Emelie Schepp – Weißer Schlaf

Weisser Schlaf von Emelie Schepp
Emelie Schepp – Weißer Schlaf

Es ist ihre einzige Chance etwas Geld zu verdienen und man hat ihnen versichert, dass sie in wenigen Tagen wieder zurück sein werden. Also schlucken die beiden thailändischen Mädchen die Pillen und steigen in den Flieger nach Europa. Doch noch bevor sie ihr eigentliches Ziel erreichen, ist eine von ihnen durch die Drogen gestorben und liegt nun tot in einem Zugabteil im Bahnhof von Norrköping, die andere kann sich davonschleichen und die Kontaktperson treffen. Was nach einem Fall von internationalem Drogenhandel aussieht, wird die schwedische Polizei noch vor weitere Rätsel stellen, denn bald darauf wird ein junger Mann ermordet in seiner Wohnung gefunden, er hatte offenbar ebenfalls Kontakt ins Milieu und weitere Spuren weisen nicht nur auf eine neue Macht in der Drogenszene hin, sondern auch auf eine mysteriöse Frau, die so gar nicht in das Bild passen will. Die Staatsanwältin Jana Berzelius weiß, wer die Unbekannte ist: sie selbst. Denn sie verfolgt neben den offiziellen Fällen auch noch eine ganz persönliche Agenda.

Emelie Schepps Thriller „Weißer Schlaf“ ist der zweite in der Reihe um die Staatsanwältin Jana Berzelius; drei Bände sind bislang in deutscher Übersetzung erschienen, der vierte ist für Herbst 2018 angekündigt. Die Autorin hat für ihre Romane den renommierten schwedischen Crime Time Specsaves Reader’s Choice Award gleich zweimal hintereinander gewonnen, 2016 und 2017 wurde sie zur beliebtesten Krimiautorin Schwedens gewählt, eine hohe Auszeichnung bedenkt man die Konkurrenz im eigenen Land.

Der Thriller erfüllt alle Erwartungen: eine komplexe Geschichte, die zunehmend weitere Facetten bekommt und vom Leser höchste Konzentration erfordert, um keines der unzähligen Details zu übersehen. Dazu das passende Setting im schwedischen Winter, der schnell die Sonne untergehen und mit Massen an Schnee und klirrender Kälte den Aufenthalt im Freien rasch zur Gefahr werden lässt.

Am entscheidendsten ist jedoch in der Reihe die Protagonistin Jana Berzelius, die gleichermaßen intelligent und souverän in ihrer Funktion als Staatsanwältin erscheint, andererseits aber auch mysteriös und undurchschaubar bezogen auf ihr Privatleben und ihre Vorgeschichte. Im zweiten Band erhellt sich einiges um ihre Kindheit, doch immer noch bleibt die Frage offen, wer sie eigentlich ist. Die Rolle ihres Mentors und Stiefvaters wird geklärt, aber welches Trauma sie erlitten an, an das sie sich auch nicht erinnern kann, liegt weiterhin im Dunkeln. Die Figur überrascht immer wieder, vereint sie die klassisch gute wie auch die böse Seite miteinander, zeigt sich gesetzestreu und entschlossen die Recht der Schwachen zu verteidigen, um im nächsten Moment nach eigenen Regeln zu spielen. Eine ungewöhnliche Konstruktion, die jedoch keineswegs unglaubwürdig erscheint, sondern einen eigenen Reiz hat.

Alles in allem eine Story, die überzeugend konstruiert wurde, mit immer neuen Fakten unerwartete Richtungen aufnimmt und im Laufe der Handlung auch immer mehr den notwendigen Thrill aufweist. Ich bin kein Freund von Cliffhangern, in Anbetracht der Tatsache, dass es sich um eine Reihe handelt, die stark an die Protagonistin geknüpft ihr, sei dies verziehen.

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David Lagercrantz – Verfolgung

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David Lagercrantz – Verfolgung

Auch wenn es Alternativen gegeben hätte, Lisbeth Salander ist stur genug, um eine Haftstrafe von acht Wochen abzusitzen. Aufgrund ihrer Vorgeschichte landet sie nicht in irgendeinem Gefängnis, sondern in Flodberga, dem Hochsicherheitstrakt für Frauen. Schnell gerät sie dort ins Visier von Benito Andersson, der heimlichen Herrscherin über den Laden. Eigentlich will Lisbeth sich von allem fernhalten, als jedoch ihre Zellennachbarin bedroht wird, mischt sie sich ein – mit entsprechenden Folgen. Dabei hat Lisbeth eigentlich gerade andere Dinge im Kopf, sie scheint der Frage, weshalb ihre Kindheit so verkorkst war, war sie nun einmal war, ein Stück näher gekommen zu sein. Doch das neu erworbene Wissen birgt Gefahren in sich, nicht nur für Lisbeth, sondern vor allem Holger Palmgren muss für Lisbeths Nachforschungen bezahlen: ihr langjähriger Mentor wird ermordet. Doch die junge Frau wäre nicht die, die sie ist, wenn sie sich von so einem Zwischenfall entmutigen lassen würde. Im Gegenteil, jetzt muss sie erst recht handeln.

