Marion Messina – Fehlstart

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Marion Messina – Fehlstart

Das Abitur bestanden, steht ihr die Welt im egalitären Frankreich offen. Sie weiß, wofür sie all die Jahre hart gearbeitet hat, doch dann muss Aurélie Lejeune eine herbe Enttäuschung nach der anderen erleben. Das Jurastudium an der Universität von Grenoble ist uninspiriert, mit ihren Kommilitonen verbindet sie nichts und zunehmend begreift sie sich als Außenseiterin. Mit den kolumbianischen Austauschstudenten scheint sie viel mehr zu verbinden und in Alejandro, den sie bei ihrem Nebenjob als Putzfrau kennenlernt, verbindet sie bald schon eine innige Liebe. Doch als dieser der Enge der Kleinstadt entflieht, fällt auch Aurélies Leben in sich zusammen, es stand ohnehin nur auf tönernen Füßen. In Paris hofft sie auf einen Neuanfang und die Realisierung ihrer Träume, die sie eigentlich schon gar nicht mehr hat. Sie will ihre soziale Herkunft als Kind einer Arbeiterfamilie hinter sich lassen, sieht sich bald aber schon einer viel prekäreren Situation ausgesetzt als ihre Eltern es jemals erlebt hatten.

In ihrem Debutroman stellt Marion Messina gleich mehrere Mythen ihres Heimatlandes infrage. An ihren jungen Protagonisten zeigt sie auf, dass das voller Versprechen begonnene Leben sich oftmals anfühlt, als sei es schon vorbei, bevor es überhaupt begonnen hat, wie die ungeliebte B-Seite einer Schallplatte, die niemand hören will und die nur die Aufgabe hat, einen eben noch vorhandenen Platz zu füllen, an die jedoch nicht die geringsten Erwartungen gestellt werden. Wofür soll man in dieser Existenz kämpfen? Die Wirtschaftskrise von 2008, die ganz Europa unerwartet und heftig packte, hat vor allem die Jungen und Gebildeten getroffen, die sich nach jahrelanger Mühe um beste Startchancen um ihr Leben betrogen sahen, ein klassischer „Fehlstart“, sie waren zur falschen Zeit am falschen Ort.

Messina zeichnet ein erbarmungsloses Portrait einer Gesellschaft und einer Generation, das wenig Mut und Hoffnung macht. Wo sich Alejandro einer omnipräsenten Xenophobie in einem sich selbst als weltoffen und tolerant wahrnehmenden Land ausgesetzt sieht, fühlt sich Aurélie aufgrund ihrer sozialen Herkunft ausgeschlossen, sie kennt die Codes der Kleidung, des Verhaltens und der Sprache nicht und ihre Eltern sind schon lange nicht mehr in der Lage, sie zu unterstützen. Sie soll doch mit dem bescheidenen Dasein, wie sie es selbst führen, zufrieden sein. All die Bemühungen und der Verzicht werden sich nicht auszahlen, das elitär organisierte Land hat keinen Platz für Emporkömmlinge. Das muss auch Benjamin erkennen, der einzige Freund, den Aurélie in der 12 Millionen Metropole gefunden hat und der nach jahrelangem Ackern bereit ist, aufzugeben und in die Provinz zurückzukehren.

Insbesondere das Bild der Arbeitswelt, in der die Angestellten in den niedrigen Positionen nicht nur schnell austauschbar sind, sondern die durch vorgegebene Kleidung, Make-up und Phrasen auch austauschbar wirken und dafür mit dem Mindestlohn abgespeist werden, der kaum ausreicht, um Wohnung und ausreichend Nahrung zu finanzieren, wirkt brutal, aber authentisch. Die prekäre Existenz mit Zweit- und Drittjob laugt sie so dermaßen aus, dass sie gar nicht mehr am Leben teilnehmen und von Paris außer den Gängen der U-Bahn nichts mehr sehen. „Métro-Boulot-Dodo“ wird so nicht mehr nur ein ironisches Wortspiel, sondern schlichtweg Realität.

