Ayad Akhtar – Homeland Elegien

Ayad Akhtar – Homeland Elegien

Elegie, die – ein sehnsuchtsvolles Klagelied, das ist es, was Ayad Akhtar auf sein Heimatland USA schreibt. Als Kind pakistanischer Eltern in Amerika geboren und aufgewachsen, sieht er sich zunehmend damit konfrontiert, als Ausländer wahrgenommen zu werden und als ungläubiger Muslim für radikale Islamisten sprechen zu sollen. Die gesellschaftliche Spaltung erlebt er auch in seiner Familie, das einst mit offenen Armen empfangende Einwandererland grenzt immer mehr aus und selbst diejenigen, die schon Jahrzehnte im Land sind und sich eine Existenz aufgebaut haben, beginnen zu zweifeln. Das Land ist tief gespalten, wie auch die Familie des Erzählers, deren Geschichte er erzählt, wobei sich offenbar Fakt und Fiktion locker vermischen, eine eindeutige Antwort auf diese Frage, was wahr und was erdacht ist, bleibt der Autor nämlich schuldig.

Ayad Akhtar ist kein Unbekannter, 2013 erhielt er den Pulitzer Preis für sein Bühnenstück „Disgraced“, in welchem er ebenfalls einen innerlich zerrissenen Charakter in den Mittelpunkt stellt. Sein aktuelles Buch, irgendwo zwischen Memoiren und Roman anzusiedeln, greift die Thematik wieder auf und gibt einen Einblick in die Gedanken- und Erlebniswelt der zweiten Generation von Einwanderern, deren Welt durch die globalen Ereignisse in nachhaltiger Weise erschüttert wird.

Vielfach verläuft der Riss, den der Autor im Land wahrnimmt, auch zwischen ihm selbst und seinem Vater. Jener erfolgreiche Arzt, der den amerikanischen Traum verwirklicht hat und dessen Sohn sich den schönen, aber brotlosen Künsten verschrieben hat. Der Vater 2016 als glühender Anhänger Donald Trumps, seinem einstigen Patienten, der Sohn, der sich derweil um die väterliche mentale Gesundheit sorgt. Aber auch die Entwicklungen mit Mittleren Osten bleiben nicht unbemerkt: die Radikalisierung der Verwandten, deren Abwendung von den USA, die sie nach ihrem Empfinden im Stich gelassen und das Land im Chaos zurückgelassen haben, fordert den Familienfrieden heraus und führen schließlich zur Erkenntnis:

„Wir Muslime lebten in einem christlichen Land, so sahen wir es, jedenfalls in den Familien, die ich kannte. Wir lebten in einem christlichen Land, aber wir verstanden das Christentum nicht. Wir verstanden und respektierten es nicht.“

Viele Jahre des Zusammenlebens haben zu immer mehr Entfremdung geführt, zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen, aber auch in den Betroffenen selbst. Der ansteigende Rassismus und offene Ablehnung tragen ihren Teil bei.

Ganz unterschiedliche Aspekte greift Akhtar auf, mal persönlicher, mal essayistischer. Sein Denken ist uramerikanisch, leicht kann er sich mit den großen Denkern identifizieren, gehört damit aber immer mehr einer intellektuellen Minderheit an. Seit 9/11 allerdings ist für ihn der Traum ein Stück weit ausgeträumt, er wird nie ankommen in seinem Heimatland, das sich von ihm entfremdet und dessen großer Verheißung er nachtrauert.

Kurz vor den Wahlen eine schmerzhafte Analyse des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten, was jedoch immer auch die Möglichkeit des grandiosen Scheiterns eingeschlossen hat.

Ocean Vuong – Auf Erden sind wir kurz grandios

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Ocean Vuong – Auf Erden sind wir kurz grandios

Ein Sohn schreibt an seine Mutter, berichtet ihr all das, wofür immer die Worte gefehlt haben. Geboren in Vietnam kommt er als kleiner Junge mit seiner Mutter Rose und Großmutter Lan in die USA. Den Gedanken an die Realisierung des American Dream geben sie bald auf und fügen sich dem Schicksal der Landsleute: seine Mutter schuftet in einem Nagelstudio und unterwirft sich tagein tagaus den herrschaftlichen weißen Damen. Der Junge erlebt in der Schule Diskriminierung und Hass, als er sich seiner homosexuellen Tendenzen Gewahr wird, wird dies nicht einfacher. Doch in Trevor findet er seinen ersten richtigen Freund, erlebt Liebe und Sexualität und all das immer in einer Zwischenwelt zwischen dem verlassenen Heimatland und der neuen Heimat, wo die Familie jedoch nie gänzlich ankommt. Es wird viele Jahre dauern, bis der schüchterne Junge die Worte findet, um sein Inneres nach außen zu tragen und sich mitzuteilen.

