Christian von Ditfurth – Ultimatum

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Christian von Ditfurth – Ultimatum

Der Ehemann der Kanzlerin wird in Berlin entführt. Die Forderung der Geiselnehmer: erst die Freilassung des Verbrechers Bob Wedenstein, dann die Entlassung des Innenministers, als letztes den südlichen Euroländern die Schulden erlassen – die Forderungen werden immer drastischer, mit der Hand des First Husband untermauern sie ihre Ernsthaftigkeit. Die Regierung und die Ermittlungsbehörden stehen unter Druck, da interessiert sie der verdächtige Tod der russischen Kulturattachée nur mäßig. Als sich in Paris ein paralleles Szenario anbahnt, ist klar, dass der Angriff größer ist und sich nicht nur gegen die Kanzlerin und Deutschland richtet. Einzig Kommissar Eugen de Bodt, dem es gelingt den Gatten der Kanzlerin zu befreien, scheint einen klaren Kopf zu bewahren und die Absicht der Terroristen zu durchschauen. Aber auch er ahnt noch nicht, was sie sich tatsächlich ausgedacht haben.

Das Szenario klang vielversprechend, eine Gruppe von schlagstarken und entschlossenen Terroristen versetzt Deutschland und Frankreich in Angst und Schrecken. Die Methoden tragen unverkennbare Parallelen zum Agieren der RAF und es scheint kaum ein Mittel zu geben, um sie aufzuhalten. Glücklicherweise jedoch verfügt Kommissar de Bodt über die Gabe, sich in die Gedankenwelt der Verbrecher zu versetzen und so deren Vorgehen und Pläne zu antizipieren – dies macht ihn, neben seiner Leidenschaft für philosophische Sprüche, bei seinen Vorgesetzten nicht unbedingt beliebter.

Der vielversprechende Ansatz stolpert jedoch für mein Empfinden gleich über mehrere Schwächen. Die überzeugende Grundidee gerät insgesamt zu groß, zu sehr aufgeblasen, um glaubwürdig zu sein. Irgendwann verzettelt sich das Szenario und hat mich dann leider auch verloren. Auch wenn de Bodt mit seinem Team arbeitet, bleibt er doch der alleinige Held, von dem alles abhängt. Superhelden passen gut in das Marvel Universum, für realistische Geschichten sind sie meist zu wenig menschlich und können mich nicht wirklich für sich gewinnen – zugegebenermaßen haben mich seine Sprüche auch mehr genervt, als dass ich ihnen etwas abgewinnen hätte können. Ähnlich wie die Handlung war auch die Erzählweise ziemlich aufgebläht; immer wieder endlose Dialoge, die letztlich die Geschichte selten vorangebracht haben und stattdessen eher noch die Spannung haben abflachen lassen, so waren sie für einen rasanten Thriller eher hinderlich als bereichernd.

Fazit: leider große Enttäuschung, da die hohen Erwartungen so gar nicht erfüllt wurden.

Grégoire Delacourt – Das Leuchten in mir

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Grégoire Delacourt – Das Leuchten in mir

Eine zufällige Begegnung in einer Brasserie und Emmas Leben gerät aus den Fugen. Sie sieht ihn dort und wird ihn nun täglich sehen, immer zur Mittagszeit werden sich ihre Blicke kreuzen, doch es werden Wochen vergehen, bis sie das erste Wort wechseln. Schmetterlinge kehren zurück zu der Ehefrau und Mutter, deren Leben von außen scheinbar perfekt ist mit dem liebenden Gatten und den drei wohlgeratenen Kindern. Aber es fehlt etwas, genau dieses Gefühl wieder lebendig zu sein, die Emotionen und aufsteigende Hitze, wenn sie nur an ihn denkt. Sie stellen sich vor, Alexandre heißt er, Journalist, verheiratet. Doch das spielt alles keine Rolle, denn genau für diesen Moment werden sie alles aufgeben, ihr bisheriges Leben hinter sich lassen und gemeinsam in die Zukunft gehen. Doch es gibt keine Zukunft für sie und so steht Emma plötzlich vor dem Trümmerhaufen, der mal ihr Leben war.

