Daisy Johnson – Sisters

Daisy Johnson – Sisters

Two sisters, September and July, just 10 months apart in age but sticking together like twins, even more, just as if they were only one person. In Oxford, where they first lived with their mother, an author of children’s books featuring two girls just like her own daughters, they were always in trouble and didn’t make friends with the other kids. By moving to the old family house, their mother hopes things will get easier. However, the spooky surroundings with walls who could tell decades of dark stories, triggers something between the girls which makes their unhealthy bond even more dangerous for the younger and weaker of the two sisters.

Daisy Johnson portrays a sisterly connection which goes far beyond what is known to link siblings. The fact that the girls are born within only a couple of months makes them grow up and experience everything together. They are like one person separated incidentally, also their character seems to have split in the two: September the wild and furious one, July, in contrast, obedient and more thoughtful. Since she is younger, she easily gives in to her sister’s will and thus follows without ever challenging her.

The atmosphere is gloomy in every line. Right from the start, you sense that some catastrophe is looming and just waiting to present itself. Even though at times, the sisterly bond also seems to be protective, the negative impact is obvious. Their mother is detached, she suffers from a depression which makes it impossible for her to see what is coming, she senses that the relationship her daughters have formed in detrimental, even harmful for July, but she is unable to do something about it.

An intense and vivid narrative with quite some eerie notes.

Don DeLillo – Die Stille

Don DeLillo – Die Stille

Super Bowl Sonntag im Jahr 2022. Jim Kripps und Tessa Berens sitzen im Flieger aus Paris. Der Langstreckenflug geht an die Substanz, minutiös notiert Jim die ganzen Angaben, die auf dem Bildschirm über seinem Kopf erscheinen, auch wenn diese in Französisch sind und er nicht alles versteht. In New York wollen sie gemeinsam mit Freunden das Spiel des Jahres sehen. Diane Lucas und Max Stenner haben schon alles für den Fernsehabend vorbereitet, auch Martin Dekker, ein junger Physiklehrer und Dianes ehemaliger Schüler, ist schon da. Gerade als das Spiel begonnen hat, kommt es jedoch zu einem Stromausfall, der nicht nur Diane und Max‘ Wohnung, sondern ganz New York betrifft. Derweil kommt es auf dem Flughafen zu einer Notlandung, bei der ihre Gäste verletzt werden, die daher zuerst in ein Krankenhaus gebracht werden müssen.

Don DeLillo hat seinen Roman vor Ausbruch der globalen Pandemie beendet, nichtsdestotrotz finden sich durchaus einige Parallelen, vor allem in der Atmosphäre, die geprägt ist von einer gewissen Endzeitstimmung und der Tatsache, dass sich die Figuren einer unkontrollierbaren Situation ausgeliefert sehen. Auch dass es nur sehr wenig Interaktion außerhalb des kleinen Figurenzirkels gibt, spiegelt ebenfalls sehr gut die Lockdown-Situation wieder, die weltweit Millionen, wenn nicht Milliarden zur Kontaktbeschränkung auf den engsten Familien- und Freundeskreis gezwungen hat.

„Die Stille“ bricht plötzlich über die Menschen herein, wirft nicht nur alle Pläne über den Haufen, sondern stellt viele Konzepte der Figuren infrage. Versucht Jim im Flieger noch alles detailreich zu notieren, um später nochmals darauf zurückblicken zu können und sich nicht auf sein Gedächtnis verlassen zu müssen, sind seine Aufzeichnungen nach dem Crash einfach verloren. All die Mühe war umsonst und an das Ereignis selbst hat er gar keine Erinnerung. Mit einem Wimpernschlag wurde so die Gewissheit des Festhalten-Könnens zerstört.

Die Mitarbeiter im Krankenhaus haben alle Hände voll zu tun und funktionieren roboterartig. Warum Jim eine Wunde am Kopf hat, interessiert sie schon gar nicht mehr, jeder dort hat eine Geschichte zu erzählen, für die jedoch keine Zeit ist. Sie führen mechanisch die zugewiesenen Aufgaben aus und vermeiden das Philosophieren über die Gesamtlage; diese können sie ob ihrer Dimension ohnehin nicht erfassen.

