Elisabeth Norebäck – Das Schweigemädchen

elisabeth-norebäck-das-schweigemädchen
Elisabeth Norebäck – Das Schweigemädchen

Als eine neue Patientin zu der Psychotherapeutin Stella Widstrand kommt, traut sie ihren Augen nicht: Isabelle sieht aus wie ihre Tochter heute aussehen würde, genau so hätte sich Alice entwickelt, wenn sie nicht vor zwanzig Jahren verschwunden wäre. Stellas Umfeld glaubt nicht daran, vor allem nachdem sie einige Jahre zuvor schon einmal nach der vermeintlichen Wiederentdeckung ihrer Tochter völlig aus der Bahn geworfen worden war. Ihre Familie macht sich Sorgen, Stella ist völlig durch den Wind, verwirrt und abwesend und offenbar ist ihr nicht klar, auf welchem Weg sie sich wieder befindet. Das weiß sie in der Tat nicht, denn jemand möchte unbedingt den Kontakt zwischen Isabelle und Stella verhindern.

Elisabeth Norebäcks Debütroman kann auf der ganzen Linie überzeugen und hat mich von der ersten Seite an gefesselt. Es gelingt der Autorin, viele Spuren zu legen, so dass man lange Zeit verunsichert bleibt und nicht weiß, welchen Reim man sich auf die Vorgänge machen soll. Wird Stella tatsächlich bedroht, hat sie doch eine Psychose, die Wahnvorstellungen auslöst und die sie alles falsch deuten lässt? Am Ende folgt eine saubere und glaubwürdige Auflösung, die keine Frage unbeantwortet lässt.

Die Handlung folgt im Wesentlichen den Ereignissen um Stella. Durch das Fehlen der Perspektiven der Figuren um sie herum, ist man auch als Leser eingeschränkt in dem, was man weiß und kann nur Stellas Deutungen folgen. Mit dem Risiko, auch ihren Denkfehlern oder Fehleinordnungen zu folgen. Gelegentlich werden Abschnitte über Isabelle eingeschoben, die junge Studentin, die nach dem Tod des Vaters psychologische Unterstützung sucht. Es würde zu viel verraten hier ins Detail zu gehen, aber vom Ende her gesehen, sind diese Abschnitte ungemein clever gestaltet und tragen entscheidend zur Spannung bei.

Fazit: ein stimmiger Skandinavien-Krimi, der geschickt mit den Ängsten und Sorgen der Figuren und der Leser spielt.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Weitere Informationen zu Buch und Autorin finden sich auf der Internetseite der Verlagsgruppe Random House.

Emelie Schepp – Nebelkind

9783734100697_cover
Emelie Schepp – Nebelkind

»Keren«. Sie las weiter. »Griech. Myth. Bei den alten Griechen galten die Keren als Todesdämonen oder genauer als Dämonen der gewaltsamen Todesarten.

 

Staatsanwältin Jana Berzelius hat wieder Alpträume, schon seit ihrer Kindheit begleiten sie diese, doch sie kann sie nicht deuten. Ihr neuester Fall scheint sie noch viel stärker heraufzubeschwören – kann sie vielleicht der Ursache endlich auf die Schliche kommen und die Erinnerungslücken ihrer Kindheit schließen? Ein hoher Mitarbeiter des Amts für Migration wurde in seinem Haus erschossen, auf den Überwachungskameras sieht man nur ein Kind, das aber unmöglich der Täter sein kann. Nur kurz darauf wird auch der Junge erschossen aufgefunden und zwei Dinge stellen die Ermittler vor Rätsel: wieso vermisst niemand den 9-Jährigen und weshalb hat er das Wort „Thanatos“ in seinen Hals eingeritzt? Jana hat vielleicht eine Erklärung, die sie jedoch unmöglich teilen kann: sie selbst trägt ebenfalls den Namen einer Todesgottheit unter ihren Haaren und hält dies seit Jahrzehnten versteckt.