Der mit bereits zahlreichen Literaturpreisen geehrte Autor Grégoire Delacourt unterstreicht in seinem aktuellen Roman einmal mehr seinen Platz unter den zeitgenössischen französischen Autoren. Ihm gelingt es unvergleichlich die Emotionen seiner Figuren einzufangen und zu transportieren ohne deren Last auf den Leser zu legen. Es ist etwas bedauerlich, dass man sich für die deutsche Ausgabe für einen anderen Titel entschieden hat, denn der Originaltitel „Danser au bord de l’abîme“ drückt perfekt das aus, worüber Delacourt in seiner Geschichte schreibt: die Figuren tanzen ausgelassen am Rande des Abgrunds und drohen zu jedem Zeitpunkt abzustürzen.

„Meine künftigen Tage versprachen stürmisch zu werden. Und einer von ihnen erschütternd.“

Emmanuelle ist eine durchaus attraktive Frau Ende dreißig, ihr Mann Olivier Leiter eines großen Autohauses und die beiden Töchter Manon, 16, und Léa, 12, sowie der 14-jährige Sohn Louis sind ebenfalls eine Freude für die Eltern. Doch sie spürt, dass etwas in ihrem Leben verloren gegangen ist, etwas fehlt. Alexandre gelingt es, wieder etwas in ihr zu entzünden, das so stark leuchtet, dass sie bereit ist, dafür alles zu riskieren, alles aufzugeben. Sie macht sich die Entscheidung nicht leicht, man folgt ihren Gedanken und kann sie verstehen. Die Vorwürfe, die sie sich selbst macht, die Kinder zu verlassen, ihr Leben zu zerstören, das Hadern und Zaudern und doch zu wissen, dass sie nicht anders handeln kann, denn ihre Liebe zu Olivier findet nicht mehr in der Gegenwart statt.

Doch dann kurz bevor das Glück kaum größer sein könnte, lässt Delacourt seine Protagonistin fallen, tief fallen. Plötzlich sieht sie sich alleine auf einem Campingplatz mit anderen vergessenen Figuren. Der Frühling geht in den Sommer und den Herbst über und erst nach dem Winter findet sie zurück zu ihrer Familie, die nicht mehr dieselbe ist. Der Autor folgt mit seiner Sprache der Emotionen der Figur, wurden im ersten Teil noch überschäumend die Emotionen ausgelebt, werden die Sätze kürzer und schlichter in der Zeit der Trauer. Dabei umschifft er jede Gefahr von Kitsch, dem eine solche tragische Liebesgeschichte erliegen könnte. Viel mehr zeigt er, dass nur dadurch, dass Emma wieder aufgelebt ist, sie sich wieder lebendig fühlte, sie auch so hart vom Schicksal getroffen werden konnte und der Fall so tief war. Delacourt hat den entscheidenden Moment im Leben seiner Figur überzeugend und ausdrucksstark umgesetzt.

Pascal Ruter – Monsieur Bonheur geht auf Reisen

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Pascal Ruter – Monsieur Bonheur geht auf Reisen

Nur weil er schon 85 ist, heißt das doch noch lange nicht, dass er keinen Neustart in seinem Leben mehr machen kann, oder? Kurzentschlossen lässt sich Napoléon von seiner Joséphine scheiden und fordert seinen Enkel Coco auf, gemeinsam mit ihm das Haus zu renovieren. Dies ist erst der Anfang für eine ganze Reihe von Abenteuern, die der 10-jährige seinem Freund Alexandre Rawcziik berichtet. Mal endet die Geschichte mit dem im Kofferraum eingeschlossenen Großvater, mal muss die Feuerwehr in letzter Sekunde eingreifen. Dazwischen erinnert sich Napoléon immer wieder an seine große Zeit als Boxer, die ein jähes Ende mit der Niederlage gegen Rocky nahm. So sehr er seinen Großvater liebt, zunehmend beunruhigen Coco die Erinnerungslücken und das seltsame Verhalten des alten Mannes, den er liebevoll „Kaiser“ nennt. Er ist zu seinem letzten Kampf angetreten:

„So fing die letzte Schlacht meines Kaisers an, was für eine ungleiche Schlacht! Der Feind war nicht zu fassen. Er kannte die Schwachstellen und traf zielsicher dorthin. Es ging gegen den Körper, den Kopf, das Herz. Er wusste, welche Schläge schmerzten, entmutigten oder demütigten; er beherrschte das gesamte Spektrum des Spiels bis zur Perfektion, konnte ebenso gut ausweichen wie antäuschen und genehmigte Napoléon keine Verschnaufpause. Tag und Nacht, beständig setzte er Napoléon zu.”

