Helen Sedgwick – The Growing Season

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Helen Sedgwick – The Growing Season

With FullLife’s service, women can finally get rid of all the negative aspects of pregnancy. No more sickness, no more pain during child birth and no more abstaining from alcohol and cigarettes and all the fun. And the best: the men can play a part, too! Simply use the pouch and have your baby cuddled in the perfect environment for 9 months. It does not take too long to convince the people that this is real evolution, the next step that makes mankind throw away the ballast and dangers connected to a pregnancy and child birth. And not to forget: this is how non-traditional families can finally fulfil their dream of having a baby. That’s what science is for, to lift mankind to a higher level, isn’t it? But progress normally also demands a price to be paid, it never goes for free. Up to now, however, only few people know how high the price really is.

Helen Sedgwick’s novel which is somewhere between Brave New World and The Handmaid’s Tale, raises a lot of questions. First of all, how far do we want to go for comfort and the fulfilment of our wishes. It only sounds too attractive to overcome all the negative side effects of being pregnant. And of course, the line of argumentation that now men and women are really equal since women cannot be reduced to reproduction anymore is also tempting at first. Second, we see scientists who – for different kinds of reason – act against their conscience and subordinate everything to alleged progress. Ethics cannot be ignored, undeniably, but sometimes there seems to be the time and space when you can sedate these thoughts and mute them in a way. Yet, quite naturally, this does not make the questions go away.

The novel tells the story from a very personal point of view which allows the severe topic to come across in a very human way with characters who have feelings and who suffer. In this way, you get involved in what they go through, the loss, the hopes, the fears. It does not provide easy answers to huge ethical dilemmas, but it adds some perspectives and reveals that quite often, there is much more than just black and white and that it is the different shades of grey which make it difficult for us to decide on the core questions of life. Lively characters portray this dilemma in a convincing way thus the novel can take it on with the great names of the genre.

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Christine Wunnicke – Katie

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Christine Wunnicke – Katie

Was ist los mit Florence Cook? Schon als Kind benimmt sie sich seltsam, bindet sich an ihrem Bett fest und hat komische Wahnvorstellungen. Ein Gutachten muss her, sie könnte ein Medium sein. Florence zieht also zu Familie Crookes, deren Oberhaupt Sir William Crookes viel Erfahrung mit allerlei Gutachten hat und ein gefragter Mann im London des ausgehenden 19. Jahrhunderts ist. Im Hause Crooks zeigt sich dann, was mit Florence los ist: sie wird von Katie Morgan bewohnt, dem Geist einer seit 200 Jahren untoten Piratentochter, die den Weg ins Jenseits noch nicht gefunden hat. Katie kann regelrecht aus ihr heraustreten, wissenschaftlich ist das sogar nachweisbar, denn Florence wiegt weniger und ihre Körpertemperatur sinkt. Ein Faszinosum und Highlight der Stadt.

Was aus heutiger Sicht natürlich völliger Humbug ist, zeichnet Christine Wunnicke mit der zeitgemäßen Ernsthaftigkeit nach. Der Wissenschaftler hält seine Erkenntnis wie folgt fest:

„Die psychische Elektrizität unseres Mediums«, fuhr Crookes langsam fort, »erzeugt neuerdings ebenfalls eine Emanation von stark wechselnder Stofflichkeit. Diese sitzt einer Verkennung auf, welche wohl ein Residuum erlernten Aberglaubens des Mädchens ist. Sie hält sich für den Nachhall einer ehemals Lebenden. Sie glimmt dito. Sie bewegt auch das Radiometer. Sie geht umher und spricht.”

Der Autorin gelingt es in jeder Hinsicht, die Atmosphäre Londons vor rund 150 Jahren einzufangen und ihren Figuren in den Mund zu legen. Dabei legt sie einen ironischen Ton an, der einem beim Lesen einfach begeistert. Insbesondere in Bezug auf Katie. Die mysteriöse Erscheinung ist kein freundliches Fräulein, das man befragen könnte, sondern ein durchtriebenes Gör:

„Auch für das, was der Geist tat, fand Pratt keine Worte. Er saß auf Pratt und drückte ihn mit leibhaftigem Menschengewicht in die Matratze. Zuvor hatte er andere Dinge getan, die ein Mensch nicht tun darf oder nur im Hafen der Ehe. Pratt drehte sich mühsam um. Jetzt saß der Geist auf seinem Rücken und Pratt konnte ihn nicht mehr sehen. Das war gut so.“

Es hat durchaus seinen Grund, dass Katie gerade Florence bewohnt. Auch für alle anderen Figuren, die mit ihr Kontakt haben, spiegelt sie jeweils das wider, was sie erwarten und in ihr sehen wollen. Wie bei jeder anderen Séance ist hier der Wunsch und Eindruck des Betrachters maßgeblicher als das, was real vorhanden ist. Die Figuren basieren auf realen Tatsachenberichten, es fällt nicht besonders schwer zu glauben, dass sich vieles genau so zugetragen hat, auch wenn es heute eher amüsant bis absurd anmutet.

