Sebastian Kretz – Scherben

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Sebastian Kretz – Scherben

Als Kommissarin Peggy Storch nach durchfeierter Nacht mit ordentlich Alkohol und Partydroge in der Airbnb Wohnung ihres attraktiven Begleiters das Klo sucht, landet sie ungewollt in einem fremden Schlafzimmer. Das allein wäre vielleicht nur peinlich, dass der Mann dort im Bett jedoch ziemlich tot ist, lässt sie schlagartig nüchtern werden und an ihren Job erinnern. Der Junggesellenabschied der Niedersachsen ist entschieden zu sehr aus dem Ruder gelaufen und sie nun als Zeugin am Tatort. Vollgedröhnt. Da hilft ja alles nichts, sie muss ihren Kollegen Harmsen herbeordern. Das ungleiche Ermittlerduo sieht sich mit einem vertrackten Fall konfrontiert, denn niemand kann verwertbare Fakten liefern und die möglichen Spuren sind mehr als vage: steckt der Drogendealer dahinter, der nachts Nachschub lieferte? Oder die nun vorzeitig verwitwete Verlobte, mit der es offenbar kurz zuvor Streit gab? Und wie soll Peggy ihrem Freund Lars erklären, was sich in der fraglichen Nacht zugetragen hat?

Klappentext und Aufmachung des Buches lassen den Leser einen typisch deutschen Krimi aus der Hauptstadt erwarten. Vielleicht mit etwas mehr prolligen oder pampigen Figuren als in anderen Romanen, die ein wenig Neuköllner Lokalkolorit verbreiten sollen. Was man jedoch bekommt, ist ein herrlicher Spaß, der zwar immer noch einen Mordfall liefert – der sogar auch ausgesprochen knifflig und gut konstruiert ist – aber noch viel mehr von den beiden Protagonisten und vor allem dem rotzig-lakonischen Erzähler lebt.

„(..) Peggy nicht Pornodarstellerin ist, sondern Polizistin. In dem Bett liegt einer und schläft. Und zwar für immer. Die Matratze ist voller Blut, frischem, rotem Blut aus dem Hals des Toten, der offen ist, wo er zu sein sollte.“

Peggy Storch und Harm Harmsen könnten als Team kaum unterschiedlicher sein. Er bewegungsaktiv wie ein Plumplori, sie mehr so das Duracell-Häschen auf Ecstasy – auch ohne Drogen. Gemein haben sie nur den emotionalen Intelligenzquotienten von etwa null Komma irgendwas, was sie nicht zu einem besseren Gespann macht, aber immerhin auch keine weiteren Konflikte produziert, da sie wenig Erwartungen aneinander haben. Gemessen daran kommen sie quasi hervorragend miteinander aus und ergänzen sich ideal. Ihre Verschrobenheit würde sie auch mit allen anderen Partnern inkompatibel machen und so können auch diese beiden zusammen ermitteln. Und das tun sie recht erfolgreich.

Aufgrund der Anlage der Geschichte ist der Fall kein nervenaufreibender Krimi, sondern bietet eher ein Gerüst für die beiden Akteure. Einige Spuren verlaufen im Nichts, die Ermittlungen kommen ins Stocken, zum Glück verfügen die Kommissare über genügend Kreativität und kriminelle Energie, um dann doch wieder Bewegung in die Aufklärung zu bringen. Mordmotiv und Lösung sind glaubwürdig motiviert und lassen ebenfalls keine Wünsche offen.

Es ist kein pseudolustiger Klamauk, wie man ihn leider in so manchem Tatort inzwischen erdulden muss, sondern ein mit treffsicherer und pointierter Ironie und Zweideutigkeit, die jedoch nie gemein oder verletzend sind, erzählter Kriminalfall, der durch ausgesprochen individualistische und außergewöhnliche Figuren überzeugt.

