Kamila Shamsie – Home Fire [dt. Titel: Hausbrand]

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Kamila Shamsie – Home Fire 

Isma kann sich endlich ihren Traum erfüllen und in den USA ihren Doktortitel erwerben. Viele Jahre hat sie sich nach dem Tod der alleinerziehenden Mutter um ihre beiden jüngeren Geschwister Aneeka und Parvaiz gekümmert, doch diese haben nun die Schule beendet und stehen auf eigenen Beinen. Isma hat Sorge, dass man sie als Muslimin am Flughafen aufhalten könnte, doch alles geht glatt. In Massachusetts lernt sie den Briten Eamonn Lone kennen, der ihr anbietet, ein Geschenk für ihre Tante mit zurück nach London zu nehmen. Dort macht er Bekanntschaft mit Aneeka und verliebt sich sogleich in die junge Frau. Dies scheint auf Gegenseitigkeit zu beruhen, doch er weiß nicht, dass Aneeka ihn missbraucht, denn Eamonns Vater ist der Innenminister und dessen Hilfe braucht Aneeka, um ihren Bruder zu befreien. Dieser sitzt in Rakka unter Islamisten und will einfach nur zurück nach England.

Kamila Shamsies Roman stand auf der Longlist für den Man Booker Prize 2017 und gewann im folgenden Jahr den Women’s Prize for Fiction. Die Thematik könnte kaum aktueller und kontroverser sein: wie umgehen mit Muslimen bei der andauernden Bedrohung durch den IS und seine Handlanger? Was tun mit den Landsleuten, die sich der Terrororganisation angeschlossen haben? Wie den unbescholtenen Bürger vom potentiellen Attentäter unterscheiden? Gleichzeitig wird aber auch die ganz private und individuelle Problematik der Identität, wenn man zwischen zwei Kulturen aufgewachsen ist, angesprochen und ebenso das Aufeinandertreffen von öffentlichen und privaten Interessen, die nicht zu vereinen sind. Viel food for thought und zugleich eine elegante und doch reduzierte Sprache, die auf unnötig blumige Metaphorik verzichtet.

Man weiß eigentlich nicht, wo man beginnen soll, bei all den begeisternden Facetten der Erzählung. Sie ist eine moderne Fassung von Sophokles „Antigone“ (wobei sie bei der Schwesternstruktur eher Anouilh folgt), eine junge Frau, die für ihren Bruder mit einem mächtigen Gegner kämpft und ihren innersten Überzeugungen folgt und dafür alle Konsequenzen in Kauf nimmt. Parvaiz‘ Anwerbung für den IS wird ebenfalls glaubwürdig und nachvollziehbar geschildert. Der homegrown oder domestic terrorism hat zunehmend Einzug in die Literatur gefunden, sowohl in Krimis und Thrillern (z.B. Joakim Zanders „Der Bruder“ oder Daniel Silvas „Die Attentäterin“) wie auch in Theaterstücken oder anspruchsvoller Literatur (Hanif Kureishis „Black Album“ etwa) wird ergründet, wie ein scheinbar gut integrierter junger Mensch sich plötzlich gegen sein Heimatland wendet. Parvaiz schliddert ahnungslos in sein Schicksal, doch der Hauptkonflikt verläuft letztlich zwischen Eamonn und seinem Vater.

Sicherlich mit eines der anspruchsvollsten Bücher der letzten Jahre, das geschickt eine sehr alte Grundsatzproblematik mit einem hochmodernen Thema verknüpft.

Natasha Bell – Alexandra

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Natasha Bell – Alexandra

Alexandra und Marc sind mit ihren zwei Kindern eine beneidenswerte Musterfamilie. Beide lehren sie an der Uni und sind mit ihrem Leben glücklich. Bis zu dem Tag, an dem Alexandra spurlos verschwindet. Sie kommt nicht von der Arbeit nach Hause, wenige Tage später findet die Polizei ihr Fahrrad und blutverschmierte Kleidung. Wurde sie Opfer eines Gewaltverbrechens? Marc will nicht an den Tod seiner Frau glauben, er weiß, dass sie lebt, aber sie würde doch nie einfach so verschwinden und ihn und die Töchter alleine lassen? Die Polizei scheint anderer Meinung, hält sich aber zurück. Das Leben geht unaufhaltsam weiter und nach und nach tauchen Indizien auf, die Marc ins Zweifeln bringen. Und Alexandra muss all dies aus der Ferne mitansehen.