Pascal Ruter unterrichtet als Französischlehrer an einem Collège in Paris und wurde in Frankreich vor allem durch seine Kinderbücher bekannt. „Monsieur Bonheur geht auf Reisen“ ist eine bittersüße Geschichte über den langsamen aber unaufhaltsamen Verfall des geliebten Großvaters, aus Sicht des Enkels beschrieben, was die grausame Realität, die Cocos Vater nicht entgeht, durch den naiven Blick deutlich abmildert. Vom Stil erinnerte mich das Buch ganz eindeutig an Fredrik Backmans Ove oder auch an die Bücher von Antoine Laurain.

Ist man zunächst noch amüsiert von den Eskapaden und Ansichten des alten Mannes – eine minutiös geplante Entführung, der Sohn, der offenkundig bei so vieler Lernerei auf die falsche Bahn geraten sein muss, das Aufmischen des Krankenhauspersonals nach dem Bruch eines Rückenwirbels – wird doch bald das Ausmaß ersichtlich und kann sich auch dem Enkel nicht mehr verbergen:

„Mein Kaiser war in Bestform. Doch schon bald bemerkte ich, dass der Arm, mit dem er sich auf der Lehne abstützte, kaum merklich zitterte. Sein Lächeln war leicht angespannt, und winzige Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn. Ich hatte ein hübsches Bild meines Kaisers vor mir, wollte aber nicht, dass ebendieses Bild vor meinen Augen zerfiel.”

Doch bevor der alte Junge sich final geschlagen gibt, muss er noch die Geheimnisse loswerden, die er ein Leben lang mit sich herumgetragen hat, und er muss noch einmal an den Strand, an den ihn so viele Erinnerungen mit der geliebten Joséphine verbinden.

Auch wenn die Geschichte einer gewissen Melancholie nicht entbehrt, legt man sie am Ende doch beseelt und irgendwie glücklich beiseite.

Georges Simenon – Striptease

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Georges Simenon – Striptease

Frankreich 1950er Jahre, Cannes, Hauptstadt der Schönen und Reichen – und der schönen, aber nicht so reichen und erfolgreichen Mädchen wie Célita. Gemeinsam mit ihrer Mitbewohnerin Marie-Lou arbeitet sie als Stripteasetänzerin im „Monico“. Wie immer bevor der Inhaber Léon Tourmaire ein Mädchen anstellt, testet er auch ihre Fähigkeiten im Bett, doch Célita macht es ihm nicht leicht, was ihn besonders reizt, eine Affäre mit ihr zu beginnen, obwohl seine Frau Florence ebenfalls im Monico arbeitet und beide stets im Blick hat. Célita wartet auf ihre Chance die Gattin zu ersetzen, doch als die junge Maud Leroy auftaucht, ist nicht nur ihr Platz in Gefahr, sondern sie droht auch noch einen gefährlichen Fehler zu begehen.

Wer Georges Simenon von dem Commissaire Maigret Krimis kennt, wird etwas überrascht sein von seinem roman dur, einer Bezeichnung, die Simenon selbst für die Werke jenseits des Pariser Ermittlers gewählt hat. Kennzeichnen dieser Geschichten ist vielfach, dass man auf der anderen Seite des Verbrechens steht und die Person hinter der Tat kennenlernt. Weniger das einschneidende Ereignis steht im Fokus als das, was letztlich dazu geführt hat. So ist auch „Striptease“ kein Kriminalroman, obwohl gedroht wird, Waffen besorgt werden und es am Ende auch eine Leiche gibt.