„Nebelkind“ ist der Auftakt der Serie um die schwedische Staatsanwältin mit ungewöhnlicher Kindheit. Der Fall verwickelt die Juristin unmittelbar in ihre eigene Geschichte und beantwortet ihr zahlreiche Fragen. Die eingeschobenen Träume sind zunächst nicht einzuordnen, im Laufe der Handlung wird das Bild jedoch zunehmend klarer und gemeinsam mit der Protagonistin lüftet man den Schleier um ihre Herkunft.

Insgesamt ein solider Thriller, der einen komplexen Fall behandelt, der zahlreiche Nebenschauplätze mit sich bringt und auch so manche tote Spur legt und damit die Spannung stetig aufrecht hält. Überzeugend hat die Autorin jedoch die Spuren gelegt und löst das komplizierte Gebilde sauber auf. Weniger als der Kriminalfall lebt der Roman jedoch von den Figuren. Jana Berzelius ist ganz sicher eine sehr außergewöhnliche Figur, die mit den inneren Rissen und ihren zwei Seiten leben muss: einerseits die korrekte Staatsanwältin, die für Recht und Ordnung sorgt, andererseits der Mensch, der nie Liebe erfahren hat und seinen Emotionen folgt, um persönliche Gerechtigkeit zu erzwingen. Auch die anderen Ermittler wurden mit individuellen Stärken und Schwächen ausgestattet, die sie menschlich und auch facettenreich erscheinen lassen.

Jan Stocklassa – Stieg Larssons Erbe

jan-stocklassa-stieg-larssons-erbe
Jan Stocklassa – Stieg Larssons Erbe

Der 28. Februar 1986 ändert vieles im schwedischen Bewusstsein: auf offener Straße wird Premierminister Olof Palme erschossen und er erliegt am Tatort den Verletzungen. Auch dreißig Jahre nach der Tat sind weder der Täter dingfest gemacht noch die genauen Geschehnisse des Tatabends geklärt. Der Journalist Jan Stocklassa stößt bei seinen Nachforschungen für ein Buch über Tatorte auf die Aufzeichnungen von Stieg Larsson, heute aufgrund der Millennium-Trilogie als Thriller-Autor weltweit bekannt, in den 80er Jahren jedoch in Schweden geschätzter Journalist und Illustrator, der sein Leben lang gegen den Rechtsextremismus anschrieb. Auch Larsson hat bis zu seinem Tod 2004 akribisch geforscht, um den Mordfall Olof Palme aufzuklären. Stocklassa nimmt die Spurensuche wieder auf und vervollständigt Larssons Vorarbeit. Am Ende bleibt die Frage offen, was die schwedische Polizei aus dem Material machen wird.

„Stieg Larssons Erbe“ ist eine detailreiche Dokumentation nicht nur der unmittelbaren Ereignisse vom 28.2.1986, sondern es beschreibt auch wichtige politische Zusammenhänge und Ereignisse, die wesentlich für die Tat sein könnten, und ebenso die geradezu erschrecken komplizierte und von Streitigkeiten geprägte Struktur des Polizei- und Juristereiapparats. Obwohl das Buch einen weitgehend dokumentarischen und beschreibenden Charakter hat, Stocklassa legt auch seine und Larssons Arbeitsweise ausführlich dar, um ihre Gedankengänge und Vorgehen nachvollziehbar zu machen, liest sich das Buch dennoch unheimlich gut und wirkt an keiner Stelle ermüdend oder gar dröge.

Sicherlich hat es einen guten, von Marketing-Gesichtspunkten geprägten Sinn, dass der Name Stieg Larssons im Titel erscheint. Für mein Empfinden verschiebt das leider etwas den Fokus und lenkt potenzielle Leser in eine falsche Richtung. Dies ist besonders schade, da es einen ausgesprochen hohen informativen Wert hat, unterhaltsam zu lesen ist und auch ohne den bekannten Namen wirken kann. „True Crime“ – ja, natürlich, aber faktisch ist es eine Aufarbeitung des Falls Olof Palme, der unheimlich komplex und dadurch enorm interessant ist. Für mich eine sehr lohnende Lektüre, da mir der Fall nur rudimentär bekannt war und ich die Hintergründe und Zusammenhänge nicht wirklich kannte. Sowohl das Vorgehen des Autors bei der Recherche war dabei für mich aufschlussreich zu lesen, aber auch die Situation des Extremismus und Terrorismus in Schweden, was mir bis dato gänzlich unbekannt war.

