Marie Aubert – Grown Ups

Marie Aubert – Grown Ups

Sisters Ida and Marthe have planned to spend some days together at their cabin close to the sea where they will be joined by their mother and her partner. Ida is reluctant to go there, with her 40th birthday only a couple of weeks ago and still no father for prospective children in view, she knows that her window of becoming a mother is getting closer and closer. This is why she decided to freeze some of her eggs. Yet, it does not hinder her from negative feelings towards Marthe who, now pregnant and stepmother of beautiful 6-year-old Olea, seems – as always – to get everything she wants. Hard feelings accompany Ida and slowly turn their holiday together into a catastrophe.

I totally enjoyed Marie Aubert’s novel as I could easily sympathise with her narrator and protagonist. Additionally, there is some fine irony and humour in the text which make it a great read. The relationship between sisters quite often is all but easy and even as grown-ups, hard feelings and emotional injuries from the childhood can sit deep and hinder them from ever having a healthy bond.

Ida obviously is envious, her sister not only has a living husband but also a lovely stepdaughter and she’s pregnant. Even though Ida is a successful architect, she has never managed to establish a functioning relationship with a partner and feels lonely and somehow failed in life. Always being second, this is how she has grown up, no matter which achievements she reached, there was always Marthe who was ill and thus spoilt those rare moments of joy for Ida. Their mother does not seem to be aware of the difference she makes between the girls – yet, one has also to take into account that we only get Ida’s point of view which quite naturally is not only limited but highly biased.

“It’s not right That it should be so easy for others and so hard for me, I don’t get it, if there’s some sort of formula, a code that others know about, one they’ve known since they were young but which I’ve never quite grasped.”

Ida gets worked up about her sister and is willing to destroy her sister’s life when she is drunk one evening. This is rather tragic to observe and Ida turns into a pitiable character who does not realise that she will be even lonelier if she loses these last persons around her. She is aware of this but cannot act differently.

Marie Aubert’s debut is elegantly narrated, yet, the story leaves you with mixed feelings. It is joyful at times but the dysfunctional family is also an emotional challenge.

Jørn Lier Horst – Wisting und der See des Vergessens


Jørn Lier Horst – Wisting und der See des Vergessens

William Wisting ist im Urlaub als er einen anonymen Brief mit einer Fallnummer erhält. Der Mord an einer jungen Frau aus dem Jahr 1999, der aufgeklärt und der Mörder verurteilt werden konnte. Dieser hat inzwischen seine mehrjährige Strafe abgesessen und ist wieder ein freier Mann. Auf einen zweiten Fall aus dem Jahr 2001, an dem Wisting selbst arbeitete, wird er ebenfalls anonym aufmerksam gemacht. Beide Fälle weisen frappierende Parallelen auch. Auch in diesem Fall gab es eine Verurteilung, der Täter ist zwischenzeitlich jedoch bereits verstorben. Was will man Wisting mitteilen? Und vor allem: wer? Während der Kommissar seinen Urlaub also mit privaten Nachforschungen verbringt, sind seine Kollegen an einem aktuellen Fall, bei dem ebenfalls eine junge Frau zu Tode kam, diesen kann Wisting jedoch nur aus der Ferne begleiten – bis sich die Fälle beginnen zu kreuzen.

„Wisting und der See des Vergessens“, Jørn Lier Horsts vierter Roman der Cold Case Reihe fügt sich nahtlos in die Serie der Altfälle ein, die den norwegischen Ermittler beschäftigen. Im Gegensatz zu den vorherigen jedoch, sind die aktuellen Fälle geklärt, was ein gänzlich anderer Ansatz ist. Diese dennoch erneut aufzurollen und nochmals zu betrachten, hat einen ganz eigenen Reiz, insbesondere, da sich die Kriminaltechnik im Laufe der Jahre enorm entwickelt hat und auch, weil hier die Polizeiarbeit durchaus kritisch hinterfragt wird.

