Julie Buntin – Marlena

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Julie Buntin – Marlena

Sal hat sich gemeldet und katapultiert Cat zurück in ihre Zeit in Silver Lake, Michigan, wohin ihre Mutter sie und den Bruder Jimmy nach der Trennung vom Vater zwangsverpflanz hatte. In Marlena hat Cat direkt eine neue Freundin gefunden. Das Nachbarsmädchen war zwei Jahre älter und all das, was Cat gerne gewesen wäre: hübsch, von Jungs bewundert, mutig, selbstbewusst. Doch bald schon kommt Cat hinter Marlenas Geheimnis: es sind Drogen, die sie am Leben halten und sie so erscheinen lassen, wie sie ist. Drogen, die bereits ihre Mutter zerstört hatten und die auch die Einnahmequelle ihres Vaters und ihres Freundes sind. Aus der schüchternen und strebsamen Cat wird in Silver Lake ein neuer Mensch: sie schwänzt die Schule, trinkt zu viel und versucht Marlena immer ähnlicher zu werden. Eine gefährliche Spirale abwärts, die für Marlena im Unglück enden wird.

Julie Buntins Debutroman hat es bereits auf die Longlist des First Novel Prize 2017 der US-amerikanischen nonprofit Organisation Center for Fiction geschafft, die New York Times hat sie gar mit Elena Ferrante, einer der global erfolgreichsten Autorinnen der vergangenen Jahre, verglichen. Warum ist recht leicht zu erkennen: wie die zwei Pole eines Magneten ziehen sich die beiden konträren Charaktere von Marlena und Cat geradezu magisch an. Zwei unterschiedliche Mädchen, die schicksalhaft durch ihre Nachbarschaft zusammengebracht werden und gemeinsam ins Verderben rennen. Schon früh weiß man, dass Marlena jung sterben wird, aber ist Cats Überleben tatsächlich das größere Glück?

„Manchmal leide ich unter meinem Leben, allein weil es meins ist, weil es diesen Lauf genommen hat und keinen anderen, weil ich nicht in die Vergangenheit zurückreisen kann, um die Zukunft zu ändern. Um zu verhindern, was ihr zugestoßen ist.“

Cat leidet unter dem, was sie erlebt hat und nicht verhindern konnte, obwohl ihr bewusst war, wie abhängig Marlena war und weil sie Schuld daran trägt, was an dem schicksalhaften Tag im November und auch schon in den Woche zuvor passiert war. Mit dieser Schuld muss sie leben und diese verbirgt sie in New York vor ihrem neuen Leben und ihrem Freund.

„Wahrscheinlich habe ich mich schuldig gefühlt. Ich hatte hundert Gelegenheiten, sie aufzuhalten. Mehr als hundert. Ich tauschte Silver Lake und eine Form der Realitätsflucht gegen eine andere ein. Das schlechte Gewissen der Überlebenden quälte mich, es bestimmte mein Leben“

Die Autorin verleiht ihrer Erzählerin eine starke Stimme und diese kann sowohl die Gefühlswelt der 15-jährigen versetzen, der die Empathie noch fehlt, um sich die Lage der eigenen Mutter oder des Vaters zu begreifen, wie auch in die erwachsene Cat, die ein vorgeblich bürgerliches Leben als Bibliothekarin führt und doch ihre Süchte kaum unter Kontrolle hat und die 15-Jährige, die sie einmal war, nicht ganz aufgeben kann und will. Diese ausdrucksstarke, intensive Erinnerung an die Zeit, die sie doch meist im Rausch gar nicht wahrgenommen hat, überträgt sie gekonnt auf den Leser, dem die lebenszerstörende Verbindung zwischen den Mädchen nicht kalt lassen kann.

