Johanna Adorján – Ciao

Johanna Adorján – Ciao

Viele Jahrzehnte ist es schon her, dass Henriette mit ihrem Gedichtband so etwas wie einen kleinen Erfolg feiern konnte, heute ist sie nur noch gelegentlich als Gattin von Hans Benedek in der Öffentlichkeit zu sehen, einem angesehenen Feuilletonisten und von der Kunst und Kulturszene lange umworbenen Gast auf allerlei Veranstaltungen. Umso erstaunter ist sie als Xandi Lochner, 24-jährige Feministin und Liebling aller Social-Media-Kanäle sie um ein Treffen bittet. Die Welten der beiden Frauen könnten verschiedener nicht sein und für Henriette endet der Abend in einem Desaster. Doch ihr Mann ist von der Idee, ein Portrait über die schlagfertige Jungautorin zu schreiben, begeistert, vielleicht kann er so seinen sinkenden Stern bei der Zeitung wieder etwas zum Leuchten bringen. Zwar kann er mit den modernen Ideen der Frauen wenig anfangen, er fühlt sich inzwischen geradezu verfolgt und gehasst, aber das verhindert ja keinen erfolgreichen Artikel und sein Charme wirkt doch auch immer noch gut, wie all seine Affären mit den Praktikantinnen eindrucksvoll belegen.

Johanna Adorján greift das Thema der Stunde auf: der tobende Geschlechterkampf im Kulturbetrieb. Auf der einen Seite gut situierte und etablierte ältere Herren, die jahrzehntelang gönnerhaft ihre Position ausgenutzt haben, auf der anderen junge, unerschrockene Frauen, die sich nicht mehr so einfach in die zweite Reihe schieben lassen und die Gegebenheiten hinterfragen. Die Autorin verfällt jedoch nicht dem wütenden Duktus, der häufig diese Debatte begleitet, sondern findet einen humorvollen Ton für ihre Geschichte, die auch den Protagonisten nicht gänzlich demontiert. Benedek ist kein selbstsüchtiges Monster, viel mehr ist er überfordert und blickt orientierungslos in die Welt.

Es sind nicht nur die Frauen, die Benedek Kopfzerbrechen bereiten. Auch die Tatsache, dass sich seine Zeitung weg vom Papier hin zum online Journalismus verlagert, irritiert ihn. Dort kann ja auch jeder schreiben, was er will, nicht mehr er ist als Feuilletonist plötzlich der Königsmacher, der mit wohlwollenden Kritiken Karrieren befördert und eine entsprechende Behandlung erwartet. Dass sich die Zeiten geändert haben, spürt er an seinem Arbeitsplatz deutlich, insbesondere die Einsparungen, unter denen die ganze Branche leidet, treffen ihn hart.

Seine Tochter versteht er schon lange nicht mehr und mit Henriette hat er auch kaum mehr was zu teilen, dafür hat er ja Niki, aktuelle Praktikantin und Geliebte, die er ärgerlicherweise zu seinem Treffen mit Xandi Lochner nehmen muss und mit der er absurderweise gemeinsam den Artikel verfassen soll. Obwohl er beobachtet, wie Xandi eine Größe des Showgeschäfts vor seinen Augen vom Thron stößt, ist er nicht gewarnt und wähnt sich mit seinem erprobten Charme in Sicherheit. Mit dem Twitter Shitstorm, der dem Abend folgt, ist er restlos überfordert, er hat doch gar nichts falsch gemacht, er war doch nur nett und zuvorkommend?

Das Drama um den gealterten Journalisten nimmt unterhaltsam die ganze Medienbrache in den Fokus, nicht nur die Geschlechterfrage, sondern auch inhaltsleere Social-Media-Kanäle und Kunstveranstaltungen, bei denen es nicht um Kunst, sondern nur um das Sehen und Gesehenwerden geht, werden pointiert zugespitzt. Die oft etwas verbissene Diskussion um den „alten weißen Mann“ bereichert Adorján um Benedeks Perspektive, er will ja eigentlich modern sein, aber die Welt überfordert ihn und dass er am Ende nicht mehr über eine junge Frau schreiben darf, führt die Frage, wer überhaupt wen übersetzen darf, noch ein Stück weiter ad absurdum.

Eine bissige Gesellschaftssatire, die als Sommerroman funktioniert, obwohl sie eine nicht zu verachtende Tiefe hat.