Die Parodie der Schauerromane ist nicht zu verkennen – das jungfräuliche Mädchen, das besessen ist, der Forscher, der ihr helfen will, der abgeschlossene Handlungsort im hause Crooks, der böse Geist – und dann ein sehr modernes Verhalten der Figuren, die den wirtschaftlichen Nutzen des Ganzen erkennen und daraus zu Profit schlagen wissen: aus dem umherwandernden Geist Katie wird „Katie King“, die in öffentlichen Auftritten vorgeführt wird.

Christine Wunnickes Roman stand auf der diesjährigen Longlist für den Deutschen Buchpreis. Dies finde ich eher ungewöhnlich, denn weder Genre noch Umsetzung passen in die Reihe der üblichen Erwählten.

Catherine Lacey – Niemand verschwindet einfach so

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Catherine Lacey – Niemand verschwindet einfach so

Elyria tut das, wovon viele träumen, sich aber nie wagen in die Tat umzusetzen: sie verschwindet. Sie setzt sich in einen Flieger und reist von den USA nach Neuseeland. Sie weiß, wovor sie wegläuft, wohin sie will ist schon schwieriger. Zunächst einmal auf die Farm eines Mannes, den sie kennenlernte und der ihr leichtsinnigerweise anbot, bei ihm in der Abgeschiedenheit zu leben und arbeiten. Trampend bestreitet sie den Weg, Gelegenheitsjobs bringen immer wieder ein wenig Geld ein.- Was ihr Ehemann und ihre Mutter machen, interessiert sie nicht, das hat sie hinter sich gelassen. Was sie jedoch nicht zurücklassen kann, ist die Erinnerung, vor allem an ihre Stiefschwester, deren Tod sie nie überwunden hat. In der Ferne sucht sie nach etwas, sich selbst, und sie versucht ihrem alten Ich und all seinen Erinnerungen zu entkommen.

Catherine Lacey hat einen ungewöhnlichen Roman geschrieben, der einem direkt packt und mitreißt. Zunächst ist man verwundert über den Mut der Protagonistin, einfach alle Zelte abzubauen und in eine ungewisse Zukunft zu reisen. Dann kommen Zweifel, ob ihr Handeln wirklich durchdacht ist – nein – ob die Suche nach ihrem Selbst so erfolgreich ist – zweifelhaft – ob sie einfach leichtsinnig oder gar verrückt ist – naheliegend. Die Reise ist viel weniger eine Suche denn ein Weglaufen. Sie stellt sich nicht den Dingen, die sie dringend besprechen und bearbeiten müsste. Jede Begegnung mit einem Menschen wird zur Qual, weil sie Fragen zu sich beantworten soll, dabei will sie nichts weniger sein als sie selbst. Aus der mutigen wird plötzlich eine eher feige Frau, die nicht den Schneid hat, ihrem Leben entgegenzutreten.

Elyria muss dies im Laufe ihrer Reise erkennen. Hier liegen die besonderen Stärken des Romans. Die Handlung bewegt sich zwischen den Stationen in Neuseeland und den kurzen Episoden des Kontakts mit eigentlich fremden Menschen, zu denen Elyria nie eine Verbindung aufbauen kann, bleibt so recht überschaubar. Spannender und interessanter indes ihre psychische Entwicklung. Nach und nach reift jedoch in ihr die Erkenntnis, dass ihr Ziel verfehlt werden wird:

„damals, als ich noch dachte ich hätte herausgefunden, wer ich war und warum ich anscheinend mit dem Leben nicht so gut umgehen konnte, wie andere Leute das taten“ (S. 148) und

„Selbst wenn niemand mich je fände, wenn ich den Rest meines Lebens hier verbrächte und für immer verschwunden bliebe, von anderen für vermisst erklärt, könnte ich aus meinem eigenen Leben doch nie verschwinden; ich könnte nie den Verlauf meiner Geschichte löschen, sondern wüsste immer genau, wo ich war und gewesen war (…) das, was ich die ganze Zeit gewollt hatte, vollständig verschwinden, doch eben das würde mir nie gelingen – niemand verschwindet einfach so, niemand hat diesen Luxus je gehabt oder wird ihn je haben“ (S. 160)

Sie muss zurückkehren in ihr altes Leben, sich diesem wieder stellen oder etwas ändern, denn weglaufen und verschwinden funktioniert nicht.

