Orhan Pamuk – Schnee

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Orhan Pamuk – Schnee

Nach dem Tod seiner Mutter kehrt der Dichter Ka zum ersten Mal seit vielen Jahren in seine türkische Heimat zurück. Den eigentlich privaten Anlass will er auch nutzen, um über eine seltsame Serie von jungen Selbstmörderinnen zu recherchieren und über die aktuellen Bürgermeisterwahlen in Kars zu berichten. Aber auch seine ehemalige Mitstudentin Ipek möchte er gerne wieder treffen, nach der Trennung von ihrem Mann sieht Ka eine Chance für eine gemeinsame Zukunft für sie beiden. Allerdings hat Ka seine Rechnung ohne die Politik und den Geheimdienst gemacht, die ihm schnell vermitteln, dass seine Art der Arbeit nicht erwünscht ist. Ein Putsch, der seinen Ursprung im Theater nimmt, verschärft die bereits kritische Situation.

Wenn man nicht weiß, dass der Roman, auf dem das Hörspiel basiert, bereits 2002 erschienen ist – die deutsche Übersetzung folgte 2006 – könnte man „Schnee“ für tagesaktuell halten. Die Kontrolle der Medien (hier besonders hervorzuheben die Tatsache, dass manche Meldungen bereits geschrieben sind, bevor sie sich ereignen); der Kampf zwischen säkularen und zwischen konservativen Türken; die undurchsichtige Lage nach dem Militärputsch, der als solcher zunächst gar nicht erkannt wird und wie ein Teil der Inszenierung erscheint; das brutale Vorgehen gegen alle, die potenziell eine andere Meinung vertreten könnten – all dies ist uns auch 2017 bekannt. Diese politisch gefärbten Aspekte werden mit der persönlichen Geschichte des Autors, seinem Versuch, Ipek für sich zu gewinnen, und der späten Erkenntnis, dass er sich womöglich in der Frau getäuscht hat, geschickt verbunden.

Orhan Pamuk schafft ein interessantes Bild der Türkei, dass die Zerrissenheit und Zerstrittenheit der unterschiedlichen Strömungen im Land herausstellt und dabei keine Wertung vornimmt. Er lässt bewusst einen quasi Fremden auf die Zustände blicken – Ka war seit so langer Zeit nicht mehr in der Heimat, dass ganz als Europäer durchgeht, zwar noch die gemeinsame Sprache spricht, aber doch so anders denkt, dass er aus der distanzierten Perspektive die Geschehnisse beurteilen kann. Das Motiv des Schnees erscheint zunächst nicht in die Thematik zu passen, es ist auch nichts, was man unmittelbar mit der Türkei in Verbindung bringen würde. Aber von so kurzer Dauer, wie eine einzelne Schneeflocke ist, ist auch das Individuum nicht nur vergänglich, sondern eins unter vielen, von kurzer Zeit auf Erden, zunächst unschuldig und rein in seiner Form, in der Masse – Schneesturm, gefroren am Boden – jedoch mitunter brandgefährlich.

Ein aktuell immer noch beachtenswerter Roman, der 2004 von der New York Times als bestes ausländisches Buch und dem Autor 2005 zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verhalf und im Jahr darauf zum Literatur-Nobelpreis.

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Francis Durbridge – Paul Temple and the Conrad Case

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Francis Durbridge – Paul Temple and the Conrad Case

Betty, Tochter des englischen Arztes Dr. Conrad verschwindet spurlos aus ihrem bayerischen Internat. Die örtliche Polizei kommt mit den Ermittlungen nicht weiter und bittet Scotland Yard und Paul Temple, sie zu unterstützen. Zunächst unwillig nimmt der Privatdetektiv mit seiner Frau Steve sich des Falls an. Im Zimmer des Mädchens entdecken sie ein seltsames Cocktailstäbchen, das ihnen noch häufiger begegnen wird. Die erste Spur führt zu dem Autor Elliot France, der häufiger Gast im Internat war und scheinbar Mädchen zu sich nach Hause einlud. Auch der englische Banker Denis Harper, mit dem Betty befreundet war, verhält sich eher verdächtig, ebenso wie das Personal einer Schneiderei, bei der Betty scheinbar einen Mantel in Auftrag gegeben hatte. Nachdem Betty plötzlich in London wieder auftaucht, scheint der Fall gelöst, doch ein Mord in Bayern und wiederholte Anschläge auf Paul und Steve lassen die beiden den Fall nicht beiseitelegen.

Das Hörspiel 1959 für die BBC als Serie produziert ist bereits der 19. Fall für das britische Ermittlerehepaar. Eigentlich ist Paul Temple Schriftsteller, der die Ermittlungen als Inspiration für seine Romane nutzen möchte, findet aber gefallen an der Detektivarbeit und kann etwas unkonventioneller als Scotland Yard arbeiten.

