Lawrence Osborne – Denen man vergibt

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Lawrence Osborne – Denen man vergibt

David und Jo verlassen die Fähre, die gerade in Marokko angelegt hat. Sie sind auf dem Weg zu einer 3-tägigen Party bei Freunden am Rand der Wüste. Doch der Weg dorthin ist beschwerlich und David hat zu viel getrunken. Es passiert, was passieren muss: Mitten in der Nacht überfahren sie einen jungen Mann. Unentschlossen, was zu tun ist, packen sie die Leiche in ihr Auto und nehmen sie mit zum Anwesen von Richard und Dally, die sicherlich wissen, was zu tun ist. Die Polizei wird verständigt, doch auch diese hat wenig Interesse an einem Fall, in den Ausländer verwickelt sind und ein namenloser Fossilienverkäufer hat ebenfalls keine Priorität. David und Jo erholen sich dank Alkohol und Drogen schnell von dem Schreck, doch am nächsten Tag taucht die Familie des Toten auf und verlangt nach Wiedergutmachung. Während Jo sich weiter der ausgelassenen Feier hingibt, muss David den Vater des Jungen begleiten, an ein unbekanntes Ziel mit unbekanntem Ausgang.

Lawrence Osbornes Roman kommt einem vor wie aus der Zeit gefallen. Erschienen 2012 im Original unter dem Titel „The Forgiven“ und 2017 in der deutschen Übersetzung, hat man von der ersten Seite an den Eindruck, ein Werk der 1920er in den Händen zu halten. Würden die Figuren nicht immer wieder ihr Handy benutzen, ließen sie sich auch kaum in der Gegenwart verorten. Erzählstil, Setting, Themen – vieles erinnert an die Roaring Twenties und ihre großen Autoren wie F. Scott und Zelda Fitzgerald, E.M. Forster, Ernest Hemingway, Edith Wharton oder auch die später schreibende Patricia Highsmith.

Das Setting des Romans ist das zunächst augenscheinlichste Moment. Fernab des Alltags treffen sich eine Gruppe von Schönen und Reichen in dem Anwesen der beiden Homosexuellen Richard und Dally, um dort ausgelassen mehrere Tage eine rauschende Party im Stile eines Gatsby zu feiern. Es mangelt an nichts; das Personal, ausschließlich aus Marokkanern bestehend, umsorgt die Gäste rund um die Uhr und erfüllt jeden Wunsch. Der Alkohol fließt reichlich und bald schon werden die Konventionen, die man mit dem Übersetzen nach Afrika hinter sich gelassen hat, vollends vergessen. Einzig störend wirken der Wüstenwind und die Gluthitze. Hier kommt Osbornes große erzählerische Stärke zum Vorschein: die Beschreibung des aufkeimenden Windes, der den Wüstensand überall verteilt:

„Über Nacht war der Sand zu einem ernstzunehmenden Gegner geworden. Einem Gegner, der so klein, so heimtückisch war, das sie ihn nicht bekämpfen konnten. Nichts erbost mehr als ein ungleicher Kampf. Die Frauen beklagten sich, die Männer bissen auf die Zähne und baten das Personal um Hilfe.”

Keine alltagsweltlichen Probleme können die Figuren belasten, aber in der Fremde sind sie plötzlich ihrer Macht beraubt und müssen sich auf die Marokkaner verlassen. Diese beobachten mit ausdrucksloser Mine das Treiben und die Oberflächlichkeit der in ihren Augen Ungläubigen – Alkohol, Drogen, Homosexualität, Ehebruch. Erst der Unfall scheint die Verhältnisse umzukehren: die mit Verachtung gestraften Landsleute sind plötzlich an der Macht zu bestimmen, welche Strafe der Engländer bekommen soll. Und das Personal erwartet von der Familie, dass sie den Mord gerecht ahnden werden.