Jackie Thomae – Brüder

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Jackie Thomae – Brüder

Mick und Gabriel sind Brüder, doch das wissen sie nicht, denn sie haben außer den Genen des Vaters und der dadurch dunklen Hautfarbe wenig gemeinsam. Mick wächst im Ost-Berlin der DDR auf und auch nach der Wende hat das Leben wenig zu bieten. Mit Delia könnte alles in sichere und ruhige Bahnen laufen, aber er kann ihr das nicht geben, was sie will: ein Baby. Gabriel hingegen wächst in Sachsen bei den Großeltern auf, nachdem seine Mutter früh bei einem Unfall starb. Zielstrebig wird er zu einem der besten Architekten weltweit und baut sich in London genau das Leben auf, das er als Kind nicht hatte und von dem er nur träumen konnte. Ihre Wege sollten sich nie kreuzen, doch es gibt ja den gemeinsamen Vater.

Jackie Thomae erzählt in ihrem zweiten Roman, der es 2019 auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat, zwei Geschichten. Die Ausgangssituation ist vergleichbar, doch dann sind es Umstände, Begegnungen, Zufälle, persönliche Dispositionen, die dazu führen, dass die beiden Jungs sich ganz unterschiedlich entwickeln. Überzeugend zeigt die Autorin so, dass das Leben nie planbar ist und es immer viele Faktoren sind, die darüber entscheiden, wie die Dinge laufen.

„und er begriff erst jetzt: sein Bruder war nicht wie seine Schwestern mit diesem Mann hier aufgewachsen. Nein. Sein Bruder war wie er.“

Mick täuscht sich kolossal in seiner Einschätzung, denn die beiden Brüder könnten verschiedener kaum sein. Mick wirft sich voll ins Leben, erwartet alles und will es mit allen Sinnen auskosten. Frauen, Drogen, Partys bis in den Morgen – you name it. Gabriel hingegen ist ehrgeizig und zielstrebig und überlässt wenig dem Zufall. Seine Entscheidungen sind durchdacht und sorgfältig gewählt. So verlaufen ihre beruflichen Karrieren und Beziehungen auch diametral entgegengesetzt.

Ein Thema, das eigentlich keins ist, ist ihre Hautfarbe. Im multikulturellen London ist Gabriel einer von vielen, selbst als ihm ein Angriff vorgeworfen wird, wird seine Hautfarbe nicht thematisiert. Er lässt sich nicht in die britische Gesellschaft mit ihrem strengen Klassensystem eingruppieren, sondern wird nach seinem Erfolg und Charakter beurteilt. Sie ist jedoch für ihn wesentliches Kriterium, einen Job in den USA auszuschlagen, denn dort sieht er trotz Obamas Erfolg immer noch eine Reduktion auf sein Äußeres. Auch in Berlin ist Mick nicht ernsthaft Rassismus ausgesetzt, Stigmatisierungen verlaufen eher über soziale Faktoren. Einzig in seiner Beziehung mit Delia kommen ihm gelegentlich Zweifel, ob er nicht gerade wegen seinem Aussehen als Partner in Frage kam, sein Einkommen und Status können es kaum gewesen sein.

Jackie Thomae erzählt lebendig mit eingängigem Humor, der einem immer wieder Schmunzeln lässt. Sie verfällt nicht naheliegenden Klischeedarstellungen, weder wie erwähnt die Hautfarbe noch die Wende werden als Schicksalsschlag ausgeschlachtet, dem die Figuren nicht entkommen können. Es ist ein Blick in den Alltag zweier interessanter Individuen, der auch erzählperspektivisch überzeugend gestaltet wurde.

Carmen Buttjer – Levi

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Carmen Buttjer – Levi

Ein Zelt auf dem Dach ist sein neues Zuhause. Und das seiner Mutter. In der Urne. Die er bei ihrer Beerdigung einfach mitgenommen hat, als er weglief. Nun sitzt Levi wenige Stockwerke über der Wohnung, in der nur noch sein Vater ist, der ihm schon immer fremd war, den er jetzt aber gar nicht mehr erkennt. Zum Glück hat er noch den Kioskbesitzer Kolja, der den 11-Jährigen mit seiner Trauer annimmt, denn davon versteht der ehemalige Fotojournalist und Kriegsberichterstatter viel. Auch in Vincent findet er einen Verbündeten, der mit ihm durch die Stadt zieht und ihn nicht wie ein Kind behandelt. Aber immer wieder kehrt die Angst zurück, vor dem, der ihm seine Mutter genommen hat. Es muss ein wildes Tier gewesen sein, ein Tiger vermutlich. Gesehen hat er ihn nicht, denn er schlief nur wenige Schritte entfernt unter dem Schreibtisch, aber er konnte ihn spüren und wird nun von ihm verfolgt.