Immer wenn ein Roman überbordend bejubelt wird, weckt das zwei gegensätzliche Gefühle: Neugier und Abwehr. Warum stürzen sich alle Kritiker und Leser mit Begeisterung auf das Werk und erheben den Autor zum neuen Stern am Literaturhimmel?  Um so vielen zu gefallen, wird womöglich doch wieder mit Versatzstücken und einem gefälligen Schema gearbeitet, will man das dann wirklich lesen? Im Falle von Ocean Vuongs Debut ist mein Urteil eindeutig: ich reihe mich ein in die Schar der Jubelrufer, denn jede Minute des Lesens war ein Genuss wie auch ein Gewinn, denn nicht nur hat der Autor sehr eindrucksvolle Worte gefunden, die noch nach dem Ende nachhallen, obendrein ermöglicht er auch einen kurzen Blick hinter weitgehend verschlossene Türen asiatischer Einwanderer.

Vuong beschreibt eine schwierige coming-of-age Geschichte eines jungen Vietnamesen. Vieles basiert auf seinen eigenen Erfahrungen, auch wenn die Figuren, wie er in einem Interview sagt, aus vielerlei Menschen aus seiner Kindheit und Jugend zusammengesetzt sind. Es ist eine typische Einwanderergeschichte mit großen Träumen, die zerplatzen, vom plötzlichen Entdecken der eigenen Hautfarbe, die vorher weder wahrgenommen noch eine Rolle gespielt hat und jetzt zum entscheidenden Distinktionsmerkmal wird. Es sind Geheimnisse in der Familie, Lebensläufe, die über Jahrzehnte aus blinden Flecken bestehen, weil die Zeiten zu unsagbarem Handeln zwangen.

Gewalt spielt gleich in mehreren Facetten eine Rolle, die psychische, die der Junge in der Schule durch Mobbing, aber auch durch heftige Übergriffe erlebt, genauso aber kommt sie auch im Elternhaus vor; bis er sich als Teenager mutig gegen die Mutter stellt, sind Schläge von ihr ein normaler Teil des Familienlebens und der Erziehung. Liebe drückt sich in der Familie nicht durch Worte aus, die fehlen immer, ihm die vietnamesischen, der Mutter die englischen, es sind die Gesten, die die Verbundenheit verdeutlichen. Ähnlich auch mit Trevor, mit dem er intensive Zeiten erlebt, im guten wie im schlechten Sinne.

Das Geschichtenerzählen nimmt in seiner Familie und im Roman einen wesentlichen Raum ein. Vor allem die Großmutter verbringt Stunden damit, ihm die alten Sagen und ihre eigenen Erlebnisse zu schildern. So entsteht eine Liebe für das Wort und das Erzählen, in einem Umfeld von Analphabeten in einem Land mit einer fremden Sprache. Doch gerade deshalb findet Vuong zu seiner Sprache, der man die Poesie des Vietnamesischen, das so anders funktioniert wie die indoeuropäischen Sprachen, anmerkt. Wo die Worte fehlen, dominieren andere Sinneseindrücke und die finden nun den Weg in die Sprache – Farbe, Gerüche, alles schildert der junge Autor mit einer ganz eigenen Intensität, für die er den Platz am literarischen Sternenhimmel ganz ohne Frage verdient hat.

Kjell Eriksson – Nachtschwalbe

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Kjell Eriksson – Nachtschwalbe

Eine Horde marodender jugendlicher Zuwanderer zieht nachts durch die Innenstadt von Uppsala. Am kommenden Morgen sind nicht nur unzählige Fenster eingeschlagen, sondern ein junger Mann wird auch ermordet aufgefunden. Die Polizei ermittelt, doch scheinbar steht der Mord nicht direkt im Zusammenhang mit den Krawallen, denn der Tote traf zufällig auf den Ex Freund seiner Geliebten, der gerade erst von der Trennung erfahren hatte. Doch dieser bestreitet die Tat. Ann Lindell glaubt ihm, sehr zum Ärger ihrer Kollegen, die auf einen schnellen Fahndungserfolg hofften.