In der Wohnung sieht Martin Dekker in Einsteins Theorie den ultimativen Referenzpunkt während Max noch amüsiert ist und die entstandene Leere mit Parodien der berühmt-berüchtigten Werbeclips des Super Bowl füllt. Die beiden könnten gedanklich kaum weiter auseinanderliegen, zeigen aber so die Spannbreite menschlicher Reaktionen auf eine Ausnahmesituation auf.

Endzeitszenarien haben mehrfach Eingang in DeLillos Romane gefunden, wie etwa ein Störfall in einer Chemiefabrik in „Weißes Rauschen“ oder das Leben nach der Welt, wie wir sie heute kennen, in „Zero K“. In seinem aktuellen Roman bleibt offen, was eigentlich geschehen und wie bedrohlich die Lage tatsächlich ist. Auch bietet er keine klare Deutung seines Textes an, viel Raum lässt er dem Leser selbst etwas aus dem Gelesenen zu machen. Ist es unser Verhältnis zur Technik, von der wir abhängiger sind als wir uns oft eingestehen wollen (und die wir schon lange nicht mehr verstehen – was sollen Jim all die Zahlen sagen und doch fliegt das Flugzeug)? An Martin zeigt er auch, wie die hohe Intelligenz und Bildung eher zur Verzweiflung führen, da die Gedanken in einen unkontrollierbaren Mahlstrom geraten und panisch versucht wird, das nicht Begreifbare zu erfassen. Andererseits auch das bewundernswert pragmatische Anpacke im Krankenhaus, manchmal ist es einfach die beste Lösung, das Naheliegende zu erledigen und mit Scheuklappen umherzugehen.

Don DeLillo gehört zweifelsfrei zu den besten zeitgenössischen Autoren der USA und unwillkürlich ist es ihm wieder einmal gelungen, die Stimmung der Stunde literarisch einzufangen.

Meg Wolitzer – Das ist dein Leben

Meg Wolitzer – Das ist dein Leben

Dottie Engels ist in den 1980ern alleinerziehende Mutter zweier Töchter und ein Star am Comedy Himmel. Überall erkennt man sie sofort, extrovertiert wie sie ist, wird sie sofort zum Zentrum jeder Gesellschaft. Erica und Opal müssen häufig auf sie verzichten, während Dottie in Los Angeles auf der Bühne steht, werden sie von Babysittern, die sich jedoch kaum um sie kümmern, in New York betreut. Was Dottie zu ihrem Markenzeichen gemacht hat – der selbstironische Umgang mit ihrem Übergewicht und dem offenkundig weit entfernten Schönheitsideal – wird für die 16-jährige Erica zunehmend zum Problem. Sie kann mit ihrem Körper nicht so entspannt umgehen wie die Mutter, mehr und mehr zieht sie sich zurück, bis irgendwann der völlige Bruch kommt. Auch für Opal und Dottie beginnen schwere Zeiten, als der Publikumsgeschmack sich ändert und der Stern der Mutter langsam sinkt.

Meg Wolitzer ist erst in den letzten Jahren in Deutschland als Autorin der Durchbruch gelungen, „Das ist dein Leben“ hat sie im Original schon 1988 veröffentlicht und man merkt dem Roman an, dass er noch nicht über die sprachliche Raffinesse und die überzeugende Figurenzeichnung verfügt, mit denen ihre späteren Romane „The Interestings“, „Belzhar“, „Die Ehefrau“ oder „The Female Persuasion“ mich restlos begeistern konnten.

Im Zentrum steht die Beziehung zwischen Mutter und den Töchtern. Dottie liebt diese über alles, trotz ihrer häufigen Abwesenheit wird sie ihrer Rolle als schützende Mutter gerecht, allerdings kann sie auf die zunehmenden Depressionen Ericas nicht wirklich reagieren. Opal, die 5 Jahre jünger ist, vergöttert die Mutter, was auch zu dem Auseinanderdriften der Schwestern führt. In Opal und Erica werden zwei gänzlich verschiedene Seiten von femininer Jugend aufgezeigt, die sich jedoch um die zentralen Aspekte des Umgangs mit dem eigenen Körper und auch den innerfamiliären Beziehungen drehen.

