Sophie Daull – Adieu, mein Kind

Adieu mein Kind von Sophie Daull
Sophie Daull – Adieu, mein Kind

Am 9. Januar 2014 beginnt Sophie Daull zu schreiben. Eine Woche nachdem sie ihre Tochter mit nur 16 Jahren begraben musste. Sie will die letzten Tage nachzeichnen, die vier Tage im Kampf gegen den Tod und die Tage danach bis zur Beerdigung. Sie wird vier Monate brauchen alle Erinnerungen niederzuschreiben. Von der Annahme einer belanglosen Grippe, ärgerlich so kurz vor Weihnachten, über die zunehmenden Schmerzen, die Abweisung der Ärzte im Krankenhaus bis hin zum dem unvermeidlichen Tod, den Vorbereitungen auf die Beisetzung und das Loch, das folgt, wenn man einen geliebten Menschen verliert.

Sophie Daulls Geschichte ist tatsächlich kein Roman, sondern ein Tatsachenbericht über die letzten Tage mit ihrer Tochter Camille und die ersten Wochen ohne sie. Fassungslos liest man von der Hilflosigkeit der Eltern, die den Kampf der Tochter zu Hause mitansehen müssen und die keinerlei Unterstützung erfahren, sondern mit einem Paracetamol Rezept in der Hand regelrecht aus der Klinik geworfen werden. Die Todesursache bleibt auch nach der Obduktion diffus, vermutlich Bakterien, aber das spielt eigentlich schon keine Rolle mehr.

Sie muss feststellen: „Für uns gibt es keine Bezeichnung. Wir sind weder Verwitwete noch Waisen. Es gibt kein Wort für Eltern, die ihr Kind verloren haben.“ Im Internet findet sie den Vorschlag „Lebender Toter“, der die Leere, die die Eltern empfinden, das geradezu Zombie-hafte Dasein, recht treffend beschreibt, die Tage ganz ohne Erinnerung.

Sophie Daull hat sich all ihre Trauer von der Seele geschrieben. Bemerkenswert daran ist, dass sie schon vorher einmal vom Schicksal schwer getroffen wurde, im Buch wird dies in einem Nebensatz erwähnt: im Februar 1985, als sie 20 Jahre alt war, fand sie ihre Mutter vergewaltigt und mit unzähligen Messerstichen ermordet von ihrem damaligen Lebensgefährten. Diese Erfahrung, sagt die Autorin in einem Interview, habe sie überhaupt nur in die Lage versetzt, den Tod ihrer Tochter zu ertragen. Das Schreiben half ihr nicht nur loszulassen, sondern auch die Erinnerung davor zu bewahren, damit sich nicht alles im Vergessen auflöst.

Ein ungewöhnlicher Bericht einer starken Frau, die diesen ihrer Mutter widmete. Beide Male war es das Theater, das die Schauspielerin rettete und das ihr wieder neuen Mut gab, um weiterzuleben.

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Matthias Wittekindt – Die Tankstelle von Courcelles

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Matthias Wittekindt – Die Tankstelle von Courcelles

Ein Provinznest im Osten Frankreichs. In den 1970ern wachsen die Kinder in der dörflichen Gemeinschaft auf, befreunden sich, zerstreiten sich, raufen sich wieder zusammen. Gemeinsam gehen sie zur Schule, gemeinsam werden sie das Abitur meistern, um dann in Paris die große weite Welt kennenzulernen. Lou ist eine von ihnen, immer schon etwas mutiger als andere Mädchen, immer schon etwas abgebrühter. Kurz bevor die letzten Prüfungen anstehen, arbeitet sie in der Tankstelle ihres Stiefvaters in der Nachtschicht. Zwei LKW-Fahrer kommen ihr seltsam vor, doch die beiden sind so schnell wieder verschwunden, wie sie gekommen waren. Ein kurz darauf ankommender PKW mit zwei Männern wird dann aber deutlich ungemütlicher; da einer der beiden bereits betrunken ist, will sie ihm keinen weiteren Alkohol verkaufen. Als sie beginnen zu randalieren, zieht sich Lou in den hinteren Raum der Tankstelle zurück. Kurz darauf sind beide Männer tot. Brutal ermordet. Und sie werden nicht die letzten Leichen in dem französischen Dörfchen bleiben.

