Agatha Christie – Evil Under the Sun/Murder in Mesopotamia

Agatha Christie – Evil Under the Sun / Murder in Mesopotamia

In diesen sehr speziellen Zeiten fällt es mir manchmal schwer, mich auf außergewöhnliche Geschichten einzulassen, wenn der Alltag schon sehr anstrengend ist, soll es wenigsten bei Büchern etwas entspannter zugehen und da sind die Klassiker wieder ganz weit vorne. Mit Agatha Christie und vor allem den John Moffatt Hörspiel-Versionen ist gute Unterhaltung jedenfalls gesichert.

In „Evil Under the Sun“ urlaubt der belgische Privatdetektiv in einem exklusiven englischen Seebad, wo jedoch nach der Ankunft der Schauspielerin Arlena Stuart die Ruhe empfindlich gestört wird. Nicht nur drehen sich alle Männer nach ihr um, ihr unerwartetes Ableben bringt die Urlaubspläne Poirots dann vollends durcheinander. Ein Hotelgast nach dem anderen wird verhört und genauestens durchleuchtet bis der Schuldige und sein perfider Mord schließlich offengelegt werden.

Einen ganz anderen Schauplatz wählt Christie für den Mord an Louise Leidner, die bereits seit einiger Zeit fantasierte und scheinbar Geister sah: die nervöse Ehefrau eines Archäologen befindet sich bei einer Ausgrabungsstätte in Mesopotamien und ist erleichtert über die Ankunft von Krankenschwester Amy Leatheran, der sie sofort vertraut. Doch auch diese neue Freundschaft kann die Bluttat nicht verhindern. Glücklicherweise befindet sich Poirot in der Nähe auf Durchreise und kann zu dem ungewöhnlichen Fall hinzugezogen werden. Klar ist: nur einer aus dem Ausgrabungsteam kommt als Mörder in Frage.

Die BBC hat insgesamt 25 Krimis der Grande Dame mit John Moffatt intoniert, in denen der Schauspieler in die Rolle des berühmten Ermittlers schlüpft. Mit charmantem Akzent und der gewohnt zurückhaltend aber dennoch überlegenen Art nähert er sich souverän der Lösung und deckt jede Lüge auf, die man ihm unverfroren präsentiert. „Murder in Mesopotamia“ fand ich insgesamt etwas raffinierter und allein schon aufgrund des Handlungsortes in der irakischen Wüste interessanter. Noch dazu bietet Poirot am Ende eine herrliche Querverbindung zu anderen Werken: er plane nun, nachdem der Fall aufgeklärt ist, zurück nach England zu kehren. In Istanbul will er den berühmten Orient Express nehmen, ein wenig Luxus soll man sich ja gönnen. Dass der bekannte Mord in selbigen bereits Jahre zuvor beschrieben wurde, kann man hier getrost ignorieren.

Martin Edwards – Gallows Court

Martin Edwards – Gallows Court

Mehrere ungewöhnliche Todesfälle erschüttern das London des Jahres 1930. Ein Journalist wird angefahren und tödlich verletzt, ein angesehener Banker richtet sich selbst, nachdem sein Mord an einer jungen Frau scheinbar aufgedeckt wurde. Der aufstrebende Reporter Jacob Flint von „The Clarion“ ist nach anonymen Tipps wiederholt zur richtigen Zeit am richtigen Ort und kann darüber berichtet. Bald schon entdeckt er, dass diese und weitere mysteriöse Todesfälle mit der unnahbaren Miss Rachel Savernake zusammenzuhängen scheinen, jener Frau, die jüngst einen spektakulären Fall lösen konnte, an dem die Polizei sich die Zähne ausbiss. Flint ahnt nicht, dass er nur Mittel zum Zweck ist und ebenso schnell wieder geopfert werden soll, wie er die Chance zum großen Durchbruch bekommt. Denn die Fälle sind kein Zufall, sie haben eine Verbindung, die unter allen Umständen geheim bleiben soll, denn niemand darf wissen, was im Gallows Court vor sich geht.

