Joshua Ferris – Männer, die sich schlecht benehmen

Maenner die sich schlecht benehmen von Joshua Ferris
Joshua Ferris – Männer, die sich schlecht benehmen

„Was tut ein Mann – und ich meine einen echten Mann, also, was tut ein echter Mann –, wenn er weiß, dass er einen Fehler gemacht hat?”

Dies ist eine der Fragen, die sich die Figuren in Joshua Ferris Geschichten stellen. Es geht um Beziehungen, meist zwischen Männern und Frauen, manchmal aber auch zwischen Männern und ihrer Umwelt im Allgemeinen, und all den Hürden, die diese tagtäglich mit sich bringen. Muss man die Freunde des Partners automatisch auch mögen und diverse gemeinsame Abende aushalten? Wie kommt man auf einer VIP Party am besten an, steht nicht blöd da und überwindet seine Menschenscheu? Wie erklärt man den Schwiegereltern einen Seitensprung und dass einem die eigene Frau gerade offenkundig verlassen hat? Leicht haben sie es alle nicht, aber ganz unverschuldet sind sie aber auch nicht in die kurzen Ausschnitte ihres Lebens geraten.

Joshua Ferris‘ Kurzgeschichtensammlung war mir nach Erscheinen im Original bereits aufgefallen, wo man sich allerdings mit „The Dinner Party and Other Stories“ für einen weitaus passenderen und nicht ganz zu verschreckenden Titel entschieden hat. „Männer, die sich schlecht benehmen“ hat einen Preis für nicht nur unglaublich schlechte Passung zum Inhalt, sondern auch für marktschreierisches Fishing for Aufmerksamkeit verdient, was das Buch eigentlich nicht verdient hat.

Im Zentrum der Geschichten stehen Männer und oft auch Frauen gemeinsam, denn die Beziehung, die sie verbindet, befindet sich an einem kritischen Scheidepunkt: geht es doch hoch gemeinsam weiter oder werden sich die Wege trennen? Die bestehenden Konflikte sind einem als Leser oftmals gut bekannt: Erwartungen, die der Partner nicht erfüllen kann; der Wunsch nach einem Leben, das einfach anders ist als das, in dem man sich gefangen fühlt. Die Figuren sind nicht immer Sympathieträger, ganz im Gegenteil, der Autor straft sie und ihr Verhalten oftmals auch mit feiner Ironie ab. Eine gewisse Neurotik und Selbstbezogenheit kann man kaum übersehen, aber dies macht die Figuren auch verwundbar und an dieser Stelle trifft Ferris sie und er wählt gerade einen der verletzlichsten Momente aus, der in der jeweiligen Geschichte dargestellt wird.

Nicht alle Geschichten konnten mich gleichermaßen überzeugen, mit mancher Konstellation konnte ich mehr anfangen als mit anderes, auch die Figuren sprechen mal mehr an, mal weniger. Insgesamt aber eine kurzweilige Sammlung, die vor allem durch die scharfe Beobachtungsgabe und treffsichere Umsetzung des Autors überzeugt.

Julia Rothenburg – Koslik ist krank

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Julia Rothenburg – Koslik ist krank

Was war passiert? So genau kann sich René Koslik nicht erinnern und jetzt ist er in einem Freiburger Krankenhaus. Es muss wohl eine Art Anfall gewesen sein, aber das werden die Ärzte herausfinden. Wohl fühlt er sich nicht in dieser Parallelwelt, in der ihm auch alles so fremd vorkommt. Vom Akademiker, der in seinen Kursen das Heft fest in der Hand hat, wird er zum Objekt, an dem verschiedenste Ärzte und Pfleger irgendwelche Messungen vornehmen; er wird eingepackt in ein Auto, in eine andere Abteilung gebracht; wartet – Minuten, Stunden, Tage. Worauf? Das muss er den Arzt fragen, wenn dieser Mal kommt. Was man untersucht? Auch das weiß nur der Arzt. Und die Ergebnisse? Wieder den Arzt fragen. Doch wann kommt dieser? Und die anderen Patienten, müde sehen sie aus, krank und bald schon bewegt sich auch Koslik mit schleichendem Schritt und hängendem Kopf. Er wartet eigentlich nur noch auf das Ende, das einzige, was noch kommen kann, wenn man hier gelandet ist.

Julia Rothenburg wirf den Leser in ihrem Debüt direkt in die Handlung. So wie der Protagonist plötzlich wieder zu sich kommt, erblickt man mit ihm die fiktive Welt des Krankenhauses. Er muss sich orientieren, was nicht leicht fällt, ebenso wie dem Leser. Was folgt ist zum einen ein Blick auf die Realität deutscher Kliniken, zum anderen aber auch, was ein Aufenthalt dort mit den Menschen macht und wie sie zunehmend ihre Autonomie verlieren.

