James Hawes – Die kürzeste Geschichte Englands

James Hawes – Die kürzeste Geschichte Englands

Den Brexit haben die Menschen auf dem Kontinent teils fassungslos, teils kopfschüttelnd betrachtet. Wie konnte es zu so einer gravierenden (Fehl-)Entscheidung kommen? Man hat den Eindruck die Briten nicht mehr zu verstehen, vielleicht aber auch nie verstanden zu haben. Tausende Jahre Geschichte sind es, die das Land zu dem gemacht haben, das diese folgenreiche Abstimmung herbeiführte. Doch kann man einen so langen Zeitraum prägnant und gut lesbar zusammenfassen? James Hawes ist dies gelungen. Von Caesars Eroberung über zahlreiche Kriege bis hin zur Entstehung des Empire und dessen Niedergang im 20. Jahrhundert, ein letztes Aufbäumen durch popkulturelle Erfolge kurz vor der Jahrtausendwende und schließlich die Absage auf ein gemeinsames Europa. Mit zahlreichen historischen Dokumenten, Karte und prägnanten Schaubildern untermauert er die Tatsache, dass die Nation nicht erst im Brexit ihre tiefe Spaltung zeigte, tatsächlich war sie nie wirklich vereint.

James Hawes ist Germanist, der an verschiedenen Universitäten im Vereinigten Königreich lehrte. In den 1990ern war er mit zwei Romanen recht erfolgreich, seine Abriss über die Geschichte Deutschlands wurde in seiner Heimat mit sehr positiven Kritiken aufgenommen, was vermutlich auch zur Entstehung seines aktuellen Werkes beigetragen hat. „Die kürzeste Geschichte Englands“ hält, was der Titel verspricht. Anhand des roten Fadens der Spaltung leitet den Autor durch 2000 Jahre Geschichte, die notwendigerweise reduziert, aber gleichsam zielgerichtet und leicht verständlich wird.

Mit der britischen Geschichte grundlegend vertraut, hat mich Hewes‘ Buch dennoch gereizt, weil man gerade wegen der politischen Entwicklungen der letzten Jahre anfing zu zweifeln, ob man das Land und seine Bewohner wirklich kennt oder ob es nicht doch tiefergehende Faktoren gibt, die man übersehen hat. Geschichte ist nicht linear und eindimensional, sondern vielschichtig und unterschiedliche Faktoren überlagern sich. Trotz der Kürze arbeitet der Autor dies immer wieder heraus. Sprache, soziale Schicht, Geografie, Glaube – weder lassen sie sich trennen noch genügen sie einzeln zu erklären, weshalb an unterschiedlichsten Stellen Risse, Brüche und tiefe Gräben existieren, die zwar gelegentlich gekittet den Anschein einer vereinten großen Nation erweckten, unter der Oberfläche jedoch ein vielfach zerfasertes Gebilde beherbergten.

Das etwas andere Geschichtsbuch, das nie den Anspruch auf Vollständigkeit und Ausführlichkeit legt, sondern zielgerichtet einen anderen Blick auf Großbritannien wirft und leider auch kein besonders optimistisches Fazit zieht.

Gilly Macmillan – To Tell You the Truth

Gilly Macmillan – To Tell You the Truth

Lucy Harper has achieved what many writers dream of: her detective novels about Eliza Grey have become highly successful and she built up a huge fan base. Her husband Dan supports her and takes care of their finances and everyday life. When he, without asking her first, decides to buy a house, she gets angry, even more so when she learns where exactly the house is located: close to where she grew up, next to the woods where her younger brother once disappeared and which she connects with her most dreadful nightmares. How could he do something like this, knowing about her childhood? Quite obviously, he is gaslighting her – that’s what Eliza tells her. Eliza, not only the protagonist of her novels but also the voice that has been in her head as long as she can remember. What has been useful for her writing now becomes complicated when Lucy struggles to distinguish between what is real, what is fiction and what is only in her head and when her husband is found murdered, the writer finds herself the main suspect of a story just like her novels.

I have several of Gilly Macmillan’s novels, always liking how she plays with the reader’s sympathies for the characters and the unexpected twists which keep suspense high. “To Tell You the Truth” is also masterfully crafted in terms of being vague and keeping you in the dark about what is real within fiction and what is only imagined by Lucy. Just like the protagonist, it takes a long time to figure out where the actual threat comes from, many different leads offer options for speculation which makes reading totally enjoyable.

