Amélie Nothomb – Töte mich

amélie-nothomb-töte-mich
Amélie Nothomb – Töte mich

Jugendlicher Leichtsinn oder doch ein Zeichen für ihren schlimmen Zustand? Der Graf Neuville muss seine Tochter Sérieuse bei einer Wahrsagerin abholen, nachdem diese das Mädchen völlig durchgefroren nachts im Wald auffand. Zum Abschied prophezeit sie dem Vater, dass er bei einem Empfang einen seiner Gäste töten werde. Die beeindruckt Neuville zunächst nur mäßig. Geldsorgen plagen ihn und am 4. Oktober 2014 wird seine letzte große Garden Party im Château du Pluvier steigen, bei der alles perfekt sein muss. Danach wird das Schloss veräußert und die Familie sich in ein kleineres Domizil zurückziehen. Doch die Voraussagungen der Frau lassen ihm keine Ruhe. Vielleicht wäre es besser, sich auf das Ereignis vorzubereiten. So beschließt er eine Liste derjenigen Gäste zu machen, der Tod nicht nur verzeihlich, sondern sogar wünschenswert wäre. Bald hat er auch einen passenden Kandidaten ausgemacht. Doch dann überrascht ihn Sérieuse mit einem Vorschlag: er solle sie doch töten. Seit fünf Jahren bereits ist sie unglücklich und hat den Eindruck, nie mehr etwas fühlen zu können. Der Tod wäre eine Erlösung und durchaus in klassischer Tradition und somit verzeihlich. Wie kann der Graf aus dieser unsäglichen Geschichte entkommen?

Amélie Nothombs aktueller Roman ist ein herrliches Spiel mit den Klassikern der Literatur. Sie macht sich gar nicht erst die Mühe, dies groß zu verschleiern, sondern spielt ihre Persiflage en détail aus. Der verarmte Graf, geradezu ein Musterbeispiel einer Figur, die gerade zu der Commedia dell’arte entsprungen sein könnte in ihrer Schablonenhaftigkeit und Eindimensionalität der verarmten Noblesse. Er weiß um die Konventionen und was man von ihm erwartet und zelebriert die Kunst des Gastgebens in extremo, so dass diese Absurdität kaum mehr zu überbieten ist. Seine Kinder nennt er Oreste und Électre – beide schuldig gewordene Figuren der griechischen Mythologie, doch er schreckte davor zurück die Jüngste nach Iphigénie zu benennen, die durch die Hand des Vaters starb – doch wo endet er? Genau wie Agamemnon sieht er sich schon als Kindsmörder. Doch auch der Grundkonflikt ist ohne Verschleierung übernommen, die Autorin treibt ihren Spaß sogar so weit, dass sie Neuville die Geschichte Oscar Wildes um das Verbrechen von Lord Arthur Savile lesen lässt, dem von einem Wahrsager ein Mord angekündigt wurde. Ob er in Anbetracht der Hiobs-Botschaft zum Mörder zu werden wohl in der Bibel Trost und Hilfe finden kann?

Hätte sie ihren Roman in fünf Akten geschrieben, er wäre in bester Tradition sehr gut auf der Bühne aufgehoben gewesen. Doch auch zu lesen macht eine herrliche Freude nicht nur ob der zahlreichen Anspielungen und Figuren, sondern auch die gelungenen Formulierungen sind ein Genuss:

Neuville weiß um seinen Status und seine Perfektion als Gastgeber: „Ich bin der letzte Vertreter dieser altmodischen Höflichkeit und exquisiten Kunst des Zusammenseins. Nach mir wird es nur noch Events geben.“ Und Kritik an der Namensgebung seines Nesthäkchens weist er deutlich von sich und verweist darauf, dass „Ernest“ auch nichts Anderes bedeute als Sérieuse, die zwar selbst auch nicht hübsch, aber wenigstens bezaubernd sei und damit nicht wie ihre Eltern einen Namen wie „Hinz und Kunz“ trage.

Ein kurzer Spaß, der in der französischen Ausgabe mit dem Satz « Ce qui est monstrueux n’est pas nécessairement indigne. » begleitet wird. Nur weil etwas monströs ist, muss es nicht würdelos sein. Die Figuren wahren den Schein und die Contenance. Der Leser bekommt ein riesiges Bouquet, in dem er vieles wiederkennen kann oder an dessen äußerer Erscheinung er sich einfach erfreut.

Mehr Informationen zum Roman und zur Autorin finden sich auch auf der Seite des Diogenes Verlags.

Fabrice Pliskin – Une histoire trop française

fabrice-pliskin-une-histoire-trop-francaise
Fabrice Pliskin – Une histoire trop française 

Jean Jodelle est entrepreneur et philanthrope. Il aime son travail car il rend possible aux femmes d’avoir des corrections esthétiques pour peu d’argent. Ses prothèses sont les plus bon marchées dans le monde entier. En plus, il vit l’idéal de diversité dans son entreprise en précisément sélectionnant ses employés. Afin que l’équipe soit motivée, il leur envoie un poème chaque matin. Quand son ami d’enfance Louis a besoin d’un poste, il l’embauche directement. Il ne dure pas trop longtemps jusqu’à ce que celui-ci comprend comment le principe de l’usine Jodelle Implants fonctionne : pour garantir un prix minime, on n’utilise pas le gel prescrit mais du matériel sans admission pour l’usage médical. Tout le monde se réjouit des frais, mais le vrai prix qu’ils paient est beaucoup plus haut.

