Marianne Cedervall – Schwedische Familienbande

Marianne Cedervall – Schwedische Familienbande

Samuel Williams muss die Großstadt verlassen, um in dem Dörfchen Klockarvik seine neue Stelle als Pfarrer anzutreten. Doch kaum ist er angekommen, ist es mit der beschaulichen Dorfruhe auch schon vorbei als er auf dem Friedhof die grausam zugerichtete Leiche von Finn Mats Hansson findet. Der Hotelbesitzer war gut bekannt und hat sich mit seinen Geschäften nicht wenige Feinde gemacht. Aber auch seine Ex-Frau, gerade durch eine Jüngere ersetzt, hätte durchaus ein Motiv, sich ihres Mannes zu erledigen. Ebenso sein Sohn, der um das Erbe fürchten muss. Statt sich auf das Seelenheil seiner neuen Schäfchen zu konzentrieren beginnt Samuel zu ermitteln, sehr zum Missfallen von Maja-Sofia Rantatalo, der zuständigen Kommissarin.

Marianne Cedervall hat ihren cosy crime Fall zu Beginn der Adventszeit angesiedelt, in der die Menschen eigentlich in besinnlicher Stimmung sein sollten, das schwedische Dorf jedoch durch den Mord aufgerüttelt wird. „Schwedische Familienbande“ greift mit dem in Eigenregie ermittelnden Geistlichen ein bekanntes Thema auf und unterscheidet sich damit stark von den typischen schwedischen Psychothrillern, die in nervenzerreißender Weise grausame Brutalität schildern. Hier geht es eher beschaulich und gemächlich zu, in guter Tradition eines Father Brown oder Brother Cadfael.

In seinem ersten Fall muss der Neuankömmling sich erst mit den Bewohnern und den Traditionen seines neuen Wirkkreises vertraut machen, womit auch dem Leser der Einstieg leicht gelingt. Das fehlende Wissen um Verbindungen und alte Fehden muss dich der Pfarrer erst mühsam erfragen, ist dabei aber erfolgreicher als die Polizei. Mit Maja-Sofia hat er eine würdige Gegenspielerin, die so gar nicht von seinem Tun begeistert ist, aber erkennen muss, dass der Kirchenmann durchaus clever kombiniert und seinen eigenen Zugang zu den Menschen findet.

Als Protagonist ist Samuel mit einigen Eigentümlichkeiten ausgestattet: geschieden mit Freundin passt er nur bedingt in das Bild des gottesfürchtigen braven Bürgers. Mit seinem Boss, also dem ganz oben, führt er Zwiegespräche, vor allem dann, wenn ihm die attraktive Kommissarin wieder einmal droht seine eigentliche Freundin vergessen zu lassen.

Leider funktioniert nicht alles in der Übersetzung. Der Running Gag bezüglich der Namen hat sich mir schlichtweg nicht erschlossen und wurde dadurch irgendwann etwas müßig, ebenso die Dialektfrage, die aber wohl scheinbar auf eine Erfindung der Autorin zurückgeht. Handlung und Figuren sind etwas schematisch und lassen leicht die bekannten Vorbilder erkennen, hier hätte etwa mehr Originalität gutgetan.

Nele Neuhaus – In ewiger Freundschaft

Nele Neuhaus – In ewiger Freundschaft

Pia Sanders Ex-Mann bittet sie um einen Gefallen: seine Agentin hat seit Tagen schon nichts von einer Freundin gehört und ist besorgt. Als Pia in Bad Soden ankommt, wartet Maria Hauschild bereits auf sie und in der Tat wirkt das verlassene Haus seltsam. Doch dann finden sich Blutspuren und im Obergeschoss ein dementer alter Mann. Offenkundig ist die Sorge berechtigt. Schnell stößt die Spurensicherung auf weitere Indizien und alle Hinweise führen zu einem renommierten Frankfurter Verlag. Bei Winterscheid war die Vermisste nur wenige Wochen zuvor gefeuert worden und hat das mit einem waschechten Skandal zelebriert. Noch bevor Pia Sander und ihr Chef Oliver von Bodenstein den geringsten Überblick haben, taucht die erste Leiche auf. Und weitere folgen in dem gar nicht so netten Intellektuellen-Milieu.

