Heinrich Steinfest – Amsterdamer Novelle

Heinrich Steinfest – Amsterdamer Novelle

Es ist ein zufälliger Schnappschuss seines Sohnes, der den Visagisten Roy Paulsen nach Amsterdam führt. Ein Radfahrer, der ihm wie aus dem Gesicht geschnitten ist, vor einem typischen Amsterdamer Gebäude. Nach kurzer Wanderung durch die Grachten-Stadt findet er das gesuchte Haus im Hintergrund und zu seiner Verblüffung ist die Haustür der Familie van Dongen offen. Was er nicht ahnt, ist, dass er Mitten in einen Mord gerät und sein Leben eine dramatische Wendung nehmen wird: entweder als Leiche ein vorzeitiges Ende oder einen anderen gänzlich unerwarteten Ausgang.

„Zudem verspürte Roy kein geringes Glück darüber, in diese Situation geraten zu sein. Denn das war das mit Abstand Aufregendste und Extremste, was er je erlebt hatte. Es war genau die Sache, die man einmal in seinem Leben durchmachen möchte, aber unter der Bedingung, sie zu überleben.“

Heinrich Steinfests „Amsterdamer Novelle“ ist ein kurzer aber herrlicher Spaß, der vor allem durch die lakonische Sprache des Erzählers begeistert. Es ist die Geschichte eines mysteriösen Fotos, das es gab oder eher: geben wird, wie die eines Buchs, das es nicht gab und das doch da ist und eine ganz entscheidende Rolle spielen wird. Zufälle oder Fügungen des Schicksals – es ist letztlich egal, denn die Geschichte trägt sich zu, wie sie sich nun einmal zuträgt und man amüsiert sich köstlich.

Kein Satz ist zu viel und doch reißt der Autor ganz essentielle Fragen an: kann man Fotos und dem, was sie zeigen, heutzutage noch trauen? Zeigen Fotos die Realität oder doch nur eine Interpretation dieser – von bewussten Manipulationen ganz zu schweigen. Wie können Zufälle plötzliche ganze Leben umleiten, ihnen eine neue Richtung geben? Und: kann ein Commissaris als literarische Figur einem klassischen Gemälde entsprungen sein?

Die Novelle füllt nicht einmal einen Abend, erfüllt aber fraglos den Zweck hervorragend zu unterhalten.

Noa Yedlin – Leute wie wir

Noa Yedlin – Leute wie wir

In Tel Aviv eine bezahlbare Wohnung zu finden, gleicht inzwischen einem Sechser im Lotto, ein ganzes Haus zu vertretbarem Preis kaufen zu können, einem Wunder. Osnat und Dror entscheiden sich daher für ein nicht ganz so tolles Viertel, die Erfahrung der letzten Jahre zeigte, dass der Wohnungsmarkt sehr aktiv ist und auch vormals unattraktive Quartiere plötzlich zu trendigen Hotspots werden können. Schon vor dem Kauf hatten sie sich vergewissert, dass es dort normale Familie gibt, wie ihre mit den beiden Töchtern Hamutal und Hannah, und nicht nur seltsame Figuren wie ihr Nachbar, mit dem die erste Begegnung schon zu Streit führte. Doch auch nach dem Einzug bleibt immer ein seltsames Gefühl: sind sie wirklich sicher dort in der Gegend, war die Entscheidung richtig oder haben sie sich und die Mädchen direkt in die Katastrophe geführt?

Noa Yedlin ist in ihrem Heimatland eine erfolgreiche und bekannte Schriftstellerin, deren Romane auch regelmäßig verfilmt werden. In „Leute wie wir“ greift sie ein seit vielen Jahres hochaktuelles Thema der israelischen Hauptstadt auf: die Preise auf dem Immobilienmarkt sind explodiert und drängen gerade Familien immer mehr an den Rand der Stadt. Die Situation zehrt unweigerlich an den Nerven und selbst nachdem die Osnat und Dror ein passendes Haus gefunden haben, sind sie noch lange nicht wieder in ruhigen Gewässern, ganz im Gegenteil, das Drei-Fünf-Viertel mit seinen Bewohnern bringt auch ihre Beziehung an ihre Grenzen.