Paul Auster – Nacht des Orakels

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Paul Auster – Nacht des Orakels

Der Schriftsteller Sidney Orr erinnert sich an neun Tage im September 1982, die sein Leben nachhaltig verändern sollten. Gerade von einer sehr schweren Erkrankung genesen, erwirbt er am Vormittag des 18.9.1982 in einem wundersamen Schreibwarenladen in Brooklyn ein neues Notizheft. Sobald er dieses öffnet, fließen die Geschichten nur so aus ihm heraus, unter anderem die um Nick Bowen, einem Literaturagenten, den das Lesen des Manuskripts „Nacht des Orakels“ dazu veranlasst, sein bisheriges Leben hinter sich zu lassen. Doch Sidney Orr führt seinen Protagonisten in eine Sackgasse und eine neue Schreibblockade droht. Er möchte ein weiteres Schreibheft erwerben, doch der Laden ist nur 48 Stunden später verschwunden. Nicht nur seine beruflichen Sorgen, eng gekoppelt mit den finanziellen Nöten nach seiner langen Erkrankung, sondern auch das Verhalten seiner Frau Grace, die unvermittelt in Tränen ausbricht, dann plötzlich für einen ganzen Tag verschwindet, bereiten ihm Kopfzerbrechen. Sein alter Freund John Trause könnte ihm mentale Unterstützung bieten, doch dieser ist ebenfalls krank und der Ärger um seinen Sohn nimmt ihn gänzlich in Beschlag und plötzlich überschlagen sich die Ereignisse. Nur 10 Tage nach der Entdeckung des geheimnisvollen Schreibhefts muss Sidney feststellen, dass in seinem Leben nichts mehr ist wie am Morgen des 18. September.

Paul Auster hat seinen Roman 2003 veröffentlicht und greift scheinbar in vielerlei Hinsicht auf biografische Elemente zurück. Die Handlung ist in Brooklyn angesiedelt, wo auch Auster lebt. Der Protagonist ist ein Autor wie Auster selbst, der nicht nur Romane veröffentlicht, sondern gelegentlich auch für den Film arbeitet; in den Figuren Trause (ein Anagramm von „Auster“) und Grace lassen sich Parallelen zu Auster selbst und zu seiner Frau Siri Hustvedt finden; Trauses Sohn ist drogenabhängig und kriminell ebenso wie Austers Sohn.

Interessant wir „Nacht des Orakels“ durch die vielfache Verschachtelung. Das Manuskript zum gleichnamigen Buch wird einer Figur überlassen, die sich der Protagonist ausdenkt – es gibt ein Buch im Buch im Buch. Auf allen drei Ebenen erleben die Figuren Zufälle, die ihr Leben tiefgreifend verändern und, noch viel bedeutender, es kommt zu ungewollten Prophezeiungen, deren Realisierung sie ins Unglück stürzt.

Austers Erzählstil hat einen hohen Wiederkennungswert, wer andere Bücher von ihm mochte, wird auch viel mit „Nacht des Orakels“ anfangen können. Es ist noch nicht so weit wie das 2017 erschienene Epos „4 3 2 1“, das sowohl in Konstruktion, Handlung und vor allem Figurenzeichnung deutlich komplexer geraten ist, kann aber gerade auch in der Hörbuchfassung von Jan-Josef Liefers vorgetragen, überzeugen und sehr gut unterhalten.

Shari Lapena – A Stranger in the House

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Shari Lapena – A Stranger in the House

When Tom Krupp comes home late that evening, he is astonished: the door is not locked. And his wife apparently is in the middle of cooking. Her cell phone and her handbag are there, but where is Karen? When none of their friends have heard anything of her either, he calls the police who seem to be at his house immediately: there was an awful accident and the victim could be his wife. Tom is preoccupied and relaxed at the same time. But just as the police he wonders what his wife was doing in that part of town. When a couple of days later a dead body is discovered, Karen’s accident and the murder are quickly linked. Yet, the woman cannot remember anything from that day, she’s suffering from amnesia since the accident. More and more evidence hints at her and Tom has to find out that his wife is everything but not the woman he thought she was. However, he does not know yet that the real danger might come from somewhere completely different.

I already liked Shari Lapena’s first novel “The couple next door”, but “A stranger in the House” is much more thrilling and elaborate than her first book. First of all, there is so much the characters hide and only reveal when they are forced to. All of them have their secrets, some minor, some major, and this keeps you alert all the time. Especially since you never know whom you can actually trust.

First of all Karen. It is obvious quite from the start that she has some buried secrets from her past and that she deliberately lied to her husband. Nevertheless, she is good at playing roles – also with the reader so until the very last pages. You cannot be sure of who she is and what she is capable of. Second comes Tom. He seems to be a nice and trustful guy, easy to delude perhaps. I was taken by surprise that he also has something kept from his wife which will play a major role in the development of the case. Third Brigid, their neighbour and close friend of Karen. I didn’t like her from the start. She is that nosy observer across the street who is meddling all the time and sticking her nose in other people’s matters. That her role takes some interesting turn came rather as a surprise to me.

