Jørn Lier Horst – Wisting und der Tag der Vermissten

jorn-lier-horst-wisting-und-der-tag-der-vermissten
Jørn Lier Horst – Wisting und der Tag der Vermissten

Kurz vor dem 10. Oktober, wie in jedem Jahr seit 24 Jahren, holt William Wisting die Unterlagen zu dem ungelösten Fall von Katharina Haugen hervor und studiert die Ermittlungsergebnisse, immer in der Hoffnung, doch noch etwas Neues zu entdecken, das den Fall lösen könnte. Er wird wieder zu Martin Haugen, dem Ehemann, fahren, mit dem ihn inzwischen fast so etwas wie eine Freundschaft verbindet. Doch dieses Mal entsprechen gleich zwei Dinge nicht den üblichen Routinen: Martin Haugen ist nicht zu Hause als Wisting ihn aufsucht, stattdessen sieht der Kommissar, dass überall Überwachungskameras angebracht wurden. Und Adrian Stiller interessiert sich plötzlich für den Mann. Der Sonderermittler einer neuen Einheit, die Cold Cases neu aufrollt, untersucht eigentlich den Vermisstenfall Nadia Krogh, in dessen Zusammenhang nun Spuren zu Martin Haugen führen. Beide Fälle liegen mehr als zwei Jahrzehnte zurück, da ist die Chance gering, sie noch zu lösen, aber manchmal benötigen Menschen einfach Zeit, bis sie sich offenbaren.

Jørn Lier Horst hat mit der Reihe um alte Fälle für seine Serie um den norwegischen Kommissar William Wisting quasi einen eigenen Ableger geschaffen. Der Fall um den mysteriösen Code, den die verschwundene Katharina hinterlassen hat, ist im Original der zwölfte der inzwischen vierzehnbändigen Reihe, die deutsche Zählung beginnt mit diesem eine neue, führt aber vor allem das Privatleben Wistings und seiner Tochter Line fort. Nichtsdestotrotz lässt sich der Krimi auch problemlos als Einstieg in die Serie, unabhängig von den Vorgängern, lesen.

Zunächst scheint die Suche nach Katharina in eine Sackgasse zu führen, alle Spuren sind ausgewertet und bei genauer Betrachtung ihrer Lebensgeschichte, liegt es auch nahe, dass die Frau einfach untergetaucht ist und sich an einem anderen Ort ein neues Leben aufgebaut hat. Auch der zweite Fall um die Industriellentochter, deren Verschwinden schnell zu einem Entführungsfall wird, klingt zunächst nicht besonders vielversprechend, was eine Lösung nach so langer Zeit angeht. Doch unerwartet wird mit viel psychologischem Geschick wird der Täter in die Enge getrieben, ein riskantes Manöver, das jedoch von den Ermittlern geschickt eingefädelt wird und letztlich die losen Enden miteinander verknüpft.

Wisting bleibt sich auch in diesem Fall treu. Unprätentiös und lebensnah ist er nicht der Superheld, sondern arbeitet mit seinen Kollegen im Team und offenbart bei der Beaufsichtigung seiner Enkelin auch dramatische Schwächen. Das Menschliche, das sich bei ihm zeigt, ist es auch, dass ihn antreibt, er will Gerechtigkeit für die Hinterbliebenen und verstehen, was einen Mörder so weit treibt, einem anderen das Leben zu nehmen. Gerade auch sein Privatleben, das wieder einmal unmittelbar mit seinem Beruf verbunden wird, lässt ihn authentisch und erfrischend normal wirken. In dieser Hinsicht ist ein typischer Nordic noir Krimi, ihm fehlen jedoch die düsteren, geradezu depressiven Aspekte, die sich auf den moralischen und gesellschaftlichen Verfall beziehen, womit sich Jørn Lier Horst deutlich von anderen skandinavischen Spannungsromanen abhebt.