Es ist ein Roman seiner Zeit, das Kabelfernsehen mit seinen eigenen Regeln gibt es in der Form heute nicht mehr, auch die später gerade in New York zentrale Drogenproblematik, die ebenfalls aufgegriffen wird und vor allem der Lebensstil mit Fast Food und ohne die geringste Rücksichtnahme auf Körper und Gesundheit sind heute für Personen des Showbiz und öffentlichen Lebens kaum mehr vorstellbar.

Thematisch hat der Roman vieles zu bieten, nichtsdestotrotz konnte er mich leider nicht im erwarteten Maße für sich gewinnen. Es liegt eine Schwermut über der Handlung, die bisweilen erdrückend wirkt, so manche Länge forderte auch die Geduld heraus.  Auch die Figuren blieben mir oft zu eindimensional und reduziert auf wenige Aspekte, um überzeugend zu wirken.

Christian Guay-Poliquin – Das Gewicht von Schnee

Christian Guay-Poliquin – Das Gewicht von Schnee

Sie finden ihn schwerverletzt unter seinem Auto liegend, die Beine eingeklemmt. Obwohl die Situation schwierig ist, will man dem Besucher helfen. Die Veterinärin kümmert sich um die Wunden und der alte Matthias, dem etwas abseits des Dorfes eine Hütte zugewiesen wurde, soll sich um seine Pflege kümmern. Schon länger haben sie keinen Strom mehr, der Winter naht und der Schnee steigt täglich höher. Es herrscht Endzeitstimmung, abgeschieden von der Außenwelt, mit langsam zur Neige gehenden Lebensmittelvorräten, sieht sich die kleine Gemeinschaft den Naturgewalten ausgeliefert. Die beiden ungleichen Männer ertragen derweil ihr Schicksal tapfer. Beide wortkarg beäugen sie sich zunächst stumm, bis sie langsam Vertrauen fassen auf den wenigen Quadratmetern, die sie miteinander teilen.

Christian Guay-Poliquin schildert zwar ein gänzlich anders geartetes Szenario in der kanadischen Provinz, es könnte aber kaum besser in die Welt passen, die man im Jahr 2020 erlebt. Zwar sind die Menschen nicht von der Außenwelt abgeschnitten und haben auch Strom und zahlreiche Kommunikationsmittel, aber das gemeinsam ans Haus gefesselt sein, die Schwierigkeit, einander aushalten zu müssen und nicht zu wissen, wann und ob sich die Situation entspannen wird, teilt die Fiktion mit der Realität. Mit dem steigenden Gewicht des Schnees, der anfangs nur kniehoch liegt, dann aber dramatische und bedrohliche Dimensionen annimmt, steigt auch der Druck auf die Menschen, die einerseits in der Krise voneinander abhängig sind, gleichzeitig aber auch feindseliger und egoistischer werden.

Dem Autor gelingt es mit einer einerseits sehr klaren und präzisen, andererseits aber auch hochpoetischen Sprache die Emotionen, die selten offenkundig gezeigt werden, einzufangen. Die Gleichförmigkeit der Tage, die Langsamkeit der Zeit, Langeweile durch das Eingesperrt sein und im Falle des Erzählers zudem der Immobilität werden immer wieder deutlich spürbar. Einzig das Feuer im Kamin versprüht bisweilen eine gewisse Wärme, ansonsten herrschen Kälte und unbarmherzige Natur. Aber auch die Menschen offenbaren ihre grausamen Seiten.

Die Kapitel – zunächst irritierend, da der Roman mit „Neununddreissig“ beginnt, was sich aber rasch erklärt – werden von der Ikarus-Sage eingerahmt, die in sieben Teilen untergliedert ist. Es beginnt im Labyrinth und der Leser ist gewarnt, dass zu viel Übermut das Leben kosten kann.

Eine sehr dichte Erzählung, deren reduzierte Handlung und Schauplatz beinahe zu erdrücken drohen, der jedoch zugleich wie eine Hommage an die Natur und den kanadischen Winter wirkt.

Roddy Doyle – Love

Roddy Doyle – Love

A summer evening, two old friends meeting in a Dublin restaurant. They haven’t seen each other for quite some time, Joe still lives in Ireland, David and his family have moved to England. They have grown up with each other, shared all firsts of life and stayed in contact for several decades, now coming close to the age of 60. What starts as a joyful evening of old pals turns into an introspection and questioning of values, of memories which suddenly do seem to differ and of a friendship which after all those years is threatened to break up.