Even though the reader gets a much better picture of what happened than the police, there is still enough in the dark to keep you from knowing for sure. Since there were so many unexpected twists and turns, I wasn’t completely certain what to believe was the truth until the very end. The plot was cleverly constructed and to me absolutely convincing in all respects.

To sum up, a thriller which keeps you alert and reading on.

Éric Faye – Zimmer frei in Nagasaki

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Éric Faye – Zimmer frei in Nagasaki

Erst stutzt er nur. Dann wundert er sich. Dann wird er aufmerksam. Etwas ist falsch in seiner Wohnung, als wenn in seiner Abwesenheit jemand heimlich eingedrungen wäre. Es sind nur kleine Anzeichen, aber zunehmend beschleicht Shimura Kobo doch ein ungutes Gefühl. Ok, er schließt nie ab, es wäre ein leichtes bei ihm einzudringen, aber das macht doch niemand, vor allem nicht, ohne etwas zu entwenden. Er notiert seine Beobachtungen und bringt schließlich eine Überwachungskamera an, um vom Büro aus seine Küche zu observieren. Da, plötzlich, eine Gestalt. Tatsächlich. Er informiert die Polizei und staunt nicht schlecht über das, was sie ihm berichten: schon fast ein Jahr war die Frau sein heimlicher Untermieter.

Éric Fayes Roman basiert auf einer realen Geschichte, die sich 2008 in Japan zugetragen hat. Zunächst kennt man als Leser nur die Perspektive des Meteorologen Kobo, der eigenbrötlerisch und etwas seltsam ist. Mit festen Routinen gestaltet er seinen Tag und weicht nie davon ab. Man kann sich gut vorstellen, dass er sich seltsame Vorgänge nur einbildet, doch bald schon wird offenbar, dass dem nicht so ist.

Die Geschichte beginnt schon fast am Ende des Zusammenlebens und es ist gar nichts so sehr selbiges, das thematisiert wird. Interessant ist zum einen, was mit dem Protagonisten passiert, nachdem er den Eindringling entdeckt hat: er fühlt sich nicht mehr wohl zu Hause. Die Wohnung ist geradezu leer, es fehlt ihm etwas, von dem er zuvor gar nicht wusste, dass es da war. Und so entwickelt er regelrecht Gewissensbisse und macht sich Vorwürfe:

„Wenn ein Mensch in diesem Augenblick hinter Gittern war, dann wegen dieses Auges Anm. der Kamera]! Als ich verstand, dass ich meinen Fehler auf ein Ding abschieben wollte, wurde ich wütend auf mich und schimpfte laut.“

Immer mehr spitzt sich seine Situation zu, denn in dem Kokon, in dem er es sich emotional so schön eingerichtet hatte und der ihm ermöglichte, die Augen vor der Realität als einsamer Single ohne Freunde zu verschließen, sind Risse entstanden und er stellt irgendwann seine komplette Existenz in Frage:

„Nein, vergessen. Ich wollte nicht diese arme Frau vergessen, die mir nichts bedeutete, sondern meine ganze Existenz, deren Armseligkeit und Dürre sich mit einem Mal offenbarte. Da spross seit langem kein Ehrgeiz mehr, Erwartungen auch keine mehr. Verwünschen sollte ich diese Frau. Ihretwegen hatte sich der Nebel über meinem Leben verflüchtigt.”

Doch auch die Frau kommt zu Wort, im Gefängnis lässt sie den Leser daran teilhaben, wie sie in die unsägliche Situation kam, ihre Wohnung zu verlieren und schließlich bei Kobo einzuziehen. Geschickt hat sie beobachtet und ihr Leben um seins organisiert. So entsteht ein unsichtbares Band, das auch sie spürt, auch wenn es sicher keine Liebe war, die sie für ihn empfand. Doch es gab noch mehr Gründe für sie, genau diese Wohnung wieder zu besuchen und ihr Schreck ist groß, als sie wieder in Freiheit den Ort der Tat erneut aufsucht.

