Négar Djavadi – Desorientale

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Négar Djavadi – Desorientale

Kimiâ Sadr sitzt im Warteraum ihrer Ärztin. Heute ist der Tag, an dem sie endlich die Insemination vornehmen soll, sie wird Mutter werden, so wie es ihr vor langer Zeit in einem anderen Leben prophezeit wurde. Dieses Leben hat nichts mehr mit ihrem Hier und Jetzt zu tun und dennoch bestimmt es, wer sie ist und wie sie in diese Klinik gekommen ist. Also holt sie aus und berichtet ihren Zuhörern von ihrer Kindheit im Iran, ihren politisch engagierten Eltern und der Zeit der Revolution, wie sie mit der Absetzung des Schahs das Leben veränderte, härter und bedrohlicher wurde. Gewalt und Verfolgung, schließlich die Flucht in ein fremdes Land. Die Schwierigkeit in ihrer Familie über das zu reden, was passiert war, den Neuanfang zu wagen und die Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Entgegen meiner Erwartung ist das Buch weniger ein Bericht über die Schwierigkeit, in Frankreich anzukommen und Fuß zu fassen, sondern viel mehr erlaubt es einen Blick in den Iran der 70er Jahre. Der Schwerpunkt der Geschichte liegt in der Zeit vor der Flucht und den Entwicklungen im Mittleren Osten. Die Autorin erklärt ihren autobiographischen Roman auch rasch zu Beginn:

«Die Rolltreppe, die gehört denen.» Das war ein Stück weit der Grund, warum ich diese Geschichte begonnen habe, ohne recht zu wissen, wo ich anfangen soll. Ich weiß nur, dass das hier keine lineare Erzählung wird. Um die Gegenwart schildern zu können, muss ich weit in die Vergangenheit zurückgehen, muss Grenzen überqueren.

Und Ihr noch junges Leben ist bereits sehr bewegt:

Ich habe das Land gewechselt und die Sprache, mir wiederholt eine andere Vergangenheit ausgedacht, eine andere Identität. Ich habe gekämpft, jawohl, gekämpft habe ich gegen den heftigen Wind, der sich vor sehr langer Zeit erhoben hat, in einer abgelegenen persischen Provinz namens Mazandaran, mit vielen Todesfällen und vielen Geburten, rezessiven und dominanten Genen, Staatsstreichen und Revolutionen.

So entsteht in der Tat eine Erzählung, die zwischen Frankreich und dem Iran springt, die auf die Generation ihrer Eltern und deren politisches Engagement, das sie in Lebensgefahr bringt, zurückblickt. Vor allem ist es immer wieder die Mutter der drei Mädchen, Sara Sadr, die im Zentrum steht. Keine Frau, die sich mit häuslichen Pflichten zufrieden gibt, sondern die das Leben anpackt und für eine bessere Zukunft kämpft und stets ihrem Mann an der Seite steht. Simone Veil ist ihr bewundertes Vorbild, doch das, was im Frankreich der 70er Jahre möglich ist, ist im Iran noch in weiter Ferne. Durch die Frauen werden die vorherrschenden Rollenbilder und vor allem der Umgang mit Sexualität thematisiert. Bezogen auf ein unfruchtbares Paar aus ihrer Nachbarschaft stellt die Mutter fest:

«Natürlich ist er unfruchtbar. Wenn sie die Schuldige wäre, hätte er sich schon lange von ihr scheiden lassen!» Damit hätten wir die Stellung der iranischen Frau mit zwei Sätzen zusammengefasst.

Ähnlich verhält es sich als die junge Kimiâ den Familienstammbaum entdeckt:

Eines Tages fragte ich Bibi: «Warum haben sie die Mädchen nicht in den Baum eingezeichnet. Wir existieren doch auch, oder nicht?»

«Du glaubst, dass du existierst, aber du existierst nicht …»

«Und ob ich existiere!»

«(Fatalistische Grimasse von Bibi) Warte, bis du so alt bist wie ich, dann wirst du es verstehen …»

Mit der Flucht lassen sie alles hinter sich. Keine Fotos, keine Erinnerungsstücke, nichts können sie mit in das neue Leben retten. Das Schweigen in der Familie über das, was passierte, macht es für die Mädchen nicht einfach. Sie werden Jahre brauchen, ihre eigene Geschichte zu rekonstruieren. Erschwerend kommt hinzu, dass man in Frankreich keine Vorstellung von ihrer Heimat hat und es nicht gelingt, ihr Bild des Iran zu vermitteln. Es interessiert auch nicht, sie sollen sich integrieren und dazu gehört zu vergessen, zu verdrängen, die iranische Identität abzulegen.

Nachdem ich Négar Djavadi auf der Buchmesse erlebt hatte, war mein Interesse an ihrer Geschichte geweckt. Wir haben viele Vorstellungen über Einwanderer und deren Heimat, aber oftmals werden diese durch die westliche Schablone verzerrt, umso wichtiger sind diese Erzählungen, die uns einen direkten Einblick erlauben und vieles wieder zurechtrücken können. Ein sehr bewegender Roman, der bislang in Deutschland noch viel zu wenig beachtet wurde.