Having a crime writer who finds herself suddenly suspect in a crime in which the police use her own writing against her, is a setting which has been used before. Yet, Gilly Macmillan added a lot of aspects to make the case much more complicated. On the one hand, the voice in Lucy’s head is quite strong and surely a negative character whom you shouldn’t trust. Again and again, Lucy also seems to suffer from blackouts thus opening the possibility of actions she simply cannot recollect and which therefore remain blank spaces also for the reader. The backstory of her vanished brother and the big question looming over all if she herself might be responsible for his likely death – maybe even willingly – also add to the unpleasant feeling that she might not be a victim in this story at all.

Her husband, too, raises many questions. He is, quite obviously, envious of his wife’s success since he also dreams of a career in writing but lacks talent. The bits and pieces of information one gets directly lead to the assumption of him gaslighting her. However, the possibility of Lucy getting it all wrong due to her hallucinations and the Eliza-voice is also in the air.

A creepy thriller which keeps you alert at all times. Even though I found the end a bit too simply for the plot, a fantastic read I totally enjoyed.

Kate Atkinson – Weiter Himmel

Kate Atkinson – Weiter Himmel

Die Gattinnen und Kinder von Tommy, Andy und Steve führen ein Dasein im Luxus, wirklich hinterfragt, wo das ganze Geld herkommt, vor allem das Bargeld, haben sie nie. Die Männer gehen halt Geschäften und dem Golfen nach und sind offenbar erfolgreich dabei. Aber es gibt eine alte Verbindung zu zwei Kriminellen, deren Netzwerk schon vor Jahren aufgedeckt wurde und das jetzt durch Ronnie Debicki und Reggie Chase, zwei junge Detectives, nochmals untersucht wird. Just in diesen Ermittlungen fällt ihnen die Leiche von Wendy vor die Füße, deren Gatte Vince so etwas wie der vierte Mann im Bunde ist. Das erfolgreiche Geschäftsmodell droht nun doch aufzufliegen während Crystal, Tommys Frau, sich verfolgt und bedroht fühlt, weshalb sie den Privatermittler Jackson Brodie engagiert. Es muss im Zusammenhang mit ihrem früheren Leben stehen, das ist der biederen Hausfrau Crystal klar, jenem Leben, von dem niemand etwas wissen soll und das sie selbst auch lieber vergessen würde.

Bereits zum fünften Mal lässt Kate Atkinson den melancholischen Privatdetektiv Jackson Brodie im der Grafschaft Yorkshire ermitteln. Wie auch zuvor schon beginnt „Weiter Himmel“ gänzlich unspektakulär für ihn, bis er sich in einer hochkomplizierten Angelegenheit wiederfindet. Der Leser ist ihm durch die Eingangsszene und das Wissen um Atkinsons herausragende Fähigkeit zu zirkulärer Erzählweise, die sich erst im Laufe der Handlung offenbart, einen Schritt voraus und ahnt, dass es einmal mehr ein großartiges Vergnügen werden wird, die unzähligen losen Enden und Figuren miteinander zu verknüpfen.

Das beschauliche Leben in der Provinz ist vieles, jedoch nicht so friedvoll wie es scheint. Die idyllische Kulisse bietet vor den Augen aller die optimalen Bedingungen für grausame, menschenverachtende Geschäfte. Jedoch sind Tommy, Andy und Steve nicht die kaltblütigen Verbrecher, die schonungslos ein Kartell führen. Atkinson zeichnet sie liebevoll auch als Familienmenschen mit ihren Schwächen und Enttäuschungen im Leben. Vince noch mehr als das Trio ist gebeutelt von der Scheidung, in der er gerade steckt, als sich das Problem durch das Ableben seiner Frau von alleine löst – wenn er jetzt nicht gerade der Hauptverdächtige wäre, was ganz neue Komplikationen mit sich bringt.

Jackson Brodies Arbeit ist auch weit davon entfernt spektakulär gefährlich und spannend zu sein, viel zu oft steht er vor banalen Alltagsherausforderungen. Eine absurde Gemengelage, in der mir insbesondere die beiden Detectives unglaublich gut gefallen haben. Mit trockenem Humor und messerscharfem Verstand verfolgen sie ihre Ermittlungen und haben mich mehr als einmal auflachen lassen. Es ist genau dieser Ton zwischen abgeklärtem Sarkasmus, pragmatischer Menschlichkeit und Bodenständigkeit, der grausame Themen wie Menschenhandel und Mord – auch dank unglaublicher Zufälle – in bemerkenswerter Leichtigkeit präsentiert.