Die Handlung wird im Wesentlichen aus Sicht der 32-jährigen Célita geschildert. Über ihren Werdegang vor ihrer Ankunft in Cannes erfährt man nur wenig, auch da gab es schon Affären mit verheirateten Männern, die für sie nicht gut endeten. Die Mädchen im Monico sind trotz immer wiederkehrenden Streitereien eine eingeschworene Gemeinschaft, mit dem Rest der Bevölkerung der Kleinstadt haben sie nicht viel zu tun, es wäre auch undenkbar, denn zu dieser Zeit war öffentlich zur Schau gestellte Nacktheit noch ein absolutes Tabu. Célita hofft auf das bessere Leben, aber sie setzt dabei immer auf Männer statt sich ihrer eigenen Fähigkeiten zu bemächtigen. Vermutlich ist ihr gar nicht klar, dass nur sie selbst der Schlüssel aus dieser Situation sein kann. Entsprechend ausweglos scheint die Lage, als Maud ihren Platz als Geliebte einnimmt. Dass sie dennoch das Herzen am rechten Fleck hat, sieht man vor allem im zweiten Teil des Buchs, der Célita auch von ihrer verletzlichen Seite zeigt und den langsamen, aber unaufhaltsamen Verfall beschreibt.

Simenon hatte die Geschichte eigentlich als Drehbuch angelegt, der Inhalt hätte jedoch zu seiner Zeit niemals die Zensur passiert, weshalb die Idee einer Verfilmung bald wieder aufgegeben wurde. Es gibt sicherlich Romane, die intensiver das Gefühlsleben und den Niedergang einer Protagonistin schildern, aber gerade in der Kürze und Fokussierung liegt Simenons überzeugende Stärke. Eine ganz andere, aber nicht minder lesenswerte Seite des Autors.

Eric Ambler – Epitaph for a Spy

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Eric Ambler – Epitaph for a Spy

Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges gönnt sich Josef Vadassy seinen ersten Urlaub seit vielen Jahren. Lange lebte der Sprachenlehrer in England, die zunehmend schwierige politische Lage brachte ihn schließlich nach Paris und nun an die Côte d‘Azur. Der gebürtige Jugoslawe mit ungarischem Pass will seine geliebte Kamera testen, auf die er lange gespart hat. Als er jedoch seine entwickelten Bilder abholen will, wird er verhaftet. Auf den Bildern waren nämlich nicht nur Eidechsen, wie er angab, sondern auch Aufnahmen von militärischen Einrichtungen, was den Mann mit der ungeklärten Nationalität sehr verdächtig macht. Offenkundig hat jemand die Kameras vertauscht und wenn er kein Spion ist, dann muss es einer der anderen Gäste sein. Der französische Geheimdienst zwingt ihn zur Zusammenarbeit und droht mit der Deportation, die unweigerlich im Tod enden wird. Josef Vadassys Ermittlertätigkeiten sind mehr als dilettantisch und statt dem wahren Täter auf die Spur zukommen, scheint er viel eher sein eigenes Grab zu schaufeln.

Eric Ambler gehört zu den Erfindern der Spionageromane, die sich insbesondere durch einen hohen Grad an Realismus auszeichnen. „Epitaph for a Spy“ (in der ersten Übersetzung „Die Stunde des Spions“, in der späteren „Nachruf auf einen Spion“) war sein dritter Roman, den er 1938 verfasste und der die angespannte Lage auf den europäischen Kontinent authentisch einfängt. Kein Urlaubsgast kann einfach mehr die französische Riviera genießen, alle beobachten argwöhnisch die Mitbewohner und stellen Vermutungen über deren Hintergründe und Motive an.

