Martina Borger – Wir holen alles nach

Martina borger - wir holen alles nach
Martina Borger – Wir holen alles nach

Zwei Frauen, die verschiedener kaum sein könnten. Ellen ist bereits im Ruhestand, mit Zeitungen austragen und Nachhilfeschülern kommt sie gerade so über die Runden. Sie genießt das ruhige Leben, Trubel hatte sie genug und nun ist es Zeit, das Leben so zu gestalten, wie sie es möchte. Sina steckt mit Mitte 30 zwischen den bekannten Polen Karriere in einer Werbeagentur und ihrem Sohn Elvis, dem sie nicht gerecht werden kann, weil ihr Job und auch die neue Beziehung regelrechte Zeitfresser sind. Als Elvis bei Ellen die Nachhilfe beginnt, ist dies der Anfang einer ungewöhnlichen Freundschaft. Der zurückhaltende Junge blüht bei der agilen Seniorin auf, lernt einen anderen Blick auf die Welt und ist vor allem von Ellens Hund restlos angetan.

Martina Borgers Roman ist eine ruhige Geschichte über die unscheinbaren, völlig normalen Menschen, die nicht im Mittelpunkt stehen (wollen), aber durchaus aufmerksam die Welt um sich herum beobachten. Die unaufgeregte Erzählweise öffnet den Raum für die vielen Zweifel, die die Figuren in ihrem Alltag begleiten, nicht zwingend die ganz großen Tragödien und Ereignisse, sondern die Kleinigkeiten, die an ihnen nagen und sie belasten. Man kann ihre Gedanken leicht nachvollziehen, spiegeln sie doch das wieder, was viele aus ihrem eigenen Leben kennen. Und trotz all dieser fast banalen Gewöhnlichkeit, haben sie etwas Besonderes in sich, dass sie interessant macht und weshalb man ihre Geschichte verfolgt. Es ist genau dieser kleine Funke, der einem in der Realität manchmal durchgeht und weshalb man nicht merkt, welch interessante Menschen einem begegnen.

Sina erlebt den klassischen Zwiespalt der arbeitenden Mutter, die immer das Gefühl hat, nicht genügend Zeit und Geduld für ihren Sohn zu haben und unter dem permanent schlechten Gewissen leidet. „Wir holen alles nach“ bleibt ihr unermüdlich wiederholtes Mantra, irgendwann, wenn mal Zeit ist. Sie ist zwar froh darüber, wie gut es Elvis bei Ellen geht, wie er offenbar der unscheinbaren Zeitungsausträgerin aufmerksam zuhört und die Tage mit ihr genießt, aber der Ärger, dass die fremde Frau ihrem Sohn gibt, was sie ihm geben sollte, nagt auch an ihr. Verschärft wird die Situation plötzlich, als Vorwürfe von Misshandlung aufkommen und sie beginnt, an ihrem neuen Partner zu zweifeln.

Ellen wiederum kann sich nicht wirklich von den Erwartungen ihres Familien- und Freundeskreises lösen, die ihr immer wieder vorhalten, dass sie zu viel alleine ist. Gerne würde sie ihre Söhne häufiger sehen, die angespannte finanzielle Lage jedoch verhindert dies immer wieder. Der junge Elvis scheint jedoch genau zu ihrem Rhythmus zu passen und von der ersten Minute an harmonieren sie miteinander. Muss sie sich nicht um ihn kümmern, kommen aber auch unweigerlich Erinnerungen in ihr hoch, ein Großteil ihres Lebens liegt nun schon hinter ihr und manche Dinge hätten womöglich auch einen ganz anderen Ausgang nehmen können.

Der Roman besticht durch seine Ruhe und den gelassen-bedachtsame Erzählton. Miete, Job, Familie – genau dieselben Sorgen, die jeden plagen, beschäftigen auch die Figuren. Dazwischen können Menschen, vor allem Kinder, schon einmal aufgerieben werden, aber manchmal wartet an unerwarteter Stelle genau der eine Mensch, der die richtigen Worte findet und allein schon durch seine Präsenz ganz viel auffängt.  Ein Roman wie gemacht für das Frühjahr 2020, gibt er so viel bekanntes Leben zurück, das uns mit social distancing und Rückzug ins HomeOffice genommen wurde.

Ein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar. mehr Informationen zu Autorin und Buch finden sich auf der Verlagsseite.

