Afua Hirsch – Brit(ish)

afua-hirsxch-british
Afua Hirsch – Brit(ish)

Afua Hirsch, daughter of an Englishman of German-Jewish descent and a Ghanaian mother, grew up in Wimbledon in rather affluent and educated surroundings. Her skin colour did not really matter when she was a kid, but growing up, she became more and more aware of the fact that she does not really belong: she isn’t white as the others and she isn’t black either. Being “mixed” did not double her identity but create a gap. For years she has been searching for her identity, for a place of belonging. “Brit(ish)” is the result of this process and a sharp analysis of what “black” and “white” actually mean in Britain.

I found Afua Hirsch’s book quite informative and interesting. She creates an easily readable mixture of a personal report, her feelings and experiences, combined with journalistic facts and figures which underline and support her theories. Thus the book gives you a deep insight in this highly complex and definitely neglected topic.

Afua Hirsch addresses several aspects which reflect the concept of “otherness” pretty well, amongst them origins, bodies and places. The simple question “where are you from” becomes highly difficult if you feel like being British but are perceived as being different and foreign. It becomes even more complicated when you go to another country, in Afua Hirsch’s case Senegal, where you are identified as absolutely British. The sense of not belonging to either group makes it especially hard to build an identity. Added to this a cultural attributions society makes to certain groups, e.g. the black being uneducated and criminals – which might run counter to one’s own perception. Afua Hirsch describes it as

“a permanent and constant consciousness of feeling at odds with my surroundings, of being defined by skin, hair, an unpronounceable name, and the vague fact of a murky background from a place that was synonymous with barbarity and wretchedness, I was that awkward, highly noticeable outsider (…), everywhere.”

The examples she provides of what happened to black people in Britain are stunning, we as Europeans like to believe that we are less prejudiced, more open-minded and “colourblind”, particularly in comparison to the USA, but reality tells a different story. In Britain, the concept of class adds to the racial differences and complicates the situation even more.

What I personally found most interesting was the contrast between the American blacks and the British. How they identify themselves, how they bond and develop a kind of group identity or sense of belonging overseas whereas the British never became a common group since they did not share an experience like segregation in the US.

Even though the book is neither journalistically neutral nor a pure personal report, it is absolutely worth reading to get an impression of the topic. I would absolutely agree that there is a white spot on black British history which needs to be filled.

Advertisements

Deborah Levy – Was ich nicht wissen will

deborah-levy-was-ich-nicht-wissen-will
Deborah Levy – Was ich nicht wissen will

Deborah flieht aus Südafrika nach Mallorca, Mitten im Winter, um zu schreiben. Doch schon das Ankommen ist so beschwerlich, dass sie keinen richtigen Anfang findet. Mit einem chinesischen Ladenbesitzer kommt sie ins Gespräch. Er genau wie sie fern der Heimat, der Landessprache nicht mächtig, fremd. Sie erzählt ihm von ihrer Kindheit in Südafrika, zur Zeit der Apartheit, als man ihren Vater wegen seiner Aktivitäten für den ANC verhaftete und sie zu einer entfernten Tante schicke, wo sie als jüdischen Mädchen bei Nonnen unterrichtet wurde. Sprach sie zuvor schon nicht viel, verstummt sie nun fast gänzlich. Nach Jahren des Wartens wird der Vater freigelassen und die Familie flieht nach England. Zwar spricht man dieselbe Sprache, aber das Mädchen findet immer noch keine Worte, um sich auszudrücken. Erst durch das Schreiben kann sie das, was in ihr vorgeht, nach außen dringen lassen.

Deborah Levys literarischer Durchbruch gelang ihr 2012 mit Heim Schwimmen, für das sie auf der Shortlist des Man Booker Prize 2012 stand. Dasselbe konnte sie im vergangenen Jahr mit Hot Milk wiederholen. Als Südafrikanerin hat sie die Rassentrennung miterlebt, die auch zentral für „Was ich nicht wissen will“ ist. Der Untertitel, der leider bei der deutschen Ausgabe fehlt, unterstreicht die realen Bezüge, dass es ihre Gedanken sind und ihre Erklärung dafür ist, weshalb sie zur Schriftstellerin wurde: A reponse to George Orwell’s 1946 essay ‚Why I write‘.