Aus unzähligen Puzzleteilen entsteht langsam ein komplexes Geflecht an Figuren und ein cleverer Plot, den aufzudecken schlicht große Unterhaltung ist.

Emily Houghton – Before I Saw You

Emily Houghton – Before I Saw You

After a fire at her work place seriously injured her, Alice finds herself in St Francis’s Hospital in a very poor state. She does not even want to look in the mirror for fear of what she might see, and she definitely does not want others to see the monster she has become. Thus, the patients in her ward have to live with the voice coming from behind the drawn curtains. At first, she refuses contact but over the time she realises that old Mr Petersen and especially Alfie Mack next to her are likable people who make staying in hospital a lot more acceptable. Alfie is the good soul of their small community, always funny and entertaining, spreading warmth and hope. At night, however, he is haunted by the accident which made him lose his leg and all the negative emotions he pushes back during daylight. Slowly, the two of them bond, yet, without ever seeing each other.

Emily Houghton tells the story of two people who have to go through a very hard time: the lives they had have ceased to exist from one second to the next and now, they find themselves in a kind of void between before and after. Quite naturally, sharing the similar experiences makes them bond easily, on the other hand, how can you open up to another person and make new friends or even more when you haven’t come to grips with your own situation, yet? The author gives her characters the time they need to adjust and to stretch out a hand.

I thoroughly enjoyed reading this book. Even though there is a lot of sadness due to the accidents the characters had to go through and the hardship they have to endure while healing, the plot is full of love and care which makes you believe in the good in mankind and – of course – in love. Beautifully narrated by highlighting the anxieties and thoughts Alice and Alfie go through which again and again keep them from doing what should be done but which is simply a hurdle too high to take at that moment. What I liked most was the fact that Alice and Alfie fell in love other without seeing each other, they can surely say that it is the character that counts and which attracted them.

A heart-warming story providing hope and confidence when life seems to be too hard to endure.

Marie Benedict – The Mystery of Mrs. Christie

Marie Benedict – The Mystery of Mrs Christie

An abandoned car brings the police to Styles, the famous residence of Agatha and Archibald Christie. The famous writer has gone missing after a fierce quarrel between the couple during breakfast. Archie does not seem concerned at all and he is astonishingly reluctant to cooperate with the investigators. For the detectives, his behaviour is highly suspicious and even more so when they uncover an affair he has had for quite some time and because of which he asked his wife for a divorce. Yet, all this information is not really helpful in determining the whereabouts of the grand dame of crime. This is one way the story can be told, but maybe there is also a completely different version.

“Then the phone rang, shattering my lonely vigil. When I picked it up, I nearly cried in relief to hear a familiar voice. But then the voice spoke. And in that moment, I knew that everything had changed.”

Agatha Christie’s disappearance in December 1926 is, due to broad media coverage, a well known fact. However, the mystery has never been really solved and the crime writer herself did not comment on what actually happened during the ten days of her absence. Marie Benedict, by whom I already totally adored the portrait of Hedy Lamarr in “The Only Woman in the Room”, fills this gap with a very clever story which especially enthused my due to the tone which perfectly copies the crime writer’s style.

The narration tells the events of two points in time alternatingly. The first recounts how Agatha and Archie met, their first years during WW1 and their quick marriage which is immediately followed by darker years stemming from Archie’s depressive and dark moods. The second point of time follows the events after her disappearance. The first is shown from Agatha’s point of view, the later gives more insight in Archie’s state of mind thus revealing a lot to the reader but at the same time, omitting very relevant pieces of information which keeps suspense at a high level.

Even though it is a mystery, it is also the story of a woman who wants her marriage to succeed, who is willing to put herself and her daughter second after her husband’s needs and who fights even though there is nothing to win anymore. However, she does not breakdown but emerges stronger and wiser since she used her cleverness and capacity of plotting to free herself of her marital chains.