Nachdem der vierte Band der Millennium Serie leider schon nicht mit den ersten drei geschrieben von Stieg Larsson mithalten konnte, setzt sich dies auch im fünften Band fort. David Lagercrantz hat ein schweres Erbe übernommen, dem er jedoch nicht gerecht werden kann. Zu seiner Verteidigung muss man jedoch sagen, dass – sofern man das erste sehr zähe Dritte überwunden hat – durchaus ein spannender und guter Krimi entstanden ist. Wenn auch keine würdige Fortsetzung.

Am meisten hat mich zu Beginn gestört, dass Lisbeth Salander so gar nicht die Figur ist, wie man sie kennt. Aus der eher zurückgezogenen, defensiven Frau macht Lagercrantz eine aktive Haudrauf-Insassin, die unüberlegt und blind agiert. Das passt in keiner Weise zu der Figur, wie man sie kennengelernt hat. Auch Mikael Blomkvist wird über lange Zeit nur als Aufreißer charakterisiert, das, was ihn eigentlich auszeichnete, kommt erst viel zu spät zum Tragen.

Tatsächlich wird man etwas entlohnt, wenn man nicht vorzeitig aufgibt – das ist aber nicht Sinn und Zweck eines Krimis. Unabhängig von der etwas verunglückten Figurenzeichnung, stehen zwei Krimifälle im Zentrum. Den um die junge Frau aus Bangladesh fand ich etwas zu oberflächlich und bemüht, um mich zu überzeugen; der zweite um Leo Mannheimer hingegen hatte nennenswert mehr Tiefgang und war für die Geschichte auch deutlich besser motiviert. Hier hätte Lagercrantz aber auch etwas mehr die Hintergründe ausbauen können, wie man es beispielsweise im ersten Teil der Millennium Serie sehen konnte.

Fazit: durchwachsen. Sehr schwacher Start, je näher man dem Ende kommt, desto besser wird der Roman allerdings, so dass es im letzten Drittel doch fast ein wenig an die echte Millennium Trilogie anknüpfen kann.

Åsa Avdic – Isoliert

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Åsa Avdic – Isoliert

Schweden 2037. Aus dem unabhängigen Königreich ist ein Mitgliedstaat im Verbund der Freundschaftsunion geworden. Die EU ist Geschichte und die Abhängigkeit von einem der UdSSR nicht unähnlichen Staat ist offenkundig. Die Geheimdienste bestimmen, was im Land geschieht, die Bürger haben sich eingerichtet und verstanden, dass man besser weniger als zu viele Fragen stellt. Anna Francis arbeitet für den Staat und hat vor kurzer Zeit eine unmögliche Mission recht erfolgreich beenden können. Nun will sie eigentlich endlich wieder Zeit mit ihrer Tochter verbringen, die sie lange in Schweden zurückgelassen hatte. Doch man bittet sie zu einem Gespräch und bietet ihr einen Job an, den sie aus finanziellen Gründen kaum ablehnen kann: sie soll an einem Recruiting-Verfahren für das geheime RAN-Projekt teilnehmen und dafür eine Gruppe von potenziellen Kandidaten beobachten und analysieren. Nur wenige Tage soll der Auftrag dauern, dafür muss sie sich jedoch mit den Bewerbern auf eine isolierte Insel begeben. Kaum nachdem sie angekommen sind, läuft jedoch das minutiös geplante Verfahren völlig aus dem Ruder.