Es sind zwei Phasen in ihrem Buch, die mich besonders beeindruckt haben. Die erste zu ihrer Kindheit in Johannesburg, wo sie mit der den Kindern eigenen Naivität die Welt beobachtet und erfasst, ohne zu verstehen, was sie sieht und was dies bedeutet:

Der Koffer, den mein Vater packt, ist sehr klein. Bedeutet das, er kommt bald wieder? Die Männer haben ihm ihre breiten Hände auf die Schultern gelegt. (…) Und jetzt wird er zügig abgeführt von Männern, von denen ich aus mitgehörten Gesprächen zwischen Mom und Dad weiß, dass sie andere Menschen foltern und dass sie manchmal am Handgelenk ein Hakenkreuz eintätowiert haben.

Vor allem die innige Beziehung zu ihrem Kindermädchen Maria und deren Tochter Thandiwe und das nur langsame Begreifen, dass sie zwar im selben Haus, aber nicht in derselben Welt leben, wird durch ihren kindlichen Blick nicht verwässert, sondern geschärft:

Thandiwe durfte eigentlich nicht bei uns zu Hause sein, denn sie war schwarz, und ich hatte versprechen müssen, es keiner Menschenseele zu sagen. Ich nannte Thandiwe manchmal Doreen, aber nur hin und wieder. Doreen weinte auch noch, als Maria mit ihr den Bungalow verließ und sie zur Bushaltestelle »Nur für Schwarze« brachte, von der aus sie in die »Township« zurückfahren sollte, in der sie lebte.

Zum anderen ihre Zeit in England, wo sie sich wie im Exil fühlt, zwangsverfrachtet, da in der alten Heimat kein Leben mehr möglich ist. Auch nach Jahren ist sie in der neuen Heimat nicht angekommen und vermisst das, was sie aufgeben musste:

Seit sechs Jahren lebte ich jetzt in England und war fast so englisch wie eine eingefleischte Engländerin. Trotzdem war ich von anderswo. Mir fehlten der Geruch der Pflanzen, für die ich keine Namen hatte, die Stimmen der Vögel, für die ich keine Namen hatte, das Gemurmel in Sprachen, für die ich keine Namen hatte.

Gerne erinnert sie sich zurück, doch als Erwachsene muss sie erkenne, dass ihre Erinnerungen sich womöglich nicht mit den Eindrücken der anderen Menschen decken:

Nur eine Erinnerung möchte ich behalten: Maria, die auch Zama ist, wie sie abends auf den Verandastufen sitzt und Büchsenmilch trinkt. Die afrikanischen Nächte waren warm. Die Sterne leuchteten hell. Ich liebte Maria, aber ich bin mir nicht sicher, ob sie mich ebenfalls liebte. Politik und Armut hatten sie von ihren leiblichen Kindern getrennt, und sie war ausgelaugt von den weißen Kindern in ihrer Obhut.

Auch wenn der Verlag ihn als Roman führt, ist es doch eher ein Essay über das Dasein als Schriftsteller, in dem Deborah Levy genau wie auch Orwell autobiographisch begründet darlegt, weshalb sie gar nichts anderes tun kann, als schreiben. Orwells vier Motive gelten meines Erachtens gleichermaßen für Levy: Egoismus, da man gerne auch über sich schreibt; ästhetischer Enthusiasmus, ein historischer Impuls und die politische Absicht – all dies findet sich hier uns in anderen ihrer Werke wieder.

Stephan Orth – Couchsurfing in Russland

stephan-orth-couchsurfing-in-russland
Stephan Orth – Couchsurfing in Russland

Stephan Orth macht sich auf, das östlichste Land Europas per Couchsurfing zu erkunden. Ziel ist nicht das klassische Touristen-Programm Moskau-Sankt Petersburg-Goldener Ring, sondern es sind die normalen Bürger des Landes, bei denen er wohnt und die ihm einen Einblick in ihren Alltag geben. Westliche Großstädte, südliche Provinzen und der ferne Osten – die Wege sind weit und beschwerlich, aber dafür wird er mit interessanten und skurrilen Einblicken belohnt. Wie wohnt es sich auf der annektierten Krim? Was sucht eine Hippie Gemeinde mit eigenem Jesus in der sibirischen Einöde? Kann man sich in Grosny überhaupt sicher fühlen? Fragen über Fragen nimmt er mit auf seine Reise und er findet Antworten, auf diese und auch auf noch ganz andere Fragen.

