Eva Eich – Escape Room: Gefangen im Schnee

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Eva Eich – Escape Room: Gefangen im Schnee

Das Abenteuerspiel in Buchform. Nur wenn man am Ende des Kapitels die richtige Lösung hat, führt diese einem zum nächsten Abschnitt in der Handlung. „Escape Room – Gefangen im Schnee“ wird als Thriller mit 20 Rätseln angekündigt. Die Hintergrundgeschichte ist der Tod eines Metzgereibesitzers Schmitzgebel, dessen Sohn Jonas von München in die Provinz nach Lauffingen fährt, um den Nachlass zu regeln. In der Familienvilla findet er in einem Umschlag mit seinem Namen die erste Aufgabe. Gemeinsam mit dem angestellten Metzger Max Wegner folgt er den Spuren, die jemand für ihn gelegt hat, um ein großes Familiengeheimnis aufzudecken.

Die Idee hinter dem Buch hat mich direkt angesprochen, als Lese- und Rätselfan schien mir die Verbindung ausgesprochen reizvoll. Eine kurze Recherche zeigt, dass es bereits eine ganze Reihe von Büchern gibt, die diesem Prinzip folgen. Mein Ebook war allerdings nicht interaktiv, womit der ganze Witz irgendwie weg war, in der gedruckten Version dürfte das aber kein Problem darstellen, weil man direkt zur Anschlussseite finden sollte.

Die Geschichte war leider nur mäßig spannend, von Thrill war hier nicht viel zu spüren. Auch sprachlich wirkte der Text leider ziemlich flach und lieblos, so richtig wollte keine Spannung aufkommen und da die Handlung recht vorhersehbar war, blieben nur noch die Rätsel, die zumindest die Neugier weckten. Leider wurden auch hier meine Erwartungen nicht erfüllt, die Aufgaben sind entweder bekannt oder so simpel, dass auch 10-Jährige sie schnell lösen können dürften.

Das Konzept finde ich immer noch gut und werde gerne auch noch andere Escape Room Bücher lesen, „Gefangen im Schnee“ indes konnte mich leider nicht überzeugen.

Alison James – The Man She Married

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Alison James – The Man She Married

It is a pure coincidence that Alice makes the acquaintance of Dominic Gill. After her former fiancé had cancelled their wedding only days before it was supposed to take place, she didn’t really expect to meet anybody else to fall for. Dominic seems to be totally crazy asking her to marry him only weeks after they got to know each other, but why wait any longer if you feel it’s the right thing to do? Yet, there are some things they should have discussed before making the big step, e.g. do they want to have a baby, and it would have made sense to meet his mother and brother, but Alice does not worry too much about these things. Then one evening the police knock at her door and inform her about her husband’s death. When she comes to identify him, Dom’s brother is there insisting that the dead body does not belong to Dominic Gill. So who was Alice married to?

“The Man She Married” is a fast-paced thriller that shows how easily even intelligent and self-confident people may fall prey to fraudsters. As a reader, you are well aware of what is going on and at times, I got really annoyed with Alice’s mindlessness and naiveté, yet, I cannot say for sure that blinded by love I would assess Dom’s behaviour differently. With the main character’s sudden death, I wondered what else there was to come, but unexpectedly, Alison James made the hunt for Dominic’s real past as interesting as his deception of Alice.

Even though I have some doubts if it really is that easy to get fake identities or to take over somebody else’s life and to manage to keep up the facade of two lives simultaneously, I found it a gripping and spell-binding read.