Es fällt mir nicht ganz einfach, bei diesem Roman zu einem Fazit zu kommen. Zu unterschiedlich gestalten sich die einzelnen Phasen. Im ersten Drittel lernen wir die Protagonistin Anna kennen. Sehr ausführlich wird ihr Privatleben und das vorhergehende Projekt beschrieben. Dies ist alles nicht uninteressant, aber auch nicht wirklich zielführend. Der stärkste Part des Buchs ist der Projektbeginn auf der Insel. Die Beschreibung des clever angelegten Gebäudes, der geplante Ablauf des Projekts, die Vorstellung der Kandidaten – hier wird der als Thriller eingeordnete Roman richtig spannend. Man weiß, was gleich passieren wird, hat einen Informationsvorsprung gegenüber den Figuren – bis man merkt, dass es noch einen zweiten Aufbauplan geben muss, der sich deutlich von dem ersten unterscheidet. Noch jemand hat hier etwas vorgesehen und nicht alles wird verlaufen wie gedacht. Die Auflösung fand ich wiederum unbefriedigend. Ein zu schnelles Ende, das etwas lieblos abgehandelt wurde und für mein Empfinden wesentliche Fragen nicht beantwortet hat.

Anna als Protagonistin kann den Roman über weite Strecken tragen. Allerdings bleibt sie mir als Leser immer etwas zu distanziert und emotionsreduziert. Ihr Verhältnis zu ihrer Tochter und zu ihrer Mutter finde ich befremdlich, eine wirklich gute Erklärung, warum dies so ist, erhält man jedoch nie. Eine Veränderung kann man bei ihr im Verlauf der Handlung auch nicht wirklich beobachten. Die anderen Figuren bleiben letztlich alle Randnotizen und relativ eindimensional auf ihre singuläre Funktion reduziert.

Durchaus mit Überraschungen versehen kann der Roman auf der Handlungsebene einiges bieten, aber mir hätten ein wenig mehr Stringenz zu Beginn und ein weniger holpriges Ende mit klarer Auflösung besser gefallen.

Håkan Nesser – Der Fall Kallmann

Der Fall Kallmann von Hakan Nesser
Håkan Nesser – Der Fall Kallmann

Nach dem Verlust seiner Frau und seiner Tochter zieht Leon Berger in eine schwedische Kleinstadt, um an der dortigen Schule als Lehrer neu anzufangen. Er übernimmt den Job eines gewissen Eugen Kallmann, der wenige Monate zuvor unter ungeklärten Umständen ums Leben kam. Für die Polizei war es ein natürlicher Tod, aber nachdem Leon in seinem Schreitisch Tagebücher gefunden hat, wachsen langsam Zweifel an dieser Version. Zusammen mit seinen Kollegen Ludmilla und Igor beginnt er nachzuforschen und will vor allem herausfinden, was an den Tagebüchern der Wahrheit entspricht und was Fiktion ist, denn dort berichtet Kallmann von einem Mord, den er begangen habe. Weitere Zwischenfälle in der Schule, zunächst antisemitische Briefe, dann aber auch ein Mord an einem Schüler scheinen im Zusammenhang mit dem undurchsichtigen Lehrer zu stehen, der in all den Jahren an der Schule trotzdem für alle Kollegen unbekannt und ein Rätsel blieb.

Schätzungsweise war dies mein fünfzehnter Roman von Håkan Nesser und immer wieder bin ich begeistert davon, wie es ihm gelingt einen ganz eigenen, ruhigen Erzählton zu entwickeln, obwohl die Geschichte gerade eine dramatische Wendung nimmt und das Leben seiner Figuren tiefgreifend verändert. Der etwas langsamere Rhythmus der schwedischen Provinz wird so überzeugend umgesetzt und macht das Lesen seiner Krimis zu einem großen Spaß.

Der aktuelle Fall um Eugen Kallmann kann mich ebenso überzeugen wie viele Vorgänger. Nesser verzichtet auf unnötige Komplikationen durch ein riesiges Figurenensemble, im Wesentlichen beschränkt er sich auf die beiden Lehrer Leon und Igor und die Schulpsychologin Ludmilla. Hinzu kommt eine Schülerin, deren Familiengeschichte in den Fall verwickelt zu sein scheint. Das Privatleben verleiht den Figuren mehr Tiefe, lenkt jedoch nicht von den Nachforschungen ab, sondern ist genau richtig dosiert. Auch setzt Nesser nicht auf unerwartete Zufälle, um seinen clever konstruierten Plot zu lösen, sondern dröselt langsam und zielgerichtet jeden Knoten auf, so dass nicht nur alle Fragen beantwortet werden, sondern auch die Motivationen der Figuren glaubwürdig bleiben und die Handlung in sich stimmig wirkt.

Es sind einmal mehr urmenschliche Beweggründe, die die Figuren zu ihrem Handeln veranlassen. Wie nur wenigen anderen Autoren beweist Håkan Nesser eine hervorragende Beobachtungsgabe der menschlichen Natur und kann dies gekonnt in einen Roman umsetzen. Die perfekte Unterhaltung für lange Herbstabende.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Roman und Autor finden sich auf der Seite des Random House Verlag.