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François-Henri Désérable – Un certain M. Piekielny

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F.-H- Désérable – Un certain M. Piekielny

François-Henri Désérable begibt sich auf Spurensuche. Anlass ist ein gewisser Herr Piekelny, der in Hausnummer 16, der Grande-Pohulanka in Vilnius gelebt haben soll als dort auch ein gewisser Roman Kacew, später Romain Gary, wohnte. In seinen Bemühungen etwas über diesen Mann herauszufinden wälzt er unzählige Archive und durchforstet auch das Werk Garys, fährt wiederholt nach Vilnius und an die anderen Lebensorte Garys. Doch irgendwie scheint der Mann ein Phantom zu sein oder er ist schlichtweg einer der unzähligen Juden, die im Ghetto während des Zweiten Weltkrieges den Tod gefunden haben. Womöglich hat er aber auch nie existiert, sondern bleibt eine Erfindung von Romain Gary alias Roman Kacew alias Émile Ajar alias Fosco Sinibaldi etc. etc. etc.

„Un certain M. Piekielny“, der dritte Roman von François-Henri Désérable ist literarisch schwer zu fassen. In einer Weise ist es eine Art Biographie Romain Garys, und auch jede des ominösen Herr Piekielny. Zugleich ist es die Lebensgeschichte des Autors selbst, der eigentlich eine Karriere als Eishockeyspieler geplant hatte und darin auch recht erfolgreich war. Und es ist die Geschichte der litauischen Juden, des Landes zwischen Nazireich und Sowjetunion. Nicht zuletzt auch die große Frage, was ist Realität, was ist Literatur und inwieweit erfinden wir unsere Realität. Es verwundert nicht, dass der Roman daher den sogenannten „Grand Chelem“ 2017 macht, d.h. er ist für alle sechs großen französischen Literaturpreise nominiert: Prix Renaudot, Prix Goncourt, Prix Médicis, Prix Femina, Prix Interallié und Grand Prix du roman de l’Académie Française.

Der Roman entbehrt nicht einer gewissen Situationskomik, die Désérable in wahrlich unterhaltsamer Weise umzusetzen vermag. Sein erster Aufenthalt in Vilnius, bei dem eine Katastrophe die nächste jagt, ist voller Selbstironie und trockener Schicksalsergebenheit ob der chaotischen Umstände. Das allein lässt den Roman schon all die Beachtung verdienen, die man ihm im Literaturbetrieb schenkt. Viel interessanter wird das Buch jedoch bei den Überlegungen dazu, wie das Leben Piekielnys und auch Garys hätte sein können, was sie womöglich zugetragen hat. Désérable legt ihnen Wörter in den Mund, die vermutlich nie so gesprochen wurden – aber sie hätten so gesagt werden können. Die Vermischung von Wahrheit und Fiktion gelingt ihm auf ganz selbstverständliche Weise als wäre dies das Normalste überhaupt. Genau so war auch Gary der Schöpfer von Figuren und von Menschen – unvergessen das Drama um den doppelt erhalten Prix Goncourt – laut Statuten unmöglich. Es bleibt am Ende zu sagen:

Voilà, dis-je, on est réduit à le croire, ou non. Il se peut qu’il l’ait fait, mais il ne se peut aussi qu’il ait inventé cette histoire. (Pos. 1936)

Désérable müht sich selbst um die Beantwortung der Frage, was real ist und was fiktiv und was man als Schriftsteller darf oder nicht. Sind Lügen nicht auch nur subjektive Varianten der Realität? Wer hat das Recht, darüber zu bestimmen, was die wirkliche Wahrheit und Realität ist? Im Falle des M. Piekielny, den es gab oder auch nicht, ist es vielleicht auch alles ganz anders. Womöglich ist er einfach ein Symbol für all die Juden, die in Vilnius unter der Schreckensherrschaft ums Leben kamen. Und dann ist es letztlich auch egal, ob die Details sich auf diese oder jene Weise zugetragen haben.

Ein in jeder Hinsicht beachtenswerter und außergewöhnlicher Roman, von dem man sich nur wünschen kann, dass er dem deutschen Publikum auch zugänglich gemacht wird.

Mitja Vachedin – Engel sprechen Russisch

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Mitja Vachedin – Engel sprechen Russisch

Mit Anfang 30 fragt sich Mitja Vachedin, wer er eigentlich ist. Am besten passt die Metapher der Zahnpasta, die aus drei Schichten besteht, so ist nämlich auch er: eine Schicht russischer Kommunismus der 80er Jahre. Eine Schicht russischer Kapitalismus nach dem Zusammenbruch und dann noch einmal 10 Jahre in Deutschland. Diese Erfahrungen haben ihn zu dem Mann gemacht, der er heute ist. Er lässt sein noch kurzes Leben episodenhaft Revue passieren: Die Kindheit, die aus endlos langen Sommern am See und der Datscha bestanden. Die Jugendjahre im chaotischen Leningrad, das plötzlich St. Petersburg hieß und wo alle versuchten, schnell Geld zu machen. Seine Zeit in Deutschland, zunächst umgeben von unzähligen Russen, die alle im Westen das Glück suchten und dann das Studium, das aber wiederum in ein Nichts führt.