Jørn Lier Horst – Wisting und der fensterlose Raum

jorn-lier-horst-wisting-und-der-fensterlose-raum
Jørn Lier Horst – Wisting und der fensterlose Raum

Kommissar William Wisting wird vom Generalstaatsanwalt zu einem vertraulichen Gespräch gebeten. In der Sommerhütte des kürzlich verstorbenen ehemaligen Außenministers Bernhard Clausen wurden Umzugskisten mit mehreren Millionen Kronen in Fremdwährung gefunden. Der Ermittler soll herausfinden, was es damit auf sich hat, bevor die Öffentlichkeit etwas davon erfährt. Gemeinsam mit seinem Kollegen Mortensen und seiner Tochter Lina beginnt er die geheimen Ermittlungen. Schnell können sie Verbindungen herstellen zu einem Überfall auf einen Geldtransport, offenbar steht auch ein alter Vermisstenfall in Zusammenhang mit dem ehemaligen Minister, der nicht nur allseits beliebt, sondern auch völlig unbescholten war. Als die Hütte in Flammen aufgeht, kurz nachdem Wisting und sein Team alle wichtigen Dokumente herausgeholt haben, wird ihnen klar, dass es hier um eine deutlich größere Sache geht als zunächst vermutet.

Der zweite Fall der Cold Case Reihe für den norwegischen Ermittler führt ihn ebenso in die heiklen Kreise der Politik wie auch ins brutale Osloer Milieu, wo ein Menschenleben nicht viel zählt. Jørn Lier Horst bietet dabei wieder einmal einen ausgesprochen komplexen Fall mit mehreren Unterfällen, die langsam miteinander verwoben werden. Wie auch schon in anderen Fällen kombiniert er dabei geschickt klassische Polizeiarbeit mit der investigativen Arbeit der Journalistin Lina, was schön die Parallelen, aber auch Unterschiede aufzeigt.

Kommissar Wistings aktueller Fall hat mich restlos überzeugen können. Die Arbeit der Ermittler geht strategisch und logisch voran, sie sind nicht auf Kommissar Zufall angewiesen, sondern werten vorhandene Informationen systematisch aus und nähern sich so der Auflösung. Die Figuren erscheinen erfreulich authentisch, Jørn Lier Horst verzichtet auf die typischen Klischees bei deinem Team und dank Enkeltochter Amalie stören auch immer wieder ganz banale Alltagsprobleme wie gesicherte Kinderbetreuung oder Quengelei die Arbeit, was der Handlung seinen sympathisch normalen Touch verleiht.

Der Fall ist spannend angelegt und startet zunächst mit vielen vermeintlichen Sackgassen, was die Ermittler schon fast verzweifeln lässt. Doch dann – um Wistings Metapher zu verwenden – finden sich langsam die Schlüssel und Schlösser und Türen beginnen sich zu öffnen. Das Tempo steigert sich gegen Ende und aus dem sehr klassischen Cold Case wird ein unter hohem Zeitdruck geführter akuter Fall mit realer Bedrohung.

Für mich stimmt bei der Serie einfach alles, daher ganz eindeutig eine Leseempfehlung.

Lotta Elstad – Mittwoch also

lotta-elstadt-mittwoch-also
Lotta Elstad – Mittwoch also

Er ist sie ihren Freelancer-Job bei einer Zeitung los, dann trennt sich auch noch ihr Freund von ihr. Kurzerhand bucht Hedda einen Billigflug nach Athen, um dem tristen Osloer Alltag zu entkommen, auch wenn das ihre finanzielle Misere noch verschlimmert. In Griechenland kommt jedoch nur ihr Koffer an, sie selbst muss nach einem Notfallzwischenstopp in Sarajewo den Flieger verlassen und reist spontan per Bus nach Berlin. Dort hat sie mit Milo einen One-Night-Stand, der nicht mehr als eine Tinder-Bekanntschaft sein sollte. Doch wieder zu Hause muss sie feststellen, dass sie schwanger ist und dass das norwegische Gesundheitssystem inzwischen ordentlich Bedenkzeit vor eine mögliche Abtreibung stellt.