James Hawes – Die kürzeste Geschichte Englands

James Hawes – Die kürzeste Geschichte Englands

Den Brexit haben die Menschen auf dem Kontinent teils fassungslos, teils kopfschüttelnd betrachtet. Wie konnte es zu so einer gravierenden (Fehl-)Entscheidung kommen? Man hat den Eindruck die Briten nicht mehr zu verstehen, vielleicht aber auch nie verstanden zu haben. Tausende Jahre Geschichte sind es, die das Land zu dem gemacht haben, das diese folgenreiche Abstimmung herbeiführte. Doch kann man einen so langen Zeitraum prägnant und gut lesbar zusammenfassen? James Hawes ist dies gelungen. Von Caesars Eroberung über zahlreiche Kriege bis hin zur Entstehung des Empire und dessen Niedergang im 20. Jahrhundert, ein letztes Aufbäumen durch popkulturelle Erfolge kurz vor der Jahrtausendwende und schließlich die Absage auf ein gemeinsames Europa. Mit zahlreichen historischen Dokumenten, Karte und prägnanten Schaubildern untermauert er die Tatsache, dass die Nation nicht erst im Brexit ihre tiefe Spaltung zeigte, tatsächlich war sie nie wirklich vereint.

James Hawes ist Germanist, der an verschiedenen Universitäten im Vereinigten Königreich lehrte. In den 1990ern war er mit zwei Romanen recht erfolgreich, seine Abriss über die Geschichte Deutschlands wurde in seiner Heimat mit sehr positiven Kritiken aufgenommen, was vermutlich auch zur Entstehung seines aktuellen Werkes beigetragen hat. „Die kürzeste Geschichte Englands“ hält, was der Titel verspricht. Anhand des roten Fadens der Spaltung leitet den Autor durch 2000 Jahre Geschichte, die notwendigerweise reduziert, aber gleichsam zielgerichtet und leicht verständlich wird.

Mit der britischen Geschichte grundlegend vertraut, hat mich Hewes‘ Buch dennoch gereizt, weil man gerade wegen der politischen Entwicklungen der letzten Jahre anfing zu zweifeln, ob man das Land und seine Bewohner wirklich kennt oder ob es nicht doch tiefergehende Faktoren gibt, die man übersehen hat. Geschichte ist nicht linear und eindimensional, sondern vielschichtig und unterschiedliche Faktoren überlagern sich. Trotz der Kürze arbeitet der Autor dies immer wieder heraus. Sprache, soziale Schicht, Geografie, Glaube – weder lassen sie sich trennen noch genügen sie einzeln zu erklären, weshalb an unterschiedlichsten Stellen Risse, Brüche und tiefe Gräben existieren, die zwar gelegentlich gekittet den Anschein einer vereinten großen Nation erweckten, unter der Oberfläche jedoch ein vielfach zerfasertes Gebilde beherbergten.

Das etwas andere Geschichtsbuch, das nie den Anspruch auf Vollständigkeit und Ausführlichkeit legt, sondern zielgerichtet einen anderen Blick auf Großbritannien wirft und leider auch kein besonders optimistisches Fazit zieht.

Angelika Jodl – Laudatio auf eine kaukasische Kuh

Angelika Jodl – Laudatio auf eine kaukasische Kuh

Sie ist bereits im Praktischen Jahr als Ärztin, also hat Olga bald ihr Ziel erreicht, von dem die Eltern nach der Auswanderung aus Georgien und der Zwischenstation Griechenland bei der Ankunft schließlich in Deutschland nur träumen konnten. Stolz sind sie auf die Tochter, aber noch besser wäre, wenn sie mit Ende 20 auch endlich unter der Haube wäre. Von ihrem Freund Felix hat sie ihnen nichts erzählt, die beiden Welten passen einfach nicht zueinander, von ihren Kollegen ahnt keiner von ihren Familienverhältnissen, die sie immer noch lieber verschweigt, obwohl ihr Vater unzählige Sprachen spricht und gebildet ist – aber in München sind die nur Migranten mit gebrochenem Deutsch. Auf Besuch bei ihrer Familie trifft sie zufällig auf Jack und ist sogleich fasziniert von dem Lebemann, der sich völlig in sie verschossen hat. Bald schon steht Olga nicht nur zwischen zwei unvereinbaren Welten, sondern auch noch zwischen zwei Männern.

Angelika Jodl unterrichtet Deutsch als Zweisprache und kennt daher viele Geschichten von Zugewanderten, auch Georgien ist ihr von Aufenthalten als Dozentin in Tiflis bestens bekannt, was man bei der lebhaften Schilderung des georgischen Lebens in „Laudatio auf eine kaukasische Kuh“ in jeder Zeile merkt. Ihre Protagonistin steht zwischen den Stühlen, wie es vielen Kinder von Zugewanderten geht, die sich zwischen Kulturen und Lebenswelten bewegen, die sich nicht wirklich vereinen lassen.