Das Russlandbild in Deutschland ist geprägt von zwei Dingen: ersten, der großen Weltpolitik, sprich Putin und all das, was man in hiesigen Breitengraden nicht gut findet, und zweitens irgendwelchen negativen Erfahrungen, die mit russischen Einwanderern gemacht wurden. Wenn man einmal selbst in dem Land war, ändert sich der Blick sehr schnell und Stephan Orth schafft es ebenfalls, eine ganz andere Perspektive auf das heutige Russland zu werfen und einiges zurechtzurücken.

Viele der Episoden leben vom lockeren Plauderton des Autors. Die gemachten Erfahrungen sind sicherlich auf seine Persönlichkeit zurückzuführen: weltoffen, wagemutig bis riskant, auf der Suche nach dem Ungewöhnlichen. So gelingt es ihm auch ganz besondere Menschen zu entdecken, die etwas zu erzählen haben und über die zu lesen nicht nur interessant, sondern auch sehr unterhaltsam ist.

Natürlich lässt sich Politik nicht völlig ausblenden, immer wieder wird sie auch mit den Menschen thematisiert, was halten sie von Putin, wie wird der „einfache Bürger“ dort aber auch hier durch die Medien manipuliert, wie ist das Verhältnis von Russland zu Europa? Die Gastgeber haben unterschiedliche Antworten, manche Ansichten überraschen, andere erlauben einen ganz anderen Blick auf ein vermeintlich klares Thema wie die Krim-Annexion.

Was bleibt hängen am Ende des Buches? Russland ist groß. Viele Teilrepubliken mit ganz unterschiedlichen Bewohnern, die sich kaum ernsthaft unter einem Oberbegriff zusammenfassen lassen. Eine beschwerliche Art der Fortbewegung – auch wenn die Berichte über die Autotouren wirklich köstlich sind. Die russische Seele zu ergründen ist kein einfaches Unterfangen, sie ticken einfach anders als wir.

Ariel Levy – Gegen alle Regeln

ariel-levy-gegen-alle-regeln
Ariel Levy – Gegen alle Regeln

Ariel Levy ist eine erfolgreiche Journalistin, deren Leben offenbar aufregend und glücklich ist. Doch hinter der öffentlichen Fassade sieht vieles anders aus, als man erwarten könnte. In ihrem Buch „Gegen alle Regeln“, das auf einem Artikel basiert, der bereits 2013 im New Yorker erschienen ist, zeichnet sie ihren Weg bis zum völligen Kollaps ihres Lebens nach. Ihre Kindheit, in der sie schon früh von den starken Mädchen- und Frauenfiguren fasziniert war und bereits im Grundschulalter den Wunsch entwickelte, Journalistin zu werden. Ihre Anfänge im der Zeitungsbranche, die von Sexismus geprägt war und jungen Kollegen kaum Chancen bot. Daneben ihr Privatleben, für das die gängige Vorstellung einer heterosexuellen Monoehe nicht funktionierte; wechselnde Partner, männlich wie weiblich, bis sie schließlich in Lucy ihre Lebenspartnerin gefunden zu haben scheint. Doch auch diese Verbindung muss Höhen und Tiefen durchleben und mit Mitte 30 drängt sich die Frage nach Kindern immer mehr auf. Die Schwangerschaft verläuft zunächst glücklich, die Freude über das Kind ist groß, doch dann kommt es fernab der Heimat zu einer Notgeburt, die das Baby nicht überlebt und Ariel völlig aus der Bahn wirft.

Das Buch wird zwar insbesondere mit der Episode um den Verlust des Kindes und die daraus resultierenden Folgen für Ariels komplettes Leben beworben, tatsächlich ist dies aber nur ein kleiner Teil und für mich noch nicht einmal der Interessanteste. Ariel Levy hat im Prinzip zweierlei geschafft: zum einen erlaubt sie einen Blick in die New Yorker Scheinwelt, die von außen glamourös und sorgenfrei erscheint; zum anderen hat sie eine sehr persönliche Abrechnung mit ihrem eigenen Leben und Schicksal zu Papier gebracht, was in Anbetracht der geschilderten Episoden sehr mutig und interessant zu lesen ist.