Ein Roman der leisen Töne, der zwei recht isolierte Figuren zusammenführt, ohne die reale Nähe als solche zu erleben. Die kurze Zeitungsmeldung wurde so mit sehr viel Leben gefüllt.

Mathieu Riboulet – Und dazwischen nichts

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Mathieu Riboulet – Und dazwischen nichts

„Im Krieg sterben in einem Land in Frieden. Denn es herrscht Frieden. Kein einziger militärischer Krieg am europäischen Horizont, nicht einmal ein Bürgerkrieg, um solcherlei Töne wiederzuhören, wird man sich noch neunzehn Jahre gedulden müssen“

Im Europa der 60er, 70er und 80er Jahre herrscht Frieden und dennoch sterben Menschen. Mathieu Riboulet weigert sich, sich

„mit der Rede vom offiziellen Frieden abzufinden, dieser Lüge ungekannten Ausmaßes: Kalter Krieg für alle, heißer von 54 bis 62 für die Algerier, 53 für die Koreaner, von 54 bis 73 für die Vietnamesen und so weiter“

und schreibt seine sehr eigenwillige Biographie und Chronologie dieser Zeit. Er ist zu spät geboren, 1960, um an den Protesten von 1967/68 teilzuhaben, die 10 Jahre andauern sollten und von ihm als ein Ausbruch der Gewalt beschrieben werden,

„der auf den Straßen die Leichen hunderter Männer und Frauen hinterließ, wie Hunde abgeknallt.“

Auch 1972, als Pierre Overneys Tod durch einen Polizisten zu einer Großdemonstration in Pairs führte und in München die Olympischen Spiele durch die Geiselnahme der israelischen Mannschaft durch palästinensische Terroristen jäh ihren friedvollen Charakter verloren, ist er zu jung, um aktiv zu werden. Ebenso ist er nur Zaungast des deutschen Herbstes 1977 und die italienischen Studentenproteste im selben Jahr. Sein Kampf wird im Jahrzehnt danach kommen, als eine unheimliche Krankheit die Homosexuellen und Drogenabhängigen reihenweise dahinrafft:

„Wir hatten den Mut, unsere Körper aufs Spiel zu setzen, sie den Armen von Männern anzubieten, von Männern, die niemand wollte, doch den Mut, ausgetüftelte Anschläge durchzuführen, hätten wir auf keinen Fall gehabt. Es fehlte uns also die tragende Welle, die, in einer ungedachten Flut, alle Kräfte des Körpers in ein kollektives Bad schwemmt oder schleudert, in welchem die erzeugte Kraft immer größer ist als die Summe der eingebrachten Einzelkräfte”

Mathieu Riboulets autobiografisch gefärbter Roman ist ein sehr eigener Blick auf die Geschichte. Seine uneingeschränkte Befürwortung linksradikaler Ideen – nach den Erfahrungen in Hamburg beim G20 Gipfel vielleicht auch: Terroristen – ist das gute Recht des Autors. Die Ereignisse in Frankreich, Italien und Deutschland zwischen 67 und 78 in einen gemeinsamen Kontext zu stellen und die offizielle Redensart der friedlichen Zeit in Frage zu stellen, scheinen mir allerdings durchaus legitim.

Doch der abschließende Versuch, seinen privaten Kampf gegen die Diskriminierung, der er als Homosexueller ausgesetzt war, und gegen AIDS in diesen politischen Kontext zu rücken, finde ich eher ungewöhnlich, um nicht zu sagen: falsch. Hier werden völlig verschiedene Ebenen und Denkweisen vermischt. Natürlich wird Politik von Menschen gemacht, von denjenigen, die in der Gesellschaft oftmals die Meinung maßgeblich bestimmen. So gesehen ist durchaus eine Überschneidung gegeben. Die Grenze zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, zwischen der Gesellschaft als Ganzem und dem Individuum, scheint er einreißen zu wollen.

Vorherrschende Meinungen zu hinterfragen ist richtig und wichtig. Auf Missstände hinzuweisen ebenfalls. Dies in literarischer Form zu tun ist allemal besser als mit Pflastersteinen. Aber wenn es Mathieu Riboulet vorrangig um die Anerkennung der Homosexuellen und vor allem ihrer langen Geschichte an Unterdrückung und Verachtung ging, da hat es ein anderer Franzose vor ihm eindrücklicher geschafft, dies ins kollektive Bewusstsein zu rufen. Édouard Louis Roman „En finir avec Eddy Bellegueule“ war für mich sprachlich wie inhaltlich weniger aggressiv gegenüber dem Leser und daher in seiner Wirkung und Aussage stärker.