Der Roman funktioniert auf unterschiedlichen Ebenen, einerseits sprießt es in ihm nur so vor humorvollen Episoden und kurzweiligem Slapstick, wie man es auch aus unterhaltsamen Filmkomödien kennt. Highlight sicherlich die kaukasische Kuh, auch wenn der Anlass tatsächlich dramatisch ist. Die zahlreichen kulturellen Differenzen werden ebenfalls mit viel Ironie schamlos überzeichnet geschildert, so dass man mit den Unzulänglichkeiten auf allen Seiten locker leben kann. Andererseits liegen darunter auch ernstzunehmende Aspekte wie eben Olgas Gefühl immer zwischen den Stühlen zu sitzen und die beiden Welten, strikt voneinander zu trennen. So ist es kein Zufall, dass sie gerade in dem türkischstämmigen Kommilitonen einen Freund und Verbündeten findet. Die Erwartungen der Familie – eine von der Tradition geprägte überkommene Frauenrolle –  belasten und vor allem die unermüdlichen Zwistigkeiten mit der Mutter ermüden sie. In dieser Konstellation zu erkennen, was sie wirklich will und wer sie tatsächlich ist – kein leichtes Unterfangen.

Eine lockere Lektüre, die jedoch auch Tiefgang bietet und sowohl unterhalten wie zum Nachdenken anregen kann.

Teju Cole – Every Day is for the Thief [Jeder Tag gehört dem Dieb]

Teju Cole – Every Day is for the Thief

Nach 15 Jahren in den USA kehrt ein namenloser Erzähler zurück in seine nigerianische Heimat. Zwischen Familientreffen und Kindheitserinnerungen erkundet er das Land, das er einst verlassen hat, da es ihm keine Zukunft zu bieten schien. Doch was er sieht, ist ernüchternd. Korruption allerorts, die Lebensverhältnisse kritisch wie eh und je, Gefahren lauern auf den Straßen ebenso wie Zuhause, Aberglaube und Vorurteile zwischen den unterschiedlichen Stämmen sind ebenso präsent wie religiöse Beteuerungen, die die Bewohner davon abhalten, ernsthafte Veränderungen anzustoßen. Schon bald hat er für sich eine eindeutige Antwort auf die Frage, ob er sich eine Rückkehr vorstellen kann, gefunden.

Auch meine vierte literarische Reise nach Nigeria in diesem Jahr ist eine Mischung aus Faszination und Schrecken. Auch wenn Teju Coles Roman bereits 13 Jahre alt ist, bleibt doch anzunehmen, dass vieles, von dem er schreibt, auch heute noch genauso Gültigkeit besitzt. Auch wenn der Text als Fiktion klassifiziert ist, erinnert er doch mehr an ein Tagebuch und ist vermutlich auch als solches entstanden. Was es jedoch ganz sicher ist, ist das Porträt einer Stadt, eines Landes in einem deplorablen Zustand, egal wie amüsant so manche geschilderte Begebenheit ist, führt man sich vor Augen, dass die der reale Alltag vieler Menschen ist, bleibt einem das Lachen im Hals stecken.

Jeder kennt die E-Mails, in denen ein Nigerianer einem um eine finanzielle Unterstützung bittet für welche im Umkehrschluss eine große Summe überwiesen wird. Man denkt ja immer, dass irgendein Computerbod sie schreibt, nein, der Erzähler sieht in einem Internetcafé genau jene Menschen, die hinter diesem Betrug stecken und tausende Mails pro Tag verfassen – wobei sie unter einem Schild sitzen, das genau jenes deutlich verbietet. Bei Flugzeugabstürzen vermutet man eher Gottes Wille als fehlende Überwachung und ordentliche Wartung – dies befreit nicht nur von notwendigen Taten, sondern stellt auch die Bevölkerung gleich wieder ruhig. Eine Busfahrt ist eine Hochrisikounternehmung, von der jeder mit einem Funken Verstand und Minimum an Geld absieht.

Ein neuer Ausweis: ein Beamter hält die Hand auf. Ein Verkehrsvergehen: ein Polizist hält die Hand auf. Dazu Jugendbanden, die ebenfalls einfach dafür, dass sie einem nicht umbringen, Geld erpressen. In Musikläden sind CDs nicht verkäuflich, gegen eine überschaubare Summe kann man dort jedoch Raubkopien erwerben. Es ist keine Welt, die er mehr kennt und besonders schmerzt ihn, dass er auch in den Museen kaum etwas über die Geschichte und Kultur des Landes sehen kann, sondern in quasi allen Ausstellungen weltweit mehr nigerianisches Kulturgut präsentiert bekommt als in Lagos.