Malin Persson Giolito – Im Traum kannst du nicht lügen

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Malin Persson Giolito – Im Traum kannst du nicht lügen

Ein Schulmassaker, der schlimmste Albtraum, Stockholm unter Schock. Doch es gibt eine Person, auf die sich der ganze Hass fokussieren kann: Maria Norberg, genannt Maja, 18 Jahre alt, Haupttäterin gemeinsam mit ihrem Freund Sebastian Fagerman, Sohn eines der reichsten Schweden. Zusammen haben sie erst Claes Fagerman getötet, bevor sie in die Schule gefahren sind, um dort Lehrer und Mitschüler umzubringen. Der Fall schein glasklar und einfach. Aber war es wirklich so? Maja sitzt in Isolationshaft im Gefängnis und lässt ihre Gedanken zurückschweifen, sie geht gedanklich nochmal alles durch, von dem Moment an, als sie Sebastian kennenlernte und die ein Paar wurden, bis zu den unheilvollen Monaten vor der Tat und den Abend bevor ihr Leben eine schreckliche Wendung nahm. Sie hat den Tod von mindestens einem Menschen verschuldet, aber hätte sie alles verhindern können? Der Prozess muss Klarheit bringen.

Malin Persson Giolitos Roman wurde in ihrem Heimatland Schweden zum besten Kriminalroman des Jahres 2016 gewählt. Eigentlich ist es kein wirklicher Krimi, schon zu Beginn weiß man, wer die Toten sind und letztlich auch, wer für ihren Tod verantwortlich ist. Für mein Empfinden ist der Roman viel mehr eine psychologische Studie über Familienbeziehungen und Abhängigkeiten. Auf jeden Fall eine emotional schwerwiegende Geschichte, die einem nicht kalt lässt.

Auch wenn der Amoklauf in der Schule das zentrale Element ist, spielt dies für den Roman nur eine untergeordnete Rolle. Es ist das Ergebnis all dessen, was sich zuvor zugetragen hat. Da wir nur Majas Perspektive haben und sie sehr lange nicht zu dem Leser spricht über die unmittelbaren Ereignisse, weiß man auch lange Zeit nicht, ob man ihr trauen kann und wohin ihre Gedanken einem führen werden. Interessant fand ihre fast emotionslose Reaktion auf all das, was geschehen ist. Sie wirkt geradezu ausgelaugt und leer, als wenn sie keine Gefühle mehr haben könnte und teilnahmslos auf ihr Leben und die Vorgänge blicken würde. Erst spät erklärt sich, weshalb sie wirklich in diesem Zustand ist und dass sie durch die Erlebnisse vorher weit über ihre Grenzen hinausgegangen war.

Immer wieder lenkt uns die Autorin auch auf falsche Fährten, plötzlich wird der soziale Hintergrund der Clique relevant; konnte alles nur passieren, weil den Oberschichtenkindern langweilig war und sie schon lange den Bezug zur Realität verloren hatten? Oder will sie auf das Thema Drogen und deren zerstörerische Wirkung hinaus? Womöglich sind es aber doch sogar politisch Motive; weshalb war der syrische Mitschüler nicht akzeptiert und wurde vorgeführt, nur geduldet, weil er intelligent war, aber niemals als Gleicher behandelt? Auf komplexe Vorgänge gibt es keine einfachen Antworten oder simple Erklärungen, das macht die Autorin klar. Das Leben, die Menschen sind vielschichtig und die von außen so naheliegende Deutung greift oftmals zu kurz.

Eine schwierige Thematik, die hinter der Geschichte steckt, die jedoch clever aufgebaut und geschickt entfaltet wird. Ein bemerkenswerter Roman, der unerwartete Tiefe bietet und eine detaillierte Charakterstudie darstellt.

Joakim Zander – Der Freund

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Joakim Zander – Der Freund

Klara musste ihren geliebten Großvater beerdigen, ihre Freundin Gabriella ist wie immer an ihrer Seite. Doch Gabriella ist abgelenkt, irgendetwas belastet sie. Am nächsten Morgen wird sie vor den Augen Klaras in ihrer Kanzlei verhaftet. Diese agiert schnell und kann eine geheime Nachricht der Freundin entdecken: sollte Gabriella etwas geschehen, muss Klara einen geheimen Informanten in Brüssel treffen. Dieser ominöse Mensch ist ein Praktikant der schwedischen Botschaft in Beirut. Jacobs Zeit dort ist geprägt von Langeweile im Büro und umso mehr Aufregung durch seinen Freund und Liebhaber Yassim. Dieser gibt kaum etwas von sich preis, verschwindet immer wieder für Wochen spurlos und trifft sich mit zwielichtigen Personen. Jacob ahnt selbst, dass mit Yassim etwas nicht stimmt, als er von einer mysteriösen Frau kontaktiert wird, die behauptet, dass Yassim ein Terrorist sei, weiß er nicht mehr, was er glauben soll. Doch dass er sich in größte Gefahr begeben hat, wird Jacob nicht erst klar, nachdem seine Wohnung verwüstet wurde und sein Leben bedroht wird. Helfen kann ihm wohl nur die Frau, die er Monate zuvor im Fernsehen bewundert hat: Gabriella.