Marion Messina untermauert die falschen Versprechungen sprachlich versiert, in kursiv erscheinen die immer wieder bemühten Phrasen, die sich jedoch als leere Worthülsen entpuppen. Ihr Roman erschien 2017 noch vor den aktuellen Protesten der Gilets Jaunes, sie legt aber den Finger in genau dieselbe Wunde und erfüllt damit eine der wesentlichen Aufgaben der Literatur: sie hält der Gesellschaft und vor allen denjenigen, die diese lenken, den Spiegel vor, in dem sie bei genauen Hinschauen eine schmerzverzerrte Fratze erkennen können. Auch 2020 noch einer DER Romane der Stunde.

Ein herzlicher Dank geht an den Hanser Literaturverlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Buch und Autorin finden sich auf der Verlagsseite.

Angie Cruz – Dominicana

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Angie Cruz – Dominicana

Ana has always been an extraordinarily pretty child, so when she becomes a teenager, her parents see this as a chance to escape their poor situation. At the age of fifteen, she is married to one of the Ruiz brothers, a family making a fortune in the US which allows them to control more and more land in the Dominican Republic. Ana has to follow her new husband to New York where she lives in a poor, rundown apartment and the promises of being able to go to school are soon forgotten. She has to serve Juan and his brothers and if she doesn’t obey or dares to speak up, he shows her with brutal force who has the say in their home. She becomes more and more desperate and finally develops a plan to flee, but she underestimates her new family.

Angie Cruz’s novel is set in the 1960s, but her protagonist’s fate could be as real in 2020. Young and naive girls fall prey to seducing men or are forced by their parents to leave their home country for a supposedly better life abroad where they, with the status as an illegal immigrant, hardly have a chance to escape their domestic situation which is often marked by poverty, oppression and being exposed to violence of all kinds by their domineering husbands. Dependence due to lack of language knowledge often combined with isolation makes them sooner or later give up all opposition and succumbing to the life they are forced to live.

It is easy to sympathise with Ana; at the beginning, she is a lively girl with dreams and vivid emotions even though she has also experienced her parents’ strict and at times brutal education. She is quite clever, nevertheless, the new life in New York overburdens her and she needs some time to accommodate and develop coping strategies. However, then, she becomes the independent thinker I had hoped for, but never egoistically does she only think about herself, she also reflects what any step could mean for her family at home whose situation with the political turmoil of 1965 worsens dramatically.

A wonderful novel about emancipation and a strong-willed young woman which allows a glance behind normally closed doors.

Sigrid Nunez – Der Freund

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Sigrid Nunez – Der Freund

Nachdem ihr Mentor und bester Freund sich selbst das Leben genommen hat, erbt die Ich-Erzählerin einen Hund. Kein kleines Schoßhündchen, sondern eine riesige Dogge, die viel zu groß für ihre kleine New Yorker Wohnung ist, in der sie ohnehin keine Hunde halten darf. Aber irgendwer muss das Tier ja nehmen, das genau wie sie den Verlust des Gefährten betrauert. Die Annäherung an Apollo – der einzig wirklich passende Name für ein solch imposantes und schönes Tier – ist nicht einfach, doch nach und nach finden sie zusammen in ihrer Trauerbewältigung, die sich für die Erzählerin gedanklich zwischen Erinnerungen an den Freund, literarischen Analysen und den Studenten ihrer Creative Writing Kurse abspielt. So befremdlich der neue Mitbewohner für sie zunächst ist, so groß stellt er sich emotionale Stütze heraus.

Sigrid Nunez achter Roman katapultierte die Autorin schlagartig ins öffentliche Interesse, da sie mit diesem 2018 den National Book Award gewann und für zahlreiche weitere literarische Preise nominiert wurde. Der Roman besticht weniger durch die Handlung, diese ist recht reduziert, sondern letztlich durch den geschickten Genremix, der Nunez überzeugend gelungen ist. Literarische Betrachtungen, philosophische Spaziergänge, Erinnerungen, psychologische Analyse und geradezu banale Alltagssorgen im Zusammenleben mit einem Hund werden durch eine mal melancholische, mal heitere, mal fast wütende Erzählstimme zusammengehalten.

Im Zentrum steht Apollo – die einzige Figur, die einen Namen erhalten hat. Apollo hat keine Vergangenheit, er war irgendwann einfach da, und aufgrund seines Alters hat er auch keine Zukunft. Ebenso wie die Erzählerin trauert er offenkundig und die Frage, wer eigentlich wen tröstet, wer wessen Trauerbegleiter ist, bleibt letztlich offen.