Der Roman folgt erwartungsgemäß einem sehr klassischen Setting und sowohl die Figuren wie auch das Setting sind hervorragend aufeinander abgestimmt. Der über allem drohende Weltkrieg macht die Hotelgäste nervös. Die schweizer Besitzerin führt offenbar mit dem deutschen Schimler oder Heimberger – weshalb benutzt er zwei Namen? verdächtig! – etwas im Schilde, die Geschwister Skelton werden plötzlich küssend am Strand gesehen, die Liste der Verdächtigen wird immer länger, je näher Vadassy sie kennenlernt. Auch wenn die Geschichte klar ein Spionageroman ist, muss man doch immer wieder über die Unfähigkeit des Protagonisten, aber auch über das seltsame Vorgehen der scheinbar korrumpierten Polizei schmunzeln. Allein schon der Gedanke eine Person wie Vadassy ermitteln zu lassen, erscheint absurd. Doch die wahre Verstrickung zeigt sich erst am Ende der Geschichte und alle Fragen lösen sich sauber auf.

Unterhaltsamer Krimi aus längst vergangener Zeit. Eher mit humorvollen Passagen und auch durch die politischen Anspielungen überzeugend als durch eine hochspannende und komplexe Story. Erwartungen dennoch voll erfüllt.

Alexander Oetker – Zara & Zoë: Rache in Marseille

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Alexander Oetker – Zara & Zoë: Rache in Marseille

Ein komplizierter Fall lässt die beiden Europol Kommissare Zara von Hardenberg und ihren Kollegen Per Isaakson in Zaras provenzalische Heimat kommen. Der Tod eines Mädchens ist verdächtig und Zara spürt, dass ein großer Anschlag kurz bevorsteht. Die Ermittlungen kommen nur schwer voran, die Polizei von Marseille ist offenbar tief korrupt und in der Cité ist ohnehin niemand bereit, mit den Ermittlern zu kooperieren. Zara bleibt keine Wahl, sie muss das tun, was sie immer vermeiden wollte: sie muss ihre Schwester um Hilfe bitten. Nur Zoë kann herausfinden, was bevorsteht, denn im Gegensatz zu Zara hat sie ganz andere Möglichkeiten. Zoë nicht irgendwer, sie ist die Königin der Mafia, die die Drogengeschäfte und Waffenlieferungen kontrolliert und der sich niemand in den Weg stellt. Nach vielen Jahren ohne Kontakt stehen sich die Zwillinge nun wieder gegenüber – aber dieses Mal gemeinsam im Kampf.

Alexander Oetker kennt als ehemaliger politischer Korrespondent das schwierige Pflaster von Marseille, der französischen Stadt, die lange Zeit im Ruf stand, rein von Mafiabanden kontrolliert zu werden und wo sich Polizisten selbst bewaffnet nicht in manche Stadtviertel wagten. Der ideale Schauplatz für einen Thriller, der die eskalierende Gewalt und Kriminalität ins Zentrum stellt.

Die Handlung hat ein enorm hohes Tempo und ist insgesamt sauber und überzeugend konstruiert. Die verfeindeten Banden, die den finalen Kampf ums Revier vorbereiten, dazu die nach den zahlreichen Attentaten in Frankreich aufgeheizte Stimmung – all das wird geschickt genutzt und lässt den Fall authentisch wirken. Stärker noch als die Geschehnisse reizt das ungleiche Schwesternpaar. Zwar etwas klischeehaft gezeichnet – Zara die fleißige und gute Tochter, die einen Job bei den Strafverfolgungsbehörden annimmt einerseits, andererseits die wilde Zoë, die schon früh den Reiz der illegalen Geschäfte erkennt und rasch in der Mafia aufsteigt – gibt ihr doppeltes Spiel doch der Geschichte eine ganz eigene Note.

Rundherum ein überzeugender Thriller, der hoffentlich als Auftakt einer Serie weitere so überzeugende und unterhaltsame Bände folgen lässt.

P.B. Vauvillé – Ein kunstvoller Mord

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P.B. Vauvillé – Ein kunstvoller Mord

Die Pariser Kunstszene ist in heller Aufregung als eine der berüchtigtsten Performance Künstlerinnen heimtückisch vergiftet wird. Nicht nur der Mord an sich, sondern die Tötung während einer geheimen Inszenierung ist rätselhaft. Rosa Kontrapunkt war live dabei und die ältere Artistin ist sichtlich mitgenommen, jedoch hält das sie und ihren Sohn Quentin Belbasse nicht davon ab, selbst Ermittlungen zu tätigen. Auch Lieutenant Brossard erkennt, dass es ohne die beiden wohl schwierig werden wird, hinter die Fassaden der Kunst zu blicken und Zugang zu den eigensinnigen Menschen zu bekommen.