Fazit: ein Buch, das vor allem durch den Einblick in qualitativ hochwertige journalistische Arbeit überzeugt und für ein Sachbuch in einem hohen Maße ansprechend verfasst wurde.

Stefan Ahnhem – Victim without a Face [Und morgen du]

stefan-ahnhem-victim-without-a-face
Stefan Ahnhem – Victim without a Face 

Kommissar Fabian Risk zieht mit seiner Familie von Stockholm zurück in seine Heimatstadt Helsingborg. Gemeinsam wollen sie noch einige Wochen Urlaub machen, bevor er seinen Dienst antreten muss. Doch seine Chefin kontaktiert ihn schon am Umzugstag wegen einem mysteriösen Doppelmord: zwei ehemalige Klassenkameraden Fabians wurden bestialisch getötet. Schnell ist klar, dass sich jemand rächen will und ein lange zurückliegendes Mobbing scheint das Motiv. Fabian ist dem vermeintlichen Täter unmittelbar auf den Fersen – bis auch dieser tot aufgefunden wird. Offenbar haben sie den falschen im Visier und irgendwen der alten Klasse übersehen. Unterdessen geht das Morden unaufhaltsam weiter.

Stefan Ahnhems Debüt ist ein Psychothriller, der gleich mehrere urmenschliche Themen aufgreift: zentral ist das Motiv der Morde, die Auswirkungen, die schulisches Mobbing auch noch Jahre später haben kann und von dem sich manche unter Umständen nie erholen. Aber auch in den ermittelnden Teams spielen psychologische Fragen wesentliche Rollen: wie gut ist man als Teamplayer bzw. wer kann sich nicht integrieren, wie geht man mit Schwächen und Fehlern um, wie wirkt sich Machtbesessenheit aus und wie weit sind Menschen bereit zu gehen, um den äußeren Schein aufrecht zu halten? Daneben kann die clevere Konstruktion durch viele falsche Fährten und immer wieder unerwartete Wendungen punkten.

Die Charaktere konnten mich überzeugen, vor allem, da auch die private und menschliche Seite der Ermittler zum Tragen kommt. Auch wenn sie einen Mord zu lösen haben, findet beispielsweise ihr geplantes gemeinsames Grillen statt. Fabian Risk ist mir persönlich zwar etwas zu sehr Einzelkämpfer, was ich auch nicht immer ganz glaubwürdig finde – ebenso wie seine Heldentaten kurz nach schweren Verletzungen – aber dafür fand ich die Frauenfiguren sehr differenziert und überzeugend. Vor allem ihre Reaktionen, nachdem sie verletzt oder misshandelt wurden, wirken authentisch.

Alles in allem ein recht typischer Schwedenkrimi, der auf der ganzen Linie überzeugen kann.

Mons Kallentoft/Markus Lutteman – Das Blut der Hirsche

mons-kallentoft-markus-luttman-das-blut-der-hirsche
Mons Kallentoft/Markus Lutteman – Das Blut der Hirsche

Eine ausgelassene Midsommar-Party endet für eine Gruppe von Jugendlichen auf einer Schäreninsel im Tod. Aber damit nicht genug: alle weisen grauenvolle Verstümmelungen auf und scheinen sich nicht gegen den Angriff gewehrt zu haben. Schnell wird klar, dass eine neue Party-Droge in Stockholm im Umlauf ist: Bambi. Das Team um Zack Herry steht unter Druck, vor allem als eine weitere Gruppe von Mädchen tot aufgefunden wird. Wer kommt auf die Idee eine solche Droge zu entwickeln? Der Fall nimmt Zack voll in Beschlag und er hat kaum Zeit für seine Verlobte Mera – etwas, das er bitter bereut als er sie verblutend in den Armen hält. Aus nächster Nähe erschossen, aber die Schüsse galten doch ihm, oder?