Die Grundidee von Mitja Vachedins Buch ist nicht wirklich neu. Zahlreiche (auch anekdotische) Romane über russische Spätaussiedler sind in den letzten Jahren erschienen, am bekanntesten dürfte wohl Wladimir Kaminer sein, der inzwischen unzählige Bücher veröffentlicht hat, aber auch Alexandra Friedmanns „Besserland“ oder Sasha Marianna Salzmanns „Außer sich“ nehmen diese Thematik auf. Was macht Mitja Vachedins Geschichte dann lesenswert?

Für mich waren seine Episoden deutlich nachdenklicher und weniger auf den humorigen Aspekt abzielend als vergleichbare Romane. Auch wenn das Leben in Russland vielerlei Entbehrungen erforderte, dies kommt sehr klar raus, wird es aber nicht als negativ empfunden, auch dort konnte ein Kind oder Jugendlicher Spaß haben und ganz normal wie auch im Westen mit den Freunden die Sommer verbringen und sich ausprobieren. Auch die Ankunft in Deutschland ist nicht so sehr von den negativen Erlebnissen geprägt, was jedoch auch bei Vachedin zwischen den Zeilen herauskommt, ist der lange Zeit fehlende Kontakt tatsächlich zu Deutschen. Die ausgewanderten Russen oder Russlanddeutschen bleiben weitgehend unter sich und bilden eine ganz eigene Kultur heraus.

Vieles ist heiter und lädt zum Lachen ein ob der Absurdität, an vielen Stellen wird man jedoch auch nachdenklich, vor allem stellte sich für mich die Frage, inwieweit diese zerrissene Identität ursächlich für die wenig zielgerichtete berufliche Planung ist. Ein abgeschlossenes Studium und dann im Supermarkt Regale einräumen?

Mitja Vachedin erzählt keine außergewöhnliche Geschichte, kein besonderes Leben, das sich von allen anderen abhebt. Und darin liegt seine Stärke: er findet das Interessante im Alltag, die banalen Situationen können entscheidend werden und sind es auch wert, dass man ihnen Aufmerksamkeit schenkt. Vor allem gelingt es ihm, Stimmungen und Atmosphären zu transportieren, man kann seinen Figuren nachempfinden, wie es ihnen ergangen ist. Er hat das Buch seiner Familie gewidmet, diese ist das Band, das auch die Episoden zusammenhält und zu einem Ganzen werden lässt.

Ein Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Titel und Autor finden sich auf der Seite des Random House Verlags.

Jean-Luc Seigle – Ich schreibe Ihnen im Dunkeln

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Jean-Luc-Seigle – Ich schreibe Ihnen im Dunkeln

Pauline Dubuisson, einer der bekanntesten Kriminalfälle im Frankreich der 1950er Jahre. Jeder kennt ihre Geschichte, denn sie wurde unter dem Titel „La Vérité“ von Henri-Georges Clouzot mit Brigitte Bardot in der Hauptrolle verfilmt. Doch ist das wirklich die Geschichte der Pauline Dubuisson? Jean-Luc Seigle hat sich des Stoffes noch einmal angenommen und lässt Pauline nun selbst erzählen. Das Mädchen, in das die Eltern so hohe Erwartungen setzten, da sie überdurchschnittlich intelligent war und das Medizinstudium immer vor Augen hatte. Nach dem Tod ihrer älteren beiden Brüder im Zweiten Weltkrieg zieht sich die Mutter immer mehr zurück. Die Not ist groß im besetzten Frankreich und Paulines Vater, den sie abgöttisch verehrt und dessen Aufmerksamkeit alles für sie bedeutet, kann für das Mädchen eine Stelle als Krankenschwester bei einem deutschen Arzt finden, was der Familie Zugang zu Lebensmitteln verschafft. Nach dem Krieg fällt das Urteil hart über das Mädchen aus. Eine Deutschenhure wurde sie genannt, mehrfach vergewaltigt als Strafe dafür, dass sie mit dem Feind kollaboriert hat, und letztlich zum Tode verurteilt. Doch dieses Urteil wurde jedoch nicht vollstreckt. Hart kämpft sie sich zurück ins Leben und lernt im Studium zum ersten Mal die richtige Liebe kennen. Doch sie möchte nicht, dass ihre Vergangenheit zwischen ihnen steht und offenbart sich ihrem zukünftigen Mann. Dessen Ablehnung und Demütigung kann sie nicht ertragen. Sie will sich das Leben nehmen, doch ihre letzte Begegnung verläuft anders als geplant und am Ende ist sie eine Mörderin.

Es ist unglaublich wie sehr sich Seigle in diese Figur eindenken konnte und wie glaubwürdig dieser Bericht erscheint. Er ist fiktiv, nur die Eckdaten sind belegt, und dennoch kann man sich nur vorstellen, dass dies die Gedanken und Gefühle waren, die Pauline durch den Kopf gingen, sondern entwickelt auch ein gänzlich anderes Bild der Frau als das, das in der Öffentlichkeit von ihr gezeichnet wurde. Vor allem durch die Verfilmung wurde die Vorstellung von ihr geprägt und das, wo weder sie noch ihr Umfeld daran mitgearbeitet haben. Seigle fasst dies so zusammen:

„Ein Drehbuch über meine Geschichte kam mir umso unwahrscheinlicher vor, als ich bisher überhaupt nichts von der Wahrheit gesagt hatte, nicht einmal bei meinem Prozess; niemand außer mir wusste, was in der Nacht des Verbrechens vorgegangen war.“

Symptomatisch für ihr Leben wird folgender Satz:

„Ich glaube, man kann nur daran sterben, dass man nicht mehr geliebt wird. Und das bedeutet nicht, aus Liebe zu sterben, sondern eher das Gegenteil.“

Als Kind und Jugendliche liebt sie ihren Vater und befolgt seine Befehle unhinterfragt, was ihr zum Verhängnis wird. Als Erwachsene wird sie wiederum von zwei Männern, die sie liebt, zurückgewiesen und als Konsequenz wünscht sie sich den Tod. Nur dieser kann sie erretten. Mehrfach misslingen ihre Suizide, Pauline ist zum Leben verdammt scheint es:

„am Tag vor der Eröffnung meines Prozesses, als ich zum dritten Mal versucht habe, mir das Leben zu nehmen. Alle sagten, ich sei abermals «gerettet» worden, während ich dachte, ich sei abermals am Sterben «gehindert» worden.“

Besonders bestürzend waren die Lynchjustiz und Racheakte der vorgeblichen Résistance. Erbarmungslos schildert der Autor, was man dem jungen Mädchen antut. Die Zeilen sind drastisch, kaum zu ertragen vor Brutalität und man fragt sich, ob der Krieg wirklich alles Menschliche in der Bevölkerung ausgelöscht hat und dass sie vorgefertigte Wahrheiten der tatsächlichen Realität vorziehen. Vieles im Leben von Pauline ist durch die Umstände und vor allem den Krieg bestimmt. Ihr Leben wäre ein gänzlich anderes gewesen, wäre sie in anderen Zeiten großgeworden. Aber so funktioniert nun einmal das Schicksal, es sind die Umstände, die die Menschen zu dem werden lassen, was sie letztlich sind. Und es sind die Worte, die wir gebrauchen, um sie zu beschreiben, die sie zu dem werden lassen, was wir in ihnen sehen wollen. Doch manchmal ist auch die Sprache nicht ausreichend:

„Die Vorsätzlichkeit qualifiziert das Verbrechen als Mord, als assassinat. Doch das Substantiv assassine, mit dem eine Frau zu bezeichnen wäre, die vorsätzlich gemordet hat, existiert in der französischen Sprache nicht; die Form ist nur als Adjektiv gebräuchlich. Maître Floriot und die anderen arrangierten sich mit dieser Unzulänglichkeit des Französischen.“

Aber man findet Wege, sich zu arrangieren.

Ein beeindruckend und nachhaltig wirkendes Buch über eine Frau, die so viel Hoffnung hatte und die in ihrem Leben einfach kein Glück finden konnte. Wie es wirklich war, wird sich nie herausfinden lassen. Ihr Abschiedsbrief, in dem sie sich offenbar erklärte, ist verschollen und so bleiben nur die Prozessakten, ein Film und das, was wir uns über sie zusammenreimen. Aber das ist nicht wichtig, Jen-Luc Seigle hat ihr eine Stimme gegeben, endlich ihre Version der Wahrheit zu erzählen.

Interessanterweise habe ich gestern ein Feature über „Erfundene Wahrheiten“ in der Fiktion gehört. Es scheint seit einiger Zeit einen Trend auf dem Buchmarkt zu geben, dass sich Bücher, die auf realen Begebenheit beruhen, besonders gut verkaufen. Welche Gefahren darin liegen, wird dabei sehr schön auch aufgezeigt. Letztlich ist aber doch Realität eine Konstruktion, die sich jeder selbst macht. Wir kreieren unsere Welt und darin ist glücklicherweise auch Platz für lesenswerte Geschichten.

Torsten Seifert – Wer ist B. Traven?

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Torsten Seifert – Wer ist B. Traven?

Hollywood, Ende der 1940er Jahre. Leon Borenstein hat ein gutes Händchen für die großen Storys und weiß zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Er hofft auf eine Gehaltserhöhung als sein Chef ihn zum Gespräch bittet, stattdessen bekommt er einen ungeahnten Auftrag: Er soll die Identität von B. Traven aufdecken. Dessen Roman bricht in Europa gerade alle Rekorde und wird in Mexiko mit Humphrey Bogart verfilmt. Leon wird an das Filmset geschickt, um zu ermitteln. Doch mehr als die Vermutung, dass Hal Croves, ein beauftragter Vertreter Travens, der Autor selbst ist, kann er nicht in Erfahrung bringen. Eine Reise nach Wien scheint der Durchbruch zu sein, Traven hat seine Wurzeln im deutschsprachigen Raum, aber auch von dort kommt Leon mit leeren Händen zurück. Abermals macht er sich auf nach Mexiko und sein Gespür für Geschichten scheint ihm dieses Mal hold zu sein.

Torsten Seiferts Roman basiert auf der Legende des deutschen Schriftstellers, dessen echter Name, Geburtsdatum und weite Teile seines Lebens auch heute noch mysteriös sind. Bekannt hingegen sind seine Romane, allen voran Der Schatz der Sierra Madre, heute ein Klassiker des Westerns und mit drei Oscars und drei Golden Globes geehrt. Der Roman um den geheimnisvollen Autor wurde durch den Gewinn des Blogbuster Preises ermöglicht. Torsten Seifert konnte sich in der ersten Vergabe gegen 250 andere Nachwuchsautoren durchsetzen und hat einen Vertrag mit Klett-Cotta erhalten.

