Volker Kutscher – Moabit

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Volker Kutscher – Moabit

Er ist der Chef des Ringvereins Berolina, doch aktuell sitzt er in Moabit im Gefängnis. Das macht nichts, ist gut fürs Image und die Geschäfte werden draußen von seinen Untergebenen weitergeführt. Doch dann wird Adolf Winkler im Knast überfallen und beinahe getötet. Wie konnte es dazu kommen? Auch Christian Ritter, der Oberaufseher, muss unangenehme Fragen beantworten. Wäre er nicht zufällig hinzugekommen, hätte sicherlich Winklers letzte Stunde geschlagen gehabt, so musste der Gegner letztlich mit dem Leben bezahlen. Auch wenn er seine Pflicht getan hat, hadert Ritter doch. Einzig seiner Tochter Charlotte kann er seine Gedanken anvertrauen. Doch diese grübelt ebenfalls: kann sie ihrem Vater von ihren heimlichen nächtlichen Ausflügen und den dabei gemachten Beobachtungen berichten?

„Moabit“ ist bezogen auf die Handlung das Prequel zu Volker Kutscher Serie um Kommissar Gereon Rath, der bei der Berliner Kriminalpolizei auf die Stenotypistin Charly Ritter stößt und sich in sie verliebt. Charly ist eine der ehrgeizigen Frauen, die hart für den Aufstieg arbeiten. Als Tochter eines Polizisten direkt am Knast aufgewachsen, kennt sie den dortigen Alltag, ist aber auch fasziniert vom Verbrechen und studiert daher Jura. In der kurzen Geschichte wird ein entscheidender Moment in ihrem Leben geschildert, jener, in dem sie von der gutbehüteten Tochter Lotte zur unabhängigen jungen Charly wird: sie blickt auf den Anschlagsort, bei dem ihr Vater ums Leben kommt und sieht eine für sie neue Wirklichkeit,

„[…]eine gnadenlose, unerbittliche Wirklichkeit, die es nicht juckt, wenn man sie nicht wahrhaben will, die einfach nur da ist und verlangt, dass man es mit ihr aufnimmt. Und in diesem Moment, das spürt Charly, ist Lotte endgültig gestorben.”

Die Geschichte ist relativ überschaubar und durch den dreifachen Perspektivenwechsel auch vorhersehbar. Entscheidender ist die Gestaltung des Buchs, das Illustrationen von Kat Menschik enthält. Passend zu Atmosphäre und Zeit setzt sie die Handlung optisch in Szene und ergänzt diese überzeugend und außergewöhnlich. Sie liefert Porträts der Figuren und der Schauplätze, aber auch Werbeanzeigen im typischen Stil der 1920er. So rückt die erzählte Geschichte auch ein Stück in den Hintergrund, was dem Gesamtwerk aber in keiner Weise schadet, ganz im Gegenteil: für mich eine gelungene Verbindung zwischen Text und Bild, der man anmerkt, dass sie in keiner Weise zufällig, sondern sehr sorgsam ausgewählt ist.

Volker Kutscher – Der nasse Fisch

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April 1929, Gereon Rath ist gerade von Köln in die Hauptstadt gezogen; statt im Morddezernat muss er jetzt allerdings in der Sitte seinen Dienst schieben, was ihn jedoch nicht daran hindert, privat in dem Fall um den unbekannten Toten vom Landwehrkanal zu ermitteln. Schnell stößt er auf eine Spur, sein Zimmernachbar, ein Journalist, kommt ihm dabei zu Hilfe. Doch seine Ermittlungen werden nicht nur von der Unterwelt ungern gesehen, stört er doch erheblich die Ruhe, sondern auch bei der Polizei selbst macht er sich damit Feinde. Dass er zudem der Stenotypistin und Jurastudentin Charlie Ritter Avancen macht, stößt den Kollegen ebenfalls auf.

Volker Kutschers Auftakt zu Serie um Kommissar Gereon Rath verbindet gleich mehrere Themen miteinander: die politisch fragile Lage Ende der 1920er, das berühmt-berüchtigte Berliner Nachtleben der Roaring Twenties, Korruption in der Polizei und beste Verbindungen ins Milieu – wenig läuft in geordneten Bahnen und wer erfolgreich ermitteln will, muss sich unkonventioneller Methoden bedienen und unerschrocken sein Ziel verfolgen.

Parallel zur Verfilmung unter dem Titel „Babylon Berlin“ wurde in Zusammenarbeit von Radio Bremen, WDR und RBB auch eine Hörspielversion des Romans produziert und unter anderem mit Ulrich Noethen, Peter Lohmeyer, Meret Becker und Uwe Ochsenknecht prominent und überzeugend besetzt.

Die Handlung überzeugt durch komplexe Verwicklungen, ein authentisches Setting und vor allem zwei starke Protagonisten. Die Umsetzung als langes Hörspiel von fast vier Stunden konnte mich ebenfalls direkt begeistern. Die Sprecher sind hervorragend besetzt und die Ausgestaltung, insbesondere die musikalische Untermalung von Verena Guido und dem WDR Funkausorchester, könnte besser kaum sein. Nachdem ich die Verfilmung nach nur wenigen Minuten wieder aufgegeben habe, weil sie mir doch zu trostlos und wenig ansprechend erschien, hätte ich beim Hörspiel noch viele weitere Stunden zuhören können. In der ARD Mediathek sind die Folgen aktuell noch abrufbar.