Pierre Lemaitre – Opfer

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Pierre Lemaitre – Opfer

Ein Missgeschick mit einem Füller führt Anne Forestier in ein Einkaufszentrum. Auf dem Weg zu den Toiletten stört sie eine Gruppe von Räubern, die ein Juweliergeschäft überfallen wollen und die Zeugin niederstrecken. Doch die Frau überlebt und könnte eine Aussage machen. Aber noch viel brisanter: sie ist nicht einfach eine Frau, die zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort war, sondern auch die Partnerin von Camille Verhoeven, Pariser Kommissar, der den Fall zugleich an sich zieht, denn nicht nur die privaten Gründe, sondern auch eine offene Rechnung mit dem vermuteten Täter treiben ihn an. Ein Katz-und-Maus-Spiel beginnt und wer die Oberhand behält, ist völlig offen.

„Opfer“ ist nicht mein erster Roman von Pierre Lemaitre und bisher konnte er mich durch clevere Geschichten mit unerwarteten Wendungen und interessante Charaktere überzeugen. Dieser Thriller jedoch bleibt weit hinter den Erwartungen zurück und so manche Länge hat die Spannung etwas leiden lassen.

Zunächst schien mir die Grundidee, den Kommissar ganz persönlich mit dem Fall zu involvieren und die private Wut als weiteren Antrieb zu verwenden, ein überzeugendes Motiv. Dass Verhoeven dadurch bekannte Pfade verlässt, sich selbst schuldig macht und Vorschriften ignoriert, war passend und glaubwürdig. Auch dass die Figur von Anne Forestier nach und nach in einem anderen Licht erscheint, konnte die Spannung steigern. Allerdings haben Verhoevens Trauer um seine verstorbene Ehefrau und das scheinbar kopf- und ziellose Umherirren immer wieder die Zielstrebigkeit der Ermittlung und der Handlung vermissen lassen.

Auch der Schreibstil, der durch ein Stakkato an kurzen Sätzen geprägt ist und eher wie Gewehrsalven daherkommt als dahinzufließen, hat das Lesen doch erheblich holpriger gestaltet als ich das vom Autor gewohnt bin. Die minutenweise dokumentationsartige Kapitelgestaltung und die Perspektivenwechsel sind zwar grundlegend eine gute Idee, um das Tempo zu erhöhen und eine gewisse Atemlosigkeit in der Handlung entstehen zu lassen, haben hier aber nicht ganz ihre intendierte Wirkung entfalten können.

Ein starker Einstieg und durchaus cleverer Plot, die jedoch im Laufe der Geschichte etwas zerfleddern und unter dem Stil leiden, daher leider ein eher verhaltenes Fazit.

Philippe Dijan – Marlène

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Philippe Dijan – Marlène

Wer ist Marlène? Und hat sie wirklich so eine böse Aura, wie Richard vermutet? Schwanger flüchtet Marlène zu ihrer Schwester Nath, die sie aus Pflichtgefühl aufnimmt, auch wenn die Situation gerade schwierig ist. Mit ihrer 18-jähirgen Tochter Mona liegt sie im Clinch, so dass diese zu Dan zieht, dem besten Freund ihres Vaters Richard. Dieser saß drei Monate im Gefängnis und steht kurz vor der Entlassung. Dan versucht in das bürgerliche Leben zurückzukehren, was nach den Erfahrungen im Jemen und Afghanistan nicht einfach ist, doch im Gegensatz zu Richard scheint es ihm zu gelingen. Er ist bemüht seinem Job regelmäßig nachzugehen, die Nachbarn zu grüßen und seine Hilfe anzubieten, um wieder aufgenommen zu werden in die Gesellschaft. Doch dann kommt Marlène und macht ihm eindeutige Avancen. Er wehrt sich und ahnt noch nicht, dass er besser die Flucht ergreifen sollte, denn Marlène zieht eine Spur der Verwüstung hinter sich her.