My home is my castle – was aber, wenn der ältere Nachbar von nebenan immer im Garten sitzt und alles Tun kritisch beäugt und kommentiert? Es dauert nicht lange, bis er zum roten Tuch wird und Osnat und Dror in ihm den Hauptverdächtigen bei allerlei seltsamen Vorkommnissen (Kakerlaken, der zerstörte Briefkasten, ein möglicher Einbruch) sehen. Doch er ist nicht der einzige, der bei ihnen gemischte Gefühle hervorruft. Michal und Jorge machten eigentlich einen sympathischen Eindruck, als sie sie bei ihrer Stadtteilerkundung kennenlernten. Doch ihre Ansichten und Vorurteile sind zweifelhaft, vor allen Dingen passt ihr Handeln und das, was sie sagen, so gar nicht zueinander. Auch Shani und Lior sind nicht die Freunde, die sie sich ausgesucht hätten, aber irgendwie werden sie sie nicht mehr los, vor allem, da die Töchter Freundschaft geschlossen haben. Ihre Kampfhunde und die zweifelhafte Einstellung gegenüber Behörden lassen bei Osnat immer wieder alle Alarmglocken läuten.

Sie wollen eigentlich mit ihrer kleinen Familie nur in Ruhe auf ausreichend Raum leben, aber nicht unbedingt mit Menschen aus dem falschen Milieu oder da, wo die Schulen nicht den besten Ruf haben. Als sie zum ersten Mal mit Gewalt konfrontiert werden, müssen sie akzeptieren, dass sich nicht alle Wünsche vereinbaren lassen. Aber die Alternative, ein kleines Appartement in einer besseren Gegend, ist auch nur bedingt attraktiv. Sie wollen sich abgrenzen von den Menschen, die in ihrem neuen Viertel leben und doch müssen sie immer wieder erkennen, dass sie eigentlich gar nicht so anders sind. Das, was ihnen an ihrem Nachbar und den beiden befreundeten Paaren missfällt, ist oft genau das, was sie sich selbst auch zuschreiben müssen.

Bei allen sozio-politischen Facetten, die angesprochen werden, ist für mich jedoch ganz klar die Beziehung zwischen Osnat und Dror und das, was der Dauerstress mit ihnen macht, der stärkste Aspekt des Romans. Sie raufen sich zusammen, prallen voneinander ab, bewegen sich wieder auf einander zu, kollidieren und finden keine wirkliche gemeinsame Richtung. Sie leben einen Alltag, wie viele, der sie gefangen hält und nur manchmal ein klein wenig eine Tür zu einem anderen Leben aufstößt.

Ein außergewöhnlicher Roman, der einerseits humorvoll bis absurd, zugleich aber auch verstörend wirkt.

Ein herzlicher Dank geht an den Verlag KEIN & ABER für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autorin und Roman finden sich auf der Verlagsseite.

David Jackson – Der Bewohner

David Jackson – Der Bewohner

Nachdem er – wieder einmal – brutal gemordet hat, ist Thomas Brogan auf der Flucht vor der Polizei. Ein unmögliches Unterfangen in dem kleinen Wohngebiet. Doch dann findet er ein offenbar verlassenes Haus, in dem er sich verstecken kann. Bei seinem Erkundungsgang entdeckt er, dass die Dachböden der Nachbarhäuser zugänglich sind und so kann er die alte Elsie besuchen, aber auch Pam und Jack und natürlich Martyn und Colette. Diese fasziniert ihn besonders und er sucht sie sogleich als neue Spielgefährtin aus. Denn Brogan tötet nicht einfach, ein gibt seinen Opfern eine ehrliche Chance. Doch zunächst einmal muss er sich um Nahrung kümmern und die neuen Nachbarn beobachten. Bald schon kann das Spiel aber beginnen, wenn auch nicht ganz so wie er und die Stimme in seinem Kopf das geplant hatten.