Für mich faszinierend für allem ihr Weg im Journalismus. Die ersten Jahre, der harte Kampf um gute Reportagen und Anerkennung ihrer Arbeit. Die Glasdecke, die vor allem für Frauen in der Branche eine harte Realität darstellt und die zu durchbrechen nicht nur viel Durchhaltevermögen und Hartnäckigkeit, sondern auch Glück erfordert. Die Geschichten und Menschen, die Ariel anlocken zeigen, dass sie ein Händchen für außergewöhnliche Stories hat und es ihr auch gelingt, diese rüberzubringen. Auch ihr Privatleben, vor allem die Schwierigkeit, mit einem süchtigen Partner zusammenzuleben, ist eine Offenbarung, die in dieser Deutlichkeit viel Mut erfordert. Das Leugnen der Zeichen, die Hoffnung, dass doch alles gut werden könnte und die schleichend sich doch einstellende Erkenntnis, dass dieser Wunsch womöglich nicht erfüllt werden wird. Hier wird das Buch bis an die Schmerzgrenze persönlich.

Insbesondere die Thematik rund um die Schwangerschaft wird sehr authentisch geschildert. Immer wieder scheint das Thema Kinder durch das Buch. Als Teenager gilt es eine ungewollte Schwangerschaft unbedingt zu verhindern; in den 20er ist Frau mit Karriere beschäftigt und nicht bereit, alles gerade Errungene wieder aufzugeben. Mit 30 langsam treten das bürgerliche Leben und ausreichende finanzielle Mittel ein, die eine Familiengründung erlauben würden und plötzlich spielt die Natur nicht mehr mit und der Wunsch nach einem Kind kann nur noch mit medizinischer Unterstützung erfüllt werden – wenn überhaupt. Viele Frauen ab Ende 30 werden diese Geschichten aus eigene Erfahrung oder ihrem Umfeld kennen und einer unschönen Realität ins Auge blicken müssen: Karriere und Kinder sind schlichtweg nicht so einfach vereinbar, wie man es uns immer vorgaukelt und manche Entscheidung bereut man vielleicht einige Jahre später bitter.

„Gegen alle Regeln“ ist die Lebensgeschichte einer Frau, die viel Licht, aber auch viel Schatten kennengelernt hat und in vielerlei Hinsicht symptomatisch für moderne Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist.

 

Mohamed Amjahid – Unter Weißen

mohamed-amjahid-unter-weißen.jpg
Mohamed Amjahid – Unter Weißen

Wie tolerant und fremdenfreundlich ist die deutsche Gesellschaft wirklich? Nach dem großen Hype um die weltweit beachtete Willkommenskultur und der vorbildlichen Aufnahme hunderttausender Geflüchteter, stellt Mohamed Amjahid die Frage, inwieweit dieses Selbstbild der „Biodeutschen“ in der Realität Stand hält. Als Sohn marokkanischer Gastarbeiter wird er in Deutschland geboren, verlässt als Kind aber schon wieder das Land, weil seine Eltern enttäuscht waren und ihre Integrationsanstrengungen nicht den gewünschten Erfolg brachten. Das Studium führt Amjahid zurück und heute arbeitet er als Journalist für unterschiedliche Medien. Mit seinem Migrationshintergrund ist er in diesem Beruf eine Ausnahme und sein Bildungsgrad ist ebenfalls nicht repräsentativ. Umso mehr kann er jedoch den Blickwinkel des Fremden einnehmen und die oftmals unbewusste Alltagsdiskriminierung aufzeigen.

Vieles in Amjahids Buch kommt einem bekannt vor, wenn man sich mit der Thematik beschäftigt hat. Dennoch ist einem nicht immer bewusst, welche Wirkung manche Aussagen auf Betroffene haben und wie schlimm diese tatsächlich wahrgenommen werden. Amjahid fokussiert hierbei nicht nur auf Ausländer, sondern stellt diese in eine Reihe mit Homosexuellen und auch Frauen, denen gleichermaßen im Alltag Diskriminierung wiederfährt.

Sehr gut nachvollziehbar für mich sind die verstörenden Erfahrungen, wenn Menschen auf sein Äußeren reagieren und z.B. in der U-Bahn ihre Tasche fester zu sich ziehen. Wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob man dies zwingend unter offenem Rassismus verbuchen muss; vielleicht steht auch eine unbeabsichtigte Angst dahinter, die sicherlich antrainiert wurde, sich aber nicht einfach lösen lässt. Womöglich ist es vielen nicht einmal bewusst, was sie damit tun. Die Privilegien-Fragen wiederum waren erschreckend deutlich in ihrem Ausmaß und sind sehr prägnant, um zu verdeutlichen, wie stark die Herkunft über Zukunftschancen bestimmt – weit über das bekannte Klischee der Akademikerkinder, die statistisch signifikant häufiger aufs Gymnasium kommen hinaus.