In „In ewiger Freundschaft“ schickt Nele Neuhaus das Ermittlergespann Sander/von Bodenstein zum zehnten Mal auf Mordermittlung im Taunus. In gewohnter Manier handelt es sich dabei um einen komplexen Fall mit unzähligen Figuren, die alle auf undurchsichtige Weise miteinander verwoben sind und zudem zahlreiche Geheimnisse hüten. Auch das Privatleben der Figuren wird weiterentwickelt, dieses Mal gerät von Bodensteins familiäre Situation stärker in den Blick und fordert den Kommissar ebenfalls erheblich.

Die Fans der Reihe dürften sich schnell wieder heimisch in dem Krimi fühlen. Die Figuren kommen einem nach so vielen Bänden wie gute alte Bekannte vor, die man nur etwas länger nicht gesehen hat, immerhin ist der letzte Band bereits vor zwei Jahren erschienen. Besonders amüsant wie die Autorin sich nebenbei selbst aufs Korn nimmt, indem sie den Rechtsmediziner und Ex-Mann von Sander, Henning Kirchhoff, zum Autor einer Taunus-Krimireihe mit zufälligerweise identischen Titeln ihrer Serie macht.

Der Fall spielt in einem undurchsichtigen Verlagsmilieu und hat, wie sich schnell ergibt, Verbindungen zu einer mehr als 30 Jahre zurückliegenden Episode. Allein die Menge an Figuren zu überblicken – einige dabei schon längst verstorben – erfordert schon einige Aufmerksamkeit des Lesers. Nur langsam lichtet sich das Netz von Lügen und Verstrickungen, löst sich aber letztlich überzeugend und glaubhaft motiviert.

Ein routiniert erzählter Krimi, der die Erwartungen an die Reihe voll bedient. Wer bereits Fan von Sander und von Bodenstein ist, wird auch mit diesem Fall einige spannende und unterhaltsame Lesestunden erleben. Auch wenn man den eigentlichen Kriminalfall ohne das Vorwissen aus den vorgehenden Romanen nachvollziehen kann, bleibt doch bei den zentralen Figuren meines Erachtens einiges an Seitenhieben auf der Strecke, wenn man ihre Vorgeschichte nicht kennt.

Hendrik Esch – Giftrausch

#Werbung Hendrik Esch – Giftrausch

Schlimme Gerüchte suchen das Elite-Internat im Schloss Hirschenhaid in der bayerischen Provinz heim: die Leitung soll leistungssteigernde Drogen an die jungen Musiktalente verteilt haben. Die Staatsanwaltschaft konnte nichts finden und nun soll Anwalt Paul Colossa ein ausführliches Gutachten erstellen, um die Gemüter wieder zu beruhigen. Schnell kommt ihm einiges seltsam vor, allem voran Dirigent Evelyn Rutland, der ein strenges Regiment führt, dem auch sein eigener Sohn zum Opfer fiel. Schon Colossas erster Auftritt im Schloss gerät zur Farce und schnell wird er zum Zentrum einer schmutzigen Internet-Kampagne, dabei ist er doch ganz neu in der Gegend und hat gerade erst die Kanzlei von seinem Onkel übernommen. Mit diesem Fall scheint er unter einem ganz schlechten Stern zu stehen, aber glücklicherweise hat er ja seine zuverlässigen Damen und seinen Freund Attila, denn er braucht jetzt jede Hilfe.

Der einäugige Rechtsanwalt mir Piratenklappe ist eine kuriose Erscheinung, die jedoch die Handlung trägt. Etwas naiv und einfältig gerät er in die größtmögliche Katastrophe, bevor er sich auch nur umsehen kann. Weitere sehr eigenwillige Figuren finden sich an seiner Seite: vom verstorbenen Onkel, der eigentlich sein Vater ist und der via Raben und anderen Federvieh offenbar weiterhin mit ihm kommuniziert, über das Büroteam, das auch andere Dienstleistungen im Sinne des alten Herren ausführte, bis hin zu Attila, der pragmatisch, wenn auch nicht immer ganz legal, dank bester Kontakte für jedes Problem eine Lösung hat. Mehr als einmal lässt sich herrlich auflachen, unter der Komik liegt jedoch auch eine ernstzunehmende Geschichte.