Zunächst sind Kosliks Gedanken geprägt von Fragen nach dem Wo und Was geschehen ist, hinzu kommt die Angst davor, dass er ernsthaft krank sein könnte, womöglich einen Schlaganfall hatte. Schnell merkt man jedoch, dass man es mit einem scharfen Beobachter zu tun hat, der zwar seine Gedanken erst wieder sammeln muss, seine Umwelt aber detailliert wahrnimmt und deutet. Er beobachtet die Haltungen der Menschen, ihr Ausgeliefertsein und kann selbiges auch bei sich rasch feststellen. Die Transformation vom autonomen Lebewesen zum abhängigen Objekt verläuft fließend, Koslik stemmt sich immer wieder dagegen, wenn ihm dies bewusst wird. Die fehlenden Informationen zu seinem Gesundheitszustand oder den weiteren Abläufen erschweren zudem das Aufrechterhalten der Selbstständigkeit und Freiheit. Er kommt sich bald wie ein Gefangener vor, die Tatsache, dass er das Klinikgelände auch nicht verlassen soll, spiegelt dies deutlich wieder:

„Herr Koslik, sagt sie. Wo wollen Sie denn hin?

Mal raus, sagt Koslik. Spazieren gehen oder so. Mir wurde gesagt, dass die Untersuchung …

Nein, das geht nicht, sagt Schwester Inge. Wir haben hier die Pflicht der Patientenüberwachung. Sie können nicht einfach rausgehen, dann können wir nicht mehr für Ihre Sicherheit garantieren. Denken Sie nur daran, was passieren könnte. Das ist versicherungstechnisch nicht möglich.”

 

Alles ist geregelt und läuft, nur ist dies für Koslik nicht durchschaubar. Es fällt nicht schwer, sich in den Protagonisten hineinzuversetzen und seine Hilf- und Ausweglosigkeit nachzuvollziehen. Krankheit ist als solches schon schlimm genug, sich damit auseinandersetzen und umgehen lernen, aber in einem solchen System, das einem degradiert, wird dies umso schwieriger. Koslik könnte sich auflehnen, dagegen kämpfen und protestieren. Aber ach, er war in seinem Leben immer schon mit so wenig zufrieden und lässt mit ihm machen, was die Organisationsabläufe nun einmal vorsehen.

Als er am Ende plötzlich mit gepackter Tasche vor der Klinik steht, weiß er nicht wohin. Vielleicht war es doch nicht so schlecht, wenn andere einem die Entscheidungen abnehmen und man sich einfach nur leiten lassen muss. Das ungute Gefühl der Fremdbestimmtheit verwandelt sich zum Sehnsuchtsgefühl: ist es das, was man als Mensch will? Keine Schonkost dieser Roman, aber Anlass zum Nachdenken.

Adolf Muschg – Heimkehr nach Fukushima

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Adolf Muschg – Heimkehr nach Fukushima

Der Architekt und Schriftsteller Paul Neuhaus wird von japanischen Freunden eingeladen. Er war 2011 schon einmal dort, gerade als das Unglück passierte und jetzt möchten sie, dass er mit ihnen in die verstrahlte Region rund um den Reaktor fährt, um zu schildern, wie langsam das Leben zurückkehrt. Als er in Japan ankommt, eröffnen sie ihm, dass Ken sie nicht begleitet, ein Krebs zwingt ihn zu unaufschiebbaren Untersuchungen, so begibt sich Paul mit Mitsu alleine gen Fukushima. den Geigerzähler und Schutzkleidung im Gepäck, um die Menschen vor Ort zu besuchen, die ihre Heimat zurückerobern wollen.

Adolf Muschg hat ein Thema aufgegriffen, das auf verschiedenen Ebenen Diskussionsstoff bietet und zum Nachdenken anregt. In erster Linie natürlich der Umgang des Menschen mit der Natur, wobei sich hier nicht nur die Frage nach der nuklearen Verstrahlung stellt, sondern Bebauung und auch Tiernutzung angerissen werden. Als zweites wird sehr deutlich, dass die japanische Gesellschaft gänzlich anderen Konventionen und Zwängen unterliegt, als die deutsche und so manches hier in einem solchen Katastrophenfall anders gelaufen wäre. Muschg schafft es gleichermaßen auf dieser Reise globale, partikular-gesellschaftliche und individuelle Fragen zu stellen und die Relevanz des Romans so zu unterstreichen.

