Jan Peter Bremer – Der junge Doktorand

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Jan Peter Bremer – Der junge Doktorand

Zwei lange Jahre schon haben die Greilachs die Ankunft des Doktoranden erwartet und sich ausgemalt, wie sich der Aufenthalt des Bewunderers gestalten könnte. Viel haben sie im Dorf darüber gesprochen, dass das Werk des Malers Günter Greilach nun wissenschaftlich betrachtet und gewürdigt werden soll und Natascha erwartet eine spannende Abwechslung von dem ansonsten etwas eingefahrenen Alltag. Nun ist er da und der erste Eindruck ist eher enttäuschend, aber das kann ja noch werden, man muss dem jungen Mann nur richtig begegnen und ihn auf den richtigen Weg geleiteten. Schnell jedoch zeigt sich, dass der Aufenthalt sich völlig anders gestaltet als von Günter und Natascha ausgemalt und dass vorhandene Gräben plötzlich noch tiefer und unüberwindbar werden.

Jan Peter Bremers kurzer Roman erinnert stark an ein Stück des absurden Theaters, in dem die Protagonisten in ihrer Gedankenwelt gefangen sind und auf den tragischen Höhepunkt hinsteuern, ohne das Unglück kommen zu sehen. In der Tat setzt er den Rahmen sehr eng und hält die dramatischen Einheiten ein, die durch die Präsenz des Doktoranden in der Wohnung der Greilachs örtlich und zeitlich begrenzt werden sich einzig um dessen antizipierten Aufenthalt drehen. Fasziniert bis erschreckt schaut man dem tragikomischen Sinnieren des älteren Ehepaars zu und verfolgt ihre sprachlich ausgereizten Dialoge, die ihre Unfähigkeit zu kommunizieren und die fehlende gedankliche Flexibilität vortrefflich entlarven.

Neun Mal hatte Florian Sommer sein Ankommen angekündigt und kurzfristig wieder abgesagt, sein plötzliches Erscheinen überrumpelt die Greilachs, so dass sie sich erst sortieren müssen, bevor sie sich tatsächlich mit ihm auseinandersetzen können. Natascha, die sich für eine bescheidene, aber großartige Zuhörerin hält, sieht sich in Gedanken wie ein junges Mädchen aufblühen und den Doktoranden mit ihren immer noch vorhandenen Reizen becircen. Günter wiederum will sich auch nicht größer machen als er ist, aber nun ja, er hat einiges erreicht, sogar eine Ausstellung hatte man ihm schon in Aussicht gestellt und gerade seine unprätentiöse Haltung zu seinem Werk und der Kunst im Allgemeinen ist es doch, die faszinieren muss, weshalb er auch großzügig sein Atelier für den Doktoranden öffnen wird. Statt Florian Sommer zu fragen, weshalb er da ist und was er vorhat, projizieren sie nicht nur gedanklich, sondern auch verbal ihre Vorstellungen auf den jungen Mann, der gar keine Chance hat, den andauernden Wortschwall zu unterbrechen.

„Was soll den Florian sonst von uns denken“, fuhr sie fort und deutete mit dem Kopf in seine Richtung. „Gerade du kannst es dir gar nicht leisten, dass er denkt, wir beide wären schon ganz verknöcherte Menschen.“

Diametral steht ihr Verhalten ihrem Agieren entgegen und schafft so einen unterhaltsamen Kontrast dem man amüsiert folgt. Ab einem gewissen Punkt jedoch, wird das mentale Gefängnis, in dem Natascha und Günter unwissentlich festsitzen auch traurig, denn was sich dem Leser und Florian Sommer als fiktivem Zuhörer schnell offenbart, bleibt ihnen verborgen und so dreht sich der Strudel immer schnell und zieht sie hinab ins Verderben und lässt die Situation regelrecht eskalieren.

Auf der persönlichen Ebene wird die Hybris der Figuren aufgedeckt, aber auch der Kunstbetrieb als Ganzes mit seiner Selbstüberschätzung, die durch die kleine abgeschottete Welt, in der sich die Protagonisten nur um sich selbst drehen und sich mit ihresgleichen auseinandersetzen, ohne je den Blick nach außen zu wagen oder dem Außenblick Aufmerksamkeit zu schenken, wird in dem Roman entlarvt. Jan Peter Bremer bringt dies in aller Kürze und Enge sprachlich ausgefeilt auf den Punkt. Ein Roman, der eigentlich auf eine Bühne gehört, denn er braucht kein großes Dekor, sondern spricht für sich selbst. Die Nominierung auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2019 daher völlig zurecht.