Die Geschichte beginnt nicht mit einem aufsehenerregenden Fall oder einem dramatischen, noch immer ungeklärten Verbrechen. In entspanntem Erzählton darf der anonyme Briefeschreiber den Stein ins Rollen bringen, der sofort Wistings Neugier weckt. Weder Urlaub noch Krankheit können ihn vom Ermitteln abhalten. Es ist kein Rennen gegen die Zeit, eher eine akribische, solide Revision der alten Ermittlungen, die den Krimi prägt, der daher viel weniger durch Spannung als durch interessante Einblicke in die Polizeiarbeit überzeugen kann. Immer wieder neue Spuren tauchen unerwartet auf und lenken Wisting mal in diese, mal in jene Richtung. Über allem schwebt jedoch immer das große Fragezeichen nach dem heimlichen Strippenzieher, der den Kommissar wie eine Marionette zu lenken scheint.

Ein grundsolider Krimi, der detailreich die Ermittlungen aufschlüsselt ohne dabei jedoch langatmig zu werden oder sich in ebendiesen zu verlieren. Ganz im Gegenteil, an zahlreichen Stellen hat sich mir die Frage gestellt, ob die rechtlich in Deutschland ähnlich wäre, wie etwa die Auswertungen von Dashcams, der unmittelbare Zugriff auf Daten von Mautstationen und Stromanbietern oder das Auslesen von Gesundheitsapps. Umgekehrt verblüfft, welche Schlüsse aus diesen neuen Daten gezogen werden können und verdeutlicht, wie gläsern wir als Bürger geworden sind. Fingerabdrücke zu verwischen reicht schon lange nicht mehr aus, um nicht entdeckt zu werden.

Gewohnt gute Unterhaltung, der Autor setzt die Reihe mit einem ganz anderen Ermittlungsszenario fort und kann erwartungsgemäß bestens unterhalten.

Linn Strømsborg – Nie, nie, nie


Linn Strømsborg – Nie, nie, nie

Schon seit acht Jahren ist sie mit Philip in einer glücklichen Beziehung, kein Wunder, dass ihre Familien und Freunde die unausweichliche Frage nach Hochzeit und Kindern Mantra artig wiederholen. Doch sie will keine Kinder, sie ist glücklich mit ihrem Leben und ihrer Beziehung, es fehlt nichts. Der Freundeskreis wird mit Anfang 30 langsam kleiner, immer mehr beginnen ein Nest zu bauen, draußen, auf dem Land und in den Vorstädten, um dem Lärm der Großstadt zu entfliehen, um es sich mit der Kleinfamilie im neuen Kokon einzurichten. Da geht man abends nicht mehr spontan weg, alles muss nun gut geplant sein. Als ihre beste Freundin Anneken und deren Mann Alex dann plötzlich auch die Schwangerschaft verkünden, ist auch die letzte Verbündete schwach geworden. Sie wollten doch zusammen alt werden, ohne Kinder.

Linn Strømsborgs Erzählerin erzählt genau jene Geschichte, die ziemlich allen Frauen ab Mitte/Ende 20 bekannt vorkommen dürfte. Sobald sich eine feste Partnerschaft abzeichnet, wartet das Umfeld nur noch darauf, endlich die Ankunft eines neuen Erdenbürgers feiern zu dürfen. Als gäbe es kein anderes Konzept, keinen gegensätzlichen Lebensentwurf, wird bei aller Modernität und erreichten Bildungsabschlüssen von Frauen immer noch erwartet, dass sie irgendwann zurückkehren zu Kind und Küche. „Nie, nie, nie“ wollte die Erzählerin genau das und sieht sich mit einer Welt konfrontiert, in der ihre Vorstellung scheinbar keinen Platz hat.

Sie mag Kinder, beschäftigt sich auch mit ihnen, trägt und beruhigt sie – aber deshalb will sie noch lange keine eigenen haben. Auch ihre Partnerschaft ist ihr genug, sie ist glücklich mit Philip und kann ihr Leben nach ihren Wünschen und Vorstellungen gestalten. Ihr ist völlig bewusst, dass dies eine hedonistische Sichtweise ist – aber im Ernst: welche Frau bekommt Kinder für die Rentenkasse? Sie kann sich dem Thema nicht entziehen: in der Familie, am Arbeitsplatz, mit Freunden, immer wieder kommt es auf und seit Jahren schon hat sie ausweichende Sätze parat, um das Gespräch rasch auf etwas anderes zu lenken. Von Beginn ihrer Beziehung an hat sie keinen Hehl daraus gemacht, dass sie ihre Meinung nicht ändern wird, doch bei Philip ändert sich die Lage und so wird auch das gemeinsame Fundament brüchig, auf dem sie stehen.