Lina Bengtsdotter – Löwenzahnkind

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Lina Bengtsdotter – Löwenzahnkind

Das Verschwinden einer 17-Jährigen führt Charlie Lager zurück in den Ort ihrer Kindheit, den sie nicht nur vergessen, sondern völlig aus ihren Gedanken löschen wollte. Schnell kommen in der trostlosen Provinz, die Kindern und Jugendlichen außer Drogen, Alkohol und Gewalt nichts zu bieten hat, die Erinnerungen wieder hoch. Und wie zu erwarten war, mauern die Einheimischen, niemand will etwas gesehen haben oder über den Abend wissen, an dem sich Annabelles Spur verliert. Charlie versucht herauszufinden, wer das Mädchen war, das scheinbar gerne zur Schule ging und wissbegierig war, andererseits aber immer wieder gegen die Regeln der Eltern verstieß und am Wochenende wie alle anderen auch die sie umgebende Tristesse versuchte zu ertränken.

Lina Bengtsdotter hat ihre Thriller Serie um die Polizistin Charlie in ihrem Heimatort Gullspång angesiedelt, eine Kleinstadt abgehängt von der Großstadt und mit wenig Perspektiven. Der erste Band erzählt nicht nur die Suche nach dem verschwundenen Mädchen, sondern gibt auch erschreckende Einblicke in Funktionsweisen der kleinen Gemeinschaft, wo jeder alles über jeden weiß und dennoch Geheimnisse über Jahrzehnte gut gehütet werden. Auch die Protagonistin trägt so einiges an Ballast mit sich herum, Dämonen, die mit der Rückkehr wieder zum Leben erwachen.

Der Roman lebt davon, dass jede Begegnung, jede Tür, die geöffnet wird, das Potenzial hat, die Handlung in eine völlig neue Richtung zu lenken oder der ohnehin kaum auszuhaltenden Trostlosigkeit ein weiteres Mosaiksteinchen an trauriger Realität hinzuzufügen. Gullspång hat wenig gemein mit dem fröhlichen und ausgelassenen Midsommar, den man so gerne für die Darstellung Schwedens bemüht, sondern bietet eine brutale Sommerhitze, die die aufgeheizte und angespannte Stimmung noch verschärft. Die Spannung lebt vor allem von der feindseligen Atmosphäre, weder die Menschen noch die Natur wirken einladend oder freundlich, im Gegenteil, wir sehen eigentlich nur die feindselig-destruktiven Seiten.

Aus psychologischer Sicht ein interessantes Sammelsurium an Figuren, die auch viel Potenzial für weitere Bände haben. In dieser Umgebung aufzuwachsen geht nicht ohne Spuren zu hinterlassen. Ich bin gespannt, was in der Ermittlerin Charlie noch versteckt ist.

Victoria Jenkins – The Argument

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Victoria Jenkins – The Argument

Olivia is a typical 15-year-old girl who is fighting with her parents about going to parties, who is unsure of how to dress and how to behave in school and daydreaming about finally getting away from her family. Except she isn’t. Her life has two sides: on the outside, there is the loving mother in the caring home, on the inside, Olivia and her smaller sister Rosie grow up much more than overprotected. Their parents keep them away from the life outside their small home. They are allowed to school, but not much more. Never can they visit or invite friends, never can they really bond with anybody outside their family. When one evening Olivia sneaks out to go to a party, she sets in motion a series of events that will reveal much more about the family than just explain this very uncommon behaviour of the parents.

The story is told alternately from Olivia’s and her mother Hannah’s perspective. Quite cleverly, Victoria Jenkins first makes you believe in a fairly ordinary phase of rebellion of a teenager. Olivia behaves just like any other girl her age and seems to overdramatise her family life. Yet, slowly and almost unnoticed, something else creeps in and step by step, the image and idea you formed about the family shifts until you have to throw all your assumptions over board.

“The Argument” is a cleverly constructed psychological thriller which captivates the reader with the unexpected development of the characters. Both mother and daughter are actually equal protagonists, the age difference and uneven roles do not really make a difference. You focus on their subtle fight, the bits and pieces of their lives that lie beneath the surface and one after the other come out make them turn into realistic and multifaceted characters. While being occupied with the two women, you overlook the real danger and in the end, it is not easy to come to a final verdict on wrong-doings.

A spell-binding novel which does not offer the immediate thrill but which captivates you at a certain point and in the end, does not leave you without a melancholy feeling.