Martin Edwards, seit 2015 Präsident des Detetction Club, jenes illustren Zirkels von Kriminalroman-Autoren des Golden Age of Crime Fiction, schreibt in guter Tradition seines Clubs. Teil 1 der Serie um Rachel Savernake ist eine komplizierte Geschichte um einen Geheimbund, die als unzählige lose Fäden beginnt und sich langsam zu einem Netz von Intrigen und allerlei Verbrechen zusammenwebt. Die Menge an Figuren auseinanderzuhalten und bei den mannigfaltigen Beziehungen nicht den Überblick zu verlieren, ist zugegebenermaßen nicht ganz einfach, aber es lohnt sich, denn am Ende liegt eine clever konstruierte Geschichte vor einem, deren Lösung herausfordert aber gleichermaßen unterhält.

Ganz in der Tradition von Autoren wie Agatha Christie oder Georges Simenon liegen auf dem Weg der Handlung zahlreiche Hinweise und Spuren, die man als Leser fleißig einsammelt und wie Puzzlestücke versucht zusammenzusetzen. Interessanterweise greifen jedoch naheliegende Annahmen – die Herren der besseren Gesellschaft sind böse, die Damen sind die bedauernswerten Opfer – schnell zu kurz und gerade der Kontrast von Gut und Böse wird immer wieder herausgefordert, denn so klar ist keineswegs, wer auf welcher Seite steht. Am Ende werden jedoch alle Unklarheiten restlos geklärt und der Fall sauber gelöst.

Ein traditioneller Krimi mit zahlreichen Toten jedoch ohne detaillierte Grausamkeiten, der vor allem mit der Figurenzeichnung punkten kann.

Anthony Horowitz – Moonflower Murders

Anthony Horowitz – Moonflower Murders

Former editor Susan Ryeland is running a hotel on Crete with her partner when one day she is contacted by the Trehearnes who themselves also run a hotel in England. On their premises, a dreadful murder had taken place years ago which was used by writer Alan Conway as the basis for a successful novel. Since Susan edited Conway’s novels before he died, she might help them because their daughter Cecily has vanished. Immediately before her disappearance, she had read Conway’s novel and obviously was come across some important information related to the crime. As his editor, Susan must know the novel very well so she might be the one to help solve the case. Since she is rather short of money, she consents to come to Suffolk to investigate the circumstances.

After the “Magpie Murders”, “Moonflower Murders” is the second instalment in the Susan Ryeland series featuring the literary detective Atticus Pünd invented by the deceased novelist Alan Conway. Just like in the first novel, we have a novel within a novel which helps to solve a mystery and links two lines of narration. As a reader, you really have to pay attention not to mix up everything since you have a bunch of fictional characters who are represented in the second narration.

Over the last couple of years, Anthony Horowitz has become one of my favourite authors who never disappoints me. He most certainly is a master of complex plots which pay homage to the great crime writers and the Golden Age of crime fiction by respecting Ronald Knox’ “Ten Commandments” of mysteries.

Just as expected, masterly crafted and even though I liked “Magpie Murders” a bit more, an enjoyable read I can only recommend.

Zoe Lea – The Secretary

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Zoe Lea – The Secretary

As a single mother with a highly sensitive 8-year-old son and a very tight financial situation, Ruth already has a lot to carry. When one morning she comes across Rob in front of the school where she works as a secretary, she cannot believe what she sees: the man who pretended to be single when she spent a night with him obviously is happily married with kids. Ruth is furious and so is Janine, Rob’s wife, when she realises what she is witnessing. Ruth made her biggest enemy with Janine, the one woman in the community who is great at networking and friends with everybody. The same day, the school gets a letter demanding Ruth’s lay-off because of how she behaved in front of children. But this is only the beginning of a totally nasty fight.

Zoe Lea’s novel is a real page turner. It is unbelievable what happens to Ruth who seems to be a caring mother who’d do anything for her boy and who only tries to live a decent life after the divorce. Nobody wants to believe her and everything is simply turned around making her appear to be to aggressor. The most awful thing is that you get the impression that money and power are more important than the truth and that those who are already at the end of the food chain hardly have a chance to be heard and taken seriously.

A fast paced novel that was hard to put down. I was hooked immediately and liked the development of the events, a downward spiral which once set in motion couldn’t be stopped anymore. With each chapter, Ruth’s actions became more drastic since she was pushed more and more in a corner and like a threatened animal, did not see another way out of the menacing situation. Yet, her character is not too obvious, I started questioning her more and more towards the end which, actually, I totally liked since I couldn’t be too sure about what to believe anymore.

