Alison James – The Man She Married

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Alison James – The Man She Married

It is a pure coincidence that Alice makes the acquaintance of Dominic Gill. After her former fiancé had cancelled their wedding only days before it was supposed to take place, she didn’t really expect to meet anybody else to fall for. Dominic seems to be totally crazy asking her to marry him only weeks after they got to know each other, but why wait any longer if you feel it’s the right thing to do? Yet, there are some things they should have discussed before making the big step, e.g. do they want to have a baby, and it would have made sense to meet his mother and brother, but Alice does not worry too much about these things. Then one evening the police knock at her door and inform her about her husband’s death. When she comes to identify him, Dom’s brother is there insisting that the dead body does not belong to Dominic Gill. So who was Alice married to?

“The Man She Married” is a fast-paced thriller that shows how easily even intelligent and self-confident people may fall prey to fraudsters. As a reader, you are well aware of what is going on and at times, I got really annoyed with Alice’s mindlessness and naiveté, yet, I cannot say for sure that blinded by love I would assess Dom’s behaviour differently. With the main character’s sudden death, I wondered what else there was to come, but unexpectedly, Alison James made the hunt for Dominic’s real past as interesting as his deception of Alice.

Even though I have some doubts if it really is that easy to get fake identities or to take over somebody else’s life and to manage to keep up the facade of two lives simultaneously, I found it a gripping and spell-binding read.

Ali Smith – Herbst

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Ali Smith – Herbst

Der Sommer verabschiedet sich, geht zu Ende, wie auch das Leben von Daniel Gluck langsam aus ihm verschwindet. Mit 101 Jahren hat er viel erlebt und verbringt nun die Tage schlafend im Pflegeheim. Elisabeth besucht ihn dort regelmäßig, um ihm vorzulesen. Sie ist nicht seine Enkelin wie die Pflegerinnen denken, nicht einmal mit ihm verwandt, als Kind wohnten sie und ihre Mutter neben dem damals schon alten Mann und er hat auf ihren Spaziergängen nicht nur ihre Phantasie beflügelt, sondern auch ihre Liebe zu Kunst und Literatur geweckt. Vielleicht ist es gut, dass er nicht mehr sieht, wie sich die Welt verändert, nicht nur der Sommer muss weichen, sondern auch das England, das sie kannten. Das Land, das ihn einst aufgenommen hat und das nun vom Brexit gezeichnet und gespalten ist.

Ali Smiths Roman ist der erste Band eines nach den Jahreszeiten benannten Zyklus, der die Stimmung eines zerrissenen Landes mit einer ausdrucksstarken Poetik einfängt. Sie hat sich damit nicht nur endgültig in die Riege der ganz großen zeitgenössischen britischen Autorinnen katapultiert, sondern wurde hierfür auch auf der Shortlist für den Man Booker Prize 2017 honoriert.

Aus Charles Dickens‘ „Tale of Two Cities“ liest Elisabeth dem schlafenden Daniel vor. Passender als in Analogie zu der berühmten Anfangspassage des mehr als 150 Jahre alten Romans kann man die Stimmung in Großbritannien seit dem Referendum kaum zusammenfassen:

 „Im ganzen Land fanden die Leute, es sei das Falsche. Im ganzen Land fanden die Leute, es sei das Richtige. Im ganzen Land fanden die Leute, sie hätten eigentlich verloren. Im ganzen Land fanden die Leute, sie hätten eigentlich gewonnen. Im ganzen Land fanden die Leute, sie hätten das Richtige und andere hätten das Falsche getan.“

Elisabeth stellt sich jedoch nicht nur die Frage, in welcher Zeit sie lebt, sondern was Zeit überhaupt ist, ist eines der zentralen Rätsel des Romans. Ebenso wie jenes nach der Wahrheit, die die Protagonistin schon als Grundschulmädchen beschäftigt:

Es soll aber die Wahrheit sein, sagte Elisabeth. Es ist für die Nachrichten in Zeitgeschichte. Das merkt doch niemand, sagte ihre Mutter. Erfinde es selber. Die richtigen Nachrichten sind sowieso immer erfunden. Die richtigen Nachrichten sind nicht erfunden, sagte Elisabeth. Es sind Nachrichten. Über das Thema sprechen wir noch mal, wenn du ein bisschen älter bist, sagte ihre Mutter.“

Nachdem sie jahrelang den Kontakt zu Daniel Gluck verloren hatte, leben nun mit den Besuchen im Krankenhaus auch die Erinnerungen an ihre gemeinsamen Nachmittage wieder auf. Noch einmal wird sie das neugierige und wissbegierige Kind, das durch die Augen des weisen Mannes blicken und die Welt erkunden darf.