Soll man sich dem Druck irgendwann einfach beugen? Nur damit es aufhört? Auch das zieht sie in Betracht, als sie jedoch auch sieht, was die Elternschaft mit ihren besten Freunden macht, ist diese Option schnell wieder vom Tisch. Ein Baby zu haben ist nicht immer eitel Sonnenschein, es strengt an, zermürbt, raubt die letzten Kräfte und Anneken erkennt sich selbst bald nicht mehr wieder – und doch ist ihre Tochter für sie das Beste, was in ihrem Leben jemals geschehen ist.

„Kannst du glücklich sein, wenn dich alle für unglücklich halten? Wenn ich mich gegen Kinder entscheide, wird man mir dann immer mit Mitleid und Bedauern begegnen, von der Häme und den Egoismus-Vorwürfen mal ganz abgesehen?“

Linn Strømsborg beschönigt weder die eine noch die andere Sicht, sondern lässt authentisch miterleben, wie sich Freundschaften, Beziehungen und auch das eigene Leben im Laufe der Zeit verändert. Es ist weder ein feministisches Manifest der selbstbestimmten Frau, noch ein Urteil über den einen oder den anderen Weg. Im Gegenteil, an den Frauenfiguren werden ganz unterschiedliche Haltungen zum Thema Mutterschaft deutlich und auch was dies mit jenen Frauen tut, die sich dem gesellschaftlichen Diktat beugen und nicht ihrem Bauchgefühl folgen. Wunderbar unaufgeregt erzählt, ein heikles Thema mal nicht vom Extrem her betrachtet, sondern mit all seinen Facetten und widersprüchlichen Emotionen mitten aus dem Leben heraus.

Jørn Lier Horst – Wisting und der Atem der Angst

Jørn Lier Horst – Wisting und der Atem der Angst

Wird er sie endlich zur Leiche der vermissten Taran Norum führen? Der Serienmörder Tom Kerr ist bereit zu kooperieren und die Polizei an den Tatort zu führen. Doch er nutzt die Chance, die er eigentlich nicht hat, zur Flucht. Es muss einen Helfer geben, der die Granate platzierte und ihm eine Waffe bereitlegte. Kommissar Wisting kann nur zusehen, wie seine Leute verletzt werden, darunter auch seine Tochter, die für die Polizei den Vorgang mit einer Kamera begleiten sollte. Ein heimlich angebrachter Sender erlaubt die Verfolgung Kerrs, so hofft Adrian Stiller, der die Wiederaufnahme alter Fälle leitet, auch an jenen Helfer zu gelangen, der seit Jahren unbehelligt in Freiheit lebt. Doch die Ermittler haben sich verkalkuliert, denn sie ahnen nicht, dass sie es mit einem weitaus clevereren Gegner zu tun haben als sie denken.

„Wisting und der Atem der Angst“ ist im Norwegischen der bereits 15. Band um den Ermittler aus Larvik. In Deutschland wird der Krimi als dritter der Cold Case Reihe geführt. Dass der Autor bestens mit den polizeilichen Procedere vertraut ist, wird auch in dieser Geschichte deutlich, Jørn Lier Horst arbeitete selbst als Kriminalhauptkommissar bevor er sich ganz dem Schreiben widmete, wofür er inzwischen nicht nur mit zahlreichen Preisen geehrt wurde, Teile der Wisting Reihe sind zwischenzeitlich auch erfolgreich verfilmt worden.

Wie schon in den anderen beiden Fällen arbeiten Wisting und seine Tochter Line gemeinsam von verschiedenen Seiten an dem Fall. Die ehemalige Journalistin ist inzwischen freiberuflich tätig, übernimmt jedoch hin und wieder Aufträge der Polizei, weshalb sie auch bei der Ortsbegehung anwesend ist und alle Vorgänge festhält. Die Flucht wirft schnell Fragen auf und es dauert nicht lange, bis der Verdacht im Raum steht, dass der Helfer aus den Reihen der Polizei kommen könnte. Alle Spuren verlaufen zunächst im Sande, es gab zwar Unterstützer, doch diese waren offenkundig Strohmänner, um die Ermittler zu narren. Der Fall ist komplex und dann taucht wieder einmal der interne Ermittler auf, der es vor Jahren schon einmal auf Wisting abgesehen hatte – als hätte der Kommissar nicht schon genug zu tun, muss er sich auch noch mit Machtspielen abgeben.