Der Roman beginnt in locker ironischem Ton, der Heddas unerwartet aufgeschobene Abtreibung schildert. An dieser Stelle kann man noch schmunzeln, auch wenn einem das Gefühl beschleicht, dass dies nicht ihr erster Arztbesuch mit diesem Anliegen ist.

„Oslo 2016: Alles, was ich früher gern gemacht habe, ist heute entweder unmöglich, moralisch verwerflich oder gesetzeswidrig. Inzwischen erntet man vorwurfsvolle Blicke. Inzwischen habe ich sogar schon mit dem Rauchen aufgehört – eine Investition in meinen Körper, wie es die Leute vom Gesundheitswesen im Wirtschaftsslang ausdrücken würden, und im Auftrag meines Körpers (denn den will ich auch zurückhaben) setze ich mich also ins Sprechzimmer des Arztes.“

Bald schon weicht die Sympathie, die man noch für die Frau hegt, die „kurzen Prozess“ mit ihrer Situation machen möchte, einer Irritation bis man sie irgendwann vollends mit Kopfschütteln betrachtet. Der Rückblick auf die Ereignisse, die sie letztlich in das Arztzimmer geführt haben, werden durchaus mit Humor und Selbstironie geschildert, bei dem Wissen jedoch, dass man es nicht mit einem unbedachten agierenden Teenager zu tun hat, sondern mit einer Akademikerin jenseits der 30 mit eigentlich verantwortungsvollem Job, lässt doch große Zweifel an ihrem Verstand aufkommen.

So wie Hedda sich kurzen Prozess mit dem ungewollten Kind wünscht – der letztlich dank Aloe Vera Saft erfolgreich in Gang gesetzt wird – muss man auch mit der Protagonistin abrechnen: verantwortungslos, dumm, naiv, unreif – es gibt gar nicht genug passende Adjektive, die die Bandbreite ihrer verstörenden Persönlichkeit beschreiben können.

Der Verlag bewirbt den Roman mit einem unaufgeregten Blick auf „weibliche Selbstbestimmung“ – die setzt aber auch die Übernahme von Verantwortung voraus und ist kein Freibrief für hirnloses Verhalten. Auch ist Hedda nicht „tough“ und „unabhängig“, sondern lebt gerade dankt ihrer geringen Voraussicht extrem prekär in jeder Hinsicht. Und Sympathien kann sie von mir sicher keine erwarten. Einzig der Erzählton der Autorin und die Neugier, welches Ende das Drama letztlich nimmt, haben mich davon abgehalten den Roman in die Ecke zu pfeffern – wo er ohne Frage hingehört.

Linn Ullmann – Die Unruhigen

Die Unruhigen von Linn Ullmann
Linn Ullmann – Die Unruhigen

Kann man Gefühle, Empfindungen und Erinnerungen in Worte fassen? Worte finden, die getreu das wiedergeben, was in einem drin ist? Die Erzählerin schreibt von ihrer Familie, episodenhaft, bruchstückhafte Erinnerungen versammelt sie in diesem Band. Erinnerungen an ihren Vater, mit dem sie kurz vor seinem Tod noch auf Band festhalten wollte, was ihnen wichtig war, doch das Projekt konnte nicht mehr vollendet werden. Es bleibt fragmentarisch, wie alle anderen Erinnerungen. Auch jene an die Mutter, als sie noch ein Kind war und mit ihr nach Amerika zog, von Kindermädchen betreut wurde und die große Einsamkeit aushalten musste. Als Kind von Künstlern, Lebemenschen, Freiheitsliebenden, fehlte ihr bisweilen Struktur und Verlässlichkeit, doch war da immer eine Liebe.