„Religion, corruption, happiness.“ Mit diesen drei Begriffen fasst Cole schließlich seine Erfahrung zusammen, die das Land jedoch genau dahin bringen, wo es steht. Übermächtige Prediger, die die Wahrheit verblenden; Korruption in allen Bereichen des Lebens wird als quasi Gott gegeben akzeptiert und eine Kultur, in der jeder zwanghaft glücklich sein muss, was jede Chance auf Konfrontation mit dem wahren Zustand verhindert.

Ein sehr empfehlenswerter Bericht, der nicht nur inhaltlich interessant, sondern auch noch in angenehmen Plauderton verfasst ist und Einblick in die Gedankenwelt des Erzählers gibt, der sowohl Teil dieser Welt ist, aber diese auch mit einem gewissen Abstand einordnen und kommentieren kann.

Philipp Winkler – Carnival

Philipp Winkler – Carnival

Früher waren sie das Ereignis des Dorfes oder des Stadtteils: regelmäßig einmal im Jahr kam die Kirmes vorbei und brachen mit ihren Buden und Fahrgeschäften die gutbürgerliche, geordnete Welt auf. Die Bande kurioser gestalten, die nur dort eine Gemeinschaft finden konnten, waren gleichermaßen verschreckend wie faszinierend und wirbelten die Bewohner kräftig auf. Nach wenigen Tagen war der Spuk wieder vorbei und alle kehrten in ihren üblichen Trott zurück während der Tross weiterzog, um seine Zelte an einem neuen Ort aufzuschlagen. Die Zeiten veränderten sich und auch die Kirmes-Welt musste sich darauf einstellen. Doch zunehmend weniger Interesse machten ihnen das Leben schwerer bis sie schließlich fast ganz aus dem Stadt- und Dorfbild verschwunden waren.

Philipp Winkler konnte mich mit seinem Debüt-Roman „Hools“ restlos begeistern, dort wählte er ebenfalls eine Gruppe, die klassisch am Rand der Gesellschaft steht, die gerne verdrängt wird und mit der so niemand richtig etwas anzufangen mag. Nun also die Kirmes mit ihren Kuriosenkabinett. Der Roman ist ein Abgesang auf eine alte Institution, die gerade für Kinder stets ein echtes Highlight darstellte, das schon wochenlang zuvor sehnsüchtig erwartet wurde. Wieder einmal gelingt es Winkler, die sympathischen Seiten zu zeigen und sprachlich perfekt austariert und zum Inhalt passend den langsamen Niedergang zu schildern. Einziger Wermutstropfen für mich die fehlende Handlung. Viele Figuren werden präsentiert, die verschiedenen Facetten humorvoll dargestellt, aber es wird keine Geschichte erzählt.

„sie alle waren Teil des einen großen Traums gewesen: Der Traum von einem Ort, an dem jeder willkommen ist und jedem, so lange er das will, die Möglichkeit bietet, sich ein wenig zu verlieren, sich neu zu erfinden oder einfach nur eine verdammt noch mal gut Zeit zu verbringen.“

Es gibt die zwei Gesichter der Kirmes, jenes der Besucher, die sich amüsieren oder gruseln wollen, von Fahrgeschäften und Schießbuden angelockt werden und sich vielleicht sogar die Zukunft voraussagen lassen. Doch dies ist nur die Fassade, dahinter ist eine große Familie, die alle aufnimmt, die zu ihr gehören wollen. Für jeden findet sich ein Platz. Es wird zusammen gelacht und gefeiert, ebenso geweint und getrauert. Kinder werden gezeugt und großgezogen, so dass sie die Tradition fortsetzen können. Manchmal gelingt auch jemandem der Ausstieg, andere kommen jedes Jahr zu Saisonbeginn wieder.

Der Text ist wie der heimliche Blick durch das Schlüsselloch, den man dann auch fasziniert nicht mehr abwenden kann. Mit Leichtigkeit erzählt, erweckt er ein melancholisches Gefühl einer längst vergangenen Zeit, einer Tradition, die nicht mehr so existiert, eines Lebensgefühls, das nicht mehr in unsere Gegenwart zu passen scheint. Wo die Menschen abgeblieben sind, bleibt offen, aber ganz sicher ist ein Loch gerissen worden, von dem wir noch gar nicht wussten, dass es da ist. Ein letztes Mal ist der Vorhang gefallen und die Tore für immer verschlossen worden. Eine Erfahrung, die unsere Kinder so nie werden machen können, spielt sich ihr Leben nicht auf Marktplätzen, sondern in virtuellen Welten ab, die nur scheinbar so bunt und schillernd wie jene der Kirmes ist, aber nie die Freude erwecken kann, die man selbst staunend vor den Buden empfunden hat.