Band drei von Joakim Zanders Reihe um Klara Walldéen knüpft nahtlos an die beiden Vorgänger an und ist in ebensolchem Tempo geschrieben. Auch in der Thematik bleibt sich Zander treu, ohne sich zu wiederholen oder zu langweilen. Einmal mehr dreht sich die Handlung um das Pulverfass Naher Osten und den Terror, der von dort ausgeht. Dieses Mal lehnt er sich an die Attentate von Paris am 13. November 2015 an, die er geschickt in die Geschehnisse rund um Jacob in Beirut und Klara zwischen Stockholm und Brüssel einbaut.

Seine Protagonistin entwickelt er hierbei überzeugend weiter. Klara ist nicht die fehlerlose Superheldin, der alles spielend gelingt. Nach den letzten Erlebnissen bekam sie ihr Leben nicht mehr auf die Reihe, trank zu viel, um sich zu betäuben. Auch der Tod des Großvaters wirft sie aus der Bahn und ihre Gefühlswelt hat sie gar nicht unter Kontrolle. Doch merkt man, wie sie geradezu von den Erfahrungen profitiert, dadurch reifer wirkt als in vorherigen Bänden. Ähnlich verhält es sich mit Georg Lööw, ihrem Partner in der Krise und offenbar am Ende auch im Privatleben. Jacob als neue Figur ist ebenfalls vielschichtig und authentisch angelegt. Strebsam und doch verunsichert; einerseits emotionsgeleitet und dann doch wieder rational-zweifelnd. Sich mit ihm zu identifizieren und seine Zwickmühle nachzuvollziehen, macht einem Joakim Zander sehr leicht.

Die kurzen Kapitel mit schnellen Ortswechseln sorgen für ein hohes Tempo in der Geschichte. Die zeitversetzte Handlung, die vom Ende und dann wieder vom Anfang an erzählt wird, erhöht die Spannung zudem. Der Roman entbehrt nicht einer gewissen Komplexität, die die Wirklichkeit glaubwürdig widerspiegelt und bestimmte real nicht aufzulösende Spannungen und Verwicklungen in der internationalen Diplomatie und Politik ebenfalls als solche stehenlässt. So erfüllt Joakim Zander einmal mehr voll die Erwartungen an einen anspruchsvollen Thriller und bleibt derzeit einer der besten schwedischen Autoren im Genre.

 

Ein Dank geht an den Rowohlt-Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Buch und Autor finden sich auf der Verlagsseite.

Tom Malmquist – In jedem Augenblick unseres Lebens

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Tom Malmquist – In jedem Augenblick unseres Lebens

Toms schwangere Frau Karin wird in kritischem Zustand in die Klinik eingeliefert. Die Ärzte kümmern sich schnell um sie, aber es zeichnet sich bald ab, dass sie die Geburt vorzeitig einleiten müssen, um die Mutter adäquat behandeln zu können ohne das Baby zu gefährden. Die kleine Livia kommt erfreulich stark auf die Welt, aber Karins Zustand verschlechtert sich von Minute zu Minute. Der worst case tritt ein: die Mutter stirbt und Tom ist unerwartet alleine mit dem Baby. Neben seiner mangelnden Erfahrung im Umgang mit Neugeborenen muss er schnell erkennen, wie gnadenlos das Rechtssystem mit einem Vater umgeht, der nicht mit der Mutter des Kindes verheiratet war und nicht als solcher anerkannt wird.