Philip Teir – So also endet die Welt

So also endet die Welt von Philip Teir
Philip Teir – So also endet die Welt

Der Sommer steht bevor und nach Jahren soll endlich mal wieder in die Familienhütte, abgeschieden an einem See gehen. Erik will dort den Stress der Arbeit vergessen, vor allem, dass er keine Arbeit mehr hat, was er seiner Frau Julia noch nicht gebeichtet hat. Diese will die Einsamkeit nutzen, um endlich an ihrem zweiten Buch weiterzuarbeiten. Tochter Alice und Sohn Anton sind zwiegespalten, es gäbe attraktivere Ziele, aber die finnische Natur hat ja auch ihre Reize. Alle vier haben große Erwartungen und Pläne für die zwei Monate, doch kaum einer davon lässt sich in die Tat umsetzen, denn vor Ort warten nicht nur alte Bekannte, sondern Probleme, die man gerne verdrängt hätte, lassen sich nicht länger verstecken.

Philip Teir konnte mich bereits mit seinem Debüt Roman „Winterkrieg“ überzeugen, ebenso wie dort fängt er auch in „So also endet die Welt“ die Nuancen der zwischenmenschlichen Beziehungen ein, lässt diese langsam eskalieren, ohne dafür das ganz große unerwartete Ereignis zu benötigen, sondern getreu dem Motto „Steter Tropfen höhlt den Stein“ ist irgendwann das Maß voll.

In seinen Figuren spiegelt er eine beachtenswert große Bandbreite der typischen Empfindsamkeiten wider. Erik, der Ernährer der Familie, muss erkennen, dass er beruflich gescheitert ist. Als Student noch enthusiastisch und wagemutig, hat er seine eigene Firma schon früh gegen eine Festanstellung und einen eher langweiligen Job eingetauscht. Die gewonnene Sicherheit bedeutet aber auch, sich heute mit seinem ehemaligen Partner zu messen, der ein Vermögen mit der Firma gemacht hat. Nicht nur das: die direkt vor Urlaubsantritt ausgesprochene Kündigung bringt ihn an den absoluten Tiefpunkt, dem er nur durch Unmengen Alkohol zu begegnen weiß.

Julia ist zwar mit ihrem ersten Roman recht erfolgreich gewesen, trotzdem scheitert sie selbst ebenfalls im Vergleich. Bei ihr ist es die Kindheitsfreundin Marika, die sich mit ihrer Familie zufällig nebenan aufhält. Die entspannte und vor allem unkonventionelle Lebensweise beeindruckt Julia, die genau das geworden zu sein scheint, was sie nie sein wollte: die konventionelle, biedere Mutter, die nahezu hysterisch ihre Kinder begluckt. Diese wiederum erleben neue Seiten an sich selbst, Alice die erste Liebe und einen aufrechten Austausch über Eltern mit Marikas Sohn, der sich gerade die geordnete Welt von Alice‘ Familie wünscht und diese sofort gegen die Aussteigerphantasien seiner Eltern eintauschen würde.

Auf engstem Raum eskaliert Teir die Situation. Ein Entweichen gibt es quasi nicht, die Figuren müssen sich stellen – vor allem sich selbst stellen, denn die Erwartungen der anderen sind weitaus weniger drängend als die Erkenntnis, sich selbst enttäuscht zu haben. Was nun der beste Lebensentwurf ist, darauf gibt Teir keine Antwort. Aber dass man durchaus vor mir Familie und Mitmenschen weglaufen kann, jedoch nie vor sich selbst, das ist offenkundig. Und früher oder später müssen wir uns alle mit uns selbst auseinandersetzen.

Der Roman lebt nicht von der großen Spannung oder der actionreichen Handlung, es sind die Figuren, die kaum durchschnittlicher sein könnten, die ihn tragen und beweisen, dass der Autor ein Händchen dafür hat, das Besondere und Bemerkenswerte im Alltäglichen zu finden.