Harriet Köhler- Gebrauchsanweisung fürs Daheimbleiben

harriet köhler gebrauchsanweisung fürs daheimbleiben
Harriet Köhler- Gebrauchsanweisung fürs Daheimbleiben

In Zeiten von Corona, wenn es globale Reisewarnungen gibt und der Sommerurlaub, wie man ihn kennt, in weite Ferne rückt, muss man die Option, die vermeintlich schönsten Tage des Jahres daheim zu verbringen, ernsthaft in Betracht ziehen. Statt Reiseführer für die Zieldestination, dann eben die „Gebrauchsanweisung fürs Daheimbleiben“ von Harriet Köhler. Nach einer Einführung, weshalb man zur Abwechslung mal Urlaub im eigenen Heim machen sollte – unabhängig von Corona, das Buch wurde schon vor Ausbruch der Pandemie veröffentlicht – gibt die Autorin in 14 Kapiteln Anregungen, was man in zwei Wochen so alles tun könnte, um sich auch im bekannten Terrain zu erholen.

Umweltverschmutzung, Klimawandel, absurd überlaufene Städte wie Dubrovnik, die ein Vielfaches ihrer Einwohnerzahl jährlich an Touristen empfangen, und ein Nachdenken über den dekadenten Lebensstil des durchschnittlichen Mitteleuropäers sind ohne Frage valide Gründe, von einer Flugreise oder Kreuzfahrt abzusehen. Neben nachvollziehbaren Argumenten liefert die Autorin auch einen kurzen historischen Abriss über das Reisen selbst, was zu Erholungs- und vor allem Vergnügungszwecken tatsächlich eine recht junge Erfindung ist. Die positiven Aspekte der Erkundung fremder Kulturen und Länder ebenso wie das unbändige Gefühl von Fernweh unterschlägt sie dabei nicht, so dass am Ende doch eher ein Unentschieden bei den Überlegungen herauskommt.

Die Ideen, wie man die Zeit zu Hause verbringen könnte, sind weitgehend unspektakulär, was sie aber auch leicht umsetzbar macht. Sie reichen von offline Zeiten über mittägliche Restaurantbesuche oder Übernachtungen in einem Hotel in der eigenen Stadt bis hin zur Erkundung der ganz unmittelbaren Umgebung der eigenen Wohnung und der Nachbarschaft. Vieles muss man gar nicht auf den Urlaub verschieben, sondern könnte es als Ausbruch aus dem Alltag jederzeit in Angriff nehmen und die positiven Effekte eines Tages im Grünen auf die psychische Gesundheit sind inzwischen reichlich belegt.

Das Buch liest sich unterhaltsam, der anekdotenhafte Schreibstil gestaltet die Lektüre informativ und locker zugleich. Ob dies jedoch ein adäquater Ersatz für eine sehnsuchtsvoll erwartete Reise sein kann, bleibt zu bezweifeln, wobei die Autorin mich aber an einem Punkt wirklich gepackt hat: oftmals ist die Freude auf eine Reise mindestens genauso groß wie das Reisevergnügen selbst. Vielleicht sollte man 2020 dann einfach nutzen all die Reisen zu planen, die man zwar nicht jetzt, aber später, womöglich aber auch nie, machen wird. Schon das Betrachten von Bildern und das Lesen über fremde Länder bieten zumindest gedanklich eine Möglichkeit der Alltagsflucht.

Karosh Taha – Im Bauch der Königin

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Karosh Taha – Im Bauch der Königin