Carmen Buttjers Debutroman ist eine lustig-traurige Geschichte, die das Schlimmste in Worte fasst, wofür Kinder keine Worte haben und was sie nicht begreifen können: den Tod eines Elternteils. Aber nicht nur den Kindern geht es so und das ist der Autorin sehr überzeugend gelungen zu verdeutlichen: auch der Vater und Ehemann kann mit der Situation nicht umgehen, ist überfordert, traurig, verzweifelt und kann nicht begreifen, was gerade geschieht. Diese beiden ebenso wie die Nachbarn Kolja und Vincent tragen den Roman, die Handlung wird nebensächlich, fast so wie die Zeit anhält, wenn einem ein solcher Schicksalsschlag widerfährt.

Die Geschichte spielt sich immer wieder zwischen den konstanten Fixpunkten Wohnung – Zeltlager – Kiosk und dem Herumstreunen in der Großstadt ab. Zu oft ist Levi bereits umgezogen als dass es seine Stadt wäre, sie ist ihm sogar erschreckend fremd. Dies mag auch die Absenz aller Gleichaltrigen erklären. Rastlosigkeit wechselt sich mit erschöpftem Zusammensinken ab, Levis Seelenzustand wird durch sein Handeln gespiegelt. Die Erwachsenen können keinen Trost spenden, sie kommen selbst mit ihren eigenen Emotionen und dem Tod nicht klar. Die Flucht in die Fantasiewelt ist da der einzige Ausweg, die Vorstellung von bösen Tieren macht es leichter, das Unglück zu ertragen.

So traurig Anlass und Seelenzustand der Figuren sind, so leicht wirkt der Roman oft, lässt einem immer mal auch Schmunzeln und an das Gute im Menschen glauben. Levis typisch kindlicher Umgang mit der Situation hat ebenso Charme wie es einen berührt zu sehen, wie er versucht die Situation zu begreifen. Der Blick durch die Augen des 11-Jährigen ist Carmen Buttjer hervorragend gelungen, wie sich vor allem auch an dessen Erinnerungen zeigt, die eindeutig demonstrieren, dass Erwachsene sich noch so sehr bemühen können, Dinge von den Kindern fernzuhalten, dies gelingt selten und sie bekommen viel mehr mit (und ab) als man möchte.

„Levi“ ist vieles, Großstadtroman, Coming-of-Age, vor allem aber eine gelungene Umsetzung eines ausgesprochen schwierigen Themas.

Christian von Ditfurth – Ultimatum

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Christian von Ditfurth – Ultimatum

Der Ehemann der Kanzlerin wird in Berlin entführt. Die Forderung der Geiselnehmer: erst die Freilassung des Verbrechers Bob Wedenstein, dann die Entlassung des Innenministers, als letztes den südlichen Euroländern die Schulden erlassen – die Forderungen werden immer drastischer, mit der Hand des First Husband untermauern sie ihre Ernsthaftigkeit. Die Regierung und die Ermittlungsbehörden stehen unter Druck, da interessiert sie der verdächtige Tod der russischen Kulturattachée nur mäßig. Als sich in Paris ein paralleles Szenario anbahnt, ist klar, dass der Angriff größer ist und sich nicht nur gegen die Kanzlerin und Deutschland richtet. Einzig Kommissar Eugen de Bodt, dem es gelingt den Gatten der Kanzlerin zu befreien, scheint einen klaren Kopf zu bewahren und die Absicht der Terroristen zu durchschauen. Aber auch er ahnt noch nicht, was sie sich tatsächlich ausgedacht haben.

Das Szenario klang vielversprechend, eine Gruppe von schlagstarken und entschlossenen Terroristen versetzt Deutschland und Frankreich in Angst und Schrecken. Die Methoden tragen unverkennbare Parallelen zum Agieren der RAF und es scheint kaum ein Mittel zu geben, um sie aufzuhalten. Glücklicherweise jedoch verfügt Kommissar de Bodt über die Gabe, sich in die Gedankenwelt der Verbrecher zu versetzen und so deren Vorgehen und Pläne zu antizipieren – dies macht ihn, neben seiner Leidenschaft für philosophische Sprüche, bei seinen Vorgesetzten nicht unbedingt beliebter.