Linn Ullmanns fiktive Erzählung über eine Familie wurde in Norwegen und dem Rest Skandinaviens mit großer Begeisterung aufgenommen und erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Nominierungen für angesehene Preise. Der Roman ist gewagt, folgt er doch keinem bekannten Schema, sondern löst sich ganz im Sinne der Figuren von starren Vorgaben und festgefahrenen Konventionen. Weder bleibt er innerhalb fester Genregrenzen noch gibt es eine chronologisch erkennbare Struktur. So wie auch Gedanken hin- und herspringen, wird auch die Geschichte dieser Familie erzählt, die aus kleinen und großen Mosaiksteinen zusammengesetzt werden muss.

Ohne Frage kann Linn Ullmann erzählen und Figuren vor dem inneren Auge auferstehen und geradezu real werden lassen. Ihre Dialoge wirken authentisch, die Figurenzeichnung ebenso, man fragt sich sogar bisweilen, ob es sich hier wirklich um Fiktion handelt oder ob nicht doch eine reale Geschichte niedergeschrieben wurde, so überzeugend wird die Interaktion von Kind und Eltern dargeboten.

Allerdings konnte mich der Roman nicht wirklich packen. Die innovative Struktur war es vermutlich, die genau das vermissen ließ, was ich an Romanen schätze: die inhärente Logik und das Gerüst, das die Handlung einrahmt und leitet. Mir blieb vieles zu fragmentarisch, zu wenig konnte ich die Entwicklung des Mädchens hin zur Frau nachvollziehen, zu groß die zeitlichen Lücken in der Erzählung, um durchdacht und nachvollziehbar zu wirken. Dies lässt mich etwas unbefriedigt zurück. Der Stream of Consciousness, dem sich die Erzählung über weite Teile hingibt, ist keine Erzählform, der ich leicht folgen kann, zwar wirkt vieles hierdurch lebendiger und authentischer, aber es führt auch zu Abschweifungen, Längen, Nebensächlichkeiten, die mir zu viel Geradlinigkeit in der Handlungsführung vermissen lassen.

Bernhard Stäber – Vaters unbekanntes Land

bernhard-stäber-vaters-unbekanntes-land
Bernhard Stäber – Vaters unbekanntes Land

Nach einem schrecklichen Vorfall verlässt der Psychologe Arne Eriksen Berlin, um in der norwegischen Heimat seines Vater Entspannung und Abstand zu finden. Doch kaum ist er angekommen, wird er um Mithilfe in einem Mordfall gebeten: der Sohn des wichtigsten Zeitungsverlegers wurde ermordet aufgefunden. Die Polizei ermittelt mit Hochdruck, kann jedoch keine nennenswerten Spuren finden. Arne soll sie mit einem Täterprofil unterstützen, doch der Psychologe wird immer wieder durch seine Panikattacken gelähmt. Er muss erst diese überwinden, um wieder klar sehen und die Lösung für den Fall erkennen zu können.

Nachdem ich vor einigen Monaten bereits den dritten Band der Reihe um Arne Eriksen gelesen hatte, der mich mit interessanten Charakteren und spannenden Handlung überzeugen konnte, habe ich mir nun den Auftakt der Serie gegönnt. Leider ist dieser etwas holpriger als Band drei geraten.

Der Kriminalfall, zu dem der Protagonist etwas überraschend kommt, ist vom Ende her gesehen, überzeugend konstruiert, glaubwürdig motiviert und wird sauber gelöst ohne irgendwelche Fragen offen zu lassen. Dass neben der Suche nach einem Mörder hier auch übersinnliche bzw. paranormale Phänomene einen Platz finden, hebt die Reihe ein wenig aus der Masse skandinavischer Krimis ab und ist für mich nachvollziehbar mit der besonderen Umwelt Nordnorwegens durchaus gut vereinbar.