Chandler Baker – Whisper Network

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Chandler Baker –  Whisper Network

Den attraktiven Anwältinnen Loane, Ardie und Grace gelingt das, worum sie viele beneiden: in ihrem Beruf erfolgreich erzielen sie ein stattliches Einkommen, das einen entsprechenden Lebensstil erlaubt, gleichzeitig sind sie besorgte Mütter, die jedoch die Doppelbelastung scheinbar problemlos meistern. In ihrem renommierten Unternehmen in Dallas gerät die Hierarchie durcheinander, als ein hoher Mitarbeiter unerwartet stirbt. Ausgerechnet ihr unmittelbarer Vorgesetzter Ames scheint die besten Aussichten auf dessen Nachfolge zu haben, jener Mann, mit dem sie alle drei unangenehme Erinnerungen verbinden. Als auch noch Katherine eingestellt wird, in der sie sich als unbedarfte junge Anwältin wiedererkennen, und eine ominöse Liste die Runde macht, in der alle Männer der Stadt gelistet sind, die durch weit mehr als nur anzügliche Bemerkungen aufgefallen sind, ist es Zeit zu handeln, nicht um Katherine das zu ersparen, was sie drei durchgemacht haben, sondern auch um dem Männerclub endlich die Stirn zu bieten.

„… friends, who had happened to be the smartest and most capable women she knew. But in the end, it wasn‘t about intelligence or competence. It never had been.“

Chandler Bakers Roman verlegt die #metoo Debatte in die oberen Etagen eines Großunternehmens und zeigt so, dass das Thema sexuelle Belästigung und Diskriminierung keine Bildungs- und Einkommensgrenzen kennt. Die drei Protagonistinnen sind erfolgreich und in ihrem Beruf ohne Frage tough, finden sich aber immer wieder in genau derselben Situation wieder, in die auch ihre Fitnesstrainerinnen oder die Putzfrauen geraten. Die Mechanismen, die in dem Moment einsetzen, in dem sie sich in irgendeiner Form zur Wehr setzen, sind ebenfalls immer dieselben: man glaubt ihnen nicht, versucht sie mundtot zu machen oder eine Mitschuld zu geben.

Trotz des unterhaltsamen und bisweilen ironischen Plaudertons hat es etwas gedauert, bis mich die Geschichte wirklich gepackt hatte. Der Versuch, die Frauen trotz der Gemeinsamkeiten in ihrer Persönlichkeit und Gedankenwelt unterschiedlich darzustellen, hat zu Beginn die Handlung für meinen Geschmack etwas zu sehr verlangsamt. Letztlich sind sie trotz des beruflichen Erfolges, der außer Frage steht, voller Zweifel und können bestimmte, typisch weibliche Eigenschaften nicht ablegen. Gerade Grace zweifelt als junge Mutter an der Sinnhaftigkeit ihres Jobs und dem, was sie sich gerade selbst mit zumutet: Baby stillen, knallhart verhandeln und zugleich auch noch top gestylt und strahlend erscheinen – all dies wird plötzlich in aller Absurdität offenkundig. Aber auch bei den anderen beiden werden die Risse in der Fassade immer deutlicher sichtbar und neben der Frage danach, was sie wegen ihres Geschlechts in der Arbeitswelt hinnehmen (müssen), wird auch das Having it all von Familie und Karriere durchaus infrage gestellt.

Gut gefallen hat mir, wie die Thematik der sexuellen Belästigung auf allen Ebenen – Chefetage, angesehene Fitnesstrainerin, Putzfrau – dargestellt wird. Gleichzeitig leidet das Buch jedoch auch unter seiner Plakativität und Einseitigkeit. Zwar verwendet die Autorin viel Zeit auf die differenzierte Ausgestaltung der Protagonistinnen, die Männer werden jedoch sehr eindimensional und reduziert dargestellt, was der Debatte wiederum auch nicht gerecht wird.