Roddy Doyle’s novel is really astonishing with regard to the liveliness and authenticity with which it is told. The text consists in large parts of dialogue between Joe and David which gives you really the impression of sitting at the table with them, listing to their conversation and taking part in the evening – just without all the drinking. It was all but difficult to imagine the scene and also the way they interact is totally genuine. This is only interrupted by insights in David’s thoughts, while he is talking to his friend, he is reassessing what he hears and, as a reader, you soon get aware that there are things he does not share with Joe albeit the latter is supposedly his best friend.

Even though I liked to learn about the two characters’ points of view, their pondering and wondering, the novel did not really get me hooked. First of all, I guess the imbalance between the two, getting access to one’s thoughts whereas the other is only shown from outside, did not really convince me. Quite naturally, the plot is highly repetitive which is absolutely authentic and believable, yet, not that interesting when you read it. There are funny moments as there is a very strong ending which really made up for a lot in my opinion. In the end, I remain of mixed opinion concerning the novel.

Deniz Ohde – Streulicht

Deniz Ohde – Streulicht

Am Rande des Industrieparks, der Säure in die Luft pustet und klebrigen Schnee produziert, wächst die Ich-Erzählerin auf. Mit ihren Freunden Pikka und Sophie besucht sie das Gymnasium, glaubt dort so sein zu können wie diese, doch hinter der Tür der elterlichen Wohnung ist vieles anders. Vater wie Großvater trinken zu viel, wollen keine Veränderung und herrschen ruppig über den Haushalt. Die Mutter, die einst aus der Türkei in ein vermeintlich besseres Leben geflüchtet war, akzeptiert dies stumm, bis es nicht mehr geht. Kein Umfeld für eine vielversprechende Zukunft und so kommt es auch: die Versetzung gescheitert, das Gymnasium Vergangenheit. Warum noch kämpfen, wenn der Ausgang doch ohnehin schon gewiss ist?

In Deniz Ohdes Debütroman verarbeitet die Autorin gleich zwei Erfahrungen, die sowohl unsere Gesellschaft wie auch das Bildungswesen prägen: Als Arbeiterkind fehlt ihr der Zugang zum notwendigen Habitus, der Voraussetzung für den Bildungserfolg ist, als Tochter einer türkisch-stämmigen Mutter verleugnet sie zunächst den offenkundigen ausländischen Namen, der sie ebenfalls stigmatisiert und in eine Schublade steckt, auf der sicher nicht Bildungsaufsteiger steht. Sie hat nie gelernt, für sich zu sprechen, Widerstand gegen erfahrenes Unrecht zu leisten und muss so den schweren Weg nehmen.

Gewalt kennt viele Formen. Die Erzählerin erlebt sie auf vielfältige Weise: verbal, psychisch, physisch. Angst und Sprachlosigkeit sind die Folgen, die sie über viele Jahre lähmen und ihr jedes Selbstvertrauen rauben. So trist die Umgebung in der Nähe des grauen und lärmenden Industrieparks, der nur noch von den unzähligen Flugzeugen übertrumpft wird, so traurig auch das Elternhaus in jeder Hinsicht. Sie lernt früh, unsichtbar und unhörbar zu werden, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die Mutter keine Verbündete, kämpft diese noch mit der eigenen Befreiung, die ihr mit der Flucht aus der Heimat vermeintlich schon gelungen war, nur um sie in eine neue, andere Gefangenschaft zu bringen.

Symbolisch zwei Szenen für einerseits die Leere, in der sie schwebt, und andererseits die vermeintlichen Freunde, die an ihrer Seite stehen. Bei einem Aufsatz zum Thema Identität fällt ihr nichts ein. Sie weiß nicht, wer sie eigentlich ist, was sie ausmacht, ebenso wenig wo sie hin will. Trotz hervorragender Zensuren traut ihr die Freundin Sophie, mit bildungsbürgerlichem Hintergrund, reit- und Ballettstunden gesegnet, nicht zu, das Abitur zu schaffen. Obwohl sie ihr Wissen unter Beweis stellt, bleiben immer Zweifel, wird dies als nur zufällig oder vorläufig anerkannt. Sie passt nicht in das Bild und immer wieder finden sich fadenscheinige Gründe, sie wieder beiseite zu schieben.