Es fällt nicht schwer vorzustellen, welch ein Druck auf den Nachwuchstalenten lastet, die in einem extrem ehrgeizigen und leistungsorientierten Umfeld leben. Der Griff zu Drogen, um mithalten zu können und den Weg zur Karriere zu ebenen, scheint geradezu zwingend. Bei gängigen Medikamenten angefangen, die immer weiter gesteigert werden, bis sie ihre Wirkung nicht mehr erbringen und durch andere Substanzen ersetzt werden müssen – nichts, was einem wirklich erstaunen würde. Die Abgebrühtheit, mit der Eltern und Lehrkräfte offenbar wegsehen, erschreckt dennoch.

In „Giftrausch“, dem zweiten Fall für Paul Colossa, überzeugt der Anwalt und Strafverteidiger Hendrik Esch mit einer ausbalancierten Mischung von Ernsthaftigkeit, Spannung und Humor. Wenn man sich auf das skurrile Personal und den flapsig-lockeren Ton einlässt und tapfer die Fettnäpfchen des Protagonisten erträgt, wird hieraus eine unterhaltsame lockere Krimikomödie.

Robert Hültner- Lazare und die Spuren des Todes

Robert Hültner – Lazare und die Spuren des Todes

Kommissar Lazare wird einmal mehr von Montpellier ins beschauliche Sète abgeordnet, um dort das Verschwinden einer jungen Frau aufzuklären. Eigentlich ein Fall für die lokale Polizei, weshalb er sich darum kümmern muss, kann der Ermittler nicht nachvollziehen. Doch er muss sich nicht lange um den vermeintlich simplen Fall kümmern, denn schnell schon wird er bei seinen Ermittlungen Opfer eines heimtückischen Überfalls, der ihn beinahe das Leben kostet. Frisch aus der Klinik entlassen beschließt er, sich in seiner Hütte in den Bergen zu erholen und alte Freunde zu besuchen. Doch auch in den abgelegenen Dörfern hat das Verbrechen Einzug gehalten und bald schon sieht er sich mit allerlei kriminellen Machenschaften konfrontiert.

Der zweite Fall für den südfranzösischen Ermittler ist ein komplexer Politkrimi, bei dem sich mehrere zunächst scheinbar isolierte Handlungsstränge erst spät zu einem Gesamtbild fügen. Auch wenn Robert Hültner die malerische Szenerie Südfrankreichs als Kulisse für die Geschichte wählt, hat diese nur wenig mit den typischen cosy crime Romanen zu tun, in denen hauptsächlich viel gegessen und getrunken und die Zeit dazwischen mit Landschaftsbewunderung gefüllt wird. Die Natur ist nicht unwesentlich für die Geschehnisse, der Autor baut diese jedoch überzeugend und sinnhaft ein, so dass sie nicht nur austauschbares Requisit bleibt, sondern ganz entscheidend zu dem Fall und dessen Lösung beiträgt.

Gleich mehrere parallel verlaufende Geschichten stehen zunächst lose nebeneinander. Zum einen das Verschwinden des muslimischen Mädchens Nadia, auf das sich niemand einen Reim machen kann und das erst nach dem Übergriff auf Lazare eine gewisse Brisanz erhält. Zum anderen der alte Siset, der schon seit Jahrzehnten eine abgelegene Hütte der Lazares bewohnt, nachdem er als spanischer Widerstandskämpfer nach Frankeich fliehen musste und nun plötzlich Besuch von einem alten Weggefährten erhält. Und dann ist da noch der Aussteiger Corentin Arnal, der ein bescheidenes Leben als Ökobauer abseits des Dorfes führen wollte und gegen den sich die ganze Welt verschworen zu haben scheint, obwohl die drohende Umweltkatastrophe für alle dramatische Folgen haben würde. Auch die ermittelnden Polizisten scheinen ihre eigene Agenda zu haben und weichen nicht mehr von den schnell festgelegten Tatvorgängen ab – warum bloß?