Kjell Erikssons dritter Band aus der Reihe um die Ermittlerin Ann Lindell konnte mich leider weit weniger überzeugen als erhofft. Für mich hatte der Krimi zu viele Längen, kam nur sehr gemächlich in Fahrt und hatte einige Seitenschleifen, die für meinen Geschmack verzichtbar waren. Auch fehlte mit ein wenig das typisch skandinavische Flair und der im Klappentext angekündigte Konflikt bleibt am Ende nur eine Randnotiz.

Im Zentrum der Handlung steht ein 15-jähriger Iraner, der offenkundig in der Nacht Entscheidendes beobachtet hat, aber nun aus Angst vor der Polizei sich dieser nicht anvertrauen kann und gleichzeitig auch aus den eigenen Reihen Druck erfährt. Diese Figur war für mich noch am überzeugendsten und auch glaubwürdig in der Anlage. Ann Lindell und ihr verflossener Liebhaber, der in Thailand das Glück sucht, konnte mich leider so gar nicht begeistern; die Protagonistin ist unsympathisch, egoistisch und als Supermami taugt sie auch nicht. Der Fall war letztlich eher banal und bot keineswegs große Überraschungen und leider auch viel zu wenig Spannung, um als Krimi zu überzeugen.

Didier van Cauwelaert – Un aller simple

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Didier van Cauwelaert – Un aller simple

Aziz Kemal, durch und durch Marseillais, hat eine mysteriöse Vergangenheit. Seine Eltern sind tot, das weiß er, aber er kennt weder seinen echten Namen und die genauen Umstände. Er saß in einem Citroën Ami 6, daher sein Name „Aziz“, und wurde letztlich von Zigeunern adoptiert. So richtig hat er nie dazugehört, sich aber hervorragend an die Umstände angepasst. Er geht gerne zur Schule, aber irgendwo muss das Geld zum Leben ja herkommen, weshalb er schon in jungen Jahren zum Spezialisten für Autoradios wird und früh der staatlichen Bildung Adieu sagen muss. Viele Jahre geht das alles gut, doch plötzlich gerät er ins Visier der Behörden, die mit dem gutaussehenden Jugendlichen ein Exempel statuieren wollen: Aziz soll als illegaler Einwanderer in sein Heimatland zurückgeführt werden. Das Problem ist nur: weder war er jemals in Marokko noch spricht er Arabisch. Das ist aber kein Problem, der Attaché Jean-Pierre Schneider wird schon darauf achten, dass der Bursche dahin zurückkehrt, wo er herkam.

Die erste Hälfte von Didier van Cauwelaerts Roman ist nur so gespickt von Absurditäten, die dem elternlosen Aziz geschehen. Seine Kindheit unter Roma, das Arrangieren in einer Welt, die nach eigenen Gesetzen funktioniert und die des anderen Frankreichs geschickt umdeutet, entbehrt nicht einer gewissen Komik, was den Kleinkriminellen zu einer sympathischen Figur macht. So fühlt man auch mit ihm, wenn er zunächst selbst Opfer eines Betrugs wird und dann in die völlig absurde Abschiebesituation gerät. Diese offenbart aber überzeugend, wie im Staat nach Schema F verfahren wird und die reale Situation überhaupt nicht hinterfragt wird.

Im zweiten Teil rückt mehr und mehr der Attaché in den Vordergrund, dessen Lebensgeschichte durchaus Parallelen aufweist. Auch er ist in gewisser Weise elternlos, kann seine Träume nicht erfüllen und wird fremdbestimmt. Auch wenn er Aziz‘ Geschichte nicht verstehen kann, ist er doch menschlich, was die beiden immer näher zusammenbringt und den dritten Handlungsabschnitt einläutet, der Aziz zurück und in die Vergangenheit Jean-Pierres führt.

„Un aller simple“ wurde 1994 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. Die Verbindung zwischen der Situations-Absurdität und der unterliegenden Ernsthaftigkeit macht ihn zu einem würdigen Preisträger. Die Tatsache, dass das Buch fast 25 Jahre nach dem Erscheinen nichts an Aktualität und Relevanz eingebüßt hat, unterstreicht dies nur noch. Ein kurzer Roman, den man nicht übersehen sollte. Die deutsche Ausgabe ist unter dem Titel „Das Findelkind“ erschienen, was leider nicht ansatzweise das auszudrücken vermag, was der französische Titel beinhaltet; bleibt nur zu hoffen, dass der Rest der Übersetzung dem Buch gerecht wird.