Der Roman beginnt hochdramatisch mit der Schilderung der Stunden und Tage im Krankenhaus. Man kann die Verschlechterung von Karins Zustand minutiös mitverfolgen, ebenso wie die Verzweiflung des liebenden Partners, der fassungs- und tatenlos mitansehen muss, was vor seinen Augen geschieht. Neben den Sorgen um seine Partnerin muss er sich auch um die weiteren Angehörigen kümmern und alte Konflikte bearbeiten, für die er eigentlich weder Zeit noch Sinn hat. Ein Bruch kommt mit dem Tod Karins und der Roman findet einen ganz anderen Schwerpunkt. Der zweite Teil schwankt zwischen den absurden Erlebnissen mit den Behörden, denen Tom sich wehrlos ausgesetzt sieht und seinen Erinnerungen an die Zeit mit Karin. Jetzt erst erfährt man, wie die beiden sich kennenlernten und zueinander gefunden haben. Gemessen an dem hohen Tempo des Beginns, verlangsamt sich die Erzählung hier nun deutlich. Dies zieht sich auch durch den letzten Teil, in welchem Malmquist das Verhältnis zu seinem Vater und den Verlust selbigen thematisiert.

Tom Malmquists Bericht, der offenbar auf den realen Erlebnissen des Autors basiert, legt schonungslos seine Gefühle und Gedanken offen. Seine Freude über das Töchterchen teilt er ebenso wie die Verzweiflung ob der Bürokratie und das schwierige Verhältnis zu Eltern und Schwiegereltern. In dieser Hinsicht kann das Buch wahrlich überzeugen und den Leser an sich fesseln. In der Gesamtstruktur sind mir die Unterschiede zwischen den drei Teilen doch zu eklatant, um ein wirklich rundes Buch zu sehen. So sehr mich der erste Teil mit dem hohen Tempo begeistern konnte, so sehr ließ mein Interesse insbesondere gegen Ende immer weiter nach.

Inwieweit man von Figurenzeichnung bei einem auf Tatsachen beruhenden Roman überhaupt sprechen kann, sei dahingestellt. Der Ich-Erzähler ist mir durch sein Handeln sehr greifbar und authentisch erschienen. Karin wurde durch seine Erinnerungen vor allem im zweiten Teil für mich eher befremdlicher. Insbesondere ihre Neigung zu Engeln und Übersinnlichem entfremdeten sie weiter und weiter von mir. Da sie nur aus einer Sicht und Erinnerung geschildert wird, ist dieses Bild unweigerlich unvollständig und möglicherweise auch nicht adäquat, was der Person/Figur womöglich nicht gerecht wird.

Ein durchaus lesenswerter Roman; ein Leser, der nicht bis zum Ende durchhält, findet aber auch mein Verständnis.

Jonas Hassen Khemiri – Alles, was ich nicht erinnere

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Jonas Hassen Khemiri – Alles, was ich nicht erinnere

Wer war Samuel? Ein guter Freund und Mitbewohner von Vandad. Ein liebender Enkel, der sich um seine zunehmend demente Oma kümmerte. Ein Menschenfreund, der Flüchtlingen zu helfen versuchte. Ein Freund der exzentrischen Pantherin. Der Liebhaber von Laide. Aber wer kannte ihn wirklich? Jede Begegnung zeigt ein anderes Gesicht, geradezu eine andere Person. Jetzt ist er tot und die Rekonstruktion seines Charakters erfolgt über das Gespräch mit den Menschen, die ihn kannten und von ihren Begegnungen erzählen.

Jonas Hassen Khemiri hat einen Roman geschrieben, der sich Kaleidoskop-artig um seinen Protagonisten dreht und versucht, diesen einzufangen. Die Geschichte könnte sich überall in Europa zugetragen haben, dass Stockholm der Handlungsort ist, ist fast nebensächlich, denn die beschriebene Generation ist nicht mehr verwurzelt in ihrem Land. Die Jugendlichen haben Eltern aus verschiedenen Ländern, wohn(t)en selbst in unterschiedlichen Städten und Staaten und sind es gewohnt auf andere mit disruptiven Lebensläufen und mehreren Muttersprachen oder Kulturen zu treffen. Die fehlende Kontinuität und Zugehörigkeit schlägt sich insbesondere in Samuel nieder, dessen Familiengeschichte vage bleibt: ein abwesender Vater, eine Mutter, die ihren Schmerz nicht öffentlich machen will, eine Schwester, die gänzlich außerhalb der Geschichte zu existieren scheint. Dies unklare Selbstbild schickt ihn auf die Suche nach der Wahrheit im Leben und so wie er versucht, die Welt zu begreifen, so spiegelt er sich in anderen Menschen. Gleichzeitig kann er nicht erinnern, was er erlebt hat, als wäre er gar nicht am leben – auch schon als er noch gelebt hat.