Weshalb dieser Roman die Jury überzeugen konnte, ist nicht schwer nachzuvollziehen. Ein reales Mysterium, dem seit Jahrzehnten viele Journalisten nachforschen, ist ein reizvolles Thema. Der Protagonist Leon Borenstein ist ebenfalls ein Gewinn für die Geschichte: er ist hartnäckig und clever, wie es für seinen Berufsstand gehört, doch er zeigt auch Schwächen und Brüche, die jüdische Herkunft und die Flucht aus dem Nazideutschland bleiben nicht ohne Spuren. Seine größte Stärke ist jedoch sein Gespür für Menschen und die Fähigkeit, ins Gespräch zu kommen. Ein gänzlich durchdachter Charakter, dem man gerne folgt.

Die Handlung lebt nicht nur von der Jagd nach dem großen Geheimnis, ganz im Gegenteil, immer wieder verzögert der Autor das Fortschreiten und verlangsamt die Geschehnisse. Er lässt Leon und Bogart Schach spielen und das Dasein unter mexikanischer Sonne genießen. Dann plötzlich überschlagen sich die Ereignisse. Der schnelle und oft unerwartete Wechsel lässt die Handlung lebendig werden und das Zeitgefühl wirkt authentisch, ganz ähnlich wie im realen Leben, wenn sie mal stillzustehen scheint und dann wiederum fliegt.

Am stärksten waren für mich jedoch die Episoden mit den Mexikanern, vor allem im letzten Drittel des Buches. Auch wenn Leon ihre Sprache beherrscht, ihre Kultur ist ihm fremd und er muss erst in die Gepflogenheiten eingeführt werden. Auch hierfür hat Seifert sich kuriose, aber überzeugende Figuren ausgedacht, die beim Lesen eine herrliche Freude bereiten.

Ob die Lösung, die uns Seifert für den Hintergrund Travens liefert, nun stimmt, ist letztlich egal. In seinem Roman gibt es wichtigere Figuren und Geschehnisse und letztlich soll Fiktion unterhalten und nicht unbedingt Wahrheiten liefern. Und unterhaltsam ist die Suche nach B. Travens Identität allemal.

Sarah Perry – Die Schlange von Essex

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Sarah Perry – Die Schlange von Essex

Man erinnert sich 1893 im kleinen Dorf Aldwinter in Essex, dass dieses schon einmal von einem unheimlichen Seemonster heimgesucht wurde und nun scheint dieses zurückgekehrt und versetzt die Bewohner in Angst und Schrecken. Weit über die Dorfgrenzen hinaus verbreitet sich die Geschichte und lockt auch Cora Seaborne an. Die Witwe, die sich für Naturwissenschaften und die Erkenntnisse von Darwin begeistert, will die Fossilien erforschen und einen Blick auf das Seemonster werfen. Gemeinsame Freunde machen sie mit dem örtlichen Pfarrer William Ransome und dessen Familie bekannt. Dieser ist besorgt über den Aberglauben seiner Gemeinde, die mehr und mehr vom guten Glauben abzufallen scheint. Die Suche nach der Lösung des Mysteriums bringen William und Cora näher, eine Liebe, die nicht sein kann, weil sie nicht sein darf.

Sarah Perrys Roman war einer der großen britischen Erfolge 2016 und nominiert für zahlreiche namhafte Literaturpreise. Der Grund mag darin liegen, dass es der Autorin gelingt, eine längst vergangene Zeit zu Ende des 19. Jahrhundert einzufangen und einen Schreibstil zu finden, der an die bekannten Autoren der damaligen Zeit erinnert.

Um die Geschichte der ominösen Schlange herum reißt sie eine Vielzahl an Themen an: von der Rolle der Frau, über Gesellschaft- und sozialkritische Themen wie die Wohnsituation der Arbeiter in London bis hin zum Streit zwischen Naturwissenschaften und Religion um die Vorherrschaft. Das ganze vor dem Hintergrund einer recht modernen und resoluten Protagonistin, die ihren Weg geht und dafür auch Rückschläge und Niederlagen in Kauf nimmt.

Trotz der gewaltigen Bilder, die Sarah Perry mit ihrer poetischen Sprache erweckt, konnte mich der Roman nur zum Teil überzeugen. Die Liebesgeschichte zwischen Cora und William nahm mir zu viel Raum ein, der für die wirklich relevanten Themen hätte verwendet werden könne. Das Mysterium um die Schlange wird zwar glaubwürdig und überzeugend gelöst, hätte aber gerade wegen der düsteren Nebelumgebung, die Perry immer wieder schafft und die ihre Kunst, eine besondere Atmosphäre zu erzeugen, deutlich belegt, spannender werden können. So bleibt eine nette Geschichte, die leider ihr inhaltliches Potenzial nicht ausschöpft.