„Das Blut der Hirsche“ ist der dritte Band aus der Reihe um den schwedischen Polizisten Zack Herry, den Mons Kallentoft zusammen mit Markus Lutteman geschrieben hat. Der Thriller spielt mit einem hohen Tempo und einer komplizierten Geschichte, die gleich mehrere Stränge miteinander kombiniert, in erster Linie auch das Privatleben von Zack Herry, das einige blinde Flecken bietet. Auch wenn ich die beiden Vorgänger der Reihe nicht gelesen habe, viel es mir leicht den Einstieg zu finden – und jetzt auch ganz sicher noch zu den anderen beiden zu greifen.

Es braucht nur wenige Kapitel, bis man tief in die Handlung eingetaucht ist und diese einem nicht mehr loslässt. Der Thriller hat einen ungemein fesselnden Stil, so dass man ihn schlichtweg nicht mehr aus der Hand legen will und innerhalb kürzester Zeit gelesen hat. Die Todesfälle der Jugendlichen sind zunächst mysteriös und es dauert einige Zeit, bis die Ursache gefunden wurde. Dass einer der Ermittler selbst unmittelbare Verbindungen in die Drogenszene hat, ermöglicht zwar einerseits Insiderinformationen, bringt ihn aber auch in Gefahr. Auch die Figuren haben mir gut gefallen – individuell gezeichnet und trotz ihrer extreme wirken sie authentisch und überzeugend.

Es sind kurze Einschübe, die zunächst scheinbar ohne Bezug zur restlichen Handlung sind, die aber schnell erkennen lassen, dass es im Hintergrund noch eine ganz andere Geschichte gibt, die viel größer ist und die offenbar über den Einzelband der Reihe hinaus gespannt wird. Die Autoren haben dies geschickt eingebunden, ohne zu aufdringlich offensiv zu sein und um dennoch eine vage Ahnung der eigentlichen Story zu geben. Häufig entwickelt sich das Privatleben der Kommissare im Laufe der Bände einfach weiter, hier scheint etwas gänzlich Anderes angelegt zu sein, was mein Interesse an den anderen Bänden und vor allem auch an dem vierten Teil immens geweckt hat.

Fazit: ein Thriller, der den Titel wirklich verdient hat.

Sofie Sarenbrant – Die Tote und der Polizist

sofie-arenbrant-die-tote-und-der-polizist.png
Sofie Sarenbrant – Die Tote und der Polizist

Emma Sköld ist tot, die Stockholmer Mordkommission und ihre Familie trauern um die Polizistin. Die Ex-Frau ihres Mannes hat sie getötet und ist jetzt auf der Flucht. Emmas Kollege will alles daransetzen, sie zu finden. Doch er ahnt nicht, dass er auf der falschen Spur ist, denn es ist nicht eine Frau, die für die schlimmsten Morde in der schwedischen Hauptstadt verantwortlich ist, sondern der Polizeichef Gunnar Olausson höchst persönlich. Auch für den Mord an Emma Sköld – der gar keiner war, denn Emma lebt und will ihm und seinen Gehilfen das Handwerk legen. Doch dafür darf niemand wissen, dass sie seinen Anschlag überlebt hat und weiß, dass er der Drahtzieher ist.

Sofie Sarenbrants dritter Teil der Reihe um die schwedische Kommissarin findet unter kuriosen Vorzeichen statt. Eine Ermittlerin, die sich verstecken und aus dem Hinterhalt ohne die übliche Hilfe agieren muss, ist ein recht außergewöhnliches Setting. Ob dies real so umsetzbar wäre, ist zwar für mein Empfinden eher zweifelhaft, dem Krimi tut dies jedoch keinen Abbruch, denn dieser ist rasant erzählt und spannend aufgebaut.

Durch die vielen Perspektivenwechsel zwischen den einzelnen Kapiteln benötigt man etwas Zeit sich zu orientieren, auch die Situation um Emma ist nicht unmittelbar offenkundig. Hat man jedoch das clevere Manöver durchschaut, wird der Thriller erst richtig spannend, denn die Figuren spielen auf Augenhöhe und so steigert sich die Spannung und die Frage, wer am Ende siegen wird. Mit zahlreichen Nebenkriegsschauplätzen wird der psychische und emotionale Druck stetig erhöht und man fiebert gebannt mit der Protagonistin.

