Ulrike Vögl – Nackabatsch mit Todesfolge

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Ulrike Vögl – Nackabatsch mit Todesfolge

Kommissarin Helena Hansen zieht es von Hamburg ins beschauliche Augsburg, doch schnell schon merkt sie, dass die neue Heimat so ihre Tücken hat. Der starke schwäbische Dialekt ist kaum zu verstehen und ihr neuer Chef muss sie für eine Idiotin halten, geschieht ihr doch ein Missgeschick nach dem anderen. In ihrer Kollegin Franzi findet sie jedoch schnell nicht nur eine kompetente Partnerin, sondern ebenso eine neue Freundin, obwohl diese eine eher unkonventionelle Art pflegt. Viel Zeit zum Kennenlernen bleibt den beiden jedoch nicht, denn schon gleich gibt es zwei Mordfälle zu lösen: ein Arbeitsloser wird erschlagen in seiner Wohnung aufgefunden und ein Immobilienmakler fand seine letzte Ruhe ausgerechnet auf einem Misthaufen. Viel Arbeit für das neue Team, doch die beiden ergänzen sich hervorragend und können schnell schon mit unerwarteten Ermittlungsergebnissen aufwarten.

Man merkt dem cosy crime Roman an, dass die Autorin viel von sich und ihrer Heimatstadt darin verewigt hat. Nicht nur der lokale Dialekt wird durchgängig gepflegt, auch allerlei Sehenswürdigkeiten der Fuggerstadt werden erwähnt wie auch die Liebe zu Kräutern und deren Verarbeitung, die Ulrike Vögl Kommissarin Franzi mitgegeben hat, finden ihren Platz. Die beiden zu lösenden Kriminalfälle treten dafür etwas in den Hintergrund, was für das Genre vertretbar ist.

„Die ganze Geschichte war einfach wahnwitzig, klang aber durchaus plausibel.“

Das Urteil des Erzählers bringt die Morde ganz gut auf den Punkt. Es ergibt zwar alles einen stimmigen Zusammenhang, so wirklich realitätsnah erscheint es jedoch nicht. Allerdings kommt auch nicht wirklich der Eindruck auf, dass die Spannung und eine komplexe Mordermittlung im Zentrum der Handlung stehen würden. Es geht viel mehr um Helenas Ankunft in Augsburg und die damit verbundenen Schwierigkeiten. Das ist hie und da recht amüsant, da durchgängig die Sprechweise in Dialektform wiedergegeben ist, aber auch bisweilen etwas anstrengend und bemüht. So richtig sympathisch wurden mir die Protagonistinnen leider auch nicht, die eine zu überkandidelt mit schickem Auto, das mit äußerst unpraktischem weißen Interieur ausgestattet wurde und immer um ihre Blüschen und das Dutt bemüht, die andere das extreme Gegenteil im Hippielook mit stinkendem Hund, den sie ohne Rücksicht auf Kollegen ins Büro schleppt. Ob die sich in Wirklichkeit auch so schnell angefreundet hätten, wage ich zu bezweifeln.

Sicherlich für Augsburger ein großer Spaß, wenn auch die Figuren arg klischeebehaftet und voller Vorurteile gezeichnet werden, ansonsten ein leichter cosy crime Roman, der nicht allzu viel Aufmerksamkeit für das Lösen des Falles erfordert.

Leo Fischl – Die Todesinsel

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Leo Fischl – Die Todesinsel

Die 18-jährigen Schülerinnen Anna und Ronja werden auf Helgoland ermordet. Sie recherchierten für einen Artikel, der in ihrer Schülerzeitung erscheinen sollte und sind scheinbar zwischen die Fronten der alteingesessenen Helgoländer und der Investoren in die Offshore-Windanlagen und Touristenhotels geraten. Jürgen Kemper und Paula Petersen werden aus Hannover zu dem mysteriösen Fall hinzugezogen und sie merken bald, dass die Lage ausgesprochen schwierig ist: viele Verdächtige mit Motiven, aber keine einzige wirklich heiße Spur.