Deutscher Buchpreis 2017 – Mein Fazit

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Übermorgen, am 9. Oktober 2017, wird er nun verliehen, der diesjährige Deutsche Buchpreis. Da ich bis dahin keinen weiteren Roman mehr lesen werde, hier mein Fazit zur diesjährigen Liste. Eine Gesamtübersicht mit den Links zu meinen Rezensionen findet sich hier:

https://missmesmerized.wordpress.com/deutscher-buchpreis-2017/

Was mich überrascht hat:

Die Bandbreite an Themen und Genre hat mich dieses Jahr wirklich überrascht. Meine ersten drei Romane ließen mich noch befürchten, dass gescheiterte Männer dieses Jahr hoch im Kurs stehen könnten (Kraft, Walter Nowak bleibt liegen, Nach Onkalo). Doch dann plötzlich entfaltete sich eine unglaubliche literarische Breite, die mit Romanen wie Katie ungewohnte Genre und mit den Kieferninseln sogar richtige Poesie bieten konnte.

Was mich begeistern konnte:

Die Hauptstadt ist ein rundum kompletter Roman, der sowohl wegen seiner Geschichte wie auch der Sprachgewalt des Autors vollends überzeugt. Sehr viel Spaß beim Lesen hatte ich aber auch mit Das Jahr der Frauen und Romeo oder Julia, die neben ihrer literarischen Qualität auch einfach unterhalten können.

Worauf ich hätte verzichten können:

Schlafende Sonne dürfte der streitbarste Roman der diesjährigen Liste sein. Hat mich überhaupt nicht erreicht, wie viele andere Leser offenbar auch.

Was ich nicht gelesen habe:

Von der Shortlist fehlt mir Das Floß der Medusa, das mit thematisch einfach nicht angesprochen hat. ich werde sehen, ob ich damit genau das Buch nicht gelesen habe, das am Ende den Preis erhält und das viele Leser auch begeistern konnte. Von der Longlist werde ich mir sicher noch Zaimoglus und Regners Romane ansehen.

Was mir gefehlt hat:

Monika Helds Roman Sommerkind hätte sicher eine Nominierung verdient gehabt, ganz sicher auch Husch Jostens Hier sind Drachen, das für mich auch ein würdiger Sieger gewesen wäre.

Wie auch immer, ich habe interessante Romane entdeckt, die mir ohne den Preis sicher entgangen wären. Abschließend bleibt noch folgende Frage zu beantworten:

Wer hat den Preis verdient und wer wird ihn wohl bekommen?

Robert Menasse ist mit Die Hauptstadt mein großer Favorit, weil er in jeder Hinsicht überzeugen kann: politisch/gesellschaftlich relevant, sprachlich bestechend und unterhaltsam dazu. Marion Poschmanns Die Kieferninseln würde ich ihn einfach aufgrund der ganz großen Poesie in ihrem Roman wünschen. Ich fürchte jedoch, man wird die Schlafende Sonne zum Sieger erklären, da dieses Werk so unverständlich ist, dass sich keiner traut zuzugeben, dass er nichts darin finden konnte und es deshalb ganz große Kunst sein muss.

Birgit Müller-Wieland – Flugschnee

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Birgit Müller-Wieland – Flugschnee

Eine Familie voller Geheimnisse, die alle an einem Tag zwanzig Jahre zuvor plötzlich offenlagen, einem Tag mit Schneefall, ein Tag voller Freude für die Kinder und voller Schrecken für die Erwachsenen. Das Verschwinden ihres Bruders Simon lässt Lucy zurückdenken an jenen Tag, an dem seltsame Besucher das Haus ihrer Großeltern aufsuchten. Helene, die Großmutter, schon von Demenz gezeichnet, aber in manchen Momenten doch klar in der Erinnerung an das, was in den Kriegstagen geschah, als sie noch ein Kind war. Lorenz, der seine Frau mit Sorge beobachtet und immer wieder in seinem eigenen Haus an der Galerie der Bilder vorbeigeht und so manches nicht versteht, was er und Helene damals erlebten. Arnold, Lucys und Simons Vater, der beruflich hadert und eine Entscheidung bezüglich eines Geheimnisses treffen muss, von dem er zufällig Kenntnis erlangte. Vera, die Mutter, die wegen anhaltender Übelkeit nicht direkt mitkam zu den Großeltern, doch sie hat sich nicht nur den Magen verstimmt. Was sie an diesem Tag wirklich bewegte, wird sie erst Jahre später offenbaren. Und dann kommen die Besucher mit einem Erinnerungsstück.

Es schneit an dem unheilvollen Tag, sogenannter Flugschnee, der besonders fein ist und dadurch auch ins Haus eindringen kann. Ähnlich wie dieser feine Schnee, der nicht durch seine Masse unmittelbar erdrückt, sondern leicht ist und hübsch anzusehen, in seiner Konsequenz aber schwere Folgen haben kann, so sind auch die Geheimnisse und Erinnerungen der Figuren. Sie können sie über Jahre verdrängen, ignorieren, doch sie sind da und beharrlich dringen sie ein, bis der Schaden offenkundig wird. Schnee ist kalt, bietet keine Wärme, ist man ihm schutzlos ausgeliefert, kann er töten. Dieses Bild begleitet den Roman, ebenso wie Lucys Erinnerungen an ihren Bruder, ihre Familie und ähnlich wie beim Schneetreiben ist auch ihr Blick noch getrübt und erlaubt keine klare Sicht auf die Vergangenheit und die Zukunft:

„Diese Weihnachten, damals.

Ich weiß vom Schnee, und daß danach nichts mehr war wie zuvor.

Weiß ich das wirklich? Oder haben sich Gefühle von anderen – deine oder die unserer Eltern, Großeltern – in meinen Kopf gelegt und geben sich als meine aus?