Insgesamt vielleicht ein bisschen viel von allem, weshalb manche durchaus interessante Nebenhandlung schnell wieder im Sand verläuft und die Figuren in ihrer emotionalen Ausnahmesituation nicht ganz so deutlich rauskommen, wie dies hätte sein können. Nichtsdestotrotz für mich ein runder Roman, der sich spannend liest.

Anna Tell – Vier Tage in Kabul: Die Unterhändlerin

anna-tell-vier-tage-in-kabul
Anna Tell – Vier Tage in Kabul: Die Unterhändlerin

Um lokale Sicherheitskräfte auszubilden ist die schwedische Kommissarin Amanda Lund für einige Zeit in Afghanistan stationiert. Als ein Diplomatenpaar verschwindet, soll sie sich darum kümmern. Der schwedische Botschafter ist zunächst nur widerwillig kooperativ, muss dann aber einräumen, dass er erpresst wird: ein Bild, das ihn in indiskreter Situation mit zwei Männern zeigt, macht ihn angreifbar. Doch statt die Forderung, Heroin über den Dienstweg nach Schweden zu versenden, zu befolgen, hat er selbiges vernichtet. Ein dummer Fehler wie nun scheint. Doch als auch in Stockholm ein Mitarbeiter des Außenministeriums ermordet aufgefunden wird und immer noch keine Lösegeldforderung für die beiden Diplomaten eingegangen ist, wirft der Fall mehr und mehr Fragen auf. Dass ein Staatsbesuch ansteht, um die erfolgreiche Zusammenarbeit der beiden Länder zu feiern, hilft Amanda auch nicht gerade. Die Zeit läuft davon, sie soll schleunigst Ergebnisse liefern und ist dabei selbst in größter Gefahr.

Die Autorin verfügt selbst über fundierte Erfahrung in der Polizeiarbeit, als Politologin und Kommissarin hat sie mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung sammeln können, die sie in ihrem Debütroman verarbeiten konnte. Rausgekommen ist ein überzeugender Thriller, der kleinkriminelle Motive mit internationaler Politik verknüpft und mit einer starken Protagonistin punkten kann.

Dies ist das erste, was als eher außergewöhnlich im Genre der Politthriller auffällt: selten tummeln sich hier Frauen in entscheidenden Positionen und vor allem so nah am Kampfgeschehen. Dass Amanda ausgerechnet in einem muslimischen Land, in dem Frauen jahrzehntelang gnadenlos unterdrückt wurden, das Kommando innehat, erstaunt umso mehr. Aber sie zeigt geschickt, dass das Geschlecht zweitrangig ist und für ihre Aufgabe keinerlei Rolle spielt: sie muss rasch Puzzlesteine in Verbindung bringen können, schnell Entscheidungen treffen und sich auch gegen starke Gegner durchsetzen. Dennoch verliert sie zu keinem Zeitpunkt ihre feminine Seite, was die Autorin durch einen interessanten Aspekt einbaut, der jedoch die starke Frau auch ein Stück weit wieder zurück in die Realität wirft, in der Frauen doch häufig genug hintenanstehen müssen.

Der fall selbst ist komplex und vielschichtig, wird aber glaubwürdig und sauber gelöst, so dass keine losen Fäden übrigbleiben. Thematisch aktuell hat man keine Zweifel daran, dass dies real genau so auch geschehen könnte. Die kurzen Kapitel mit den häufigen Ortswechseln tragen zu dem gefühlt hohen Tempo der Handlung bei. Ein gelungener Auftakt, der neugierig macht auf weitere Romane der Reihe. Mit Anna Tell hat Schweden offenkundig eine weitere brillante Autorin im Spannungsgenre zu bieten.

 

Ein herzlicher Dank geht an den Rowohlt Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zur Autorin und zum Roman finden sich auf der Verlagsseite.