Jørn Lier Horst gelingt einmal mehr eine spannende Geschichte, die einem von der ersten Zeile an packt und nicht mehr loslässt. Der erfahrene Ermittler einerseits und seine bisweilen etwas leichtsinnige Tochter, die jedoch mit ebenso scharfem Verstand arbeitet, sind zwar kein eingespieltes, aber ein überzeugendes Team. Auch Adrian Stiller gewinnt zunehmend an Profil, wenn bei ihm auch immer noch ein gewisser Zweifel mitschwingt. Der Nachfolger ist bereits für April 2021 angekündigt und jetzt schon vorgemerkt.

Julia Fellinger – Ein Jahr in Norwegen

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Julia Fellinger – Ein Jahr in Norwegen

Nachdem der geplante Sommerurlaub 2020 in Norwegen nun definitiv ausfallen muss, da die Einreise nicht möglich ist – frühestens Ende Juli kommt eine neue Entscheidung bezüglich deutscher Touristen – bleibt nicht viel Anderes als sich literarisch in das Land zu begeben. Seit Jahren ist dafür die Reihe „Ein Jahr in …“ aus dem Herder-Verlag mein Favorit. Nachdem ich mir so schon Kopenhagen, Paris, Tel Aviv und die Provence angeschaut habe, nun also Norwegen. Es ist kein Reiseführer im klassischen Sinn, sondern ein Bericht über die ersten zwölf Monate im neuen Land, das vorher Sehnsuchtsort war und dann doch so seine Tücken aufweist. Dadurch, dass nicht die touristischen Ziele im Vordergrund stehen, sondern der neue Alltag und Begegnungen mit Bewohnern des Landes, erhält man einen gänzlich anderen Blick auf das Land, als mit den Hochglanzbildern und kurzen kulturgeschichtlichen Abrissen, die man sonst so nachlesen kann.

Julia Fellinger begleitet ihren Partner nach Høyanger, einer kleinen Gemeinde am Sognefjord, dem längste und tiefsten Fjord Europas und Unesco-Welterbe. Während Hermann dort als Landarzt tätig ist, muss die Journalistin sich beruflich neuorientieren. Die erste harte Erkenntnis besteht darin, dass es zwei Standardvarietäten des Norwegischen gibt, Bokmål und Nynorsk. Ersteres hat sie in ihrem Kurs in Deutschland gelernt, letzteres wird in ihrer neuen Heimat gesprochen und unterscheidet sich doch deutlich, was die Kontaktaufnahme zusätzlich erschwert und berufliche Optionen zunächst völlig schwinden lässt.

Das seit Jahren auch in Deutschland bekannte dänische Konzept von Hygge findet im norwegischen koselig sein Pendant. Die langen, dunklen Winter erfordern aber auch, dass man es sich zu Hause gemütlich macht, denn nicht selten ist man von der Außenwelt abgeschlossen. Die Tatsache, dass sie nicht mehr in der Stadt, sondern auf dem Land lebt, macht schon den größten Unterschied aus, denn auch in Norwegen sind Oslo oder Bergen nicht mit den kleinen Kommunen vergleichbar und es herrscht wie vielerorts eine gewisse Hass-Liebe zwischen den Bewohnern. Anders als in Deutschland zeigen alle Norweger jedoch scheinbar gerne und stolz ihre Nationalflagge, die die gerade mal 100 Jahre andauernde Unabhängigkeit symbolisiert. Ebenfalls ungewohnt für deutsche Einwanderer sind der streng limitierte Umgang mit Alkohol und die horrenden Gebühren für zu schnelles Fahren. Bei ihren neuen Nachbarn stößt sie jedoch auf breite Zustimmung zu beidem. Sehr sympathisch auch die Tatsache, dass 93% der Norweger mindestens ein Buch pro Jahr lesen und damit international Spitzenreiter sind.

Eine Erfahrung, die viele Auswanderer teilen, egal in welches Land es sie verschlägt, ist die Schwierigkeit Anschluss an die lokale Bevölkerung zu finden. Der Autorin geht es auch nicht anders. Wird sie freundlich empfangen und sofort bei allen Angelegenheiten unterstützt, bleibt doch immer eine Distanz und nur mit anderen Einwanderern entwickeln sich wirklich neue Freundschaften. Die gewaltige und beeindruckende Natur und der entschleunigte Lebensstil können jedoch letztlich nicht über die Hürden hinwegtäuschen, die sich in der neuen Heimat stellen. So viel man glaubt über das Land zu wissen und so ähnlich die Skandinavier uns zu sein scheinen, liegt der Haken dann doch im Detail und im Alltag tut sich so manche unerwartete Klippe und Verwunderung auf.