Durchaus unterhaltsam mit überzeugenden Aspekten, nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Daniel Zipfel – Die Wahrheit der anderen

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Daniel Zipfel – Die Wahrheit der anderen

Nach dem Tod eines asylsuchenden Pakistaners ist die Stimmung in Wien aufgeheizt. Auf einem zentralen Platz demonstrieren Freunde des Toten und Sympathisanten gegen Polizeigewalt und Asylpolitik. Der Journalist Uwe Tinnermans, der für das Boulevardblatt Metro schreibt, wittert seine Chance auf einen Scoop und tatsächlich gelingt ihm ein aufsehenerregendes Foto mit der jungen Pakistanerin Veena Shahida und einem Polizisten. Dass die Situation sich real ganz anders darstellte als das, was man beim ersten Blick auf dem Bild zu erkennen glaubt – geschenkt. Zunächst ist die junge Frau verärgert darüber, ohne Zustimmung überall ihr Gesicht zu sehen, doch dann glaubt sie in dem Reporter jemanden gefunden zu haben, der für sie kämpft und ihr zu einem Aufenthaltstitel verhelfen kann. Ganz im Gegensatz zu ihrer Anwältin, zu der sie das Vertrauen verloren hat. Ein Journalist voller Sensationsgier und bereit für den großen Sprung auf der Karriereleiter und eine Gruppe von wütenden Asylbewerbern – eine brisante Mischung, die die österreichische Hauptstadt aufzumischen droht.

Daniel Zipfel ist studierter Jurist und im Bereich der Flüchtlingsarbeit gearbeitet, weiß also, worüber er schreibt. Mich hat der Roman aufgrund der immer noch aktuellen Thematik gereizt, vor allem die Spannung zwischen realen Geschehnissen und deren Darstellung in und Instrumentalisierung durch die Medien finde ich ein problematisches, wenn auch ausgesprochen interessantes Motiv. Die Umsetzung gelingt dem Autor hervorragend und noch viel mehr als erwartet zeigt er auf, an welchen Stellen Wahrheit und Erzählung auseinanderfallen können und wie ganz individuelle Motivationen nachhaltig den Verlauf der Dinge beeinflussen können.

„Wir sind Welterzähler. Wir vereinfachen eine Welt, die zu kompliziert geworden ist.“ (S. 170)

Die Rolle der Medien ist eine ganz wesentliche in unserer Welt. Es ist völlig unstrittig, dass viele Konflikte und Sachverhalte für den Durchschnittsmenschen nicht mehr über- oder durchschaubar sind und dass Zeitung, Fernsehen und zunehmend auch Internet hier eine Vermittlerrolle übernehmen müssen, um Aufklärung und Information zu betreiben. Als sogenannte vierte Gewalt kommt den Medien zudem ein Kontrollauftrag zu, der in einer Demokratie auch nicht zu unterschätzen ist.

„Seit wann stört es dich, wenn man da und dort ein wenig nachhilft?“ (S. 122)

Wer jedoch kontrolliert die Medien? Sie selektieren, viele Ereignisse kommen gar nicht erst durch oder müssen sich mit einer kleinen Randnotiz begnügen. Im Roman gehen die beiden Journalisten Tinnermans und sein Mentor Brandt jedoch noch weiter: sie berichten ohne Faktenlage, reimen sich Dinge zusammen und schreiben gnadenlos ab. Sie schaffen neue Kontexte und damit Wahrheiten, die es vorher nicht gab. Wo Brandt durch seinen Alkoholgenuss gelegentlich einen Ausfall versucht zu kaschieren, geht Tinnermans noch weiter. Ihm fehlt jeder ethische Grundsatz und rücksichtslos bedient er sich der Menschen für seine eigenen Zwecke – auch wenn er sie dadurch wissentlich ins Verderben schickt: ob sie jetzt durch ihren Hungerstreik zusammenbrechen oder letztlich abgeschoben werden, so lange er seine Geschichte hat, ist für ihn alles in Ordnung.

Veenas Anwältin scheint zunächst nur daran interessiert, schnell den Fall zu Ende zu bringen, um den Schlusspunkt unter ihre Karriere zu setzen. Auch sie beherrscht die Spielregeln ihres Berufs und weiß, wie vor Gericht eine Lebensgeschichte präsentiert werden muss, um die erstrebte Entscheidung zu erreichen. Dieser zunächst berechnend-kaltherzige Auftritt wandelt sich jedoch im Laufe der Handlung und lässt die Figur schließlich in einem ganz anderen Licht erscheinen. Umgekehrt verhält es sich mit ihrer Mandantin, hat man anfangs noch viel Sympathien für sie, verlieren diese sich immer mehr und schlagen ins Gegenteil um.

