, regardless of democratic systems and boundaries which only seem to exist on paper.

Silva proves again that he is a masterful storyteller. He brilliantly interweaves different plot lines to create a high paced and suspenseful novel. Still after so many instalments, one does not get exhausted by the protagonist since the author always finds a completely new story to tell.

James Hawes – Die kürzeste Geschichte Englands

James Hawes – Die kürzeste Geschichte Englands

Den Brexit haben die Menschen auf dem Kontinent teils fassungslos, teils kopfschüttelnd betrachtet. Wie konnte es zu so einer gravierenden (Fehl-)Entscheidung kommen? Man hat den Eindruck die Briten nicht mehr zu verstehen, vielleicht aber auch nie verstanden zu haben. Tausende Jahre Geschichte sind es, die das Land zu dem gemacht haben, das diese folgenreiche Abstimmung herbeiführte. Doch kann man einen so langen Zeitraum prägnant und gut lesbar zusammenfassen? James Hawes ist dies gelungen. Von Caesars Eroberung über zahlreiche Kriege bis hin zur Entstehung des Empire und dessen Niedergang im 20. Jahrhundert, ein letztes Aufbäumen durch popkulturelle Erfolge kurz vor der Jahrtausendwende und schließlich die Absage auf ein gemeinsames Europa. Mit zahlreichen historischen Dokumenten, Karte und prägnanten Schaubildern untermauert er die Tatsache, dass die Nation nicht erst im Brexit ihre tiefe Spaltung zeigte, tatsächlich war sie nie wirklich vereint.

James Hawes ist Germanist, der an verschiedenen Universitäten im Vereinigten Königreich lehrte. In den 1990ern war er mit zwei Romanen recht erfolgreich, seine Abriss über die Geschichte Deutschlands wurde in seiner Heimat mit sehr positiven Kritiken aufgenommen, was vermutlich auch zur Entstehung seines aktuellen Werkes beigetragen hat. „Die kürzeste Geschichte Englands“ hält, was der Titel verspricht. Anhand des roten Fadens der Spaltung leitet den Autor durch 2000 Jahre Geschichte, die notwendigerweise reduziert, aber gleichsam zielgerichtet und leicht verständlich wird.

Mit der britischen Geschichte grundlegend vertraut, hat mich Hewes‘ Buch dennoch gereizt, weil man gerade wegen der politischen Entwicklungen der letzten Jahre anfing zu zweifeln, ob man das Land und seine Bewohner wirklich kennt oder ob es nicht doch tiefergehende Faktoren gibt, die man übersehen hat. Geschichte ist nicht linear und eindimensional, sondern vielschichtig und unterschiedliche Faktoren überlagern sich. Trotz der Kürze arbeitet der Autor dies immer wieder heraus. Sprache, soziale Schicht, Geografie, Glaube – weder lassen sie sich trennen noch genügen sie einzeln zu erklären, weshalb an unterschiedlichsten Stellen Risse, Brüche und tiefe Gräben existieren, die zwar gelegentlich gekittet den Anschein einer vereinten großen Nation erweckten, unter der Oberfläche jedoch ein vielfach zerfasertes Gebilde beherbergten.

Das etwas andere Geschichtsbuch, das nie den Anspruch auf Vollständigkeit und Ausführlichkeit legt, sondern zielgerichtet einen anderen Blick auf Großbritannien wirft und leider auch kein besonders optimistisches Fazit zieht.

Gilly Macmillan – To Tell You the Truth

Gilly Macmillan – To Tell You the Truth

Lucy Harper has achieved what many writers dream of: her detective novels about Eliza Grey have become highly successful and she built up a huge fan base. Her husband Dan supports her and takes care of their finances and everyday life. When he, without asking her first, decides to buy a house, she gets angry, even more so when she learns where exactly the house is located: close to where she grew up, next to the woods where her younger brother once disappeared and which she connects with her most dreadful nightmares. How could he do something like this, knowing about her childhood? Quite obviously, he is gaslighting her – that’s what Eliza tells her. Eliza, not only the protagonist of her novels but also the voice that has been in her head as long as she can remember. What has been useful for her writing now becomes complicated when Lucy struggles to distinguish between what is real, what is fiction and what is only in her head and when her husband is found murdered, the writer finds herself the main suspect of a story just like her novels.

I have several of Gilly Macmillan’s novels, always liking how she plays with the reader’s sympathies for the characters and the unexpected twists which keep suspense high. “To Tell You the Truth” is also masterfully crafted in terms of being vague and keeping you in the dark about what is real within fiction and what is only imagined by Lucy. Just like the protagonist, it takes a long time to figure out where the actual threat comes from, many different leads offer options for speculation which makes reading totally enjoyable.

Having a crime writer who finds herself suddenly suspect in a crime in which the police use her own writing against her, is a setting which has been used before. Yet, Gilly Macmillan added a lot of aspects to make the case much more complicated. On the one hand, the voice in Lucy’s head is quite strong and surely a negative character whom you shouldn’t trust. Again and again, Lucy also seems to suffer from blackouts thus opening the possibility of actions she simply cannot recollect and which therefore remain blank spaces also for the reader. The backstory of her vanished brother and the big question looming over all if she herself might be responsible for his likely death – maybe even willingly – also add to the unpleasant feeling that she might not be a victim in this story at all.

Her husband, too, raises many questions. He is, quite obviously, envious of his wife’s success since he also dreams of a career in writing but lacks talent. The bits and pieces of information one gets directly lead to the assumption of him gaslighting her. However, the possibility of Lucy getting it all wrong due to her hallucinations and the Eliza-voice is also in the air.

A creepy thriller which keeps you alert at all times. Even though I found the end a bit too simply for the plot, a fantastic read I totally enjoyed.