Natasha Bell hat ihren Psychothriller geschickt aufgebaut: wir erleben die Tage und Wochen nach Alexandras Verschwinden, Flashbacks erlauben einen Blick hinter die Fassade des Familienlebens vor diesem unheilvollen Tag und gleichzeitig erleben wir Alexandra, die von irgendwoher die Ereignisse verfolgen muss, ohne jedoch darauf Einfluss nehmen zu können. Sie lebt – das ist aber auch schon der einzige Informationsvorsprung, den wir vor dem Ehemann und der Polizei haben. Und die eine oder andere Randbemerkung, die stutzig macht und schon früh erkennen lässt, dass nicht alles am Familienleben so war, wie Marc glaubte und immer noch glauben machen möchte.

Ich liebe das Spiel mit unterschiedlichen Perspektiven und Andeutungen, die lange Zeit offen lassen, was wirklich geschah und so die Spannung erhalten. Was mir besonders gefallen hat, war, dass die Autorin ohne Blutvergießen und andere Grausamkeiten auskommt und dennoch die Nerven des Lesers herausfordert. Die Protagonistin ist sicherlich der interessanteste Charakter der Geschichte, vielschichtig und undurchschaubar führt sie in die Irre. Ihr Mann hingegen, bleibt etwas flach, auch seine Verzweiflung konnte mich nicht ganz überzeugen, er ist mir insgesamt etwas zu wenig emotional, obwohl er sich in einem absoluten Ausnahmezustand befinden sollte. Die Story punktet ganz klar durch den cleveren Aufbau und die sehr gut platzierten Hinweise und Andeutungen, die dazu führen, dass man, einmal begonnen, nicht mehr aufhören möchte zu lesen.

Marina Keegan – Das Gegenteil von Einsamkeit

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Marina Keegan – Das Gegenteil von Einsamkeit

Wenn ein junger Mensch bei einem Autounfall stirbt, ist das immer tragisch. Wenn es sich dabei um ein Ausnahmetalent handelt, das eine große Zukunft vor sich hatte, ist dies umso bedauerlicher. Nur wenige Tage nach ihrem Abschluss in Yale starb Marina Keegan, eine junge Frau, die bereits in vielen Bereichen Aufmerksamkeit erregt hatte und sicher eine global bedeutsame Stimme geworden wäre. Egal ob Schreiben, Schauspielern oder auch als politische Aktivistin in der Occupy Yale Bewegung und im Wahlkampfteam von Obama – Marina hat Spuren hinterlassen. „Das Gegenteil von Einsamkeit“ ist eine posthum erschienene Sammlung von Essays und Kurzgeschichten, die ihre Eltern und Professoren als ihr Erbe veröffentlichten.

„Marina war geistreich, freundlich und idealistisch; ich hoffe, ich vergesse nie, dass sie auch wütend, gereizt und provokant war. Ein bisschen wild. Mehr als ein bisschen nonkonformistisch. Wenn man es geruhsam haben wollte, war Marina nicht die Richtige.“

Das schreibt ihre Anne Fadiman, eine US-amerikanische Schriftstellerin und Journalistin, bei der Marina Keegan in Yale einen Kurs im Schreiben besuchte und die das Vorwort der Sammlung verfasste. So gegensätzlich wie die Beschreibung der jungen Autorin sind auch die Texte. Es beginnt mit „Das Gegenteil von Einsamkeit“, ihrer Abschlussrede für den Jahrgang 2012 in Yale, in der sie sowohl die Zeit an der Elite-Universität Revue passieren lässt wie auch über die ungewisse aber vielversprechende Zukunft sinniert. Ganz verschiedene Themen reißt sie an, von Soldaten im Einsatz, über Adoption und erste Liebe, von der Kunst und der Karriereplanung spricht sie, fiktive Geschichten und reale Begebenheiten teilt sie mit dem Leser.