Eine gruselige Vorstellung hat David Jackson in seinem Thriller umgesetzt: ein heimlicher Mitbewohner, der in die Häuser schleicht, wenn keiner Zuhause ist, sich an den Lebensmitteln bedient, die Dusche benutzt und in Schulbladen rumschnüffelt. Er hinterlässt keine Spuren, manchmal ein ungutes Gefühl, aber lange Zeit bleibt er unentdeckt. Es ist zunächst ein einseitiges Katz-und-Maus-Spiel, doch unerwartet zeigen sich auch andere Seiten des Killers, die das Bild eines kaltblütigen Mörders differenzierter zeichnen.

Bisweilen hat der Thriller auch humorvolle Passagen, wenn Brogan droht entdeckt zu werden und auf der überhasteten Flucht in sein Versteck auf so manches Hindernis trifft. Ganz anders gestalten sich seine Besuche bei Elsie, die schwerhörige Dame überrascht ihn eines Nachts und glaubt ihr verstorbener Sohn sei zurückgekehrt. Fortan bekocht sie den Mörder und erweicht sogar sein Herz. Zum ersten Mal erfährt dieser Zuneigung, was er nicht einfach beenden kann und will. Bei Colette gestaltet sich der Fall anders, er findet sie attraktiv, aber da ist noch ein anderer Reiz, den er nicht einordnen kann, der ihn jedoch immer wieder zu der jungen Frau zieht. In seinen Entscheidungen ist er jedoch nicht frei, die Stimme in seinem Kopf, treuer Begleiter, der ihm stets Gesellschaft leistet, ist es, die die Entscheidungen trifft.

Ein Psychothriller, der seinen Namen verdient hat. Als Leser fühlt man sich sogleich unwohl bei der Vorstellung, dass jemand unbemerkt im eigenen Haus umherschleichen könnte, aber ebenso interessant ist diese Stimme, die eine traurige Ursache hat und Brogan letztlich genauso zum Opfer werden lässt. Gänsehaut und Unbehagen beim Lesen und ein unerwartetes Ende – eindeutige Leseempfehlung.

Colleen Hoover – Verity

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Colleen Hoover – Verity

Als man Lowen Ashleigh anbietet eine erfolgreiche Reihe der bekannten Autorin Verity Crawford fortzusetzen, weil diese nach einem Unfall dazu nicht mehr in der Lage ist, zögert sie nur kurz. Zwar kennt sie die Werke nicht, aber nachdem sie ein Jahr lang nur ihre Mutter gepflegt hat, kaum das Haus verließ und ihre finanzielle Situation mehr als prekär ist, bleibt ihr kaum eine Alternative als zuzusagen. Veritys Mann Jeremy empfängt sie freundlich in ihrem Zuhause und überlässt ihr das Arbeitszimmer mit allen Notizen der bisherigen und weiteren Bücher seiner Ehefrau. Lowen versucht sich in die Gedankenwelt der anderen, die ein Stockwerk über ihr gefangen in ihrem Körper und pflegebedürftig liegt, einzufinden. Als sie das Manuskript zu dem Roman „So be it“ findet, ist sie verwundert, dieser Titel ist ihr völlig unbekannt und schon nach wenigen Seiten erkennt sie, dass sie eine Autobiographie in Händen hält. Es dauert nicht lange, bis Lowen erkennt, dass Verity nicht die Frau war, die alle zu kennen glauben, sondern dass sie ein böses Geheimnis in sich trägt. Je tiefer sie in die Welt von Verity einsteigt, desto beängstigender wird dies und bald schon kann sie sich in dem Haus auch nicht mehr sicher fühlen, denn kaum etwas dort ist offenbar so, wie es scheint.