Robert Hültner wurde mir vor allem als Hörspielautor für die Radio-Tatort Folgen aus dem fiktiven bayerischen Bruck am Inn ein Begriff. Mit viel Liebe für Details hat er dort sympathische Charaktere geschaffen, die einem im Laufe der Jahre ans Herz gewachsen sind. Gleichermaßen präsentiert er in seiner Lazare Reihe ebenfalls eigenwillige Figuren, die den komplexen Fall um heitere Momente ergänzen und so auflockern. Alles in allem die perfekte Sommerlektüre im Krimigenre.

Martin Walker – The Shooting at Château Rock

Martin Walker – The Shooting at Château Rock

The death of an old sheep farmer does not seem too suspicious, he was suffering from heart problems and scheduled for getting a pacemaker. Yet, when his son and daughter find out that they have been disinherited and that their father had planned to move into a luxurious retirement home, this raises questions. Even more so when neither the insurance nor the notaire responsible for the contract can be gotten hold of. While Bruno Courrèges, Chief of Police of St. Denis, investigates, he also enjoys the Dordogne summer and especially the time with his friends, amongst them former musician Rod Macrae who lives in an old nearby castle and is waiting for his children to spend some time there. Bruno is fond of the two now grown-ups and quite surprised when gets to know Jamie’s girl-friend: Galina Stichkin, daughter of a superrich oligarch and close friend of the Russian president.

The 15th case for the amiable French policeman again offers the pleasant atmosphere of the southern French countryside with a lot of talk about the historical heritage of the region and even more about the local food and the best way to enjoy it. What starts with a suspicious case of foul play and thus seems to be quite in line with the former novels, quickly, however, turns into a highly political plot covering debatable recent affairs and bringing the big political picture to the small community. Therefore, “The Shooting at Château Rock” isn’t just a charming cosy crime novel but rather a complex political mystery.

There are several reasons why one can adore the Bruno, Chief of Police series. On the one hand, you will be never disappointed when you like to delve into the French cuisine and learn something new about the Dordogne regions rich nature and food. On the other hand, this is surely not the place for fast-paced action with a lot of shootings and deaths. The plots centre around the people and some very basic motives for their deeds – as expected, all to be uncovered by Bruno.

What I liked most this time was how Walker combined a petty crime – if one can call a cold-blooded murder a petty crime – with the global organised crime which operates in the financial sector just as in politics and is long beyond being controlled by official security agencies. He convincingly integrates real life events which shook the public and will ever remain notes in the history books of where mankind simply failed to protect civilians from underground forces with their very own agenda.

Another perfect read for some summer escape to the French countryside.

Donna Leon – Transient Desires

Donna Leon – Transient Desires

Two young women, tourists in Venice, are found severely wounded in front of a hospital one late night. Luckily, with the help of video surveillance they can quickly find out the two men who put them there. But which did they abandon them even though they first provided help? As commissario Brunetti investigates the case together with his colleague Claudia Griffoni, they happen to link one of the men to another crime of which the police only have a faint idea so far, but this might be their breakthrough.

Whenever I take up a Donna Leon novel on commissario Brunetti, I know what I will get: a crime story which is solved not by some miraculously appearing deus ex machina, but by meticulous police work combined with the protagonist’s clever instinct and the ability to read people and to actually listen to them. Apart from that, it is always like some kind of bookish holiday to travel to the Venetian Lagoon and to delve into its very unique atmosphere. The thirtieth instalment in the series does not disappoint in this respect.

Quite interestingly, the crime with which the novel opens is quite quickly solved and classified an accident and a series of unfortunate events and decisions. Yet, it is only the beginning of a real crime – a crime of the sort nobody wants to know about and people eagerly close their eyes on. This time, it is Brunetti’s colleague who stirs the investigation and the commissario not only gets to know her from an unknown side but also learns that Griffoni’s hometown of Naples could also be on another planet that different life works there.

A plot driven by interesting and strongly painted characters, just the sort of entertainment one knows Donna Leon to provide.