Je weiter der Roman voranschreitet, desto bedrückender wird er. Die Begegnung mit den Heimkehrern bleibt nicht ohne Spuren, die Begründungen für ihr Handeln sind absurd und doch nachvollziehbar: nirgendwo ist man sicher, schon gar nicht in Japan; das Genom kann sich anpassen; der Wohnraum wird gebraucht; sie kümmern sich um die Wiederherstellung der Landschaft, eine ehrenvolle gesellschaftliche Aufgabe. Woher kommen die Arbeiter im Unglückswerk? Arbeitslose, die keine Alternativen haben und so gutes Geld verdienen können. Es regt sich kein

Widerstand, schon gar nicht gegen die Atomenergie, denn ein solches Verhalten ist in Japan nicht vorgesehen.

„Wer oder was hätte eines solchen Einsatzes, verlorene Grundlagen zu befestigen, spotten dürfen? Diese Menschen arbeiteten unermüdlich an der Herstellung der erwünschten Optik und beglaubigten sie mit Schweiß und Tränen. Fukushima war kein Potemkinsches Dorf, kein abgeschriebener Posten wie Tschernobyl, sondern eine glückliche Landschaft. Oder würde es in zwanzig Jahren wieder sein.”

Der Glaube an die Bezwingbarkeit der Natur und an die Menschheit ist groß, doch dabei wird eines vergessen:

„Aus der Geschichte nichts lernen, heißt, sie wiederholen.

Heißt es das? Geschichte wiederholt sich nie oder immer. Ganz sicher ist nur: wir lernen nichts daraus.”

Unermüdlich schafft sich der Mensch die Welt, wie sie ihm gefällt, und begeht dabei ebenso unermüdlich immer wieder den Fehler, seinen eigenen Lebensraum zu zerstören. Dann passt man sich an die neuen Gegebenheiten an, bis zur nächsten Katastrophe. Hierin unterscheiden sich die Gesellschaften kaum, das ist das globale gemeinsame Phänomen, das unseren gemeinschaftlichen Untergang vorantreibt.

Samuel Park – The Caregiver

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Samuel Park – The Caregiver

In the 1990s, Mara Alcenar is living in California and working as a caregiver for a woman who suffers from cancer. She has been in the US for many years, illegally like so many others and always struggling to survive and hoping not to be caught. Yet, going back to Brazil is not an option; it is just her thoughts that frequently return to her native country. She remembers the time when she was six and living with her mother Ana who worked in the film industry and dubbed foreign productions. She was also a great actor which lead her to a fatal decision: being offered a “role” by leftist rebels, Ana Alcenar couldn’t refuse. She needed the money for herself and Mara. But then, something went completely wrong at the Police Chief’s office. Years later, Mara is a teenager and gets the chance to revenge her mother – but is the episode as she remembers is actually the truth?

Samuel Park’s novel “The caregiver” focuses on two completely different aspects: on the one hand, he addresses political questions such as the military rulers of South America in the 20th century and the precarious situation of immigrants from these countries in the US. On the other hand, he has a very personal topic that the novel makes you think about: what do loving and caring mean and how far would you go for the ones you love?

For me, the parts of the novel that are set in Rio de Janeiro were the most impressive. The author really gives you a good idea of how life was like under those political circumstances and how important your personal bonds were to survive. The neighbour becomes crucial for survival, you find yourself quickly caught between the lines and even if you want to keep away from politics, this isn’t always possible. And there is not just black and white, but many shades of grey.

The question of what loving somebody means is also crucial in the novel. Not the love between lovers, but much more the compassion you feel towards family members and those close to you, how much you are willing to endure and even more importantly: how much you are willing to forgive and to forget.

A novel full of food for thought and at the same time wonderfully written.

Helene Hegemann – Bungalow

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Helene Hegemann – Bungalow

Charlie wächst im Grenzgebiet auf – an der Grenze zwischen den vom Sozialstaat Abhängigen in der Hochhaussiedlung und den Bungalows der Reichen. Eigentlich sollten die Welten, in denen die beiden Bewohnergruppen sich bewegen, weit voneinander entfernt liegen, hier grenzen sie aneinander und zwangsweise begegnet man sich. So beobachtet das 12-jährige Mädchen ein Paar, das gegenüber neu einzieht. Fasziniert spioniert sie immer mehr Details aus, bis sie sie eines Tages plötzlich im heimischen Fernseher erkennt, denn Maria und Georg sind Schauspieler. Ihr luxuriöses Leben mit Reisen und teuren Speisen könnte kaum weiter von Charlies Realität entfernt sein: die alleinerziehende Mutter, die manchmal betrunken, dann wieder wegen Tabletten weggetreten ist und bisweilen auch einfach beides kombiniert und im Wahn auch schon mal auf die Tochter eindrischt, die zwar erkennbar verwahrlost ist, der aber trotzdem keine Hilfe zukommt.