Vor vielen Jahren hatte ich einen Roman von Colleen Hoover gelesen und die Autorin danach als Schreiberin ganz seichter Jugendromane für mich abgehakt. Nach den überschwänglichen Lobgesängen wurde ich jedoch neugierig auf „Verity“ und die Kurzbeschreibung klang vielversprechend. So ganz kam die Autorin nicht aus der Romance Ecke heraus, großzügig kann man die Massen an Bettszenen überspringen, das war aber auch schon der einzige wirkliche Kritikpunkt. Ansonsten ein guter Krimi, der zwar in vielen Bereichen für geübte Leser des Genres vorhersehbar ist, aber auch überraschen kann.

Nach dem etwas verqueren Anfang beginnt die eigentliche Handlung mit der Ankunft Lowens im Haus der Crawfords. Das Manuskript mit Verity autobiografischer Erzählung wird der Dreh- und Angelpunkt. Nicht nur scheint die Autorin besessen von ihrem Mann gewesen zu sein, nein, viel mehr noch erschreckt ihre Kälte gegenüber den eigenen Kindern, die bis zum Hass reicht. Man kann sich kaum vorstellen, dass jemand derart kaltherzig und egoistisch sein kann, aber vermutlich zeichnete sie genau das aus und verlieh ihr die Kraft, die Bücher zu schreiben, mit denen sie erfolgreich war. Alle sind sie aus der Sicht des Übeltäters geschrieben – offenbar eine Paraderolle für Verity. Lowen wird zunehmend beunruhigt durch das, was sie liest. Ihre Angst steigert sich langsam und wird glaubwürdig geschildert.

Man hat natürlich einige Zweifel und rätselt, was genau in dem Haus vor sich geht. Spielt Verity ihre Rolle als pflegebedürftiges Unfallopfer nur oder ist der scheinbar liebende Ehemann Jeremy der eigentliche Übeltäter und Lowen schon längst in größter Gefahr? Die Auflösung ist überraschend, aber dennoch nachvollziehbar und glaubwürdig. Insgesamt solide Unterhaltung, wenn auch mit einigen Versatzstücken gearbeitet wurde und der Plot nicht wirklich innovativ ist.

Oleksij Tschupa – Märchen aus meinem Luftschutzkeller

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Oleksij Tschupa – Märchen aus meinem Luftschutzkeller

Ein Haus im ostukrainischen Makijiwka. Die Bewohner leiden unter der brütenden Sommerhitze und unter ihren Nachbarn; oder den Familienangehörigen; oder dem Dasein ganz allgemein. Erdgeschoss, erster Stock, zweiter Stock, dritter Stock: jeweils drei Wohnungen mit drei Schicksalen. Die verrückte Labuha aus dem Parterre bringt mit ihrer lauten Musik und den nie enden wollenden Partys alle um den Verstand, außer vielleicht Klawa aus dem Stockwerk über ihr, denn die ist seit Jahrzehnten taub und kann sich kaum mehr mit ihrer Tochter und dem Enkel verständigen. Auch Forman im zweiten und seinen Freunden ist das heute wohl egal, nachdem sie zu plötzlichem Reichtum gekommen sind, muss geplant werden, was mit dem Geld zu tun ist. Derweil erweckt Olena ihre Großmutter mit isländischer Musik wieder zum Leben und zum ersten Mal seit Jahren reden die beiden Frauen wirklich miteinander. Zwölf Wohnungen, zwölf Geschichten, die Tschupa belauscht in einem Haus, das heute im Kriegsgebiet steht.