Pseudohilfe in Afrika, „man wird doch mal sagen dürfen“ und „man muss das nicht so verbissen sehen“ – nein, das geht gar nicht und wird zurecht hier offen ausgesprochen. Assoziationen, die sich von klein auf eingeprägt haben und womöglich nie hinterfragt werden – hier muss jeder einzelne bei sich ansetzen.

Der Autor ist wütend und bringt dies auch zum Ausdruck. Man kann sich jetzt angegriffen fühlen und ihn als beleidigten Einzelfall abtun. Man hat aber auch die Chance, sich selbst und sein Menschenbild zu hinterfragen und zu reflektieren, wo man Schwächen hat und wie man diese vielleicht überwinden kann. Jede noch so kleine Diskriminierung, die jemandem nicht wiederfährt, ist ein Gewinn für alle.

Tom Wolfe – Das Königreich der Sprache

tom-wolfe-das-königreich-der-sprache.jpg
Tom Wolfe – Das Königreich der Sprache

Ein Artikel über „Das Mysterium der Entstehung der Sprache“ und die Unterschrift mehrerer namhafter Professoren und Experten ihres Fachgebietes, die erklären, dass sie auch im Jahr 2016 noch nicht sagen können, wie sich die menschliche Sprache entwickelt hat, sind der Ausgangspunkt für Tom Wolfes Nachforschungen. Sehr weit holt er aus und fängt bei keinem geringeren als Charles Darwin an. Nicht so sehr die Erkenntnisse, die der Forscher auf der Beagle gewonnen und in seinem Traktat „The Origin of Species“ niederschrieb, stehen hier jedoch im Vordergrund, sondern der Kampf um das schnellere Publizieren zwischen Darwin und einem unbekannten Forscher, Alfred R. Wallace, der zeitgleich in Asien ähnliche Entdeckungen macht wie Darwin und diese zu Papier brachte. Zeitlebens haderte Darwin mit der immerwährenden Gefahr, dass man ihm seinen Rang aberkennen könnte, wenn Wallace die verdiente Anerkennung zuteilwürde. Mehr als hundert Jahre später wird eine andere Koryphäe in ähnlicher Weise hadern: Noam Chomsky, Begründer der Universal Grammar und modernen Linguistik beherrschte ein halbes Jahrhundert die Disziplin, bis seine Grundsatzüberlegung in Frage gestellt und widerlegt wird. Ein Umstand, mit dem der Forscher nicht umgehen kann.

„Das Königreich der Sprache“ ist kein wissenschaftliches Buch, für mein Empfinden steht noch nicht einmal so sehr die Entwicklung der Sprache im Zentrum – wie Eingangs des Buchs angekündigt, weiß man darüber eh nichts zu sagen, weshalb auch der Leser am Ende nicht mehr weiß als zuvor. Vielmehr geht es um gekränkte Eitelkeiten, sehr menschliches Verhalten in Wissenschaftskreise und das Aufzeigen, wie diese funktionieren und wie dort Stars geboren werden. Das Ganze wird in einem höchst unterhaltsamen Plauderton erzählt, dem man gerne folgt. Es sind gerade die urmenschlichen Geschichten und Einwürfe, die die Wissenschaftler von ihrem Thron holen und sie (be)greifbar machen.

Interessant die für mich zunächst seltsam anmutende Parallele zwischen Darwin und Chomsky. Beide haben ihre Theorien letztlich am Schreibtisch entwickelt ohne sie wissenschaftlich zu belegen. Es sind gedankliche Konstrukte, die jedoch zur Grundlage ihres jeweiligen Feldes wurden. Bei Darwin bedurfte es Mendel, der die Nachweise der Vererbung erbrachte, Chomskys Theorie der Universal Grammar hingegen wurde von Dan Everett widerlegt, der sich ins Feld begab und an echten Menschen forschte. Es waren Charisma und die gute Vernetzung, die sowohl Charles Darwin wie auch Noam Chomsky den Aufsteigt auf den wissenschaftlichen Olymp ermöglichten, von dem sie nicht freiwillig abtreten wollten.