Besonders gefallen haben mir die Grübeleien über das Schreiben und die Literatur, die Nunez mit pointiert ironischem Unterton präsentiert.

„Wenn Lesen die Fähigkeit zur Empathie tatsächlich fördert, wie uns ständig erzählt wird, dann scheint Schreiben sie zu vermindern.“

Die Überhöhung der Autoren, die in der Realität jedoch oft ein prekäres Dasein führen und häufig das Hadern mit ihren Emotionen und ihrer psychischen Instabilität als primäre Inspirationsquelle nutzen, greift sie direkt an und stürzt die Literaten vom gesellschaftlichen Thron. Doch wer eine Gedenkfeier nicht zum Erinnern an den Verstorbenen, sondern zum Netzwerken nutzt, hat es wohl auch nicht besser verdient. Nicht viel besser ergeht es den akademischen Institutionen, an denen keine kritische Auseinandersetzung und offene Diskussion ohne Rede- und Denkverbote mehr erfolgt, sondern die sich mit selbstauferlegten Beschränkungen vor Sorge um die augenscheinlich immer geringer werdende Belastbarkeit der Jugend zunehmend selbst in ihrer Gedankenwelt limitieren.

Unprätentiös und erfrischend amüsant lässt uns die Erzählerin an ihren Gedanken teilhaben und erfindet so den wahren literarischen Freigeist neu und macht neugierig auf ihre früheren Werke.

Antonio Ruiz-Camacho – Denn sie sterben jung

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Antonio Ruiz-Camacho – Denn sie sterben jung

Noch machen die Mädchen Pläne für ihrem Sommertrip nach Italien, doch sie ahnen nicht, dass sich das Leben des gesamten Clans schlagartig ändern wird. Als der Patriarch José Victoriano Arteaga nicht nach Hause kommt, ist seiner Familie schnell klar, was geschehen sein muss, denn das Leben in Mexico Stadt folgt klaren Regeln und die werden vom Gesetz der Straße bestimmt. Zu bleiben ist keine Option und so flüchten sich die Familienmitglieder in die USA und nach Europa, wo sie zwar Sicherheit, aber nicht unbedingt das Glück finden. Acht Kapitel, acht Neuanfänge in der Fremde und eine Familie, die sich langsam verliert und auf unterschiedliche Weise nicht ankommt.

Wenn man Meldungen au Mexico verfolgt, sind die meist durch Gewalt, Bandenkriege und Drogenkartelle bestimmt. Die Oberschicht verschanzt sich hinter hohen Mauern und allerlei Sicherheitsvorkehrungen, am anderen Ende der Gesellschaft kämpft man täglich ums Überleben. Carlos Ruiz-Camacho ist in dieser Welt aufgewachsen, als Sohn eines Unternehmers ist er in der Umgebung großgeworden, die auch die Mitglieder der Familie Arteaga kennen, seit mehr als zehn Jahren lebt der Journalist jedoch in Texas und berichtet über die schwierige Situation in seiner Heimat, vor der sich nur wenige flüchten können.

So verschieden die einzelnen Charaktere, so verschieden sind auch die Geschichten, die sie in der neuen Heimat erleben. Nur verbunden durch die Blutsbande und den Patriarchen, der aus dem Off kommentiert, ergibt sich erst in der Gesamtschau ein Bild der Familie, die glücklicherweise durch einen Stammbaum zu Beginn des Buchs dargestellt wird. Manche der Stories haben mich mehr berührt, wie etwa die des achtjährigen Bernardo, der wider Willen nach Palo Alto verfrachtet wurde und dort einfach nicht ankommt, sondern nur auf die Rückkehr nach Hause wartet. Die Teenager Homero und Ximena sind unterdessen in Manhattan auf sich allein gestellt, wann und ob die Eltern wieder kommen, bleibt unklar, nur dass die Ratten in ihrer schäbigen Unterkunft Obdach gefunden haben, steht außer Frage. Auch die Geliebte des Patriarchen und ihr gemeinsamer Sohn versuchen sich mit der Situation zu arrangieren, wobei sie lange gar nicht ahnen, in welcher Gefahr sie womöglich schweben.