Literatur aus der Ukraine ist mir wenig bekannt, aber Oleksij Tschupas Text weist für mich einige Gemeinsamkeiten auf, die ich in osteuropäischen Bücher wiederholt gefunden habe. Auch er leitet nicht lange ein, sondern stürzt den Leser ins Geschehen, das schonungslos und direkt die Dinge beim Namen nennt. Wir befinden uns nicht in einer Märchenwelt, sondern in der unbarmherzigen Realität, die es mit den Figuren nicht immer gut meint. Es braucht bisweilen einen gewissen Humor oder Zynismus, um dies zu ertragen.

Viel mehr als den Hauseingang scheinen die Figuren nicht zu teilen. Wobei doch eine gewisse Melancholie über allen Episoden schwebt, vermutlich ist es genau dies, was auch in zwei der Geschichten anklingt, in denen der schwermütige Charakter der slawischen Literatur erwähnt wird, der sich unweigerlich auch auf die Leser niederschlagen muss. Ob die Menschen wegen der Literatur so sind oder die Literatur wegen der Menschen und der Lebensumstände, sei dahingestellt.

Besonders hat mir gefallen, dass die Bandbreite unheimlich groß ist; wir erleben Kinder ebenso wie junge und mittlere Erwachsene und die Alten, die das Ende ihres Lebens bereits kommen sehen. Die Kinder sind mir hierbei vor allem aufgefallen: obwohl es mehrere von ihnen im Haus gibt, scheinen sie keinen Kontakt zueinander zu haben, sondern ausgesprochen isoliert zu sein. Dass diese Einsamkeit nicht guttut, liegt auf der Hand und so ist auch ihr trauriges Schicksal nicht weiter verwunderlich. Mehr noch war ich jedoch von den alten Frauen beeindruckt – die Männer werden nicht alt in der Ukraine, scheinbar flüchten sie sich vorher in den Tod. Unfreiwillig erleben sie ebenfalls eine Isolation wie die Kinder. Zwar mag die Familie physisch nah sein, es fehlt jedoch die Verbindung zwischen den Generationen.

Neben den Geschichten, die mich jede auf ihre Weise ansprechen konnte, überzeugte mich Tschupa aber mit Zweierlei: er schafft es ausgezeichnet die Gegebenheiten in Worte zu fassen. Das Schwanken zwischen überbordendem Humor und erschreckend abstoßend lässt einem manchmal jedoch geradezu schwindelig werden. An anderen Stellen findet er großartige Metaphern wie beispielsweise bei Iryna, die sich und ihre Welt als Insel begreift, ein Motiv, das nicht nur wunderbar zur Figur passt, sondern auch überzeugend durch die ganze Episode hindurchgeführt wird.

Vieles ist voller Gegensätze in Oleksij Tschupas Roman. Es beginnt beim Titel, in dem die Begriffe Märchen und Luftschutzkeller zusammengebracht werden und dem grell-bunten Cover, dem ein schwarzer Hintergrund auf der Rückseite entgegensteht. Im Haus ist Leben in allen Facetten, tatsächlich jedoch wird die Region seit Jahren von Krieg und Tod beherrscht. Mal lacht man, man wird man nachdenklich, aber immer scheint man sich nur im Extrem bewegen zu können und so bleibt das Buch auch ganz sicher bei keinem Leser ohne nachhaltigen Eindruck.

Tanja Raich – Jesolo

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Tanja Raich – Jesolo

Andrea und Georg, beide Mitte 30 und mit beiden Beinen im Leben stehend. Sie machen Urlaub in Jesolo, weil sie immer Urlaub in Jesolo machen. Sie kennen das Hotel, den Stand mit den immer gleichen Liegen, die Umgebung und wissen, worauf sie sich einlassen. Doch statt entspannter Tage verbringen sie die schönste Zeit des Jahres mit Streitigkeiten. Ein wiederkehrendes Thema ist Andreas Weigerung, mit Georg zusammenzuziehen. Sie will ihre Freiheit nicht aufgeben, er will und kann sie nicht verstehen. Im Haus seiner Eltern ist genügend Platz, sie können die Miete sparen, haben Unterstützung. Für Andrea die Vorhölle. Doch dann teilt ihr Arzt ihr mit, dass sie schwanger ist. Sie denkt über Abtreibung nach, sagt Georg nicht Bescheid, bis sie die vermeintlich freudige Nachricht doch teilt und sich für das gemeinsame Leben entscheidet. Ein Leben, das nicht ihres ist, das sie nie wollte und das sie schon hasst, bevor es beginnt.