Der zweite Fall für das Ermittlerteam ist eine Aneinanderreihung von Absurditäten, die kaum auszuhalten ist. Man kann sich kaum retten vor so viel Unfug, der da in einem Tempo aufeinanderfolgt, dass einem Hören und Sehen vergeht. Es ist allerdings wiederum auch nicht so lustig, dass es als Slapstick durchgehen würde, sondern einfach nur erschreckend schlecht.

Warum das Duo aus Hannover einen Mord auf Helgoland aufklären muss, bleibt irgendwie ominös. Offenbar gibt es in Schleswig-Holstein kein fähiges Personal, so dass man dem Herrn aus Kiel das Dream-Team der niedersächsischen Hauptstadt an die Seite stellen muss, was die Kompetenz jedoch nicht wirklich steigert. Der machohafte Oberkommissar sabbert seiner jungen Kollegin von der ersten Seite an nach, man hat den Eindruck, dass der Autor ihn für einen tollen Hecht hält, dabei ist er einfach nur ein vernachlässigter Stelzbock.

Der Mord: mal eben gleichzeitig mit rechter und linker Hand ein Mädchen erwürgt, offenbar eine Kleinigkeit, bar jeden Realismus‘, aber man sollte nicht zu kleinlich sein, der Mörder kann sich auch trotz Sturmhaube noch den Schweiß von der Stirn wischen.

Zwischendurch auf der Insel erst Nazi-Parolen und Ausländerhass wie er im Buche steht und dann eine „riesengroße Demonstration“ nach Lageeinschätzung des Herren Kommissar. Joa, 30 Inselbewohner mit Schildern und, weil abends, Fackeln. Aber weil man vor diesen Angst haben muss, wird später auch gleich ein SEK angeheuert, dass sich action-geladen abseilt und nicht einfach auf der Insel landet.

Die Ermittlungsmethoden: einfach alle Häuser und Handys durchsuchen, ist ja egal, dass gegen niemanden belastbare Beweise vorliegen. Derweil liegen die beiden Kommissare bis späten Vormittag im Bett und genießen den Schlaf der Gerechten. Absolut nachvollziehbar, dass der Druck offenbar nicht so besonders hoch ist, wenn zwei junge Frauen ermordet wurden. Befragungen machen sie auch gerne mal alleine und riskieren dabei ihr Leben, nun ja. Mein persönliches Highlight war die messerscharfe psychologische Diagnose, die der Kommissar nach nur wenigen Minuten bei einem jugendlichen Zeugen stellen kann – Achtung Spoiler! – und dann die Missachtung aller Empfehlungen, die es im Fall von Befragungen von Missbrauchsopfern nur geben kann. Es ist so hanebüchen und macht mich regelrecht wütend, da es suggeriert, dass man Opfer nur mal hart angehen muss, damit sie endlich den Mund aufmachen.

Daneben ist das Buch mit unsäglich vielen falsch verwendeten Metaphern und Redensarten gespickt („er wollte keinen Verdacht schöpfen“ ?!?), dass es einem schmerzt. Aber eines kann man Superermittler Kemper nicht vorwerfen: fehlende Durchschlagskraft denn er ordnet an: „Notfalls räumen wir ganz Helgoland.“

Remy Eyssen – Dunkles Lavandou

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Remy Eyssen – Dunkles Lavandou

Im beschaulichen Le Lavandou steht die Sommersaison unmittelbar bevor und alle sind auf den Einfall der Touristen vorbereitet. Doch dann schreckt ein schrecklicher Selbstmord das Örtchen auf: eine junge Frau hat sich von einer Brücke gestürzt und wurde dann von einem LKW überrollt. Leon Ritter, zuständiger Rechtsmediziner, stellt jedoch fest, dass die Frau schon tot war, als sie von der Brücke fiel. Zudem weist die Leiche noch zahlreiche andere Verletzungen auf, die auf brutale Folter und Misshandlung hinweisen. Eine zweite Leiche mit ähnlichen Zeichen lässt Ritter schnell an einen Serientäter denken, doch davon will man bei der Polizei nichts hören. Auch seine Lebensgefährtin Isabelle hat zunächst Zweifel, noch dazu fehlen konkrete Spuren. Die Lage spitzt sich zu als weitere junge Frauen vermisst gemeldet werden, eine davon Tochter des Kultusministers, was den Druck auf die Ermittler drastisch erhöht.