Der zweite Band der Reihe um das Privatdetektivgespann aus Mutter und Sohn verspricht eine interessante Kombination aus Krimi und Kunst zu werden. Der Fall hat tatsächlich auch einiges zu bieten, wenn auch die Kunst eher von der sehr speziellen Sorte ist und letztlich ganz andere Aspekte im Vordergrund der Ermittlungen stehen. Insgesamt glaubwürdig und nachvollziehbar konstruiert, aber mir fehlte es doch etwas an Spannung und die Figuren hätten etwas mehr Persönlichkeit haben können, um mit gänzlich zu überzeugen.

Für mich reiht sich der Roman in die Riege der cosy crime Storys ein: nicht die ganz große Spannung, dafür mehr Lokalkolorith. Davon hätte es mir durchaus etwas mehr sein dürfen, man liest es gerne, aber der Funke wollte nicht recht zünden. Die Künstlerszene wird immer wieder angerissen, aber ihr Protest bleibt etwas zu oberflächlich. Auch kann mich die Rolle von Quentin nicht ganz überzeugen, welcher Polizist würde sich von einem Zivilisten einfach so in die Arbeit pfuschen lassen und die Ermittlungsergebnisse teilen? So richtig erschließt sich mir nicht, wie diese Zusammenarbeit zustande kommt. Ganz klar punktet die Geschichte mit den vielen Spuren und Verwicklungen, die der Fall zu bieten hat. Hier hat das Autorenpaar sich eine sehr clevere und komplexe Konstellation ausgedacht, für die sich der Krimi die Sterne verdient.

Olivier Norek – All dies ist nie geschehen

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Olivier Norek – All dies ist nie geschehen

Zwei Männer, zwei Familien, zwei Schicksale. Nach dem Tod ihres Vaters stürzt Bastien Milliers Frau in eine tiefe Depression. Er hofft, dass sie durch den Umzug in Ihre Heimatstadt Calais wieder zurück ins Leben findet. Er selbst wird dort als Kommissar arbeiten, in der Stadt, in der sich der berühmt berüchtigten Jungle befindet. Adam ist ebenfalls Polizist, jedoch in Syrien und seine Untergrundtätigkeit gegen die Regierung droht langsam kritisch zu werden, so dass er seine Frau Nora und ihre kleine Tochter Maya in Sicherheit bringen muss. Sie sollen vorreisen, über Libyen das Mittelmeer überqueren und ihn an der französisch-englischen Grenze treffen. Doch als Adam im Jungle ankommt, ist von den beiden Frauen nicht zu sehen, er weiß nicht, dass sie nie europäischen Boden betreten haben und sucht sie verzweifelt. Dabei lernt er den jungen Sudanesen kennen, den alle nur Kilani nennen und der massivem Missbrauch ausgesetzt ist. Adam nimmt sich des Jungen an und es dauert nicht lange, bis er auch Bastien begegnet und die Bekanntschaft Spuren bei beiden Männern hinterlässt.

Olivier Noreks Roman, der im vergangenen Jahr mit dem „Prix Sang d’encre des lycéens et des lecteurs“ ausgezeichnet wurde, greift nicht nur ein europaweit hochaktuelles Thema auf, sondern legt vor allem den Finger in die schmerhafte Wunde Frankreichs. Aber meiner Meinung nach gelingt es der Geschichte auch, durchaus differenziert die unterschiedlichen Sichtweisen zum Jungle und dem Wegsehen der Behörden darzustellen. Er reiht sich damit in eine inzwischen beachtliche Anzahl von Autoren und Filmemachern ein, die die Thematik ebenfalls aufgegriffen und umgesetzt haben, wie etwa Emmanuel Carrère in „Brief an eine Zoowärterin aus Calais“ oder Philippe Lioret in „Welcome“.