„Irgendetwas solltest du immer lesen, sagte er. Auch wenn du kein Buch in der Hand hast. Wie sollen wir die Welt sonst ergründen?“

Ist noch zu verstehen, was in England gerade geschieht? Können die Nachrichten die Stimmung einfangen und transportieren? Man sollte nicht so weit gehen wie Elisabeths Mutter, die sie als erfunden abstempelt, aber sie sind selektiv, arrangiert und mit einer gewissen Intention aufbereitet. Bleibt also nur noch die Literatur, um die Wahrheit der Welt zu ergründen? Zumindest eine Wahrheit, die der Figuren, die uns Ali Smith präsentiert. Sie könnte auch ganz anders sein, das wäre dann aber eine andere Geschichte.

David Nicholls – Sweet Sorrow

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David Nicholls – Sweet Sorrow

Ein Sommer, der alles ändert. Nachdem seine Mutter erklärt, dass sie sich trennen wird und auszieht, bleibt Charlie mit seinem arbeitslosen Vater allein zurück. Immer mehr verliert er die Lust auf Schule und nimmt nur widerwillig an den Abschlussprüfungen teil. Doch dann begegnet er zufällig Fran Fisher. Sie wiederzusehen hat jedoch einen Haken: er muss sich ihrer Schauspielgruppe Full Fathom Five anschließen und in Shakespeares „Romeo und Julia“ auftreten. Eigentlich nicht seine Welt, aber was tut man nicht alles für das Mädchen, das man liebt. Doch der Moment des Glücks sollte nur kurz währen, über ihm schwebt ein Damoklesschwert, das droht, alles zunichte zu machen. Und dann tritt die Katastrophe auch ein. Zwanzig Jahre später, kurz vor seiner Hochzeit, wird er wieder an diesen Sommer erinnert und muss sich der Frage stellen, ob er es wagen soll, Fran noch einmal zu treffen.

Wenn dem Autor eines hervorragend gelingt, dann das Lebensgefühl der Teenager einzufangen. Die Unsicherheiten, widersprüchliche Gefühle, das Schwanken zwischen cool sein oder seiner inneren Stimme folgen zu wollen, die typischen Probleme mit den Eltern und eine gewisse Plan- und Orientierungslosigkeit was die Zukunft angeht – all dies findet sich im Protagonisten Charlie Lewis, der dann durch das unerwartete Verlieben vollends ins Wanken gerät. Der erwachsene Charlie hätte sicher noch mehr sagen können und dürfen, bleibt jedoch eine Figur am Rande, die nur den Rahmen liefert.

„Sweet Sorrow“ war mein erster Roman von David Nicholls und er hat mich stark an die 90er Jahre Romane von Nick Hornby erinnert. Im Zentrum der Geschichte der sympathische Loser, dem nichts so richtig auf Anhieb gelingen will, der aber irgendwie liebenswert ist und ganz sicher das Herz am rechten Fleck hat. Das zeigt Charlie vor allem im Umgang mit seinem alkoholabhängig-depressiven Vater. Eigentlich hätte er selbst genügend Probleme, muss er sich auch noch um einen Erwachsenen Kümmern, der als Erzieher völlig ausfällt.

Was mich bei Hornby immer begeisterte, findet sich auch bei Nicholls: die musikalische Einbettung des Romans. Wer in den 90ern jung war und britische Musik liebte, wird seine große Freude an „Sweet Sorrow“ haben. Daneben überzeugt Nicholls damit, dass er die erste große Liebe nicht verklärt und überhöht und zu dieser bittersüßen Liebesgeschichte den Jugendlichen auch die Realität in Form der Eltern aufbürdet.

Die erste Liebe, präsentiert wie ein Popsong, den man einen Sommer lang in Dauerschleife hört und doch nicht überdrüssig wird und der einem Jahre später, wenn er zufällig wieder einmal im Radio läuft, an die Zeit erinnert und fröhlich mitträllern lässt.