Megan Hunter – The Harpy

Megan Hunter – The Harpy

Lucy is a loving wife and mother of two small boys. Even though she at times regrets not having finished her doctorate, her life is quite close to perfect, at least from the outside. Until she gets a voice message informing her of her husband Jake’s affair with his colleague. Jake immediately admits everything, yet, it wasn’t a single misstep, but actually three. They agree not to give up everything they have built up and Lucy is allowed to hurt him three times, too. What he does not know is that forever, she has been fascinated by harpies, the mythological creatures symbolising the underworld and evil. Thus, Lucy’s revenge is not small but a thoroughly made-up, destructive plan of vengeance.

A couple of years ago, I read Megan Hunter’s post-apocalyptic debut “The End We Start From” and liked it a lot, thus I was eager to read her latest novel “The Harpy” which did more than fulfil my expectations. The atmosphere is burning, the idea of the dreadful mythological creatures always looming over the action. Quite often, the harpy is used to depreciate a nasty woman. Lucy can be considered nasty in what she does, however, the betrayal she has to endure is no less harmful.

Of course, Lucy’s revenge is the central aspect of the plot. Yet, it is not just their marriage that is under scrutiny, the whole circle Lucy and Jake move in comes to a closer inspection. Superficial friendships which end immediately end when someone does not comply with the unwritten rules, feigned sympathy and kindness – isn’t this world an awful one to live in? Plus the reduction of an intelligent woman to caring mother who becomes invisible as a woman and is considered little more than a domestic worker for the family, a life surely man find themselves in involuntarily.

From a psychological point of view, the novel is also quite interesting, depicting Lucy’s transformation from loving housewife to independent and reckless avenging angel. She frees herself from the clichés she has lived to so long and goes beyond all boundaries. A beautifully written brilliant novel that I enjoyed thoroughly.

Sam Lloyd – Der Mädchenwald

Sam Lloyd – Der Mädchenwald

Sie wollte nur kurz ans Auto gehen, doch dann wird die 13-jährige Elissa vor der Halle, in der sie eigentlich an einem Schachturnier teilnimmt, entführt. In einem Keller unter einem Cottage hält man sie gefangen, angekettet und nur mit dem Allernötigsten ausgestattet. Sie bekommt Besuch, nicht nur von dem grausamen Entführer, der brutal zuschlägt, wenn sie nicht gehorcht, sondern auch von einem Jungen, der etwas gleich alt sein muss und sich als Elijah vorstellt. Elissa gelingt es, sein Vertrauen zu wecken, aber wird das genügen, damit der scheinbar etwas eingeschränkte Junge sich auch zu ihrem Helfer wird instrumentalisieren lassen? Elissas Hoffnung wird bald jedoch schon schwer enttäuscht und sie muss sich fragen, ob sie Elijah nicht gänzlich falsch eingeschätzt hat und er derjenige ist, vor dem sie wirklich Angst haben sollte.

„Dieser Junge“, fährt Annie fort. „Er ist ein Kämpfer. Sein Leben ist ihm mehr wert als alles andere. Was auch immer nötig ist, um es zu erhalten, er wird es tun.“

Auch wenn Elissa als Opfer eigentlich im Zentrum der Handlung steht, ist es doch Elijah, der durch sein ungewöhnliches Verhalten sofort alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Die Passagen, in denen der Junge die Erzählerstimme übernimmt, sind schwer einzuschätzen, man kann vieles nicht wirklich einordnen, es scheint nicht zusammenzupassen, was er erzählt und vor allem wie. Auch seine Gegenspielerin ist mit interessanten Facetten ausgestattet, sie beherrscht nicht nur das Schachspiel, sondern ist eine Meisterin im Verstecken geheimer Botschaften. Mit diesen beiden Figuren ist die Grundlage für einen spannenden und unterhaltsamen Thriller gelegt. Leider hat er mich aber nicht wirklich packen können.

Der Hauptgrund, weshalb mich die Geschichte nicht überzeugte, sind letztlich zu viele Ungereimtheiten, Teile, die einfach nicht geschmeidig ineinanderpassen wollten. Der Entführer bleibt als Figur völlig nebelig, weshalb Elijah für ihn so wichtig ist, wird nur am Rande erwähnt, aber nicht überzeugend erläutert. Auch seine Helferin Annie erscheint als brutale Sadistin, die zwar eine Erklärung für die Entführungen liefert – vermeintlich untaugliche alleinerziehende Mütter, vor denen die Kinder gerettet werden müssen – aber auch diese Motivation bleibt eher diffus als sinnhaft zu wirken.

