Alexa Hennig von Lange – Die Weihnachstgeschwister

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Alexa Hennig von Lange – Die Weihnachstgeschwister

Wie jedes Jahr zieht es die drei Schwedthelm-Geschwister zu Weihnachten zu den Eltern nach Hause. Tamara, Elisabeth und Ingmar sind inzwischen erwachsen und haben eigene Familien, die sie mitbringen, um die Feiertage gemeinsam zu verbringen. In den letzten Jahren war jedoch nicht viel mit Besinnlichkeit, zu sehr haben sie sich zerstritten und aneinander herumkritisiert. Auch dieses Jahr steht unter keinem guten Stern und schon beim gemeinsamen Mittagessen am Vortag des Heiligabends sinkt die Stimmung auf den Nullpunkt. Doch dieses Jahr werden sich nicht alle der Feindseligkeiten der Geschwister ergeben.

Alexa Hennig von Lange fängt den für viele Familien kritischen Moment des Jahres auf den Punkt genau ein: die großen Erwartungen, die mit dem Fest verbunden sind, alles soll perfekt sein, endlich mal raus aus dem Alltagshamsterrad und dann passiert genau das, was niemand möchte: es bricht aus allen heraus und die Fassaden bröckeln und hemmungslos stürzen sich alle in den offenen Krieg.

Trotz der Kürze des Romans werden die verschiedenen Charaktere der drei erwachsenen Kinder und ihrer Partner deutlich, vor allem jedoch immer noch die Beziehungsstrukturen, Rivalitäten, die sie auch mit rund 40 Jahren immer noch mit sich herumtragen und von denen sie sich nicht lösen können. Die Konfrontation mit der Familie ist auch eine Konfrontation mit dem eigenen Ich: was hätte werden können, wie das eigene Leben hätte anders, besser verlaufen können, die schonungslose Frage nach dem „was hast du aus dir gemacht?“ im Vergleich zu den anderen. Es braucht nicht viel, um wieder in kindliche Muster zu verfallen und sich zurück in die Kindheit zu katapultieren.

Einziger Abzug gibt es für das Ende, das mir doch etwas zu kitschig war, wenn auch durchaus passend für ein Weihnachtsbuch.

Yasmina Reza – Art

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Yasmina Reza – Art

Serge, Marc und Yvan sind schon lange befreundet und haben so manche schwierige Situation miteinander gemeistert, jetzt allerdings wird die Freundschaft auf eine harte Probe gestellt. Als der Ingenieur Marc den Arzt Serge zu Hause besucht, führt dieser ihm stolz seine neueste Errungenschaft vor: er hat ein Gemälde gekauft, einen echten Antrios! 200 000 Francs hat er dafür ausgegeben, aber sie lohnen sich ohne Frage. Marc teilt diese Einschätzung nicht ganz, denn als er das Bild betrachtet, sieht er nur eins: eine weiße Fläche. Ach, der Ingenieur ist einfach zu rational, um die feinen Linien in weiß zu erkennen. Marc bleibt bei seinem Standpunkt, Serge ist verärgert. Ihr Freund Yvan gerät zwischen die beiden, denn jeder möchte von ihm seine jeweilige Sichtweise bestätigt haben. Doch Yvan hat eigentlich ein ganz anderes Problem: seine Hochzeit steht kurz bevor und die Frauen der beiden Familien sind in Krieg ausgebrochen. Hier ist die Lösung für seine Freunde jedoch einfach: absagen, die Braut ist ohnehin die falsche für ihn.

Yasmina Rezas Theaterstückt „Art“ („Kunst“) ist zwar inzwischen fast 25 Jahre alt, aber noch genauso aktuell wie Mitte der 90er Jahre. Wie häufig bei ihr, ist das Setting nachrangig, eine durchschnittliche Wohnung, irgendwo in Paris, einmal mehr in der finanziell bessergestellten Oberschicht, die eigentlich die Konventionen von Contenance und Konversation beherrscht und sich auch vor Freunden keine Blöße gibt. Doch dies geht – wie so oft bei Reza – gehörig schief.

Im Zentrum steht die Diskussion um die Frage, was „Kunst“ ist und vor allem, was sie wert ist. Der Ingenieur Marc ist fassungslos, als er den Preis hört:

« Tu as acheté cette merde deux cent mille francs ? »

Serge weiß, dass es seinem Freund nicht leicht fällt, sich für Kunst zu interessieren, aber das Wort „Scheiße“ für sein neues Lieblingswerk nimmt er ihm dann doch übel. Yvan kann auch nur begrenzt vermitteln, er selbst ist eher indifferent gegenüber dem Gemälde und zu sehr mit seinen eigenen Sorgen belastet. Trotz der Versuche sich zurückzuhalten und die Sichtweise des anderen zu akzeptieren, eskaliert die Lage unweigerlich. Von dem einen Bild des Anstoßes hin zur Kunst im Allgemeinen wird die Diskussion irgendwann persönlich und damit sehr hässlich. Zuerst berichtet Yvan, dass er mit seinem Psychologen über seine beiden Freunde gesprochen hat, was diese sehr schlecht auffassen, bis sie bei den Partnerinnen landen und zum ersten Mal offen ihre Ablehnung zugeben.