Es ist die Stimme einer Studentin, die klingt wie eine Studentin. Lebensdurst und Unsicherheit sprechen gleichermaßen aus ihr, große Träume und reflektierte Introspektion – Marina Keegan wollte schreiben und obwohl sie wusste, oder vielleicht gerade weil sie wusste, dass dies ein harter Weg werden würde, hat sie es getan und immer an sich gearbeitet und doch gezweifelt, ob ihr Talent reichen würde. Wissend um ihren Unfall, erscheint folgende Passage in einem anderen Licht als dies vielleicht gewesen wäre, würde sie noch leben:

„Ich bin so neidisch. Lachhaft neidisch. Neidisch auf jeden, der vielleicht die Gelegenheit hat, aus dem Grab zu sprechen. Ich habe meine Chronik bis über die Apokalypse hinaus verlängert, und ungläubig, wie ich bin, schätze ich die Möglichkeit, dass etwas Handfestes von mir bleibt. Wie vermessen! Überhaupt davon auszugehen, jemand könnte besonders sein.“

Es ist etwas von ihr geblieben und man kann nur bedauern, dass wir nicht mehr von ihr haben, denn man liest die Studentin aus ihren Zeilen, aber die Stimme der erwachsenen Marina haben wir nie zu hören bekommen, dabei hätte auch die uns sicher sehr viel sagen und erzählen können.

Chris Cander – Das Gewicht eines Pianos

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Chris Cander – Das Gewicht eines Pianos

Es ist das Klavier des deutschen Nachbarn, das die kleine Katya in ihrer russischen Heimat jede Nacht fasziniert. Sie lauscht den Sonaten und Préludes und der unendlichen Traurigkeit, die von der Musik ausgeht. Der Besitzer spürt die Verbindung des Mädchens zu dem Instrument und so erbt sie es nach seinem Tod. Die Musik wird ihre Leidenschaft, eine, die sogar größer ist als die Liebe zu ihrem Mann Mihail, für den sie ihre Heimat verlässt, um in den USA ein besseres Leben zu finden. Doch dort erwartet sie nichts. Das Piano musste sie zurücklassen und ohne Musik ist ihr Leben leer und kalt. Auch ihr Sohn Grisha kann das nicht ändern. Claras Leben ist ebenfalls von Traurigkeit bestimmt, früh schon hat sie ihre Eltern verloren, das einzige, was ihr als Erinnerung geblieben ist, ist ein Piano, das offenbar nicht nur die Töne, sondern die auch die Gefühle vieler Jahrzehnte und unzähliger Pianisten in sich trägt.

Die amerikanische Autorin Christ Cander, deren vorherige Werke bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurden, hat viel Lob für ihren Roman erhalten, immer wieder wird die Intensität hervorgehoben, mit der sie die Rolle der Musik für ihre Figuren beschreibt. Dies war es auch, was mich am meisten begeistern konnte, obwohl mir jede Musikalität fehlt.

Die Geschichten von Katya und Clara laufen lange Zeit parallel. Es ist schnell klar, dass das Piano das verbindende Element zwischen den beiden ist, wie genau die Beziehung jedoch aussieht, löst sich erst spät auf. Unabhängig von der bildstarken Beschreibung des Klavierspiels und den Melodien vor allem der russischen Komponisten wie Alexander Skrjabin oder Peter Tschaikowksi, hat mich die Autorin mit ihren beiden Frauenfiguren gepackt. Einerseits das russische Mädchen, das ganz in der Musik aufgeht und später zur erwachsenen Frau heranreift, die nur wenig ihrem herrischen und brutalen Ehemann entgegenzusetzen hat. Metaphorisch lässt Cander ihren Sohn über sie sagen, dass Katya in Kalifornien zu Eis wurde, trotz der andauernden Hitze. Innerlich erstarrt ist die mächtige Naturgewalt im Death Valley und dem Coffin Peak die Nachaußenkehrung ihres Daseins.  Auf der anderen Seite Clara, die nicht nur keine Familie mehr hat, sondern auch ansonsten allein und planlos im Leben umherirrt. Für sie ist die Begegnung mit Greg der Moment des Loslösens von den Erinnerungen an die Zeit vor dem Tod ihrer Eltern und das Loslassen, das ihr letztlich erlaubt, ihr Leben zu beginnen.