Das Debüt wurde von den Feuilletons insgesamt sehr positiv aufgenommen und tatsächlich kann jede einzelne Erzählung durch den genau passenden Ton für die jeweiligen Protagonisten überzeugen. Interessant ist auch, dass nicht das Gewaltverbrechen im Zentrum steht, sondern das, was mit den Personen drumherum geschieht, deren Leben schlagartig völlig aus der Bahn geworfen wird. Ein erhellender und unterhaltsamer Blick in eine mir völlig fremde Welt, der mich auch neugierig auf Literatur aus Mexico machen konnte – für mich ein weitgehend blinder Fleck in der Literaturlandschaft.

Garth Greenwell – Cleanness

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Garth Greenwell – Cleanness

An American teacher comes to Sofia, Bulgaria, to teach his mother tongue to students who hope to find a better life abroad with a good knowledge of the world language. While the work is satisfying, his love life has become a lot more complicated since homosexuality is not something that is openly shown in the eastern European country. In a Portuguese exchange student, he finds his love, but things are complicated with the countries’ economies struggling and offering not much to foreigners.

The narrator finds himself in a surrounding which differs a lot from his life before, he roams the streets of Sofia discovering and re-discovering old and mysterious places, being lost physically and emotionally. The political and economic situation aren’t easy either which makes it hard for him to fully enjoy his time in this country of wild nature and rich history.

Greenwell definitely has an eye for the details, e.g. the wind playing outside or hitting the windows and smoothly running over his characters’ backs and brilliantly captures his protagonist’s emotional state. Even though the chapters are often like independent episodes, together they form a complete picture. Just like them, all the narrator experiences are pieces of a mosaic that are unique when look at closely, but you have to take a step back to get the full picture.

Some very interesting observations put in a beautiful language, yet, the mass of explicit scenes annoyed me a bit, a lot of it could have been left to the readers’ imagination.

Elizabeth Harrower – Die Träume der anderen

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Elizabeth Harrower – Die Träume der anderen

Als der Vater von Laura und Clare unerwartet stirbt, steht die Mutter mit den beiden Mädchen alleine da. Sie konnte noch nie viel mit ihnen anfangen und beabsichtigt auch jetzt nicht, sich um sie zu kümmern. Laura, die Ältere, soll auf eine Hauswirtschaftsschule, der Traum vom Medizinstudium oder als Opernsängerin ihren Lebensunterhalt zu verdienen, soll sie halt aufgeben. Die Jüngere hat noch keine Träume und als sie in das Alter kommt, welche zu entwickeln, wird auch ihr die Entscheidung abgenommen. Die Mutter beschließt Australien trotz des wütenden 2. Weltkrieges gen England zu verlassen und da Lauras Chef ohnehin noch Bedarf an einer Gattin hat, kann er das Mädchen ja heiraten und sich auch gleich um Clare kümmern. So kommen die beiden aufgeweckten und neugierigen Frauen von einem Haushalt, in dem sie von jung an auf sich alleine gestellt waren in die Fänge eines kontrollsüchtigen und jähzornigen Eigenbrötlers.

Elizabeth Harrower wurde 1928 in Sydney geboren und hat bis Ende der 1960er vier Romane verfasst, von denen jedoch bislang nur einer in deutscher Sprache verfügbar war. „Die Träume der anderen“ ist die zweite Übersetzung, die mehr als 50 Jahre nach der Veröffentlichung entstand. Bemerkenswert – und auch erschreckend – daran ist, dass die Autorin den Zeitgeist damals ebenso wie heute eingefangen hat und das Buch quasi keinerlei Aktualität eingebüßt hat.

„‘Aber gibt es nicht irgendetwas, was du gern sein möchtest?‘ Das Mädchen betrachtete sie. Laura zwang sie unglücklich zu sein. Aber das wollte sie nicht sein. Und wenn doch, dann in ihrem eigenen Tempo und aus ihren eigenen gründen.“

Die Schwestern und ihre Träume bilden den Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Interessanterweise beginnt das Buch mit der Präsentation einer recht unabhängigen Frau. Die Mutter der beiden ist hochgradig selbstbestimmt, dies geht sogar so weit, dass sie die Mutterrolle einfach ablegt und sich nicht verantwortlich erklärt. Sie verlässt ihre Töchter, um ihren eigenen Ideen nachzujagen und taucht auch später nicht mehr auf. Die vermeintlichen Freiheiten der Töchter werden jedoch durch die finanzielle Situation massiv eingeschränkt und so müssen sie sich dem Schicksal letztlich fügen.