Hier beginnt der zweite, spannungsgeladene Aspekt des Romans. David wird nicht entführt, er begleitet die Männer freiwillig an den unbekannten Ort und weder kann er sie verstehen noch weiß er, was dort geschehen wird. Wie der Protagonist ist auch der Leser plötzlich herausgerissen aus der unbeschwerten Leichtigkeit der Feier hinein geworfen in eine lebensbedrohliche Situation. Vieles kann man sich vorstellen und hier holt einem der Autor bei der stärksten Frage des Romans ab: welche Erwartungen haben wir an das Handeln dieser nach westlicher Norm unzivilisierten Wüstenmänner und wie ausgeprägt sind auch im 21. Jahrhundert unsere Vorurteile?

Zwei Kulturen treffen aufeinander: einerseits die Gläubigen Marokkaner, die nur in Form von Bediensteten an der Party teilnehmen oder als Rache suchende Familie des Opfers auftreten; andererseits die Globetrotter, die das schöne Leben kennen und pflegen und ihrem Hedonismus freien Lauf lassen. Die gegenseitige Verachtung wird von Osborne nicht subtil, sondern ganz offen thematisiert und die Angst vor dem nicht abzuschätzenden Handeln der Familie weicht mehr und mehr der Empörung über das Handeln der Partygäste. Am Ende wird die Haltung sehr prägnant auf den Punkt gebracht und lässt einem als Mitglied dieser Kultur durchaus beschämt zurück:

„Aber er hatte ihm nie auch nur eine einzige Frage zu den Berbern gestellt, die für ihn offenbar ausschließlich Teil einer unveränderlichen Kulisse waren. Lebendes Inventar sozusagen. Natürlich äußerte er ihretwegen Bedenken und war wie jedermann heutzutage darauf konditioniert, ihnen zu misstrauen. Doch in Wahrheit war ihm jedes Wort über sie zu viel. Natürlich galten sie als Reservoir des Terrorismus, was sie dann wiederum doch für hitzige Diskussionen interessant machte.”

Ein wirklich beachtenswerter Roman in klassischer Tradition, der den großen Vorgängern in nichts nachsteht.

Omar Robert Hamilton – The City Always Wins

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Omar Robert Hamilton – The City Always Wins

The promise of a better life. A fight against an unbeatable enemy. A love in a time of upheaval. Almost 20 years under the dictator Mubarak come to an end when masses of people inspired by revolutions in other Muslim countries gather in Tahrir Square in Cairo and force Mubarak to resign. Social media are the new weapons and Mariam and Khalil are in the centre of the protests. They broadcast what is happening to the world and they treat the wounded always in fear of becoming a victim of the police, the army or any other group. Over months they keep their revolution alive, actually living from it, forgetting to eat, forgetting their own life. They feel their power to change something, but is there really hope for Egypt?

Omar Robert Hamilton, known for his fight for the Palestinian cause, combines the real events which took place in Egypt over 1.5 years with the fictitious story about Mariam and Khalil. Both of them are interesting characters. Mariam, on the one hand, who helps the doctors and could, together with her parents, establish a kind of camp hospital where immediate treatment is possible, who consoles the mothers of those who died in the protests and who is stubbornly following her ideals. Khalid, on the other hand, is not even Egyptian but find in the protests a kind of proxy for his family’s omitted fight for the Palestinian cause. With his American passport, he has no need to risk his life, but he is fully immersed in the revolutionary power and the mass movement and helps with his journalistic and technical knowledge. Their love is strong in the beginning, but the common aim slowly makes them drift apart. This becomes obvious when they talk to Mariam’s father about their plans for the future – marriage and children? No common ground can be found anymore, so what hold them together?

The strongest aspect of the novel, however, is the description of the fight. The risks the protesters take are impressively narrated. Their belief in a better country is strong and passionate. Some pieces were scary for somebody who was never close to such a situation: the young people writing the phone numbers of their nearest of kin on their arms so that the beloved can be informed in case of serious injury or death. I can only imagine people not really being ready to die, but accepting a possible death as a necessary danger to take for the cause.

Additionally, the narrative structure is remarkable. Omar Robert Hamilton has structured the novel in thee chapter: Tomorrow, Today, Yesterday. This diametrically opposes the chronological order and makes you wonder. Furthermore, the narrative is accelerated by frequent insertions of newspaper headlines, tweets and the like. The author thus managed to create an atmosphere of tension and excitement, you are really drawn into the plot and the characters’ emotional state of thrill.