Der vielversprechende Ansatz stolpert jedoch für mein Empfinden gleich über mehrere Schwächen. Die überzeugende Grundidee gerät insgesamt zu groß, zu sehr aufgeblasen, um glaubwürdig zu sein. Irgendwann verzettelt sich das Szenario und hat mich dann leider auch verloren. Auch wenn de Bodt mit seinem Team arbeitet, bleibt er doch der alleinige Held, von dem alles abhängt. Superhelden passen gut in das Marvel Universum, für realistische Geschichten sind sie meist zu wenig menschlich und können mich nicht wirklich für sich gewinnen – zugegebenermaßen haben mich seine Sprüche auch mehr genervt, als dass ich ihnen etwas abgewinnen hätte können. Ähnlich wie die Handlung war auch die Erzählweise ziemlich aufgebläht; immer wieder endlose Dialoge, die letztlich die Geschichte selten vorangebracht haben und stattdessen eher noch die Spannung haben abflachen lassen, so waren sie für einen rasanten Thriller eher hinderlich als bereichernd.

Fazit: leider große Enttäuschung, da die hohen Erwartungen so gar nicht erfüllt wurden.

Martin Simons – Jetzt noch nicht, aber irgendwann schon

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Martin Simons – Jetzt noch nicht, aber irgendwann schon

Es ist kurz vor Weihnachten und Martin will nur noch ein paar Besorgungen machen, als ihn im Supermarkt plötzlich ein komisches Gefühl befällt, kurz danach verweigert der rechte Arm die Mitarbeit und er kann nur noch nach Hause eilen. Im Krankenhaus dann die erschreckende Gewissheit: eine Einblutung im Gehirn, die die Motorik beeinträchtigt. 48 Stunden keine Aufregung, keine Bewegung, nur um die größte Gefahr zu überleben. Untersuchung um Untersuchung, nur abgelöst und Gedanken über das, was im Leben war und das, was bleibt, sollte er die kritische Phase nicht überleben. Und wenn doch, wie wird er das Klinikum verlassen, was bedeutet dies für seine Frau und ihren nicht einmal zweijährigen Sohn?

Martin Simons schreibt über das, was er selbst erlebt hat, das Ereignis, das ihn unerwartet aus dem Leben gerissen und alles in Frage gestellt hat. Die ersten Stunden, die er intensiv erlebt, die Tage der Ungewissheit und dann der Versuch wieder in die Normalität zurückzukehren. Vor allem aber auch die schmerzliche Erkenntnis: während er bewegungslos im Bett liegt, geht das Leben draußen ohne ihn weiter.

Ein Bericht wie dieser kann einem als Leser nicht unberührt lassen, unweigerlich stellt man sich dieselben Fragen, die sich der Autor in dieser Ausnahmesituation auch gestellt hat. Zunächst dominiert die Angst; die Situation ist für den Patienten nicht überschaubar und schon gar nicht kontrollierbar. Nach der Annahme der Todesnähe kommen die essentiellen Fragen danach, was man erreicht hat, wie man gelebt hat, Fehler und Glücksmomente. Die Beziehungen zu Eltern, Ehefrau, Kind – wo steht er, will er so gehen? Manches rückt in ein anderes Licht. Dazwischen immer wieder widersprüchliche Erwartungen und Gefühle gegenüber den Angehörigen, die Weihnachten feiern obwohl er dem Tode nahe ist.

Genau die Dinge und Gedanken, die man im Alltag verdrängt, ausblendet, erkämpfen sich den vordersten Platz und sind können nicht mehr ignoriert werden. Martin Simons erscheint gnadenlos ehrlich gegenüber sich und seiner Familie, reflektiert sein eigenes Verhalten – sowohl im Krankenhaus wie auch davor. Trotz der Schwere der Thematik findet der Autor einen leichten Erzählton, der es leicht macht, seinen Gedanken zu folgen und sich mit ihm in die Situation begeben. Ein Buch, das weniger zum Erzähler oder Autor als viel mehr zu sich selbst als Leser führt.