Burhan Sönmez – Istanbul, Istanbul

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Burhan Sönmez – Istanbul, Istanbul

Istanbul, eine Gefängniszelle irgendwo unter der Stadt. Der Student Demirtay, der Doktor, der Babier Kamo und Küheylan Dayi werden in der zwei mal ein Meter großen Zelle unfreiwillig Schicksalsgenossen. Sie warten, nicht auf die Freilassung, damit rechnet keiner von ihnen, sondern auf die Wärter, bis diese zum nächsten Mal die Zelle aufschließen, einen von ihnen rausholen und wieder foltern. Dann warten sie, bis der Zellengenosse schwer verletzt zurückgeschleift und wieder zu ihnen geworfen wird. Es ist kalt da unten, sie haben kein Licht und nur wenig zu essen. Sie erzählen sich nichts von ihrem Leben, was sie in die Zelle geführt hat, das wäre zu gefährlich, denn schon bei der nächsten Befragung könnte einer der Mithäftlinge etwas preisgeben. Also verbringen sie ihre Zeit mit dem Geschichtenerzählen, wie es seit Menschengedenken Tradition ist, um die Zeit des Wartens zu verkürzen.

Burhan Sönmez hat seinen dritten Roman bereits 2015 im Original veröffentlicht. Auch wenn man dies weiß, kommt man nicht umhin die aktuelle politische Lage beim Lesen des Buchs mitzudenken. Die Grundkonstellation, dass Menschen wie Tiere zusammengepfercht unter der Erde sitzen, dass außer neuen Folterungen sie nichts aus den Zellen herausführt und dass ihr Schicksal ungewiss ist, für sie selbst und für ihre Familien draußen – man zweifelt heute nicht an der wahrheitsgemäßen Darstellung der Situation.

Die vier Schicksalsgenossen und das Mädchen in der gegenüberliegenden Zelle machen das Beste aus der Gefangenschaft. Sie phantasieren sich nach draußen, nutzen ihre Erinnerung, um sich wenigstens zeitweise von den Schmerzen der Verletzungen und der Enge des Raumes wegzuträumen und diese zu vergessen. Daneben erzählen sie die Geschichten, die sie von den Vätern gehört haben und die schon Jahrtausende lang mündlich tradiert werden. Schnell ist man erinnert an Tausendundeine Nacht oder das Decamerone, die Figuren nehmen selbst Bezug darauf:

„Die Leute im Dekameron hatten allerdings mehr Glück als wir. Durch die Flucht aus der Stadt entgingen sie dem Tod. Uns hat man auf den Grund der Stadt in die Finsternis gestoßen. (…) uns verfrachtete man gegen unseren Willen hierher. Schlimmer noch, während sie sich vom Tode entfernten, sind wir ihm näher gerückt.“ (S. 158)

Tapfer ertragen sie ihr Schicksal, ihre Handlungsmöglichkeiten sind ohnehin begrenzt. Die einzige Abwechslung stellen die Folterungen durch die Wärter dar, die brutal und menschenverachtend sind, aber die vier Protagonisten nicht brechen können. Doch die Wärter haben noch eine andere, perfidere Idee, um an die Geheimnisse der Insassen zu kommen. Und diese nutzen sie.

Der Roman ist eine Hommage an Istanbul, wo alles möglich ist, ebenso wie sich die gefangenen gedanklich überall hinbewegen können. Sie überkommen die Grenzen des Körperlichen, ignorieren den Schmerz und lösen sich dank ihres Geistes. Wie einst die Flaneure durch die europäischen Großstädte schickt Sönmez seine Insassen los, wie in der europäischen Tradition des Geschichtenerzählens im Decamerone oder auch bei den Canterbury Tales lässt er sie berichten – Burhan Sönmez schafft so die Verbindung zwischen Orient und Okzident genau da, wie die Grenze schon immer lag und wo beide aufeinandertreffen und verschmelzen: in Istanbul.