Even though the plot is highly political, it is not judgemental at all. We get the uprising from a very personal point of view which I found most interesting and fascinating and important for outsiders. All revolutions are backed by ordinary people who risk everything. This novel most certainly gives them a voice and, most importantly, hints at a critical situation of a country which we tend to forget due to even more serious problems.

Arundhati Roy – The Ministry of Utmost Happiness

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Arundhati Roy – The Ministry of Utmost Happiness

In Old Delhi, the hijra Anjum sets up her life in a graveyard. She is joined by a former mortuary worker who calls himself Saddam Hussein. Another outcast joins them, Tilottama, and there is a baby who seems to have appeared from nowhere and belong to nobody. This group’s fates are narrated through time and in different places of India and Kashmir. All of the characters face struggles due to the political situation, either protest in Delhi or the long-lasting conflict in the Kashmir region and thus portray India in a very special way – India of the people at the fringe of society.

Arundhati Roy’s second novel might be the most awaited book of 2017. It took her twenty years to write it after her debut success “The God of Small Things” and the yardstick has been set very high for the successor. Admittedly, I struggled with the novel which is mainly caused by the plot’s structure. The story is only in party narrated in a chronological way, other sections are meandering and at times the different characters and setting were not always easy to link with each other for me. Second, the novel is highly political and if you are not familiar with India’s recent history and political struggles, a lot might be lost for you as a reader of this novel (at least I assume so).

Nevertheless, there were also a lot of aspects that I really liked. Arundhati Roy definitely is a master of words. In subtle ways she finds possibilities of expressing what happens and thus adding second or even third meanings. When Anjum has set up her small guest house in the graveyard, she is regularly inspected by municipal officers who are not “man enough” to chase her away. Considering Anjum’s situation as hermaphrodite, this is quite interesting to observe. Then her permanent resident who calls himself “Saddam Hussein”, another outcast who chose this name in admiration for the former leader’s courage in the face of death. Or when Tilo ponders about some men killed in a car accident and their fate and whom this actually concerns since they would have died anyway and wonders about “how to unknow certain things, certain specific things that she knew but did not wish to know” (pos. 3095). Summarising the stat’s situation in political upeheal best are the following two quotes:

“There were rumours and couterrumours. There were rumours that might have been true, and truths that ought to have been just rumours”. (pos. 3681) and “Life went on. Death went on. The war went on.” (pos. 3835)

How can one survive in this situation, especially as an outcast? You have to fight for yourself and accordingly, it is the two women who become strong and leaders – quite a surprise in the country’s strict caste system.

The insight in how India’s society works is for me the most remarkable aspect of the novel. Not considering it as a whole, there are many stories within the novel which give you an understanding of the country’s culture and are thought-provoking.

Naja Marie Aidt – Schere, Stein, Papier

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Naja Marie Aidt – Schere, Stein, Papier

Thomas und Jennys Vater ist gestorben. Eigentlich sind sie erleichtert, das Verhältnis war schlecht, gekümmert hat er sich nie und ein Verbrecher war er dazu, die letzte Zeit seines Lebens saß er im Knast. Doch die erhoffte Erleichterung stellt sich nicht ein. Ein letztes Mal gehen sie in die elterliche Wohnung, Jenny will unbedingt den Toaster mitnehmen, der sie an die guten Zeiten der Kindheit erinnert. Doch das Gerät ist scheinbar kaputt. Als Thomas ihn auseinanderbaut, findet er die Beute des letzten Raubzugs seines Vaters. Er behält das Geld und verschweigt seiner Schwester und seiner Freundin Patricia den Fund. Doch an dem unverhofften Geldsegen klebt Pech und Thomas muss mit ansehen, wie sein geordnetes bürgerliches Leben, in das er sich als dem Sumpf gerettet hat, nach und nach bedroht wird und schließlich zusammenbricht.