Matthias Wittekindt war mir bislang als Autor nicht bekannt, allerdings habe ich einige seiner Hörspiele gehört, die mich eigentlich immer begeistern konnten. Dass „Die Tankstelle von Courcelles“ auf der Krimibestenliste vom Mai 2018 gelandet war, bot dann genügend Anlass, den Roman zu lesen. Leider jedoch konnte er die Erwartungen nicht ganz erfüllen.

Lange hält sich Wittekind mit der Kindheit Lous und ihrer Freunde in den 70er Jahren auf, ohne dass tatsächlich etwas Berichtenswertes geschieht. Es gibt Unfälle, wie sie überall geschehen, auch ein verlassenes mysteriöses Zelt sorgt für eine Menge Gesprächsstoff im Ort. Die Freundschaften der Kinder und später Jugendlichen entwickeln sich in diese und jene Richtung, mal sind sie enger, mal lockerer. Das Erwachsenwerden und die dazugehörigen Theorien um die Welt, befeuert vom neuen Lehrer des Dorfes, entzweit auch so manche alte Verbindung. Der Roman schleppt sich so dahin, kündigt jedoch stetig ein großes Ereignis an, das jedoch auf sich warten lässt.

Der Doppelmord selbst wird tatsächlich recht unspektakulär geschildert und schnell von den Ermittlungen abgelöst, die jedoch auch keine wirkliche Zielgerichtetheit erkennen lassen. Es kommt zu keiner Auflösung, der Täter wird nicht gefunden, die Spekulationen bleiben. Und schon bewegt sich die Handlung weiter, sprungartig bis in die Gegenwart. Dazwischen noch schnell ein weiterer nicht ganz eindeutiger Tod eines der Jugendlichen und Lous ungeklärtes 10-tägiges Verschwinden.

Hätte es nicht zwischendurch ein paar Tote gegeben, hätte ich die Genrezuordnung „Krimi“ gänzlich angezweifelt. Die normalerweise unabdingbare Spannung fehlte mir gänzlich, auch war oft nicht klar, wer eigentlich die Rolle des Protagonisten übernehmen soll, einerseits Lou, das ist recht offenkundig, dann wiederum rückt der örtliche Gendarm Ohayon in den Fokus, nur um sich kurze Zeit später wieder zurückzuziehen.

Zusätzlich erschwert wurde die Geschichte durch einen Erzählton, der wohl mit „lakonisch“ am besten beschrieben ist. Knappe Sätze, kaum Ausschmückung, bisweilen fast lustlos schildert der Erzähler die Ereignisse. Man hört regelrecht die Seufzer, ach ja, doch, da wird noch was passieren. Das etwas einsilbige Erzählen ermüdet bisweilen, hat jedenfalls keine spannungserzeugende Wirkung, ganz im Gegenteil.

Ich kann den begeisterten Stimmen nicht beipflichten. Ein vor allem sprachlich ungewöhnlicher Roman, der vielleicht ein wenig zu viel wollte, um zu überzeugen.

Danielle Thiéry – Was die Nacht verbirgt

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Danielle Thiéry – Was die Nacht verbirgt

Ein bestialischer Mord wird der Pariser Kommissarin Edwige Marion und ihrem Team übertragen: eine Frau wurde getötet und ihr Körper ist von unzähligen Schnittwunden übersät. Bei der Obduktion stellt sich heraus, dass auch ihre Organe regelrecht zerlegt wurden. Kurz darauf geschieht ein weiterer Mord, wieder ein weibliches Opfer, dessen Körper in ähnlicher Weise gezeichnet ist. Was will der Täter ihnen sagen? Steckt ein Code hinter den Schnittwunden? Doch Kommissarin Marion beschäftigt noch etwas ganz anderes: es gibt sehr belastende Parallelen zwischen den Fällen und ihrem Freund Benjamin, der offenbar mit den Opfern kurz vor ihrem Tod gesehen wurde. Das kann nicht sein – oder hat sie einem Psychopathen vertraut?

Danielle Thiérys Krimi „Was die Nacht verbirgt“ ist der Auftakt der Reihe um Edwige Marion, von der im Original bereits 13 Romane erschienen sind, die jedoch nicht alle auch ins Deutsche übersetzt wurden. Die Reihe war zunächst bei Piper erschienen und wird nun jedoch beim Aufbau Verlag in neuem Gewand veröffentlicht.