Sicherlich sind weite Teile der Handlung vorhersehbar und die Figuren recht reduziert auf wenige Charakterzüge. Aber dies wird durch die poetische Beschreibung, mit der Cander der Musik Leben einhaucht, locker aufgewogen.

Ein herzlicher Dank geht an HarperCollinsGermany für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Buch und Autorin finden sich auf der Verlagsseite.

J. Jefferson Farjeon – Dreizehn Gäste

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 Jefferson Farjeon – Dreizehn Gäste

Ein misslicher Unfall beim Aussteigen aus dem Zug, als er beinahe seinen Halt verpasst hätte, bringt John Foss auf das Anwesen Bragley Court von Lord Aveling, der dort eine illustre Jagdgesellschaft versammelt hat. Zwölf Gäste waren geplant und wie jeder weiß, bringt ein dreizehnter Gast Unglück. Und so kommt es auch, denn nicht nur wird ein Gemälde des berühmten Künstler Leicester Pratt zerstört, sondern auch ein Hund getötet, bevor – wie nunmehr zu erwarten – auch noch ein Mord geschieht. Dem ungebetenen und durch die Fußverletzung immobilen Gast bleibt nichts anderes übrig, als das Treiben im Haus zu beobachten und passiv die Ereignisse zu verfolgen. Doch seinem Scharfsinn entgeht nichts und er kann geschickt die Puzzleteile zusammenfügen.

Joseph Jefferson Farjeon was ein englischer Kriminalautor und Theaterschreiber, der vor allem durch die Geschichten um Detective X. Crook bekannt wurde, die in dem Magazin „Flynn’s Weekly Detective Fiction“ des ehemaligen FBI Chefs William James Flynn erschienen. „Thirteen Guests“ erschien erstmals 1936 und steht in bester Tradition klassischer britischer Krimis wie etwa der Lord Peter Wimsey Serie von Dorothy L. Sayers oder natürlich der Queen of Crime, Agatha Christie.

Der Krimi folgt einem bekannten Muster: ein abgeschiedener Ort im schottischen Nirgendwo; eine geschlossene Gemeinschaft, die sich mehr oder weniger gut kennt, aber natürlich ihre Geheimnisse hat; ein quasi außenstehender Beobachter und natürlich ein Mord, der aufgeklärt werden muss. Dabei leisten Hobbydetetktive wie hier ein Journalist und der Künstler ebenso ihren Beitrag wie all diejenigen, die gerne etwas vertuschen würden. Am Ende kommt der große Showdown, nachdem der Ermittler die Gäste separierte, um sie einzeln zu verhören, und dann alle losen Enden miteinander zu verbinden und den Täter zu präsentieren. Allerdings schenkt Frajeon dem Leser noch zwei Kapitel, die die Geschichte nochmals in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Natürlich sind Krimis aus der Entstehungszeit von „Dreizehn Gäste“ nicht mit heutigen zu vergleichen, die Erzählstruktur, das Figurenpersonal, das Erzähltempo und auch die detailreichen Schilderungen von Mord und Leiche unterscheiden sich nennenswert, weshalb es schlichtweg unfair wäre, den Roman daran zu messen. Als Fan auch der alten Storys, die vorzugsweise in der britischen Oberschicht spielen und auf ganz klassischen Motiven basieren, bei denen dem Leser im Laufe der Handlung kleine Andeutungen gemacht werden, die er hoffentlich nicht übersieht, um so seine eigenen Ermittlungen zu leiten, konnte mich Farjeon mit einem sauberen Krimi überzeugen, der auch sprachlich passend etwas angestaubt wirkt und einen subtil-ironischen Ton pflegt.

Sally Hepworth – The Mother-in-Law

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Sally Hepworth – The Mother-in-Law

When one evening a police car stops in front of their house, Lucy immediately has a bad feeling. Her mother-in-law Diana has been found dead and the police treats it as a homicide. But why? Could there have been foul play? Well, Diana wasn’t somebody you instantly loved when you got to know her, you maybe never loved her and she, on the other hand, didn’t hide her despise for anybody outside her closest family circle. Lucy remembers how she first met the old, wealthy woman, recalls scenes of her family life when, again and again, Diana gave her the impression of being the wrong wife for her beloved son. And now, the police investigate her death.