Naja Marie Aidts Roman beschreibt den Niedergang in aller Eindringlichkeit und facettenreich. Es sind nicht die Handlungen, das Geschehen, die ihren Roman bestimmen, sondern die Menschen mit ihren Wesenszügen und Schwächen. Im Zentrum Thomas. Mit seinem Freund hat er einen Schreibwarenladen. Er hat den sozialen Aufstieg geschafft, es zu etwas gebracht, sich von seinem Vater und der Kriminalität seiner Kindheit distanziert. Der Fund des Geldes weckt jedoch eine Gier in ihm und bringt das zum Vorschein, was er hinter sich lassen wollte. Nicht kalkuliert hatte er, was dieses kleine Verbrechen mit ihm und seiner Umwelt macht. Er wird misstrauisch, vermutet Betrug hinter allen Handlungen seiner Mitmenschen, vertraut nicht mehr. So zerstört er nach und nach alle Beziehungen und gefährdet sich und andere. Vor allem seine Freundin Patricia. Ist die Beziehung zu Beginn des Romans fragil, werden die Risse im Laufe der Geschichte immer deutlicher. Leidet Thomas eher unbewusst, wird sie physisch wie psychisch zum Opfer.

Auch das Verhältnis der Geschwister zueinander ist nicht geprägt durch Verbundenheit ob des gemeinsam erlebten Leidens. Mit leichter Verachtung straft Thomas Jenny immer wieder, diese ist schwach, hat den Aufstieg nicht im selben Maße geschafft wie ihr Bruder und zudem in der Kindererziehung versagt. Doch mehr und mehr kehrt sich dieses Verhältnis um, Jenny findet ihren Weg, wirkt zunehmend selbstsicher und autonomer und kann sogar eine funktionierende Beziehung aufbauen während Thomas dazu immer weniger in der Lage scheint.

„Schere, Stein, Papier“ – ein passender Titel. Immer wieder stehen sich im Roman zwei Figuren gegenüber, die vor eine Entscheidung gestellt werden und deren Kampf ein scheinbar offenes Ende hat. Beide können gewinnen, sie taktieren, versuchen das Gegenüber zu durchschauen, um so die Oberhand zu gewinnen. Jede Handlung beeinflusst unbewusst jedoch die darauf folgende – wie auch jede Erfahrung das weitere Agieren eines Menschen bewusst oder unbewusst beeinflusst. Nichts ist völlig willkürlich im Leben und daher kann man sich auch nicht von dem lossagen, was man gerne ablegen möchte. Am Ende der Handlung muss Thomas sehen, dass er wieder zurückkehrt zu dem, was er verdrängt hatte und schließt so den Kreis.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zum Titel finden sich auf der Verlagsseite von Random House.

Margaret Atwood – The Handmaid’s Tale

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Margaret Atwood – The Handmaid’s Tale

Irgendwann in einer unbestimmten Zukunft, in der Republik Gilead. Offred kommt in das Haus des Commanders Fred und seiner Frau Serena Joy. Offred ist eine sogenannte „Handmaid“, ihre einzige Chance zu überleben nachdem ihre Hochzeit mit Luke für ungültig erklärt wurde und ihre einzige Alternative die Kolonien gewesen wären. Die Aufgaben der Handmaids sind ebenso wie die der anderen Gruppen, etwa der Marthas oder Aunts, genau definiert und ihre Kleidung lässt sie schon von weitem als zugehörig erkennen: ein roter Mantel, der alle weiblichen Formen verhüllt, dazu eine weiße Haube, die verhindert, dass man den Handmaids, die den Blick nach unten zu richten haben, ins Gesicht sehen kann. Wie ihre Namen bereits andeuten sind die Besitztum eines Kommandanten und erfüllen die wesentlichen Aufgaben, denen die Ehefrauen nicht nachkommen können oder wollen: Geliebte und Mutter der Kinder.

Die Neuverfilmung des Stoffes war Anlass nun endlich zu dem Klassiker des Dystopien zu greifen. Wie auch andere bekannte Werke des Genres, etwas George Orwells „1984“ oder Aldous Huxleys „Brave New World“ liegt über dem gesamten Roman eine bedrückende Atmosphäre, die die Verzweiflung und Aussichtslosigkeit der Menschen in diesem Staat verdeutlicht. In Gilead gibt es eine klare Rangordnung, die vorgeblich auf biblischen Grundlagen herrscht: Frauen sind Besitztum der Männer und weitgehend frei von Rechten. Wertvoll sind sie dann, wenn sie gebärfähig sind. Allen sozialen Gruppen sind Farben zugeordnet, die leicht erkennen lassen, wer zu welcher Klasse gehört. Individualität gibt es nicht mehr, viele Frauen verlieren sogar ihren Namen und werden nur noch über ihre Funktion benannt: Martha oder Of-Fred/Of-Glen, die Frau, die Fred/Glen gehört.