Lioba Werrelmann – Hinterhaus

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Lioba Werrelmann – Hinterhaus

Als sie vom Yoga nach Hause kommt, ist alles anders: die Wohnung ist leergeräumt, Freund Jens ist weg, nur noch sieben Kartons mit ihren Habseligkeiten sind übrig geblieben. Journalistin Carolin weiß nicht wie ihr geschieht und sucht zuerst einmal Trost bei ihrer Nachbarin und Freundin Henry. Doch dort kann sie auch nicht bleiben und weil sie so neben sich steht, ist sie tags darauf auch noch arbeitslos, denn sie hat ihre Radiosendung völlig versemmelt. Ausgerechnet die schräge Mandy aus der Erdgeschosswohnung im Hinterhaus nimmt sie auf. Doch schon die erste Nacht wird zum Desaster als Carolin beim Toilettengang im Zwischengeschoss auf die Leiche eines seit 20 Jahren vermissten Jungen stößt. Und das ist erst der Anfang für eine Reihe von unglaublichen Ereignisse.

Lioba Werrelmanns Roman spielt ein wenig mit den Genregrenzen. Es gibt eine Kriminalgeschichte, sogar eine richtig gut gestrickt, was sich aber erst spät in der Handlung wirklich offenbart; bis man dahin kommt, glaubt man sich eher in einer Räuberpistole mit Slapstickeinlagen oder gar einem parodierten Splatterroman. Wenn man sich die Rezensionen anschaut, könnten die Meinungen kaum weiter auseinanderliegen, was sich gut nachvollziehen lässt; an mancher Stelle habe ich auch gedacht, dass ein bisschen weniger gut gewesen wäre.

„Hinterhaus“ ist einer der wenigen Romane, die sich kaum als Ganzes beurteilen lassen, er zwingt zur Aufschlüsselung einzelner Aspekte. Die Krimihandlung ist vom Ende her gesehen wirklich sehr gut gestrickt und traurigerweise auch sehr glaubwürdig. Die Figuren sind – positiv formuliert – eigenwillig. Allen voran Carolin, die mehrfach als ausgesprochen weltfremd und doof bezeichnet wird und genau so auch rüberkommt. Ihr fehlt jede pragmatische Kompetenz und offenbar ist sie bislang gut damit gefahren, in ihrer eigenen Welt zu leben. So wirklich warm wird man mit ihr nicht, bisweilen haben mich ihre autistischen Züge fast wahnsinnig gemacht. Mandy ist nicht viel besser, sie ist die typische Cat-Lady, die jedoch im Gegensatz zu Carolin nur verschoben wirkt, aber offenkundig recht clever ist. Alle anderen Figuren sind ebenfalls speziell auf ihre jeweils ganz eigene Weise.

Was es bisweilen wirklich schwer machte, den Roman nicht beiseite zu legen, was die Sprache. Der Text ist gespickt mit Fäkalausdrücken und die Häufigkeit und Detailgetreue, mit der Carolins Verdauung thematisiert wird, hat meine Schmerzgrenze deutlich ausgereizt. Es mag der Versuch sein, die schnodderige Berliner Schnauze darzustellen, hat mich aber nicht erreicht und bei einer Protagonistin aus Bergisch Gladbach, die in ihrer neuen Heimat ohnehin nie angekommen ist, macht dies sowieso keinen wirklichen Sinn. So wirkt dies mehr nach sehr derber Gossensprache, die doch etwas verstört, aber kein Flair schafft.

Auch mag manche Leser das wahre Gesicht vieler Figuren eher verschrecken, als dies offenkundig wird. Es fehlt jeder Hinweis darauf, wobei hier wirklich die Gradwanderung zwischen Spoilern und Triggerwarnung schwer zu lösen ist. Auch wenn sich der Krimi über weite Strecken zum Teil fast eher humoristisch liest, ist er meines Erachtens letztlich sicher nichts für zart besaitete Gemüter.

Fazit: ein ausgesprochen eigenwilliger Roman, der jeder Erwartung trotzt und für den ich letztlich dennoch eine klare Leseempfehlung aussprechen würde.