Viel erfährt man über Land und Leute, natürlich aus einem subjektiven Blick, aber dafür aus erster Hand und ungeschönt. Für mich interessant und erhellend zu lesen – z.B. kleine Details wie die Tatsache, dass Bergen mit 360 Regentagen/Jahr die regenreichste Stadt Europas ist, was sie für Urlaub schlagartig mit großem Fragezeichen versehen hat – und damit zwar kein wirklicher Ersatz für Urlaub, aber doch ein wenig gedankliches Reisen.

Jørn Lier Horst – Wisting und der Tag der Vermissten

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Jørn Lier Horst – Wisting und der Tag der Vermissten

Kurz vor dem 10. Oktober, wie in jedem Jahr seit 24 Jahren, holt William Wisting die Unterlagen zu dem ungelösten Fall von Katharina Haugen hervor und studiert die Ermittlungsergebnisse, immer in der Hoffnung, doch noch etwas Neues zu entdecken, das den Fall lösen könnte. Er wird wieder zu Martin Haugen, dem Ehemann, fahren, mit dem ihn inzwischen fast so etwas wie eine Freundschaft verbindet. Doch dieses Mal entsprechen gleich zwei Dinge nicht den üblichen Routinen: Martin Haugen ist nicht zu Hause als Wisting ihn aufsucht, stattdessen sieht der Kommissar, dass überall Überwachungskameras angebracht wurden. Und Adrian Stiller interessiert sich plötzlich für den Mann. Der Sonderermittler einer neuen Einheit, die Cold Cases neu aufrollt, untersucht eigentlich den Vermisstenfall Nadia Krogh, in dessen Zusammenhang nun Spuren zu Martin Haugen führen. Beide Fälle liegen mehr als zwei Jahrzehnte zurück, da ist die Chance gering, sie noch zu lösen, aber manchmal benötigen Menschen einfach Zeit, bis sie sich offenbaren.

Jørn Lier Horst hat mit der Reihe um alte Fälle für seine Serie um den norwegischen Kommissar William Wisting quasi einen eigenen Ableger geschaffen. Der Fall um den mysteriösen Code, den die verschwundene Katharina hinterlassen hat, ist im Original der zwölfte der inzwischen vierzehnbändigen Reihe, die deutsche Zählung beginnt mit diesem eine neue, führt aber vor allem das Privatleben Wistings und seiner Tochter Line fort. Nichtsdestotrotz lässt sich der Krimi auch problemlos als Einstieg in die Serie, unabhängig von den Vorgängern, lesen.

Zunächst scheint die Suche nach Katharina in eine Sackgasse zu führen, alle Spuren sind ausgewertet und bei genauer Betrachtung ihrer Lebensgeschichte, liegt es auch nahe, dass die Frau einfach untergetaucht ist und sich an einem anderen Ort ein neues Leben aufgebaut hat. Auch der zweite Fall um die Industriellentochter, deren Verschwinden schnell zu einem Entführungsfall wird, klingt zunächst nicht besonders vielversprechend, was eine Lösung nach so langer Zeit angeht. Doch unerwartet wird mit viel psychologischem Geschick wird der Täter in die Enge getrieben, ein riskantes Manöver, das jedoch von den Ermittlern geschickt eingefädelt wird und letztlich die losen Enden miteinander verknüpft.

Wisting bleibt sich auch in diesem Fall treu. Unprätentiös und lebensnah ist er nicht der Superheld, sondern arbeitet mit seinen Kollegen im Team und offenbart bei der Beaufsichtigung seiner Enkelin auch dramatische Schwächen. Das Menschliche, das sich bei ihm zeigt, ist es auch, dass ihn antreibt, er will Gerechtigkeit für die Hinterbliebenen und verstehen, was einen Mörder so weit treibt, einem anderen das Leben zu nehmen. Gerade auch sein Privatleben, das wieder einmal unmittelbar mit seinem Beruf verbunden wird, lässt ihn authentisch und erfrischend normal wirken. In dieser Hinsicht ist ein typischer Nordic noir Krimi, ihm fehlen jedoch die düsteren, geradezu depressiven Aspekte, die sich auf den moralischen und gesellschaftlichen Verfall beziehen, womit sich Jørn Lier Horst deutlich von anderen skandinavischen Spannungsromanen abhebt.