Philippe Dijan ist als Autor in der französischen Literaturszene seit Jahrzehnten eine feste Größe. Vor allem die komplizierten zwischenmenschlichen Beziehungen haben es ihm angetan, seinen Durchbruch hatte er 1985 mit „37°2 le matin“ (dt. „Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen“), in dem er die obsessive Liebe zwischen Betty und Zorg schildert. Sein Roman „Oh…“ aus dem Jahr 2012 wurde mit dem Prix Interallié ausgezeichnet und beschreibt die verstörende Anziehung zwischen einer Frau und ihrem Vergewaltiger.

Die Protagonistin, die dem aktuellen Roman den Titel verleiht, bleibt über weite Teile der Handlung erstaunlich blass. Es wird mehr über sie gesprochen als dass man sie selbst erleben würde und man fragt sich, wie die anderen Figuren zu ihrer Einschätzung kommen und inwieweit sie mit dieser richtig liegen. Richard hasst Marlène und macht keinen Hehl daraus. Die Probleme, die Richard und Dan haben, wieder festen Boden unter den Füßen zu finden, nehmen viel mehr Raum ein und man fragt sich fast, wie Marlène zu ihrer Ehre kommt, kann sie Dan vielleicht doch von seinem Trauma befreien?

„Er kannte nicht nur Angst, Blut und Schmerz, aber er konnte sich schrubben, so viel er wollte, es ging nicht ab, es kam immer wieder, und jedes Mal färbte es auf den Rest ab (…) Er hatte sich daran gewöhnt. In gewisser Weise war er schon tot, dachte er. Weder Marlène noch sonst jemand konnte etwas dafür. Wer einmal in der Hölle gewesen war, kam nicht wieder zurück.“

Die zarte Verbindung scheint jedoch eine Zukunft zu haben, zumindest in Dans Augen. Er ist bereit sich dafür auch gegen seinen Freund zu stellen und Marlène zu verteidigen. Doch dann folgt unweigerlich der Moment des Schreckens und Grauens. Völlig unvorbereitet trifft es einem als Leser und Dijan legt sofort nach, kaum ein Herzschlag vergeht zwischen den Schlägen, die er uns zumutet.

In kurzen Sequenzen erzählt Dijan seine Geschichte, wechselnd zwischen den Figuren erlaubt er Innen- und Außensicht, was ein komplexes Bild entstehen lässt und die Zwänge, denen sie ausgesetzt sind, anschaulich verdeutlicht. Dialoge und Beschreibungen gehen fließend ineinander über und entwickeln so die Figuren und die Handlung unentwegt fort. Kaum scheint man sie greifen zu können, entweichen sie wieder.

Dijan ist keine leichte Kost, aber ein sprachlicher Virtuose, der ein Auge für die Vielschichtigkeit der menschlichen Seele hat.

Ein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Buch finden sich auf der Verlagsseite.

Alex Capus – Königskinder

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Alex Capus – Königskinder

Spätabends in den Schweizer Bergen, langsam aufkommendes Schneetreiben, doch Max und Tina ignorieren die Absperrung und fahren den Berg hinauf, bis sie schließlich doch auf dem Pass vom Weg abkommen und wohl oder übel die Nacht über im Auto ausharren müssen, bis am folgenden Morgen Hilfe zu ihnen vordringen kann. Um sich die Zeit zu vertreiben, erzählt Max eine Geschichte, jene von Jakob aus dem Greyzerland. Früh die Eltern verloren wird er zum eigenbrötlerischen, aber fähigen Kuhhirten. Als er sich in die Tochter eines reichen Bauern verliebt, ist dieser erbost, denn Jakob ist ganz sicher keine passende Partie für seine Marie. Jakob flüchtet sich in den Militärdienst, doch Marie wartet auf ihn. Nach Jahren im Ausland kehr er zurück und findet sein Mädchen wieder – doch ihre Zweisamkeit soll auch jetzt nur von kurzer Dauer sein, denn der französische König ruft schon wieder.