Der Fall klingt zunächst nach einem recht typischen Thriller mit einem bestialischen Serienmörder, der reihenweise Frauen ermordet und seine unverkennbaren Spuren hinterlässt. Allerdings leidet die Spannung ein wenig darunter, dass man als Leser mit dem Holzhammer schon sehr früh auf die notwendigen Zeichen gestoßen wird; keine subtilen Indizien, die man leicht überliest, sondern in großen Lettern hervorspringende Ausrufezeichen. So hat man ab etwa der Hälfte problemlos ziemlich genau einen Überblick darüber, wie die Zusammenhänge sich darstellen dürften.

Dass man als Leser so schnell hinter den Komplott kommt, die Ermittler jedoch ewig im Dunkeln tappen, liegt an der Anlage der Figuren. Dies ist insgesamt durchaus stimmig: ein Team von unfähigen eitlen Gockeln, die lieber ihre Erkenntnisse für sich behalten und weitere Opfer riskieren als ihre Arbeit ordentlich zu machen, ist geradezu prädestiniert, die Auflösung des Falls zu verschleppen. Leider macht sie das durch die Bank unsympathisch und kaum erträglich.

Was einem dennoch am Ball hält, ist der der Schreibstil der Autorin, der durchaus fesseln kann und bei dem sie auch eine geschickte Dramaturgie an den Tag legt. Gestört wird dies nur durch zahlreiche unsägliche Übersetzungsnachlässigkeiten. Die Figuren stecken immer wieder in ihren Baskets und ziehen sich die Blousons aus, der Täter bewegt sich mal in einem Campingwagen, dann wieder in einem LKW, was letztlich aber immer dasselbe Auto ist. Wenn man fließend Französisch spricht, lassen sich so manche Holprigkeiten leicht erklären, dennoch ist es ärgerlich.

Alles in allem, bleibe ich zwiegespalten: einerseits hat der Krimi eine gewisse Spannung und man bleibt grade dran, andererseits sind doch auch unübersehbare Schwächen, die ihn weit hinter den Erwartungen zurückstehen lassen.

Adélaïde Bon – La petite fille sur la banquise

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Adélaïde Bon – La petite fille sur la banquise

Adélaïde n’a que neuf ans quand un jour de mai un homme l’approche. Elle rentrait seule d’une fête d’école, c’était la première fois qu’elle était sans ses parents et c’est la chance que l’homme a saisie. Quoique ses parents l’accompagnent immédiatement à la police, personne ne comprend que ces quelques minutes seront la cause pour la destruction de sa vie. Pour des décennies, elle aura des problèmes à accepter son corps, elle ne pourra jamais se réjouir d’être ensemble avec un homme, elle sera hantée par des cauchemars. Des heures et des heures de psychothérapie seront nécessaires jusqu’à ce qu’elle même comprenne ce qui se passait ce jour-là. Il faudra plus de 20 ans à la police de trouver l’homme, un Italien qui a violé plus de 30 jeunes filles et ainsi détruit plus de 30 vies.

 Adélaïde Bon raconte sa vie avec un viol pour lequel elle n’a pas de mots. Tout ce qui se passe après – ses années de troubles alimentaires, ses tentatives de suicide, son inaptitude de sentir quelque chose, son errance professionnelle – ce sont les réactions typiques pour un état de stress post-traumatique. Mais ce n’est non seulement sa souffrance qu’on vit aussi comme lecteur, mais avant tout le fait que ni sa famille ni ses ami(e)s ne comprennent ce qui se passe avec elle.

Que ce viol soit toujours lié à une certaine honte du côté des victimes, qu’on essaye plutôt de cacher et de ne pas parler de ce qui s’est passé au lieu d’accuser le coupable, c’est incroyable. Mais cela montre que les livres comme celui-ci sont absolument nécessaires. Non seulement pour comprendre ce qui se passe dans une fille violée, mais aussi pour montrer qu’on n’est pas seule à subir une telle chose et pour donner un nom aux choses qui arrivent.

J’admire l’auteure pour son courage de raconter son histoire ouvertement et je lui remercie pour offrir à beaucoup d’autres au moins un peu le sentiment de ne pas être la seule et de leur donner le courage de se défendre.