Thomas Palzer – Die Zeit, die bleibt

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Thomas Palzer – Die Zeit, die bleibt

Zwei Männer, zwei Schicksale. In München wird der Anwalt Ewart Colver an einem Frühlingsabend angefahren und schwer verletzt. Wer kann es auf ihn abgesehen haben? Hängt der offenkundige Mordversuch mit einem sechs Jahre zurückliegenden Fall zusammen, bei dem er sich mit einem Drogenkartell anlegte? Der Anruf eines Kommissars deutet zumindest darauf hin, doch da die Polizei nur wenig tätig wird, muss Colver wohl oder übel selbst ermitteln. Unterdessen ist Shenja Orlov in Berlin immer noch gedanklich in St. Petersburg und bei der einzigen wahren Liebe, die er jemals hatte. Es war seine Schuld, dass sie ums Leben gekommen ist und seither büßt er dafür. Wird es mit seiner Kollegin vielleicht doch einen Neuanfang für ihn geben können? Doch das Schicksal hat ebenfalls einen Plan, mit dem beide Männer nicht gerechnet haben.

Thomas Palzer erzählt die beiden Handlungsstränge parallel ohne dass sich für den Leser eine Verbindung erkennen ließe. Zeit und Ort sind derart voneinander losgelöst, dass man lange Zeit beide Männer verfolgt, sich aber doch wundert, wie diese beiden Leben miteinander in Zusammenhang stehen. Gemächlich schreitet die Handlung voran, bis sie plötzlich ein rasantes Tempo aufnimmt und sich alles auflöst.

Auch wenn die beiden Geschichten völlig verschieden sind und die Männer vordergründig kaum Parallel aufweisen, gleichen sie sich doch in mancherlei Hinsicht. Es ist ihr Psychogramm, das den Roman interessant macht, weniger die durchaus auch spannende Frage nach den Hintergründen des Anschlags auf Colver. Der Münchner Anwalt, dessen Ehe schon Jahre zuvor zerbrochen ist und der nur ein oberflächliches Verhältnis zu seinen Kindern hat, hat ebenso den Halt im Leben verloren wie der Berliner IT Spezialist. Beide sind weitgehend sozial isoliert und haben faktisch nur wenig Kontakt zu Mitmenschen. Ebenso sind sie gefangen in ihrer Gedankenwelt, in der sie versuchen ihre Erlebnisse zu verarbeiten und mit Sinn zu füllen. Für sie ergibt sich ein klares, logisches Bild, dass dies jedoch nur einseitig die Situation beleuchtet und einzig ihre Perspektive berücksichtigt, blenden sie aus. Colver versteift sich völlig in die Mordanschlagtheorie, die er mit allen Mitteln versucht zu belegen, gleichermaßen ist Orlov von der Untreue seiner neuen Partnerin überzeugt und kann logischerweise nur alles, was sie tut, unter dieser Prämisse bewerten.

Sie weisen Züge einer Paranoia auf, sie nehmen ihre Umwelt verzerrt wahr, werden gegenüber der Welt zunehmend feindseliger und misstrauisch und schaffen sich ein komplexes Verschwörungsszenario, das die beiden letztlich in die größtmögliche Katastrophe führt. Die Entwicklung der Figuren bis zum tragischen Höhepunkt ist Palzer großartig gelungen. Leicht kann man nachvollziehen, wie sich zwei grundsätzlich gesunde Menschen immer tiefer hineinsteigern und letztlich aus dem Käfig, den sie sich erschaffen haben, nicht mehr herausfinden.

Für mich ein großartiger Roman in zweierlei Hinsicht: die Konstruktion des Handlungsverlaufs geht ebenso glatt auf wie die psychologische Entwicklung seiner beiden Protagonisten. Gepaart wird das Ganze mit einer ordentlichen Portion Spannung und durchaus auch einigen gesellschaftlich und sozialkritischen Fragen.

Clare Clark – In the Full Light of the Sun

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Clare Clark – In the Full Light of the Sun

The 1920s are tough in post-war Germany, but the show must go on and the art market flourishes despite all economic struggles. Yet, where money can be made, fraudsters aren‘t far away. Julius is a Berlin based art dealer and specialist in van Gogh; Rachmann is a young Düsseldorf art expert who is hoping to make a career in the business, too; Emmeline is a talented artist and rebel. Since the art world is a small one, their paths necessarily cross and one of the biggest frauds in art links them.