Es ist kein Roman von Emanzipierung; bei der Rückkehr in die elterliche Wohnung wird sie trotz inzwischen vorhandenem Studienabschluss wieder zu dem unscheinbaren Mädchen, das nichts kann und nichts zählt. Tief haben sich die Erfahrungen aus dem Kindesalter eingeschnitten und Narben verursacht, die sich nicht kaschieren lassen. Ein atmosphärisch düsterer Roman, der ohne plakative Gewaltexzesse doch verdeutlicht, wie grausam ein Leben in Deutschland verlaufen kann. Inhaltlich sicherlich ein würdiger Kandidat für den diesjährigen Deutschen Buchpreis.

Dashka Slater – The 57 Bus

Dashka Slater – The 57 Bus

Oakland, Kalifornien, ist die Heimatstadt zweier sehr verschiedener Jugendlicher. Richard wächst als African-American unter schwierigen Verhältnissen auf und besucht eine Schule, die für Gewalt und geringe Abschlussquoten bekannt ist. Früh schon kommt er in Konflikt mit dem Gesetz, erlebt wie Freunde getötet werden und muss selbst in Jugendarrest. Sasha hingegen besucht eine tolerante Privatschule, wo man seine Identität als transqueer oder agender genauso problemlos akzeptiert wie sein Faible für Röcke und das präferierte Personalpronomen „they“ anstatt die binären „he“/“she“. Eigentlich haben die beiden kaum eine Chance sich zu begegnen, nur kurz teilen die Kinder der beiden Schule den Schulbus und dort geschieht es: Richard und seine Freunde albern rum während Sasha schläft. Was als Spaß beginnt, endet in einer Tragödie: das Spiel mit dem Feuer wird ernst, als Sashas Rock in Flammen aufgeht und der Teenager mit ihm.

Dashak Slaters Buch basiert auf einer wahren Begebenheit, die sie ursprünglich nur für einen Artikel der New York Times niedergeschrieben hatte. Es ist die Geschichte eines schrecklichen Verbrechens, ein Drama, aber auch einer Stadt, in der Chancen ungleich verteilt sind, wo das Leben diesen oder jenen Weg nehmen kann, je nachdem, in welchem Stadtteil man lebt und welche Schule man besucht. Auch wenn der zentrale Aspekt des Buchs der Anschlag auf Sasha ist, werden doch viel mehr Fragen aufgerissen, allen voran die Geschlechtsidentität und das Hadern mit den gängigen Definitionen und Erwartungen, die Gang-Kultur und der Umgang mit kriminellen Jugendlichen, nicht zuletzt die Frage, ob man Vergeben kann und über genügen Empathie verfügt, auch die andere Seite zu verstehen.

Der Roman passt nicht so richtig in ein Genre, basierend auf Tatsachen merkt man den journalistischen Hintergrund, der mit zahlreichen Daten und Fakten immer wieder die Ereignisse untermauert. Es wird nicht die große Emotionalität geweckt, was bei der Thematik sicherlich auch denkbar gewesen wäre, stattdessen wählt die Autorin den Weg beiden Seiten gleichermaßen eine Stimme zu verleihen, was ihr hervorragend gelingt und womit sie zeigt, dass auch der Dualismus von gut/böse oftmals der Realität nicht gerecht wird.

Es ist ein Jugendbuch – die Übersetzung ist für den diesjährigen Jugendliteraturbuchpreis nominiert –bietet aber auch für Erwachsene nicht nur Unterhaltung, sondern mit der Elternperspektive, die immer wieder auch präsentiert wird, ebenso interessante Aspekte, vor allem im Umgang mit einem autistischen Kind, das sich zudem als genderfluid sieht. Ein großartiger Roman, der vielschichtig eine komplexe Situation in Literatur umsetzt.