Eine Stadt irgendwo im Westen der Republik. Amal ist nicht das Mädchen, wie man es von ihr erwartet; von klein auf verbringt sie mehr Zeit mit den Jungs, kleidet sich wie sie und schneidet sich radikal die Haare ab. Immer wieder kommt es zu Konflikten, die sie gerne auch mit Gewalt löst. Ihr Vater steht trotzdem zu ihr, bis er eines Tages nach Kurdistan verschwindet und die Mutter mit den beiden Kindern allein zurücklässt. Das Verhältnis zwischen Amal und ihr wird schwieriger, die Mutter zieht sich ob der Schmach des Verlassenwerdens zurück und versteckt sich unter dem Kopftuch, während Amal fasziniert von Shahira, der Mutter ihres Freundes Younus, ist. Doch im Viertel zerreißt man sich das Maul über die Frau, die sich in kurzen Röcken und figurbetont kleidet. Auch Raffiq fühlt sich von ihr angezogen, auch wenn er als Jugendlicher eigentlich Amals Freund ist. Alle drei Heranwachsende, Amal, Younus und Raffiq teilen noch etwas anderes: das Aufwachsen in einem Land, das die Eltern zum Teil enttäuscht hat, in dem sie nicht angekommen sind, wo das Leben wie von der Stopptaste angehalten verläuft. Für ihre Kinder sehen sie die Zukunft in der Heimat, Kurdistan, doch diese haben andere Pläne.

In ihrem zweiten Roman fängt Karosh Taha die Lebenswelt vieler Migranten lebhaft und vielschichtig ein. Die Identitäten, die geradezu gespalten scheinen zwischen dem kurdischen und deutschen Ich; die Sitten und Kulturen der beiden Länder, die sich oftmals diametral entgegengesetzt stehen; die Familien, die alle verschieden sind und doch die gleichen Sorgen und Rückschläge teilen; Vorurteile, die es nicht nur von den Mitgliedern der anderen Kultur, sondern ganz stark auch innerhalb der eigenen Community gibt.

Trotz des spannenden und komplexen Themas konnte mich das Buch nicht wirklich packen. Im ersten Teil erzählt Amal aus ihrer Sicht, im zweiten wird sie von Raffiq abgelöst, aber so richtig wollen sie nicht ineinandergreifen. Hin und wieder erscheint der Text auch als regelrechter Stream of Consciousness, mit unzähligen Schleifen und Wiederholungen, was jedoch mehr zu einer hohen Redundanz denn zu einem Erkenntnisgewinn führt und bisweilen fast langatmig wird. Amal kommt als Figur noch differenzierter daher, wie sie kämpft um die Aufmerksamkeit des Vaters, mit der Rollenerwartung an sie als Mädchen hadert, die beiden Rollenmodelle Mutter und Shahira immer wieder abwägt und letztlich bei einem Besuch in Kurdistan, doch auch nur erkennt, wer sie nicht ist, aber nicht, wer sie ist.  Raffiq ist mir in seiner Schwärmerei für Shahira und der tatsächlich doch oberflächlich geführten Auseinandersetzung mit den Eltern thematisch zu eng. Younus hätte sicher auch eine interessante Perspektive und Einblicke geboten, wird jedoch nur in der Außensicht durch die anderen präsentiert.

Ein schwer zu greifender Text, der mich leider emotional nicht berührt hat, obwohl gerade Protagonistin das Potenzial gehabt hätte, ihre spezifische Situation begreifbar zu machen.

Ali Smith – Herbst

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Ali Smith – Herbst

Der Sommer verabschiedet sich, geht zu Ende, wie auch das Leben von Daniel Gluck langsam aus ihm verschwindet. Mit 101 Jahren hat er viel erlebt und verbringt nun die Tage schlafend im Pflegeheim. Elisabeth besucht ihn dort regelmäßig, um ihm vorzulesen. Sie ist nicht seine Enkelin wie die Pflegerinnen denken, nicht einmal mit ihm verwandt, als Kind wohnten sie und ihre Mutter neben dem damals schon alten Mann und er hat auf ihren Spaziergängen nicht nur ihre Phantasie beflügelt, sondern auch ihre Liebe zu Kunst und Literatur geweckt. Vielleicht ist es gut, dass er nicht mehr sieht, wie sich die Welt verändert, nicht nur der Sommer muss weichen, sondern auch das England, das sie kannten. Das Land, das ihn einst aufgenommen hat und das nun vom Brexit gezeichnet und gespalten ist.

Ali Smiths Roman ist der erste Band eines nach den Jahreszeiten benannten Zyklus, der die Stimmung eines zerrissenen Landes mit einer ausdrucksstarken Poetik einfängt. Sie hat sich damit nicht nur endgültig in die Riege der ganz großen zeitgenössischen britischen Autorinnen katapultiert, sondern wurde hierfür auch auf der Shortlist für den Man Booker Prize 2017 honoriert.