I have been a lover of novels set in the 1920s and 1930s in Berlin since this was a most inspiring and interesting time of the town. Not just big politics after the loss in the first word war and then the rise of the Nazi party, but also the culture and entertainment industries were strong and the whole world looked at the German capital. Quite logically, Clare Clark‘s novel caught my interest immediately. However, I am a bit disappointed because the book couldn‘t live up to the high expectations.

I appreciate the idea of narrating the scandal from three different perspectives and points in time. The downside of this, however, was that the three parts never really merge into one novel but somehow remain standing next to each other linked only loosely. At the beginning, I really enjoyed the discussions about art and van Gogh‘s work, but this was given up too quickly and replaced with the characters‘ lamentations and their private problems which weren‘t that interesting at all and made reading the novel quite lengthy.

 

Takis Würger – Stella

Stella von Takis Wuerger
Takis Würger – Stella

Friedrich wächst in reichem Haushalt in der Schweiz auf; eigentlich fehlt es ihm an nichts, außer an der Liebe seiner Eltern. Für seine Mutter ist er eine Enttäuschung, sein Vater bevorzugt es die Welt zu bereisen statt sich um die Familie zu kümmern. Im Jahr 1942 beschließt er, das Nest am Genfer See zu verlassen und sich selbst ein Bild von den Gerüchten zu machen, die man über die deutsche Hauptstadt hört. In Berlin angekommen, will er wieder malen und lernt so an der Kunstschule Kristin kennen. Die junge Frau strotzt nur so vor Lebensfreude und mit Tristan haben sie einen Gefährten, der mit ihnen das schöne, süße Leben jenseits des Kriegs voll auskostet. Lange können sie ignorieren, was um sie herum geschieht, doch irgendwann platzt die Illusion, für Friedrich besonders hart, denn seine Geliebte ist nicht die Frau, für die er sie gehalten hat, sondern heißt Stella, ist Jüdin und schuldig unmenschlicher Verbrechen.

Das Jahr 2019 ist kaum zwei Monate alt und hat schon seit Wochen einen literarischen Skandal erster Güte: Tais Würgers zweiter Roman „Stella“. Nicht nur, weil man unmöglich der öffentlichen Diskussion um das Buch ausweichen kann, sondern vor allem, weil mir der Autor bereits mit seinem Debütroman „Der Club“ positiv in Erinnerung ist, war ich gespannt auf diese Geschichte. Enttäuscht wurde ich nicht, Würger ist ein überzeugender Erzähler, der hervorragend zu unterhalten weiß. In der Hörbuchvariante gelesen von Robert Stadlober und Valery Tscheplanowa kommt die Geschichte insbesondere überzeugend rüber.

Ich mag auf die für mein Empfinden restlos dargelegten Argumente für und gegen diesen historischen Stoff nicht eingehen. Ob Takis Würger nur besonderes Aufsehen mit der Verarbeitung der Lebensgeschichte einer real existenten Person erheischen wollte, kann ich auch nicht beurteilen und die Frage nach dem rechtmäßigen Zugriff auf den Nachlass, entzieht sich sowieso meiner Beurteilungskraft. Von daher bleibe ich bei dem, wozu ich etwas sagen kann. Der Handlungsaufbau hat mir gut gefallen, insbesondere die Figur des Friedrich, um den es noch viel mehr geht als um die titelgebende Stella, ist ein interessanter Charakter, dessen Kindheitserfahrungen plausibel als prägende Erinnerungen auch einen Einfluss auf sein Dasein als Erwachsener hat. Verwunderlich, aber nicht minder glaubwürdig das Leben im Kriegsberlin derjenigen, die Geld und Macht hatten. Das Hotel Adlon kann den Schein der Unbekümmertheit und Normalität erstaunlich lange aufrechterhalten und bietet seinen Gästen den gewohnten Komfort. Die Atmosphäre ist dem Autor zweifelsohne authentisch gelungen.