Die Geschichte Offreds ist geprägt auch von Rückblicken, sie kann sich noch an die Zeit vor Errichtung der Republik erinnern, als sie mit Luke verheiratete war und mit ihm auch eine Tochter hatte. Dann ihre Zeit der Umerziehung und Vorbereitung auf die Rolle der Handmaid. So kontrastiert und charakterisiert Atwood den neuen Staat, der vor allem für Frauen ein herber Rückschritt bedeutet. Viele Szenen lesen sich nur mit Schrecken, etwa Offreds erste Begegnung mit dem Commander oder die öffentlichen Hinrichtungen. Es gibt Versuche, das System zu unterwandern, diese sind jedoch gefährlich und nicht immer erfolgreich, lediglich der Epilog macht Hoffnung, spielt dieser in der Nach-Gilead Zeit, zu der die Republik offenbar schon nicht mehr existiert.

Viel kann man zu diesem Roman schreiben, viel ist geschrieben worden. Unzählige Anspielungen auf die Realität der 1980er Jahre – nicht nur in den USA, sondern auch in Ländern, in denen islamistische Herrscher die Frauen aus der Öffentlichkeit verbannten wie dem Iran – lassen sich in dem Text finden, der jedoch auch 2017 kein bisschen von seinem Schrecken verloren hat. Für mich aufgrund der spezifisch feministischen Perspektive ein besonders beachtenswerter Roman des Genres.

Jonas Lüscher – Kraft

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Jonas Lüscher – Kraft

„Theodicy and Technodicy: Optimism for a Young Millennium“ – diese Fragestellung ist es, die den Rhetorikprofessor Richard Kraft aus seiner finanziellen Not retten soll. In einer guten Viertelstunde soll in der ehrwürdigen Stanford Universität von den Bewerbern die Frage erörtert werden, dem Sieger winkt eine Million Dollar gestiftet von einem Internet Milliardär. Da er sich in seinem Tübinger Zuhause nicht in der Lage sieht, angemessen konzentriert an die Arbeit zu gehen, fliegt Kraft schon zwei Wochen vor der Veranstaltung nach Kalifornien und wohnt dort bei seinem Freund István, mit dem er einst in der Westberliner Enklave das Leben studierte und die Politik diskutierte. Bei der Suche nach der Frage, weshalb alles, das ist auch notwendigerweise gut ist, kehrt Kraft gedanklich auch immer wieder in seine Vergangenheit zurück und lässt seine Zeit mit István ebenso Revue passieren, wie die Zeit mit den drei Frauen, die sein Leben geprägt haben. Je näher der Tag der Präsentation rückt, desto weiter entfernt sich Kraft von der Überzeugung, dass in seinem Leben und in der Welt alles zum Besten steht.

Der Roman des Schweizer Autors Jonas Lüschers ist vom Feuilleton direkt nach Erscheinen begeistert aufgenommen worden. Es ist vermutlich die erstaunliche Verbindung, die Lüscher in „Kraft“ schafft zwischen der philosophischen Frage nach der Gerechtigkeit Gottes, der politischen Lage eines geteilten Deutschlands, das dem angloamerikanischen Neoliberalismus zu Beginn der 80er Jahre nur Helmut Kohl entgegensetzen kann, den weltbeherrschenden Internetgiganten des Silicon Valley und dem Leben eines einzelnen Mannes, der immer dann beruflich auf der Karriereleiter emporsteigt, wenn gleichzeitig die Frau an seiner Seite den Abstieg hinnehmen muss. Hierin Sinn zu finden und zu begründen, dass dies die bestmögliche aller Welten ist – kein leichtes Unterfangen, wie der Protagonist zunehmend verzweifelt feststellen muss.