Ärgerlich fand ich jedoch zahlreiche Unstimmigkeiten im Roman. Mal stammt Arnes Vater aus Oslo, dann wiederum aus Bergen. Zu Beginn betont Arne immer wieder, dass er zwar ganz gut Norwegisch verstehen, es aber kaum sprechen kann. Dies hält aber weder ihn noch die Polizei davon ab, ihn an komplexen Ermittlungen, die eine hohe sprachliche Kompetenz gerade von einem Psychologen erfordern, zu beteiligen. Allerdings treten die mangelnden Sprachkenntnisse nach den ersten Seiten nie mehr zu Tage und er kommuniziert reibungslos und ausgesprochen differenziert mit allen Beteiligten. Der Protagonist erscheint als geschätzter Psychologe, verhält sich aber diametral zur guten Praxis seines Berufsstandes – auch ohne ein traumatisierendes Erlebnis wäre Supervision bei seinem Job zwingend erforderlich und würde auch von jedem halbwegs professionellen Psychologen selbstverständlich angenommen. Daneben unsinnige Wortschöpfungen wie „Mitkommilitone“, die einem beim Lesen stolpern lassen. Zwar kann die Handlung überzeugen, diese Nachlässigkeiten sind jedoch schon ein Ärgernis.

Jo Nesbø – The Snowman

jo-nesbo-the-snowman
Jo Nesbø – The Snowman

Es ist relativ ruhig in Oslo als zwei vermisste Frauen die Aufmerksamkeit von Harry Hole wecken. Ein anonymer Brief, den er wenige Wochen zuvor erhalten hat, ließ ihn damals noch etwas ratlos zurück, doch jetzt fürchtet er, dass ein Serienkiller am Werk sein könnte. Außer seinem Team ist niemand so recht von der Idee überzeugt, aber vor allem Katrine Bratt, die Neue, findet schnell weitere Hinweise, die diese These stützen. Gemeinsam haben die ungeklärten Fälle immer eine Sache: am Tag des ersten Schneefalls wird eine Frau Opfer und immer findet sich in der Nähe des Tatorts ein Schneemann. Die fieberhafte Suche nach dem Täter beginnt, doch das Team ahnt nicht, in welche Richtung die Ermittlungen führen werden.

Band 7 der Reihe um den norwegischen Kriminalkommissar Harry Hole erfüllt einmal mehr alle Erwartungen: ein komplexer Fall, ein interessanter Protagonist, eine gelungene Mischung von Kriminalfall und persönlichem Schicksal. Hole ist gerade trocken und dabei sein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen, als er mit diesem Fall konfrontiert wird, aber die Geister der Vergangenheit lauern an jeder Ecke, was ihn zugleich beruflich wie privat an seine Grenzen bringt.

Was mich einmal mehr bei Jo Nesbø überzeugen kann, ist die Atmosphäre, in der er seinen Roman ansiedelt. Der norwegische Winter spielt im „Snowman“ eine entscheidende Rolle und dringt auch zum Leser durch. Die Kälte, die man zu dieser Jahreszeit vermutet wird gepaart mit jener, die durch den Grusel vor den Taten entsteht. Dazu ist der Autor ein Meister im Spuren legen und lesen, so manches, was man nebenbei überlesen könnte, stellt sich hinterher als wesentliches Element heraus, man ist gefordert als Leser und wird dafür bestens unterhalten.

 

Øistein Borge – Kreuzschnitt

oistein-borge-kreuzschnitt
Øistein Borge – Kreuzschnitt

Der Mord an einem schwerreichen norwegischen Unternehmer bringt den Osloer Kommissar Bogart Bull an die Côte d’Azur. Der alte Axel Krogh wurde jedoch nicht nur einfach ermordet, sondern seine Leiche auch noch mit einem Kreuz geschändet. Ein einfacher Raubüberfall war es offenkundig nicht, denn aus der Villa wurde nur ein kleines, scheinbar unbedeutendes Gemälde gestohlen. Bull und sein französischer Kollege Moulin tappen im Dunkeln, spätestens als wenige Tage später die Tochter des Millionärs ebenfalls ermordet wird, steigt der Druck auf die beiden Ermittler durch die Behörden und die Öffentlichkeit ins Unermessliche. Es gibt keine Spuren, aber die Kreuze auf den Rücken der Toten lassen Bull ahnen, dass mehr als Geldgier hinter den Morden steckt.