« Une histoire trop française » rappelle vite le scandale des prothèses mammaires PIP qui a choqué non seulement la France en 2010. Fabrice Pliskin raconte l’histoire d’un point de vue très personnel d’un côté du patron, de l’autre de Louis. Ce qui est frappant est le fait qu’on arrive même à comprendre leurs arguments. S’ils travaillent avec du matériel agrée, leurs prothèses deviennent trop chères et ainsi, cent vingt personnes risquent de perdre leur travail. Cent vingt familles sans revenu, cent vingt familles qui affectent la sécurité sociale. Comme ils exportent la majorité de leurs produits et comme la plupart des femmes les utilise sans nécessité mais plutôt à cause de vanité, le risque est acceptable. Quand même, l’un ou l’autre a des doutes et une mauvaise conscience ce qui est rassurant du moins.

Quoique le sujet soit grave, en plus comme l’histoire n’est pas du tout fictive mais réelle, l’auteur arrive à présenter l’affaire d’une manière ironique et souvent amusante. J’ai pris beaucoup de plaisir en lisant avant tout quand la démesure de Jean Jodelle parle : il a un comité « extraordinaire » qui est convoqué chance année au mois de novembre. Il lui offre la décision entre le gel Jodelle et le gel « Bruxelles » et son « réponse engage l’avenir de l’entreprise ». Cette mascarade aide les employés à se sentir moins coupable comme la décision a été prise collectivement et Jean Jodelle réaffirme chaque année que ce qu’il veut « par-dessus tout, c’est éviter un drame humain. »  Fraternité – un des principes de la révolution a été transformer en « fraternité dans la faute, fraternité dans la fraude. » Ils sont dans la même galère et attendent la chute ensemble.

Ce qu’on comprend vite en lisant, c’est comment les structures humaines fonctionnent. La pression du groupe sous un leader charismatique les empêche d’agir avec raison. Ainsi, un des plus importants scandales sanitaires se pouvait produire.

 

Colson Whitehead – Underground Railroad

Whitehead_25655_MR3.indd
Colson Whitehead – Underground Railroad

Georgia, Anfang des 19. Jahrhunderts. Cora lebt als Sklavin auf der Randall Farm, dort ist sie geboren, etwas anderes als die harte Arbeit und die schrecklichen Strafen kennt sie nicht. Ihrer Mutter ist vor Jahren die Flucht geglückt, was das Leben für Cora nicht einfacher macht. Nachdem sie sich einer Gruppe Männer erfolgreich zur Wehr gesetzt hat, gehört sie zu den ausgestoßenen Frauen, was ihr aber die Möglichkeit eines halbwegs friedlichen Lebens eröffnet. Als Caesar sie zum ersten Mal wegen einer möglichen Flucht anspricht, lehnt sie ab. Schon ihre Großmutter hatte das zugeteilte Schicksal widerspruchslos ertragen. Doch die Situation auf der Farm ändert sich und so stimmt Cora schließlich doch zu, auf das geheime Netzwerk der Underground Railroads zu vertrauen und die gefährliche Flucht zu wagen. Die nächsten Monate wird sie in Angst leben, mal mehr mal weniger, weite Teile der USA kennenlernen, von Freiheit träumen und doch immer wieder an ihre Herkunft erinnert werden. Wird die junge schwarze Frau jemals dem ihr zugeschriebenen Los endgültig entkommen können?

Colson Whiteheads Romane wurden vielfach mit Preisen ausgezeichnet und mit Lob überhäuft. „Underground Railroad“ konnte jedoch alle vorherigen weit übertreffen. Es wurde zwar schon dadurch geadelt, dass President Obama es als Sommerlektüre 2016 benannte, erhielt danach den National Book Award Fiction 2016, die Carnegie Medal for Excellence in Fiction 2017, den Pulitzer Prize for Fiction 2017, den Arthur C. Clarke Award 2017 und stand auf der Longlist des Booker Prize 2017. Sich einem solchen Roman unvoreingenommen zu nähern, ist quasi unmöglich, aber die Messlatte liegt auch hoch und kurzgefasst resümiert: locker übertrifft der Roman die Erwartungen.

Zunächst zum titelgebenden Phänomen der Underground Railroads. Diese unterirdischen Züge existierten tatsächlich und waren ein Netzwerk geheimer Routen und sicherer Häuser, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts von Abolitionisten geschaffen wurden, um Sklaven bei der Flucht zu helfen. Dabei riskierten die Helfer ihr Leben, was man im Roman auch leider immer wieder erleben muss. Die Strafen für sie waren drakonisch, das wussten sie, und dennoch haben sie das Risiko für diese Sache auf sich genommen. In der Geschichte der USA ist dieses Thema für mein Empfinden nur wenig präsent, umso erfreulicher, dass ein Roman es schafft, in der breiten Öffentlichkeit einen Aspekt der Sklaverei bekannt zu machen und so einen wesentlichen Beitrag zur historischen Bildung beizutragen.