Daneben beschreibt Khemiri eine schwierige Liebesbeziehung, die wilden Schmetterlinge im Bauch und schleichend die Einsicht, dass ein Mindestmaß an gemeinsamen Idealen und Werten, aber auch Lebensentwürfen für eine gemeinsame Zukunft erforderlich sind. Freundschaften hingegen können mehr aushalten, Samuel und Vandad sind füreinander da, wenn es darauf ankommt, unterstützen sich, ohne Bedingungen an den jeweils anderen zu stellen. Und dann sind da noch die Flüchtlinge, die hilfsbedürftig erscheinen, aber dann die ihnen gebotene Hilfe immer weiter ausreizen, bis ein Unglück geschieht, das die Nachbarn ebenfalls nachhaltige Meinungen bilden lässt.

Ein ungewöhnlicher Roman, der durch die schnellen Perspektivenwechsel nicht nur ungemein lebendig wirkt, sondern auch ein wenig exaktes und doch zugleich umfangreiches Bild liefert. Der Journalist, der offenbar all die Informationen zusammenträgt, bleibt im Hintergrund und lässt die Figuren sich erinnern. Sie leisten das, was Samuel nicht Imstande war zu leisten. Sie verarbeiten so auch die Trauer und Selbstvorwürfe, die nicht ausbleiben können.

Was bleibt beim Leser ist ein Bild eines verzweifelten jungen Mannes, der nur sich und das Leben fassen und verstehen wollte und damit doch letztlich alleingelassen wurde. Sinnbildlich für eine Generation auf der Suche nach sich und der eigenen Identität.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Weitere Informationen zum Titel finden sich auf der Internetseite der Verlagsgruppe Random House.

Michael Stavarič – Gotland

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Michael Stavaric – Gotland

Ein Autor zieht sich zurück auf eine Insel, Gotland in der Ostsee, und verfällt zugleich dem Schreibwahn. Doch nicht nur er erliegt der geheimnisvollen Magie, die von dem Ort auszugehen scheint, auch seine Lektorin und die Verlegerin werden von den bösen Mächten heimgesucht. Nur ein Feueropfer kann den Autor retten und Gottes Gnade wieder walten lassen. Die Schöpfung, Noahs Flut, Abrahams Opfer, Kain und Abel – es sind die alttestamentarischen Schriften mit denen ein Junge, Sohn einer strenggläubigen alleinerziehenden Zahnärztin, aufwächst. Er versucht aus den alten Schriften Sinn in seinen Alltag bringen, in der katholischen Schule, beim Erwachsenwerden und der Entdeckung des weiblichen Geschlechts. Doch bleibt immer die Frage, wann und wie sich Gott ihm zeigen wird. Er experimentiert, angelehnt an Abraham – doch nichts geschieht. Vermutlich bedarf es größerer Opfer, um ein Zeichen des Himmels zu bekommen. Vielleicht ist der Allmächtige aber schon längst da, unmittelbar bei ihm, womöglich wirkt er schon durch ihn?

Michael Stavaričs Roman ist nicht leicht zu fassen. Die einzelnen Teile greifen nur schwer ineinander und lassen ein fragmentarisches Bild zurück. Das mit „Vorwort“ überschriebene erste Kapitel über den wahnsinnigen Autor steht gänzlich für sich. Ob der Ich-Erzähler in einem Zusammenhang mit den späteren Ich-Erzählern, womöglich ist es insgesamt auch nur einer, steht, bleibt unklar. Offenkundig wird nur die mystische Kraft, die von der Insel ausgeht und was diese in den Menschen anrichten kann. Der Name des Eilands suggeriert es bereits – dort ist man Gott am nächsten und kann ihn direkt erleben, seine Kraft und Macht hat die ungewöhnliche und raue Natur erst entstehen lassen. Die Wahrhaftigkeit Gottes, die sich auf diesen Seiten zeigt, leitet auch den weiteren Verlauf der Handlung.

Der Abschnitt der „Genesis“, der die Geschichten des Alten Testamentes aufgreift und anhand dieser die Kinderjahre des Jungen erzählt, ist für mich der stärkste Teil.  Die Parallelen sind frappierend, zugleich kommen durch und durch menschliche Unsicherheiten und Unzulänglichkeiten hervor, die die beiden Protagonisten authentisch und glaubwürdig wirken lassen. Das Aufwachsen ohne Vater macht es dem Jungen nicht einfach. Naheliegende Vaterfiguren, der Direktor, der Turnlehrer, scheiden nach und nach aus. Womöglich ist dies einer der auslösenden Punkte für die in den letzten Teilen geschilderten Ereignisse. Die erfolglose Suche nach Gott und dem Vater endet in der Katastrophe, denn wer glaubt IHM ganz nah gekommen zu sein, wird sich unweigerlich von den Menschen entfernen und in einer ganz eigenen Welt leben.