Martin Österdahl – Der Kormoran

Der Kormoran von Martin Oesterdahl
Martin Österdahl – Der Kormoran

Mitte der 1990er Jahre entwickeln sich in Russland nach dem Zerfall der Sowjetunion zunehmend demokratische Strukturen. Die anstehenden Wahlen werden die erste große Probe für die junge Republik sein. Vektor, Ein schwedischer Thinktank, beobachtet die Situation und bewertet die Lage, Max und Sarah von Stockholm aus, Paschie in Sankt Petersburg. Als letztere verschwindet, schwant ihren Kollegen bereits Schlimmstes, weshalb sich Max in die russische Metropole aufmacht. Eigentlich hat er dafür keine Zeit, denn gerade ist er einen entscheidenden Schritt weitergekommen bei der Frage, was 1944 geschehen ist und wie diese Ereignisse mit ihm und seiner Familien in Verbindung stehen. Doch er liebt Paschie und ihre Sicherheit hat Vorrang. Die letzte Nachricht der jungen Frau war kryptisch, was hat sie entdeckt? Max ahnt nicht, dass sie sich mit einem mächtigen Gegner angelegt hat, für den die neue Zeitrechnung noch nicht begonnen hat und dem zahlreiche Verbündete zur Verfügung stehen.

Martin Österdahls Thriller „Der Kormoran“ baut auf klassischen Mustern wie dem Ost-West-Konflikt, offenen alten Rechnungen und einer Armada von Geheimagenten, die den Staat unterwandern. Österdahl setzt diese jedoch geschickt ein und hat so einen überzeugenden und mitreißenden Roman geschaffen, der an Komplexität und Tempo schwer zu überbieten ist. Das Debüt des Historikers, der lange für das schwedische Fernsehen gearbeitet hat, ist der Auftakt einer Trilogie um Max Anger.

Im Wesentlichen treiben zwei Rätsel die Handlung des Thrillers voran: einerseits die privaten Ermittlungen Max Angers, die wesentlich mit den Ereignissen gegen Ende des zweiten Weltkrieges zu tun haben und immer wieder in Form von historischen Einschüben präsentiert werden und langsam erahnen lassen, welche Auswirkungen die alten Machenschaften auf die aktuelle Lage haben. Im Vordergrund steht jedoch ein großer russischer Plot, der sowohl politisch wie auch wirtschaftlich motiviert ist und sich modernster Technik bedient. Als Nebeneffekt wird hierbei die Fragilität der russischen Republik zu Ausgang des 20. Jahrhunderts deutlich, die grundlegend für die Entwicklungen nach der Jahrtausendwende waren. Beide Handlungsstränge werden glaubhaft miteinander verknüpft und sauber gelöst.

Insgesamt ein runder Thriller, der mit einem starken Protagonisten punktet und sich vor der großen skandinavischen Konkurrenz in keiner Weise verstecken muss. Die Tatsache, dass nicht nur persönliche Motive zu einer Serie von Morden führen, sondern ein komplexes Geflecht von Aspekten hinter dem Agieren der Figuren steht, das zudem historisch glaubhaft eingebettet wird, hebt ihn deutlich von der Masse der Neuerscheinungen im Genre ab.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Roman finden sich auf der Seite der Verlagsgruppe Random House.

Sofia Lundberg – Un petit carnet rouge

sofia-lundberg-un-petit-carnet-rouge
Sofia Lundberg – Un petit carnet rouge

Il ne reste plus beaucoup de temps à Doris ; à 96 ans, elle vit seule à Stockholm et la seule personne de sa famille est sa nièce Jenny qui vit à San Francisco. C’est grâce à Skype qu’elles se parlent régulièrement. Mais Doris a peur que le temps ne suffisse pas à tout lui raconter et confier, alors elle prend des notes dans un petit carnet rouge dans lequel elle parle des gens qui étaient importantes dans sa vie, qu’elle a rencontrées et aimées. La vie de Doris touche à sa fin, Jenny vole à Stockholm avec sa fille cadette pour être là pour sa tante tant aimée et pour dire adieu.

Sofia Lundberg est journaliste et vit à Stockholm, « Un petit carnet rouge » est son premier roman qui a connu un grand succès en Suède. C’est une histoire d’une vie pleine d’aventures, de dangers, de succès et de défaites. Mais avant tout, c’est un roman sur l’amour, un amour qui a existé et qui a survécu, mais seulement à distance.