Helen Fields – Die perfekte Strafe

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Helen Fields – Die perfekte Strafe

Eine junge Frau wird tot aufgefunden. Was hatte sie in der eisigen Nacht auf dem Berg zu suchen und weshalb war sie nicht bekleidet? Anzeichen von Gewalt gibt es augenscheinlich keine, erst die Blutprobe weist auf Drogen hin – doch Lily war eine erklärte Gegnerin von allen Substanzen. Auch die Leiterin einer Wohltätigkeitsorganisation schwebt in Lebensgefahr, denn der nette junge Mann, der sie seit Neuestem unterstützt, hat eine eigene Agenda, die so gar nichts mit Nächstenliebe zu tun hat. DCI Ava Turner und ihr Kollege Luc Callanach stehen unterdessen immer noch unter Schock: scheinbar hat ihr ehemaliger Vorgesetzter Selbstmord begangen. Doch es gab keine Anzeichen für eine solche Tat. Ava kann und will das Ergebnis nicht hinnehmen und kommt bald schon Ungereimtheiten auf die Spur – die jedoch direkt zurück zur Polizei führen.

Teil drei für das Ermittlerduo aus Edinburgh, der beide auch ganz privat weit über ihre Grenzen hinaus führt. Auch ohne die beiden Vorgänger zu kennen, lässt sich mit „Die perfekte Strafe“ gut in die Serie einsteigen. Helen Fields gelingt es hier vor allem, die persönliche Seite der Ermittler und die Zwiespälte, denen sie ausgesetzt sind, zu offenbaren: Gefühl und Verstand lassen sich nicht immer ganz einfach unter einen Hut bringen, wenn beide auch dasselbe Ziel von Gerechtigkeit verfolgen.

Die Mordfälle scheinen zunächst völlig lose zu sein und es dauert, bis die Verbindungen sich zeigen und die Polizei überhaupt einen Ansatzpunkt findet. Die Komplexität hätte auch nicht höher sein dürfen, der Thriller ist schon recht anspruchsvoll, wenn man keinen der Handlungsstränge aus dem Auge verlieren möchte. Durch die geschickte Verwebung nimmt die Spannung dann aber kontinuierlich zu und steigert sich bis zum passenden Schluss.

Besonders konnte mich jedoch der Erzählton der Autorin begeistern. Treffsichere Formulierungen laden immer wieder zum Schmunzeln ein und brechen den brutalen Polizeialltag und die Anspannung auch immer wieder an den richtigen Punkten auf. Dies nutzt sie insbesondere da, wo auch der unterschwellige Sexismus in den Ermittlungsbehörden sich zeigt, um diesen bloßzustellen und ins Abseits zu rücken. Ein insgesamt vielschichtiger und anspruchsvoller Thriller, bei dem alles passt.

Ilaria Tuti – Eiskalte Hölle

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Ilaria Tuti – Eiskalte Hölle

Das norditalienische Bergdörfchen Travenì wird von einem brutalen Mordfall erschüttert. Nicht nur wurde ein geschätzter Bewohner aus der Mitte der kleinen Gemeinschaft gerissen, nein, er wurde mit bloßen Händen getötet und dann hat man ihm die Augen ausgerissen. Was für ein Mensch kann für so eine Tat verantwortlich sein? Auch die herbeigerufene Kommissarin Teresa Battaglia kann sich nur schwer einen Reim auf die Psyche des Mörders machen, fürchtet jedoch schnell, dass es noch weitere Opfer geben wird und zu ihrem Leidwesen behält sie Recht damit. Ein grausames Wesen treibt sich im Wald im das Dorf herum, auch die Kinder haben ihn schon gesehen und nennen ihn nur das Gespenst, weil er leichenblass ist und mit seiner Umwelt verschmilz und so geradezu unsichtbar wird, wenn er nicht gesehen werden will. Teresa hat es mit einem schwer greifbaren Gegner zu tun, doch noch ein anderer Feind setzt ihr zu: ihr eigener Körper. Wird dieser den Strapazen der winterlichen Ermittlungen standhalten und sie den Fall noch lösen können?