Der Roman lebt jedoch von der Protagonistin Cora. Sie hat einen großen Überlebenswillen, kann beherzt reagieren, wenn erforderlich, ist jedoch auch sehr bedacht in ihrem Handeln. Sie ist kein bedauernswertes Opfer, sondern eine starke Persönlichkeit, die zukunftsorientiert und wissbegierig ihren Weg geht und Rückschläge tapfer verkraftet. Ihr Leben ist ein kontinuierliches Auf und Ab, geschenkt wird ihr nichts, nur manchmal ist das Glück auf ihrer Seite – aber es ist ein volatiles Gut. Gerade für einen historischen Zeitpunkt, der doch sehr stark männerdominiert war, insbesondere auch bei den Weißen, eine Frau, die mutig ihren Weg geht, als Protagonistin auszuwählen, hat mir insbesondere gefallen.

Colson Whitehead und dem Übersetzer Nikolaus Stingl gelingt es auch einen passenden Ton für die Erzählung zu finden. Bisweilen brutal in der Darstellung der Bestrafung der Sklaven schafft dies aber die notwendige Authentizität, die den Roman lebendig wirken lässt. Ähnlich wie Coras Leben mal hektischer und mal in ruhigeren Bahnen verläuft, ist auch der Erzählton angepasst und findet so einen stimmigen Rhythmus.

„Underground Railroad“ ist vermutlich einer der wichtigsten Romane des Jahrzehnts, der völlig zurecht in den Kanon der amerikanischen Literatur eingehen dürfte und sollte. Es wäre ein Verlust, wenn man sich dieses Werk entgehen lassen würde.

Mehr Informationen zu Buch und Autor finden sich auf der Seite des Hanser Verlags.

Saphia Azzeddine – Sa mère

saphia-azzeddine-sa-mère.png
Saphia Azzeddine – Sa mère

L’accouchement sous X – cette loi française permet à une femme d’accoucher et d’abandonner son bébé sans révéler son identité. Marie-Adélaïde était un tel bébé et comme elle ne connait ni ses parents ni son destin, c’est la rage qui la dirige dans la vie. Peu diplomate, elle a toujours des problèmes, avec ses camarades, ses collègues et même ses patrons. Elle ne peut ni ne veut accepter les conventions et en plus, elle ne peut pas imaginer des personnes qui ne lui veulent pas, qui l’aiment même et qui s’intéressent à elle. Le jour de son 18e anniversaire, elle a le droit de lire son dossier et d’avoir, finalement, un nom qui la mène à sa mère. Qui est cette femme qui a abandonné sa fille, qui ne s’intéresse pas à sa vie et son sort ? Y aura-t-il la chance de revivre une enfance passée ?

Marie-Adélaïde est une héroïne difficile à aimer. La colère qui règne en elle ne le rend pas facile à l’embrasser et comprendre. Le fait qu’elle se retrouve en prison n’est pas trop surprenant si on considère sa manière de traiter ses prochains. Son assistante sociale aussi met un grand effort à lui montrer comment retourner en société – mais Marie-Adélaïde a le sentiment d’être volée une enfance qu’elle aurait méritée et ainsi, elle n’est pas capable de se comporter doucement et tranquillement.

Le roman devient le plus intéressant au moment où Marie-Adélaïde commence à faire des recherches sur sa mère. Incrédule d’abord, elle ne peut pas croire ce qu’elle lit dans le dossier et ce que son détective privé révèle. La rencontre avec la mère, finalement, est aussi bien singulier et convient bien avec le caractère et la biographie de la fille. Le procès du rapprochement entre mère et fille est raconté avec une douceur éblouissante comme toutes les deux n’ont pas d’expérience avec la proximité, avec être mère ou fille, seulement des idées comment cela doit être, mais parfois cela a l’air de ne pas être correct et juste pour elles.

Encore une fois, comme dans les autres romans de Saphia Azzeddinne, l’auteur arrive à trouver un ton particulier pour sa narratrice qui reflète son état d’âme et son caractère. Marie-Adélaïde – déjà son nom signifie une rupture avec le destin attendu d’une fille adoptée – vit une vie « transitoire », entre réalité et rêve – des rêves qu’elle n’a pas. Elle a la tête sur les épaules et n’attend pas trop de sa vie ce qui la rend bien directe envers les autres. Quoique l’histoire soit pleine de chagrin et tristesse, il y beaucoup de moments à éclater de rire où au moins à sourire. Enfin, Marie-Adélaïde est aimable et on lui souhaite le meilleur – mais la vie ne fonctionne pas de cette manière.

Maja Lunde – Die Geschichte der Bienen

maja-lunde.die-geschichte-der-bienen
Maja Lunde – Die Geschichte der Bienen

Bienen – alltägliche Insekten, wichtigste Bestäuber und somit Grundlage vieler unserer Pflanzen. Als Thema in der Literatur eher ungewöhnlich. Doch Maja Lunde hat um die kleinen Tierchen einen Roman geschaffen, der Jahrhunderte und Kontinente verbindet und womöglich ein Thema fokussiert, das wir bislang sträflich vernachlässigt haben.