Thematisch brisant und aktuell besticht der Roman für mich jedoch noch deutlich mehr mit der geschickt aufgezeigten Doppelbödigkeit der vermeintlich objektiven Wirklichkeit. Immer wieder muss man seine Meinungen revidieren und Fakten neu bewerten. Die Tatsache, dass am Ende vieles offen bleibt, entlässt den Leser mit der Ungewissheit des Lebens. Es wird einem beim Lesen dramatisch bewusst, wie fragil und wie wenig eindeutig das Konzept Wahrheit oftmals ist und wie wenig sicher man sich eigentlich sein kann.

Andrea Grill – Cherubino

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Andrea Grill – Cherubino

Die Nachricht von der Schwangerschaft trifft die Opernsängerin Iris Schiffer unerwartet. Gerade in Richtung Höhepunkt ihrer Karriere und nun das. Soll sie das Kind überhaupt behalten? Und wer ist der Vater, der emotionsgeladene Sergio, ebenfalls Sänger, oder der eher kühle Geschäftsmann Ludwig? Ihre Rolle als „Cherubino“ an der New Yorker Met kann sie jedenfalls deshalb nicht riskieren und beschließt erst einmal, das Geheimnis für sich zu behalten. Doch bald schon verändert sich ihr Körper, fordert Ruhephasen und Schlaf, gleichzeitig aber auch steigt ihre Ausdrucksfähigkeit. Während man sie in New York bejubelt, hadert sie mit ihrer Rolle bei den Salzburger Festspielen: soll sie das Engagement gefährden und den Verantwortlichen beichten, dass sie ein Kind erwartet?

Mozarts „Le nozze di Figaro“ dient als Namensgeber für Andrea Grills Roman, der auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2019 steht. So wie Cherubino sich in der Oper verkleidet und vorgibt etwas zu sein, das er nicht ist, muss auch die Protagonistin eine Rolle spielen, da die Wahrheit ihr karrieretechnisch schaden würde. Cherubino spielt eine Frauenrolle, Iris schlüpft in die einer männlichen Figur und das in schwangerem Zustand – diese Absurdität wird nur von der Realität im Umgang mit Schwangerschaft und den damit einhergehenden vermeintlichen Schutzgesetzen übertrumpft, die nicht nur die Wünsche der Frauen nicht berücksichtigen, sondern wie im Falle von Iris, sogar richtig schaden können.

Andrea Grill bietet gleich mehrere diskussionswürdige Themen in ihrem Buch an. Die Liebesgeschichte – die mich zugegebenermaßen weniger begeistern konnte – einer Frau, die zwischen zwei Männern steht und sich nicht entscheiden kann und will, da beide eine Rolle in ihrem Leben spielen. Die gesellschaftlichen Versprechungen, dass für die moderne Frau alles möglich sein, was sich aber spätestens mit Eintritt der Schwangerschaft als bloßer Schein entpuppt. Das Verhältnis von Mann und Frau: Ludwig kann sich der Vaterschaft einfach entziehen, für Iris gibt es diese Option nicht. Die Unsicherheit in der Schwangerschaft, was ist normal, was darf man, was soll man besser lassen, ein eigentlich natürlicher Vorgang, der heute maximal medizinisch begleitet und überwacht wird und allein aus diesem Grund viel mehr Gefahr ausstrahlt, als dies in den unzähligen Generationen zuvor je der Fall gewesen war. Alles überschattet jedoch die Auswirkungen auf Iris‘ beruflichen Möglichkeiten:

„Der sogenannte gesetzliche Schutz, hatte Iris sich ereifert, erreicht bei mir das Gegenteil, nämlich, dass er mich zwingt, meine Karriere am Höhepunkt abzubrechen. Was würdest du sagen, wenn man dir gesetzlich verboten würde, in Bregenz aufzutreten, weil du ein Kind erwartest? Obwohl du dich fit genug fühlst und die Rolle aus eigenem Entschluss singen möchtest?“

Ob man in ähnlicher Situation wie Iris gehandelt hätte, muss jeder Leser für sich entscheiden. Eine Lösung kann es hier nicht geben. Unabhängig von der Inhaltsebene hat mich Andra Grills Schreibstil überzeugen können. Der Roman, komponiert wie eine Oper, gefällt mir auch dramaturgisch recht gut. Vielleicht ist es gerade das bisschen zu viel Gefühlsduselei, das die Emotionen der Protagonistin wiederspiegelt, das mir persönlich zu viel war, aber genauso auch die rationale Sängerin überrascht. Nicht der ganz große Kandidat für die Shortlist, aber durchaus ein Roman, der einiges zu bieten hat.