„Bungalow“ hat was von Literatur gewordenem Trash-TV. Charlies Welt ist das, was man im Nachmittagsprogramm des Privatfernsehens in den unzähligen Doku-Soaps mit Laien-Schauspielern bewundern kann. Am untersten Ende der Gesellschaft angekommen flüchtet ihre Mutter dank Alkohol und Medikamenten aus der Wirklichkeit, um sich dieser nicht stellen zu müssen. Die Erziehung der Tochter findet derweil nicht statt und das Mädchen bleibt sich selbst überlassen. Alles, was sie weiß, erfährt sie entweder auf der Straße oder im Internet, wo sich das nichtvorhandene Wissen ergoogeln lässt und Pornoseiten die praktische Einführung in die Sexualität übernehmen.

Charlie schämt sich für ihre Mutter und die Umstände, in denen sie aufwächst. Dies geht sogar so weit, dass sie sich eben „Charlie“ nennen lässt und nicht Charlotte, wie sie eigentlich nach der großartigen Schauspielerin Charlotte Rampling heißt, sie denkt, sie hätte einen solch großen Namen nicht verdient. Mit abgeklärter Emotionslosigkeit berichtet Charlie von den Selbstmorden in ihrer austauschbaren, namenlosen Stadt, ebenso von den Explosionen und Feuern, die Lebensgrundlagen zerstören. Ereignisse, die eifrig mit den Handys gefilmt werden und das einzig Aufregende in dem sonst trostlosen Leben sind.

Mit ihrem ersten Roman „Axolotl Roadkill“ wurde Helene Hegemann schlagartig berühmt, weniger wegen der literarischen oder inhaltlichen Qualitäten, sondern mehr wegen der Tatsache, dass weite Teile des Textes nicht von ihr selbst stammten. Auch „Bungalow“ bietet nichts, was man nicht schon einmal irgendwo gesehen oder gelesen hätte. Die Thematisierung von Vernachlässigung ist per se noch kein Qualitätsmerkmal, nichtsdestotrotz steht der Roman auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2018. Die Gesellschaftskritik ist erkennbar, aber Lösungen bleiben aus, auch wird kein größerer Zusammenhang als das unmittelbare familiäre Umfeld von Charlie thematisiert.

Die Meinungen in den Feuilletons gehen auseinander, zwischen dem größten literarischen Nachwuchstalent Deutschlands und einem belanglosen Roman, der viel will und wenig liefert, findet sich eigentlich jede Meinung. Ohne Frage lässt der Roman sich gut lesen, die Erzählerin kann einem packen und man oszilliert zwischen Faszination und Abstoßung, wie bei einem Unfall, zu dem man hinschauen muss, obwohl man nicht will. Die Sprache ist klar und schnörkellos, was zum Text sehr gut passt. Aber mir fehlt ein wenig die durchschlagende Relevanz bzw. Brisanz und die sprachliche Poesie, um die Autorin mit diesem Roman schon in die Riege der ganz Großen aufzunehmen. Bleibt abzuwarten, was noch folgt.

Ronit Matalon – Und die Braut schloss die Tür

Und die Braut schloss die Tuer von Ronit Matalon
Ronit Matalon – Und die Braut schloss die Tür

Eigentlich sollte es der schönste Tag im Leben werden, die Hochzeit von Matti und Margi, doch dann schließt sich die Braut ins Schlafzimmer ein und verweigert jedes Gespräch. Weder Matti kann sie dazu bewegen, die Tür wieder zu öffnen, noch seine Eltern Pninit und Arje. Auch Margis Mutter Nadja dringt nicht zur Tochter durch, deren letzter Satz „Ich heirate nicht“ – dreimal wiederholt – unheilvoll im Raum steht. Man sucht Hilfe bei Julia Englander vom Büro für „Bereuende Bräute“, doch auch die Therapeutin kann nur etwas erreichen, wenn die junge Frau mit sich reden lässt. Man muss wohl radikaler vorgehen und von außen Zugang zum Zimmer ermöglichen, denn es warten 500 Gäste auf ein rauschendes Fest.