Jane Austen – Mansfield Park

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Jane Austen – Mansfield Park

Anlässlich des 200. Todestages der großen britischen Autorin war es mal wieder Zeit für einen ihrer Romane, tatsächlich der einzige von ihr, den ich bisher nicht gelesen hatte: Mansfield Park.

Fanny Price wächst in einer kinderreichen und verarmten Familie auf. Ihr Onkel Sir Thomas Bertram holt sie in jungen Jahren nach Mansfield Park, um dort mit den Cousins Tom und Edmund sowie den Cousinen Maria und Julia aufzuwachsen. Die vier Jugendlichen behandeln das Mädchen nie gleich, aber sie hat Zugang zu Bildung und lernt das gesellschaftsadäquate Verhalten ihrer Zeit. Als junge Erwachsene beginnt die Suche nach Ehemann und Gattin. Edmund, der einzige der Verwandten, der sich stets für Fanny einsetzt, plant seine Zukunft als Pfarrer und Mary Crawford hat er als seine zukünftige Braut auserkoren. Deren Bruder Henry hat offenbar Gefallen an den Bertram Schwestern gefunden. Überraschend macht er jedoch Fanny einen Heiratsantrag, den diese sehr zum Ärger ihres Onkels und Cousins Edmund zurückweist, denn Henry Crawford ist eine ausgesprochen gute Partie und weit über ihren Möglichkeiten. Um sie wieder zur Vernunft zu bringen, schickt man sie zurück zu ihren Eltern.

Über die Bedeutung Jane Austens in der britischen Literatur gibt es nicht mehr viel zu sagen. Sie porträtiert die Sitten ihrer Zeit und zeigt unverblümt ihre Absurditäten und Schwächen auf. So auch in Mansfield Park, wo der schöne Schein nach außen und die Frage des Einkommens die entscheidenden Elemente bei der Partnerwahl sind. Nur die junge Fanny hat einen Sinn und Auge dafür, welchen Charakter die Menschen um sie herum haben und kann ihrer Linie treu bleiben, auch wenn sie dafür bestraft wird. Dass sie am Ende Recht behalten sollte, war nun nicht weiter überraschend.

Interessant zum Roman ist die Diskussion, inwiefern Jane Austen als Vorreiterin der Chick-Lit zu sehen ist, hat sie doch einem der Hauptwerke des Genres (Bridget JonesDiary) die Protagonistin geliefert. Das COBUILD Advanced English Dictionary definiert das Genre wie folgt:

Chick lit is modern fiction about the lives and romantic problems of young women, usually written by young women.

Ähnlich die Definition, wie sie auf Wikipedia zu finden ist:

Chick lit or chick literature is genre fiction, which „consists of heroine-centered narratives that focus on the trials and tribulations of their individual protagonists“. The genre often addresses issues of modern womanhood – from romantic relationships to female friendships to matters in the workplace – in humorous and lighthearted ways.

Nimmt man diese als Basis und dazu das Wissen, dass Jane Austens Roman eine Zeitlang im englischsprachigen Raum gezielt mit Covern der typischen modernen Chick-Lit Büchern ausgestattet und in den Buchhandlungen gezielt neben diesen platziert wurden, liegt der Verdacht nahe. Inhaltlich bewegt sich Austen auch in Mansfield Park in ziemlich genau diesem Rahmen, so dass der Verdacht durchaus naheliegt. Dies lässt jedoch die sprachliche Leistung der Autorin und Intention der Gesellschaftskritik ihrer Zeit außer Acht, die beide in modernen Werken des Genres eine untergeordnete bis keine Rolle spielen.

Shannon McCrimmon – The Summer I Learned to Dive

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Shannon McCrimmon – The Summer I Learned to Dive

Was sind die typischen Versatzstücke von Young Adult Romanen?

  1. die Protagonistin:

– sehr strebsam und intelligent

– sehr hübsch, ohne sich dessen bewusst zu sein

– lebt fernab der Realität und ist sich des Lebens eines Teenagers nicht bewusst

– keinerlei Erfahrung mit Alkohol, Jungs, Sex, Partys etc.

