Julia Fellinger – Ein Jahr in Norwegen

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Julia Fellinger – Ein Jahr in Norwegen

Nachdem der geplante Sommerurlaub 2020 in Norwegen nun definitiv ausfallen muss, da die Einreise nicht möglich ist – frühestens Ende Juli kommt eine neue Entscheidung bezüglich deutscher Touristen – bleibt nicht viel Anderes als sich literarisch in das Land zu begeben. Seit Jahren ist dafür die Reihe „Ein Jahr in …“ aus dem Herder-Verlag mein Favorit. Nachdem ich mir so schon Kopenhagen, Paris, Tel Aviv und die Provence angeschaut habe, nun also Norwegen. Es ist kein Reiseführer im klassischen Sinn, sondern ein Bericht über die ersten zwölf Monate im neuen Land, das vorher Sehnsuchtsort war und dann doch so seine Tücken aufweist. Dadurch, dass nicht die touristischen Ziele im Vordergrund stehen, sondern der neue Alltag und Begegnungen mit Bewohnern des Landes, erhält man einen gänzlich anderen Blick auf das Land, als mit den Hochglanzbildern und kurzen kulturgeschichtlichen Abrissen, die man sonst so nachlesen kann.

Julia Fellinger begleitet ihren Partner nach Høyanger, einer kleinen Gemeinde am Sognefjord, dem längste und tiefsten Fjord Europas und Unesco-Welterbe. Während Hermann dort als Landarzt tätig ist, muss die Journalistin sich beruflich neuorientieren. Die erste harte Erkenntnis besteht darin, dass es zwei Standardvarietäten des Norwegischen gibt, Bokmål und Nynorsk. Ersteres hat sie in ihrem Kurs in Deutschland gelernt, letzteres wird in ihrer neuen Heimat gesprochen und unterscheidet sich doch deutlich, was die Kontaktaufnahme zusätzlich erschwert und berufliche Optionen zunächst völlig schwinden lässt.

Das seit Jahren auch in Deutschland bekannte dänische Konzept von Hygge findet im norwegischen koselig sein Pendant. Die langen, dunklen Winter erfordern aber auch, dass man es sich zu Hause gemütlich macht, denn nicht selten ist man von der Außenwelt abgeschlossen. Die Tatsache, dass sie nicht mehr in der Stadt, sondern auf dem Land lebt, macht schon den größten Unterschied aus, denn auch in Norwegen sind Oslo oder Bergen nicht mit den kleinen Kommunen vergleichbar und es herrscht wie vielerorts eine gewisse Hass-Liebe zwischen den Bewohnern. Anders als in Deutschland zeigen alle Norweger jedoch scheinbar gerne und stolz ihre Nationalflagge, die die gerade mal 100 Jahre andauernde Unabhängigkeit symbolisiert. Ebenfalls ungewohnt für deutsche Einwanderer sind der streng limitierte Umgang mit Alkohol und die horrenden Gebühren für zu schnelles Fahren. Bei ihren neuen Nachbarn stößt sie jedoch auf breite Zustimmung zu beidem. Sehr sympathisch auch die Tatsache, dass 93% der Norweger mindestens ein Buch pro Jahr lesen und damit international Spitzenreiter sind.

Eine Erfahrung, die viele Auswanderer teilen, egal in welches Land es sie verschlägt, ist die Schwierigkeit Anschluss an die lokale Bevölkerung zu finden. Der Autorin geht es auch nicht anders. Wird sie freundlich empfangen und sofort bei allen Angelegenheiten unterstützt, bleibt doch immer eine Distanz und nur mit anderen Einwanderern entwickeln sich wirklich neue Freundschaften. Die gewaltige und beeindruckende Natur und der entschleunigte Lebensstil können jedoch letztlich nicht über die Hürden hinwegtäuschen, die sich in der neuen Heimat stellen. So viel man glaubt über das Land zu wissen und so ähnlich die Skandinavier uns zu sein scheinen, liegt der Haken dann doch im Detail und im Alltag tut sich so manche unerwartete Klippe und Verwunderung auf.

Viel erfährt man über Land und Leute, natürlich aus einem subjektiven Blick, aber dafür aus erster Hand und ungeschönt. Für mich interessant und erhellend zu lesen – z.B. kleine Details wie die Tatsache, dass Bergen mit 360 Regentagen/Jahr die regenreichste Stadt Europas ist, was sie für Urlaub schlagartig mit großem Fragezeichen versehen hat – und damit zwar kein wirklicher Ersatz für Urlaub, aber doch ein wenig gedankliches Reisen.