Robert Menasse – Die Hauptstadt

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Robert Menasse – Die Hauptstadt

Eine neue Sau wird durchs Dorf getrieben – oder so ähnlich. Ein Schwein, Mitten in Brüssel, der europäischen Hauptstadt. Die Gemüter sind erregt, die Gazetten stürzen sich auf das Thema. Derweil plagen die Beamten der Europäischen Kommission ganz andere Sorgen als Schweine auf Brüssels Straßen. Schweineohren sind interessant, aber nur, weil man damit auf dem chinesischen Markt Geld verdienen kann und aktuell die Nationalstaaten im Alleingang mit dem asiatischen Riesen verhandeln und sich gegenseitig reihenweise ausbooten und schaden. Ist das im Sinne der EU? Die könnte etwas für ihr Image tun, da kommt Fenia Xenopoulou das Big Jubilee Project gerade recht. Außerdem könnte das ihr Sprungbrett in ein wichtiges Ressort sein, Kultur ist mehr so das Abstellgleis. Apropos Gleis, als Kind ist David de Vries von einem Zug gesprungen, einem Deportationszug nach Auschwitz, der ihn in den sicheren Tod befördern sollte. Sein Leben lang war er Zeuge dessen, was Hass und Nationalstolz verursachen können, doch jetzt kann er sich kaum mehr erinnern, was er zehn Sekunden zuvor noch gedacht hat. Sein geistiges Erbe droht zu verfallen. Ähnlich verfällt auch der Körper von Kommissar Brunfaut, der eigentlich einen Mord aufklären will, den es aber plötzlich nicht mehr gegeben haben soll und der ihm einen unplanmäßigen Urlaub einbringt.  Sie alle haben das Schwein gesehen, wie viele andere in der Hauptstadt der derzeit unpopulären Union, ein Schwein, über das alle reden und das die Leute in der Suche nach einem Namen zusammenführt und so wenigstens in einem Thema vereint.

Es ist nicht einfach, Robert Menasses Roman auf den Punkt zu bringen. Sehr viele Figuren, sehr viele Einzelhandlungsstränge, viel Geschichte und Politik – aber vielleicht ist es doch ganz einfach: es lebe die EU. Was wie ein chaotisches Kaleidoskop undurchdringlich scheint, schillert jedoch und entsteht in jeder Sekunde neu und kann bestaunt und bewundert werden. Die Menschen sind es, die das gemeinsame Europa entstehen lassen und die Vielfalt ausmachen.

Die Figuren sind durchdacht und vielschichtig kreiert. Die Karrieristin, der brave Beamte, der leidenschaftliche Volkswirt – es mangelt nicht an Stereotypen, jedoch bleiben sie dabei nicht stehen, sie haben Brüche und zeigen Facetten, die sie aus der Schablone herauslösen und zu Individuen werden lassen. Ihre Wege kreuzen und überschneiden sich, lösen sich dann wieder und oftmals bleiben die Begegnungen unentdeckt. Ein buntes Treiben geradezu, genau wie man es in Brüssel auch erleben kann.

Zweifelsohne ist der Roman ein Lobgesang auf die nachnationale Staatengemeinschaft, auch wenn die Mitarbeiter der Kommission weniger an der großen politischen Idee als an dem persönlichen Weiterkommen interessiert zu sein scheinen. Geradezu ad absurdum wird dies durch die Figur Alois Erharts geführt, der ein rauschendes Plädoyer auf eine neue europäische Hauptstadt singt, die aus Ruinen auferstehen müsse und daher nur an dem Ort entstehen könne, an dem die größte Niederlage Europas zu beklagen war: in Auschwitz. Leider verstirbt kurz danach der letzte Überlebende der Tragödie. Ein Humor, der begeistern kann, wenn man über eine gewisse Morbidität hinwegsieht, die sich durch das ganze Buch zieht. Menasse versteht sein Handwerk und setzt seine Sprachfertigkeit gekonnt ein, nein, er steht sogar über dem gängigen literarischen Diskurs und kann sich eine Eröffnung mit „Wer hat den Senf erfunden?“ erlauben.

Dass „Die Hauptstadt“ auf der Shortlist des Deutschen Buchpreis 2017 gelandet ist, ist keine große Überraschung. Thematisch am Puls der Zeit – das Schwein soll hier nochmals ganz am Ende eine grenzwertige politisch relevante Rolle spielen und den Verdruss der Bürger zu einer unsäglichen Klimax führen – und doch leicht und unterhaltsam. Es macht tatsächlich wieder Lust auf das europäische Miteinander, das Europa von Menschen, die hier bei Menasse auch äußert menschlich sein dürfen.