Der Fall Conrad ist bezogen auf Aufbau und Lösung ein typischer Paul Temple Fall, nur dieses Mal mit Ausflug nach Bayern und Österreich. Leider hatte man offenbar keine deutschen Sprecher, so dass alle Figuren lupenreines britisches Englisch sprechen, was ich etwas schade für die Atmosphäre fand. Der Fall selbst bietet einige unerwartete Wendungen, die jedoch für mich nicht ganz logisch in ihrer Auflösung erscheinen, was vor allem darauf zurückzuführen ist, dass Paul Temple auch Ermittlungen unternimmt, von denen man als Hörer nichts weiß und die nur gegen Ende etwas plötzlich berichtet werden. In der Reihe nicht unbedingt der spannendste Fall, aber durchaus unterhaltsam.

Albert Camus – Die Pest

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Albert Camus – Die Pest

Oran, Algerien, 1940er Jahre. Die Stadt versinkt immer mehr im Chaos, denn täglich werden mehr tote Ratten gesichtet. Dr. Rieux ist beunruhigt ob der Plage, aber mehr noch beschäftigt ihn die Krankheit seiner Frau. Eine Kur soll Abhilfe schaffen, so verabschiedet er sich von ihr, nicht ahnend, was ihn in den nächsten Wochen erwartet. Eine unbekannte Krankheit greift immer mehr um sich, die Anzahl der Erkrankten, die nur wenige Stunden nach der Diagnose sterben, steigt rasant an. Die Behörden sind noch zögerlich, doch die Zeichen sind eindeutig: Oran wurde von der Pest heimgesucht. Die Stadt wird abgeriegelt, niemand kann mehr rein oder raus, bis die Plage vorüber ist. Unermüdlich kämpft Rieux um das Leben seiner Patienten, während andere die Flucht versuchen oder religiöse Erklärungen für das Schicksal der Stadt anbieten.

Ein Klassiker der französischen Literatur, basierend auf Camus‘ Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg wurde das Werk als Sinnbild für die Résistance gedeutet. Die Sinnlosigkeit, mit der die Plage scheinbar willkürlich wütet, die Absurdität im menschlichen Handeln, die sich an vielen Stellen offenbart und die Gewissheit, dass das Böse nie ganz ausgerottet werden kann, sondern nur schlummert, bis es zum nächsten Ausbruch kommt – und dennoch lohnt es sich, zu kämpfen und sich solidarisch zu zeigen.

Der Umgang der Figuren mit der Pest und der Situation in der abgeriegelten Stadt, machen den Reiz des Roman aus, das in der Hörspielversion ausgesprochen lebendig wirkt. Rieux, der sich aufopfernde Arzt, der sein persönliches Schicksal nicht verdrängt, aber auch nicht in den Fokus stellt. Rambert, der Journalist, der nach Wegen sucht, Oran zu entkommen und im Laufe der Handlung erkennt, worauf es im Leben wirklich ankommt. Jesuitenpater Paneloux, der göttliche Erklärungen liefert und den Menschen zuruft, dass sie ihr Schicksal verdient habe, die Pest als Rache des Herren für ihr Fehlverhalten. Cottard, der aus der neuen Situation Profit zu schlagen weiß.

Für mich die beiden zentralen Stellen sind die Reden des Paters Paneloux, der die ohnehin gebeutelte Gemeinde noch verantwortlich für ihr Los macht und einfache Erklärungen in der Bibel findet, aber keinen Trost spendet. Zum anderen die Sitzung der Verantwortlichen, die davor zurückschrecken, richtige Maßnahmen zu ergreifen, weil sie den Ausbruch der Pest nicht beim Namen nennen wollen, Feigheit regiert hier den gesunden Menschenverstand.

 

Peter Høeg – Fräulein Smillas Gespür für Schnee

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Peter Hoeg – Fräulein Smillas Gespür für Schnee

 

Der Tod des kleinen Jesaja ist für die Kopenhagener Polizei schnell gelöst: der grönländische Junge ist im Hafenviertel vom Dach eines Lagerhauses gestürzt, wo er offenbar verbotenerweise gespielt hat. Ein Unfall, wie er täglich passiert. Doch Smilla Jaspersen hat Zweifel. Sie kannte den Nachbarsjungen gut und es gibt Aspekte an dieser Darstellung, die ihr verdächtig vorkommen: Jesaja litt unter Höhenangst und konnte nicht einmal ohne Panik in das 2. Obergeschoss eines Hauses gelangen. Zudem sprechen die Spuren im Schnee eine andere Sprache. Doch man will nicht auf die Einwände der jungen Frau hören, noch dazu ist sie keine echte Dänin, stammt sie selbst ja ebenfalls von Grönland. Smilla bleibt hartnäckig und je weiter sie forscht, desto näher rückt sie an ein Geheimnis, das sie selbst in große Gefahr bringt.