Der sprechende Name des Protagonisten dient hervorragend als Ausgangspunkt zur Dekonstruktion des Romans. Richard Kraft – steht der Vorname für die Eigenschaften reich, mächtig und stark, fügt der Nachname diesen Einfluss, Wirkungsfähigkeit und Veränderungsfähigkeit hinzu. Sieht man sich die Figur an, so ist Kraft zunächst einmal finanziell abgebrannt. Zwei Ehen und vier Kinder haben ihn ruiniert, er ist dringend auf eine Geldspritze angewiesen. Macht und Stärke hat er eigentlich qua Profession, er war im frisch vereinten Deutschland eine Größe auf seinem Gebiet, scheint aber seine große Zeit hinter sich zu haben und nur wenige ergiebige Gedanken produzieren zu können. Mit dem Vortrag in Stanford erhält er die Chance seinen Einfluss geltend zu machen, eine positive Wirkung auszuüben und etwas an den bestehenden Verhältnissen zu ändern. Doch statt in der Ferne neue Gedanken zu kultivieren, sinkt er Grübelei und hängt der Vergangenheit nach. Eine Lücke klafft zwischen dem, was ist und dem, was sein könnte; ein Riss, der den Protagonisten selbst durchläuft und sehr passend auch auf dem Cover stilisiert ist.

Der eigentlich leistungsstarke und intelligente Mann wird überrollt – so wie in seinen Gedanken San Francisco von einer mörderischen und zerstörerischen Welle erfasst und zerstört wird, kann auch er den globalen Trends gesteuert durch die Ökonomie der Internetfirmen nichts entgegensetzen. Hat Gott den Menschen nach seinem Bild erschaffen, so erschafft nun der Mensch den Roboter, der alsbald droht die Macht zu übernehmen und als das bessere Wesen zu regieren. An dieser Stelle wird Kraft zum Sinnbild des modernen Menschen, der sich machtlos ausgeliefert fühlt und für den sich nicht erschließt, weshalb diese Welt, die bestmögliche sein soll.

Ein starker Roman, der sich nicht einfach nebenbei weglesen lässt, sondern immer wieder komplexe Diskurse mit dem Leser führt und ihn so mit der Ausgangsfrage konfrontiert.

Ein herzlicher Dank geht an den C.H. Beck Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zum Buch finden sich auf der Seite des Verlags.

Amos Oz – Judas

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Amos Oz – Judas

Shmuel Ashs Eltern können dem Sohn wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten das Studium nicht länger finanzieren. So richtig kommt er auch gerade mit seiner Abschlussarbeit über Judas und die Juden nicht voran. Eine Anzeige in der Jerusalemer Universität bringt ihn so im Herbst 1959 in das Haus des kranken Gershom Wald, dem er nachmittags Gesellschaft leisten soll. Ebenfalls im Haushalt lebt Atalja Abrabanel, die zwar deutlich älter ist als er, Shmuel aber sogleich fasziniert. In den kommenden Monaten wird der junge Student nicht nur das Verhältnis von Wald und Atalja ergründen, sondern sich auch politisch und philosophisch mit der Staatsgründung Israels auseinandersetzen und seiner selbstgewählten Frage, ob Judas wirklich der Verräter, zu dem ihn die Geschichte gemacht hat, oder ob er doch der erste Christ war, der Jesus erst in die Position gebracht hat, die Grundlage für eine neue Religion zu schaffen.

Amos Oz, einer der großen Erzähler Israels hat einmal mehr ein monumentales Werk geschaffen, das Christian Brückner erwartungsgemäß überzeugend in elf Stunden Lesezeit umsetzt. Die Länge weist schon daraufhin, dass es nicht nur die Geschichte eines Studenten ist, der sich als Gesellschafter seinen Unterhalt verdienen muss. Wie immer bei Amos Oz findet sich hier sehr viel mehr. Vordergründig eine Liebesgeschichte: Shmuel will Atalja für sich gewinnen, doch sie ist zunächst abweisend, waren schon so viele junge Männer vor ihm im Haushalt und begehrten sie. Der alte Wald hingegen diskutiert die politische Lage des Landes, die Staatsgründung durch Ben Gurion, die Frage nach der Ein- oder Zweistaatenlösung, der Umgang mit den Arabern, die verschiedenen, sich zum Teil widersprechenden Strömungen im noch jungen Land. Und natürlich die Frage nach der Rolle Judas für das Christentum. Immer wieder arbeitet Shmuel an seiner Arbeit, die den Moment der Aufspaltung von Judentum und Christentum behandelt und sich in der Person des Judas Iskariot realisiert.