Das Buch lieferte mir so gar nicht das, was ich erwartet hatte. Nichtsdestotrotz fand ich vieles sehr interessant zu lesen, insbesondere Everetts Forschungen bei den Pirahã und deren Sprachsystem. Der anekdotische und humorvolle Stil Wolfes erlaubt dem Sachbuch an keiner Stelle langatmig oder gar tröge zu werden, so dass sich die Suche nach dem Ursprung der Sprache zu einer unterhaltsamen Lektüre, die immer mal wieder kleine Umwege nimmt, entwickelt. Ob Wörter letztlich nur Artefakte und Sprache lediglich ein Kulturgut sind, aber nichts, was die Natur zwingend herausentwickelt, bleibt am Ende unbeantwortet – ist aber vielleicht sinnvoller als eine neue Theorie, die schon bald wieder in die Mottenkiste gepackt werden muss.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Titel finden sich auf der Internetseite der Verlagsgruppe Random House.

Maryse Wolinski – Schatz, ich geh zu Charlie!

maryse-wolinski-schatz-ich-geh-zu-scharlie
Maryse Wolinski – Schatz, ich geh zu Charlie!

Ein grauer Januarmorgen, Maryse überlegt noch, ob sie schon aufstehen soll oder doch wartet bis ihr Mann Georges sie weckt. Die üblichen Morgenrituale, bis er sich mit den Worten „Schatz, ich geh zu Charlie!“ verabschiedet. Am Nachmittag werden sie sich schon wiedersehen, um eine Wohnung zu besichtigen, ein Umzug steht an. Aber dieser Termin wird ausfallen, denn am späten Vormittag wird Georges Wolinski beim Anschlag auf die Satirezeitung Charlie Hebdo von den Brüdern Kouachi eins von insgesamt zwölf Todesopfern des Anschlags werden. Mit ihm kommen die berühmtesten Karikaturisten des Landes ums Leben: Cabu, Charb und Tignous. Seit 1971 waren Maryse und Georges verheiratet bis im Namen Allahs ihr Mann für seinen Glauben an die Meinungsfreiheit sterben musste. Der Taxifahrer, der sie fährt, als sie die schreckliche Nachricht erhält, begleitet sie nach Hause und gibt er, auch wenn schon kaum mehr Hoffnung besteht, folgende, bewegende Sätze mit auf ihren ungewissen Weg: »Madame, ich wünsche, dass Ihrem Mann nichts zugestoßen ist. Ich werde an Sie denken. Ich werde für Sie beten.« Mehr konnte er nicht tun.

In Frankreich erschien das Buch der Witwe auf den Tag genau ein Jahr nach dem Anschlag, in Deutschland erst im Januar 2017. Für mich weitgehend ein Dokument des Umgangs mit der Trauer. Minutiös beschreibt sie die Momente am Morgen bis zur Verabschiedung Georges‘. Danach rekonstruiert sie ebenso akribisch die Vorgänge des 7.1.2015. Viel Zeit hat sie für Gespräche mit Augenzeugen aufgewandt, um zu verstehen, was sich genau zugetragen hat in den letzten Minuten vor den tödlichen Schüssen. Die Taubheit in den Stunden nach der Todesnachricht schildert sie eindringlich, ebenso wie das, was sie für den Mann empfunden hat, dessen Ring sie mehr als 40 Jahre trug.

Es ist weder ein besonders persönliches Buch noch ist es eine Anklage, obwohl viele Probleme hier offengelegt werden: warum gab es nicht mehr Schutz für die Journalisten, obwohl die Bedrohungslage derart evident war? Wie war die wirtschaftliche Entwicklung in den Monaten davor und vor allem nach dem Erfolg der Ausgabe der Überlebenden und wie ist dies moralisch mit den Grundsätzen der Gründer zu vereinen? Wie geht man in so einer Extremsituation mit Angehörigen um, die weder zum Ort des Geschehens vorgelassen werden noch verlässliche Informationen erhalten?

Man kann so ein Ereignis nicht wirklich voraussehen und vermutlich auch nicht verhindern. Meist sind unbeteiligte, willkürlich ausgewählte Menschen Opfer der heimtückischen Anschläge. Im Falle von Charlie Hebdo lag der Fall etwas anders. Die Journalisten waren sich der Gefahr bewusst und dennoch sahen sie es als ihre Aufgabe an, sich dieser zu stellen. Für Wolinski und die anderen Gründer der Zeitschrift gab es kein Wegducken:

„Ein fünfzig Jahre währender Kampf für die Meinungsfreiheit, um sich nun mit Obskurantismus, Barbarei und Scharia konfrontiert zu sehen. Und erneut die Frage: Darf man sich über alles lustig machen? Georges hat sich entschieden – Humor als Widerstand.“

Man kann nur hoffen, dass sie nicht umsonst gestorben sind, sondern ihre Haltung noch lange Zeit junge Journalisten ermutigt, es ihnen gleichzutun.