Ulrike Vögl – Nackabatsch mit Todesfolge

ulrike vögl nackabatsch mit todesfolge
Ulrike Vögl – Nackabatsch mit Todesfolge

Kommissarin Helena Hansen zieht es von Hamburg ins beschauliche Augsburg, doch schnell schon merkt sie, dass die neue Heimat so ihre Tücken hat. Der starke schwäbische Dialekt ist kaum zu verstehen und ihr neuer Chef muss sie für eine Idiotin halten, geschieht ihr doch ein Missgeschick nach dem anderen. In ihrer Kollegin Franzi findet sie jedoch schnell nicht nur eine kompetente Partnerin, sondern ebenso eine neue Freundin, obwohl diese eine eher unkonventionelle Art pflegt. Viel Zeit zum Kennenlernen bleibt den beiden jedoch nicht, denn schon gleich gibt es zwei Mordfälle zu lösen: ein Arbeitsloser wird erschlagen in seiner Wohnung aufgefunden und ein Immobilienmakler fand seine letzte Ruhe ausgerechnet auf einem Misthaufen. Viel Arbeit für das neue Team, doch die beiden ergänzen sich hervorragend und können schnell schon mit unerwarteten Ermittlungsergebnissen aufwarten.

Man merkt dem cosy crime Roman an, dass die Autorin viel von sich und ihrer Heimatstadt darin verewigt hat. Nicht nur der lokale Dialekt wird durchgängig gepflegt, auch allerlei Sehenswürdigkeiten der Fuggerstadt werden erwähnt wie auch die Liebe zu Kräutern und deren Verarbeitung, die Ulrike Vögl Kommissarin Franzi mitgegeben hat, finden ihren Platz. Die beiden zu lösenden Kriminalfälle treten dafür etwas in den Hintergrund, was für das Genre vertretbar ist.

„Die ganze Geschichte war einfach wahnwitzig, klang aber durchaus plausibel.“

Das Urteil des Erzählers bringt die Morde ganz gut auf den Punkt. Es ergibt zwar alles einen stimmigen Zusammenhang, so wirklich realitätsnah erscheint es jedoch nicht. Allerdings kommt auch nicht wirklich der Eindruck auf, dass die Spannung und eine komplexe Mordermittlung im Zentrum der Handlung stehen würden. Es geht viel mehr um Helenas Ankunft in Augsburg und die damit verbundenen Schwierigkeiten. Das ist hie und da recht amüsant, da durchgängig die Sprechweise in Dialektform wiedergegeben ist, aber auch bisweilen etwas anstrengend und bemüht. So richtig sympathisch wurden mir die Protagonistinnen leider auch nicht, die eine zu überkandidelt mit schickem Auto, das mit äußerst unpraktischem weißen Interieur ausgestattet wurde und immer um ihre Blüschen und das Dutt bemüht, die andere das extreme Gegenteil im Hippielook mit stinkendem Hund, den sie ohne Rücksicht auf Kollegen ins Büro schleppt. Ob die sich in Wirklichkeit auch so schnell angefreundet hätten, wage ich zu bezweifeln.

Sicherlich für Augsburger ein großer Spaß, wenn auch die Figuren arg klischeebehaftet und voller Vorurteile gezeichnet werden, ansonsten ein leichter cosy crime Roman, der nicht allzu viel Aufmerksamkeit für das Lösen des Falles erfordert.

Leo Fischl – Die Todesinsel

leo fischl die todesinsel
Leo Fischl – Die Todesinsel

Die 18-jährigen Schülerinnen Anna und Ronja werden auf Helgoland ermordet. Sie recherchierten für einen Artikel, der in ihrer Schülerzeitung erscheinen sollte und sind scheinbar zwischen die Fronten der alteingesessenen Helgoländer und der Investoren in die Offshore-Windanlagen und Touristenhotels geraten. Jürgen Kemper und Paula Petersen werden aus Hannover zu dem mysteriösen Fall hinzugezogen und sie merken bald, dass die Lage ausgesprochen schwierig ist: viele Verdächtige mit Motiven, aber keine einzige wirklich heiße Spur.

Der zweite Fall für das Ermittlerteam ist eine Aneinanderreihung von Absurditäten, die kaum auszuhalten ist. Man kann sich kaum retten vor so viel Unfug, der da in einem Tempo aufeinanderfolgt, dass einem Hören und Sehen vergeht. Es ist allerdings wiederum auch nicht so lustig, dass es als Slapstick durchgehen würde, sondern einfach nur erschreckend schlecht.