  1. Der Protagonist:

– schüchterner Junge, auf den alle Mädchen stehen, der aber auf „die Eine“ wartet

– makelloser Charakter

– würde nie Alkohol anrühren

– absolut selbstlos gegenüber seiner Familie

  1. die Handlung:

– Protagonistin kommt an fremden Ort, wo Protagonist lebt

– gerät zunächst an die falschen Freunde, Protagonist muss sie retten

– macht erste Erfahrungen im echten Leben, lernt: Alkohol ist böse

– durchlebt Familienkrise, Protagonist steht zu ihr

– Krise war eigentlich nur ein Missverständnis und wird so schnell erfolgreich gemeistert

– am Ende: alles Friede, Freude, Eierkuchen

Prüft man Shannon McCrimmons Roman „The Summer I Learned to Dive“ auf diese Punkte, erhält sie vollen Zuschlag. Die 18-jähige Finn erfährt zufällig von einem lange gehüteten Familiengeheimnis. Sie reist nachts heimlich ab, um ihre unbekannten Großeltern zu besuchen. Dort verliebt sie sich in den wunderbaren Jesse und erlebt im Schnelldurchlauf alles, was Teenager sonst in ein paar Jahren durchmachen. Gegen Ende noch großes Familiendrama, lange Aussprache, alles gut.

Da es ein amerikanischer Roman war noch die üblichen Moralpredigten: Alkohol ist böse, vergib Deinen Liebsten auch wenn sie dich jahrelang belogen haben, kein Sex im Teenagerroman.

Der Roman bietet wenig Überraschungen und ist so locker geschrieben, dass er sich entspannt an einem Nachmittag lesen lässt. Wie er zu 900 3-5 Sterne Bewertungen auf Goodreads kommt, bleibt für mich jedoch schleierhaft. Überbordende Lobeshymnen über das Buch, das so anders ist als all die anderen im Genre (?!?).

Berechtigte Frage: warum liest jemand ein YA Roman, wenn er das Genre offenbar doof findet? Kurz vorm Zubettgehen habe ich gestern einen neuen Roman benötigt und lustlos meinen Kindle nach etwas Leichtem und Sommertauglichen durchblättert. Das Cover war hübsch (und so passend zum Sommer) und wenn ich schon mal angefangen habe, lese ich ein Buch auch fertig, noch dazu wenn es so kurz ist. Fazit: manche Prinzipien sollte man vielleicht über Bord werfen.

Zoe Beck – Die Lieferantin

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Zoe Beck – Die Lieferantin

Der Verlust ihres Bruders durch illegale Drogen bringt Ellie Johnson auf eine neue Geschäftsidee: sie wird ebenfalls ins Drogengeschäft einsteigen, aber mit sauberer Ware, die über eine App geordert und durch Drohnen ausgeliefert wird. Niemand soll sich mit den kriminellen Banden Londons mehr abgeben müssen, sondern ungefährlich seine Substanzen erwerben können. Gleichzeitig nutzt sie die Gewinne, um Drogenabhängigen kostenlose Hilfsangebote zu unterbreiten. Das Geschäft läuft gut, doch der Regierung sind Drogen und ihre Folgen ein Dorn im Auge und eine drastische Verschärfung der Gesetzeslage ist geplant. Auch den Unterweltbossen gefällt Ellies Geschäft nicht, stört es doch ihre eigenen massiv. Eine Verknüpfung unglücklicher Umstände lässt die angespannte Lage explodieren und auf Ellie wird ein Kopfgeld ausgesetzt.

Zoe Beck hat seit einigen Jahren einen festen Platz in der deutschen Krimilandschaft. „Die Lieferantin“ spielt einmal mehr in London und greift aktuelle politische Themen mit auf. Der Brexit hat das Land zum Zeitpunkt der Handlung bereits verändert, die wirtschaftlichen Spannungen wirken sich unmittelbar aus und nach der Zeit der Aufputschmittel, die den Menschen die Illusion grenzenloser Leistungsfähigkeit bescherte, ist nun das Verlangen nach Betäubungsmitteln, die einem die Flucht aus der Realität ermöglichen groß. Diesen Markt über neue Technologien zu bedienen und so auch neue Zielgruppen zu erschließen, passt ebenfalls.