Øistein Borge ist die neue Entdeckung am skandinavischen Krimiautorenhimmel. Sein Debüt, das bereits im vergangenen Jahr in Norwegen begeistert aufgenommen wurde, lässt noch einiges von dem Regisseur und Texter erwarten. Er kann hier mit einer cleveren Geschichte, die viele unerwartete Wendungen nimmt und am Ende sauber gelöst wird, überzeugen. Auch sein Protagonist Bogart Bull hat einiges an Potenzial für noch folgende Romane.

Was dem Roman gänzlich fehlt, ist das nordische Flair, was aber im Wesentlichen durch den Handlungsort in Südfrankreich bedingt ist. Erfreulicherweise werden wir nicht mit ausgiebigen Diners gelangweilt und die Landschaftsbeschreibungen sind ebenfalls kein seitenfüllendes Accessoire der Handlung. Hier schon einmal ein großer Pluspunkt gegenüber der überbordenden Masse an Frankreich-Krimis der letzten Jahre. Kommissar Zufall hat nur eine winzige Rolle bei der Lösung des Falls, wenn leider auch entscheidend für die Aufklärung, aber irgendwoher müssen die Impulse ja kommen und es hat hier zumindest die Glaubwürdigkeit des Plots nicht nachhaltig geschädigt. Einziger Makel waren für mich die langen Erzählungen in der Kriegszeit. Zwar waren sie für die Motivation des Mörders essentiell, aber leider für meinen Geschmack etwas zu ausführlich und nur begrenzt spannend und interessant.

Alles in allem jedoch ein überzeugender Krimi, den man in einem Zug durchliest und der die Erwartungen weitgehend erfüllen kann.

Jakob Nolte – Schreckliche Gewalten

jakob-nolte-scheckliche-gewalten
Jakob Nolte – Schreckliche Gewalten

Eine Frau wird zum Werwolf, zerreißt ihren Mann und hinterlässt die beiden Zwilligskinder sich selbst. Iselin bleibt in Norwegen, versucht das, was ihre Eltern ihr mitgegeben haben, zu vergessen und wird Mitglied einer lokalen Terrorzelle, die jedoch lange Zeit wenig erfolgreich ist. Erst als Moira zu ihr stößt, wird es gefährlich. Die beiden Frauen treffen sich nicht zufällig, Moira hat dies geplant, denn sie kennt Iselins Familiengeschichte und fühlt eine Seelenverwandtschaft. Der Bruder Edvard hingegen verschwindet in den Schutz der sozialistischen Sowjetunion, wo er sich mit seinem Freund und Geliebten auf die Reise ins entfernte Afghanistan begeben will. Dazwischen liegen unzählige Ereignisse und Daten und Fakten, die einem den Kopf über diese abstruse Geschichte verlieren lassen.

Jakob Noltes Roman hat mein Interesse durch die Nominierung auf der Longlist des Deutschen Buchpreis 2017 geweckt. Schon die Kurzbeschreibung hatte mich eher abgeschreckt, das Cover machte mich ratlos. Aber nun gut, man soll ja seine Vorurteile nicht pflegen, sondern hinterfragen und so habe ich das Buch dennoch aufgeschlagen.