Im sechsten Fall für den deutschen Rechtsmediziner im Dienste der provenzalischen Polizei verbindet Remy Eysson verschiedene typische Themen typischer Kriminalromane: Entführung, ein besessener Serientäter, biblische Zeichen und dann auch noch ein prominentes Opfer, dessen Vorerkrankung den Zeitdruck besonders erhöht. Das alles in einem cosy crime Setting zwischen malerischen Olivenhainen und Weinbergen und immer mit perfekter Urlaubskulisse und Sonnenschein verschmilzt zu einer unterhaltsamen Sommerlektüre.

Insgesamt ist der Krimi für mich ein recht routinierter Roman, der das liefert, was man von diesem Genre erwartet: das Lebensgefühl Südfrankreichs – lokale Spezialitäten und guter Wein als Grundvoraussetzung für das Wohlsein – in charmanter Atmosphäre zwischen Mittelmeer und ansprechender Landschaft steht im Konkurrenzkampf mit dem Kriminalfall. Dieser ist recht typisch aufgezogen und überschaubar komplex. Für mein Empfinden etwas zu platt die falschen Fährten, die zu offenkundig sind und eigentlich auch die Polizisten nicht wirklich täuschen sollten. Ebenso blieb mir der Täter mit seinem Motiv etwas zu blass. Mehr Einblick in sein Denken hätte sicherlich den Verdacht früher auf ihn gelenkt und vielleicht ein wenig der Spannung genommen, allerdings wird die Figur für routinierte Krimileser auch schnell sehr offenkundig als heißer Kandidat.

Insgesamt leichte Unterhaltung, die sich perfekt als sommerliche Reiselektüre eignet.

Luca Ventura – Mitten im August

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Luca Ventura – Mitten im August

Capri ist eigentlich ein ruhiges Pflaster für die Polizei, Enrico Rizzi wird eher selten gefordert, doch Mitten in der Sommerhitze wird ein junger Mann ermordet aufgefunden. Es dauert, bis dessen Identität geklärt ist, er war keiner der Einheimischen, sondern wohnte im Sommerhaus seiner Eltern. Zusammen mit seiner Freundin Sofia wollte Jack Milani in einem biologischen Institut die Folgen der Erderwärmung für die Ozeane und deren Bewohner studieren. Sofia scheint wie vom Erdboden verschluckt, aber auch der Institutsleiter gerät schnell ins Visier von Rizzi und seiner neuen Kollegin Antonia Cirillo, der Fall wird immer komplizierter und dann mischt sich auch noch die übergeordnete Stelle in Neapel ein…

Luca Ventura ist das Pseudonym eines am Golf von Neapel ansässigen Autors, „Mitten im August“ der Auftakt zu einer neuen Krimiserie auf Capri. Insgesamt ein durchaus solider Krimi, der jedoch noch Potenzial nach oben hat. Der Fall ist nicht unmittelbar zu durchschauen, die Motivlage jedoch letztlich glaubwürdig und nachvollziehbar. Für meinen Geschmack haben die Ermittlungen ein paar zu viele Schlaufen gedreht und waren etwas zu planlos, um wirklich überzeugende und vor allem spannende Ermittlungsarbeit zu sein.

Die Charaktere blieben für mich in diesem ersten Band noch zu diffus und wenig ausgearbeitet, um mich für sich zu gewinnen. Enrico Rizzi soll wohl der aufstrebende Polizist mit großen Karriereaussichten werden, dafür unterlaufen ihm aber zu viele banale Anfängerfehler. Weshalb er trotzdem vom neapolitanischen Vorgesetzten hofiert wird, hat sich mir nicht erschlossen. In seinem Privatleben soll durch das große Unglück mit seinem Sohn ein Bruch geschaffen werden, der ihn interessanter wirken lässt, aber dafür ist mir dieser Aspekt noch zu wenig ausgearbeitet, um wirklich zu wirken. Auch Antonia Cirillos Vergangenheit, die sie vor den Kollegen geheim hält, kann die Spannung nicht wirklich steigern, denn mir blieb die Figur insgesamt zu unnahbar und kalt, um Sympathien oder Antipathien zu wecken.