All in all, very entertaining and enjoyable.

Gilly Macmillan – Die Nanny

gilly macmillan die nanny
Gilly Macmillan – Die Nanny

Nach dem plötzlichen Unfalltod ihres Mannes kehrt Jo mit ihrer Tochter Ruby zurück nach England. Eigentlich wollte sie nie mehr einen Fuß in ihr Elternhaus Lake Hall setzen, nur schlechte Erinnerungen hat sie an die kaltherzige Mutter und den ebenso wenig empathischen Vater. Nur ihre ehemalige Nanny, die hat sie geliebt, doch Hannah verschwand eines Tages plötzlich und die Eltern sagten ihr, ihr schlechtes Benehmen sei der Grund dafür. Das Verhältnis zwischen Jo und ihrer Mutter Virginia ist angespannt, die Dame der Oberschicht scheint an allem etwas zu kritisieren zu haben und pflegt einen Lebensstil, wie man ihn nur noch auch Fernsehserien wie Downton Abbey kennt. Beim Spielen entdecken Jo und Ruby zufällig einen Schädel im Teich des Anwesens, Virginia ist entsetzt, kommt jetzt etwas ans Licht, das sie seit vielen Jahrzehnten sicher im Wasser versteckt dachte? Jo hat einen bösen Verdacht und dieser befeuert ihr Misstrauen gegenüber der eigenen Mutter noch mehr. Doch dann steht eine unerwartete Besucherin vor der Tür.

Gilly Macmillans Roman merkt man an, dass die Autorin Kunst studiert hat, denn diese spielt eine wichtige Rolle in der Geschichte auf dem herrschaftlichen Landsitz. Dieser schafft auch die passende Atmosphäre für einen Kriminalfall, der mit erstaunlichen Wendungen aufwartet. Das große alte Haus mit seinen vielen Zimmern und geheimen Gängen bietet die passende Kulisse für ein Familiendrama, in dem der äußerliche Schein wichtiger zu sein scheint, als echte Emotionen und Zuneigung, wo angemessenes Verhalten – gemessen an einer seit Jahrhunderten tradierten Etikette – über echtem Empfinden steht und somit die Figuren keine Bindung eingehen und schon gar kein Vertrauen zueinander aufbauen kann. Darin liegt der größte Reiz: keine der drei Frauen kann den anderen trauen und auch als Leser weiß man nicht, welcher Perspektive man folgen soll.

Zugegebenermaßen sind alle drei gleichermaßen unsympathisch. Virginia als grantige alte Hausdame, die auf den Pöbel herabschaut und dies auch offen zeigt; Jo, die ziemlich naiv nach dem Tod ihres Mannes hilf- und mittellos dasteht und ganz offenkundig mit eigenständiger Lebensführung und Kindererziehung maßlos überfordert ist und sich in ihrer grenzenlosen Vertrauensseligkeit wirklich jeden Bären an die Backe binden lässt; und zuletzt die Nanny Hannah, die lange in ihrer Motivation mysteriös bleibt. Unausgesprochene Vorbehalte, Erinnerungen, die mal richtig, bisweilen aber auch falsch sind, und ein grundlegendes Misstrauen befeuern den subtilen Kampf – ja, worum eigentlich? Auch das wird erst nach und nach klar und ist dann doch ganz anders als man vermutet hätte.

Ein clever konstruierter Plot, der geschickt mit Sein und Schein spielt. Ein paar Brüche in der Figurenzeichnung lassen diese für mich nicht ganz authentisch wirken, die unerwarteten Wendungen machen dies aber locker wieder wett.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autorin und Buch finden sich auf der Internetseite der Verlagsgruppe Random House.