Ronit Matalons letzter Roman „Und die Braut schloss die Tür“ ist eine Komödie, die sich immer haarscharf auch an der Tragödie vorbeiwindet. Voller Wort- und Situationskomik und treffsicher mitten hinein in das Zentrum des arabisch-jüdischen Lebens. Die Autorin wurde mit zahlreichen Preisen für ihre Bücher geehrt und arbeitete als Dozentin an der Universität in Haifa. Mit ihrem Tod verliert das Land eine wichtige feministisch-orientalische Stimme. Am Tag vor ihrem Tod sollte die Autorin den Brenner-Preis für den Roman entgegennehmen, konnte aber krankheitsbedingt das Bett nicht verlassen – an einem wichtigen Tag im Zimmer gefangen, fast ironisch, wie sich dies mit ihrer Protagonistin spiegelt.

Der Roman ist eigentlich eher eine Novelle, dreht es sich im Kern doch um die Frage, weshalb die junge Frau sich einschließt und nicht heiraten möchte. Sowohl Handlungsort wie auch Figuren sind begrenzt auf die engste Familie, die dieses unerwartete und außergewöhnliche Ereignis ereilt. Die Krise, die üblicherweise zu einem Bruch oder einer Versöhnung führen kann, bewirkt jedoch wenig bei den Figuren außerhalb des Schlafzimmers. Die Elterngeneration ist festgefahren in ihren Vorstellungen, vor allem jenen, was die Braut zu tun hat. Auch Matti kann sich keinen Reim auf das seltsame Verhalten seiner Geliebten machen. Nur die alte Sabtuna, die schon nicht mehr gut hört, scheint die relevanten Zwischentöne wahrzunehmen und sie ist es auch, die die einzige Nachricht richtig deuten kann. Manchmal sind es nicht die offenkundigen Dinge, die zählen.

Matalon arbeitet mit starken Kontrasten, immer wieder schwanken die Figuren zwischen extremer Hitze – die Klimaanlage muss just an diesem Tag ausfallen – und einer Kälte, die sie spüren, die sie schon immer in sich trugen. Das Büro der „Bereuenden Bräute“ – für uns eine geradezu absurde Vorstellung, aber hier spielt der kulturelle Faktor und insbesondere der Druck, der auf jüdischen Frauen herrscht, möglichst jung heiraten und zahlreiche Kinder gebären – sicher auch eine Rolle. Mit allen Mitteln sollen sie unterstützt werden, diese Erwartungen von Familie und Gesellschaft zu erfüllen, seien sie noch so absurd. Dass ausgerechnet jener Mann von der Polizei zum Verhör mitgenommen hat, der letztlich die Situation entschärfen konnte, aber mit arabischen Schriftzeichen auf seinem Wagen natürlich direkt verdächtig wirkt, gehört wohl zu den Alltagsabsurditäten Israels.

Man findet viel typisch jüdischen Humor in dem kurzen Buch, Klischees werden ebenso bedient wie der selbstironische Blick auf das eigene Dasein. Und egal wie verzweifelt die Lage auch ist, ein Grund den Glauben und die Hoffnung zu verlieren ist es sicher nicht. Ein kurzer, aber gelungener Roman, der mich neugierig auf die Autorin gemacht hat.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal und an die Verlagsgruppe Random House für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autorin und Buch finden sich auf der Verlagsseite.

Angelika Klüssendorf – Jahre später

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Angelika Klüssendorf – Jahre später

April ist erwachsen geworden, nicht mehr das suchend umherirrende Mädchen von einst, das sich das Leben nehmen will. Da ist aber auch Julius, ihr Sohn, um den sie sich kümmern muss. Als sich Ludwig für sie interessiert, scheint das bürgerliche, normale Leben möglich. Sie verlässt für ihn Berlin, zieht nach Hamburg. Ist unglücklich. Auch eine andere Wohnung kann ihr keine Erfüllung bringen und mit Samuels Geburt erfüllen sich ihre Träume ebenfalls nicht. Doch welche Träume hat sie eigentlich? Es folgen Rückzug nach Berlin, Trennung, Rosenkrieg. Und April ist immer noch unglücklich.

„Jahre später“ – Teil drei von Angelika Klüssendorfs Trilogie um April, nun als Erwachsene. Genau wie auch schon die beiden Vorgängerromane ist auch dieser wieder nominiert für den Deutschen Buchpreis. War das Mädchen in den beiden ersten Bänden noch ein sehr eigenwilliger und außergewöhnlicher Charakter, wird sie nun eher zu einem Sinnbild für eine Vielzahl von Frauen und verliert dadurch leider ein wenig an Strahlkraft.