Aus Charles Dickens‘ „Tale of Two Cities“ liest Elisabeth dem schlafenden Daniel vor. Passender als in Analogie zu der berühmten Anfangspassage des mehr als 150 Jahre alten Romans kann man die Stimmung in Großbritannien seit dem Referendum kaum zusammenfassen:

 „Im ganzen Land fanden die Leute, es sei das Falsche. Im ganzen Land fanden die Leute, es sei das Richtige. Im ganzen Land fanden die Leute, sie hätten eigentlich verloren. Im ganzen Land fanden die Leute, sie hätten eigentlich gewonnen. Im ganzen Land fanden die Leute, sie hätten das Richtige und andere hätten das Falsche getan.“

Elisabeth stellt sich jedoch nicht nur die Frage, in welcher Zeit sie lebt, sondern was Zeit überhaupt ist, ist eines der zentralen Rätsel des Romans. Ebenso wie jenes nach der Wahrheit, die die Protagonistin schon als Grundschulmädchen beschäftigt:

Es soll aber die Wahrheit sein, sagte Elisabeth. Es ist für die Nachrichten in Zeitgeschichte. Das merkt doch niemand, sagte ihre Mutter. Erfinde es selber. Die richtigen Nachrichten sind sowieso immer erfunden. Die richtigen Nachrichten sind nicht erfunden, sagte Elisabeth. Es sind Nachrichten. Über das Thema sprechen wir noch mal, wenn du ein bisschen älter bist, sagte ihre Mutter.“

Nachdem sie jahrelang den Kontakt zu Daniel Gluck verloren hatte, leben nun mit den Besuchen im Krankenhaus auch die Erinnerungen an ihre gemeinsamen Nachmittage wieder auf. Noch einmal wird sie das neugierige und wissbegierige Kind, das durch die Augen des weisen Mannes blicken und die Welt erkunden darf.

„Irgendetwas solltest du immer lesen, sagte er. Auch wenn du kein Buch in der Hand hast. Wie sollen wir die Welt sonst ergründen?“

Ist noch zu verstehen, was in England gerade geschieht? Können die Nachrichten die Stimmung einfangen und transportieren? Man sollte nicht so weit gehen wie Elisabeths Mutter, die sie als erfunden abstempelt, aber sie sind selektiv, arrangiert und mit einer gewissen Intention aufbereitet. Bleibt also nur noch die Literatur, um die Wahrheit der Welt zu ergründen? Zumindest eine Wahrheit, die der Figuren, die uns Ali Smith präsentiert. Sie könnte auch ganz anders sein, das wäre dann aber eine andere Geschichte.

Katerina Poladjan – Hier sind Löwen

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Katerina Poladjan – Hier sind Löwen

Die Restauratorin Helen Mazavian reist nach Armenien, um die dort übliche Kunst der Buchbinderei kennenzulernen. Nicht ganz ohne persönlichen Bezug hat sie das ferne unbekannte Land ausgewählt, stammen doch ihre Vorfahren von dort. Außer dem Namen und einer alten Fotografie ist ihr jedoch nichts geblieben. Das Buch, an dem sie arbeitet, fasziniert sie, auch wenn sie zunächst mühsam die armenischen Schriftzeichen entziffern muss. Die Familienbibel ist das einzige, was die beiden Kinder Anahid und Hrant auf ihrer Flucht retten konnten und die die Spuren ihres Daseins und ihrer Familie enthält. So wie sich Helen dem Schicksal der beiden Flüchtlinge nähert, versucht sie auch ihre eigene Geschichte zu ergründen und sucht nach Spuren rund um den mystischen Berg Ararat.

Katerina Poladjan nimmt den Leser mit auf eine Reise in ein unbekanntes Land, das man zusammen mit der Protagonistin versucht zu ergründen. Die Geschichte der Armenier wird in unzähligen Begegnungen thematisiert, aber so wie das Volk in der globalen Diaspora verteilt lebt, bleibt auch das Bild, das man von Armenien gewinnt, eher eine Sammlung von Momentaufnahmen, die jedoch kein klares und vollständiges Bild liefern.

Verdient hat die Autorin die Nominierung auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2019 aufgrund ihrer unglaublich poetischen Sprache, die exakt und präzise die Handlungsabläufe der Restauratorin schildert und dies doch in einer Weise zu tun vermag, die fesselt und verzaubert. Mechanische Vorgänge erhalten so eine geradezu magische Anziehungskraft, seitenweise hätte ich dank Poladjans Ausdrucksstärke über die Buchbindekunst lesen können. Dazwischen kann sie aber auch urkomisch werden, viele Dialoge sprühen geradezu vor feinem Sprachwitz und führen die zum Teil verstaubten Ansichten aus beiden Ländern bisweilen ad absurdum.