Marlene Hofmann – Ein Jahr in Kopenhagen

6738_HAUSER_Ich_bin_Mutter_FINAL-HIGH.indd
Marlene Hofmann – Ein Jahr in Kopenhagen

Die Liebe führt Marlene Hofmann nach dem Studium der Journalistik und Skandinavistik nach Kopenhagen. Die Hauptstadt des Landes, das regelmäßig in den Umfragen auf Platz 1 bei den glücklichsten Bewohnern liegt, empfängt sie zunächst freundlich, doch bald schon zeigt sich, dass es gar nicht so einfach ist, im Land von Hygge wirklich anzukommen. Die Menschen sind offen und interessiert, aber es dauert, bis sie wirklich Freunde findet. Dänemark ist klein und jeder schien jeden schon seit dem Kindergarten zu kennen, wirklich Bedarf an neuen Bekanntschaften scheint es nicht zu geben, was es für Neuankömmlinge nicht einfach macht. Auch die dänische Verwaltung, die fast ausschließlich per Internet funktioniert, hat es in sich: einerseits lässt sich quasi alles von zu Hause erledigen, andererseits gibt es horrende Kosten, beispielsweise um sein Auto zu importieren. Ein eigenes Thema ist das Radfahren in Kopenhagen. Ausgebaute Schnellstraßen und grüne Wellen erlauben das Radeln ganzjährig rund um Uhr – das tun dann auch entsprechend viele und an das Fahren im Pulk muss man sich erst einmal gewöhnen.

Marlene Hofmanns Eindrücke ihrer ersten Monate in Dänemark sind unterhaltsam zu lesen. Vor allem räumen sie mit gängigen Klischees der weltoffenen Skandinavier auf, die einem sofort in die Arme schließen. Wie einsam sie sich oft fühlte, da es eben gerade nicht einfach ist, in einem Land mit weniger als 6 Millionen Einwohnern Anschluss zu finden, wird sehr deutlich. Viele statistische Einwürfe, gerade zu der Zeit als sie schwanger ist und die Verhältnisse zwischen Dänemark und Deutschland sich hier deutlich unterscheiden, liefern Unmengen an Information und Einblick in das Leben unserer nördlichen Nachbarn.

Für mich bereits der vierte Band aus der Reihe der etwas anderen Reiseführer des Herder Verlags. Nachdem ich mit Silja Ukena bereits Paris bereiste, mit Christiane Wirtz in Tel Aviv und mit Rita Henß in der Provence war nun eben Kopenhagen. Was mir insgesamt an der Reihe gefällt, ist die Tatsache, dass es kein klassischer Reiseführer ist, der den Blick auf die Sehenswürdigkeiten lenkt, sondern den Blick auf den Alltag der Bewohner legt und so einen ganz anderen Blick auf die Stadt gibt. Gerade zu Orten, an denen ich selbst länger gelebt habe, finde ich dies ungemein spannend und zudem ist es dem Herder Verlag gelungen Autoren zu finden, die einen unterhaltsamen Ton finden und tatsächlich von einem interessanten Alltag zu berichten haben. Eine Reiseführerreihe, die auch Daheimgebliebenen Spaß macht.

Felicitas Auersperg – Das merkwürdige Verhalten von Schimpansen in Kinderkleidung

felicitas-auersperg-dasmerkwürdige-Verhalten.jpg
Felicitas Auersperg – Das merkwürdige Verhalten von Schimpansen in Kinderkleidung

Felicitas Auersperg, Universitätsassistentin an der Psychologischen Fakultät der Sigmund-Freud-Privatuniversität in Wien, lädt uns ein einen Blick auf zum Teil bekannte, zum Teil weniger öffenlichkeitswirksame psychologische Experimente zu werfen, die sich insbesondere dadurch auszeichnen, dass sie der Sozialpsychologie entstammen und somit eine direkte Übertragbarkeit bzw. Erkenntnisgewinn für den Alltag liefern. In sechzehn Kapiteln stellt sie jeweils das Experiment dar und erläutert anschließend, wie die gewonnen Erfahrungen für den Leser nutzbar gemacht werden können.