Sheila Heti – Mutterschaft

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Sheila Heti – Mutterschaft

„Ich wusste, das Einzige, womit man mit vierzig noch anfangen konnte, war die Literatur. Da ging man mit vierzig noch als jung durch. Aber in jeder anderen Hinsicht war ich alt, alle Boote waren längst abgefahren und auf hoher See, während ich erst auf die Küste zusteuerte und mein Boot noch nicht mal gefunden hatte.”

Die Autorin Sheila Heti sieht sich mit Ende 30 plötzlich mit einer Frage konfrontiert, die sich viele Frauen in diesem Alter stellen: kinderlos bleiben oder doch noch kurz vor Ablaufen der biologischen Uhr schwanger werden? Immer schneller kreisen ihre Gedanken nur noch um dieses Thema, nehmen allen Raum in Kopf ein und verhindern jeden rationalen Blick auf ihr Leben. Ihr Mann ist zufrieden mit dem Leben, wie sie es führen, aber er hat ja auch bereits eine Tochter aus erster Ehe! Heti beginnt nicht nur an ihrem Lebensentwurf zu zweifeln, sondern stellt plötzlich auch ihre Partnerschaft in Frage und ihre depressive Denkweise grenzt sie immer mehr ein und drängt sie in die Ecke, einen Ausweg aus dem Gedankenstrudel sieht sie kaum mehr. Was ist der richtige Weg im Leben, der, den man später einmal nicht bereuen wird?

Die Autorin versucht das Thema Mutterschaft mit den modernen Erwartungen der Gesellschaft an eine Frau, aber auch mit den Wünschen und Erwartungen der Frauen selbst unter einen Hut zu bringen. Hinzu kommen bei ihr als Jüdin noch die religiösen Aspekte, der Druck, die Gemeinde auch in Zukunft zu erhalten und fortzuführen, ebenso wie die Erfahrungen aus ihrer Kindheit, als sie bereits mit jungen Jahren den Eindruck hatte, den Erwartungen ihrer Mutter nicht gerecht zu werden und nun enthält sie dieser auch noch den Enkel vor. So weitet sich die Frage nach dem Kinderwunsch zu einer Lebenskrise unglaublichen Ausmaßes aus, dem man dennoch interessiert folgt.

Viele Aspekte, die Heti anführt, lassen sich leicht nachvollziehen. Karriere und Mutterschaft lassen sich selten erfüllend miteinander verbinden, unweigerlich muss frau sich für eins von beiden entscheiden. Das große, interessante Leben, dass da draußen aus einen wartet, kann auch nur gelebt werden, wenn nicht zu Hause Mäuler gestopft, Tränen getrocknet und Entwicklungsfortschritte bewundert werden müssen. Natürlich ist ihre Unterstellung ihr Mann wolle ihr nur das interessante Leben vorenthalten durch die Fessel Kinder und Küche ihrer Depression geschuldet, so ganz ist der Gedanke jedoch nicht von der Hand zu weisen, dass eine Hausfrau nun einmal leichter zu kontrollieren ist als eine freiheitsliebende Künstlerin.

Auf der anderen Seite bekommen die Freundinnen Kinder, scheinen glücklich in dieser Situation zu sein – wie soll man dies beurteilen wollen, ohne es selbst zu kennen? Die Entscheidung dafür oder dagegen ist zeitlich begrenzt, es gibt irgendwann kein Zurück mehr und der eingeschlagene Weg kann nicht mehr umgekehrt werden. Kommt die Einsicht, einen Fehler gemacht zu haben, zu spät, muss man damit unter Umständen Jahrzehnte leben.

Vor allem der Druck von außen macht ihr zu schaffen, obwohl ihr Mann überzeugend darlegt, dass jede Gesellschaft schon immer auch einen besonderen Platz für die Kinderlosen hatte, die sich insbesondere um das geistige und künstlerische Wohl bemühten.

„Du kannst nicht jemanden auf die Welt bringen, bloß um eine Diskussion in deinem Kopf zu beenden oder weil du neugierig auf jedwede menschliche Erfahrung bist oder damit du dich deinen Freundinnen anpasst.”