Joakim Zander – Der Freund

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Joakim Zander – Der Freund

Klara musste ihren geliebten Großvater beerdigen, ihre Freundin Gabriella ist wie immer an ihrer Seite. Doch Gabriella ist abgelenkt, irgendetwas belastet sie. Am nächsten Morgen wird sie vor den Augen Klaras in ihrer Kanzlei verhaftet. Diese agiert schnell und kann eine geheime Nachricht der Freundin entdecken: sollte Gabriella etwas geschehen, muss Klara einen geheimen Informanten in Brüssel treffen. Dieser ominöse Mensch ist ein Praktikant der schwedischen Botschaft in Beirut. Jacobs Zeit dort ist geprägt von Langeweile im Büro und umso mehr Aufregung durch seinen Freund und Liebhaber Yassim. Dieser gibt kaum etwas von sich preis, verschwindet immer wieder für Wochen spurlos und trifft sich mit zwielichtigen Personen. Jacob ahnt selbst, dass mit Yassim etwas nicht stimmt, als er von einer mysteriösen Frau kontaktiert wird, die behauptet, dass Yassim ein Terrorist sei, weiß er nicht mehr, was er glauben soll. Doch dass er sich in größte Gefahr begeben hat, wird Jacob nicht erst klar, nachdem seine Wohnung verwüstet wurde und sein Leben bedroht wird. Helfen kann ihm wohl nur die Frau, die er Monate zuvor im Fernsehen bewundert hat: Gabriella.

Band drei von Joakim Zanders Reihe um Klara Walldéen knüpft nahtlos an die beiden Vorgänger an und ist in ebensolchem Tempo geschrieben. Auch in der Thematik bleibt sich Zander treu, ohne sich zu wiederholen oder zu langweilen. Einmal mehr dreht sich die Handlung um das Pulverfass Naher Osten und den Terror, der von dort ausgeht. Dieses Mal lehnt er sich an die Attentate von Paris am 13. November 2015 an, die er geschickt in die Geschehnisse rund um Jacob in Beirut und Klara zwischen Stockholm und Brüssel einbaut.

Seine Protagonistin entwickelt er hierbei überzeugend weiter. Klara ist nicht die fehlerlose Superheldin, der alles spielend gelingt. Nach den letzten Erlebnissen bekam sie ihr Leben nicht mehr auf die Reihe, trank zu viel, um sich zu betäuben. Auch der Tod des Großvaters wirft sie aus der Bahn und ihre Gefühlswelt hat sie gar nicht unter Kontrolle. Doch merkt man, wie sie geradezu von den Erfahrungen profitiert, dadurch reifer wirkt als in vorherigen Bänden. Ähnlich verhält es sich mit Georg Lööw, ihrem Partner in der Krise und offenbar am Ende auch im Privatleben. Jacob als neue Figur ist ebenfalls vielschichtig und authentisch angelegt. Strebsam und doch verunsichert; einerseits emotionsgeleitet und dann doch wieder rational-zweifelnd. Sich mit ihm zu identifizieren und seine Zwickmühle nachzuvollziehen, macht einem Joakim Zander sehr leicht.

Die kurzen Kapitel mit schnellen Ortswechseln sorgen für ein hohes Tempo in der Geschichte. Die zeitversetzte Handlung, die vom Ende und dann wieder vom Anfang an erzählt wird, erhöht die Spannung zudem. Der Roman entbehrt nicht einer gewissen Komplexität, die die Wirklichkeit glaubwürdig widerspiegelt und bestimmte real nicht aufzulösende Spannungen und Verwicklungen in der internationalen Diplomatie und Politik ebenfalls als solche stehenlässt. So erfüllt Joakim Zander einmal mehr voll die Erwartungen an einen anspruchsvollen Thriller und bleibt derzeit einer der besten schwedischen Autoren im Genre.

 

Ein Dank geht an den Rowohlt-Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Buch und Autor finden sich auf der Verlagsseite.

Zsuzsa Bánk – Schlafen werden wir später

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Zsuzsa Bánk – Schlafen werden wir später

Johanna und Marta sind erwachsen geworden. Die beiden Kindheitsfreundinnen, die so viele Pläne und Ideen hatten, müssen feststellen, dass die Realität nicht das hält, was sie erwartet hatten. In E-Mails meist zu nächtlicher Zeit tauschen sie sich aus über die Sorgen und Nöte des Alltags, spenden Trost und geben Halt. Johanna, die Lehrerhin im Schwarzwald, die nebenbei seit Jahren über Annette von Droste-Hülshoff promoviert und Markus nachtrauert, der sie für eine andere verlassen hat, worüber sie nicht hinwegkommt. Marta ist Schriftstellerin, doch für das Schreiben bleibt ihr bei drei Kindern, fehlender Betreuung und einem Mann, der sich mehr um seine Theaterprojekte kümmert als um die Familie, kaum Zeit. Der Alltag droht beide immer wieder zu zerreiben und scheitern zu lassen. Doch die kleinen Lichtblicke und der Zuspruch der Freundin halten sie am Leben.