Sibylle Berg – GRM. Brainfuck

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Sibylle Berg – GRM. Brainfuck

England nach dem Brexit. Der Klimakollaps hat das Land noch nicht eingeholt, das ist aber auch die einzige Katastrophe, die nicht über das Königreich hereingebrochen ist. Die Armen werden ärmer, die Reichen werden reicher, die Kinder und Jugendlichen sind chronisch vernachlässigt bis misshandelt, die Bevölkerung wird totalüberwacht, das Gesundheitssystem am Ende, Arbeit gibt es kaum mehr, die Computer mit ihren Algorithmen haben die Kontrolle übernommen. Vier Jugendliche, fast noch Kinder, schließen sich zusammen zu einer Zweckgemeinschaft, einem Familienersatz, und suchen nach dem Glück, das die Erwachsenen ihnen sicher nicht bieten können.

Sibylle Berg ist als Autorin bekannt, die vor harten Themen nicht zurückschreckt und mit scharfem Ton den Finger in Wunden zu legen weiß. Auch „GRM“ besticht durch eine bisweilen geradezu brutale Sprache, die nichts beschönigt, wo es nichts mehr zu beschönigen gibt, sondern die harten Wahrheiten beim Namen nennt. Die Begründung der Jury des Schweizer Buchpreises 2019 bringt schon so ziemlich alles auf den Punkt, was es zu dem Roman zu sagen gibt:

„In ihrem Roman «GRM» treibt Sibylle Berg den entfesselten Neoliberalismus auf die Spitze und attackiert eine moralisch verkommene Zwei-Klassen-Gesellschaft mit ihrer eigenen entfesselten Fantasie. Dieser Entwicklungsroman ist eine Mind Bomb von emotionaler Wucht.“

Die Geschichte befindet sich irgendwo zwischen Dystopie und beißender Satire und ist aufgrund des harten Tones, der zur Handlung hervorragend passt, keine leichte Lektüre. Die schlimmsten Auswüchse einer Gesellschaft treibt Berg einfach noch ein bisschen weiter: noch mehr Überwachung, noch mehr Gewalt (die nun auch gar niemanden mehr zu interessieren scheint), noch mehr Drogenrausch. Das Männer- und Frauenbild bewegt sich indes rückwärts und wird letztlich nur noch reduziert auf die Dichotomie „er bestimmt-sie untergibt sich“.

„Auch Rochdale wurde unerfreulich. Immer mehr Menschen bewaffneten sich, täglich gab es Schlägereien. Schwule wagten sich nach Einbruch der Dämmerung nicht mehr auf die Straßen, Frauen dito. Aber das nur am Rande, am Rande der Welt, die in eine neue Phase der Widerwärtigkeit taumelte. Ja, es ging allen besser.”

So bösartig und zynisch die Figurensteckbriefe erscheinen, reduziert und zugespitzt auf den Punkt, so sehr wachsen einem die vier Jugendlichen ans Herz.

„Die Kinder gehörten zur neu definierten Generation Z. Das Ende des Alphabets. Das Ende der Nahrungskette, gut erforscht, um Produkte besser verkaufen zu können. Sie waren die zweite Welle von Digital Natives. Körperlich verbunden mit digitaler Technologie, waren sie in Ermangelung irgendeiner Perspektive zur Darsteller-Generation geworden.”

Don, Peter, Hannah und Karen sind alle auf ihre Weise Außenseiter, von ihren Familien vergessen, von der Welt gemieden haben sie nur noch sich.

Ein Roman, der an die Substanz geht und doch in all seiner Drastik notwendig ist, damit niemand sagen kann, man hätte es ja nicht vorher wissen können. Für mich an mancher Stelle etwas zu viel, aber vermutlich hat es genau das gebraucht: ein Milieu, über das man nicht lesen will; Gewalt, die man nicht ertragen kann; eine Politik, die jede Menschlichkeit verloren zu haben scheint.