Mit nur drei Figuren ist der Roman einerseits sehr konzentriert gehalten, auch die Beschränkung auf nur den einen Winter 59/60 als Handlungszeit, der zwar durch Rückblenden in Shmuels Kindheit ergänzt wird, im Wesentlichen jedoch auf diesen Ausschnitt fokussiert, stützt dies. Auf der anderen Seite holt Amos Oz jedoch sehr weit aus und schafft so extreme Gegensätze, zwischen denen die drei Figuren und der Leser hin und hergerissen werden. Judas – ist er der Verräter, der dem Christen den Messias genommen hat oder sollte er als wesentlicher Gründer der Religion eher verehrt werden? Ist eine Aussöhnung zwischen jüdischen und arabischen Israelis möglich, ein friedliches Leben in einem Land oder doch eher die klare Trennung in zwei autonomen Staaten?

Der Roman findet sich auf der Shortlist des Man Booker International Prize 2017, Mirjam Pressler erhielt 2015 den Leipziger Buchpreis in der Kategorie Übersetzung mit der Begründung, dass die deutsche Ausgabe nämlich gerade nicht nach einer Übersetzung klingt. Weitere Auszeichnungen wie der Internationale Literaturpreis – Haus der Kulturen der Welt 2015 unterstreichen die literarische Relevanz des Romans und des Autors, dem es immer wieder gelingt Fakten und Fiktion überzeugend in seinen Romanen zu verbinden.

Francesca Segal – The Awkward Age

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Francesca Segal – The Awkward Age

Since her husband died of cancer five years ago, Julia has raised her daughter Gwen alone. Unexpectedly, she falls in love with James whom she teaches to play the piano. Quickly James moves in Julia’s and Gwen’s house and also brings his son Nathan. Gwen and Nathan, both teenagers, are not happy with the new situation. Gwen misses the time when her mother was only focussed on her, Nathan still struggles with his parents‘ divorce and his sister living abroad. The unexpected happens: Nathan and Gwen find out that the other isn’t as bad as they had thought and another unexpected love starts to blossom in the household. The parents are furious when they find out, but the situation gets even worse when 16-year-old Gwen realises that she is pregnant.

Francesca Segal really achieves to make the characters of her novel seem lively and authentic. This is for me the most striking aspect of “The Awkward Age”. Julia who cannot fully immerse in her new love, since she is still close to her deceased husband’s parents and does not want to hurt their feelings even though they encourage her new love. Her own feelings towards her daughter, being caught again and again between the girl and her new partner – one can sense how complicated her emotional life is in those crucial months that the novel covers. I also liked Gwen a lot even though to some extent she is a typical hormone-driven teenager who sometimes falls back into infantile and inadequate behaviour. The grand-parents also struggle with their love life. Even though they have been separated for many years, Iris suddenly feels something like jealousy when Philip falls in love with another woman. Love can be a highly complicated matter.

The most interesting were Julia and James when their kids were fighting. Even though as a couple they are meant to stand on the same side, they frequently find themselves taking their respective children’s defence and opposing each other. It is those complex emotional states that make the novel outstanding since Francesca Segal created conflicts which are absolutely credible and authentic and in which those predicaments can show themselves – quite a crucial test for a new love.

Even though the main conflict is centred around the teenagers, I would not call it young adult novel, the other generations are as present as the youngsters and they quite well portray that love can be complicated no matter how old you are.

Hanif Kureishi – The Nothing

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Hanif Kureishi – The Nothing

Waldo, once a celebrated film maker is now not only old but also disabled and dependent on the people around him. Zenab, his wife can hardly stand his moody and hostile character. Where did the man go for whom she left her first husband? Eddie, also into the arts and always in Waldo’s shadow, comes to their London apartment more and more often until Waldo suspects him to have an affair with Zenab. Waldo starts to survey them secretly in order to confront them with the betrayal.