Überzeugend gestaltet Alex Capus die Rahmengeschichte um Max und Tina und greift hier auf ein recht altes Motiv zurück: die unerträgliche Wartezeit in unfreiwilliger Gefangenschaft mit Erzählen überbrücken und so am Leben bleiben. Was in „Tausend und einer Nacht“ funktionierte, klappt auch in der modernen Welt noch.

Die Geschichte um Jakob und Marie ist glaubwürdig und passend in der Zeit gegen Ende der Herrschaft der französischen Könige und der aufkeimenden Revolution verortet. Besonders gut hat mir dabei auch der Vulkanausbruch des Laki-Kraters gefallen, ein historisch reales Ereignis, das nachhaltige Auswirkungen auf die europäische Geschichte hatte, nahm hier doch die Hungersnot ihren Ausgangspunkt, die letztlich zum blutigen Umsturz führte. Überhaupt wird die Geschichte der beiden jungen Menschen stark durch die historischen Figuren und Ereignisse bestimmt, was ihr die Beliebigkeit nimmt und sie authentisch gestaltet. Umgekehrt aber auch eine Liebesgeschichte, die Hindernisse überwindet und überdauert. So wird „Königskinder“ trotz der Brutalität der Zeit, die niemandem, weder Königs- noch Bauernkindern, etwas schenkte, zu einer Wohlfühlgeschichte, in der man gerne versinkt.

Edgar Rai – Nächsten Sommer

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Edgar Rai – Nächsten Sommer

Eigentlich haben sie sich nur zum Fußballschauen verabredet, doch dann erzählt Felix von dem Haus, das er von seinem Onkel geerbt hat und da das Leben seiner Freunde gerade auch nicht viel zu bieten hat, beschließen er, Bernhard, Marc und Zoe mit einem alten VW Bus nach Südfrankreich zu fahren. Auf ihrer turbulenten Reise lesen sie noch Lilith auf, die eine dramatische Trennung hinter sich hat und eigentlich nur zu ihrer Schwester in nach Genf wollte. Zwischen Liebe und beinahe Tod, der Frage nach dem Sinn des Lebens und den ganz individuellen Zielen, heftigen Prügeleien und Flucht vor der Polizei wird die Reise selbst zum Ziel und das Ankommen rückt in den Hintergrund, denn die wichtigen Fragen sind noch nicht geklärt: wer bin ich und was tu ich eigentlich auf dieser Welt?

Edgar Rai hat mit seinem Roman die perfekte Sommerlektüre geschaffen, die jedoch nicht nur unterhaltsam locker daherkommt, sondern unerwartet viel Tiefgang entwickelt und mit interessanten und glaubwürdigen Figuren aufwartet, die die Handlung ganz wesentlich tragen. Die Reise selbst liefert nur den Hintergrund, vor dem die eigentliche Geschichte abläuft: eine Gruppe von Mittzwanzigern, die ihren Platz im Leben noch nicht gefunden haben.

Der Erzähler Felix ist zunächst derjenige, der als Person kaum auffällt, erst nach und nach entwickelt sich ein klares Bild von ihm, das durch eine kritische Vater-Sohn-Beziehung geprägt wurde, die einen nachhaltigen Schaden angerichtet hat; anders ist nicht zu erklären, weshalb er so plan- und ziellos durchs Leben driftet und seine Begabung für und Liebe zur Mathematik nicht einzusetzen weiß. Bernhard hingegen ist vollkommen angepasst, will nicht auffallen und schon gar nicht aus der Reihe tanzen. Doch seine im Sterben liegende Mutter und der heimliche Wunsch, den er sich eigentlich verbietet, dass ihr Leiden ein Ende haben möge, belastet ihn und hindert ihn, sein eigenes Leben in Angriff zu nehmen. Zoe hingegen liebt einen Mann, der jedoch verheiratet ist und ihr unmissverständlich klargemacht hat, dass sie nur Nummer zwei ist – das aber gerne bleiben darf. Liliths Expartnerin hat da den deutlichen Schnitt vorgezogen: mit Ende 30 ist sie zwar immer noch lesbisch, aber wenn sie Kinder haben will, braucht sie nun einen Mann. Marc will nicht mehr lieben, denn dies hat ihm nur Ärger und Schmerzen eingebracht, da sind Musik und regelmäßige Joints schon deutlich planbarer. Sie alle brauchen eine Auszeit von ihrem Leben und für wenige Tage können sie sich diese gönnen.