Das Buch kann zunächst aufgrund zweierlei Dinge überzeugen: zum einen werden die Untersuchungssetting auch für Laien gut nachvollziehbar geschildert und es wird auf fachwissenschaftliches Blabla verzichtet. Das Ziel, gerade nicht den Experten anzusprechen, sondern den normalen Menschen, der weniger Wert auf wissenschaftliche Details der Versuchsanordnung und statistische Wahrscheinlichkeiten o.ä. legt, ist an dieser Stelle gut gelungen. Eingängig im lockeren Plauderton werden die Experimente dargestellt, so dass man diese problemlos nachvollziehen kann. Dies setzt sich in den Erläuterungen zur Bedeutung des jeweiligen Versuchs nahtlos fort, so dass man am Ende jeden Kapitels einen eigenen Erkenntnisgewinn hat, den man mit in den Alltag retten kann.

Die Auswahl der Versuche fand ich ebenso gelungen. Es finden sich darunter die großen, bekannten Experimente wie das Stanford-Prison-Experiment oder der Milgram Test, die vielen Lesern vermutlich schon einmal begegnet sind. Gleichermaßen interessant waren für mich insbesondere der Pygmalioneffekt – letztlich eine Art self-fulfilling prophecy bezogen auf die Leistung eines Gegenübers – und die Gruppendynamik im Ferienlager Experiment, da diese sich unmittelbar auf den Umgang mit den Mitmenschen auswirken können.

Der Brückenschlag zwischen Wissenschaft und breitem Publikum ist für mich in diesem Buch gelungen. Es ist nicht nur informativ, sondern zudem unterhaltsam geschrieben und ist es ganz sicher auch wert, nach einer Zeit nochmals zur Hand genommen zu werden, um sich den einen oder anderen Versuch nochmals vor Augen zu führen.

Nancy Tucker – The Time in Between

nancy-tucker-the-time-in-between
Nancy Tucker – The Time in Between

Nancy war immer schon ein etwas kräftigeres Mädchen, als Kind war das aber nicht schlimm, alle fanden sie süß und mit ihren Schulleistungen und dem erfolgreichen Cello spielen konnte sie auf anderen Gebieten punkten. Doch mehr und mehr rückt ihr Gewicht in den Fokus, sie ist sich bewusst dessen, dass sie dicker ist als ihre Freundinnen und wünscht sich nichts mehr als dünn zu sein. Dann wäre ihr Leben schöner, alle würden sie lieben. Was als einfach Diät beginnt, entwickelt sich in einen jahrelangen Kampf gegen die Anorexie, die nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das ihrer Familie zerstört.

Nancy Tucker erzählt ihre eigene Geschichte ohne Beschönigungen. Sie hat durchschaut, wie die Mechanismen der Krankheit bei ihr wirkten und wie sie aus diesem Teufelskreis nicht einfach herauskommen konnte. Besonders beeindruckend fand ich die psychologischen Einwürfe, beispielsweise die Liste der möglichen Ursachen, familiäre Strukturen, geringes Selbstwertgefühl, Druck von Freunden etc., das sie schlichtweg kommentiert mit: alle Gründen haben eine Rolle gespielt. Die Erwartung, dass es eine einzige Ursache geben könnte für den schweren Verlauf des jahrelangen Martyriums ist einfach zu kurz gegriffen. Auch ihre Sicht, dass nicht sie Anorexie hat, sondern die Anorexie sie hat, finde ich bildlich sehr gut nachzuvollziehen. Sie hat keine Kontrolle über ihren Körper mehr und kann entsprechend auch nicht „einfach wieder normal“ essen. Ihre Strategien die Umwelt zu täuschen und vor allem wie leicht diese darauf hereinfallen, ist ebenfalls erhellend.

Die Autorin gibt einen seltenen Blick in die Gedankenwelt der an Essstörung Erkrankten. Es ermöglicht einem nachzuvollziehen, welche Mechanismen wirken und in welcher absurden Logik sie gefangen ist, vor allem die Zerreißprobe zwischen Appetit und Energiebedarf und dem Verzicht auf Nahrungsaufnahme, weil die innere Stimme dies diktiert. Man versteht, weshalb übliche Therapien und gutes Zureden nicht wirken können. Und letztlich lässt es einem mit der Erkenntnis zurück, dass es für Außenstehende keine richtige oder falsche Verhaltensweise gibt und Hilfe nur vom Betroffenen selbst ausgehen kann.