Musste Laura früh schon die Last für ihre kleine Schwester mittragen nachdem die Eltern ausgefallen waren, drängt sie ihrerseits die Jüngere nun in die Zwangsgemeinschaft und fordert von ihr, das Leid im neuen Haushalt des Chefs mitzutragen. Es ist weniger Böswilligkeit aus dem Gedanken, dass die anderen nicht haben soll, was sie nicht bekommen konnte, als das Wissen, alleine das Leben an der Seite von Felix Shaw nicht ertragen zu können. Doch Clare kann und will sich nicht einfach einfügen und beginnt ihre Rebellion.

Der Roman leidet für meinen Geschmack unter etlichen Längen und dreht sich wiederholt im Kreis. So mühsam das Lesen an diesen Stellen wird, so beschwerlich gestaltet sich auch das Leben der Mädchen. In dieser Hinsicht ist die Passung sehr gut, überzeugt mich jedoch nicht wirklich. Auch fand ich es etwas schade, wie die Figur von Laura, die mir im ersten Teil sehr gut gefallen hat, so viel an Persönlichkeit verliert und immer mehr zur Puppe verkommt, die von Schwester und Ehemann nur noch benutzt und hin und her geschubst wird. Sicherlich war Emanzipation und völlige Entscheidungsfreiheit 1966 für junge Frauen eher im Bereich der Utopie angesiedelt, aber wäre es nicht gerade da wünschenswert gewesen, wenn die Literatur Ideen geliefert hätte und Modelle zur Orientierung hätte bieten können? Ein toller Anfang, den jedoch dann der Mut verlässt und mich am Ende etwas unglücklich mit der Geschichte zurücklässt.

David Diop – Nachts ist unser Blut schwarz

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David Diop – Nachts ist unser Blut schwarz

Sie haben ihre Heimat im Senegal verlassen, um an der Seite ihrer Kolonialherren gegen die Deutschen zu kämpfen. Alfa Ndiaye und sein bester Freund Mademba Diop befolgen gemeinsam die Befehle des Kommandanten, liegen gemeinsam im Schützengraben und erleben gemeinsam die Gräuel des Krieges. Sie erleben, wie schnell sich der Hass der Franzosen gegen die Senegalschützen, oder abfällig auch “Schokosoldaten“, richtet, als eine Gruppe sich dem Befehl verweigern. Als Mademba in seinen Armen stirbt, stirbt auch etwas in Alfa. Er wird zu dem, was die Franzosen schon immer in ihm gesehen haben: ein Wilder. Wie besessen stürzt er sich fortan in den Kampf, nicht mehr nur um den Feind zu töten, sondern um diesen auch noch zu verstümmeln. Und mit jedem Tag wächst auch die Angst seiner Kameraden vor ihm.

David Diop schreibt in seinem Debutroman, der 2018 mit dem Prix Goncourt des lycéens ausgezeichnet wurde, über eine vielfach verdrängte Episode in der langen und oftmals entsetzlichen französischen Kolonialgeschichte. Dass tausende Schwarzafrikaner auf den Feldern Nordfrankreichs ihr Leben gelassen haben, ist weithin bekannt. Nur was sie dachten, was womöglich in ihnen vorging, hat wenig Beachtung erhalten. Diop verleiht einem eine Stimme und dies gelingt ihm auch in bemerkenswerter Weise, denn er verwebt geschickt das senegalesische Erbe und die Weltsicht seines Protagonisten mit den Kriegserfahrungen in der Ferne.

„Sie haben keine Vorstellung davon, was ich gedacht, was ich getan habe, wozu der Krieg mich gebracht hat.“

Es ist eine bekannte Tatsache, dass der Krieg den Menschen zum Tier werden lässt und so wird auch Alfa von blinder Wut geleitet, um Rache für den Tod seines Freundes zu nehmen. Erst später erkennt er, was aus ihm geworden ist, was er getan hat. Er ist dem Moment, als man ihm den Wahnsinn attestiert, kann er wieder klar denken. Keiner der Soldaten wird sich von ähnlichen Taten oder Gedanken freisprechen können, sie alle sehen das Schlimmste im Menschen hervortreten und können sich selbst davor nicht schützen.