Allerdings wird dieser überzeugende Handlungsrahmen für meinen Geschmack nicht ganz überzeugend mit Leben gefüllt. Die Figuren bleiben mir insgesamt zu blass und wenig überzeugend. Ellie ist recht eindimensional und nur bezogen auf ihr Geschäft skizziert, dass sie den Tod ihres Bruders nicht verkraftet hat oder andere Gefühlsregungen sind kaum zu erkennen. Auch Mo, ihre Programmiererin, wird nur schemenhaft umrissen, ihre Situation als dunkelhäutiges Adoptivkind, ihre gescheiterte Beziehung – die Figur tritt völlig hinter die rassistischen Übergriffe zurück und kann sich nie entfalten. Ein zweiter Erzählstrang um den Restaurantbesitzer Leigh, der unter Schutzgelderpressern leidet, wirkt insgesamt sehr konstruiert und wenig glaubwürdig. Ein braver Gastronom, der locker einen Erpresser ermordet und kaltblütig einbetoniert? Zu wenig glaubwürdig. Auch der Zufall, dass sich genau diejenigen Personen begegnen, die ins Fadenkreuz einer Verbrecherbande geraten, ist in einer Großstadt wie London nicht ganz plausibel.

Dass Zoe Beck überzeugend formuliert und man den Roman so gerne liest und es ihr durch kleine Cliffhanger am Ende der Kapitel immer wieder gelingt, auch die notwendige Spannung aufzubauen, lässt das Gesamtbild etwas positiver wirken. Inhaltlich jedoch war das für mich ihr bislang schwächster Roman.

Joshua Cohen – Moving Kings

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Joshua Cohen – Moving Kings

David King is the head of “King’s Moving“, a New York based family business specialised in moving homes. Couples moving in together, couples going separate ways. David and his wife Bonnie also separated, their daughter Tammy wastes his father’s money and his secretary Ruth now manages not only the office but all of David’s life. There is just one thing she cannot help him with: David’s cousin from Israel asked him to welcome her son Yoav for some time. He just came out of the IDF and like all the others, needs some travelling to forget the years in the army. David has only met Yoav once many years ago when he spent a couple of hours with his family in Jerusalem. But he is sure to offer the young man exactly what he needs, not taking into account what serving in one of the world’s toughest armies means.

Joshua Cohen’s novel appears in the beginning to be some lightweight and funny story about making business in New York and knowing (or rather: not knowing) the rules of conduct among the super-rich. David is not the classic businessman who knows his way around the upper class, he disposes of some cleverness which helped him to set up his business, but he is not really familiar with the codes. The same applies to his visit in Israel a couple of years earlier. As a Jew, he feels like having to know the historic sites in Israel but cannot connect anything with the places – just like his cousin who shows him around. When family duty calls, in form of accommodating young Yoav, he does not hesitate to fulfil the wish.

However, with the appearance of Yoav, the novel changes its tone. It is not the humorous atmosphere which prevails now, but a rather despairing and depressive mood that comes from Yoav and takes over. Having served three years in the IDF did not go without scars for him. He was in a special unit which was of no special use in peaceful times but well equipped for the emergency. Now as a civilian, he has serious problems integrating into normal life. He can only accomplish small tasks every day and spends most of his time on the couch doing nothing. He can hardly cope with being alive, not speaking of building friendships and a new life in a foreign country.

The novel takes another turn when Yoav’s fried Uri makes his appearance. Being allocated the same unit should have created a lifelong bond, but the young men are very different and their diverting points of view create more and more tension between them. Yoav is reflecting on his place in the world and what he has seen and done in the army:

“you can’t stop being a soldier, just like you can’t stop being a Jew […] You were born a soldier, because you were born a Jew. “ (pos. 1392)

By birth he is denied the chance of making a choice in his life. And as an Israeli, people will never be impartial when they meet him. Everybody has an opinion, either on Jews, or in Israelis, or on both. They are held responsible for things they are neither responsible for nor had a chance to do something about it.

A third party is contrasted with them. A black veteran who fought in Vietnam and has lost in belief in the Christian God as well as the American state who should take care of those who have served the country abroad. His only way out is converting to Islam and seeking refuge in addiction. So, who of them is worse off? The forgotten veteran, the black American, the American Jew or the Israeli Jew?