Die Unstimmigkeiten in der Figur Elijah mögen sich durch das psychologische Profil, das im Laufe der Handlung ersichtlich wird, erklären, wirken aber doch auch recht willkürlich zusammengesetzt. Dass ein junges Mädchen wie Elissa in dieser Situation derart abgebrüht agieren könnte, dass sie ihre Entführer zu manipulieren versucht, kann auch nur in der Fiktion als vorstellbar gelten.

Es knirscht beim Lesen hier und da, gerade auch Elijahs Erzählpassagen sind sprachlich herausfordernd, was sich jedoch durch die Figur noch rechtfertigen lässt, aber gleichermaßen auch Spannung nimmt, da man mehr so durch die Erzählung holpert. Die Ermittlerin bleibt gänzlich blass, außer bezogen auf ihren Privatproblemen, die meines Erachtens völlig überflüssig waren.

Durchaus gutes Grundkonzept und auch zwei interessante Protagonisten, die Umsetzung jedoch hat mich nicht überzeugt.

Charlotte Link – Ohne Schuld

Charlotte Link – Ohne Schuld

Detective Seargant Kate Linville freut sich auf ihren neuen Job bei der Polizei von North Yorkshire und vor allem sieht sie der Zusammenarbeit mit Chief Inspector Caleb Hale mit Freude entgegen, vor allem ihm ist ihr Entschluss bei der Scotland Scotland Yard zu kündigen geschuldet. Im Zug von London Richtung Norden gerät Kate in einen mysteriösen Zwischenfall: ein Mann versucht Xenia, die auf dem Rückweg von einem Wochenende bei einer Freundin ist, zu erschießen. Kate kann mit ihr in die Toilette flüchten und sie so schützen. Der Fall bleibt rätselhaft, noch mehr Fragen löst jedoch ein zweiter Anschlag auf eine junge Frau aus, die allseits beliebte Lehrerin verunglückt mit dem Fahrrad wegen eines heimtückisch gespannten Drahts, bevor auf sie ebenfalls Schüsse abgefeuert werden – aus genau jener Waffe, die auch im Zug verwendet wurde. Die Frauen kennen sich nicht, es scheint keine Verbindung zwischen beiden zu geben. Statt die letzten Urlaubstage zu genießen, muss Kate direkt ihren neuen Job antreten.

Charlotte Links dritter Fall um Kate Linville stellt die Ermittler vor eine scheinbar unlösbare Herausforderung: zwei Anschläge innerhalb kürzester Zeit, keine erkennbare Verbindung und zahlreiche Zeugen, die offenkundig einiges zu verheimlichen haben. Hinzu kommt die Suspendierung von Caleb Hale, so dass sein unerfahrener und unsicherer Kollege die Leitung spontan übernehmen muss.

Der Fall ist spannend von der ersten Seite an, als Leser bekommt man nicht die Zeit, sich langsam in die Geschichte einzufinden, man ist unmittelbar im Geschehen. Gleich mehrere Verbrechen finden parallel statt, neben den Anschlägen auf die beiden Frauen gibt es noch eine Geiselnahme und ein offenbar länger zurückliegendes Verbrechen, das sich lange Zeit nicht wirklich einordnen lässt.

Die Geschichte ist clever konstruiert und lässt den Leser lange im Dunkeln tappen und mitfiebern, der Autorin gelingt es jedoch, eine überzeugende Auflösung zu liefern, die glaubwürdig motiviert ist, zu den Charakteren passt und aus ihrer Biografie heraus stimmig wirkt. Was mich insbesondere begeistern konnte, war die Tatsache, dass nicht das schlicht Böse regiert, sondern dass Notlagen und Ausnahmesituationen zu den drastischen Handlungen führen und verdeutlichen, wie schnell in einer Überforderungssituation kein Ausweg mehr gefunden wird und Menschen sich gezwungen sehen, drastische Entscheidungen zu treffen.

Ein spannender Kriminalroman, der unmittelbar mitreißt und einem nicht mehr loslässt. Vielleicht ein bisschen zu viel Eigensinn der Protagonistin, aber dies zeichnet sie wiederum auch aus und lässt sie erfolgreich ihren Job machen. Charlotte Link kommt ohne 08/15 Versatzstücke aus, die leider in der Massenware Krimi heute sehr gängig geworden sind, und bildet damit eine sehr empfehlenswerte Ausnahme im Genre.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Buch und Autorin finden sich auf der Internetseite der Penguin Random House Verlagsgruppe.