Warum das Duo aus Hannover einen Mord auf Helgoland aufklären muss, bleibt irgendwie ominös. Offenbar gibt es in Schleswig-Holstein kein fähiges Personal, so dass man dem Herrn aus Kiel das Dream-Team der niedersächsischen Hauptstadt an die Seite stellen muss, was die Kompetenz jedoch nicht wirklich steigert. Der machohafte Oberkommissar sabbert seiner jungen Kollegin von der ersten Seite an nach, man hat den Eindruck, dass der Autor ihn für einen tollen Hecht hält, dabei ist er einfach nur ein vernachlässigter Stelzbock.

Der Mord: mal eben gleichzeitig mit rechter und linker Hand ein Mädchen erwürgt, offenbar eine Kleinigkeit, bar jeden Realismus‘, aber man sollte nicht zu kleinlich sein, der Mörder kann sich auch trotz Sturmhaube noch den Schweiß von der Stirn wischen.

Zwischendurch auf der Insel erst Nazi-Parolen und Ausländerhass wie er im Buche steht und dann eine „riesengroße Demonstration“ nach Lageeinschätzung des Herren Kommissar. Joa, 30 Inselbewohner mit Schildern und, weil abends, Fackeln. Aber weil man vor diesen Angst haben muss, wird später auch gleich ein SEK angeheuert, dass sich action-geladen abseilt und nicht einfach auf der Insel landet.

Die Ermittlungsmethoden: einfach alle Häuser und Handys durchsuchen, ist ja egal, dass gegen niemanden belastbare Beweise vorliegen. Derweil liegen die beiden Kommissare bis späten Vormittag im Bett und genießen den Schlaf der Gerechten. Absolut nachvollziehbar, dass der Druck offenbar nicht so besonders hoch ist, wenn zwei junge Frauen ermordet wurden. Befragungen machen sie auch gerne mal alleine und riskieren dabei ihr Leben, nun ja. Mein persönliches Highlight war die messerscharfe psychologische Diagnose, die der Kommissar nach nur wenigen Minuten bei einem jugendlichen Zeugen stellen kann – Achtung Spoiler! – und dann die Missachtung aller Empfehlungen, die es im Fall von Befragungen von Missbrauchsopfern nur geben kann. Es ist so hanebüchen und macht mich regelrecht wütend, da es suggeriert, dass man Opfer nur mal hart angehen muss, damit sie endlich den Mund aufmachen.

Daneben ist das Buch mit unsäglich vielen falsch verwendeten Metaphern und Redensarten gespickt („er wollte keinen Verdacht schöpfen“ ?!?), dass es einem schmerzt. Aber eines kann man Superermittler Kemper nicht vorwerfen: fehlende Durchschlagskraft denn er ordnet an: „Notfalls räumen wir ganz Helgoland.“

Remy Eyssen – Dunkles Lavandou

remy eysson dunkles lavandou
Remy Eyssen – Dunkles Lavandou

Im beschaulichen Le Lavandou steht die Sommersaison unmittelbar bevor und alle sind auf den Einfall der Touristen vorbereitet. Doch dann schreckt ein schrecklicher Selbstmord das Örtchen auf: eine junge Frau hat sich von einer Brücke gestürzt und wurde dann von einem LKW überrollt. Leon Ritter, zuständiger Rechtsmediziner, stellt jedoch fest, dass die Frau schon tot war, als sie von der Brücke fiel. Zudem weist die Leiche noch zahlreiche andere Verletzungen auf, die auf brutale Folter und Misshandlung hinweisen. Eine zweite Leiche mit ähnlichen Zeichen lässt Ritter schnell an einen Serientäter denken, doch davon will man bei der Polizei nichts hören. Auch seine Lebensgefährtin Isabelle hat zunächst Zweifel, noch dazu fehlen konkrete Spuren. Die Lage spitzt sich zu als weitere junge Frauen vermisst gemeldet werden, eine davon Tochter des Kultusministers, was den Druck auf die Ermittler drastisch erhöht.