Tanja Raich bringt in ihrem Roman das Dilemma der heutigen Frau auf den Punkt. Jahrelang schildert man ihr die Illusion der beruflichen Selbstverwirklichung, lässt sie zur Karriere ansetzen und suggeriert ihr, dass sie die ganze Welt haben kann. Doch dann wird sie 30 und aus der ganzen Welt wird plötzlich Kinder, Küche, Kirche. Wer sich sträubt, muss den Gegenwind aushalten, Alternativen zum tradierten Rollenverständnis gibt es nicht. Ihr Erstlingswerk hat ihr die Nominierung auf der Shortlist Debüt 2019 des Österreichischen Buchpreises beschert, einer Auszeichnung, der man aufgrund ihrer Sprachversiertheit nur uneingeschränkt zustimmen kann.

Vom Ende her betrachtet, beginnt der Roman interessanterweise geradezu mit dem Auflösen der Beziehung der beiden Protagonisten. Man wundert sich, dass sie den finalen Schritt nicht endlich tun, so quälend sind ihre Auseinandersetzungen. Sie verletzten sich gegenseitig absichtlich, nichts scheint sie mehr zu verbinden. Nur nach außen erhalten sie noch den Schein. Die Zäsur kommt durch die Schwangerschaft. Lange war ich überzeugt, dass Andrea sich gegen das Kind, gegen Georg und gegen das gemeinsame Leben entscheidet. Doch dann kommt es anders und genau das, wovor sie immer Angst hatte, tritt ein. Noch stellt sie Bedingungen an das gemeinsame Leben, doch mit dem Heranwachsen des Kindes schwindet ihr Widerstand und mit ihm verschwindet Andrea:

„Das ist nur der Anfang. Dieser Strudel wird uns immer weiter nach unten ziehen. Aber vielleicht zieht dieser Strudel nur mich nach unten, während du sorglos an der Oberfläche weiterschwimmst.“

Georg realisiert seinen Traum vom Haus, von der Familie, von der Idylle auf dem Land. Immer beratend an seiner Seite: seine Eltern. Andrea ist nur ein Möbelstück, ein Accessoire, das aber bitte nicht reinreden soll:

„Was weiß ich schon von diesem neuen Leben. Darüber weißt du besser Bescheid.“

Und bald schon erkennt sie in sich die Kopie ihrer Schwiegermutter, die wartet, dass der Gatte nach Hause kommt, um ihm dann das heiße Essen zu servieren.

Wenig deutet zu Beginn des Buchs auf das hin, was Andrea widerfährt. Aber so ist nun mal das Leben und Tanja Raich schildert authentisch, wie Frauen in diese Rolle hineingedrängt werden, zunächst ganz sachte, sich irgendwann ergeben und einfach machen, was man von ihnen erwartet. Widerstand ist zwecklos bzw. der Zeitpunkt, um einen anderen Weg einzuschlagen, wurde einfach verpasst. Sie können daran verzweifeln oder sich einreden, dass das auch ihr Traum ist. Ist ja auch alles ganz toll. Nur halt nicht das, was sie vom Leben erwarteten, wovon sie träumten, was aus ihnen hätte werden können.

Dramaturgisch überzeugend, sprachlich stark – ein Debut, das mich schnell überzeugen konnte und das in seiner Aktualität nicht unterschätzt werden sollte, denn diese Generation wir irgendwann ausbrechen wollen und sich das zu holen, was man ihr versprochen hatte.