Jo Walton – Among Others

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Jo Walton – Among Others

Nachdem ihr Großvater, bei dem sie zuletzt lebte, einen Schlaganfall hatte, wird die 15-jährige Morganna, genannt Mori, zu ihrem Vater Daniel geschickt, den sie bis dato gar nicht kannte. Er und seine drei Halbschwestern entscheiden schnell, dass das Mädchen auf das Internat geschickt werden soll, das auch schon die Schwestern besucht hatten. Dort hält sie in einem Tagebuch ihre Erlebnisse fest. Sie ist anders als die Töchter reicher Eltern, hatte sie doch bis dato im ländlichen Wales gelebt, auch ihre Liebe zu Büchern, insbesondere Science-Fiction Romanen, kann sie mit niemandem teilen. Ebenso wenig die Tatsache, dass Magie einen wichtigen Platz in ihrem Leben einnimmt, die war es nämlich, die sie vor der bösen Mutter gerettet hat und was zu dem Unfall führte, bei dem ihre Zwillingsschwester Morwenna, ebenfalls Mori genannt, ums Leben kam und sie selbst an Hüfte und Bein schwer verletzt wurde. Mori lebt in ihrer eigenen Welt und der der Bücher, die sie in die Schulbibliothek, aber auch jene des kleinen Örtchens führen und unerwartet doch noch Seelenverwandte finden lassen.

Jo Waltons Roman, deutscher Titel: „In einer anderen Welt“, gewannt 2012 den Nebula Award, den Hugo Award sowie den British Fantasy Award als bestes Buch des Jahres. Für mich persönlich eine etwas irritierende Einordnung, denn ich hätte den Roman keineswegs als Fantasyroman bezeichnet, denn die Welt, in der Mori lebt, ist das typische Großbritannien des Jahres 1979. Lediglich ihr Glaube an Magie und Feen, mit denen sie sich auch unterhält, hebt sie von den anderen Jugendlichen ab. So wie Walton dies darstellt, hätte ich das Buch eher als magischen Realismus eingeordnet, vor allem, da immer wieder die Grenze zwischen psychisch gesund und krank verschwimmt und das Mädchen gerade hochtraumatische Erlebnisse hinter sich gebracht hat und völlig aus dem bekannten Leben geworfen wurde.

There are some awful things in the world, it’s true, but there are also some great books. When I grow up I would like to write something that someone could read sitting on a bench on a day that isn’t all that warm and they could sit reading it and totally forget where they were or what time it was so that they were more inside the book than inside their own head.

Trauer, Verlust, Ängste unterschiedlicher Art, fieses Mobbing, Umgehen mit einer sichtbaren Behinderung – Mori hat ein ordentliches Päckchen zu tragen und offenbar niemand, dem sie sich anvertrauen kann. Es bleibt ihr nur die Flucht in die Welt der Bücher, die ihr Sicherheit gibt und das reale Leben vergessen lässt.

Reading it is like being there. It’s like finding a magic spring in a desert. It has everything. (…) It is an oasis for the soul. Even now I can always retreat into Middle Earth and be happy. How can you compare anything to that?

Durch das Lesen, die Menschen, die sie in ihrem Buchclub kennenlernt und die langsame Annäherung an ihren Vater und den Großvater, findet sie zurück ins Leben. Es gibt immer noch Momente, die sie emotional überfordern und in denen sie sich von magischen Kräften bedroht fühlt – durch die eigene Mutter, die drei seltsamen Tanten – zunehmend gelingt es ihr aber auch, die Kontrolle darüber zu gewinnen.

Durchaus ein recht typischer coming-of-age Roman, der jedoch vor allem dann große Freude bereitet, wenn Mori ihre Gedanken über Bücher teilt, die sie regelrecht verschlingt. Tatsächlich hätte ich mir am Ende eine Liste mit allen Bücher, die erwähnt werden, gewünscht. Wundervoll erzählt, mit ganz viel Liebe zur Protagonistin und der Literatur, so dass man wirklich einmal abtauchen und aus der Wirklichkeit verschwinden kann.

Valerie Keogh – The Three Women

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Valerie Keogh – The Three Women

Sie sind beste Freundinnen seit Beginn ihres Studiums, doch nun zwanzig Jahre später wird die Freundschaft auf eine schwere Probe gestellt. Ein verhängnisvoller Abend, als sie nur ihren Abschluss feiern wollten, holt die Polizistin Beth, Staatsanwältin Megan und Agenturinhaberin Joanne wieder ein. Es war nur eine falsche Annahme, eine kleine Lüge, doch diese hat den Lebensweg aller drei Frauen bestimmt. Eine unbedarfte Bemerkung bringt alles ans Licht und nun müssen sich die drei Freundinnen dem stellen, worauf sie ihr Leben aufgebaut haben: Lügen.