Das Band der beiden Freunde ist weitaus enger als man das in europäischem Verständnis kennt. Alfa und Mademba sind „Seelenbrüder“ (daher auch der französische Titel des Romans „Frère d’âme“), was sich gegen Ende des Romans, als Alfa in den Zwangsurlaub scheinbar in eine Psychiatrie geschickt wird, offenbart. Hier drehen die Gedanken sich nicht mehr nur um den Krieg, sondern um das, was vor der Abreise noch im Senegal geschah.

Vor allem Diops Sprache reflektiert überzeugend den Seelenzustand des Erzählers. Mantra-artig wiederholt er Sätze, ebenso wie sich seine Gedanken im Kreis drehen und er aus dem Kreislauf nicht auszubrechen vermag. Trotz der oft einfachen Wortwahl, die sehr stark reduziert wirkt, oder vielleicht auch gerade wegen ihr erscheint die afrikanische Sicht auf die Welt umso bildhafter.

Ein kurzer, aber umso eindrucksvoller Roman, aus dem eine starke und laute Stimme spricht.

Ali Smith – Herbst

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Ali Smith – Herbst

Der Sommer verabschiedet sich, geht zu Ende, wie auch das Leben von Daniel Gluck langsam aus ihm verschwindet. Mit 101 Jahren hat er viel erlebt und verbringt nun die Tage schlafend im Pflegeheim. Elisabeth besucht ihn dort regelmäßig, um ihm vorzulesen. Sie ist nicht seine Enkelin wie die Pflegerinnen denken, nicht einmal mit ihm verwandt, als Kind wohnten sie und ihre Mutter neben dem damals schon alten Mann und er hat auf ihren Spaziergängen nicht nur ihre Phantasie beflügelt, sondern auch ihre Liebe zu Kunst und Literatur geweckt. Vielleicht ist es gut, dass er nicht mehr sieht, wie sich die Welt verändert, nicht nur der Sommer muss weichen, sondern auch das England, das sie kannten. Das Land, das ihn einst aufgenommen hat und das nun vom Brexit gezeichnet und gespalten ist.

Ali Smiths Roman ist der erste Band eines nach den Jahreszeiten benannten Zyklus, der die Stimmung eines zerrissenen Landes mit einer ausdrucksstarken Poetik einfängt. Sie hat sich damit nicht nur endgültig in die Riege der ganz großen zeitgenössischen britischen Autorinnen katapultiert, sondern wurde hierfür auch auf der Shortlist für den Man Booker Prize 2017 honoriert.

Aus Charles Dickens‘ „Tale of Two Cities“ liest Elisabeth dem schlafenden Daniel vor. Passender als in Analogie zu der berühmten Anfangspassage des mehr als 150 Jahre alten Romans kann man die Stimmung in Großbritannien seit dem Referendum kaum zusammenfassen:

 „Im ganzen Land fanden die Leute, es sei das Falsche. Im ganzen Land fanden die Leute, es sei das Richtige. Im ganzen Land fanden die Leute, sie hätten eigentlich verloren. Im ganzen Land fanden die Leute, sie hätten eigentlich gewonnen. Im ganzen Land fanden die Leute, sie hätten das Richtige und andere hätten das Falsche getan.“

Elisabeth stellt sich jedoch nicht nur die Frage, in welcher Zeit sie lebt, sondern was Zeit überhaupt ist, ist eines der zentralen Rätsel des Romans. Ebenso wie jenes nach der Wahrheit, die die Protagonistin schon als Grundschulmädchen beschäftigt:

Es soll aber die Wahrheit sein, sagte Elisabeth. Es ist für die Nachrichten in Zeitgeschichte. Das merkt doch niemand, sagte ihre Mutter. Erfinde es selber. Die richtigen Nachrichten sind sowieso immer erfunden. Die richtigen Nachrichten sind nicht erfunden, sagte Elisabeth. Es sind Nachrichten. Über das Thema sprechen wir noch mal, wenn du ein bisschen älter bist, sagte ihre Mutter.“

Nachdem sie jahrelang den Kontakt zu Daniel Gluck verloren hatte, leben nun mit den Besuchen im Krankenhaus auch die Erinnerungen an ihre gemeinsamen Nachmittage wieder auf. Noch einmal wird sie das neugierige und wissbegierige Kind, das durch die Augen des weisen Mannes blicken und die Welt erkunden darf.