Für einen Regionalkrimi, den ich ziemlich klar im cosy crime Genre verorten würde, erfreulich wenig Landschaftsidylle und kaum ausschweifende Festmahle. Spannung und Figurenzeichnung dürfen sich noch deutlich steigern, dennoch solide Unterhaltung für zwischendurch.

Rudolf Ruschel – Ruhet in Friedberg

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Rudolf Ruschel – Ruhet in Friedberg

Die Provinz könnte so idyllisch sein, das ist es im österreichischen Friedberg aber nicht. Wobei, zunächst eigentlich schon, der Rebhansel Wirt kümmert sich um seine „Bier Allee“, der Pfarrer Geri um seine Schäfchen, Bestatter Macho und seine Adjutanten Gustl und Hubsi um die Leichen und die Freunde Andi und Fipsi helfen bei ihnen aus, wenn sie nicht grade Romane verfassen oder in der Bier Allee dem Alkohol frönen. Doch dann läuft plötzlich alles aus dem Ruder und am Ende ist fast das ganze Dorf ausgelöscht und Interpol muss das Chaos aufräumen.

Rudolf Ruschels Erstlingswerk ist eine Räuberpistole allererster Güte. Kuriose Figuren, eine gehörige Portion gemeiner Zufälle und ein liebreizender Erzähler, der den Leser langsam an die Geheimnisse der Bewohner heranführt verschmelzen zu einem durchaus unterhaltsamen Klamauk, der jedoch bisweilen auch Mal die Schmerzgrenze tangiert. Ernstzunehmen ist hier gar nichts, völlig überzogen und absurd ist die Geschichte, was aber genau ihren Charme ausmacht und weshalb man sich köstlich amüsieren kann.

Zwei naive jugendliche Freunde, die serbische Mafia, ein schwuler Pfarrer und viel zu viel Alkohol – daraus kann nur eine abenteuerliche Geschichte gestrickt werden. Man muss sich auf den Klamauk einlassen, um den makaberen und oftmals grenzwertigen Humor zu schätzen. Keine der Figuren wird verschont, einjede Schwäche wird gnadenlos vorgeführt und geschickt in die aberwitzige Handlung eingebaut.

Es darf auch mal etwas humoriger und geradezu albern werden. An manchen Stellen war es mir persönlich etwas zu viel des Guten und derart grotesk, dass mein Humor arg strapaziert wurde. Insgesamt jedoch sicher eine schräge und ganz sicher ungewöhnliche Krimikomödie.

Jan Costin Wagner – Sommer bei Nacht

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Jan Costin Wagner – Sommer bei Nacht

Kurz vor den Sommerferien besucht die Familie noch den Flohmarkt in der nahegelegenen Grundschule in Wiesbaden-Biebrich. Nur einen Moment ist die Mutter unaufmerksam und da ist der 5-jährige Jannis auch schon verschwunden. Das einzige, was am Tatort übrigbleibt, ist ein Teddybär – der jedoch nicht Jannis gehört. Christian Sandner und Ben Neven übernehmen die Ermittlungen, die jedoch nur wenige Spuren zutage fördern. Es scheint jedoch einen ähnlichen Fall in Österreich gegeben zu haben und sie ziehen auch ihren ehemaligen Kollegen Landmann zurate, der den jungen Kommissaren üblicherweise gute Tipps geben kann. Doch der Junge bleibt verschwunden, denn der Täter und sein Mentor haben die Lage im Griff. Die Zeit rast und je mehr der Druck steigt, desto mehr müssen sich auch die Ermittler ihren eigenen Dämonen stellen.