Der Psychothriller beginnt eher gemächlich, das Verhältnis der Frauen scheint eher unentspannt, dafür, dass sie beste Freundinnen sein sollen. Auch die Reaktionen ihrer Partner wirken etwas überzogen. Doch dann plötzlich entfaltet der Roman sein ganzes Drama und wird zu einem überzeugenden Thriller, der einem die Geschichte nur so um die Ohren fliegen lässt. Ein Ereignis jagt das nächste und kaum glaubt man das Ausmaß der Katastrophe zu überblicken, setzt Valerie Keogh noch eins drauf. Eine unerwartete Entdeckung, die neugierig auf mehr von der Autorin macht.

Patricia Dixon – #MeToo

patricia dixon #metoo
Patricia Dixon – #MeToo

Als Billie einen langen Brief von ihrem Ex-Freund erhält, kehrt sie nach über einem Jahr auf einer griechischen Insel zurück nach Manchester. Stan sitzt im Gefängnis, verurteilt wegen einer Vergewaltigung, die er angeblich nicht begangen hat. Billie hat ihn nie als gewalttätig erlebt, aber wer weiß, was das Beziehungsende und ihre Flucht mit ihm gemacht hat? Stan bittet sie, mit einem Privatdetektiv zusammenzuarbeiten, der ebenfalls Zweifel an der Darstellung des Opfers hegt, doch bislang konnten sie noch keine stichhaltigen Beweise finden. Billie stimmt zu und nimmt über eine Opfergruppe Kontakt zu Kelly auf. Als diese ihre Sicht der Geschehnisse schildert, kommt sie ins Grübeln. Dieselbe Geschichte, detailgenau, aber in zwei völlig widersprüchlichen Versionen. Wer sagt die Wahrheit, der verzweifelte Ex im Gefängnis oder die junge attraktive Frau, die sichtlich von den Erlebnissen gezeichnet ist?

Patricia Dixon bringt in ihrem Psychothriller die Problematik der Stunde hervorragend auf den Punkt: was zwischen zwei Menschen geschieht, spielt sich häufig verschlossen vor Außenstehenden in den eigenen vier Wänden ab. Vermeintlich eindeutige Belege sprechen vielfach eine unklare Sprache und lassen sich in dieser oder jener Weise deuten. Das Leid von vielen Frauen, denen über Jahre nie Glauben geschenkt wurde, soll keineswegs in Zweifel gezogen werden, aber es ist auch eine Realität, dass gerade auch das Gegenteil passiert: falschen Anschuldigungen wird schnell geglaubt, weil sich niemand dem Vorwurf schuldig machen möchte, ein Opfer nicht ernstgenommen zu haben.

Die Protagonistin ist hervorragend geeignet, um zwischen die Stühle zu geraten. Einerseits kennt sie Stan seit Jahren, aber sie hatte auch gute Gründe ihn zu verlassen, auch wenn bei ihr der Fall etwas anders lag, aber sie wurde ebenfalls Opfer einer Gewalttat und hat von ihm nicht das Verständnis für ihre emotionale Ausnahmesituation erhalten, das sie gebraucht hätte. Andererseits hat sie ihn als Partner nie in der ihm vorgeworfenen Weise erlebt, wieso sollte er sich in so kurzer Zeit so grundlegend ändern? Kelly wiederum wirkt zunächst wie ein traumatisiertes Opfer, aber einige ihrer Verhaltensweise lassen doch aufhorchen. Schon früher gab es ähnliche Anschuldigungen ihrerseits, auch ihr Lebensstil und ihr beruf wollen nicht richtig zusammenpassen und sie scheint geradezu besessen von Selbsthilfegruppen zu sein, sie sucht pro Woche gleich mehrere auf. Hat sie da vielleicht genau das gehört, was sie sich jetzt zu eigen macht?