Zsuzsa Bánks Protagonistinnen sind keine großen Heldinnen mit außergewöhnlichen Lebensläufen. Sie sind Frauen, wie es sie zu Tausenden in Deutschland gibt mit Sorgen, wie sie tagtäglich zwischen Nordsee und Alpen auftauchen und drohen die fragilen Gebilde von Beziehungen und Alltag zerbrechen zu lassen. Der Schmerz nach einer Trennung, die Sinnfrage ob des gewählten Berufs, eine Krebserkrankung, die immer wieder aus der Ferne droht das Leben erneut zu beenden, die Ambitionen, für die kaum Zeit und Raum ist. Die Kinder, einerseits eine große Freude, andererseits bei schlechter Infrastruktur der entscheidende Faktor, der das berufliche Vorankommen verhindert. Das Leben verlangt viel, Durchhaltevermögen und Kraft, und so bleibt nicht einmal Zeit zum Schlafen, aber das können sie ja auch später noch.

Anna Thalbach und Ulrike Hübschmann leihen den beiden Frauen abwechselnd ihre Stimme im Hörbuch, was nicht nur eine angenehme Abwechslung schafft, sondern auch den Figuren noch mehr Charakter verleiht. Unaufgeregt und nicht überdramatisch inszenieren sie die beiden Protagonistinnen, was zu den oftmals geradezu banalen Problemen sehr gut passt und insbesondere herausstreicht, dass es Menschen wie du und ich sind, die hier erzählen. Gerade im Hörbuch hat man immer wieder den Eindruck selbst Teil der Geschichte zu werden, man hört sich die Sorgen der Frauen an, wie auch eine gute Freundin sie einem selbst berichten könnte.

Es ist nicht nur die Frage danach, ob die Entscheidungen, die die beiden Frauen mit Anfang 40 bislang in ihrem Leben getroffen haben, die richtigen waren. Es ist auch die Frage, was noch kommt, ob ein radikaler Wechsel noch möglich wäre, nochmal von vorne anfangen zu können. Ein Thema, mit dem Zsuzsa Bánk vielen Lesern oder Hörern aus der Seele sprechen dürfte und für das sie keine schnellen und unerwartete Antwort hat. Aber so funktioniert das Leben auch nicht und das ist es, was die Autorin überzeugend eingefangen hat.

Gerhard Falkner – Romeo oder Julia

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Gerhard Falkner – Romeo oder Julia

Ein Schriftstellertreffen führt den Autor Kurt Prinzhorn nach Innsbruck in ein kleines Hotel. Dort trägt sich eine seltsame Begebenheit zu: erst findet er in seinem Badezimmer schwarze Frauenhaare, die vorher sicher nicht da waren, dann verschwinden sein Schlüsselbund und seine Notizbücher. Die Tür wurde aber gemäß der Chipkartenauslese nur von ihm selbst bedient. Der Fall bleibt unerklärlich und fesselt auch die anderen Literaten ob der Kuriosität. Wenige Tage später muss Prinzhorn für eine Lesung nach Moskau reisen. Dort hat er ebenfalls seltsame Erlebnisse, die sich nicht nur durch die fremde Kultur erklären lassen. Langsam fühlt sich Prinzhorn verfolgt, zudem macht er sich Sorgen, was der Eindringling mit seinen Schlüsseln anstellen könnte. Wieder in Deutschland stellt er jedoch fest, dass in sein Haus offenbar nicht eingebrochen wurde. Seine dritte Reise innerhalb weniger Wochen führt ihn schließlich nach Madrid, wo ihn abermals der Verdacht beschleicht, verfolgt zu werden. Seine Aufmerksam ist geschärft und tatsächlich soll er recht behalten. Er wird beschattet und die Person, die ihm nachstellt, sinnt auf Rache.

Gerhard Falkners Roman „Romeo oder Julia“ hat es nach der Longlist nun auch auf die Shortlist des Deutschen Buchpreis 2017 geschafft, was ich einigermaßen erstaunlich finde. Der Roman ist höchst unterhaltsam und mit seiner kriminalistischen Note eher untypisch als Kandidat für diese Ehrung. Umso erfreulicher, dass eine solche Erzählung in Betracht gezogen wird, der sicherlich auf beiden Ebenen – einmal als Unterhaltung mit einer gewissen Spannung – aber auch als literarisches Werk funktioniert.