Im Jahr 2098 gibt es keine Bienen mehr. Die Arbeiterin Tao muss in China die Aufgabe des Bestäubens per Hand erledigen. Ein Knochenjob, gering bezahlt und mit großem Risiko. Knapp hundert Jahre zuvor begann das Bienensterben, das auch den Imker George in Ohio im Jahr 2007 trifft und der plötzlich seine Existenzgrundlage schwinden sieht und das Erbe, das seine Familie seit Generationen weitergegeben hat, aufgeben muss. 150 Jahre zuvor wurde erstmals intensiv beobachtet, wie die Völker leben und arbeiten und der britische Biologe William entwickelte einen neuartigen Bienenstock, der die Honigernte erleichterte und den Anbau erst im großen Stile ermöglichte. Drei Jahrhunderte, drei Kontinente, drei Lebensgeschichten, die jedoch geschickt mit einander verbunden werden.

Die Schicksale von Tao, George und William werden im Wechsel erzählt. Wie sie zusammenhängen über das Phänomen der Bienen hinaus, wird erst im Laufe der Geschichte klar und ist von Maja Lunde gelungen konstruiert worden. Die Entdeckung der Funktionsweise und Relevanz der Bienen, ihr Niedergang durch Pestizide und dadurch bedingte Lebensmittelknappheit, die harte Suche nach Alternativen – die Geschichte der Bienen ist symptomatisch für den menschlichen Umgang mit der Natur. Die eigene Existenzgrundlage zerstören ohne die Folgen zu Bedenken. Momentane Gewinnmaximierung über das ökologische Gleichgewicht stellen – die Menschheit wird eines Tages den Preis für ihre Gier und Rücksichtslosigkeit bezahlen müssen. Und dieser Preis ist hoch, wie Maja Lunde ungeschönt darstellt.

Doch es sind nicht nur die Ökologie und Umweltzerstörung, die im Roman thematisiert werden. Daneben kämpfen alle drei Figuren mit den Fragen der Familienstrukturen und den Erwartungen an die nachkommende Generation. William hofft, dass sein erstgeborener Sohn in seine Fußstapfen treten wird und den Naturwissenschaften und der Forschung ein ähnliches Interesse entgegenbringt wie er selbst. Doch Edmund kann der Neugier und dem Enthusiasmus seines Vaters nicht folgen. Es ist nicht nur Desinteresse, nein, er verachtet ihn wegen des zunächst ausbleibenden Erfolges sogar. Ähnlich ergeht es George, der ganz im Imkerdasein aufgeht, dessen Sohn Tom jedoch schon früh mehr Interesse am Journalismus findet und die Arbeit mit den Bienen eher als lästige Pflicht sieht. Erst als die Familie vom Wandel hart getroffen wird, kann er wieder auf seinen Vater zugehen. Auch Tao hat große Erwartungen an ihren Sohn. Selbst konnte sie ihren Bildungseifer nicht verwirklichen, daher setzt sie alles auf den kleinen Jungen. Doch das Schicksal hat einen anderen Plan für ihn und zunächst wird auch er für große Trauer und Verzweiflung bei den Eltern sorgen.

Bibiana Beglau, Thomas M. Meinhardt und Markus Fennert leihen den drei Geschichten ihre Stimmen, was einen stetigen und lebendigen Wechsel im Hörbuch schafft und die Orientierung in Zeit und Ort erleichtert. Für mich eine echte Überraschung, ist das titelgebende Thema nun keins, das mich direkt hätte anlocken können. Aber der Autorin gelingt es, die Bienen auf eine neue Art unterhaltsam darzustellen und um sie herum drei lesenswerte und in sich völlig verschiedene Geschichten zu kreieren.

 

Jana Hensel – Keinland

Jana-hensel-keinland
Jana Hensel – Keinland

Nadja und Martin, eine ungewöhnliche Beziehung in einem nirgendwo, in Keinland. Nadja will den Unternehmer Martin Stern eigentlich nur für ihre Zeitung interviewen, doch schnell merken beide, dass da mehr ist zwischen ihnen. Aber sie sind beide nicht frei von dem, was sie als Erbe und Erfahrung mit sich tragen., Martin wächst als Kind von Holocaustüberlebenden im Feindesland in Frankfurt auf und hasst es. Als Erwachsener flüchtet er ins gelobte Land. Auch Nadja hadert mit ihrem Land, das es schon gar nicht ehr gibt. In Ostberlin groß geworden hat sie den Niedergang der DDR erlebt und findet sich nun in einem anderen Land wieder, das irgendwie nie ihres wird. Martin will nicht nach Deutschland kommen, dafür zeigt er Nadja sein geliebtes Israel. Immer wieder treffen sie sich, aber sie kommen nicht zusammen, zu viel trennt sie, trennt jeden einzelnen davon, irgendwo richtig anzukommen und bei sich selbst zu sein.