Jan Costin Wagner ist schon seit Jahren eine feste Größe unter den deutschen Krimiautoren, mit seiner Kimmo Joentaa Reihe hat er seiner Wahlheimat Finnland ein literarisches Denkmal gesetzt, nun kehrt er nach Hessen zurück, wo er den schlimmsten Alptraum aller Eltern wahr werden lässt. Die einzelnen Kapitel begleiten die unterschiedlichen Figuren, wobei die Spannung nicht dadurch entsteht, dass man rätselt, wer der Mörder ist, dieser ist von Beginn an bekannt, die Frage ist viel eher, ob die Polizei ihn entlarven kann und wie Neven und Sandner bei diesem Fall mit ihren Emotionen fertig werden. Der eine von ihnen muss seine eigenen pädophilen Neigungen in den Griff bekommen, der andere hat den lange zurückliegenden Tod seiner damaligen Freundin immer noch nicht verarbeitet, der nun durch die Begegnung mit einer jungen Frau wieder voll in sein Bewusstsein gerät.

„Sommer bei Nacht“ ist kein klassischer Kriminalroman, es entsteht nicht die nervenaufreibende Spannung, auch ist man als Leser nicht in der Situation Spuren zu deuten und beim Lesen mit zu ermitteln. Der Roman ist viel eher psychologisch nah an den Figuren und zeigt, was ein solch extremer Fall mit ihnen macht: die Eltern des entführten Kindes, die Schwester des Jungen, die Ermittler, aber auch die Täter gewähren Einblick in ihr Innerstes, das den anderen Figuren verborgen bleibt. Sie alle kämpfen mit den Rollen, die sie für die Außenwelt spielen müssen und die oft weit von ihren Emotionen entfernt sind.

Thematisch ist der Roman – leider – hochaktuell, zeigt er doch Parallelen zu den Missbrauchsfällen von Lügde und Bergisch Gladbach, die viele Jahre unentdeckt blieben. Vor allem konnte mich die Darstellung des Haupttäters überzeugen, der dem Profil der Statistiken und nicht den oft weit verbreiteten Fehlannahmen entspricht. Er kann unbehelligt unter uns leben und wird dadurch besonders gefährlich. Ein großes Plus gibt es dafür, dass das Leid der Kinder völlig ausgespart wird, man kann es sich vorstellen und muss es nicht noch detailliert nachlesen.

Ein eher psychologisch interessanter, literarischer Krimi, der viel Raum für eigene Gedanken zwischen den Zeilen lässt.

Wolfgang Schorlau/Claudio Caiolo – Der freie Hund

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Wolfgang Schorlau/Claudio Caiolo – Der freie Hund

Nachdem er sich mit der sizilianischen Mafia angelegt hat, wird Commissario Antonio Morello zu seiner eigenen Sicherheit nach Venedig versetzt. Die Stadt, die alle in Verzückung versetzt, löst bei ihm nicht ansatzweise Begeisterung aus, viel lieber würde er zu Hause seinen Kampf fortsetzen. Auch die neuen Kollegen empfangen ihn mit wenig Freude, was soll ein Süditaliener in ihrer beschaulichen Lagunenstadt? Schon gleich erwartet Morello ein Mord, der ihm die Regeln Venedigs vor Augen führt: Der Spross einer wohlhabenden Familie wird erstochen aufgefunden. Als Anführer einer Studentenbewegung gegen Kreuzfahrtschiffe hat er sich eine Reihe von Feinden gemacht, doch wer wäre ernsthaft in der Lage, ihn für seinen Kampf für die Umwelt der Heimatstadt zu ermorden? Dass nicht nur in Sizilien Politik und Verbrechen eng verbandelt sind, überrascht Morello nicht wirklich, es macht die Aufklärung des Falls aber auch nicht leichter.

Mit seinen Kriminalromanen um den Privatermittler Georg Dengler hat der Autor Wolfgang Schorlau wiederholt bewiesen, dass das vermeintlich seichte Spannungsgenre das Potenzial hat, gesellschaftliche Missstände unterhaltsam aber doch kritisch in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken. Nie erzählt er nur eine Geschichte, es steckt immer viel mehr dahinter. Nun ein gänzlich neues Setting mit italienischem Ermittler vor Bilderbuchkulisse und noch dazu in großer Konkurrenz zu Donna Leon, die fraglos mit ihrem Commissario Brunetti Venedig eigentlich schon fest in ihrer Hand hält. Der Auftakt hat mir insgesamt gut gefallen, er hat aber noch Luft nach oben gemessen an anderen Romanen Schorlaus.