Im sechsten Fall für den deutschen Rechtsmediziner im Dienste der provenzalischen Polizei verbindet Remy Eysson verschiedene typische Themen typischer Kriminalromane: Entführung, ein besessener Serientäter, biblische Zeichen und dann auch noch ein prominentes Opfer, dessen Vorerkrankung den Zeitdruck besonders erhöht. Das alles in einem cosy crime Setting zwischen malerischen Olivenhainen und Weinbergen und immer mit perfekter Urlaubskulisse und Sonnenschein verschmilzt zu einer unterhaltsamen Sommerlektüre.

Insgesamt ist der Krimi für mich ein recht routinierter Roman, der das liefert, was man von diesem Genre erwartet: das Lebensgefühl Südfrankreichs – lokale Spezialitäten und guter Wein als Grundvoraussetzung für das Wohlsein – in charmanter Atmosphäre zwischen Mittelmeer und ansprechender Landschaft steht im Konkurrenzkampf mit dem Kriminalfall. Dieser ist recht typisch aufgezogen und überschaubar komplex. Für mein Empfinden etwas zu platt die falschen Fährten, die zu offenkundig sind und eigentlich auch die Polizisten nicht wirklich täuschen sollten. Ebenso blieb mir der Täter mit seinem Motiv etwas zu blass. Mehr Einblick in sein Denken hätte sicherlich den Verdacht früher auf ihn gelenkt und vielleicht ein wenig der Spannung genommen, allerdings wird die Figur für routinierte Krimileser auch schnell sehr offenkundig als heißer Kandidat.

Insgesamt leichte Unterhaltung, die sich perfekt als sommerliche Reiselektüre eignet.

Luca Ventura – Mitten im August

luca ventura mitten im august
Luca Ventura – Mitten im August

Capri ist eigentlich ein ruhiges Pflaster für die Polizei, Enrico Rizzi wird eher selten gefordert, doch Mitten in der Sommerhitze wird ein junger Mann ermordet aufgefunden. Es dauert, bis dessen Identität geklärt ist, er war keiner der Einheimischen, sondern wohnte im Sommerhaus seiner Eltern. Zusammen mit seiner Freundin Sofia wollte Jack Milani in einem biologischen Institut die Folgen der Erderwärmung für die Ozeane und deren Bewohner studieren. Sofia scheint wie vom Erdboden verschluckt, aber auch der Institutsleiter gerät schnell ins Visier von Rizzi und seiner neuen Kollegin Antonia Cirillo, der Fall wird immer komplizierter und dann mischt sich auch noch die übergeordnete Stelle in Neapel ein…

Luca Ventura ist das Pseudonym eines am Golf von Neapel ansässigen Autors, „Mitten im August“ der Auftakt zu einer neuen Krimiserie auf Capri. Insgesamt ein durchaus solider Krimi, der jedoch noch Potenzial nach oben hat. Der Fall ist nicht unmittelbar zu durchschauen, die Motivlage jedoch letztlich glaubwürdig und nachvollziehbar. Für meinen Geschmack haben die Ermittlungen ein paar zu viele Schlaufen gedreht und waren etwas zu planlos, um wirklich überzeugende und vor allem spannende Ermittlungsarbeit zu sein.

Die Charaktere blieben für mich in diesem ersten Band noch zu diffus und wenig ausgearbeitet, um mich für sich zu gewinnen. Enrico Rizzi soll wohl der aufstrebende Polizist mit großen Karriereaussichten werden, dafür unterlaufen ihm aber zu viele banale Anfängerfehler. Weshalb er trotzdem vom neapolitanischen Vorgesetzten hofiert wird, hat sich mir nicht erschlossen. In seinem Privatleben soll durch das große Unglück mit seinem Sohn ein Bruch geschaffen werden, der ihn interessanter wirken lässt, aber dafür ist mir dieser Aspekt noch zu wenig ausgearbeitet, um wirklich zu wirken. Auch Antonia Cirillos Vergangenheit, die sie vor den Kollegen geheim hält, kann die Spannung nicht wirklich steigern, denn mir blieb die Figur insgesamt zu unnahbar und kalt, um Sympathien oder Antipathien zu wecken.

Für einen Regionalkrimi, den ich ziemlich klar im cosy crime Genre verorten würde, erfreulich wenig Landschaftsidylle und kaum ausschweifende Festmahle. Spannung und Figurenzeichnung dürfen sich noch deutlich steigern, dennoch solide Unterhaltung für zwischendurch.