Die Figurenzeichnung – wie viel vom Autor selbst in seinem Protagonisten steckt, vermag ich nicht zu beurteilen, allerdings basiert die Ausgangsgeschichte auf den wahren Erlebnissen Falkners selbst – ist facettenreich und vielschichtig. Es ist ein besonderer Spaß einen Autor in einem Roman zu erleben, da hier mit feiner (Selbst-?)Ironie die Schwächen und Eitelkeiten aufgedeckt werden:

„Obwohl ich Kurt heiße, bin ich Schriftsteller. Allerdings bin ich weit davon entfernt, mir auf diese Tatsache etwas einzubilden.“ (pos. 143) lässt er seinen Protagonisten vorausschicken.

Einerseits ist man ja doch ganz banal Mensch mit typisch menschlichen Bedürfnissen, aber andererseits ist die öffentliche Rolle und Selbstdarstellung von einem gewissen literarischen Habitus geprägt. Das Leben wird in Akten erlebt, seine Gespräche mit der Polizei sind geradezu absurd und der tragische Ausgang der Handlung kann natürlich nur einer der großen Tragödien nachempfunden sein – der Titel lässt es uns schon ahnen. Ein Balkon, eine vereitelte Liebe, ein unschönes Ende. Dazwischen noch die messerscharfen Beobachtungen des Literaturbetriebs:

„Hinter der gespielten Herzlichkeit verbargen sich Geltungssucht, Selbstüberschätzung und eiskalte Berechnung.“ (pos. 265)

So begegnen sich die Konkurrenten, die sich dem äußeren Schein nach alle furchtbar gerne mögen.

Die Handlung selbst bietet neben den offenkundigen Parallelen zu den großen Werken der Literatur – neben Shakespeare werden die Nationalheiligen gleich mehrerer Länder bemüht, bisweilen so überzeichnet deutlich, dass es schon wieder als Stilmittel durchgeht. Den russischen Straßenköter Raskolnikow zu taufen, wo dieser dann doch ganz harmlos und nett ist – man sieht schmunzelnd darüber hinweg. Aber er bedient sich auch großzügig des Films und der Malerei als Lieferant für zahlreiche Anspielungen, die er nebenbei ganz flüssig einbaut. Auch die eher plakativen Beobachtungen der russischen und spanischen Kultur und die grotesk anmutende Unheil ankündigende Nachricht, die in Walliserdeutsch verfasst wurde, lassen darauf schließen, dass der Autor sich einen Spaß mit seinem Leser erlaubt und vermutlich beim Schrieben ebensolchen hatte.

Da Falkner von Haus aus Lyriker ist, sind Vergleiche als Stilmittel naheliegend. Bisweilen entwickeln dies jedoch ein bemerkenswertes Eigenleben:

„Das Glück und das Unglück liegen manchmal so dicht beieinander wie Anus und Vagina. Tür an Tür.“ (pos. 2281).

Man weiß nicht so recht, wie man dies auffassen soll, aber es fügt sich herrlich in den Text, der mit einer Leichtigkeit und einer omnipräsenten Ironie eine große Freude zu lesen ist.

 

Rodrigo Hasbún – Affections

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Rodrigo Habún – Affections

A German family emigrating to South America shortly after Worl War II. Hans, a famous film-maker and alpinist who had worked with Leni Riefenstahl, his wife and the three girls Monika, Heidi and Trixi. The father wants to explore the new world, Monika and Heidi accompany him, but they cannot find the lost Inca city. Soon after, the life of the family falls apart. The father is travelling the world, Monika gets married and Heidi is returning to Europe. Only Trixi remains with the mother who is already suffering from cancer and finds her death in the 1950s. The girls’ lives and interests couldn’t hardly differ more. Heidi leads a traditional life in Germany, Trixi is somehow forlorn in Bolivia and Monika has become a fierce supporter of Che Guevara and the guerrillas in South America.

Rodrigo Hasbún, one of the major Spanish-speaking voices in contemporary literature, has based his novel on the true story of the Ertl family. It is supposed that Monika Ertl was to avenger of Che Guevara’s death: in 1971, Bolivia’s ambassador Roberto Quintanilla Pereira was killed in his office in Hamburg by a woman who is supposed to have been her. Off all things, Monika was her father’s beloved child of in whom he saw his only true heiress.

Monika’s life a most intriguing considering the close connection to the Nazi regime, then her fight with and for the guerrilla, the assassination ascribed to her and her death in the Bolivian jungle. Yet, the novel could not really catch me. The characters remain too distant, too vague to really become fascinating and captivating.  I would have liked to get in Monika’s head, to learn how she develops her ideals and her conviction for the fight. But also the others are too distant for me to really get interested in their life and emotions and thoughts.