Das Thrillerdebut der italienischen Autorin packt den Leser schon nach wenigen Seiten. Leider wurde beim deutschen Titel einiges verschenkt, da die Aussagekraft des Originals („Fiori sopra l’inferno“) verloren geht, die im Buch wieder aufgegriffen wird und mit ein Schlüssel zur Lösung des Falls ist. Genau dieses ist es auch, dass den Roman von anderen des Genres abhebt: es gibt mehr zwischen Himmel und Erde als uns bewusst ist und es gibt Menschen, die eine besondere Verbindung zur Natur haben und mehr wahrnehmen können als andere. Ein schreckliches Ereignis ermöglicht den Blick in die Hölle, den man nie wieder loswird. So geht es Teresa, die ihre Dämonen ständig im Zaum halten muss, so geht es dem Täter. Nur hierüber kann sie sein Denken verstehen, nur so kann sie ihn fassen.

Ein Thriller kann auf vielerlei Weise beeindrucken. Die geschilderte Brutalität, die völlig degenerierte Psyche eines Täters, die clever konstruierte Handlung, das Charisma und der Intellekt des Ermittlers. „Eiskalte Hölle“ fasziniert jedoch durch etwas anderes – wenn hier auch die psychologischen Aspekte ebenso fesseln wie die Figur der Kommissarin – und rückt den Thriller schon stark in die Nähe eines Horrorromans. Die Schilderungen vor allem der Kinder, dass sie ein Wesen im Wald sehen, dass sie sich beobachtet fühlen, dass es eine nicht greifbare Präsenz gibt, jagen einem den Schauer den Rücken hinunter. Man weiß, dass es diese Figur gibt und man weiß, dass sie wieder zuschlagen wird und so beschleunigt sich der Herzschlag beim Lesen mehr als einmal. Vor lauter Sorge, dass doch wenigstens die Kinder verschont bleiben mögen, kann man gar nicht anders als weiterlesen.

Die Angst, die im Dorf umgeht, der Schrecken, der von den verstümmelten Opfern ausgeht – der real gewordene Grusel, dem man sich nicht entziehen kann. Doch dann gelingt der Autorin etwas Unerwartetes: in dem augenscheinlich Bösen erkennt ihre Protagonistin noch etwas ganz anderes und die einfache Dichotomie von Gut und Böse muss infrage gestellt werden. Ein fesselnder Roman, der sich förmlich in den Leser hineinschleicht.

Kimberly Belle – Solange du noch lebst

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Kimberly Belle – Solange du noch lebst

Nach der schwierigen Trennung von ihrem gewalttätigen Mann finden Kat und ihr 8-jähriger Sohn Ethan gerade wieder in einen geregelten Alltag. Der hochbegabte Junge hat es nicht leicht an seiner Schule, häufig wird er das Opfer von Mobbing, nichtsdestotrotz will er an einem Zeltlager teilnehmen. Doch nur wenige Stunden nach der Abfahrt steht die Polizei vor Kats Haustür: Ethan ist aus dem Camp verschwunden. Ein Feuer war in der Nähe ausgebrochen und in dem Chaos haben die Betreuer die Übersicht verloren. Kat glaubt nicht, dass Ethan einfach weglaufen würde, zu viel Angst hat er vor dem Wald und vor Dunkelheit. Kann ihr Exmann dahinterstecken? Aber weshalb sollte er das tun, er hätte ihn auch einfach nach einem Besuchswochenende nicht zurückbringen können. Als Stef, die Frau des Bürgermeisters, einen Anruf erhält, wird klar, was geschehen ist: nicht Ethan, sondern Stefs Sohn Sammy sollte entführt werden. Doch wie werden die Entführer reagieren, wenn sie merken, dass sie den falschen Jungen haben?