Sally Hepworth’s novel caught me straightaway. From the first page on, I was intrigued by the story and just wanted to find out how Lucy could have killed Diana. Well, of course, there was always the possibility that somebody else also disliked Diana that much – but it took quite some time until I gave up my first suspicions and then, admittedly, looked at the plot cluelessly: but who? They all hated her more or less, but rather more.

The story is told in flashbacks what makes the actual plot advance only slowly. Yet, this does not reduce suspense since the memories of Lucy and Diana alike definitely contribute to arouse suspicion. What I enjoyed most was how you directly think you know everything, have an idea of who is the good guy and who is the bad guy and how, slowly but steadily, your tower of belief crumbles and ultimately falls because the characters get more profile, other sides of their personality are shown and they become really authentic and plausible in the way they act and behave. At the same time, Sally Hepworth’s novel is often really funny and entertaining, I liked her kind of humour deeply.

The author was definitely great discovery for me and I am eager to read more from her.

Siri Hustvedt – Damals

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Siri Hustvedt – Damals

Als ihre betagte Mutter umziehen muss und sie die Wohnung ausräumt, stößt S.H. auf ihr altes Tagebuch, das sie während ihres Umzugs nach New York im Jahr 1979 geführt hat. Die Erinnerungen an die Zeit kommen wieder hoch, als sie mit großen Hoffnungen die Provinz verließ, um in Manhattan Karriere als Schriftstellerin zu machen. Sie lebt sorgenfrei, lernt neue Freunde kennen, die sie nur Minnesota nennen, doch bald schon ist das Guthaben aufgebraucht und arge Geldnot plagt sie junge Frau. Es geht so weit, dass sie sich nicht einmal etwas zu essen kaufen kann und Veranstaltungen mit Büffet besucht, um sich dort den Magen zu füllen, und sogar Mülleimer nach Essensresten durchsucht. Erst der Job als Ghostwriterin für eine exzentrische Upper Class Frau sichert ihr wieder den Unterhalt. Viel mehr als dies beschäftigt sie jedoch ihre mysteriöse Nachbarin Lucy Brite, die sie durch die dünnen Wände hört. Deren wirsche, Mantra-artige Wiederholungen scheinen keinen Sinn zu ergeben; von Mord und Tod spricht Lucy. Was steckt wohl dahinter? Erst ein schreckliches Ereignis erlaubt es ihr, die Frau und ihr Geheimnis kennenzulernen.

Siri Hustvedt ist seit vielen Jahrzehnten zu einer festen Größe in der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Mich hat sie mit „The Summer Without Men“ und „The Blazing World“ restlos überzeugen können. Ihr neuer Roman zeigt auch wieder, dass sie eine hervorragende Erzählerin ist, aber dieses Mal haben mit leider auch ein paar Längen zu schaffen gemacht, was möglicherweise jedoch auch dem Umstand, dass ich den Roman nicht gelesen, sondern gehört habe, geschuldet ist.

Die Anfangszeit der 23-jährigen Minnesota in New York fand ich gut gelungen, die großen Hoffnungen, die mit dem Umzug verbunden sind und die Erwartungen an die eigenen Fähigkeiten als Autorin, die sie mit einem Detektivroman umsetzen will, überzeugen sprachlich wie auch bei der Figurenzeichnung. Mehr und mehr tritt dies jedoch in den Hintergrund und macht Platz für die jammernde Lucy, die S.H. sogar mit einem Stethoskop belauscht, um mehr verstehen zu können. Sicher ein eigenwilliger Charakter, der auch einiges an Offenbarungen zu bieten hat, aber für mich etwas zu überzogen, um wirklich glaubwürdig zu sein.