Trotz der bisweilen urkomischen Szenen und dem geschickten Wortwitz des Autors hängt über dem Buch eine gewisse Melancholie, die jedoch ganz wunderbar mit dem Rest harmoniert. Sie wird vor allem von Felix ausgestrahlt. Er benötigt bis zur richtigen Ankunft in seinem neuen Zuhause noch einer ultimativen Konfrontation, um sich selbst zu erkennen und sich von dem zu lösen, was ihn all die Jahre in eine Art Schockstarre verharren ließ. Als er befragt wurde, was er vom Leben erwarte, antwortete er unterwegs noch

„Aber wenn ja, dann möchte ich gerne verstehen, wozu ich auf der Welt bin.

Meine Erklärung kommt nicht gut an. »Geht’s nicht noch ein bisschen abstrakter?«, wirft Lilith ein. Und dann höre ich mich sagen: »Ich möchte bereit sein, den Tod anzunehmen.« Und mir wird klar, dass es tatsächlich das ist, was ich will: Keine Angst mehr haben, vor gar nichts. »Und ich möchte niemandem geschadet haben«, füge ich hinzu.“

Er wird noch einen letzten Kampf mit seinem Vater austragen müssen, bevor er erkennt, dass er eigentlich nur nicht sein möchte wie dieser, der ihn als Kind in ein Kellerloch gesperrt hat und nur Verachtung für ihn übrighatte. Zwischen Berlin und der Côte d’Azur finden sie alle ihre Antwort auf die Frage nach ihrem Sinn des Lebens, es ist nicht immer die, die sie erwartet hatten, aber eine, die für sie passt.

Virginie Despentes – Vernon Subutex Two

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Virginie Despentes – Vernon Subutex Two

Vernon Subutex is living in the streets of Paris now; he found a quite comfortable place in the parc des Buttes Chaumont and doesn’t really care about his old acquaintances. But they show up one after the other since there are still things going on all connected to him. First of all, Emilie’s apartment was broken into and Vernon’s rucksack has been stolen. He didn’t really care about it, but he had something that many people were keen on seeing destroyed: tapes with recordings of Vernon’s and Alex Bleach’s discussions in which the later and now dead musician reveals that Vodka Satana hasn’t died from an overdose but was killed. A whole bunch of people gathers on the Parisian hill, all grieving their own kind of loss, searching for meaning in their life and finding in Vernon the piece that holds them all together.

I liked the second instalment of the Vernon Subutex series a lot more than the first. I had the impression that the different stories which are told somehow better fit together and they are a lot more interesting than in the first. Even though Vernon Subutex still gives the novel the title and he is definitely the linking item between all of the characters, he just plays a minor role here.

It is not obvious from the beginning how all the characters relate, sometimes it needs a longer explanation to reveal the missing link. But Virginie Despentes has equipped them all with stunning lives that are not only interesting to read but also very diverse and each offer something completely new. What she manages in this way is to offer a broad picture of the French society, especially since her characters come from all kinds of classes and normally they wouldn’t really interact. But here, it does not only work, but it is convincing and great to read.