Kimberly Belles Thriller bietet genau das, was man von einer spannenden Geschichte erwartet: als Leser wird man quasi unmittelbar in die Handlung geworfen und die Schreckensnachrichten folgen in kurzen Abstand aufeinander. Besonders interessant wird der Roman an dem Punkt, als die Familie des Bürgermeisters in Spiel kommt und klar wird, dass auch dort ein Geheimnis zu suchen ist, eines, dass der Mann mit der scheinbar sauberen Weste bislang offenbar gut verstecken konnte. Beide Erzählstränge – die Suche nach dem verschwundenen Jungen wie auch die Machenschaften in der Politik – wechseln sich rasant ab, so dass man kaum zum Luft holen kommt.

Nachdem mich „So lange du lügst“ bereits überzeugen konnte, hat mich Kimberly Belle auch mit diesem Thriller vollends überzeugen können. Die Handlung ist spannend aufgebaut und nachvollziehbar konstruiert. Auch die Figurenzeichnung, allen voran die beiden Ehefrauen bzw. Mütter, die mit ihren Kindern bisweilen hadern und Zweifel an deren Vätern haben, agieren und wirken authentisch. Gut gefallen hat mir auch die Figur von Stefs Mutter, die mit ihren esoterischen Fähigkeiten versucht, die Energieströme zu messen. Einerseits völlig abstrus, bringt sie aber genau das gewisse Störfeuer herein, dass zusätzlichen Stress verursacht und die Figuren noch mehr unter Spannung stellt – genauso wie dies im echten Leben immer zum ungünstigsten Zeitpunkt vorkommt. Fazit: klare Leseempfehlung.

Yishai Sarid – Limassol

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Yishai Sarid – Limassol

Die Lage ist ernst, ein Anschlag steht Israel unmittelbar bevor, aber der Geheimdienst kommt dem Täter nicht wirklich nahe. Identifiziert hat man ihn, nur wo er sich rumtreibt, liegt noch im Dunkeln. Beim Verhör seines Bruders rastet der befragende Agent aus und prügelt ihn zu Tode. Statt weiterhin Informationen aus Gefangenen herauszupressen, wird er nun auf einen anderen Fall angesetzt. Über die Schriftstellerin Daphna soll er zu dem Araber Hani Kontakt herstellen, dessen Sohn ebenfalls im Verdacht steht, ein Attentat vorzubereiten. Während er langsam das Vertrauen der beiden gewinnt und sich mit ihnen in der Literatur- und Kunstszene bewegt, schreitet seine Ehe dem Ende entgegen. Den Grausamkeiten seines Berufs steht der Wunsch nach Nähe und Geborgenheit in der Familie entgegen. Beides scheint nicht mehr vereinbar. Und je näher er Daphna und Hani kommt, desto mehr muss er die Sinnhaftigkeit und Menschlichkeit seines Tuns hinterfragen.

Yishai Sarids Roman „Limassol“ erlaubt einen Blick in die angespannte Lage eines Landes, das sich im Dauer-Krisenzustand befindet. Dass die Realität die Fiktion wieder einmal überholen kann, zeigt sich aktuell im November 2019. Man kann nach der Lektüre die andauernde maximale Anspannung der Bewohner noch besser nachvollziehen und vor allem wird die ganz individuelle Zerreißprobe offenkundig: der Wunsch nach einem Leben in Sicherheit und der Schutz des Staates Israel stehen den persönlichen Begegnungen der Juden mit den Arabern gegenüber, ebenso die Infragestellung der Methoden von Polizei und Geheimdienst vor dem Hintergrund der Gewaltbereitschaft und Diskriminierung. In Yishai Sarids Protagonist vereint sich all dies zu einem hochexplosiven Gemisch.