Jørn Lier Horst – Wisting und der fensterlose Raum

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Jørn Lier Horst – Wisting und der fensterlose Raum

Kommissar William Wisting wird vom Generalstaatsanwalt zu einem vertraulichen Gespräch gebeten. In der Sommerhütte des kürzlich verstorbenen ehemaligen Außenministers Bernhard Clausen wurden Umzugskisten mit mehreren Millionen Kronen in Fremdwährung gefunden. Der Ermittler soll herausfinden, was es damit auf sich hat, bevor die Öffentlichkeit etwas davon erfährt. Gemeinsam mit seinem Kollegen Mortensen und seiner Tochter Lina beginnt er die geheimen Ermittlungen. Schnell können sie Verbindungen herstellen zu einem Überfall auf einen Geldtransport, offenbar steht auch ein alter Vermisstenfall in Zusammenhang mit dem ehemaligen Minister, der nicht nur allseits beliebt, sondern auch völlig unbescholten war. Als die Hütte in Flammen aufgeht, kurz nachdem Wisting und sein Team alle wichtigen Dokumente herausgeholt haben, wird ihnen klar, dass es hier um eine deutlich größere Sache geht als zunächst vermutet.

Der zweite Fall der Cold Case Reihe für den norwegischen Ermittler führt ihn ebenso in die heiklen Kreise der Politik wie auch ins brutale Osloer Milieu, wo ein Menschenleben nicht viel zählt. Jørn Lier Horst bietet dabei wieder einmal einen ausgesprochen komplexen Fall mit mehreren Unterfällen, die langsam miteinander verwoben werden. Wie auch schon in anderen Fällen kombiniert er dabei geschickt klassische Polizeiarbeit mit der investigativen Arbeit der Journalistin Lina, was schön die Parallelen, aber auch Unterschiede aufzeigt.

Kommissar Wistings aktueller Fall hat mich restlos überzeugen können. Die Arbeit der Ermittler geht strategisch und logisch voran, sie sind nicht auf Kommissar Zufall angewiesen, sondern werten vorhandene Informationen systematisch aus und nähern sich so der Auflösung. Die Figuren erscheinen erfreulich authentisch, Jørn Lier Horst verzichtet auf die typischen Klischees bei deinem Team und dank Enkeltochter Amalie stören auch immer wieder ganz banale Alltagsprobleme wie gesicherte Kinderbetreuung oder Quengelei die Arbeit, was der Handlung seinen sympathisch normalen Touch verleiht.

Der Fall ist spannend angelegt und startet zunächst mit vielen vermeintlichen Sackgassen, was die Ermittler schon fast verzweifeln lässt. Doch dann – um Wistings Metapher zu verwenden – finden sich langsam die Schlüssel und Schlösser und Türen beginnen sich zu öffnen. Das Tempo steigert sich gegen Ende und aus dem sehr klassischen Cold Case wird ein unter hohem Zeitdruck geführter akuter Fall mit realer Bedrohung.

Für mich stimmt bei der Serie einfach alles, daher ganz eindeutig eine Leseempfehlung.

Lotta Elstad – Mittwoch also

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Lotta Elstad – Mittwoch also

Er ist sie ihren Freelancer-Job bei einer Zeitung los, dann trennt sich auch noch ihr Freund von ihr. Kurzerhand bucht Hedda einen Billigflug nach Athen, um dem tristen Osloer Alltag zu entkommen, auch wenn das ihre finanzielle Misere noch verschlimmert. In Griechenland kommt jedoch nur ihr Koffer an, sie selbst muss nach einem Notfallzwischenstopp in Sarajewo den Flieger verlassen und reist spontan per Bus nach Berlin. Dort hat sie mit Milo einen One-Night-Stand, der nicht mehr als eine Tinder-Bekanntschaft sein sollte. Doch wieder zu Hause muss sie feststellen, dass sie schwanger ist und dass das norwegische Gesundheitssystem inzwischen ordentlich Bedenkzeit vor eine mögliche Abtreibung stellt.