Oder werde ich einfach ein bißchen wahnsinnig?“

Der Roman ist nicht mit einem großen Spannungsbogen aufgebaut, auch wenn zu Beginn schon das Verschwinden Simons thematisiert wird und man sich fragt, was geschehen sein mag, lebt er nicht von dieser übergreifenden Frage. Dennoch schafft die Autorin einen Sog, der einem weiterlesen lässt; je mehr man von den Figuren erfährt, desto mehr will man über sie und ihre Vergangenheit und ihre Geheimnisse wissen. Trotz des unaufgeregten Tons, der fehlenden dramatischen Ereignisse, die die Handlung voranpeitschen würden, wird man mitgerissen von dieser Familiengeschichte. Doch ebenso wie Lucy muss sich auch der Leser fragen, ob er, trotz der Kenntnis um viele ihrer Geheimnisse, wirklich hinter ihre Fassaden blicken kann:

„Aber das Bohrende blieb: Die Frage, wer du eigentlich bist.

Ob wir je etwas von dir gewußt haben.

Was das für ein Mensch war, der neben uns gelebt und so viel vor uns verborgen hatte.“

Diese Frage muss man sich auch in der eigenen Welt stellen. Was weiß an von den Menschen der eigenen Familie? Welche Dinge tragen sie in sich, verborgen vor den anderen? Die sie bewegten und immer noch bewegen und die lange unter der Oberfläche verborgen bleiben. Birgit Mülle-Wielands Roman stand auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2017, was diese Geschichte mit dem unscheinbaren Cover, das doch ganz hervorragend gewählt ist, sowohl aufgrund der Konstruktion wie auch der sprachlichen Umsetzung vollends verdient hat.

Maxi Obexer – Europas längster Sommer

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Maxi Obexer – Europas längster Sommer

Wann ist ein Ausländer ein „echter“ Ausländer? Und wann darf ein „Migrant“ sich als solchen bezeichnen? Die Essayistin und Autorin von Theaterstücken Maxi Obexer schickt in ihrem als Roman eingeordneten Text eine Italienerin auf eine Reise aus der ehemaligen Südtiroler Heimat in die neue Heimat Berlin, wo sie ihren deutschen Pass in Empfang wird nehmen dürfen. Auf dem Weg zwischen Vergangenheit und Zukunft sinniert sie über ihre Erfahrungen als Italienerin, Südtirolerin, Ausländerin, Migrantin, Europäerin und auch Deutsche nach, die widersprüchlich, widersinnig, bisweilen grenzwertig nationalistisch und manchmal einfach absurd sind. In „Europas längster Sommer“ werden die durch die EU abgeschafften Grenzen plötzlich wieder präsent, doch sie sind neu gezogen worden und verlaufen anders als früher. Vieles, was eindeutig und klar zu sein scheint, muss nochmals hinterfragt werden.

Der kurze Roman, der auf mich eher wie ein langer Essay denn wie eine fiktionale Geschichte wirkt, reißt viele aktuelle Fragen auf und nimmt in der Vielzahl der seit zwei Jahren recht populären Flucht- und Migrationsromane eine ganz neue Perspektive ein, die bislang zu Unrecht vernachlässigt wurde. Als Südtirolerin hat die Autorin die Erfahrung gemacht, dass sie zwar einen italienischen Pass hat, aber nicht als Italienerin wahrgenommen wird. Für die Italiener ist sie Deutsche. Doch richtige Deutsche ist sie auch nicht, trotz aller Bemühungen um Hochdeutsch bleibt ihre Sprache immer ein wenig anders. Besonders eklatant wird das Thema der europäischen Minderheiten im Kunst- und Literaturbetrieb, wo sie zwischen den großen Nationen untergehen und vernachlässigt werden.

Als EU-Ausländerin in Deutschland befindet sie sich in einer besonders abstrusen Situation: die Freizügigkeit zwischen den Staaten erlaubt die unproblematische Migration, gleichzeitig erhält sie aber kein Wahlrecht in dem Land, in dem sie lebt und arbeitet. Sie darf anders sein, soll sich aber integrieren, wie kann dieser Widerspruch aufgelöst werden? Auch im wiedervereinten Berlin, wo die Grenze zwischen Ossi und Wessi messerscharf verläuft, gehört sie weder zu den einen noch zu den anderen.

Sie als freiwillige Migrantin hat sich dieses Los selbst ausgesucht, doch was ist mit der zweiten und dritten Generation der Italiener und Türken, die auf den Papier Deutsche sind, jedoch aufgrund ihres Namens und/oder Aussehens nie als solche anerkannt werden?

„Der Hintergrund ist ewig vordergründig, er verfolgt sie wie ein vorauseilender Schatten. Für sie alle ist der Migrationshintergrund unüberwindbare Realität, eine Ohnmacht, ein Schmerz, ein ungehörter Schrei.”

Kann man überhaupt „Deutsche“ werden? Oder „Italienerin“? Oder „Französin“? Europa wächst zusammen, vermischt sich und trennt zugleich doch immer noch. Das wohl absurdeste Beispiel hierzu lieferte das Vereinigte Königreich:

„Als im Sommer 2016 in Großbritannien über den Verbleib oder den Austritt aus der Europäischen Union abgestimmt wurde, haben EU-Ausländer nicht mitgewählt. Über eine Entscheidung, die sie zuerst betrifft, hatten sie selbst kein Stimmrecht.”