Der Roman ist solide gemacht, folgt aber bekannten Schemata ohne Neues zu bieten. Verschiedene Zeitebenen, Roman im Roman – die üblichen Versatzstücke der aktuellen Erzählkultur. Insgesamt ist mir in dem Roman zu viel, wodurch sich der Fokus verliert. Mutter-Tochter-Beziehungen, Erwachsen-werden, Schriftstellerei, Analyse großer Literatur, Psychosen, das New York Ausgang der 70er Jahre, Geschlechterrollen und –gerechtigkeit – das alles überfrachtet den Roman letztlich und bleibt dadurch gezwungenermaßen oberflächlich. Vor allem ihr wiederkehrendes Thema des Verhältnisses von Mann und Frau hat man schon deutlich besser und differenzierter bei ihr gelesen, die Rückkehr zu Mann=böse und Frau=armes Opfer ist doch arg plakativ und klischeehaft. So bleibt die ganze Geschichte zwar nett erzählt und unterhaltsam, aber nicht das, was man von Siri Hustvedt kennt.

Stefan Ahnhem – 18 Below

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Stefan Ahnhem – 18 Below

A curious accident turns out to be the beginning of an incredible series of murder. On a hot summer day, a car speeds through Helsingborg and is only stopped by the water front. The autopsy of the body reveals that he has been dead for at least two months, the body frozen. When Fabian Risk and his colleagues investigate the victim’s life, they come across a case of not just stolen identity, but also stolen millions from the rich man. Obviously a doppelgänger has taken over his life and transferred all his money. A great strategy and as it turns out, it has been working for quite some time already. While Fabian’s full attention is demanded at work, his marriage comes to an end. His wife seems to eventually make a big with her art work and his kids are immersed in other things. No one in the family pays attention to the other anymore which turns out to be a serious mistake, since all of them get in danger, again.

Part two of the Fabian Risk series is a psychological thriller that cleverly combines the detective’s police work with the developments in his private life. I liked the protagonist in this second novel a lot more than in the first since he now has become a real team player and not the single cop who can do all on his own. What I also liked is that his Danish colleague reappears and that her story, too, is continued.

At the beginning, the thriller starts with quite a strange case of murder and does not seem to turn out too complicated. Admittedly, for me having the two cases, one on the Swedish and one on the Danish side of the Øresund, seemed to be a classic setting with enough to solve for the two teams. Yet, Stefan Ahnhem could really surprise me with what a net of crime he has woven here. The more the novel advances the more you can just read and stare and admire the complexity of the plot. The action accelerates increasingly and this the further you get the harder it becomes to put it away. A great read and surely makes you eager to read more of Stefan Ahnhem.

Luba Goldberg-Kuznetsova – Lubotschka

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Luba Goldberg-Kuznetsova – Lubotschka

Nicht mehr lange bis Lubotschka und ihre Mutter das geliebte Sankt Petersburg gen Deutschland verlassen werden. Doch ein paar Ereignisse stehen noch an: der Schulabschluss mit dem Ball, der 18. Geburtstag, die erste Nach mit einem Mann, noch einmal Silvester. Obwohl sich das Mädchen auf das neue Leben freut, wird sie doch fast vom Wehmut übermannt. Kann man sich angemessen von der Heimatstadt verabschieden? Sie birgt so viele Erinnerung an das Internat, die Schuljahre, die Freundinnen und natürlich all die Wege, die sie in den vielen Jahren gegangen ist: auf dem Newski Prospekt, an der Newa entlang oder der Fontanka, in die teuren Boutiquen und auf die billigen Märkte.

Es liegt auf der Hand, dass in ihrem Debüt sehr viel von der Autorin selbst liegt. 1982 im damaligen Leningrad geboren, hat sie genau wie die Protagonistin den großen Wandel und die Öffnung gen Westen in den 1990er Jahren als junges Mädchen erlebt und ist 2001 nach Deutschland gekommen, wo sie Philosophie und literarisches Schreiben studierte.