Zu Beginn des Romans ist April noch tough und stark, wehrt sich gegen die doch eher dreiste Anmache eines Zuhörers bei ihrer Lesung. Ihr Verhalten täuscht jedoch über ihre innere Unsicherheit hinweg, bleibt äußerlich; obwohl sie älter geworden ist, scheint sie immer noch das unsichere Mädchen. Der Wunsch nach Durchschnittlichkeit und Normalität verleitet sie, ihre Prinzipien aufzugeben und Ludwig eine April zu präsentieren, die er gerne sehen möchte:

„Als sich Männer für sie zu interessieren begonnen hatten, war April misstrauisch geblieben, denn es konnte auch eine Falle sein, ein Irrtum. Nun ist sie dreißig und weiß immer noch nicht, was gut oder schlecht für sie ist. Sie kann es nicht fühlen. Ludwig fragt nach ihrem Leben und wünscht sich Antworten, die ihn erstaunen, aber nicht verstören sollen; das begreift sie intuitiv und hält sich daran.”

Sie liebt ihn nicht, aber er verspricht etwas, das sie nie hatte. Doch tief in ihr bleiben die Zweifel, sie kann sich nicht von ihrer Vergangenheit lösen und ist daher nicht frei für die Zukunft:

„Was will April? Ihr Buch ist erschienen, die Kritiken sind gut. Doch sie spürt weder Freude noch Stolz, als wäre sie gar nicht gemeint. Der eigene Erfolg macht sie misstrauisch. Alles nur schöner kalter Schein, denkt sie, irgendwann kommt die wahre April wieder zum Vorschein, hässlich und heimatlos. Heimatlos bedeutet, dass sie sich nirgends einrichten darf, sie muss auf dem Sprung sein, wenn die Vergangenheit sie einholt.”

Sie spielt eine Rolle, die ihr nicht liegt und lebt einem Leben, das nicht ihres ist. Die Trennung ist irgendwann unausweichlich, doch der Krieg, der folgt, den hat sie nicht vorausgesehen. Für Ludwig gibt es kein simples Ende, er kann nur Sieger sein und wieder einmal wird sie in die Enge gedrängt und kann nur noch passiv agieren.

Der Verlauf von Aprils Leben im dritten Band ist die logische Folge dessen, was zuvor geschah. Auch die Entwicklungen, die ihre Beziehung nimmt, sind in sich stimmig. Trotzdem hätte ich mir eine kämpferische Protagonistin gewünscht, die sich endlich von ihren Dämonen befreit. Zu Aprils sehr klarem Verstand, zu ihrem schnörkellosen Charakter, der nüchtern auf die Welt blickt und nur wenig erwartet, passt Angelika Klüssendorfs direkter Stil. Keine blumigen Beschreibungen, oftmals kurze Sätze, die auch die Getriebenheit, die April spürt, sehr gut sprachlich wiedergeben. Dennoch lässt mich der Roman etwas unbefriedigt zurück. Es fehlte Etwas, das sich nur schwer bestimmen lässt.

Gianna Molinari – Hier ist noch alles möglich

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Gianna Molinari – Hier ist noch alles möglich

Nachdem sie ihren Job als Bibliothekarin zu langweilig findet, übernimmt eine junge Frau die Aufgabe das Gelände einer Verpackungsfabrik als Nachtwächterin zu schützen. Da es dort auch einen leerstehenden, ungenutzten Raum gibt, zieht sie direkt an ihren Arbeitsplatz. Nacht um Nacht zieht sie ihre Runden, überwacht via Monitor das Firmengrundstück. Löcher im Zaun lassen sie stutzen: Einbrüche? Abnutzung? Ein Tier? Als der Kantinenkoch einen Wolf gesehen haben will, muss die Überwachung intensiviert und Fallen aufgestellt werden. Auch eine Fallgrube muss die Erzählerin mit ihrem Kollegen ausheben. Dabei ist alles nur temporär, denn das Ende der Fabrik ist bereits besiegelt und alle warten nur noch auf den Tag, an dem sich die Tore für immer schließen.

Gianna Molinari wurde in Basel geboren und lebt heute in Zürich. Der Roman „Hier ist noch alles möglich“ ist ihr Debüt, das bei den „Tagen der deutschen Literatur“ in Klagenfurt bereits geehrt wurde und die Autorin ist auch die diesjährige Preisträgerin des Robert-Walser-Preises. Die Nominierung auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2018 kommt daher wenig überraschend.