Amélie Nothomb – Les Aérostats

Amélie Nothomb – Les aérostats

Jeder kann zum Leser werden, oder? Die Literaturstudentin Ange Daulnoy wird als Nachhilfelehrerin für den 16-jährigen Pie engagiert, der nach Auskunft des Vaters nicht lesen kann. Das kann dieser sehr wohl, er hat nur keine Lust darauf; doch die nur unwesentlich ältere Tutorin bringt ihn dazu, die Pflichtlektüre Le rouge et le noir zu lesen – ein Mädchenbuch wie er spöttisch bemerkt. Sein Interesse gilt den Waffen, weshalb er kurzerhand als nächstes zur Ilias verdonnert wird, die er mit Begeisterung verschlingt und sich auch eine fundierte Meinung bilden kann. Nach und nach arbeiten sie sich durch den Kanon und eine immer tiefere Freundschaft bildet sich zwischen den beiden Außenseitern. Pie hat den Eindruck gar nicht zu leben und wie seine Eltern lebendig tot zu sein, Ange leidet darunter, an der Uni quasi unsichtbar zu sein und nicht wahrgenommen zu werden. Mit jedem Buch verändern sie sich und entwickeln sich weg von den Figuren, die sie zu Beginn waren.

Amélie Nothombs 29. Roman wurde von den französischen Literaturpreisen 2020 durchgängig ignoriert, dabei huldigt er der Literatur wie kaum ein anderer. Es geht ums Lesen, ums Reden über das Lesen und um die Welt im Buch und draußen vor der Tür. Es ist eine eigene Welt, in die Ange Pie einführt und um nicht nur eine Tür zu seiner Phantasie, sondern auch aus seinem Leben öffnet – viel mehr als sie erwartete und beabsichtigte. Aber es ist auch eine Geschichte von der Liebe und vom Erwachsenwerden und von einsamen Seelen, die sich dank der Welt der Bücher begegnen. Ein typisch Nothomb’sches Ende sorgt erwartungsgemäß dafür, dass nicht zu viel Glückseligkeit herrscht und holt einem auf den nackten Boden der Tatsachen zurück.

Sigrid Nunez – What Are You Going Through

Sigrid Nunez – What Are You Going Through

The unnamed narrator is visiting a friend with terminal cancer who is in hospital in another town. She stays with a retired librarian with a cat but her host is quite reclusive and they hardly have any contact during her stay. Between the visits, she ponders about other people in her life: her former partner of whom she attends a public speech on the dystopian future we are facing, her old neighbour who can hardly manage alone, a woman she met in her gym who went through drastic changes, each of them starting point for another in-depth reflection. Her encounters reflect the whole range of people and therefore also introduce pestering issues of our time: the way women are judged and how their position in society and in a family is seen, how we treat the elderly and – the most important aspect – how do we want to die and what will remain of us. Quite unexpectedly, her poorly friend asks her a favour which will target core questions the narrator cannot easily answer for herself.

Just as in her former novel “The Friend”, it is a minor event – then an abandoned dog, here a visit to the hospital – which initiates an interesting journey into the depth of human nature. The narrator’s experiences and encounters are analysed and questioned, it is an introspection which nevertheless is far from very individual and personal but, quite on the contrary, concerns everybody. Especially being close to a dying friend has a huge impact on her thinking, far beyond the question if we should rather ask “What are you going through” instead of “How are you”.

The core issue revolves around suffering and pain and the question how much a human being can endure. How do you go on living in a world which does not seem to have a future, at least not an interesting or desiring one. The plot is minimal, at times rather feels like a collection of anecdotes, but looking at it as a whole, you get an idea of the protagonist who is sad, to a certain extent disillusioned, but not grim. She is still capable of attachment and fondness, even though she knows that it won’t last this time. Every single word becomes meaningful and should be use with care therefore.

Repeatedly, Nunez also has her narrator share her reading experiences with the reader and thus transgresses the boundaries of genres once more. She certainly pushes the limits in many respects and engages the reader in thinking. One of the most interesting questions for me was the one rotating around the problem of what can be reported and by whom the act of narration should be carried out, especially when it comes to experiences of general interest. The narrator questions if there is even a language capable of conveying experiences adequately or if, in the end, all language must fail to authentically depict what somebody underwent.

Nunez’ language surely is plentiful enough to engage you in an interesting inner – and hopefully also outer – dialogue.