Jule Gölsdorf – Mörderisches Monaco

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Jule Gölsdorf – Mörderisches Monaco

Coco Dupont freut sich auf ihre Rückkehr nach Monaco, wo sie ihre neue Stelle als Kommissarin und Partnerin des etwas eigenbrötlerischen Henri Valeri antreten wird. Doch kaum ist sie gelandet, geschieht auch schon ein Mord, noch dazu ein recht grausamer, der auch das Interesse der Presse wecken dürfte: am Rennwochenende der Formel 1 wird die Frau eines erfolgreichen Fahrers überfallen, das gemeinsame Kind ist tot und sie schwebt in Lebensgefahr. Neider gab es viele, der Erfolg und das Geld ziehen zwielichtige Menschen geradezu an, aber dennoch können sich die beiden Ermittler kein wirkliches Bild vom Mord machen. Ins Visier gerät schnell ein IT Girl, die offenbar eine Affäre mit dem Rennfahrer hatte, aber wäre sie auch in der Lage, ein Kind zu töten und eine Frau lebensgefährlich zu verletzen?

„Mörderisches Monaco“ bietet genau das, was man von einem cosy crime Roman in der französischen Mittelmeerküste erwarten würde: ausufernde Landschafts- und Essensbeschreibungen, ein etwas gemächliches Tempo, jeder kennt jeden schon immer und ein nicht ganz so komplexer Fall, der auf den einfachen niederen Instinkten basiert und so auch recht zügig ohne größere Mühen gelöst werden kann. Mit den Details darf man es nicht so genau nehmen, da wird zugunsten der schönen „Bilder“ auch einmal auf sachliche Korrektheit verzichtet.

Wenn man einen leichten, unkomplizierten Fall wünscht, der einem als Leser nicht allzu sehr fordert beim Mitdenken, ist man hier ganz gut aufgehoben. Die Figuren sind eher eindimensional und verhalten sich genau so, wie in allen vergleichbaren Romanen: der männliche Ermittler vernachlässigt wie erwartet seine Frau und interessiert sich eigentlich eh nur fürs Essen; die weibliche Ermittlerin handelt völlig kopflos und unüberlegt und riskiert im sinnlosen Alleingang ihr Leben. Man würde sich einen leichten Krimi ohne das Ausschlachten aller Stereotypen wünschen, dieser hier setzt jedoch auch genau darauf. Erwartungen erfüllt, mehr aber auch nicht.

Emmanuel Carrère – D’Autres Vies Que La Mienne

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Emmanuel Carrère – D’autres vies que la mienne

Es sind zwei einschneidende Erlebnisse, die den Autor Emmanuel Carrère dazu bringen, den Roman „D’autres vies que la mienne“ zu verfassen: erst erlebt er bei dem verheerenden Tsunami 2004, wie ein befreundetes Ehepaar seine Tochter verliert, dann stirbt seine Schwägerin an Krebs und hinterlässt drei kleine Töchter. Irgendwer fordert ihn auf, er sei doch Autor, weshalb schreibt er nicht die Tragödien auf, die sich vor seinen Augen abspielen? Er wird Jahre brauchen für die Aufzeichnungen, emotional ist dies sowohl für ihn wie auch für seine Gesprächspartner kein leichtes Unterfangen. Das Buch erzählt wahre Geschichten, daher auch passend der deutsche Titel: „Alles ist wahr“.

Emmanuel Carrère beginnt seinen Bericht denn mit dem tatsächlichen chronologisch passenden Ausgangspunkt in Sri Lanka 2004. Die Erlebnisse der Überlebenden gehen einem nahe. Ohne dass der Autor selbst direkt von der Welle betroffen gewesen wäre und einen geliebten Menschen verloren hätte, wird das Leid und die Trauer derer, die nicht so viel Glück hatten, doch förmlich greifbar. Man ahnt noch nicht, dass dies noch einer der leichteren Berichte im Buch sein wird.