Zwei Aspekte haben mich im Roman besonders begeistert. Zum einen ist der Erzählton authentisch, man glaubt wirklich einem jungen Mädchen gegenüberzusitzen, das die Welt entdeckt. Die große politische Welt interessiert sie nicht, es sind die unmittelbaren Dinge um sie herum, die ihre Gedanken ausfüllen: die Freundschaften mit den Klassenkameradinnen, die internationalen Zeitschriften mit ihren meist oberflächlichen Themen rund ums Aussehen, die neueste Mode und Schminke und vor allem das perfekte Kleid für den Abschlussball. Gleichzeitig liest sie aber klassische Literatur und beobachtet und analysiert messerscharf das Treiben auf den Petersburger Straßen. Sie kommt aus einem typischen Elternhaus, das gebildet aber arm ist. Die Mutter muss als Lehrerin trotzdem noch auf der Straße Kwas verkaufen und triebt einen kleinen Handel mit Waren aus Polen. Designermode ist nicht drin, ebenso nur eine kleine Wohnung in einer Chruschtschowka.

Daneben kommt der Petersburger Atmosphäre zu Beginn des Jahrtausends eine große Rolle zu. Immer wieder bewegt sich das Mädchen durch die Stadt, die so langsam zu einem Bild entsteht. Zwischen den großen klassizistischen Gebäuden wie der Eremitage oder Gostiny Dwor, den Boulevards und den Ufern der Newa bewegt sie sich häufig in Trolleybus oder Metro und blickt bereits nostalgisch auf das, was sie verlassen wird. Es begegnen ihr die reichen Ausländer wie die armen Russen, erste lesbische Liebespaare zeigen sich öffentlich und im Fernsehen spricht der neue starke Mann an der Macht. Die Westmarken sind bekannt, auch die Waren kann man kaufen – könnte man, wenn man sie sich leisten könnte. Es war die Zeit voller Hoffnung, die noch nicht von den harten Jahren kündete, die vor dem Land standen.

Luba Goldberg-Kuznetsova ist eine neue Stimme im Literaturbetrieb, die eine ähnliche Geschichte wie Lena Gorelik oder Alexandra Friedmann hat und sich wie die beiden anderen zwischen Journalismus und Literatur bewegt. Ganz definitiv eine Generation von beachtenswerten Frauen, die auf Deutsch schreiben, aber ihr (weiß)russisches Erbe durchscheinen lassen, dass ihnen einen ganz eigenen Ton verleiht.

Kjell Eriksson – Nachtschwalbe

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Kjell Eriksson – Nachtschwalbe

Eine Horde marodender jugendlicher Zuwanderer zieht nachts durch die Innenstadt von Uppsala. Am kommenden Morgen sind nicht nur unzählige Fenster eingeschlagen, sondern ein junger Mann wird auch ermordet aufgefunden. Die Polizei ermittelt, doch scheinbar steht der Mord nicht direkt im Zusammenhang mit den Krawallen, denn der Tote traf zufällig auf den Ex Freund seiner Geliebten, der gerade erst von der Trennung erfahren hatte. Doch dieser bestreitet die Tat. Ann Lindell glaubt ihm, sehr zum Ärger ihrer Kollegen, die auf einen schnellen Fahndungserfolg hofften.

Kjell Erikssons dritter Band aus der Reihe um die Ermittlerin Ann Lindell konnte mich leider weit weniger überzeugen als erhofft. Für mich hatte der Krimi zu viele Längen, kam nur sehr gemächlich in Fahrt und hatte einige Seitenschleifen, die für meinen Geschmack verzichtbar waren. Auch fehlte mit ein wenig das typisch skandinavische Flair und der im Klappentext angekündigte Konflikt bleibt am Ende nur eine Randnotiz.

Im Zentrum der Handlung steht ein 15-jähriger Iraner, der offenkundig in der Nacht Entscheidendes beobachtet hat, aber nun aus Angst vor der Polizei sich dieser nicht anvertrauen kann und gleichzeitig auch aus den eigenen Reihen Druck erfährt. Diese Figur war für mich noch am überzeugendsten und auch glaubwürdig in der Anlage. Ann Lindell und ihr verflossener Liebhaber, der in Thailand das Glück sucht, konnte mich leider so gar nicht begeistern; die Protagonistin ist unsympathisch, egoistisch und als Supermami taugt sie auch nicht. Der Fall war letztlich eher banal und bot keineswegs große Überraschungen und leider auch viel zu wenig Spannung, um als Krimi zu überzeugen.