Was höflich und freundlich mit kleinem Scherz beginnt, endet in der offenen Konfrontation, die sogar den Wunsch weckt, den anderen mit einem Faustschlag zum Schweigen zu bringen. Es ist dieser Kontorollverlust und das Hervorbringen der gut versteckten Gefühle und Meinungen, das Reza in ihren Werken immer wieder thematisiert und glaubwürdig umsetzt, etwas im „Gott des Gemetzels“ oder auch in „Babylone„. Man kann sich köstlich amüsieren dabei, wie sich die Figuren zerfleischen, um dann doch innezuhalten und sich selbst zu erkennen. Wie oft hat man doch der Freundschaft und des Anstands wegen seine Meinung nicht geäußert? Gibt es im intellektuellen Bürgertum überhaut echte Freundschaften, bei denen die Menschen ehrlich zu einander sind und sich nicht hinter Konventionen und Lügen verstecken? Ein meisterhaftes Lehrstück nicht nur über Kunst.

Liane Moriarty – Truly Madly Guilty

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Liane Moriarty – Truly Madly Guilty

Schon seit ihrer Kindheit sind Clementine und Erika befreundet. Doch das, was sie Freundschaft nennen, gleicht mehr einer seltsamen Abhängigkeit, die einst von Clementines Mutter auferlegt wurde: da Erika aus einem armen und schwierigen Elternhaus kam, musste Clementine mit ihr befreundet sein. Erika bewunderte sie und ihre Familie, was durchaus schmeichelhaft war. Doch nun wird ihre Freundschaft vor eine schwere Probe gestellt: erst die Bitte, von Erika und ihrem Mann Oliver völlig unvorbereitet geäußert, und dann die Ereignisse am selben Abend, als sie bei Erikas Nachbarn Vid und Tiffany zum Grillen eingeladen waren und ein dramatisches Ereignis die gelöste Stimmung schlagartig durchbrach.

Liane Moriarty konnte mich vor einigen Jahren mit „Little Lies“ unglaublich faszinieren, der zweiten Roman, den ich von ihr gelesen habe – „The Husband’s Secret“ –, konnte schon nicht mehr an das Debut nicht heranreichen und leider hat mich auch „Truly Madly Guilty“ nicht ganz gewinnen können. Womöglich liegt es daran, dass die Autorin sehr auf ein Erzählschema festgelegt ist, das beim dritten Versuch nicht mehr so überzeugen kann wie beim ersten. Auch in diesem Roman gibt es wieder zwei Erzählzeitpunkte, die eine am Tag des dramatischen, alles verändernden Ereignisses, die zweite danach bzw. auch davor in der Erinnerung daran, wie die Dinge waren, bevor es dazu kam. Alles läuft auf den einen Moment in der Handlung hinaus, der sehnsüchtig erwartet wird.

Hier genau lag für mich bei dem Roman eines der Probleme: das Hinauszögern soll die Spannung steigern, funktioniert auch bis zu einem gewissen Maße, ist dies jedoch ausgereizt, wird es nur noch nervig und man wünscht sich sehnsüchtig, endlich die erlösende Stelle zu erreichen. Es war einfach keine Spannung und gebannte Erwartung mehr da, zu sehr ging mir das künstliche immer wieder Verschieben auf die Nerven. Die Idee, kleine Zwischenhöhenpunkte einzuschieben, war durchaus nicht schlecht, aber so entsteht auch der Eindruck, zu viel in einen Roman gelegt zu haben, was am Ende auch als Fazit bleibt. Ein Drama hätte gereicht, das hätte die Handlung auch gestrafft und so die Spannung besser abgestimmt.

Hinzu kamen die Figuren, von denen leider keine als wirklicher Sympathieträger taugt. Man hatte bisweilen den Eindruck, dass die Autorin ihre Figuren hasst, so sehr werden sie alle immer wieder durch ihre Fehler und Unzulänglichkeiten charakterisiert: Oliver und Erika sind kleinkariert, besserwisserisch und extrem angepasst; ihre Nachbarn Vid und Tiffany das extreme Gegenteil, wobei ihr protziger Reichtum und die Vernachlässigung der Tochter auch keine Pluspunkte bringen; Clementine und ihr Ehemann bestechen durch andauernde Gereiztheit und Streitigkeiten, die nur schwer zu ertragen sind.

So wird die durchaus überzeugende Grundidee zu einer Tour de Force, die sich nur sehr langsam dem Ziel entgegenschleppt.