I really appreciate Hanif Kureishi’s novels and I have read several of them, some over and over again, but I am a bit at a loss with his latest novel. We have a very close observation of a man who is at the end of his life and slowly seems to lose contact with reality and gets increasing hostile. He is clever in manipulating the people around him, this makes him an outstanding character who is everything but lovable and yet interesting to observe in his action and his own void he has created. In contrast, he seems to be really in love with his wife and even though his body is decaying he still has bodily needs, expressed quite openly.

I was wondering what the novel was actually about, since I am used to Kureishi giving his readers food for thought. On the one hand, Waldo explains that being attractive, desirable and charismatic paired with good looks is all that matters. When your old and disabled, nobody cares for you, not matter how successful and influential you once might have been, people immediately forget about you when you do not fit in the picture anymore. This superficiality of our society and especially in the show business definitely is something that should be seen as highly critical. On the other hand, Waldo is face with his upcoming death. Several times he downright asks the other characters to kill him so that it is finally over. He learns the hard way that “growing old isn’t for pussies” (pos. 295) and can never make his peace with his life.

All in all, full of sarcasm and cynicism – but who can resent someone’s bad behaviour when his life is not perceived as worth living anymore and finally comes to an end?

Dorthe Nors – Mirror, Shoulder, Signal

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Dorthe Nors – Mirror, Shoulder, Signal

Sonja, a literary translator for Swedish crime novels, is over forty, so she decides that it is finally time to get her driving license. In Copenhagen’s streets she is not only fighting with the driving school’s car and the other cars, cyclists and pedestrians around her, but also with her instructor Jytte who just does not let her change gears and yells at her all the time. When Sonja complains with the driving school’s boss Folke, she is not sure if with another instructor, she will be able to learn how to move smoothly in the traffic. However, it is not only the failure in driving that worries the translator. She struggles with her current piece of work and especially with her family relationships. Her sister as well as her parents still live in the countryside where she grew up and with whom she hardly has any contact.

Dorthe Nors novel which is nominated for the 2017 International Man Booker Prize is an interesting piece of art. First of all, I found the central topic quite innovative, I cannot recollect ever having read a novel in which learning to drive a car is the focus of the plot. Yet, this is only on the surface the central aspect, Sonja’s driving lessons are much more marked by the complicated relationships and conversations by the characters. Her first instructor, Jytte, is an outstanding person. She is not only outgoing and loud in every aspect, but also not very sensitive with her students. The encounter with a very reflective and intellectual woman who, additionally, is also a bit older and full of insecurity, can only lead to conflict which the two women avoid openly. The second instructor, Folke, is much more receptive to Sonja’s emotional needs than he seems at first.

On the other hand, we have the complicated communication between the sisters which is mainly avoided or unsuccessful. Kate does not want to talk to Sonja, her husband repeatedly has to deny her being at home in order not to be confronted with the sister and old conflicts which have never been solved. Dorthe Nors has found an interesting picture to illustrate their relationship: “If Sonja and Kate were apples, you’d say that they’d fallen on two different sides of the three” (pos. 852). They come from the same tree, but then they lose sight of each other.

Sonja is symbolic for the modern inhabitant of a major city. She has many people around herself, her life is full of different things she can do in town, but underlying it all is a loneliness which sometimes surfaces and makes them aware of the poor quality of the many encounters they have:

“In Copenhagen you could have something else, and her first years were a success. She learned the city’s movements, its dialog, its form. But bit by bit it stopped making sense.” (pos. 1526)

Yet, life in the countryside is also not portrayed as the perfect solution. Much more the question is raised what is important in life and should it be more than just the fulfilment of basic needs.

Even though there is a certain melancholy which marks the novel, there are also funny situations and hilarious dialogues full of absurdity. Life is not only black and white, and sometimes you struggle with it, but as soon as you have found your place and have decided on what is important for you, you can find you balance and go on.

Regarding the nomination for the International Man Booker prize, I found others nominees I have read much more demanding, e.g. Mathias Enard’s “Compass” (review in German) or David Grossman’s “A Horse Walks Into a Bar” (review in German). However, for such a renowned prize, Dorthe Nors’ novel is wonderful to read on different levels.