„Gotland“ liest sich nicht mal eben nebenbei. Das Buch ist sperrig, man holpert und wundert sich – und dann fließt die Handlung wieder gemächlich dahin. So wie die See mal friedlich ist und das entspannte Paddeln ermöglicht, ist sie im nächsten Moment aufbrausend und gefährlich. Michael Stavarič bedient sich der Natursymbolik, immer dann, wenn die Gedankenwelt ins Stocken gerät, nicht mehr weiterkommt und wir vor unauflöslichen Rätseln stehen. Dann erfolgt die Rückbesinnung auf die Urkräfte, die einfach walten, weshalb auch immer. Sie liefern keine Antwort auf die Frage, ob es einen Gott gibt, weder Pflanzen noch Tiere erlangen durch dieses theoretische Konstrukt einen größeren Sinn in ihrem Dasein, vielleicht ist aber auch das pure Sein schon Antwort genug.

Ich kann nicht endgültig sagen, was mir dieser Roman an Message vermittelt, zu wenig lässt er sich für mich fassen und zu sehr stellt das Ende alles in Frage. Aber vielleicht ist es genau das, was der Autor hervorheben wollte.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionexemplar. Mehr Informationen zum Roman finden sich auf der Internetseite der Random House Verlagsgruppe.

Åsa Ericsdotter – Epidemie

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                                                                Åsa Ericsdotter – Epidemie

Was ist die größte Bedrohung der westlichen Zivilisation? Nicht islamistische Kämpfer, nicht gierige Banker. Nein, man zerstört sich selbst durch unbändige Nahrungsaufnahme und gesundheitsgefährdendes Übergewicht. Der schwedische Ministerpräsident Johan Svärd hat erkannt, dass er etwas unternehmen muss. Sein Land wird das globale Vorbild für die Bekämpfung der Fettleibigkeit werden. Gesundheit, d.h. Schlankheit, steht über allem. Mehr Themen braucht seine Partei nicht, denn, wenn wir unser Leben gefährden, was haben wir dann noch? Programme in Schulen sollen schon bei den Kleinen präventiv wirken, die Erwachsenen erhalten weniger subtilen Druck: wer die Normwerte nicht erfüllen kann, wird seinen Job nicht behalten. Doch eine kleine renitente Gruppe will sich dem Schlankheitsdiktat nicht unterwerfen, drastischere Maßnahmen sind gefragt – auch um den Gewinn der nächsten Wahl zu sichern.

Åsa Ericsdotter hat aus einem der beherrschenden Themen der Zeit einen fast dystopischen Roman geschaffen, der möglicherweise gar nicht so fern der Realität ist, wie man zunächst meinen mag. Der soziale Druck, der auf Menschen jenseits der Norm ausgeübt wird, ist auch heute schon nicht zu leugnen. Dass es für die Gesundheit förderlicher ist, wenn man kein zu hohes Übergewicht mit sich trägt und zudem auf ausreichende Bewegung achtet, ist ebenfalls unbestritten. Wenn sich jemand dieser Thematik bemächtigt und sie in extremo ausreizt, sieht die Lage jedoch schon etwas anders aus. Immer mehr verleiht die Autorin ihren Figuren ein Vokabular, dass alle Alarmglocken schrillen lässt und verdächtig an jenes des Dritten Reiches und der Rassenideologie erinnert, nur dass hier nicht die Hautfarbe sondern der Taillenumfang das maßgebliche Kriterium ist. Und wieder einmal schauen die meisten einfach nur zu oder gar weg. Und viele folgen dem Ruf und lassen sich von der neuen schönen Welt vereinnahmen, denn eigentlich will doch die Regierung nur das Beste für ihre Bürger, oder?

Die Geschichte ist platziert um wenige Figuren herum: Landon, ein junger Forscher, dessen Freundin dem Ruf des neuen Ideals folgt und erliegt und seiner Nachbarin, die mit ihrer kleinen Tochter von den Zwangsmaßnahmen der Regierung bedroht ist. Keine Superhelden, sondern klardenkende Menschen, denen man ihre Sorgen und Agieren glaubt und die durch die Handlung tragen können, da es gerade ihre kleinen Schwächen sind, die sie menschlich erscheinen lassen. Ein in sich stimmiger Roman, der ein schnelles Tempo durch die recht kurzen Kapitel und raschen Wechsel zwischen den Figuren schafft, was stimmig mit dem Inhalt ist und das als „Roman“ bezeichnete Buch eher in Richtung Krimi rückt und Spannung aufbaut.