Der Roman beginnt in locker ironischem Ton, der Heddas unerwartet aufgeschobene Abtreibung schildert. An dieser Stelle kann man noch schmunzeln, auch wenn einem das Gefühl beschleicht, dass dies nicht ihr erster Arztbesuch mit diesem Anliegen ist.

„Oslo 2016: Alles, was ich früher gern gemacht habe, ist heute entweder unmöglich, moralisch verwerflich oder gesetzeswidrig. Inzwischen erntet man vorwurfsvolle Blicke. Inzwischen habe ich sogar schon mit dem Rauchen aufgehört – eine Investition in meinen Körper, wie es die Leute vom Gesundheitswesen im Wirtschaftsslang ausdrücken würden, und im Auftrag meines Körpers (denn den will ich auch zurückhaben) setze ich mich also ins Sprechzimmer des Arztes.“

Bald schon weicht die Sympathie, die man noch für die Frau hegt, die „kurzen Prozess“ mit ihrer Situation machen möchte, einer Irritation bis man sie irgendwann vollends mit Kopfschütteln betrachtet. Der Rückblick auf die Ereignisse, die sie letztlich in das Arztzimmer geführt haben, werden durchaus mit Humor und Selbstironie geschildert, bei dem Wissen jedoch, dass man es nicht mit einem unbedachten agierenden Teenager zu tun hat, sondern mit einer Akademikerin jenseits der 30 mit eigentlich verantwortungsvollem Job, lässt doch große Zweifel an ihrem Verstand aufkommen.

So wie Hedda sich kurzen Prozess mit dem ungewollten Kind wünscht – der letztlich dank Aloe Vera Saft erfolgreich in Gang gesetzt wird – muss man auch mit der Protagonistin abrechnen: verantwortungslos, dumm, naiv, unreif – es gibt gar nicht genug passende Adjektive, die die Bandbreite ihrer verstörenden Persönlichkeit beschreiben können.

Der Verlag bewirbt den Roman mit einem unaufgeregten Blick auf „weibliche Selbstbestimmung“ – die setzt aber auch die Übernahme von Verantwortung voraus und ist kein Freibrief für hirnloses Verhalten. Auch ist Hedda nicht „tough“ und „unabhängig“, sondern lebt gerade dankt ihrer geringen Voraussicht extrem prekär in jeder Hinsicht. Und Sympathien kann sie von mir sicher keine erwarten. Einzig der Erzählton der Autorin und die Neugier, welches Ende das Drama letztlich nimmt, haben mich davon abgehalten den Roman in die Ecke zu pfeffern – wo er ohne Frage hingehört.

Linn Ullmann – Die Unruhigen

Die Unruhigen von Linn Ullmann
Linn Ullmann – Die Unruhigen

Kann man Gefühle, Empfindungen und Erinnerungen in Worte fassen? Worte finden, die getreu das wiedergeben, was in einem drin ist? Die Erzählerin schreibt von ihrer Familie, episodenhaft, bruchstückhafte Erinnerungen versammelt sie in diesem Band. Erinnerungen an ihren Vater, mit dem sie kurz vor seinem Tod noch auf Band festhalten wollte, was ihnen wichtig war, doch das Projekt konnte nicht mehr vollendet werden. Es bleibt fragmentarisch, wie alle anderen Erinnerungen. Auch jene an die Mutter, als sie noch ein Kind war und mit ihr nach Amerika zog, von Kindermädchen betreut wurde und die große Einsamkeit aushalten musste. Als Kind von Künstlern, Lebemenschen, Freiheitsliebenden, fehlte ihr bisweilen Struktur und Verlässlichkeit, doch war da immer eine Liebe.

Linn Ullmanns fiktive Erzählung über eine Familie wurde in Norwegen und dem Rest Skandinaviens mit großer Begeisterung aufgenommen und erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Nominierungen für angesehene Preise. Der Roman ist gewagt, folgt er doch keinem bekannten Schema, sondern löst sich ganz im Sinne der Figuren von starren Vorgaben und festgefahrenen Konventionen. Weder bleibt er innerhalb fester Genregrenzen noch gibt es eine chronologisch erkennbare Struktur. So wie auch Gedanken hin- und herspringen, wird auch die Geschichte dieser Familie erzählt, die aus kleinen und großen Mosaiksteinen zusammengesetzt werden muss.