Diesen Roman zu fassen, ist nicht einfach. Wir haben die Geschichte – oder eher Geschichten – der beiden Geschwister. Sowie ein paar Vorinformationen der Eltern, die ganz und gar nicht irrelevant sind, aber eher Randnotizen bleiben. Dann wird Moiras Geschichte eingeschoben, die nicht minder interessant, nein eigentlich sogar wie ich finde, die spannendere Geschichte ist. Dazwischen verliert sich der Autor völlig in seinem Roman. Einzelne Begriffe scheinen ihn abzulenken und reißen einem aus der Handlung raus, um pseudowissenschaftliche Fakten zu referieren. Die wechselt sich mit den historischen Realitäten der Gewaltvollen 70er Jahre ab.

Es ist vor allem die Darstellung von Gewalt, die so nebenbei geschieht und doch brutal deutlich präsentiert wird, die einem verstört:

[als] „später als Licht den Mond erreichte, und dieser Mond, der nicht wirklich ein Planet ist und nicht wirklich ein Stern, sondern ein Mond, voll erleuchtet am Himmel stand, erblickte ihn die Mutter von Iselin und Edvard Honik, war erfasst von seiner Sanftmut, verwandelte sich in ein wölfisches Wesen, biss ihrem Gatten den Nacken durch, zerfleischte Teile seines Oberkörpers und schlief wieder ein.“

Auch Moira alias Sofia wird gewalttätig, aber sie ist nicht vor sich selbst erschrocken, sondern fasziniert von den Auswüchsen der menschlichen Seele. Sie fühlt sich bewohnt von einem Tier, das sie leitet und ihr Befehle erteilt. Diese Aufspaltung ermöglicht ihren blitzgescheiten Verstand, sich von ihrer dunklen Seite zu trennen und auch keine Schuld zu empfinden.

Die Kinder hingegen haben Angst, dem selben Schicksal wie die Eltern zu erliegen und flüchten sich daher in ihre eigenen Welten, die sie sich schaffen:

„Um sich nicht eines Nachts in ein Unheil und Schrecken verbreitendes Ungetüm zu verwandeln, versuchte er, so wenig wie möglich zu empfinden. Er dachte, dass das Eindämmen seiner Gefühle ein Überborden derselben praktisch unmöglich machen würde. Denn das, glaubte er, war die Tierwerdung seiner Mutter — ein bis in die Absurdität oder Absolutheit des Extremen übertriebenes Überborden von Gefühlen.“

Viele Formulierungen sind pointiert, exakt treffen sie in Schwarze und lassen einem erstaunen ob der Sprachgewalt des Autors. Auch die Konstruktion, ausgesprochen eigenwillig und daher eher gewöhnungsbedürftig, schließt sich am Ende und ist durchaus gelungen. Ein Roman wie eine Collage, vieles kennt man aus anderen Zusammenhängen, es wird von Nolte neu arrangiert. Fast surreal treffen die Versatzstücke aufeinander und ergeben so etwas Neues, das für sich steht und vom Leser über die Bausteine entschlüsselt werden muss.

Bernhard Stäber – Kein guter Ort

bernhard-stäber-kein-guter-ort.png
Bernhard Stäber – Kein guter Ort

Eine gelungene Festnahme eines gesuchten Verbrechers bringt Kari Bergland auch mit Janne, der Tochter ihres Vorgesetzten in Verbindung. Diese ist offenkundig schwer drogenabhängig und therapiebedürftig. In Bergen wird das nur schwer zu realisieren sein, daher schlägt Kari vor, Janne zum Psychologen Arne Eriksen zu bringen, der der Polizei in der Vergangenheit bereits wiederholt geholfen hat und nun in Südnorwegen praktiziert. In der Nähe seiner neuen Heimat befindet sich auch die sogenannte Rabenschlucht, ein unheimlicher Ort, der heute nur noch ein verlassenes Hotel beherbergt, in dem zehn Jahre zuvor ein junges Mädchen und ihr Vater unter mysteriösen Umständen ums Leben kamen. Janne ist ebenfalls sofort fasziniert von diesem verwunschenen Ort und begibt sich in größte Gefahr. Offenbar haben sie schlafende Geister geweckt, die noch nicht mit der Vergangenheit abgeschlossen haben.