Sam Byers – Schönes Neues England

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sam Byers – Schönes Neues England

London war gestern, heute trended die Provinz. So wie Edmundsbury mit seinem Technologie Park und den zahlreichen ansässigen IT Firmen. Darunter auch The Arbor, eine Firma, die per Gamification das Maximum aus ihren Mitarbeitern herausholt. Sie ist es auch, die aus einer heruntergekommenen Wohnanlage eine lebenswerte und voll automatisierte Luxus-Siedlung gestalten will. Die Politiker brüsten sich mit dem Deal, doch nur so lange, bis die Kehrseite publik wird. Die armen, kleinen Leute, die dafür weichen müssen. Ein Scoop für Journalisten wie Robert Townsend, der in unmittelbarer Nähe wohnt und plötzlich genau die Menge an Internet Aufmerksamkeit erhält, von der er immer geträumt hat. Dass er sich dafür von seiner Freundin entfremdet, bemerkt er kaum im medialen Höhenflug. Ein großes Projekt, das plötzlich auf Widerstand stößt und die Stimmung aufheizt, eine Welt, die mehr online als offline stattzufinden scheint und in der Beziehungen fragil wie nie zuvor sind.

Sam Byers entwirft eine Welt, die man irgendwo zwischen Dystopie und bösartiger Satire einordnen möchte, aber die zu real scheint, um sie nur als Fiktion wahrzunehmen. Die Mechanismen, die er entlarvt, sind die, denen wir tagtäglich begegnen; das Verhalten seiner Figuren ist symptomatisch für unsere medial gesteuerte Welt. Ein erschreckendes Szenario, das womöglich von der Realität bereits überholt wurde, ohne dass wir uns dessen bewusst wären.

Es gibt viele interessante Aspekte, die allesamt auffällig authentisch wirken und so den fiktionalen Anstrich verlieren. Die Hightech Firma, die die Infrastruktur einer Siedlung erneuern möchte und deren Absichten bestens verschleiert sind, so sehr, dass selbst leitende Mitarbeiter keinen Überblick darüber haben, woran sie eigentlich arbeiten. Die Bewohner jenes Fleckchens, die man systematisch bedrängt und bedroht und denen wenig subtil das Verschwinden nahegelegt wird. Politiker, die aus der Not der Leute Profit zu schlagen versuchen und nur den Blick auf die nächste Wahl richten. Der Reporter, dem es weniger um Inhalte als um Klicks geht und der erkennt, dass er erst dann ganz oben angekommen ist, wenn er ausreichend viele Hassmails und Morddrohungen bekommt. Daneben anonyme Gruppen, die sich hinter Pseudonymen und Avataren verstecken und durch gezielte Provokation Stimmung machen.

Man rauscht durch die Geschichte und erkennt unsere Welt wieder – in jeder absurden Szene. Besonders die Mechanismen, die in der online Welt greifen fand ich faszinierend, wie etwa die simple Möglichkeit, sich mehrere Identitäten zu erschaffen und diese gezielt einzusetzen. Auch der schmale Grat zwischen Bewunderung und nicht mehr nur verbalem Hass wird glaubwürdig aufgezeigt. Die Dynamiken des Netzes bestimmen nicht nur das Handeln, sondern sogar das Denken.

„Wie war es so weit gekommen? Ihr wurde wieder bewusst, wie nahe sie sich einmal gewesen waren – und dass sie über dasselbe Medium Intimitäten ausgetauscht hatten, das sie heute nutzten, um einander zu verletzen.“

Das globale Netz hat die Welt zusammenrückenlassen und verkleinert, doch nun droht es in das Gegenteil umzuschlagen und zu entfremden. Auf der menschlichen Ebene eine wirklich nachdenklich stimmende Entwicklung, die Sam Byers hervorragend literarisch umgesetzt hat.

„War das nicht mehr normal? Sollte er sich für so was neuerdings entschuldigen?“

Es gibt noch eine hochaktuelle Nebenhandlung um einen Politiker, die genial eingebaut wurde, deren absurde Wirklichkeitsgetreue fassungslos macht. Das Zitat verrät nicht, worum es geht, aber allein nur für diesen Handlungsstrang hat die dazugehörige Figur hat der Autor alle Sterne, die man vergeben könnte, verdient.