Als Leser nähert man sich zusammen mit Billie langsam dem, was man für die Wahrheit halten kann. Mal schlägt das Pendel mehr in diese, mal mehr in jene Richtung aus, geschickt streut die Autorin immer wieder Zweifel an beiden Seiten, so dass man wirklich lange Zeit nicht sicher sein kann, die tatsächlichen Geschehnisse zu durchschauen. Obwohl es sich um einen Thriller handelt, gelingt es Patricia Dixon auch bei guter Unterhaltung und hoher Spannung die Thematik differenziert zu beleuchten und keineswegs die eine oder andere Seite entscheidend zu bevorzugen, schwarz und weiß sind letztlich oft einfach zu wenige Farben in der Debatte.

Mark Fahnert – Lied des Zorns

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Mark Fahnert – Lied des Zorns

Europa im Visier islamistischer Terroristen. Von langer Hand aus dem Mittleren Osten geplant, wollen sie Rache nehmen an jenen, die sie als Ungläubige und Kolonialisten betrachten. Die westlichen Geheimdienste sind ihnen auf der Spur, sie haben den Drahtzieher Abu Kais schon lange auf ihrer Liste und scheinen ihn nun auf frischer Tat ertappen zu können. Auch Saskia versucht Anschläge in Deutschland zu verhindern und wird dann selbst zum Opfer. In letzter Sekunde kann sie ihrer Zwillingsschwester noch eine Warnung zukommen lassen, die Ex-Elitesoldatin Wiebke hat eigentlich mit dem Kämpfen abgeschlossen, aber ungewöhnliche Situationen erfordern ihren Tribut.

Mark Fahnerts Debüt ist der Auftakt einer neuen Thriller Serie um Wiebke Meinert. Der Polizist mit dem Spezialgebiet politisch und religiös motivierte Straftaten hat eine der größten Bedrohungen unserer Zeit zum Thema gemacht und zeigt die internationale Vernetzung des Terrorismus und den dadurch extrem erschwerten Kampf gegen diese Art von Verbrechen.

Die Thematik ist gut gewählt für einen spannenden politischen Thriller. Kurze Kapitel wechseln sich ab, was die sich überschlagenden Ereignisse gut widerspiegelt und zudem die Komplexität durch die große Anzahl an Akteuren verdeutlicht. Genau hier liegt für mich aber auch der größte Schwachpunkt der Geschichte: mir fehlte der rote Faden, der den Leser begleitet, die Haupthandlung, die die Ereignisse leitet. Zwar ist mit Wiebke vermeintlich eine Protagonistin geschaffen, aber diese erscheint viel zu spät und so ganz schlüssig ist für mich ihre Rolle nicht geworden. Durch die hohe Agitation bleibt auch nur wenig Zeit, die Figur kennenzulernen und Sympathien zu ihr aufzubauen. Sie ist reduziert auf die wütende Kampfmaschine ohne Vergangenheit und weitere Charakterzüge.

Zu viele Details und Nebenhandlungen sind es letztlich, die die Handlung zerfasern und ihr nicht nur Spannung, sondern vor allem den Sog rauben, der einem beim Lesen fesseln könnte. Viele Verbindungen haben sich mir auch nicht erklärt, was womöglich auch einfach daran lag, dass ich bisweilen den Eindruck hatte, den Überblick zu verlieren und nicht mehr alles im Blick zu haben. Komplexität und Anspruch erhöhen sich nicht einfach dadurch, dass man eine immer größer werdende Anzahl von zusätzlichen Handlungssträngen hinzufügt. Hier wäre mir Tiefe beispielsweise bei der Figurenzeichnung oder der Motivation der einzelnen Figuren lieber gewesen.

Im Schreibstil durchaus ansprechend, thematisch ebenfalls attraktiv, aber in der Umsetzung hat das Buch leider nicht die Erwartungen erfüllen können.

Ein Dank geht an den Piperverlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Buch finden sich auf der Verlagsseite.

Nele Pollatschek – Dear Oxbridge

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Nele Pollatschek – Dear Oxbridge

Der Brexit ist nach jahrelangem Tauziehen seit 31. Januar vollzogen – Zeit also, auf unsere nicht mehr ganz so geliebten Nachbarn jenseits des Kanals zu blicken. Nele Pollatschek kennt sie gut, die Engländer, wobei das eigentlich nicht ganz stimmt. Mit Studium und Promotion in Cambridge und Oxford – kurz Oxbridge – hat sie Einblick in die Welt der Eliteinstitutionen gewonnen, die die Geschehnisse im Land maßgeblich bestimmen. Kaum ein führender Politiker oder Wirtschaftsboss, der nicht die exklusive Bildung einer der beiden Universitäten genossen hat, der sich nicht diese ganz eigene Mentalität angeeignet hätte, die die Absolventen schon von weitem erkennbar von ihren Mitbürgern unterscheidet. Es ist ein Mikrokosmos, der dort entstanden ist, der jedoch nur wenig mit dem Rest des Landes gemein hat. Da er aber der Nährboden für politische Entscheidungen ist und vor allem all jene, die den Brexit letztlich verantworten, hervorgebracht hat, lohnt der Blick auf diese ganz eigene Welt.