In ihrer Protagonistin spiegelt sich die Zerrissenheit des Landes und des Volkes, dessen Geschichte von Krieg und Flucht geprägt war. Die kurzen Einblicke Kultur zeigen jedoch eine tiefe Verwurzelung rund um den Ararat und das Festhalten an Traditionen, egal ob in der Nähe oder der Ferne. Die Gegenwart droht jedoch mit ihren neuen Problemen, die geflüchteten aus Syrien, auch wenn sie Armenier sind, werden nicht unbedingt mit offenen Armen empfangen; auch Familienstrukturen, das einzig verlässliche eines immerfort bedrohten Volkes, lösen sich zunehmend auf. Die Autorin schafft den Spagat zwischen dem Gestern und dem Heute und ebenso zwischen den Kulturen, die sich zunehmend vermischen, durch die Migration neue Formen ausbilden und dadurch zunehmend eindeutige Identitäten verweigern. Jeder ist ein bisschen was von dem, was die Vorfahren weitergegeben haben, was er erlebt hat und was er sucht und findet in seinem Leben. Blinde, weiß Flecken werden jedoch bleiben, dort sind dann eben wohl die Löwen.

Sicherlich kein Buch, das die Massen begeistert, für den richtigen Leser zur richtigen Zeit jedoch ein Hochgenuss.

Ijoma Mangold – Das deutsche Krokodil

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Ijoma Mangold – Das deutsche Krokodil

Ijoma Alexander Mangold – deutscher Literaturkritiker, bekannt durch seine Rezensionen in der Süddeutschen und der Zeit sowie durch Literatursendungen im ZDF und SWR. „Das deutsche Krokodil“ ist eine Art Autobiographie, die jedoch den Fokus sehr stark auf die Frage, was eigentlich deutsch ist, was fremd ist und wo er seinen Platz dazwischen findet, legt. Aufgewachsen in Heidelberg als Sohn einer alleinerziehenden Psychotherapeutin, die ursprünglich aus Schlesien stammt, und eines nigerianischen Vaters, den er jedoch erst als Erwachsener kennenlernen sollte, nimmt er als Kind und Jugendlicher seine augenscheinliche Andersartigkeit gar nicht wahr. Die Diskriminierung von Schwarzen in den USA beispielsweise, über die er in der Schule lernt, bezieht er nicht auf sich, auch nahm er sich nie als Ausländer wahr – warum auch, war er doch genau wie die anderen im gutbürgerlichen Milieu der Universitätsstadt aufgewachsen. Erst als er beginnt die Welt zu entdecken, die USA, später auch das Heimatland seines Vaters, wird ihm bewusst, dass er unbewusst Verhaltensweisen verinnerlicht hat, die ihn vor dem Stigma des Ausländers schützen sollen und dass Familienkonzepte auch ganz anders sein können als in Deutschland.

Sicherlich ist wie bei allen Menschen Mangolds Familiengeschichte singulär und kaum übertragbar, dennoch macht er Erfahrungen, die viele andere auch kennen. Die Schlüsse, die die Menschen aus seinem Äußeren ziehen, die eigene Selbstwahrnehmung, die sich nicht immer mit jener anderer deckt und auch die unterschiedlichen Erwartungen, die von der Familie aufgrund der kulturellen Prägung an die Nachkommen gerichtet werden und die bisweilen schlichtweg unvereinbar sind, beschäftigen ihn und lassen ihn sich selbst betrachten.

Ich habe Ijoma Mangold mehrfach live als Literaturkritiker erlebt und verfolge auch seine Besprechungen im Feuilleton, weshalb ich wusste, dass er pointiert und unterhaltsam formulieren kann, was sich auch in seiner Autobiographie zeigt. Was ihm besonders gut gelingt, ist die einzelnen Phasen seines Lebens nachzuzeichnen und seine Selbstwahrnehmung dabei einzufangen. Auch das innige Verhältnis zu seiner Mutter, entstanden aus dem Umstand als Einzelkind und ohne Vater aufzuwachsen, wird immer wieder deutlich. Seine Mutter hatte eine eigene Erzählweise ihres Lebens, die nicht ganz zu den Fakten passt, die Mangold später zusammenträgt, aber er kann ihr ihre Geschichte lassen, akzeptieren, dass sie eine andere Version der Wahrheit gewählt hat, für die sie ihre Gründe hatte. Er rechnet nicht ab mit seinen Eltern, obwohl das genauso nachvollziehbar wäre, er ergründet viel mehr ihr Handeln und ihre Haltungen und trifft seine eigenen Entscheidungen im Leben, die auch mal eine Erwartung nicht erfüllen.

Nicht die ganz typische Autobiographie, allerdings dafür umso interessanter und kurzweilig zu lesen.