Jana Hensels Buch wird als Liebesroman kategorisiert, aber ist er das wirklich? Für mich war die Liebesgeschichte zwischen Nadja und Martin nicht wirklich greifbar, denn sie entsteht nicht wirklich. Es gibt Zuneigung und Anziehung, doch viel mehr stecken die beiden Figuren in den Fragen ihrer eigenen Definition und Orientierung fest, als dass es ihnen möglich wäre, sich aufeinander einzulassen. Zwischen ihnen steht vor allem auch die Schuld der Deutschen, die nicht nur ein Volk, sondern auch dessen Geschichte versuchten auszulöschen:

„Ich komme aus dem Nichts, Nadja. Das ist eigentlich ganz einfach. Vielleicht zeige ich dir eines Tages, wo das ist. Vielleicht auch nicht. Das weiß ich noch nicht. Ich weiß, du findest, deine Leute laufen herum und sehen unter der neuen Farbe wie Tote aus. Aber das ist mir egal. Meine Leute sind wirklich tot. Sie laufen nirgends mehr herum.”

Martins Eltern mussten nach dem Krieg als Displaced Persons in Deutschland leben, wenigstens ihrem Sohn wollten aber sie eine Zukunft ermöglichen und dies führte für diesen jedoch zum Identitätsverlust:

„Meine Eltern haben mir nach dem Krieg den Namen Martin gegeben, damit man mich nicht erkennt. Sie wollten, dass ich genauso heiße wie ein richtiger Deutscher. Aber ich werde nie ein richtiger Deutscher. Ich weiß nicht, wer ich bin.”

Er bemüht sich nicht aufzufallen und dazuzugehören, aber jemand wie Nadja kann sofort erkennen, wenn jemand am falschen Ort, im falschen Land ist. Richtig ist für ihn jedoch Israel, seine neue Heimat, die er wie eine Geliebte verehrt. Eine Liebe, die Nadja nicht kennt, denn sie liebt ihr neues Land nicht, dies bleibt für sie immer das falsche:

„mein Land ist wirklich untergegangen, und ich glaube manchmal, ich mit ihm. Vielleicht weil ich damals so jung war, habe ich nicht verstanden, was passierte. Martin, verstehst du, vielleicht bin ich ja mit diesem Land untergegangen. Man kann auch mit falschen Ländern untergehen.”

Da es auf der Welt kein Land für sie beide gibt, müssen sie nach Nadjas Vorstellung eine neue Enklave für sich schaffen, eine eigene Welt, in der sie leben können und die ihnen die Freiheit und Sicherheit gibt, nach der sie sich sehnen:

„wir haben ein Land gegründet. Eine ganze Weile schon tun wir das, seit mehr als einem Jahr tun wir das, wenn du es ganz genau wissen willst. Ein Land für dich, ein Land für mich und nun auch noch ein Land für unser Kind. Meinland, Deinland, Keinland, unser Land vielleicht. Für das Kind in mir.“

Nadja und Martin sind im permanenten Kräftemessen, wessen historisches Erbe ist schlimmer, wer ist verlorener und in diesem Tauziehen finden sie sich immer wieder. Aber ihre Liebe ist fragil, sie setzt voraus, dass beide einen Schritt weitergehen, die Vergangenheit hinter sich lassen und nach vorne blicken. Die Last abwerfen, die sie mit sich tragen, die sie sich selbst gegeben haben.

Eine Liebe vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte. Ein Roman, der weit über seine Figuren hinaus wirkt, nicht nur wegen der Tragweite des Rahmens, sondern auch wegen der treffenden Formulierungen Jana Hensels, die genau den richtigen Ton für ihre Figuren gefunden hat.

Jens Steiner – Mein Leben als Hoffnungsträger

jens-steiner-mein-leben-als-hoffnungsträger
Jens Steiner – Mein Leben als Hoffnungsträger

Nachdem er seine Mechatronikerlehre abgebrochen hat, taumelt Philipp etwas planlos durchs Leben. Aus seiner WG ist er ebenfalls geflogen, sein Putzfimmel hat die Mitbewohner so sehr unter Druck gesetzt, dass sie im Rauswurf den einzigen Ausweg sahen. Eines Tages spricht ihn Uwe an und zeigt ihm den städtischen Recyclinghof, den er leitet. Philipp findet wieder Erwarten in dem ernsten Uwe, der Recycling als nicht nur wichtige, sondern auch sehr ernsthafte Sache begreift, seinen Mentor und mit den beiden portugiesischen Mitarbeitern João und Arturo zwei angenehme wenn auch eigenwillige Kollegen. Sein Leben gewinnt einen neuen Rhythmus und die kleine Zweckgemeinschaft wird bald durch ein aus dem Ruder laufendes Nebengeschäft Joãos auf eine ernste Probe gestellt.

„Mein Leben als Hoffnungsträger“ ist kein Buch, das einem sofort anspringt und sich aufdrängt – was ein echter Fehler ist. Das Cover erschließt sich nicht zwingend auf den ersten Blick, das Recylingzeichen ist zwar gut erkennbar, aber schon die andere Farbwahl, orange statt grün, schafft einen Bruch. Der Titel des „Hoffnungsträgers“ bezieht sich auf Philipp: zunächst war er der Hoffnungsträger für den Vater, dessen Erwartungen er jedoch in keiner Weise erfüllen konnte oder wollte. Später sieht Uwe in ihm den Recyclingnachwuchs, der mit demselben Elan wie er selbst die Abfallwirtschaft wird vorantreiben können.