Die Geschichte seiner Schwägerin Juliette und ihres Kollegen Étienne sind vielschichtiger und noch greifbarer. Hat der Tsunami weltweit einen Schrecken eingejagt, sind dies nun die Geschichten des Alltags, die sich um uns herum abspielen. Juliette und Étienne sind schon als junge Menschen vom Krebs getroffen und tragen offenkundige Zeichen der Krankheit mit sich. Das bringt sie einander näher, denn sie teilen ein Schicksal und können miteinander mit einer Offenheit sprechen, die sie zu keinem anderen Menschen finden. Dies gibt ihnen aber auch die Stärke, ihren Beruf als Richter in einer ganz bestimmten Weise zu verstehen und das Leben, das ihnen wieder geschenkt wurde, nützlich zu verbringen: sie kämpfen für diejenigen, die alleine für ihre Rechte nicht einstehen können.

Als sich abzeichnet, dass Juliette nicht mehr lange wird leben können, beginnt der am schwersten zu ertragende Teil des Buches. Ihr Mann Patrice berichtet von ihrem Kennenlernen, wie sie ihre Familie gegründet haben, von der Verbindung, die trotz aller Widersprüche zwischen ihnen bestand und von den schlimmen Tagen und Stunden am Ende von Juliettes Leben. Wie sich die Familie und Étienne verabschiedet haben, die Beerdigung und den drei Töchtern, die mit dem Verlust ebenfalls klarkommen müssen.

Diese Passagen gehen nicht spurlos an einem vorbei. Es ist bewundernswert, wie Carrère es schafft, die Gefühle von Patrice wiederzugeben ohne voyeuristisch zu wirken. Er schlachtet das Schicksal nicht aus, sondern findet die richtigen Worte, um der Zuneigung und gleichsam dem Schmerz Ausdruck zu verleihen.

Nadja Spiegelman – Was nie geschehen ist

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Nadja Spiegelman – Was nie geschehen ist

Die Geschichte ihrer Familie, genauer gesagt, die Geschichte ihrer Mutter und ihrer Großmutter hat Nadja schon immer fasziniert, zu viele weiße Stellen, Ungereimtheiten und unglaubliche Begebenheiten hat sie gehört, weshalb sie als Erwachsene beginnt, nachzufragen, zu forschen und sie aufzuschreiben. Entstanden ist das Bild einer Frau, die nie geliebt wurde, die Außenseiterin in der eigenen Familie war und früh die Flucht ergriffen hat. Doch es gibt auch eine andere Seite, die Geschichte der Großmutter, die ebenfalls unter ihrer eigenen exzentrischen Mutter gelitten hatte. Mehrere Generationen Frauen, die nie ausgesprochen haben, was geschehen war und sich nun in diesem Buch ihrer Vergangenheit stellen.

Nadja Spiegelman ist die Tochter von Art Spiegelman, der seinerseits für „Maus“ den Pulitzer Prize gewonnen hat, einem Comic, der ebenfalls die Familiengeschichte erzählt. In diesem Kontext ist es nicht mehr ganz so verwunderlich, dass eine junge Frau eine doch schmerzliche Biographie ihrer Mutter vorlegt, die noch lebt und sich ihrer eigenen Geschichte stellen muss. Dadurch, dass Spiegelman die Lebensgeschichte mit ihrer eigenen verwebt, zeigt sie immer wieder Parallelen zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart auf, die auch durch unterschiedliche Länder und Zeiten stabil sind.

Vieles in Spiegelmans Familiengeschichte ist auch für den Leser schmerzlich und man fragt sich, wie Familienmitglieder auf diese Weise miteinander umgehen können. Vor allem das wiederkehrende Motiv der Mütter, ihre Töchter auf ihr Aussehen und ihre Essgewohnheiten zu reduzieren ist augenfällig. Auch die Dichotomie zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, wenn es um den Körper geht, fand ich eher seltsam gelöst in der Familie, was auch zu erheblicher Unsicherheit der jungen Frauen führte. Vor allem Françoise leidet unter der Ablehnung und fehlenden Zuneigung ihrer Mutter. Die ältere Schwester wurde immer bevorzugt, was die jüngere durch extreme Leistungen versucht zu kompensieren, um so Aufmerksamkeit zu erringen.