Im Zentrum der Handlung stehen die beiden Männer mit ihren Familien und der dem Versuch, der Aufgabe als Schützer dieser gerecht zu werden. Als Leser weiß man schon früh, dass auf Adam kein Happy-End wartet. Das Schicksal seiner Frau und Tochter ist hart, aber inzwischen dürfte jedem Leser bekannt sein, dass sie nur zwei von tausenden sind, die jährlich auf der schwierigen Überfahrt das Leben verlieren und skrupellosen Schleppern das Einzelschicksal egal ist. Umso mehr freut man sich, wie sich Adam dem einsamen und schutzlosen Jungen annimmt. Eine Zweckgemeinschaft, wie sie das Leben schreibt. Kilani bleibt stumm für die anderen Figuren, sein Los berührt, aber erst gegen Ende wird das Ausmaß dessen, was er erlebt hat wirklich offenkundig und was er bereit ist, auf sich zu nehmen, um seinen Rettern zu danken. Dass diese Dankbarkeit keinen Ausdruck finden kann, ist ein weiteres heimtückisches Spiel ihrer Bestimmung.

Bastien und seine Familie symbolisieren die Mehrheitsbevölkerung, die plötzlich zwischen den anonymen Flüchtlingen und ihrer erschlagenden Masse und den konkreten Einzelpersonen, die Menschen wie sie selbst sind, hin und her gerissen sind und vorher gültige Grundsätze und Überzeugungen in Frage stellen müssen. Sie werden auf eine Probe gestellt und sind bereit, alles zu riskieren. Norek lässt Menschlichkeit über Rationalität und Pragmatismus siegen, was umso deutlicher die Kluft zwischen politischem Agieren im Großen und dem Handeln des betroffenen Individuums im Kleinen erscheinen lässt.

Norek bietet keine Lösungen für die Flüchtlingsfrage, er schreibt einen Roman, der es jedoch jedem erlaubt, den Blick auf den Menschen hinter den Geschichten aus Fernsehen und Zeitung zu werfen und sich vor Augen zu führen. Ein überzeugender Roman, der auch Spannungselemente geschickt einbaut und dem so der Spagat zwischen aktueller Politik und Unterschätzung gelingt.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Buch finden sich auf der Seite der Verlagsgruppe Random House.

Emmanuel Carrère – Der Widersacher

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Emmanuel Carrère – Der Widersacher

Es ist die Geschichte einer Familientragödie. Es ist die Geschichte einer regelrechten Mordserie. Es ist die Geschichte eines Mannes, der das perfekte Doppelleben aufgebaut hatte. Jean-Claude Romand erschlägt im Januar 1993 zuerst seine Frau Florence, erschießt danach seine beiden Kinder; fährt zu seinen Eltern, die er ebenfalls tötet, genauso wie den Hund; trifft in der Nacht seine Geliebte, deren Mord scheitert, bevor er nach Hause zu den Leichen seiner Familie zurückkehrt und Feuer legt. Er überlebt wider Erwarten, doch nicht nur der erweiterte Selbstmord, sondern das unglaubliche Doppelleben, das er achtzehn Jahre aufrechterhalten hat, schockiert den kleinen Ort im Jura. Wie konnte das angesehene Mitglied der Gemeinde sie alle so täuschen und selbst guten Freunden über diesen Zeitraum etwas vormachen?

Emmanuel Carrère wird beim Prozess auf den Fall aufmerksam und nimmt Kontakt zu Romand auf. Zunächst lehnt dieser ein Gespräch ab, stimmt aber später doch zu und so zeichnet der Autor in einem non-fiktionalen Roman die Geschichte des Mannes nach. Vom Vorgehen erinnert es ein wenig an Truman Capotes Roman „In Cold Blood“, der ebenfalls auf einer wahren Geschichte basiert, Carrère verbindet aber noch stärker reale Dokumente mit dem Bericht des möglichen Hergangs. Erschienen ist der Roman bereits 1999, auf Deutsch erstmals zwei Jahre später, im vergangenen Jahr nun in einer Neuübersetzung.