„Der freie Hund“ greift gleich zwei umstrittene Themen auf. Seit Jahren leidet die Serenissima unter der Masse an Touristen, die sie zu erdrücken droht. Einheimische werden mehr und mehr verdrängt, Mieten sind unbezahlbar und die Geschäfte richten sich mehr an den zahlungskräftigen Besuchern denn an den Bedürfnissen der realen Bewohner aus. Mit den riesigen Kreuzfahrtschifften kommt erschwerend die Belastung Umwelt hinzu, weshalb die Wirtschaftskraft Tourismus zunehmend kritisch gesehen wird. In genau diesen Konflikt platziert Schorlau seinen Mordfall, der zunächst vor allem viel Einblick in die Gesellschaftsstruktur gibt. Je weiter die Handlung voranschreitet, desto mehr rückt jedoch Morellos ganz eigenes Thema ins Zentrum. Der Glaube, die Mafia operiere nur im Süden des Landes, kann nur einer grenzenlosen Naivität oder einem bewussten Augenverschließen geschuldet sein und so wird schon bald offenkundig, was lange Zeit nur der Commissario sieht: die Lagunenstadt wird ebenso für die Interessen der Clans genutzt, wie auch Palermo.

Die beiden Themen verknüpfen Schorlau und sein italienischer Kollege Caiolo in ihrem Krimi geschickt miteinander. Mehr noch als der eigentliche Mordfall haben mich die Figuren überzeugen können, das Personal der Questura bietet einige interessante Ermittler, die in weiteren Fällen noch spannende Aspekte liefern dürften. Vor allem Morellos kleinkrimineller Freund jedoch wird einem sofort sympathisch, was auch positiv auf den Ermittler abfärbt, der so nicht nur wie ein gesetzestreuer und ernsthafter Commissario wirkt, sondern zeigt, dass er durchaus eine gewisse Grauzone geben kann. Insgesamt eine unterhaltsame Angelegenheit, die für meinen Geschmack allerdings etwas weniger italienische Kulinarik, sondern noch mehr politische Brisanz hätte haben dürfen, das Abdriften zum etwas seichten cosy crime gelingt nämlich gerade noch so.

Fred Vargas – Bei Einbruch der Nacht

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Fred Vargas – Bei Einbruch der Nacht

Ein Wolf geht um im Mercantour, den Seealpen zwischen Frankreich und Italien. Zahlreiche Schafe hat er bereits gerissen und er wird immer mutiger. Als in einem Dörfchen die Schäferin Suzanne ermordet wird, nimmt der Fall eine neue Dimension an und Suzannes Adoptivsohn und ihr Wacher wollen die Tat nicht ungesühnt lassen. Inzwischen hat sich nämlich die Überzeugung breitgemacht, dass nicht ein wildes Tier, sondern nur ein Werwolf für die grausamen Tötungen verantwortlich sein kann. Auch die Handwerkerin Camille und ihr kanadischer Freund und Tierforscher Lawrence sind hiervon überzeugt. Nur ein Mann kommt hierfür infrage: der Eigenbrötler Massart war jahrelang verschwunden und tauchte plötzlich wieder in der Gegend auf, ohne jedoch den Bewohnern zu nahe zu kommen. Aus der Ferne beobachtet Kommissar Adamsberg den Fall, nicht nur die Geschichte des Wolfs findet er spannend, er erkennt, dass dies ein Fall für ihn wird, denn er hat Camille wiedererkannt.