Ein weiterer Aspekt der Erzählung schwebt über dem gesamten Bericht und stellt vieles immer wieder in Frage: wie historisch korrekt sind die Erinnerungen, die die Menschen haben? Haben sich die Ereignisse wirklich so zugetragen oder wird durch die Zeit und die eigene Perspektive das Erlebte verfälscht und fügt sich zu einem stimmigen Bild, das womöglich gar nicht der Realität entspricht? Immer wieder steht Nadja vor diesem Problem: Einzelne Aspekte passen zeitlich und örtlich nicht, das Gesamtbild ist nicht stimmig und Mutter und Großmutter erinnern dasselbe Ereignis gänzlich verschieden. An dieser Stelle stritt Erzählen an Erinnern – dies kann versöhnen und das eigene Leben für die jeweilige Person erträglicher machen.

Isabelle Carré – Les rêveurs

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Isabelle Carré – Les rêveurs

L’actrice Isabelle Carré nous raconte sa vie dans son premier roman « Les rêveurs ». Elle parle de sa mère qui, tombée enceinte trop jeune, oppose sa famille et décide de garder son enfant. Ainsi elle reste seule à trouver sa place dans la vie avec un enfant et sans appui familial. La petite fille rêve toujours d’être vue, remarquée, aimée – mais la mère ne peut pas lui donner l’amour dont elle a tant besoin. Puis, les rêves – être danseuse, être actrice, vivre des aventures… comment vivre dans la réalité si les rêves sont beaucoup plus intéressants et fascinants ? D’autre côté : comment réussir dans la vie sans les rêves qui motivent et nous animent ?

Isabelle Carré raconte son histoire en alternant entre sa vie et ses pensées d’aujourd’hui et ceux de la jeune fille qu’elle était. Elle arrive bien à créer l’atmosphère de son enfance quand elle se sentait seule et abandonnée, en même temps, et comprend sa mère et pourquoi celle-ci n’était pas capable d’être la mère dont elle avait besoin. Une vie bâtie sur la conclusion qu’elle n’arrivera jamais à attirer l’attention de sa mère et que celle-ci ne la sauvera d’aucun danger – il ne surprend pas qu’un suicide tenté et un séjour dans un hôpital psychiatrique sont le résultat.

L’auteur suit ses souvenirs, ainsi le récit n’est pas tout à fait chronologique, mais il a un rythme particulier qu’on aime suivre. Le narratif m’a plu beaucoup, parfois très direct sans cacher où embellir quelque chose, parfois vraiment rêveur et poétique et plein de mélancolie.

Didier van Cauwelaert – Un aller simple

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Didier van Cauwelaert – Un aller simple

Aziz Kemal, durch und durch Marseillais, hat eine mysteriöse Vergangenheit. Seine Eltern sind tot, das weiß er, aber er kennt weder seinen echten Namen und die genauen Umstände. Er saß in einem Citroën Ami 6, daher sein Name „Aziz“, und wurde letztlich von Zigeunern adoptiert. So richtig hat er nie dazugehört, sich aber hervorragend an die Umstände angepasst. Er geht gerne zur Schule, aber irgendwo muss das Geld zum Leben ja herkommen, weshalb er schon in jungen Jahren zum Spezialisten für Autoradios wird und früh der staatlichen Bildung Adieu sagen muss. Viele Jahre geht das alles gut, doch plötzlich gerät er ins Visier der Behörden, die mit dem gutaussehenden Jugendlichen ein Exempel statuieren wollen: Aziz soll als illegaler Einwanderer in sein Heimatland zurückgeführt werden. Das Problem ist nur: weder war er jemals in Marokko noch spricht er Arabisch. Das ist aber kein Problem, der Attaché Jean-Pierre Schneider wird schon darauf achten, dass der Bursche dahin zurückkehrt, wo er herkam.

Die erste Hälfte von Didier van Cauwelaerts Roman ist nur so gespickt von Absurditäten, die dem elternlosen Aziz geschehen. Seine Kindheit unter Roma, das Arrangieren in einer Welt, die nach eigenen Gesetzen funktioniert und die des anderen Frankreichs geschickt umdeutet, entbehrt nicht einer gewissen Komik, was den Kleinkriminellen zu einer sympathischen Figur macht. So fühlt man auch mit ihm, wenn er zunächst selbst Opfer eines Betrugs wird und dann in die völlig absurde Abschiebesituation gerät. Diese offenbart aber überzeugend, wie im Staat nach Schema F verfahren wird und die reale Situation überhaupt nicht hinterfragt wird.