Jennie Rooney – Red Joan

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Jennie Rooney – Red Joan

Als Joan im Januar 2005 die Einladung zur Beerdigung von Sir William Mitchell erhält, weiß sie, dass nach all den Jahrzehnten die Wahrheit offenbar doch ans Tageslicht gekommen ist. Kurze Zeit später fährt dann auch ein Wagen vor und Ms Hart und Mr Adams informieren sie, dass dem House of Commons ihr Name als einer der russischen Agenten im Zweiten Weltkrieg mitgeteilt werden wird. Lange Tage der Befragung stehen ihr bevor, die sie zurück ins Jahr 1937 führen als sie am Newnham College in Cambridge ihr Studium der Naturwissenschaften begann. Dort lernte sie Sonya kennen, Jüdin ursprünglich aus Russland, aktuell vor den Nazis aus Deutschland geflohen, und deren Cousin Leo kennen, in den sich Joan verliebt und für den sie bereit war, ihr Vaterland zu verraten.

Jennie Rooneys Roman basiert auf der Lebensgeschichte von Melitta Stedman Norwood, die mehr als 30 Jahre als Sekretärin in einer staatlichen britischen Forschungsanstalt dem KGB wichtige Erkenntnisse über die Aktivitäten im Vereinigten Königreich geliefert hatte und erst 1999 entlarvt wurde. Die Autorin zeigt in „Red Joan“ jedoch nicht einfach wie eine junge Frau dem Charme eines russischen Agenten erliegt und für diesen zur Spionen wird, sondern lässt den Leser Joans komplexe Gedanken nachvollziehen, die einem verstehen lassen, weshalb sie sich zu diesem Schritt entschieden hat – für mich eine gut fundierte Überlegung, die weit über den Horizont von Nationalstaaten hinaus geht.

Die Handlung spielt sich auf zwei Zeitebenen ab, die Befragung innerhalb weniger Tage im Jahre 2005 und Joans Erinnerung an die Zeit ab Ende der 1930er Jahre. Als gutbehütetes Mädchen kommt sie unbedarft nach Cambridge und freundet sich mit der lebenslustigen Sonya an. So erhält sie Zugang zu politischen Debatten, die ihr zuvor fremd waren, vor allem die Exilrussen, die der Idee des Kommunismus anhängen, faszinieren sie. Auch wenn sie durch ihre Verliebtheit in Leo bisweilen den Fokus verliert, bleibt sie doch eine rationale Naturwissenschaftlerin und durchdenkt ihr Handeln. Als Mitarbeiterin Max‘ Labor ist sie bereit, Informationen zu stehlen und weiterzureichen, aber es ist die Atombombe auf Hiroshima, die für sie das entscheidende Moment darstellt: wenn nur ein Land der Welt über diese Waffe verfügt, sind dann nicht alle gefährdeter als wenn es ein Kräftegleichgewicht gibt, das sich aufhebt? Kann die gegenseitige Bedrohung nicht auch ein Garant für Frieden sein? Alle haben das Ausmaß der Zerstörung und des Leids in Japan gesehen, niemand kann sich das für sein eigenes Land wünschen.

Neben den klassischen Agenten-Geschichten wie sie John Le Carré mit seinen George Smiley Romanen oder auch Ian Fleming mit James Bond erzählen, tauchen in den letzten Jahren vermehrt auch die Geschichten um die weiblichen Agenten auf, wie etwa in Ian McEwans „Sweet Tooth“ oder Kate Atkinsons „Transcirption“. Jennie Rooneys Geschichte bietet neben den politischen Aspekten vor allem interessante Charaktere mit komplexen Beziehungen und etliche unerwartete Wendungen, sicherlich mit ein Grund dafür, dass sich die große Judy Dench als Schauspielerin für die Rolle der Joan in der 2018er Verfilmung hat gewinnen lassen.

Jo Baker – The Body Lies

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Jo Baker – The Body Lies

After having been assaulted on her way home a couple of years before, a young writer never feels secure in her London house anymore. When she is offered a job by a remote university, this could not only solve the small family’s financial problems but also bring her away from the bad memories. She is supposed to take over a creative writing course and soon figures out that she is completely left alone since her colleague who was supposed to mentor her is on a leave. The trimester starts slowly but she gets along well with her students even though they seem to be quite unique. When they read out their first writing attempts, the situation becomes complicated since one of them, Nicholas Baker, insists on only telling the truth and not inventing anything which is not taken very well by his fellow students. As the time advances, the professor feels more and more uncomfortable around him and his texts as they become increasingly more personal and Nicholas develops into a real stalker who is ready to turn his bizarre fantasies into reality making her the protagonist of his weird story.