Wie häufig geht von extremen Taten eine ungemeine Faszination aus, so auch von diesem Fall. Der vermeintlich liebende Familienvater und erfolgreiche Mediziner, der bei der WHO an den ganz großen Themen forscht und dem nahe Kontakte zu höchsten Politikern nachgesagt wird, hat in der Realität schon im zweiten Studienjahr die Prüfung nicht absolviert und danach sein Leben auf einem feinsäuberlich austarierten Lügengebilde aufgebaut. Es ist schier unglaublich, dass er so lange seine eigene Familie, sowohl die Eltern wie auch seine Frau und Kinder, aber auch engste Freunde täuschen konnte. Auch dass seine offenkundige Persönlichkeitsstörung bei einer derart großen Anzahl von Medizinern in seinem direkten Umfeld nie aufgefallen ist, lässt einem staunen.

Carrère erzählt nicht chronologisch die Abläufe, sondern dokumentiert eher sein Vorgehen in einer eher journalistischen Weise, so dass „Der Widersacher“ kein klassischer Roman, sondern eher eine lange Reportage wird. Daher sind es auch weniger die sprachlichen als mehr die kompositorischen Aspekte und natürlich die Person Jean-Claude Romand, die im Vordergrund stehen. In der Gesamtdarstellung für mich eine runde und gelungene Sache. Dass notwendigerweise bei einer psychologisch kaum ergründbaren Figur Fragen offen bleiben, ist verständlich, eröffnet zugleich aber auch Spielraum für Spekulation, so dass der Text auch nach dem Lesen noch nachwirkt.

Leïla Slimani – All das zu verlieren

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Leïla Slimani – All das zu verlieren

Adèle hat eigentlich alles, was man sich wünschen kann. Verheiratet mit ihrem erfolgreichen Arzt lebt sie in Paris, hat einen bezaubernden kleinen Sohn und arbeitet mehr zum Zeitvertreib als Journalistin. Nach außen ist das Familienleben perfekt, aber in Adèle tobt ein Krieg, sie lebt ein Leben, das sie nicht will. Geheiratet hat sie nur, weil es günstig war, um aus den bescheidenen Familienverhältnissen zu entfliehen, aber ihr Mann kann ihr nicht geben, was sie braucht. Schon lange ist ihr Liebesleben nicht mehr existent und sie such tagtäglich den Kick. Mal mit fremden Männern, mal mit Bekannten. Sie will begehrt werden, sonst hat sie den Eindruck nicht zu existieren. Ihren Alltag bekommt sie immer weniger in den Griff und zu ihrem Sohn konnte sie nie eine Verbindung aufbauen, denn ihr ganzes Denken dreht sich nur um eines: den nächsten Mann finden, der ihr verfällt.

Leïla Slimanis erster Roman erscheint jetzt erst in Deutschland, interessanterweise nach „Sex und Lügen“, das als direkte Reaktion darauf entstanden ist, denn in ihrer marokkanischen Heimat hat man nur wenig begeistert auf das Buch reagiert, das ein Verhalten einer Frau beschreibt, das gegen alle Konventionen ist und scharf verurteilt wurde.

Die Geschichte ist eigentlich nur eine Momentaufnahme aus Adèles Leben, denn die Handlung ist recht reduziert. Es reiht sich ein Abenteuer an das nächste, ohne dass es hier eine tatsächliche Entwicklung gäbe. Zwar ahnt man, dass sich der Konflikt zwischen den Ehepartnern zuspitzen muss, was auch geschieht, vor allem nachdem Adèles Mann hinter das Doppelleben kommt und sich gezwungen sieht, darauf zu reagieren, was ihn zunächst einigermaßen überfordert.

Die Figur der Adèle ist leider etwas begrenzt in ihrer Komplexität. Ihre Sexsucht steht im Zentrum der Handlung und ihrer Persönlichkeit und alles andere wird diesem untergeordnet. Woher dies kommt, bleibt offen, auch scheint sie wenig reflektiert in Bezug darauf, was die Sucht mit ihr und ihrer Familie macht. Sie wird beherrscht durch das Verlangen und schaltet dabei alle anderen Gedanken aus, was unweigerlich in der Katastrophe enden muss. Psychologisch jedoch in sich stimmig und nachvollziehbar, wie ein Leben durch eine Abhängigkeit egal welcher Art völlig dominiert wird und sich nur noch darum dreht.