Im zweiten Teil rückt mehr und mehr der Attaché in den Vordergrund, dessen Lebensgeschichte durchaus Parallelen aufweist. Auch er ist in gewisser Weise elternlos, kann seine Träume nicht erfüllen und wird fremdbestimmt. Auch wenn er Aziz‘ Geschichte nicht verstehen kann, ist er doch menschlich, was die beiden immer näher zusammenbringt und den dritten Handlungsabschnitt einläutet, der Aziz zurück und in die Vergangenheit Jean-Pierres führt.

„Un aller simple“ wurde 1994 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. Die Verbindung zwischen der Situations-Absurdität und der unterliegenden Ernsthaftigkeit macht ihn zu einem würdigen Preisträger. Die Tatsache, dass das Buch fast 25 Jahre nach dem Erscheinen nichts an Aktualität und Relevanz eingebüßt hat, unterstreicht dies nur noch. Ein kurzer Roman, den man nicht übersehen sollte. Die deutsche Ausgabe ist unter dem Titel „Das Findelkind“ erschienen, was leider nicht ansatzweise das auszudrücken vermag, was der französische Titel beinhaltet; bleibt nur zu hoffen, dass der Rest der Übersetzung dem Buch gerecht wird.

Vitu Falconi – Das korsische Begräbnis

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Vitu Falconi – Das korsische Begräbnis

Eine Schreibblockade bringt den Pariser Autor Eric Marchand nach Korsika, wo er in der Natur ausspannen und wieder zu seinem Buch finden will. Aber es gibt noch einen zweiten Grund: in den Hinterlassenschaften seiner verstorbenen Mutter hat er unter anderem ein Tagebuch und ein Amulett gefunden; nie haben seine Eltern über ihre Vergangenheit auf der Insel gesprochen, nie war er als Kind dort, noch weiß er etwas über Verwandte. Wenn er schon einmal dort ist, kann er auch ein paar Nachforschungen anstellen. Ein falscher Schritt beim Wandern macht ihn rasch mit der Heilerin Laurine bekannt – und mit dem Nachfolger eines der brutalsten Mafia-Clans. Marchand nimmt die Dinge nicht so ernst, Blutfehde, Jahrhunderte alte Traditionen – das ist doch längst alles überkommen. Doch er täuscht sich und bald schon ist seine Anwesenheit auf der Insel für viele Bewohner ein Problem – doch warum?

Noch eine Reihe Krimis in der französischen Provinz – mein erster Gedanke. Allein aufgrund der Anzahl der Serien über Ermittler abseits der Metropolen muss man ja den Eindruck gewinnen, dass man in unserem Nachbarland nicht sicher sein kann. Leider leiden auch viele der Krimis an stereotypen Ermittlern, flachen Geschichten und viel zu viel Landschafts-, Essens- und Weinbeschreibungen. Vitu Falconi, Pseudonym des Autors Thomas Thiemeyer, der bisher vorwiegend mit Jugendbüchern bekannt wurde, bildet hier eine lobenswerte Ausnahme. Im Zentrum stehen der Fall und die Figuren, das liebliche Wohlfühl-Frankreich und ausufernde Liebschaften des Protagonisten sucht man vergeblich. Dafür gibt es einen klassischen Mafia-Krimi mit Spannung und rasantem Finish.

Das Setting als solches ist überzeugend, Korsika ist eine Insel mit eigener Sprache und eigenen Gesetzen, ideal für die Handlung um einen alten Clan und Fehden, die nie ein Ende nehmen werden. Für den Außenstehenden nicht durchschaubar und somit tappt der Leser gemeinsam mit Marchand zunächst im Dunkeln. Die Figur des Autors ist ebenfalls recht plausibel gestaltet, sowohl sein Hintergrund wie auch seine Motivation sind stimmig. Dass er nach einem beinahe tödlichen Unfall mit Rippenbruch etc. trotzdem jung und fit durch die Berge klettern kann, sei ihm verziehen. Die Handlung lebt von den Ereignissen in der Vergangenheit, die nach und nach erarbeitet werden müssen, besticht bisweilen mit kuriosen Ritualen und wird glaubwürdig zu Ende geführt. So entsteht ein runder Krimi, der die Erwartungen erfüllt.