Cihan Acar – Hawaii

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Cihan Acar – Hawaii

Eine brütende Hitze, die die Menschen langsam zermürbt, liegt über Heilbronn. Auch Kemal Arslan leidet unter den unerträglichen Temperaturen, doch nicht nur diese machen ihm zu schaffen. Einst stand ihm die große weite Welt offen, das junge Fußball-Talent, dass es zu den renommierten Vereinen schaffen würde, doch ein Unfall hat all diese Hoffnungen zunichtegemacht und nun streift er durch seine Heimatstadt ohne zu wissen, was er sucht oder wohin er will. Er trifft ehemalige Freunde, verabschiedet sich von seinen Eltern, die auf dem Weg in die Türkei sind, landet in einem Striplokal und einem Spielcasino. Er sucht seine Ex-Freundin Sina auf, doch die will auch nichts mehr von ihm wissen. Während Kemal den Sinn im eigenen Dasein sucht, bricht derweil in dem Problemstadtteil Hawaii der Krieg aus. Neonazi wollen ihren Lebensraum zurück und Kemal sieht sich zwischen allen Fronten.

Cihan Acars reflektiert die Frage nach dem Dazugehören gleich auf mehreren Ebenen. Er lässt seinen Protagonisten drei Tage und einen Morgen durch die schwäbische Stadt streifen und in unterschiedlichsten Begegnungen wird diesem immer klarer, dass er weder weiß, wer er ist, noch wohin er gehört. Je mehr Menschen ihn vereinnahmen wollen, desto stärker wehrt er sich gegen eine Zuordnung und muss letztlich feststellen, dass er nirgendwo so richtig hineinpasst. Er muss seine Heimat vermutlich ganz woanders suchen. Die Grenzen verlaufen auf ganz unterschiedlichen Ebenen, es gibt Türken, Deutsche und Deutschtürken, es gibt Reiche, Arme und die Dazwischen, man spricht Deutsch und Schwäbisch und Türkisch und irgendwas aus allem. Jedes kleine Merkmal kann die Gemeinschaft definieren oder zur Abgrenzung dienen, ein andauernder Tanz auf dem Vulkan, der jederzeit auszubrechen droht.

„Manche meinen, die Amis hätten den Namen eingeführt, also die Soldaten, die hier früher stationiert waren. Andere sagen, dass es ironisch gemeint ist, nach dem Motto: Was für eine miese Gegend, sind wir doch mal witzig und benennen sie nach einem Paradies.“

Hawaii, Heilbronn. Nicht die Inseln mit den Traumstränden, sondern das Problemviertel, das der Autor selbst gut kennt, stammt er doch aus Heilbronn. Eine Zukunft ist dort nicht zu erwarten, dies teilt der noch junge Protagonist mit der Stadt. Wo sich einst große Träume hinter den Augen abspielten – die zugewanderten Arbeiter, die in Deutschland gutes Geld für ein besseres Leben verdienen wollten, und Kemal Arslan, der davon träumte Fußballstar zu werden – ist nun nur noch Verfall. Am Ende ist die Hälfte niedergebrannt und lediglich Ruinen lassen erahnen, dass es einmal hoffnungsvolle Zeiten gab. Der Trümmerhaufen der Stadt spiegelt den Trümmerhaufen wieder, den Kemal empfindet. Doch um sich selbst wieder aufzubauen, müsste er wissen, nach welchem Plan er vorgehen muss.

Die Identitätsfrage wird das leitende Motiv in der Suche. Er ist nicht mehr der Fußballstar, der bei einem türkischen Club spielt und echte Fans hat. Doch er kann auch nicht mehr nur der Sohn eines türkischen Gastarbeiters sein, der in einer Reinigungsfirma sein bescheidenes Geld verdient. Um von der türkischen Community anerkannt zu werden, muss er deren Codes und Sichtweisen übernehmen, doch diese sind ihm fremd geworden. Von der Exfreundin und deren Familie und Freunden wird er als Sportler und damit Leistungsträger akzeptiert, sobald jedoch aus dem Star nur noch der verletzte Türke wird, sieht es mit der Akzeptanz dünn aus. In der ultimativen Konfrontation mit den Nazis und der Frage, zu welcher Seite er mit seinem untypischen, nicht unmittelbar zu identifizierenden Aussehen gehört, erkennt er, dass genau da der Knackpunkt liegt: er gehört nirgendwohin.