Ohne Frage kann Linn Ullmann erzählen und Figuren vor dem inneren Auge auferstehen und geradezu real werden lassen. Ihre Dialoge wirken authentisch, die Figurenzeichnung ebenso, man fragt sich sogar bisweilen, ob es sich hier wirklich um Fiktion handelt oder ob nicht doch eine reale Geschichte niedergeschrieben wurde, so überzeugend wird die Interaktion von Kind und Eltern dargeboten.

Allerdings konnte mich der Roman nicht wirklich packen. Die innovative Struktur war es vermutlich, die genau das vermissen ließ, was ich an Romanen schätze: die inhärente Logik und das Gerüst, das die Handlung einrahmt und leitet. Mir blieb vieles zu fragmentarisch, zu wenig konnte ich die Entwicklung des Mädchens hin zur Frau nachvollziehen, zu groß die zeitlichen Lücken in der Erzählung, um durchdacht und nachvollziehbar zu wirken. Dies lässt mich etwas unbefriedigt zurück. Der Stream of Consciousness, dem sich die Erzählung über weite Teile hingibt, ist keine Erzählform, der ich leicht folgen kann, zwar wirkt vieles hierdurch lebendiger und authentischer, aber es führt auch zu Abschweifungen, Längen, Nebensächlichkeiten, die mir zu viel Geradlinigkeit in der Handlungsführung vermissen lassen.

Bernhard Stäber – Vaters unbekanntes Land

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Bernhard Stäber – Vaters unbekanntes Land

Nach einem schrecklichen Vorfall verlässt der Psychologe Arne Eriksen Berlin, um in der norwegischen Heimat seines Vater Entspannung und Abstand zu finden. Doch kaum ist er angekommen, wird er um Mithilfe in einem Mordfall gebeten: der Sohn des wichtigsten Zeitungsverlegers wurde ermordet aufgefunden. Die Polizei ermittelt mit Hochdruck, kann jedoch keine nennenswerten Spuren finden. Arne soll sie mit einem Täterprofil unterstützen, doch der Psychologe wird immer wieder durch seine Panikattacken gelähmt. Er muss erst diese überwinden, um wieder klar sehen und die Lösung für den Fall erkennen zu können.

Nachdem ich vor einigen Monaten bereits den dritten Band der Reihe um Arne Eriksen gelesen hatte, der mich mit interessanten Charakteren und spannenden Handlung überzeugen konnte, habe ich mir nun den Auftakt der Serie gegönnt. Leider ist dieser etwas holpriger als Band drei geraten.

Der Kriminalfall, zu dem der Protagonist etwas überraschend kommt, ist vom Ende her gesehen, überzeugend konstruiert, glaubwürdig motiviert und wird sauber gelöst ohne irgendwelche Fragen offen zu lassen. Dass neben der Suche nach einem Mörder hier auch übersinnliche bzw. paranormale Phänomene einen Platz finden, hebt die Reihe ein wenig aus der Masse skandinavischer Krimis ab und ist für mich nachvollziehbar mit der besonderen Umwelt Nordnorwegens durchaus gut vereinbar.

Ärgerlich fand ich jedoch zahlreiche Unstimmigkeiten im Roman. Mal stammt Arnes Vater aus Oslo, dann wiederum aus Bergen. Zu Beginn betont Arne immer wieder, dass er zwar ganz gut Norwegisch verstehen, es aber kaum sprechen kann. Dies hält aber weder ihn noch die Polizei davon ab, ihn an komplexen Ermittlungen, die eine hohe sprachliche Kompetenz gerade von einem Psychologen erfordern, zu beteiligen. Allerdings treten die mangelnden Sprachkenntnisse nach den ersten Seiten nie mehr zu Tage und er kommuniziert reibungslos und ausgesprochen differenziert mit allen Beteiligten. Der Protagonist erscheint als geschätzter Psychologe, verhält sich aber diametral zur guten Praxis seines Berufsstandes – auch ohne ein traumatisierendes Erlebnis wäre Supervision bei seinem Job zwingend erforderlich und würde auch von jedem halbwegs professionellen Psychologen selbstverständlich angenommen. Daneben unsinnige Wortschöpfungen wie „Mitkommilitone“, die einem beim Lesen stolpern lassen. Zwar kann die Handlung überzeugen, diese Nachlässigkeiten sind jedoch schon ein Ärgernis.