Das Buch lebt von den Figuren, die liebevoll gezeichnet wurden und echte Persönlichkeit haben und sich nicht nur auf wenige Charakterzüge beschränken. Die Mischung auf dem Recyclinghof schafft eine besondere Spannung: der ernsthaften Chef, der fast pedantisch korrekt ist und in seiner Arbeit zugleich einen Bildungsauftrag an den Bürgern sieht; João, der den Hauptberuf als günstige Quelle für seine Nebengeschäfte nutzt; Arturo, der einfältige Gehilfe, der jedoch unerwartet über künstlerische Fähigkeiten und pragmatische Lösungen verfügt; Philipp, der eher zurückgezogene Träumer, der nicht genau weiß, was er im Leben möchte und sich mehr für Dinge als für Menschen begeistern kann. Diese Zweckgemeinschaft reibt sich immer wieder, zeigt jedoch im Moment der größten Not als funktionierendes Gespann, wo das Einspringen für den anderen und die notwendige Schützenhilfe selbstverständlich sind. Durch und durch menschlich erscheinen sie, keiner ohne Macke und Fehler und gerade dadurch so sympathisch.

Daneben sind es die kleinen Beobachtungen, die im Buch zutage treten und einem durchaus innehalten lassen: die Frage danach, in welchem Überfluss wir leben und es uns erlauben, sogar noch funktionstüchtige Apparate zu entsorgen. Die selbstverständliche Erwartung, dass jeder eine Karriere anstreben muss und das Einkommen als natürlicher Maßstab für Erfolg und Glücklichsein.

Philipp als Erzähler wurden von Jens Steiner auch passende Formulierungen in den Mund gelegt, die immer wieder zu einem Schmunzeln führen. Das holprige Deutsch der Portugiesen ist herrlich ohne diese zu verunglimpfen, wenn sie beispielsweise „die Sache von die Angelegenheit“ besprechen und sie den „Wegwerf rezikeln“.  Bisweilen wird es gar philosophisch und ernsthaft, denn mit Philipp hat Steiner einen beobachtenden Protagonisten geschaffen, der mit einer innerlichen Distanz unsere Welt betrachtet und infrage stell: „Die Niedertracht der Welt, in der ich lebte, bestand darin, dass jede Generation noch ein bisschen mehr aus sich herauszuholen hatte als die vorherige“ (S. 135)

Ein unterhaltsamer Roman, der durchaus auch zum Nachdenken anregt.

Stefan Ferdinand Etgeton – Das Glück meines Bruders

Etgeton_Glück.indd
Stefan Ferdinand Etgeton – Das Glück meines Bruders

Ein letztes Mal wollen die Brüder Botho und Arno van Dijk in das belgische Dörfchen Doel fahren, wo einst ihre Großeltern lebten. Das Dorf wird bald nicht mehr sein, der Hafen wird ausgebaut und die Bewohner mussten weichen. Doch die Jungen haben noch ihre Kindheitserinnerungen dort, jeden Sommer haben sie an der Küste verbracht. Angekommen müssen sie jedoch feststellen, dass von ihrer Kindheit nicht mehr viel geblieben ist. Die Menschen sind weggezogen oder gestorben und auch ansonsten erkennen sie nicht mehr viel wieder. Doch dann werden Botho und Arno eingeholt, der eine spricht zum ersten Mal über das, was nie gesagt wurde und doch sein ganzes Leben bestimmt hat. Der andere macht sich auf das Mädchen nochmals zu treffen, die vielleicht seine Partnerin fürs Leben hätte werden können. Der Schritt nach vorne im Leben beginnt zunächst für beiden mit vielen Schritten zurück in die Vergangenheit.

Stefan Ferdinand Etgeton hat keinen leichten Roman geschrieben. Die beiden Brüder tragen ein schweres Erbe, das jedoch völlig verschieden ist, sie aber jeweils daran hindert, das Leben zu leben, das sie leben wollen. Mit Anfang 30 sind sie eigentlich erwachsen und doch verharren sie noch in der Jugend. Der Zeitpunkt, sich den Dämonen zu stellen, scheint gekommen und damit werden sie recht typische Vertreter ihrer Generation: immer geht es automatisch weiter und das Leben findet in einem so hohen Tempo statt, dass für Innehalten keine Zeit bleibt. Bis der Tag gekommen ist, an dem die essentiellen Fragen gestellt werden: wer bin ich? Wo komme ich her? Wer will ich sein?

Viele Themen werden fast nebenbei angerissen, sind aber für die zentrale Frage dessen, was die Persönlichkeit bestimmt, von wesentlichem Belang. Missbrauchserfahrungen aus der Kindheit, die nie verarbeitet wurden und nicht zwangsweise aber doch häufig in Suchtverhalten und einer gewissen Lebensunfähigkeit enden. Das Verhältnis von Eltern und Kindern, das dann problematisch wird, die Erwartungen der einen Seite und die Träume der anderen auseinanderklaffen. Das Verharren im was-hätte-sein-können, das lähmt und einem daran hindert das zu tun, was man eigentlich tun möchte.