Bisweilen komisch, manchmal bizarr schildert Acar die Rastlosigkeit Kemals und erlaubt in seinen Konfrontationen einen Einblick in das komplexe Innenleben des Protagonisten, das man zu Beginn nicht erwartet hätte.

Christian Torkler – Der Platz an der Sonne

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Christian Torkler – Der Platz an der Sonne

Josua Brenner wird Ende der 1970er Jahre in eine schwierige Lage Berlins hineingeboren. Seine alleinerziehende Mutter weiß kaum die Kinder zu ernähren und so muss der aufgeweckte Junge schon früh mithelfen, Geld zu verdienen. An eine langjährige Schulbildung ist in der Neuen Preußischen Republik auch nicht zu denken, es geht um das Überleben. Aber mit Cleverness und Mut schafft er es als junger Vater für sich und seine kleine Familie ein verhältnismäßig ordentliches Leben aufzubauen, trotz aller Widrigkeiten. Immer wieder hört er von Bekannten, die dem Land den Rücken kehren und ihr Glück im Süden versuchen, in Afrika, wo stabile politische Verhältnisse herrschen, die Staaten nicht von korrupten Politikern geführt werden, die sich und ihren Familien die Taschen vollstopfen und zugleich das Volk ausbluten lassen. Doch der Weg dorthin ist weit und gefährlich. Nach zwei harten Schicksalsschlagen beschließt auch Josua, dass er nicht mehr zu verlieren hat und es das aktuelle Leben auch nicht wert ist, gelebt zu werden. Also bricht er auf.

Christian Torkler verkehrt die Welt in seinem Roman „Der Platz an der Sonne“: Europa hat sich vom Zweiten Weltkrieg nicht erholt, ist politisch und wirtschaftlich instabil und in unzählige Kleinstaaten zersplittert. Afrika ist der reiche Kontinent, der zum Sehnsuchtsort wird, wo sich die Träume vom guten Leben realisieren lassen. Doch die Grenzen sind dicht, scharfe Kontrollen überall verhindern den unkontrollierten Exodus gen Süden, was jedoch viele Lebensmüde und Mutige nicht davon abhält, die weite und riskante Reise zu wagen.

Im ersten Teil des Buchs erleben wir die schwierige Lage in Berlin. Dass es auch so hätte kommen können, ist durchaus vorstellbar. Das Leid der Leute, die korrupten Beamten, die Verschwendung und Veruntreuung von Aufbaugeldern reicher Staaten, die wiederholten Rückschläge, die Josua auf dem Weg zu seiner eigenen Kneipe erlebt – Torkler zeichnet ein glaubwürdiges Bild, das durchaus angelehnt an das ist, was für viele Menschen heute Alltag ist, wenn auch nicht in Mitteleuropa. Es braucht diese lange Vorgeschichte, um nachvollziehen zu können, weshalb Josua nichts mehr zu verlieren hat und die Flucht ergreift.

Der Weg ist geprägt von allerlei Beschwerlichkeiten durch Witterung, Grenzzäune oder auch Polizisten, schnell schon lassen die ersten Weggefährten ihr Leben. Die Brutalität und Sinnlosigkeit, mit der auf die Geflüchteten eingeschlagen wird, lässt einem manchmal an der Menschheit zweifeln. Umgekehrt schildert Torkler aber auch Episoden von Hilfsbereitschaft und Unterstützung, subversivem Unterwandern der Gesetze und dem gemeinsamen Bewältigen der unmöglichen Situation. Es gab und gibt eben immer beides auf der Welt. Die finale Überquerung des Mittelmeers wird zum Höhepunkt, ein unberechenbares Glücksspiel, das man überlebt oder nicht und das selbst im ersten Fall kein Garant für eine glückliche Zukunft ist.

Eine ungewöhnliche Geschichte von Flucht und Hoffnung auf ein besseres Leben. Das Buch ist ohne Frage politisch, stärker wiegt jedoch der menschliche Appel an das Verständnis für die Lage derjenigen, die ihre Heimat verlassen, weil es dort nichts mehr gibt, das sie hält. Niemand wird Zweifel daran hegen, weshalb Josua Brenner Berlin den Rücken kehrt. Warum kann man dieses Verständnis nicht auch in der Wirklichkeit aufbringen? Der ungehinderte Zugang zu wirtschaftlich und politisch stabilen Ländern kann nicht die Lösung sein, das geht auch aus „Der Platz an der Sonne“ hervor, denn eigentlich will niemand seine Heimat verlassen, sondern nur ein bescheidenes, aber sicheres Leben führen.