E.C. Osondu – Dieses Haus ist nicht zu verkaufen

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E.C. Osondu – Dieses Haus ist nicht zu verkaufen

Weil er einem König das Leben rettete, überlässt dieser dem Großvater ein Stück Land, auf dem er ein Haus baut, ein Haus, das die ganze Familie beherbergen kann. Jeder der Bewohner hat seine eigene Geschichte, wie der Onkel, der keine Musik mehr hören will, Baby, die einst in der Nacht vor der Hochzeit verschwand und nur verschwommen darüber Auskunft geben kann, wo sie war und was sie erlebte. Oder der Soldat Soja, der wegen seines Verhaltens einen bösen Fluch auf sich zog. Ähnlich wie Ndozo, die für den Diebstahl schwer bestraft wurde und ihren Sohn nie mehr im Leben wird sehen dürfen. Onkel und Tanten, ganze Familien, aber auch Witwen versammeln sich in dem Haus und spiegeln so die ganze Gesellschaft es unbekannten afrikanischen Dorfes wieder.

Epaphras Chukwuenweniwe Osondu lebt seit 2004 in den USA und lehr dort kreatives Schreiben. Für seine Kurzgeschichte „Waiting“ erhielt er 2009 den „Caine Prize for African Writing“. Seine nigerianischen Wurzeln treten unverkennbar in seinem ersten Roman zu Tage, wo sonst könnte die Handlung um das wundersame Haus sich abspielen als im Herzen Afrikas?

Die einzelnen Kapitel erzählen jeweils die Lebensgeschichte eines der Hausbewohner. Sie alle hadern mit dem Glück und Unglück, sind verflucht oder wehren sich auf ebensolche Weise gegen ihre Feinde. Das Vorgehen ist wenig subtil, offen werden die vergehen angesprochen, von Betrug und Bestechung über Ehebruch bis hin zu Kindesmord wird die ganze Bandbreite der menschlichen Tragödien nacheinander aufgefahren. Bemerkenswert ist das Vertrauen in Götter, in Heilpflanzen und in Verwünschungen. Einer der harmlosesten Flüche ist noch der gegen einen Konkurrenten:

„wenn du willst, dass dein Feind durch die Prüfung fällt, kannst du sein Gehirn verriegeln. Das geht so: Kauf ein Schloss von Yeti oder Tokoz, schließ es auf und flüstere sieben Mal den Namen deines Feindes und die magische Formel, lesen – vergessen, lesen – vergessen, während du das Schloss abschließt und den Schlüssel wegwirfst. Wenn dein Feind den Prüfungssaal betritt, ist alles Gelesene verschwunden, weil du sein Gehirn erfolgreich verriegelt hast.“

So erleben die Bewohner quasi täglich eine neue Herausforderung, der sie sich jedoch stellen, in dem Wissen, dass der Großvater und das Haus hinter ihnen stehen und dort immer ein Platz für sie sein wird. Doch das Haus, das so vieles gesehen hat und ertragen musste, erleidet schließlich dasselbe Schicksal wie so viele andere in Lagos. Die ehemalige Hauptstadt, eine der jetzt schon größten Städte Afrikas, der man das Potenzial bis 2100 zur größten Stadt der Welt anzuwachsen zuschreibt, platzt aus allen Nähten und erlebt seit der Jahrtausendwende einen ungeheuren Bauboom. Es wird sich zeigen, wie lange dort noch Platz für solche Häuser und deren Bewohner bleibt.

„Dieses Haus ist nicht zu verkaufen“ gibt einen Einblick in eine fremde Welt, fern unserer westlichen Zivilisation. Die Laster und Untaten der Menschen sind dieselben, doch die Reaktionen und der Umgang gänzlich anders. Eine lohnenswerte Lektüre, die einem auch so manches Mal schmunzeln lässt.