How defining is religion after all? For most of the characters it does not provide help or relief from everyday burdens. It also does not seem to provide a framework to organise their life around. So, build your life without it, but what are the rules then? It seems to be a minefield and you can only survive of you are stronger and live at the expenses of the others it seems.

Olivier Adam – Die Summe aller Möglichkeiten

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Olivier Adam – Die Summe aller Möglichkeiten

Zweiundzwanzig Figuren, deren Wege sich im L’Estérel im Hinterland der Côte d’Azur kreuzen. Antoine, großes Fussballtalent, der jedoch an seinem unkontrollierten Temperament immer wieder scheitert und beruflich sowie im Privatleben nicht auf einen grünen Zweig kommt. Mit Baseballschlägern niedergeknüppelt und beinahe tot wird er ins Krankenhaus eingeliefert. Sein Freund Jeff scheint etwas zu wissen, ist aber selbst vor Angst wie gelähmt. Antoines Schwester Louise hat andere Sorgen, sie will nicht mehr länger die Ersatzmutter für ihn spielen. Die Mutter seines Sohnes Nino, Marion, ist zwar in einer neuen Partnerschaft, kann jedoch die noch vorhandenen Gefühle für ihren Ex nicht leugnen. Im Krankenhaus liegt auch Paul, der gerade seine geliebte Hélène verloren hat, dabei wollte er doch mit ihr in den Tod gehen. Ebenso wie Léa, deren Eltern sie seit Monaten vergeblich suchten. Die Polizei hat viel zu tun, nicht nur der Überfall auf Antoine wirft Fragen auch, auch ein Einbruch und das mysteriöse Verschwinden gleich mehrerer Bewohner stellt sie vor Rätsel.

Die Figuren geben sich buchstäblich den Staffelstab in die Hand. Nacheinander begegnen sie sich und erzählen ihre Geschichten und Sichtweisen. Antoine beginnt, bevor er an Marion übergibt, die bei ihrem Job im Hotel dem alten Ehepaar Paul und Hélène begegnet. So setzt sich die Geschichte fort, bis sie wieder mit Antoine beschlossen wird. Durch die unterschiedlichen Perspektiven ergeben die einzelnen Kapitel erst zusammen eine vollständige Geschichte.

„Das ist das Problem mit dem Leben, dachte Antoine. Dasjenige, das man hat, ist immer zu eng, und das, das man gerne hätte, ist zu groß, um es sich auch nur vorzustellen. Die Summe aller Möglichkeiten ist das Unendliche, das gegen null tendiert.“ Alle Figuren haben in ihrem Leben ihre Träume nicht verwirklichen könne. Sie haben Entscheidungen für und gegen etwas getroffen und sinnieren darüber nach, wie es auch, womöglich besser hätte sei. können. Zum Beispiel als erfolgreicher Fußballer, oder mit einem anderen Partner, oder ohne einen Schicksalsschlag. Das Leben, das sie ihres nennen, führt zu Frustration, Langeweile, Verzweiflung. Doch einen Ausweg gibt es nicht, sie haben nur das eine. Und andere Möglichkeiten bieten sich nicht mehr, dafür ist zu viel passiert.

Neben einer Sozialstudie des gesellschaftlichen Randes, der Kriminellen, der Gescheiterten, derjenigen mit mehreren Jobs, um zu überleben, bleibt auch eine gewisse Spannung nicht aus, denn die Frage, was mit Antoine geschehen ist, wer ihn aus welchem Grund beinahe ermordet hätte, zieht sich durch das Buch, wenn sie auch nicht stringent verfolgt wird. Die Auflösung ist symptomatisch für das Leben der Figuren und daher ausgesprochen passend und logisch.

Der Roman überzeugt aufgrund zweierlei Aspekte: die Form der Konstruktion ist ungewöhnlich und erfordert einen exakten Plan, um am Ende in dieser Weise aufzugehen und stimmig zu werden. Die Figurenzeichnung schafft die Balance, den einzelnen Charakteren eine Stimme zu verleihen ohne Mitleid zu erregen, obwohl die meisten in irgendeiner Form Verlierer sind, und ohne sie für ihr Leben zu verachten, auch wenn sie für vieles an ihrer aktuellen Situation selbst Verantwortung tragen. Alles in allem hat Olivier Adam erneut die hohen Erwartungen erfüllen können.