Ce qui m’a plus beaucoup, c’est l’alternance des deux histoires, d’un côté, d’accompagner Doris pendant ses derniers jours et d’autre, de connaître sa vie, peu à peu, dès son enfance. C’était une vie turbulente qui n’était jamais facile mais qui a fait de Doris la personne qu’elle est à la fin de sa vie : une grande dame avec un grand cœur qui a tout vécu et qui peut tant donner.

J’ai vraiment adoré le roman, les personnages sont tellement touchants et aimables qu’on ne veut pas les quitter à la fin. C’est un vrai bijou qu’il ne fallait pas du tout rater et il y a un vœu que la mère de Doris exprime quand elle est encore une petite fille qui montre très bien ce qui rend le roman tellement émouvant : elle lui souhaite

« Assez de soleil pour illuminer tes jours, assez de pluie pour apprécier le soleil, assez de joie pour nourrir ton âme, assez de peine pour savoir profiter des petits plaisirs et assez de rencontres pour savoir dire adieu. »

Anders de la Motte – Sommernachtstod

anders-de-la-motte-sommermnachtstod
Anders de la Motte
Sommernachtstod

Als der kleine Billy vom Hof seiner Eltern in Nordschweden verschwindet, ist die Aufregung im ganzen Ort groß. Tagelang wird nach dem Jungen gesucht, doch es findet sich keine Spur. Lediglich einen Verdächtigen gibt es, der bereits wegen anderer Vorfälle aus der Dorfgemeinschaft verstoßen wurde. Das Verschwinden kann nie aufgeklärt werden und auch als Erwachsene wird seine Schwester Veronica immer wieder daran erinnert, auch wenn sie bereits direkt nach der Schule geflüchtet ist. Als in der Therapiegruppe, die sie leitet, ein junger Mann auftaucht, der berichtet, dass er immer noch unter dem spurlosen Verschwinden seines damaligen Freundes leidet, reißt die alte Wunde wieder auf, aber auch Hoffnung keimt: könnte dieser Mann vielleicht selbst Billy sein? Wird der unheilvolle Sommer von 1983 endlich zuendegehen und es Antworten auf all die offenen Fragen geben?

Anders de la Motte arbeitete selbst als Polizist, bevor er sich dem Schreiben zugewandt hat. Auch wenn die Polizeiarbeit in seinem Krimi „Sommernachtstod“ einen bedeutenden Raum einnimmt, steht sie jedoch nicht im Mittelpunkt, da die Nachforschungen hauptsächlich von Veronica wieder aufgenommen werden. Die Handlung verläuft parallel auf zwei Zeitebenen, so erfahren wir, was damals in dem unheilvollen Sommer geschah und was sich aktuell in Veronicas Leben abspielt. Dazwischen finden sich mysteriöse Liebesbriefe, deren Bedeutung sich jedoch erst ganz zu Ende enthüllt und die vieles noch einmal in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Insgesamt ist der Krimi sauber konstruiert, bietet eine Reihe von Fährten, die man mit der Protagonistin verfolgen und wieder verwerfen kann und am Ende wird der Fall sauber und glaubwürdig gelöst. Ich fand ihn nicht übermäßig spannend, auch wenn es einige für Veronica kritische Situationen gab, war doch zu deutlich, dass sie das Rätsel wird lösen müssen und daher immer wieder einen Ausweg wird finden können. Zwar hat der Autor versucht, die Figur nicht eindimensional zu zeichnen, indem er ihr eine psychologisch relevante Vorgeschichte zu den aktuellen Ereignissen zuschrieb, jedoch wirkte diese für mich nicht nur sehr konstruiert, sondern auch völlig überflüssig. Das Enthüllen darüber, was genau zwischen ihr und ihrem Ex geschehen war, wird künstlich in die Länge gezogen, was jedoch nur begrenzt zusätzliche Spannung bietet. Hiervon abgesehen, ein runder, recht typischer skandinavischer Krimi, der sehr gut die ländlich-dörfliche Gegend und die damit verbundene Kultur der Gemeinschaft verdeutlicht und dies überzeugend in die Handlung einbaut und als leichte Sommerlektüre bestens geeignet ist.