Apart from the rather shallow characters, the story is centred around the family life. Yet, there are too many leaps in time, too many gaps unfilled to create a complete picture. When Heidi leaves for Germany, her story is lost. Why Trixi is so much detached from the world, remains unclear to me. And the father’s end of career is explained in just one or two sentences.

All in all, an interesting historical figure who could have translated into a great story, but the novel is a bit too superficial in many respects to really convince me.

Marion Poschmann – Die Kieferninseln

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Marion Poschmann – Die Kieferninseln

Ein Traum, so realistisch, dass er einfach wahr sein muss. Gilbert Silvester, Privatdozent und aktuell an Männerbärten forschend, hat geträumt, dass ihn seine Frau Mathilda betrügt und da sie ihn ohnehin verlassen wird, kann er auch direkt gehen. Kurzerhand bucht er einen Flug nach Japan, völlig sinn- und ziellos und findet sich nur wenige Stunden später in einem sterilen Tokioter Hotel wieder. Er irrt durch die Stadt und wird Zeuge eines versuchten Selbstmordes in der U-Bahn. Yosa Tamagotchi wollte sich vor den Zug werfen, doch Silvester verhinderte dies durch seine Kontaktaufnahme. Nachdem er realisiert, welchem Schauspiel er gerade beigewohnt hat, überzeugt er den Japaner, dass die U-Bahn ein unwürdiger Ort für eine solche Tat ist. Das Land hat so viel inspirierendere Orte, an denen man sich das Leben nehmen kann. Der ohnehin verunsicherte Student gibt sich und sein Leben also in die Hände des Wissenschaftlers, der für Yosa den perfekten Ort zum Sterben finden will. Eine moderne Odyssee mit dem Ziel nicht der Heimkehr, sondern der Reise in die Ewigkeit, beginnt.

Marion Poschmann hat einen geradezu lyrischen Roman verfasst, der eigentlich eher einer Novelle gleicht. Im Zentrum steht Gilbert Silvester, der in seinem Leben nur wenige der erhofften beruflichen Ziele realisieren konnte und nun aufgrund eines Traums die Flucht ans andere Ende der Welt angetreten hat. Orientierung und Halt in dieser außergewöhnlichen Situation gibt ihm ein Gedicht- und Erzählband des japanischen Schriftstellers Basho, dessen Reise er verfolgen wird. Über den zweiten Protagonisten erfahren wir nicht viel mehr als dass er große Selbstzweifel bezüglich seines Könnens hegt und sich daher das Leben nehmen will. Ein überschaubares Set an Figuren und Charakterzügen.

Sie machen sich auf zu einer einstmals modernen Siedlung, die Vorbild für die Nachkriegsbauweisen im zerstörten Europa wurde und heute nur noch Verfall ausstrahlt. Auch der sogenannte Wald der Toten, Aokigahara, ist nicht der geeignete Ort, zu viele Leichen liegen dort schon rum als dass man in Ruhe seinen Frieden finden könnte. Der Mihara-Vulkan wäre eine angemessene Lokalität, doch diese liegt nicht auf ihrem Weg. Die Kiefernwälder in der Bucht von Matsushima könnten die Erfüllung bringen und sind ohnehin ein Ziel Gilbert Silvesters.

Es ist nicht nur das ungewöhnliche Motiv, dass die beiden Figuren zusammen und durch den Roman führt, mit dem Marion Poschmann überzeugen kann. Die Erzählung lebt von der sprachlichen Umsetzung, die den feinen Unterschieden zwischen Westen und Osten in jeder Nuance gerecht wird und die scharfsinnigen Beobachtungen der Natur und der Menschen fabelhaft in Worte transformiert. Ihre Beschreibungen der Natur lassen eher an Poesie erinnern als an romanhafte Beschreibungen, hier greift sie vor allem auf fernöstliche Bilder der japanischen Mystik zurück, die dem Wald und den Bäumen übernatürliche Kräfte zuschreiben. Ein starker Kontrast zum eher verkopften und sachlichen Westen. Dort gibt es auch die Schattierungen nicht, die Zwischentöne und Nuancen, die Gilbert Silvester nur in Japan in der freien Natur finden und bewundern kann:

„Die Schau der Naturerscheinungen war weder mit Kunst noch mit Architektur, noch mit Geschichte verbunden, sie war zart und geheimnisvoll, und wenn daraus doch eine Form von Bildung erwuchs, ließ sie sich hinterher weder erklären noch abrufen.“ (Pos. 1657)

Eine Bildungsreise der ganz anderen Art, die erst in die Ferne und doch wieder zurück führt. Nominiert auf der Longlist des Deutschen Buchpreis 2017 und aufgrund der Sprachgewalt für mich ein klarer Favorit.