Daisy Johnson – Sisters

Daisy Johnson – Sisters

Two sisters, September and July, just 10 months apart in age but sticking together like twins, even more, just as if they were only one person. In Oxford, where they first lived with their mother, an author of children’s books featuring two girls just like her own daughters, they were always in trouble and didn’t make friends with the other kids. By moving to the old family house, their mother hopes things will get easier. However, the spooky surroundings with walls who could tell decades of dark stories, triggers something between the girls which makes their unhealthy bond even more dangerous for the younger and weaker of the two sisters.

Daisy Johnson portrays a sisterly connection which goes far beyond what is known to link siblings. The fact that the girls are born within only a couple of months makes them grow up and experience everything together. They are like one person separated incidentally, also their character seems to have split in the two: September the wild and furious one, July, in contrast, obedient and more thoughtful. Since she is younger, she easily gives in to her sister’s will and thus follows without ever challenging her.

The atmosphere is gloomy in every line. Right from the start, you sense that some catastrophe is looming and just waiting to present itself. Even though at times, the sisterly bond also seems to be protective, the negative impact is obvious. Their mother is detached, she suffers from a depression which makes it impossible for her to see what is coming, she senses that the relationship her daughters have formed in detrimental, even harmful for July, but she is unable to do something about it.

An intense and vivid narrative with quite some eerie notes.

Martin Edwards – Gallows Court

Martin Edwards – Gallows Court

Mehrere ungewöhnliche Todesfälle erschüttern das London des Jahres 1930. Ein Journalist wird angefahren und tödlich verletzt, ein angesehener Banker richtet sich selbst, nachdem sein Mord an einer jungen Frau scheinbar aufgedeckt wurde. Der aufstrebende Reporter Jacob Flint von „The Clarion“ ist nach anonymen Tipps wiederholt zur richtigen Zeit am richtigen Ort und kann darüber berichtet. Bald schon entdeckt er, dass diese und weitere mysteriöse Todesfälle mit der unnahbaren Miss Rachel Savernake zusammenzuhängen scheinen, jener Frau, die jüngst einen spektakulären Fall lösen konnte, an dem die Polizei sich die Zähne ausbiss. Flint ahnt nicht, dass er nur Mittel zum Zweck ist und ebenso schnell wieder geopfert werden soll, wie er die Chance zum großen Durchbruch bekommt. Denn die Fälle sind kein Zufall, sie haben eine Verbindung, die unter allen Umständen geheim bleiben soll, denn niemand darf wissen, was im Gallows Court vor sich geht.

Martin Edwards, seit 2015 Präsident des Detetction Club, jenes illustren Zirkels von Kriminalroman-Autoren des Golden Age of Crime Fiction, schreibt in guter Tradition seines Clubs. Teil 1 der Serie um Rachel Savernake ist eine komplizierte Geschichte um einen Geheimbund, die als unzählige lose Fäden beginnt und sich langsam zu einem Netz von Intrigen und allerlei Verbrechen zusammenwebt. Die Menge an Figuren auseinanderzuhalten und bei den mannigfaltigen Beziehungen nicht den Überblick zu verlieren, ist zugegebenermaßen nicht ganz einfach, aber es lohnt sich, denn am Ende liegt eine clever konstruierte Geschichte vor einem, deren Lösung herausfordert aber gleichermaßen unterhält.

Ganz in der Tradition von Autoren wie Agatha Christie oder Georges Simenon liegen auf dem Weg der Handlung zahlreiche Hinweise und Spuren, die man als Leser fleißig einsammelt und wie Puzzlestücke versucht zusammenzusetzen. Interessanterweise greifen jedoch naheliegende Annahmen – die Herren der besseren Gesellschaft sind böse, die Damen sind die bedauernswerten Opfer – schnell zu kurz und gerade der Kontrast von Gut und Böse wird immer wieder herausgefordert, denn so klar ist keineswegs, wer auf welcher Seite steht. Am Ende werden jedoch alle Unklarheiten restlos geklärt und der Fall sauber gelöst.

Ein traditioneller Krimi mit zahlreichen Toten jedoch ohne detaillierte Grausamkeiten, der vor allem mit der Figurenzeichnung punkten kann.