Kein typischer Adamsberg Roman aus der Feder von Fred Vargas; der Kommissar bleibt zu lange Randfigur, die eigentliche Handlung spielt sich in den Bergdörfern mit ihren kuriosen Bewohnern ab. Diese sind es auch, die den großen Reiz der Geschichte ausmachen, denn sie sind jede einzelne detailreich gezeichnet und herrlich verschroben: Suzannes afrikanischer Adoptivsohn Soliman, der stets im Wörterbuch liest und Definitionen liefert; Camille mit ihrem „Katalog für handwerkliches Arbeitsgerät“ und ihrer pragmatischen Herangehensweise auch an größte Katastrophen oder der Wacher, der abends mit seinen Schafen telefoniert, um deren psychische Gesundheit zu sichern.

Was die Figuren einerseits liebenswert macht, strengt beim Lesen jedoch auch etwas an. Sie sind die Einsamkeit der Berge gewohnt und neigen eher zu einsilbiger Kommunikation. Das hat Fred Vargas glaubwürdig umgesetzt, macht aber die Dialoge der Figuren zum Teil zu einer echten Herausforderung, da sie vielfach nur aus Fragmenten und abgehackten Sätzen bestehen.

Der Fall letztlich ist clever konstruiert und die Spannung steigert sich stetig. Erst mit Adamsbergs Einmischung lichtet sich langsam der Nebel und der perfide Plan des Mörders kommt zum Vorschein. Viele Indizien und Spuren wurden gelegt, die man jedoch als Leser nicht unmittelbar wahrnimmt und erst spät erkennt, wie präzise alles geplant war und miteinander zusammenhängt. Ein Regionalkrimi der ganz besonderen Art, da er geschickt den mystischen Glauben der naturverbundenen Menschen mit einem Kriminalfall verbindet.

Jenna van Berke – Weiße Nacht/Moa Graven – Die Puppenstube

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Jenna van Berke – Weiße Nacht/Moa Graven – Die Puppenstube

Doppelrezension, da zwei glücklicherweise kurze Krimis. Eigentlich haben sie beide nicht die Zeit für eine Rezension verdient, aber da es nun mal auch diese Bücher gibt, hier die nicht-amtliche Warnung.

Zuerst mit Jenna van Berke in die USA, wo sich Litza von ihrem gewalttätigen Mann trennt und dann die absolut naheliegende Idee ergreift, in einem ostfinnischen Dorf eine seltene Robbe zu erforschen, die nur dort in einem See vorkommt. Also Sachen packen und auf Nach good old Europe. Dort sind Jan und Lisa schon, als Ermittler lösen sie sie Fälle im gefährlichen Ostfriesland und gerade haben sie sich ebenfalls entschieden, sich doch lieber zu trennen und wegen akuter Einsamkeit melden sich beide unabhängig voneinander bei Dating Plattformen an – man ahnt schlimmstes…

Kaum in Finnland, stolpert Litza über den hochattraktiven Parkranger Niilo, der sie mit auf seine einsame Insel nimmt und ihr von dem mysteriösen Robbensterben berichtet, das die Region erschüttert. Bald ist außer dem Ranger nicht mehr viel zu erforschen…. Unterdessen häufen sich bei Lisa und Ja komische Vorkommnisse: eine Frau, die scheinbar verwirrt ist und nicht spricht, eine andere wird tot auf dem Friedhof abgelegt und dann auch noch ein Mann ermordet – und niemand vermisst sie. Naja, mal abwarten, am einfachsten zu Hause, also packen sie die Überlebende einfach ein und nehmen sie mit zu Jan.

Während man in Ostfriesland halbherzig ermittelt, kämpft Litza mit finnischen Gepflogenheiten wie Nacktbaden und Saunieren, was natürlich der attraktive Mann erleichtert. Warum war sie eigentlich dort? Ach, ist auch egal, oder nö, einfach mal nachts allein mit dem Kanu auf dem nebligen See rumschippern, was sollte man sonst auch tun in der Einsamkeit? Oh oh …. Gefahr! Und in Ostfriesland wird dann die stumme Frau entführt und mal eben noch ein Bauernpaar erschlagen, ach so, ja danke, da liegt ja dann auch die Lösung auf dem Präsentierteller, was die Ermittlung deutlich vereinfacht.