“The Body Lies” is completely different form Jo Baker’s novel “Longbourn” which I read and enjoyed a couple of years ago. Reading it was not easy at times since, due to her vivid style of writing, you can imagine the event narrated without any problem and some of the violence really gets under the skin. This is really a psychological thriller as you follow the invasion of the protagonist’s private life and you are not sure if there could actually be a happy ending.

What I liked most about the novel was that, apart from being suspenseful and entertaining as a psychological thriller, it also conveys an authentic picture of reality and an important message. The unnamed professor is exposed to violence and does not really have a chance to fight the men who assault her. Defending herself would have led to more injuries in the first case and in the second, she feels ashamed for what happened to her which, unfortunately, is quite common. But not only the physical violence hurts her, it is first and foremost the psychological threat that slowly hurts her and the fact that she has nobody to believe her version of the story makes it even worse. Sadly, I have no doubt that the story told could happen anywhere everyday.

A great read even though it is at times hard to support.

Kamila Shamsie – Home Fire [dt. Titel: Hausbrand]

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Kamila Shamsie – Home Fire 

Isma kann sich endlich ihren Traum erfüllen und in den USA ihren Doktortitel erwerben. Viele Jahre hat sie sich nach dem Tod der alleinerziehenden Mutter um ihre beiden jüngeren Geschwister Aneeka und Parvaiz gekümmert, doch diese haben nun die Schule beendet und stehen auf eigenen Beinen. Isma hat Sorge, dass man sie als Muslimin am Flughafen aufhalten könnte, doch alles geht glatt. In Massachusetts lernt sie den Briten Eamonn Lone kennen, der ihr anbietet, ein Geschenk für ihre Tante mit zurück nach London zu nehmen. Dort macht er Bekanntschaft mit Aneeka und verliebt sich sogleich in die junge Frau. Dies scheint auf Gegenseitigkeit zu beruhen, doch er weiß nicht, dass Aneeka ihn missbraucht, denn Eamonns Vater ist der Innenminister und dessen Hilfe braucht Aneeka, um ihren Bruder zu befreien. Dieser sitzt in Rakka unter Islamisten und will einfach nur zurück nach England.

Kamila Shamsies Roman stand auf der Longlist für den Man Booker Prize 2017 und gewann im folgenden Jahr den Women’s Prize for Fiction. Die Thematik könnte kaum aktueller und kontroverser sein: wie umgehen mit Muslimen bei der andauernden Bedrohung durch den IS und seine Handlanger? Was tun mit den Landsleuten, die sich der Terrororganisation angeschlossen haben? Wie den unbescholtenen Bürger vom potentiellen Attentäter unterscheiden? Gleichzeitig wird aber auch die ganz private und individuelle Problematik der Identität, wenn man zwischen zwei Kulturen aufgewachsen ist, angesprochen und ebenso das Aufeinandertreffen von öffentlichen und privaten Interessen, die nicht zu vereinen sind. Viel food for thought und zugleich eine elegante und doch reduzierte Sprache, die auf unnötig blumige Metaphorik verzichtet.

Man weiß eigentlich nicht, wo man beginnen soll, bei all den begeisternden Facetten der Erzählung. Sie ist eine moderne Fassung von Sophokles „Antigone“ (wobei sie bei der Schwesternstruktur eher Anouilh folgt), eine junge Frau, die für ihren Bruder mit einem mächtigen Gegner kämpft und ihren innersten Überzeugungen folgt und dafür alle Konsequenzen in Kauf nimmt. Parvaiz‘ Anwerbung für den IS wird ebenfalls glaubwürdig und nachvollziehbar geschildert. Der homegrown oder domestic terrorism hat zunehmend Einzug in die Literatur gefunden, sowohl in Krimis und Thrillern (z.B. Joakim Zanders „Der Bruder“ oder Daniel Silvas „Die Attentäterin“) wie auch in Theaterstücken oder anspruchsvoller Literatur (Hanif Kureishis „Black Album“ etwa) wird ergründet, wie ein scheinbar gut integrierter junger Mensch sich plötzlich gegen sein Heimatland wendet. Parvaiz schliddert ahnungslos in sein Schicksal, doch der Hauptkonflikt verläuft letztlich zwischen Eamonn und seinem Vater.

Sicherlich mit eines der anspruchsvollsten Bücher der letzten Jahre, das geschickt eine sehr alte Grundsatzproblematik mit einem hochmodernen Thema verknüpft.