Die europäische Realität geht an vielen Bürgern vorbei, der Grund hierfür ist simpel:

„Warum werden nicht diejenigen gefragt, die dieses Europa mit ihrem Leben verbinden? Und mit ihrer Liebe? Und mit der Vision eines nach innen und nach außen hin durchlässigen Kontinents. Warum wird Europa von dort aus hinterfragt, wo es am wenigsten vorkommt? Von den Machtzentren homogener Eliten. Warum nicht von dort aus, wo Europa im Geist und im Körper bereits vorhanden ist, als Realität und auch noch immer als Traum.”

Maxi Obexer stellt die richtigen und wichtigen Fragen. 2015 hat eine Wende im Verständnis von Europa markiert, man hat Menschen hereingelassen, zugelassen, dass sich die EU im Inneren verändert. Doch dazu erfordert es noch vieles von den Bewohnern dieser politischen Einheit, die viel eher die Unterschiede wahrnehmen als das, was sie eint.

Ein wichtiger Beitrag für die Diskussion um nationale Leitkulturen und europäische Werte.

Isabella Straub – Wer hier schlief

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Isabella Straub – Wer hier schlief

Philipp Kuhn hat eigentlich ein wunderbares Leben mit Vera in der Villa und der Job als Assistent der Geschäftsführung in Veras Firma ist genaugenommen auch nur Vorwand fürs Nichtstun. Als er Myriam kennenlernt, ist es um ihn geschehen und nach Monaten der Affäre wird er sich nun endlich von Vera trennen und ein neues Leben beginnen. Erfolgreich den Plan umgesetzt, findet er sich erwartungsvoll ob der Zukunft vor Myriams Wohnung wieder. Doch von der ist nichts zu sehen, die Wohnung ausgeräumt, alle Spuren verwischt, als wenn es sie nie gegeben hätte. Wie kann das sein? Philipp geht zu dem Hotel, wo sie gearbeitet hat; auch dort sucht man sie, wegen Betrugs und Unterschlagung. An was für eine Frau war er da geraten? Schnell wird klar, dass sie auch bei ihm einen Plan verfolgte: sie hat seinen Laptop mit wichtigen Firmendaten mitgenommen. Doch das interessiert ihn schon nicht mehr, denn den Job ist er mit der Trennung von Vera eh losgeworden. Und was hat er jetzt? Nichts. Keine Arbeit. Keine Bleibe. Keine Zukunft. In seiner Not schließt er sich den alternativen SUHOS an – den Suddenly Homeless.

Der dritte Roman der österreichischen Autorin Isabella Straub ist eine kuriose Mischung aus Tragik und Komik. Einerseits erlebt man, wie sich innerhalb kürzester Zeit das ganze geregelte Leben eines Menschen schier auflöst, alle Grundpfeiler zusammenbrechen und nichts mehr Halt bietet. Natürlich hat der Protagonist einiges selbst dazu beigetragen, letztlich wurde er jedoch Opfer einer recht perfiden Masche und gnadenlos ausgenutzt. Nun steht er obdachlos und hilflos auf der Straße. Philipp Kuhn hat schon etwas von einem tragischen Helden, der einem durchaus ein wenig Leid tut. Und seine Naivität hat durchaus etwas Bestechendes:

„Lange dachte er auch, er könne sie beide behalten, Vera und Myriam. Es war ihm doch auch möglich, einen guten Rotwein und einen exzellenten Weißwein zugleich im Schrank zu haben.“ (Pos. 238)

Andererseits sprüht der Text voller Situationskomik und Absurditäten, die beim Lesen schlichtweg unheimlichen Spaß machen. Kuhns Notunterkunft im Fitnessstudio, das alle Klischees vollends bedient, die man über eine solche Einrichtung nur haben kann. Die Gruppe der alternativen SOHOs ist zunächst völlig überzeichnet in ihrer Antikapitalismuskritik, so dass sie schon wieder charmant wirken. Ihre Ideen sind auch nicht ganz unclever und kritisieren zum Teil auch berechtigterweise. Doch gerade als man beginnt mit ihnen zu sympathisieren, kippt die Beschreibung durch den einen Schritt, den sie zu weit gehen. Diese Spannung und die schnellen Wechsel zwischen den Extremen machen den Reiz des Buches aus. Man kann sich nie zu sicher sein.

Besonders gelungen sind ihre Figuren, nicht so sehr der Protagonist Philipp Kuhn, der eigentlich eher passiv sein Schicksal erträgt und mehr getrieben wird, bis er irgendwo landet, dafür aber die vermeintlichen Randfiguren, die man dank ihrer liebevoll gezeichneten Marotten gerne immer wieder trifft. Philipps Mutter, seine Schwester, mehr aber noch Friedrich Solkar, der schrullige alte Mann, der Stunden im Hotel im Sessel sitzt und Philipp Kuhn so manche Weisheit mit auf den Lebensweg geben kann.

Insgesamt ein unterhaltsamer Roman, der zweifelsohne an vielen Punkten aktuelle gesellschaftliche Tendenzen kritisch präsentiert, darüber hinaus aber auch einfach dank der pointierten Formulierungen der Autorin Spaß macht zu lesen.