„Das Glück meines Bruders“ – man fragt sich am Ende, wer von den beiden das Glück gefunden hat und worin es besteht. Es scheint als würde die Ausgangskonstellation umgekehrt und der geerdete Botho mit dem bürgerlichen Job als Lehrer gerät in die Rolle des Verlorenen, des Suchenden, dem alle Bezüge zur Realität fehlen, während Arno sich in einer funktionierenden Beziehung mit geregelter Arbeit und einem offenbar hohen Maß an Zufriedenheit wiederfindet.

Wie fragil ist das Glück, das wir empfinden, wenn es durch einen Besuch an einem Ort der Vergangenheit zerbrechen kann? Und wie stabil ist unser Selbstbild – oder ist es doch nur eine gesellschaftliche Rolle, die wir annehmen und die uns gerade passt, vielleicht aber irgendwann zu eng wird? In einer Zeit, die von schnellem Wandel geprägt ist, in der von uns allen erwartet wird, dass wir flexibel und mobil sind, unsere Zelte hier ab und anderer Stelle wieder aufbauen und uns immer wieder auf Neues einstellen sollen, wird die Frage der Identität möglicherweise viele Menschen in einen ähnlichen Strudel stürzen wie Etgetons Protagonisten. Dies könnte tatsächlich eine der Hauptfragen unserer Gesellschaft werden. Bemerkenswert, wie man ein solches Thema doch in einem lockeren und oftmals unterhaltsamen Ton umsetzen kann.

Lawrence Osborne – Beautiful Animals

lawrence-osborne-beautiful-animals.png
Lawrence Osborne – Beautiful Animals

Summertime, best to spend on the Greek island of Hydra where the Codringtons possess a villa up on the hill. Yet, while the art collector Jimmy and his second wife Phaine are relaxed, Jimmy’s daughter Naomi seems to have fled London where she just lost her job under mysterious circumstances. First timers on the island are the American family Haldane who enjoy themselves among other compatriots. Their daughter Samantha, slightly younger than Naomi, is soon impressed by the English young woman who not only knows every corner of the island, but who is also self-confident and slightly intimidating. One day, they meet a young man, obviously one of the refugees from the Middle East. Sam would prefer to retreat and not to make contact whereas Naomi’s interest is aroused. For days, they meet him repeatedly until Naomi, out of ennui, draws up a plan of how to support the poor refugee: her family is super-rich, so getting rid of a couple of things in their house does not harm anybody. With the help of the housekeeper, the Arab is to break in and rob the Codringtons. Yet, the scheme does not work out as planned and the girls suddenly have to think of what to do with two bodies.

Lawrence Osborne’s novel starts like the perfect summer read. He depicts the atmosphere of the island in a colourful and authentic way. How the people move around, how relaxed everybody seems to be, but also the way in which the local people slightly stay away from the holidaymakers. The girls spend their days in the water, enjoying the sun – it’s almost too perfect. With the appearance of the refugee, the tone changes and we get to see another side of Naomi. This is where the novel starts to become really interesting.

It is especially this character that is fascinating to observe. She can be the loving daughter – she plays this role perfectly for her father who is aware of it, but on vacation he can ignore negative thoughts and he can still see his wife in the girl. Her stepmother Phaine is less easy to impress, but here, Naomi chooses the open confrontation. Towards the islanders, she is rather cold-shouldered and arrogant. She makes use of the people just as her needs demand it, she openly exploits the housekeeper and forces her to become an accomplice. In contrast, Sam has an innocent air, she is a bit naive and quickly impressed. Thus, she easily becomes Naomi’s victim and is blackmailed by her. Only when it is too late, Sam learns that people on the island consider Naomi possessed, even demonized. Naomi herself knows exactly what she is doing and why she treats people in the way she does:

“It was just an attraction. It was a matter of gravity. It was her influence over them that was attractive too, their reluctant malleability. She couldn’t understand why people were like that.“

She makes use of them simply because she can. When the situation gets out of hand, she keeps calm and manages everything. There is no regret, not even a tear – considering the fact that she has lost her father, she seems to be really cold-blooded here. As a gifted liar, she does not mean to much effort for her to set up a story. Just like the mythological Hydra, Naomi is some kind of poisonous serpent and no loss is a real defeat. Sam, on the contrary, will be haunted her whole life.

The story around Naomi is really enthralling and her behaviour and manipulation repellent at the same time. When the focus shifted away from her to the refugee fleeing from Hydra, it therefore became a bit uninteresting for me. Even though this part is important and definitely full of suspense, it was more centred around the action and less around the character.