Vieles an der Geschichte ist auf den ersten Blick ungewöhnlich und auffällig: zunächst beschränkt die Autorin den Radius ihrer Erzählerin enorm. Nicht nur, dass der Arbeitsplatz fernab größerer Menschenmengen ist, die junge Frau wohnt auch noch auf dem Firmengelände und verlässt dies und die kleine Welt quasi nie. Später besucht sie zwar noch den nahegelegenen Flughafen, der aber auch nur sehr eingeschränkt menschliche Kontakte mit sich bringt. Dieser Fokus auf den engsten Raum bringt aber einen ganz anderen Blick auf die unmittelbare Umwelt, viel stärker nimmt sie Alltagsgegenstände wahr und hinterfragt diese. Das Besondere im Banalen ist es, das sie fasziniert.

Auch der Schreibstil fällt aus dem Rahmen. Es sind keine langen, vor Metaphern nur so strotzende Sätze, die vielfältige Deutungen erlauben. Keine gekünstelte Sprache oder elaborierte Wendungen erwartet den Leser, sondern eine oftmals geradezu radikal sachliche und extrem verkürzte Ausdrucksweise kennzeichnet den vorherrschenden Ton. Doch gerade diese scheinbare Eindeutigkeit eröffnet wieder Interpretationsspielräume, wie der Erzählerin auch bewusst wird, denn „Wolf“ oder „Elefant“ sind zwar eindeutige Benennungen, welches konkrete Tier man sich jedoch darunter vorstellt, kann sehr vielfältig sein.

Das Tier ist es auch, das weite Teile des Arbeitsalltags der Nachtwächterin bestimmt. Auffällig viele Wölfe und Füchse sind mir in den vergangenen Monaten in der Literatur begegnet. Woher das Faible für die wilden Vorfahren unserer heutigen tierischen Mitbewohner stammt, kann ich nur mutmaßen. Ist es das Rohe, das Wilde, das in unserer vollorganisierten und kontrollierten Welt fasziniert? Das letzte bisschen Natur, das der Mensch nicht erobert hat und das ihn nun in seinem Lebensraum bedrohen kann? Er lässt vielerlei Deutung zu, vom biblischen Wolf, der die Lämmer reißt, bis hin zu Wölfin, die Romulus und Remus säugt und so den Grundstein für ein Imperium legte.

„Hier ist noch alles möglich“ ist ein durchaus gewagter Roman, der jedoch in seiner Einzigartigkeit aus der Masse heraussticht. Sicher kein Titel, der eine breite Masse begeistern wird, aber das Potenzial hat, in einer kleinen Nische seinen Platz zu finden.

Ottessa Moshfegh – My Year of Rest and Relaxation

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Ottessa Moshfegh – My Year of Rest and Relaxation

Looking at her from the outside, she has everything one could wish for: she is blond, pretty, thin, a Columbia graduate, stylish without effort and she has a job at a gallery. Due to her inheritance, she can afford an apartment on the Upper East Side of Manhattan. But that’s just one side of the medal, her relationship with Trevor has been all but healthy, her parents never showed any affection and thus losing them both when she was in college was a minor affair. What she is lacking is an aim in life, something that gives her a reason for being alive. She feels exhausted and just wants to sleep until everything is over. She slowly extends her time in bed, she even falls asleep at work and then, finally, she decides to hibernate. A crazy therapist provides her with medication that allows more and more hours of sleep at a time. She hopes that after a year of rest, she will awake as somebody new.

Ottessa Moshfegh is a US-American writer who earned a degree in Creative Writing from Brown University and whose short stories were received with positive reviews. After her novella “McGLue”, her first novel “Eileen” was published in 2015 and made it on the shortlist for the 2016 Man Booker Prize. Having chosen a mostly unsympathetic protagonist for her former novel, I found it much easier so sympathise with her narrator in “My Year of Rest and Relaxation”.

The young woman who is portrayed is quite typical in a certain way. She is the modern New Yorker who takes part in the glittery art circus, is a part of a subculture of believes itself to be highly reflective and innovative. At a certain point, the superficiality becomes exhausting and the aimless tittle-tattle and prattle don’t provide any deeper insight.

“The art at Ducat was supposed to be subversive irreverent, shocking, but was all just canned counterculture crap, “punk, but with money”.

Also her relationship does not go beyond superficial sex and one-night-stands that lead to nothing. Added to this is the easy availability of all kinds of drugs, of therapists who themselves are too crazy to detect any serious illness in their clients and therefore just fill in any prescription they are asked for. Even though the plot starts in 2000, the characters are quite typical for the 1990s and they need a major event to wake them up and bring them back to real life.

The narrator tries to flee the world and takes more and more pills mixed with each other, as a result she is sleepwalking, even gets a new haircuts and orders masses of lingerie without knowing. Her radius is limited to her blog, her only human contacts are the Egyptians at the bodega at the corner where she buys coffee, the doorman of her apartment house and Reva, her best friend who still cares about her. Even though she is bothered by the things she does when she is not awake, she has become that addicted that she cannot let go anymore.