„Irgendetwas solltest du immer lesen, sagte er. Auch wenn du kein Buch in der Hand hast. Wie sollen wir die Welt sonst ergründen?“

Ist noch zu verstehen, was in England gerade geschieht? Können die Nachrichten die Stimmung einfangen und transportieren? Man sollte nicht so weit gehen wie Elisabeths Mutter, die sie als erfunden abstempelt, aber sie sind selektiv, arrangiert und mit einer gewissen Intention aufbereitet. Bleibt also nur noch die Literatur, um die Wahrheit der Welt zu ergründen? Zumindest eine Wahrheit, die der Figuren, die uns Ali Smith präsentiert. Sie könnte auch ganz anders sein, das wäre dann aber eine andere Geschichte.

Bernardine Evaristo – Girl, Woman, Other

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Bernardine Evaristo – Girl, Woman, Other

Twelve different women, twelve different fates. Bernardine Evaristo was awarded the Man Booker Prize 2019 for her novel which does not have a real plot with an all-embracing story but for each of the main characters offers a short insight in their life often at crucial turning point. Their stories overlap, are often cleverly intertwined. What they share is the fact that they address fundamental topics: first of all, I’d say “Girl, Woman, Other“ is a feminist novel since the cause of the woman in modern England, mostly the black woman, is the central topic. Apart from this, relationships, sexuality and gender identity are tackled as well as politics and what it means to be successful.

“His bredren and sistren could damned well speak up for themselves. Why should he carry the burden of representation when it will only hold him back? White people are only required to represent themselves, not an entire race.”

What does it mean to be different? To be black or brown in a predominantly white community. To be homosexual or gender fluid in a primarily heterosexual society. To be a working woman when women are supposed to stay at home to take care of the children and the household. Even when the point of disdain has been overcome, the problems and strange reactions have not necessarily and quite often, the singular example who enters a new community has to represent a whole group and loses his or her individuality.

What the characters unites is to differ from the mainstream which does not go unnoticed and uncommented. Most of them go through a tough time which leaves them stronger and makes it easy to empathise with them. The characters are complex, their lives are complicated and at the end of their chapter, they are not the same person they were at the beginning. Which also offers the reader the chance to leave their stand point and to change perspective on certain topics.

The novel is full of life and with the award, the spotlight has been turned on to black female and queer literature which have been awfully underrepresented in literary discussion. This is surely one of the strongest novels of 2019 since it contributes to the ongoing public discourse.

Eileen Pollack – The Professor of Immortality

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Eileen Pollack – The Professor of Immortality

Since her husband Sam has died, Ann Arbor professor Maxine Sayers feels lonely. She fully dedicates her life to her Institute of Future Studies where she researches the effects of technology on the people knowing that, eventually, her small world might be closed down as they do not produce anything commercially useful. When her son Zach quits his Silicon Valley job without a warning and vanishes without any further notice and her mother’s health deteriorates, she feels quite depressed. But things become even worse when a series of bomb attacks by the so-called “Technobomber” remind her of incidents of the past: might her son be involved in these terrorist doings? When his former MIT professor is seriously hurt, she knows that she has to find him and she has the bad feeling that she knows who is behind it all.

When reading Eileen Pollack’s novel, I was immediately reminded of the Unabomber Ted Kaczynski who bears a lot of resemblance to one of the main characters in the novel. The author might be inspired by these events, yet, they are not the main and only focus in the book. Pollack writes about family bonds, about the loss of a beloved person, technology, feminism and chauvinism in the academic world, and, first and foremost, about the question of how we want to live and what is important for us. Once I started, I was totally immersed and read the book in just one sitting which is also due to the fact that towards the end, it becomes a suspenseful crime novel.

Even though most of the issues addressed in the novel are interesting and provide some food for thought, Maxine’s teaching was the one that stimulated my pondering most. Especially the scenes of her classroom where she discusses the impact of technology and questions about how far we are willing to following technological advances are superb. Unfortunately, this topic is a bit abandoned for the Technobomber plot line which also has some fascinating psychological aspects to offer but was a bit weaker in my opinion.

A rather unusual combination of campus and crime novel that provides not only much to think about but also a lot of suspense.