Der Autor kennt als Israeli und ehemaliger Offizier im Nachrichtendienst die weitgehend verborgene Seite des israelischen Sicherheitsapparats. Dass er in den drastischen Schilderungen der Verhöre allzu viel Phantasie hat walten lassen, ist nicht anzunehmen. Die Figuren werden zu Beginn auch getrieben von der extremen Hitze, die selbst durch dickste Wände kriecht und sich nachhaltig auf den Gemütszustand auswirkt. Eine Entschuldigung für das Handeln ist dies jedoch nicht. Nur halbherzig wird auf den Tod des arabischen Verdächtigen reagiert, so ist es leicht die Wut der Gegenseite nachzuvollziehen. Von diesem unnachgiebigen und gefühlskalten Geheimdienstler ist jedoch am Ende nicht mehr viel übrig. Das Scheitern seiner Ehe, der Verlust von Frau und Kind haben auf ihn jedoch nur geringen Einfluss. Es sind ausgerechnet die Feinde, denen er sich verdeckt nähern muss, die den Wandel befördern. Fließend und geradezu unbemerkt schleicht sich etwas heran, das in ihm immer größer wird.

Während zunehmend Emotionen Einfluss auf sein Denken nehmen, die er als professioneller Spion gegenüber den Zielobjekten – die immer mehr zu Subjekten werden – nicht haben darf, nähert sich der Moment des Anschlags auf Hanis Sohn, den er angebahnt hat. Hier wird der Roman, der von einer ausgefeilten Figurenzeichnung des Protagonisten lebt, tatsächlich zum nervenaufreibenden und spannenden Politthriller. Man weiß nicht, wie er sich entscheiden wird, wie er sich entscheiden soll. Als Leser wird man in seinen Konflikt hineingezogen, ein Konflikt, für den es keine Lösung geben kann. Der Terrorismus hat die Figuren fest in der Hand, er diktiert die Logik im Kampf, eine Logik, die es nicht mehr gibt.

Sarid findet trotz der Gewalt und Brutalität, die er schildert, eine poetische Sprache, um seine Geschichte zu erzählen. So findet man sich in diesem absurden und paradoxen Gemisch wieder, gleichzeitig den Roman zu genießen und ihn eigentlich nicht lesen zu wollen. Aber genau so stellt sich ja die reale Lage in Israel dar – absurd und paradox.

Ein herzlicher Dank geht an den Verlag Kein & Aber für das Rezensionsexemplar. mehr Informationen zu Autor und Buch finden sich auf der Verlagsseite.

Horst Eckert – Der Preis des Todes

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Horst Eckert – Der Preis des Todes

Ihr berufliches Leben ist der Öffentlichkeit bekannt, Sarah Wolf ist eine der erfolgreichsten Polit-Talkerinnen des Landes. Ihr Privatleben jedoch ist geheim, denn wenn herauskäme, dass sie mit dem Staatssekretär des Gesundheitsministeriums liiert ist, würde ihre politische Neutralität in Frage gestellt. Als dieser ermordet aufgefunden und zudem schnell ein Zusammenhang zu einer Frauenleiche im Rheinland hergestellt wird, muss Sarah sich fragen, ob sie den Mann, den sie liebte und von dem sie zudem ein Kind erwartet, wirklich kannte. Da er kurz zuvor in einen Klinikskandal verwickelt war, liegt der Verdacht zunächst nahe, dass dies etwas damit zu tun haben könnte. Sarah hat nur begrenztes Vertrauen in die Polizei, die sie ebenfalls unter die Lupe genommen hat, und beginnt daher eigenständig nachzuforschen, schließlich ist sie ja investigative Journalistin. Sie ahnt nicht, welchen Spuren sie hinterherjagt und dass sie damit nicht nur sich selbst in Gefahr bringt.

Horst Eckerts Thriller dreht sich einmal mehr um Politiker und ihre Machenschaften jenseits des öffentlichen Bildes, das sie gerne möglichst makellos und volksnah zeichnen. In „Der Preis des Todes“ greift er den Lobbyismus im Gesundheitswesen auf und zeigt, wie weit über die Landesgrenzen hinaus Menschen sich rücksichtslos auf Kosten anderer bedienen.