Christine Wunnicke – Die Dame mit der bemalten Hand

Christine Wunnicke – Die Dame mit der bemalten Hand

Zwei Männer begegnen sich im 18. Jahrhundert in der Fremde auf einer einsamen Insel, von der sie beide schnellstmöglich wieder wegwollen. Carsten Niebuhr reist aus Deutschland nach Elephanta / Gharapuri, eigentlich wollte er nach Arabien, Meister Musa indes kommt aus Jaipur, will eigentlich nach Mekka und strandet ebenfalls auf dem mysteriösen Eiland mit zwei Namen, je nachdem aus welcher Himmelsrichtung man auf sie blickt. Ein Berg bildet den Mittelpunkt, dessen Besteigung aufgrund des Gestrüpps und der wilden Tiere einiges von den Besuchern fordert, die jedoch am Ende mit einer alten Tempelanlage belohnt werden – auch wenn diese inzwischen im Besitz von Affen ist. Es beginnt das Beschnuppern und Missverstehen, der Wettkampf zwischen östlicher und westlicher Sicht auf die Welt und die Gestirne und die Konfrontation zweier sehr verschiedener Individuen.

„Gharapuri lag in der Mitte zwischen zwei Schrecken, Arabien und Jaipur. Völlig sinnlos lag es im Meer. So drückte der Meister das aus. Malik hätte lieber anders gesagt, ›unsichtbar‹ oder ›bescheiden‹. Gott der Allsehende, falls er jemals etwas verpasste, verpasste vielleicht Gharapuri.“

Christine Wunnicke konnte mich bereits 2017 mit ihrem Roman „Katie“ überraschen und begeistern. Für diesen war sie bereits auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis nominiert, im aktuellen Jahr hat sie es mit ihrem Werk auf die Shortlist geschafft und meiner Einschätzung nach hat der Roman auch das Potenzial zum Sieger. Nicht nur besticht er durch einen versierten Sprachwitz, der alle Feinheiten der interkulturellen Verständigungsbemühung vollends ausreizt, daneben bekommt auch die vermeintlich aufgeklärte und erhabene Wissenschaft gehörigen Gegenwind, dem man mit einem Schmunzeln folgt.

Ustad Musa ibn Zayn ad-Din Qasim ibn Qasim ibn Lutfullah al-Munaggim al-Lahuri, so der vollständige Name des indischen Astronoms, der es inzwischen aufgegeben hat, den Menschen seine Erkenntnisse näherzubringen, sind diese doch tatsächlich nur daran interessiert, seine Astrolabien in Szene gesetzt auszustellen statt deren Funktionsweise zu begreifen. Auf dem gottverlassenen Berg trifft er auf den ziemlich mitgenommenen Europäer, der sichtlich unter Sumpffieber und Wahnschüben leidet und sich inzwischen über seine Professoren ärgert, die bequem zu Hause sitzen und ihm die beschwerliche Reise aufzwingen. Ein Austausch unter Gelehrten entspinnt sich und keiner spart an guten Ratschlägen und Weisheiten:

„»Was in einer indischen Wand sitzt und schnaubt«, sagte al-Lahuri, »ist erfahrungsgemäß indisch. Mit dieser Regel kommst du recht weit.« Damit wandte er sich ab und ließ den Europäer mit seinen Fragen allein.“

In gleich mehrerlei Hinsicht schildert der Roman Figuren lost in translation. Nicht nur die Sprachbarrieren verhindern gelingende Kommunikation, auch der egozentrische Blick, die narzisstische Überzeugung der eigenen Überlegenheit lässt den Austausch nicht gelingen. Rein menschlich begegnen sich Niebuhr und Meister Musa, hilft letzterer dem Deutschen sein Fieber zu überstehen, in der Deutung der Welt und des Firmaments jedoch liegt einzig Potenzial zum Streit und nicht zur Erkenntniserweiterung.

Die Zweideutigkeit der Sprache und der beginnende Kolonialismus durch die Briten, die als zufällige trottelige Retter ihren Auftritt haben, zerstören letztlich alle Hoffnung auf gegenseitige Bereicherung, obwohl diese auf der individuellen Ebene sogar gelingen könnte. Der Rest ist Geschichte und leider nicht nur Fiebertraum.