„Kein guter Ort“ ist bereits der dritte band in der Reihe um den deutsch-norwegischen Psychologen Arne Eriksen. Der Quereinstieg in die Reihe ist unproblematisch möglich, dass Arne und Kari vorher bereits in Kontakt standen, wird kurz umrissen, Details sind aber für das Verständnis der Figuren und der Handlung nicht weiter erforderlich.

Der Roman holt erst sehr weit aus, bevor der tatsächliche Fall überhaupt in den Fokus kommt. Dies fand ich verwunderlich und auch nur teilweise gelungen, da man sich schon fragt, weshalb so ausführlich auf einen anderen Fall eingegangen wird, der dann gänzlich in Vergessenheit gerät. Nur um Janne ins Spiel zu bringen – das hätte vielleicht auch stringenter und schneller geschehen können. Hat man aber endlich den Hauptschauplatz erreicht, besticht der Krimi vor allem durch die Atmosphäre. Bernhard Stäber gelingt es überzeugend, das verfallende Hotel und die Schlucht als geradezu mystisch Ort darzustellen, der von übersinnlichen Mächten regiert wird und für die Menschen große Gefahren in sich birgt. Immer wieder wird im Roman Bezug genommen auf nordischen Sagen und den alten Glauben an die Kraft bestimmter Orte. Dies trifft nicht nur die Menschen, sondern auch die Tiere haben scheinbar ein Empfinden für diese nicht greif- und verstehbaren Naturgewalten.

Die Figuren agieren glaubwürdig und nachvollziehbar, vor allem die Protagonistin Janne kann hier mit einer überzeugenden Charakterzeichnung punkten. Der Fall ist nicht übertrieben komplex und wird entsprechend zielgerichtet und plausibel gelöst. Auch wenn die Handlung speziell gegen Ende deutlich an Fahrt gewinnt, ist es jedoch kein Krimi, der sich durch permanente Hochspannung auszeichnet. Er kann mehr durch das Setting punkten, das sehr gelungen dargestellt und in die Handlung eingebaut wird.

Jo Nesbo – Der Sohn

OD_9783550080449_nesbo-der_sohn_SU_A01.indd
Jo Nesbo – Der Sohn

Seit 12 Jahren sitzt er im Gefängnis. Seine Drogen bekommt er, weil er Morde auf sich nimmt, die er nicht begangen hat. Es ist ihm egal, denn das Leben hat ihn bitter enttäuscht, sein Vater hat ihn bitter enttäuscht. Doch dann erfährt er, dass alles gar nicht so war und beschließt seinen Vater zu rächen. Er nimmt einsam den Kampf mit der Osloer Unterwelt auf. Sonny Lofthus will die Wahrheit über seinen Vater erfahren. Simon Kefas, Polizist und ehemals bester Freund des Vaters, kommt ihm schnell auf die Spuren – aber wird er ihn aufhalten oder in seinem Kampf unterstützen?

Jo Nesbo hat einen Krimi über einen einsamen jungen Mann geschrieben, der schon mit dem leben abgeschlossen hatte. Der Protagonist ist unheimlich stark in seinem Handeln, nicht blind vor Wut, bedacht, er sucht nach Gerechtigkeit. In jeder Phase hat man eigentlich den Eindruck, dass dieser unheimliche Killer, der Gute ist, derjenige, der zu Recht Rache nimmt und man hofft, dass er seine Mission erfüllen kann. Die Grenzen von Gut und Böse verschwimmen hier und der Autor bringt den Leser in die missliche Lage, Mitleid mit einem Vielfachmörder zu empfinden und dessen Weg gutzuheißen.

Erzählerisch wie immer glaubwürdig, in sich logisch und absolut überzeugend.