Sowohl die Morde wie auch die politischen Zusammenhänge werden in dem Fall trotz der Komplexität des Themas spannungsgeladen und überzeugend umgesetzt. Die großen Zusammenhänge werden erst nach und nach sichtbar und enthüllen ein unglaubliches Geflecht an Machenschaften und Verstrickung von Wirtschaft und Politik. Nach den Skandalen der vergangenen Jahre hat man keine Zweifel daran, dass dies sich genau so zutragen könnte.

Einziger Abzug gibt es von mir für die Protagonistin, die mir etwas zu klischeehaft gezeichnet ist und sich durch waghalsigen Leichtsinn auszeichnet, der nicht nur übertrieben, sondern wenig glaubwürdig erscheint. Unabhängig von dieser Figur ein anspruchsvoller und spannender Politthriller.

Shari Lapena – Der zehnte Gast

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Shari Lapena – Der zehnte Gast

Es sollte ein entspannendes Wochenende in einem abgelegenen Hotel in den Catskills werden. Candice White will dort an ihrem neuen Roman arbeiten, der Strafverteidiger David Paley einfach nur ein wenig Abstand vom stressigen Alltag finden. Die hübsche Dana und ihr ebenbürtiger Verlobter Matthew, Spross einer reichen New Yorker Familie, entfliehen dem Hochzeitsvorbereitungsstress, während Lauren und ihr Partnern Ian einfach nur ein Wochenende ausspannen wollen. Für die Journalistinnen und Freundinnen Gwen und Riley beginnt der Ausflug schon nicht glücklich, im Schneegestöber rutschen sie von der Fahrbahn, bleiben jedoch glücklicherweise unverletzt. Für Beverly und ihren Ehemann Henry ist der Kurzurlaub vielleicht die letzte Chance ihre Ehe zu retten. Sie alle kommen bei Bradley und seinem Vater James unter. Doch was mit großen Erwartungen beginnt, entwickelt sich schnell zum Alptraum. Nicht nur haben sie keinen Internetzugang, als der Schneesturm zu einem Stromausfall führt und man Dana tot auffindet, verwandelt sich der Hotelaufenthalt zum Horrortrip. Doch die junge Frau sollte nur das erste Opfer sein, weitere werden folgen.

Mein vierter Roman der kanadischen Autorin hat mich etwas überrascht. Nicht, dass es ihm an Spannung gemangelt hätte, nein, in diesem Punkt wurden die Erwartungen einmal mehr voll erfüllt. In einem anderen Aspekt weicht dieser Thriller vom bekannten Muster der Autorin ab: Shari Lapena hat ein geradezu klassisches Setting à la Agatha Christie gewählt, das in Perfektion umgesetzt wird. Eine überschaubare Menge an Figuren, die sich an einem unerreichbaren, abgeschiedenen Ort aufhalten und über 2 Tage damit leben müssen, dass ein Mörder unter ihnen weilt. Die Tatsache, dass es nicht nur ein einziges, sondern am Ende sogar gleich mehrere, glaubwürdig motivierte Opfer gibt – gepaart mit einer zum Schmunzeln einladenden Wendung, die man jedoch erahnen konnte – unterstreicht jedoch einmal mehr, dass Lapena gegenwärtig zu den ganz großen Autoren der Spannungsliteratur zählt.

Man würde zu viel verraten, wenn man näher auf den Plot einginge. Die Handlung folgt einem bekannten Schema, das jedoch der Spannung und der Unterhaltung keinen Abbruch tut, ganz im Gegenteil, mir hat die moderne Variante des altbewährten Krimisettings gut gefallen. Besonders der kleine Spaß mit der Tatsache, dass nur eine Figur wiederholt Mordgelüste zumindest in Gedanken hegt und für diese teuer bezahlt, liefert neben dem Kriminalfall auch geradezu ironisch-schadenfreudige Aspekte.

Eine spannende Geschichte, in die man leicht eintaucht und dann genüsslich dem Morden folgt.