Nele Pollatschek beginnt mit dem schicksalsvollen Tag, dem 23. Juni 2016, der fortan die Nachrichten bestimmen würde. Sie ganz persönlich war von der Entscheidung, die EU zu verlassen betroffen. Nicht so sehr, weil sie als Deutsche nun um ihren Aufenthaltstitel bangen musste, sondern weil sie über Jahre hohe Schulden durch das teure Studium angehäuft hat, die durch den Absturz des Pfunds schlagartig reduziert wurden. Es gab also individuell doch auch ganz positive Aspekte des Brexit. Auf diese Anekdote folgt jedoch der Blick auf die harte Realität: der Weg an die exklusiven Universitäten ist steinig und war auch für sie zunächst von Misserfolg gezeichnet. Endlich angekommen, lernt sie eine völlig andere akademische Welt kennen als die, in der sie in Deutschland lernte. Aber nicht nur das Studium folgte eigenen Gesetzen, auch der Wohnungsmarkt hat seine Tücken. Es folgen eine Reihe von kurzweiligen Episoden über die kleinen aber feinen Unterschiede der beiden Länder, die man nur dann erkennen kann, wenn man lange genug in die fremde Kultur eintaucht und so manches Vorurteil entpuppt sich dann doch eher als weit verbreiteter gesellschaftlicher Wesenszug.

Es sind viele Versuche unternommen worden, das fatale Wahlergebnis jenes Junitages zu erklären. Vielfach wurde der Blick auf den vermeintlich „einfachen“ Bürger gerichtet, der gar nicht verstanden habe, was er eigentlich entscheidet oder gar gleich zu faul war, überhaupt an die Urne zu treten. Insofern ist Nele Pollatscheks Ansatz ein gänzlich anderer, blickt sie doch auf das andere Ende der sozialen Klasse, jenen kleinen Teil, der sich seit Jahrhunderten abschottet und selbst reproduziert. Genau hierin liegt eines der Probleme: es fehlt vielen Absolventen der Bezug zur Realität der sozialen Mittel- und Unterschicht, sie sind jedoch diejenigen, die wesentliche Entscheidungen über deren Alltag treffen. Dies klingt nun viel geißelnder als Pollatschek dies beschreibt, ihr Buch ist keine Klageschrift, sondern eine scharfsinnige Beobachtung, aus der sie schlichtweg die richtigen Schlüsse zieht. Der Brexit ist natürlich ein ganz zentraler Punkt, aber letztlich nur eins von vielen Phänomenen, die die beiden renommierten Universitäten hervorgebracht hat.

„Dear Oxbridge. Liebesbrief an England“ trägt den passenden Untertitel. Trotz all der Marotten der Briten, die sie nerven und die sie erst mühsam erkennen und erlernen musste, liebt sie dieses Land und die kleine Welt von Oxford und Cambridge. Besonders gefallen haben mir der unterhaltsam leichte Plauderton, mit dem sie ihre Erfahrungen schildert, witzig und auch mit einem Schuss Selbstironie schildert sie Erfolg wie Niederlage. Bei all der Kritik an der Exklusivität der Bildung kann sie aber auch überzeugend darlegen, warum genau die Art, wie dort gelehrt wird, sich eben drastisch von anderen Universitäten unterscheidet und diesen letztlich überlegen ist. Sie schließt ihren Bericht mit einem Kapitel über „kindness“, einen im deutschen nur schwer wiederzugebenden Begriff. Aber es ist genau diese Milde oder liebenswerte Güte, die wir in der aktuellen Situation gegenüber unseren britischen, jetzt etwas entfernteren Nachbarn walten lassen sollten.