John Lanchester – Die Mauer

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John Lanchester – Die Mauer

Zwei Jahre Dienst hat er vor sich, zwei Mal 365 Tage Ödnis und Verzicht, die Joseph Kavanagh wie alle anderen auch hinter sich bringen muss. Es geht nicht anders, sie müssen die Mauer beschützen, dafür sorgen, dass die Anderen nicht hereinkommen und ihr Land überrennen. Das ist der Preis des großen Wandels. Der Anfang ist hart, doch bald schon gewöhnt er sich an den Dienst und die damit verbundenen verlässlichen Routinen. Ein steter Wechsel von Wachen und Ruhen, nur durch Übungseinheiten unterbrochen, die ihre Aufmerksamkeit stärken und ihre Kampfkraft für den Ernstfall erhalten sollen. Der Ernstfall, auf den man immer gefasst sein muss, der aber nie eintreten soll. Doch dann ist es plötzlich so weit.

Die Kurzbeschreibung zu John Lancasters Roman war vielversprechend. Sie erweckte für mich den Anschein als wenn der Autor die aktuellen Ereignisse um die vermeintlich unkontrollierte Zuwanderung oder auch das Abschotten der Briten gegenüber Migranten, aber auch gegenüber der EU, als Anlass für eine Dystopie genommen hätte. Leider bleibt das Buch jedoch hinter jeder politisch und auch gesellschaftlich relevanten Frage zurück, sondern beschränkt sich weitgehend auf die Figurenebene und die unmittelbaren Auswirkungen des sogenannten Wandels auf diese. Das große Ganze können sie nicht überblicken, weshalb auch der Roman für mich hinter seinen Möglichkeiten bleibt.

Ohne Frage gelingt es Lancaster, die Empfindungen vor allem Joseph Kavanaghs überzeugend darzustellen. Die Figur wirkt glaubwürdig und authentisch, auch wenn ihre Vergangenheit weitgehend ausgeblendet und Kavanagh auf die unmittelbare Gegenwart beschränkt wird. Das Leben in der neuen Zweckgemeinschaft, das Überleben nach dem Überfall – all dies wirkt in sich stimmig und nachvollziehbar. Dies kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Kavanagh und seine Weggefährten letztlich kleine Figuren in dem Spiel sind, die unbedeutend, gar verzichtbar sind und weder einen Einfluss auf die Geschehnisse nehmen, noch erkennen, was um sie herum geschieht. So austauschbar sie in dem neuen System sind, so irrelevant bleibt letztlich der Roman, der aufgrund der Reduktion auf diese beschränkte Perspektive keine großen Fragen aufwirft, keine neuen Szenarien entwirft und vor allem keine Wege für die Zukunft aufweist.

Fiona Barton – The Suspect

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Fiona Barton – The Suspect

It was supposed to be the best time of their life: Alex and Rosie fly to Thailand after their A-levels to travel and party. But then, things go completely wrong and now the two girls are dead. What happened in the burnt-down-guesthouse? And where is that English boy who might have seen them last and is obviously closely linked to the fire? The parents fly to Bangkok and reporter Kate Waters comes with them to cover the story. But what they find out isn’t what they had expected: Kate’s son Jake is the wanted English boy who is now on the run and prime suspect in the murder of Alex and Rosie.

Again, Fiona Barton could well entertain me with a plot with many twists and turns and a story full of suspense. The narrative does not follow chronology and is told from alternating perspectives which I found great since it provides a lot more depth for the characters on the one hand and keeps suspense high on the other. In the end, the case is solved without leaving any questions open.

What I liked most were actually the very different characters who seemed all quite authentic to me: first of all the two young women who could hardly be more different. Quiet Alex who wants to see the country and learn about the culture and Rosie just expecting to have a good time partying. That this combination wouldn’t work out too long is pretty obvious. The girls behave like typical teenagers do on their first trip alone far away from the parents, they are careless and easily fall prey to all kind of wrong-doers. Also their mothers are portrayed in convincing ways, especially Jenny who is very bitter after her husband left her alone with the daughter.

Most interesting of course is Kate whose role changes massively throughout the story: from the nosy reporter she herself becomes the target of the press and has to endure what is written about her boy without being able of doing anything against it.

Altogether, a perfectly pitched thriller that keeps you reading on and on and on to find out the truth about what happened in Thailand.