Am Ende erkennt Heti, dass die ganze Diskussion für sie eigentlich nur eine Scheindebatte war, das eigentliche Problem ist, dass sie sich ihr Leben betreffend immer wieder damit konfrontiert sah, sich Alternativen auszumalen, wie es sein könnte und darüber vergaß, das Jetzt und Hier zu genießen.

Ein sehr persönliches Buch, das die Gedankenwelt der Autorin schonungslos offenlegt und einem an ihrem Selbstfindungsprozess teilhaben lässt. Mutig lässt sie auch unpopuläre Gedanken stehen und bringt für mich insgesamt überzeugend und sprachlich ansprechend durch ihren plaudernden, aber dennoch sehr metaphorischen Stil eine der großen Fragen auf den Punkt.

Benedict Wells – Spinner

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Benedict Wells – Spinner

Jesper Lier ist Anfang 20 und hatte eigentlich vor nach seinem Umzug von München nach Berlin so richtig das Leben zu beginnen und als Autor zu arbeiten. Die Realität sieht jedoch anders aus: er lebt in einem Kellerloch, schreibt für eine Lokalzeitung, um sich finanziell über Wasser zu halten, die Uni hat er nur zur Immatrikulation betreten und langsam wird ihm auch bewusst, dass sein Mammutwerk von Roman, an dem er zwei Jahre lang gearbeitet hat, vermutlich nichts taugt. Der Rest seines kümmerlichen Lebens ist so beklagenswert, dass die Depression die logische Folge ist. Auch seine Freunde dringen kaum mehr zu ihm durch. Seiner Mutter hat er versprochen für den anstehenden Umzug zurückzukehren und zu helfen, aber der geplante Familienbesuch drückt ebenfalls aufs Gemüt – wofür lebt er eigentlich noch?

Benedict Wells zweiter Roman, der bereits 2009 erschien, im Herbst 2016 jedoch in einer überarbeiteten Fassung nochmals aufgelegt wurde, hat deutliche autobiografische Züge. Genau wie sein Protagonist verließ Wells nach Ende der Schulzeit die bayerische für die Bundeshauptstadt, um dort die Schriftstellerkarriere zu starten. Mit Nebenjobs als Redakteur schlug er sich durch, bis ihm mit „Becks letzter Sommer“ der Durchbruch als Autor gelang. „Spinner“ hat er in sehr jungen Jahren verfasst, was man dem Roman deutlich anmerkt, alles in der Geschichte dreht sich in einem sehr begrenzten Radius um den Protagonisten, der Blick über den Tellerrand und das Wahrnehmen der Welt um ihn herum gelingt ihm noch nicht.

Der Roman klingt ein wenig nach einem verspäteten Vertreter der Popliteratur. Die junge Hauptfigur auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, das hauptsächlich von Alkohol, Zigaretten und Drogen bestimmt wird und immer wieder Referenzen zu den Größen des Literatur- und Musikbetriebs aufweist. Allerdings bleibt Wells völlig frei von Gesellschaftskritik und Jesper ist weitgehend unpolitisch, ja noch nicht einmal offen politisch desinteressiert, weshalb er dann doch hinter den bekannten Vertretern des Genres zurückbleibt. Auch die psychologische Tiefe des Charakters bleibt überschaubar, er ist nicht der intellektuelle Denker, der innerlich zerrissen ist und so tiefgründige Sinnsuche betreiben würde. Im Gegenteil: Jesper Lier ist in weiten Teilen wohlstandsverwöhnt und badet in Selbstmitleid. Auch wenn er durchaus harte Schicksalsschläge erlebt hat, eigentlich ist er in einer sehr komfortablen Lebenssituation und findet nur Gefallen an dem dandyhaften Auftritt eines Emos, der nicht erwachsen geworden ist.

Trotz der Kritik hat mir der Roman gefallen und ich würde ihn ohne Frage als lesenswert bezeichnen wollen. Auch wenn ihm die Tiefe fehlt und er nicht ganz so berühren kann wie mit „Vom Ende der Einsamkeit“, gelingt es Wells doch eine überzeugende Figur zu schaffen, die in sich stimmig ist und deren Seelenleben er glaubwürdig einfängt. Jesper Lier wirkt authentisch und meiner Einschätzung nach durchaus ein symbolischer Vertreter für seine Generation. Sprachlich lässt der Autor an einigen Stellen sein Können aufblitzen, das sich in seinen späteren Büchern dann richtig entfaltet.

Ein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Titel und Autor finden sich auf der Verlagsseite.