Peter Høegs Roman war 1994 einer der großen literarischen Erfolge. Die Mischung aus Kriminalfall und das Eintauchen in eine fremde Kultur, die der grönländischen Inuit, kann überzeugen. Die Protagonistin Smilla ist nicht nur hartnäckig in ihren Nachforschungen, sondern sie weiß ihre Kenntnisse über Eis und Schnee einzusetzen. Die genaue Beobachtungsgabe, die einem durchschnittlichen Europäer fremd sein dürfte, ist frappierend: sie kann Bewegungsmuster ablesen und weiß die Geschichte, die in das ewige Eis geschrieben ist, zu lesen. Aber nicht nur diese ungewöhnliche Naturverbundenheit kann überzeugen und den Roman tragen, besonders interessant fand ich das Verhältnis der Dänen zu den Grönländern. Smilla erlebt nicht nur Ablehnung, weil sie einer Verschwörung auf der Spur ist, sondern vor allem aufgrund ihrer Herkunft. Dieser innereuropäische Konflikt dürfte vielen Hörern oder Lesern in dieser Form vorher nicht bekannt gewesen sein.

Dir Hörspielvariante ist kurzweilig gestaltet und vor allem die Szenen auf dem Boot und vor Grönland sind atmosphärisch sehr gut gelungen, so dass man wirklich den Eindruck gewinnt, mit an Bord zu sein.

 

Ferdinand von Schirach – Terror

Ist rechtlich richtig auch immer mit unserem moralischem Empfinden in Einklang zu bringen?

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Terror von Ferdinand von Schirach
Ferdinand von Schirach – Terror

Ein Gerichtssaal. Der Angeklagte ein Bundeswehrsoldat. Der Vorwurf: 160-facher Mord. Die Umstände: er hat ein ziviles Flugzeug, das von Terroristen gekapert wurde und Kurs auf die vollbesetzte Münchener Allianz Arena hielt, vor dem Einschlag abgeschossen. Er handelte in dem Wissen, gegen eine Anweisung seiner Vorgesetzten zu verstoßen. Er handelte eigenmächtig und tötete eine große Anzahl Menschen. Er ist schuldig. Aber hat er sich auch moralisch schuldig gemacht? Selbstjustiz oder mutiges Agieren eines Einzelnen zur Rettung vieler? Die Verhandlung muss dies klären.

Ferdinand von Schirach ist für seine brisanten Themen bekannt. Mit „Terror“ trifft er zudem den Nerv der Zeit, seit nunmehr fast zwei Jahren sieht sich Europa zum ersten Mal seit dem zweiten Weltkrieg wieder unmittelbaren Bedrohungen ausgesetzt und tagtäglich muss man mit Schreckensmeldungen in direkter Nähe rechnen. Dies hat unweigerlich Einfluss auf das moralisch-rechtliche Empfinden. Was jahrzehntelang nur blanke Theorie war, wird nun zum Ernstfall. In diese Kerbe schlägt auch von Schirachs Szenario, das heutzutage vorstellbar und keineswegs nur theoretisch konstruiert erscheint. Die Verhandlung wird sachlich geführt, es werden Argumente und Sichtweisen dargelegt, die dem Zuhörer erlauben, sich selbst eine Meinung zu bilden. Die Staatsanwältin spielt auch Advocatus Diaboli, wenn sie den Angeklagten auf ganz persönlicher Ebene konfrontiert, um seine Motivation zu testen.

Der Stoff ist ursprünglich als Theaterstück gedacht, in dem das Publikum am Ende ein Urteil fällen darf. Da in meiner Nähe keine Aufführung geplant ist, habe ich zum Hörbuch gegriffen, was sehr lebendig und überzeugend umgesetzt wurde und einem beim intensiven Zuhören auch eindringlich die Thematik näherbringt. In diesem speziellen Fall scheint mir die Hörfassung wirklich Vorzüge gegenüber dem geschriebenen Text zu haben, da es sich rein um Dialog handelt, der am besten eben gesprochen wird.

Fazit: Gibt es derzeit relevantere Themen? Nein. Kann man sich diesem entziehen? Nein. Gibt es irgendeinen Grund, weshalb man nicht seine eigenen ethisch-moralischen Grundsätze auf die Probe stellen sollte? Nein. Dann bleibt nur nachhören und vor allem nachdenken.