It is often said that the initial sentence of a novel is most decisive. Here, however, in my opinion, it’s the opposite. Lawrence Osborne find a remarkable closing of the novel which concentrates much of the story in just three sentences:

“Life was full of such people. One didn’t know anything about them, even though they occupied a position of utmost importance in one’s life for a time. They were like shooting starts, flaring up for a brilliant moment, lighting up the sky even for a few lingering seconds, then disappearing forever.“

 

Husch Josten – Hier sind Drachen

husch-josten-hier-sind-drachen
Husch Josten – Hier sind Drachen

Wieder ein Anschlag, wieder ein Job für die Journalistin Caren. Nach dem verheerenden Attentat am Abend des 13. November 2015 in Paris, macht sich die junge Reporterin auf von London in die französische Hauptstadt, um für ihre Zeitung vor Ort zu recherchieren. Anschläge wurden ihr Spezialgebiet, nachdem sie unerklärlicherweise den 11. September in New York und auch den Boston Marathon unversehrt überlebt hat. In Heathrow wartet sie auf das Boarding, doch es kommt zu einer Verzögerung.  Plötzlich wird ihr Gate umstellt, die Fluggäste sind abgesperrt und eingesperrt und eine Zwangsgemeinschaft entsteht. Caren kommt mit einem älteren Herrn ins Gespräch, der die Lage mit stoischer Ruhe über sich ergehen lässt. Er liest weiterhin in Wittgensteins „Tractatus“ als wenn es die Welt um ihn herum nicht gäbe. Caren versucht mit ihrem Presseausweis etwas in Erfahrung zu bringen, doch die Mitarbeiter des Flughafens sind angespannt, also plaudert sie weiter wartend mit „Wittgenstein“ über dessen Zufallsforschung und die Frage, wie ein Journalist die eine Geschichte, die noch nie berichtet wurde, finden und erzählen kann. Und plötzlich ist sie da, die unglaubliche, nie erzählte Geschichte.

Husch Jostens Roman „Hier sind Drachen“ weckt zunächst Erwartungen, die sich völlig in sich auflösen. Der Titel, der alte Seefahrerspruch zur Kennzeichnung der noch nicht betretenen und erforschten Gebiete, lässt auf eine Reise hoffen, durchaus an einen unbekannten Ort und der Flughafen ist ein passender Ausgangspunkt. Tatsächlich verlassen wir diesen jedoch quasi nicht, fast die komplette Handlung spielt sich im Wartebereich ab. Die zweite Falschannahme ergibt sich aus der Seitenzahl, die mit 160 Seiten einen kurzes Lesevergnügen erwarten lässt. Allerdings weist der Roman eine solche inhaltliche Dichte auf, dass ein Lesen ohne Pausen für mich nicht möglich war und ich viele Passagen – insbesondere die philosophischen Gedanken der beiden Protagonisten – mehrfach lesen musste, damit mir nichts entgeht.

Es ist auch nicht einfach zu bestimmen, worum es in dem Buch eigentlich geht. Gerade durch das unerwartete Ende wird der Fokus nochmals völlig verschoben und es bleiben unzählig viele Themen und Gedankenansätze, die alle in sich wichtig und beachtenswert sind. Der Roman beginnt mit der Frage, was der Terror, wie wir ihn seit einigen Jahren in Europa erleben, mit uns als Beobachter oder gar Zeugen macht. Caren leidet zunehmend. Konnte sie die beiden Ereignisse in den USA noch erstaunlich gut durch ihren Job verarbeiten und sogar fruchtbar damit umgehen, war ihr der Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo unerklärlich nahegegangen – vor allem vor dem Hintergrund, dass sie dieses nicht unmittelbar miterlebte. Niemand wird die Nachrichten dieser Horrorszenarien verfolgen können ohne nicht an einem Punkt ganz persönlich auch getroffen zu werden. Doch wie soll man als Individuum und wir als Gesellschaft damit umgehen?

Der weniger konkrete, nicht auf den unmittelbaren Alltag bezogene Aspekt, der sich durch das ganze Buch spinnt, ist die philosophische Frage nach dem Geschichtenerzählen und die Frage, ob es noch eine Geschichte geben kann, die noch nie erzählt wurde. Welcher Journalist träumt nicht davon, mit dieser einen Reportage zu Ruhm und Anerkennung zu gelangen? Doch Geschichten gab es schon lange vor dem Journalismus, das Erzählen ist so alt wie die Menschheit selbst und eines der wenigen kulturübergreifenden und –verbindenden Dinge. Doch die Geschichte lebt nicht nur von ihrem Erzähler, denn sie erhält ihren Sinn erst durch den Zuhörer oder Leser, der etwas damit anfangen kann und den Worten einen Sinn zuschreibt.

Neben diesen beiden ganz großen Themen, werden Fragen nach Werten im Leben, der Lebensgestaltung als solches und den Beziehungen aufgerissen. Mit Carens Lebensgefährten wird der Figur und damit dem Leser gnadenlos vor Augen geführt, wie wenig man manchmal seine Mitmenschen und Liebsten kennt. Nach all der Philosophiererei über Geschichten: hören wir einander zu? Und ist das, was bei uns ankommt auch das, was gesagt werden wollte?

Ein durchaus herausfordernder Roman, der dem Leser, der sich auf ihn einlässt, viel zu bieten hat und weit über die Lektüre hinaus begleitet. Der Sinn entsteht beim Lesen im Leser und Husch Josten macht ein sehr großes Angebot. Daneben bietet er sogar noch einen Plot mit Spannung und recht unerwarteten Wendungen – im Ganzen ein Roman, wie er eigentlich unmöglich zu schreiben ist.