Wie immer bei Literatur, die zur Zeit der Nazi-Herrschaft angesiedelt ist – und insbesondere wenn auf reale Ereignisse zurückgegriffen wird – drängt sich die Frage nach Schuld und Täterschaft auf. In diesem Fall ist sie einfach zu beantworten, nur kurz glaubt man wirklich an das arme Mädchen, das in einer moralischen Zwickmühle steckt, allzu lange nimmt man ihr das nicht ab. Allerdings war für mich fast noch entscheidender die Frage nach Friedrichs Position: er kommt letztlich als Kriegsgaffer nach Berlin, er sieht zu und versteht, was geschieht, aber als Schweizer hat er ja mit allem nichts zu tun: ist das nicht ebenso schändlich?

Benedict Wells – Spinner

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Benedict Wells – Spinner

Jesper Lier ist Anfang 20 und hatte eigentlich vor nach seinem Umzug von München nach Berlin so richtig das Leben zu beginnen und als Autor zu arbeiten. Die Realität sieht jedoch anders aus: er lebt in einem Kellerloch, schreibt für eine Lokalzeitung, um sich finanziell über Wasser zu halten, die Uni hat er nur zur Immatrikulation betreten und langsam wird ihm auch bewusst, dass sein Mammutwerk von Roman, an dem er zwei Jahre lang gearbeitet hat, vermutlich nichts taugt. Der Rest seines kümmerlichen Lebens ist so beklagenswert, dass die Depression die logische Folge ist. Auch seine Freunde dringen kaum mehr zu ihm durch. Seiner Mutter hat er versprochen für den anstehenden Umzug zurückzukehren und zu helfen, aber der geplante Familienbesuch drückt ebenfalls aufs Gemüt – wofür lebt er eigentlich noch?

Benedict Wells zweiter Roman, der bereits 2009 erschien, im Herbst 2016 jedoch in einer überarbeiteten Fassung nochmals aufgelegt wurde, hat deutliche autobiografische Züge. Genau wie sein Protagonist verließ Wells nach Ende der Schulzeit die bayerische für die Bundeshauptstadt, um dort die Schriftstellerkarriere zu starten. Mit Nebenjobs als Redakteur schlug er sich durch, bis ihm mit „Becks letzter Sommer“ der Durchbruch als Autor gelang. „Spinner“ hat er in sehr jungen Jahren verfasst, was man dem Roman deutlich anmerkt, alles in der Geschichte dreht sich in einem sehr begrenzten Radius um den Protagonisten, der Blick über den Tellerrand und das Wahrnehmen der Welt um ihn herum gelingt ihm noch nicht.

Der Roman klingt ein wenig nach einem verspäteten Vertreter der Popliteratur. Die junge Hauptfigur auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, das hauptsächlich von Alkohol, Zigaretten und Drogen bestimmt wird und immer wieder Referenzen zu den Größen des Literatur- und Musikbetriebs aufweist. Allerdings bleibt Wells völlig frei von Gesellschaftskritik und Jesper ist weitgehend unpolitisch, ja noch nicht einmal offen politisch desinteressiert, weshalb er dann doch hinter den bekannten Vertretern des Genres zurückbleibt. Auch die psychologische Tiefe des Charakters bleibt überschaubar, er ist nicht der intellektuelle Denker, der innerlich zerrissen ist und so tiefgründige Sinnsuche betreiben würde. Im Gegenteil: Jesper Lier ist in weiten Teilen wohlstandsverwöhnt und badet in Selbstmitleid. Auch wenn er durchaus harte Schicksalsschläge erlebt hat, eigentlich ist er in einer sehr komfortablen Lebenssituation und findet nur Gefallen an dem dandyhaften Auftritt eines Emos, der nicht erwachsen geworden ist.

Trotz der Kritik hat mir der Roman gefallen und ich würde ihn ohne Frage als lesenswert bezeichnen wollen. Auch wenn ihm die Tiefe fehlt und er nicht ganz so berühren kann wie mit „Vom Ende der Einsamkeit“, gelingt es Wells doch eine überzeugende Figur zu schaffen, die in sich stimmig ist und deren Seelenleben er glaubwürdig einfängt. Jesper Lier wirkt authentisch und meiner Einschätzung nach durchaus ein symbolischer Vertreter für seine Generation. Sprachlich lässt der Autor an einigen Stellen sein Können aufblitzen, das sich in seinen späteren Büchern dann richtig entfaltet.

Ein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Titel und Autor finden sich auf der Verlagsseite.