Fälle gelöst, Liebe gefunden – Friede, Freude, Eierkuchen. Spannung ist eher nicht so angesagt, in Finnland fehlt vor lauter Ranger-Anschmachten schlichtweg die Zeit dafür, in Ostfriesland soll sie durch die Vorkommnisse auf dem Hof aufgebaut werden, doch hier beschränkt sich die Autorin auf ziemlich platte Gewalt, die nicht für Kribbeln sorgt, sondern schlichtweg abstoßend ist und nicht überzeugt, vor allem, da einem die Figuren nicht wirklich packen und man so wenig Empathie für sie entwickelt. Daneben so viel unlogische Details und eine wenig plausible Handlung – zwei Mal Daumen runter.

Joe Fischler – Veilchens Feuer

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Joe Fischler – Veilchens Feuer

Valerie Mausers zweiter Fall führt sie in die Szene der Deutschrocker und Musikstars. Wolf Rock kehrt in seine Tiroler Heimat zurück, um dort ein Konzert zu geben. Doch eine diffuse Drohung, die auf einen Vorfall Ende der 1970er Bezug nimmt, vermiest schnell die Stimmung. Der Star kann sich an keine Vorkommnisse erinnern, in diesem Jahrzehnt war er dank Alkohol und Drogen permanent so zugedröhnt, dass die Zeit nur als Nebel in seinem Gehirn vorhanden ist. Aber nicht nur das beschäftigt die Polizei, sondern auch der Ort des Konzerts: Im Bergiselstadion hat wenige Jahre zuvor bei einer Großveranstaltung durch Massenpanik bereits mehrere Todesopfer gegeben, weil zu viele Leute auf zu geringem Raum drängten und jetzt sollen noch mehr ins Stadion gelassen werden, um Wolf Rock zuzujubeln.

„Veilchens Feuer“ ist ein recht typischer Regionalkrimi aus den Alpen und bedient auch alle Klischees: geistig eingeschränkte Figuren mit überschaubarem Horizont; jeder kennt jeden schon immer und weiß auch irgendwie alles; eine Art von Humor und Witz, die vermutlich nur Hinterwäldlern zugänglich ist; ein Fall, der sehr überschaubar komplex ist und schon früh vom Leser problemlos zu lösen ist, während die Ermittler noch kopflos umherirren.

Zugegebenermaßen bin ich kein Fan von Regionalkrimis, weil sie meist doch sehr schematisch und banal sind – allen voran die französischen, in denen über weite Strecken nur gegessen und Wein getrunken wird und der Kommissar dank irgendwelcher alter Tantchen im Dorf seinen Fall löst. Nun ein Alpenkrimi um einen vermeintlichen Rockstar, der mich aber eher ganz stark an die typischen Künstler aus dem Schlager-Milieu erinnert, was die Sache jetzt nicht leichter erträglich macht. Auch das Ermittlungsteam besticht durch Einfältigkeit und Figuren, die vermutlich kurios und einzigartig wirken sollen, aber leider eher dümmlich und überzeichnet wirken. Allen voran „Veilchen“, bei der ich mich sogar gefragt habe, ob der Autor nicht ernsthaft Frauen hasst, wenn eine so plakative Figur erschafft: kein Hirn, permanente Reduzierung auf ihr Aussehen (wenigstens da kann sie punkten, wobei einem das Geseier der männlichen Figuren irgendwann auch böse nervt) und offenkundige Überforderung bei jeder Aufgabe, der mehr als zwei Hirnzellen erfordert. Was will er uns damit sagen?

Ach ja, eigentlich soll es ja ein Krimi sein; nun ja, es gibt einen Fall, sogar eine Tote, aber die Spannung versteckt sich geschickt hinter den Bergen und kommt nicht zum Vorschein. Wäre aber auch schwierig, denn so offenkundig ist schon nach wenigen Seiten, was in den 70ern geschehen sein muss, dass nur eine große Überraschung, die es aber nicht gibt, einen anderen als den vorhersehbaren Verlauf ermöglicht hätte. Fazit: puuh, man muss diese Art Krimis schon sehr mögen, um dem Buch etwas Gutes abgewinnen zu können.