Even though the protagonist is highly depressive and seeing how badly she copes with her life is hard to endure in a way, the novel is also hilarious. I especially liked her meetings with her therapist since Dr. Tuttle is riotous in her eccentric ways and their dialogues are highly comical – despite the earnestness of their actual topics. Ottessa Moshfegh most certainly earns a place among to most relevant authors of today.

Donat Blum – Opoe

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Donat Blum – Opoe

Wer war eigentlich die Frau, die familientechnisch seine Großmutter ist, die er aber kaum kannte, die auch seiner Mutter Antonia ein Leben lang fremd blieb? Nur ab und an besuchten sie sie, aber erst als sie nicht mehr da ist, wird ihre Bedeutung offenkundig. Donat reist ihr nach, in die Niederlande, die sie einst für ihren Mann Max verließ, um mit ihm in der Schweiz ein neues Leben zu beginnen. In den Alpen, wo sie stets eine Fremde geblieben war. Ein Lebensentwurf, der heute undenkbar wäre und das, wo so viel mehr Lebensentwürfe gesellschaftlich toleriert sind – stellt sich die Frage, wie will er selbst leben, welche Art von Partnerschaft haben, Kinder trotz der Homosexualität? Eine Reise zurück und nach vorne.

Donat Blum, ein Schweizer Literat, der bislang eher kürzere Texte verfasste und als Moderator tätig ist, vermischt in seinem kurzen Roman die Geschichte von Opoe mit jener des Erzählers, wobei offen bleibt, inwieweit diese autobiografisch geprägt und beeinflusst sind. Aufgrund der völlig verschiedenen Themen und Lebensfragen, ist es nicht ganz einfach, beides unter einen Hut zu bringen.

Ausgangspunkt ist Opoe, die Niederländerin, die nach dem Krieg einen großen Schritt wagte: mit einem jüngeren Mann eine Beziehung einzugehen, noch dazu einem Schweizer, sich mit ihm in dessen Heimat niederzulassen und mutig ein Geschäft zu eröffnen. Der Preis war hoch, denn die gemeinsame Tochter blieb in den ersten Lebensjahren in den Niederlanden, fern der Eltern. Sowohl geschäftlich wie auch privat laufen die Unternehmungen nicht wie geplant, der Blumenladen schließt und sowohl die Dorfbewohner wie auch die Schwiegereltern sehen in ihr nur die Fremde. Sie wird Jahre brauchen sich zu etwas freizuschwimmen, doch der Geist der Zeit will es, dass sie abhängig bleibt, finanziell wie auch als Ehefrau: ihren Lohn als Verkäuferin gibt sie ihrem Mann ab und seine regelmäßigen Besuche bei einer anderen Frau nimmt sie kommentarlos hin.

Der Enkel führt hingegen eine Partnerschaft, die von Offenheit und Unabhängigkeit geprägt ist – doch auch hier ist der Preis hoch, denn die Exklusivität der Paarbeziehung fehlt. Die Sicherheit und das Versprechen zueinanderzustehen, in guten wie in schlechten Zeiten, sie werden dem Hedonismus geopfert. Die Bitte eines befreundeten lesbischen Pärchens nicht nur biologischer, sondern auch teilhabender Vater eines Kindes zu werde, wirft neue Fragen auf: gibt es noch definierte Familienrollen? Können die auch anders und dennoch gut sein?

Der Roman reißt viele interessanten und relevanten Fragen an, bisweilen habe ich mich jedoch etwas verloren gefühlt, zu sprunghaft und wenig stringent erschien mir die Erzählung. Auch wenn die Großmutter als Namensgebering fungierte, verliert der Erzähler sie immer wieder aus den Augen und fokussiert auf seinen eigenen Sorgen. Der Roman hat für mein Empfinden einen stark essayistischen Charakter, der gut zu den modernen Abschnitten passt, deren Lebensentwürfe sich in kein Schema pressen lassen und so auch literarisch in passender Weise wiedergegeben werden. Dahinter tritt die Geschichte der mutigen Frau jedoch leider stark in den Hintergrund.

Sprachlich hat mir der Roman gut gefallen, mit klaren und schnörkellosen Worten erzählt Donat Blum, lässt Raum für eigene Gedanken und so ist der Roman vielleicht unmittelbar nach dem Lesen noch nicht ganz zu erfassen, da er noch Zeit zum Nachwirken braucht.

Ein herzlicher Dank geht an die Ullstein Buchverlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Roman finden sich auf der Verlagsseite.