Beatrice Hitchman – Petite Mort

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Beatrice Hitchman – Petite Mort

Ein Stummfilm aus dem Jahr 1913, den man eigentlich bei dem Brand in den Pariser Pathé Studios verloren glaubte, wird nach 50 Jahren in erstaunlich gutem Zustand aufgefunden. Nachdem die Zeitungen darüber berichten, meldet sich eine Frau, die etwas zu dem mysteriösen Film sagen kann: Adèle Roux, damals jung und auf die große Karriere im Film hoffend, kam sie nach Paris, doch endete sie zunächst als Näherin, bevor der Regisseur André Durand sie zur Assistentin seiner Frau und seiner Geliebten machte. Unschuldig hofft Adèle so auf den Durchbruch, doch stattdessen wird sie in eine unheilvolle Dreiecksbeziehung gezwungen, gleichermaßen zu André wie auch zu seiner Frau hingezogen. Das Ehepaar glaubt sie unter Kontrolle zu haben, doch Adèle kann heimlich eine Rolle in dem Film „Petite Mort“ ergattern und als sie zu eigenwillig wird, muss sie für ihr Verhalten bezahlen.

Schon das Konstrukt der Erzählung legt nahe, dass mit dem doppelten Erzähler einiges verheimlicht und beschönigt wird. Adèle berichtet über ihr Leben, vor allem die Zeit bei den Durands, doch wir haben nur ihre Perspektive und können nie sicher sein, dass die ältere, abgeklärte Dame auch wirklich die Wahrheit erzählt. Was sie erzählt, fesselt die Journalistin Juliette ebenso wie den Leser, denn es bietet alles, was eine gute Geschichte braucht: Glamour, Geheimnisse, heimlichen Sex, Liebe und Rivalitäten auf unterschiedlichen Ebenen. Man ahnt, dass die Geschichte nicht gut ausgehen kann, der Film ist schon fast in Vergessenheit gerückt, als die Handlung plötzlich ungeahnte Wendungen nimmt und zu einem völlig überraschenden Abschluss geführt wird.

Der Roman ist eine Hommage an das Kino längst vergangener Zeiten, wenn auch so mancher Aspekt heute ebenso aktuell zu sein scheint wie vor hundert Jahren: der Umgang von Regisseuren mit Schauspielerinnen hat sich offenbar nur unwesentlich weiterentwickelt und so ist Beatrice Hitchmans Krimi aus dem Jahr 2013 heute aktueller denn je. Dank der cleveren Anlage, ihres Schreibstils und der überraschenden Wendungen gelingt es ihr auch, nicht in Kitsch und Klischee zu verfallen, sondern in dichter Atmosphäre interessante Charaktere zu schaffen, die die Geschichte tragen. Es bleibt jedoch ein Gefühl, dass die Autorin nicht nur ein Buch über das Kino schrieb, sondern dieses schon im Auge hatte für ihre Geschichte.

Yasmina Reza – Art

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Yasmina Reza – Art

Serge, Marc und Yvan sind schon lange befreundet und haben so manche schwierige Situation miteinander gemeistert, jetzt allerdings wird die Freundschaft auf eine harte Probe gestellt. Als der Ingenieur Marc den Arzt Serge zu Hause besucht, führt dieser ihm stolz seine neueste Errungenschaft vor: er hat ein Gemälde gekauft, einen echten Antrios! 200 000 Francs hat er dafür ausgegeben, aber sie lohnen sich ohne Frage. Marc teilt diese Einschätzung nicht ganz, denn als er das Bild betrachtet, sieht er nur eins: eine weiße Fläche. Ach, der Ingenieur ist einfach zu rational, um die feinen Linien in weiß zu erkennen. Marc bleibt bei seinem Standpunkt, Serge ist verärgert. Ihr Freund Yvan gerät zwischen die beiden, denn jeder möchte von ihm seine jeweilige Sichtweise bestätigt haben. Doch Yvan hat eigentlich ein ganz anderes Problem: seine Hochzeit steht kurz bevor und die Frauen der beiden Familien sind in Krieg ausgebrochen. Hier ist die Lösung für seine Freunde jedoch einfach: absagen, die Braut ist ohnehin die falsche für ihn.

Yasmina Rezas Theaterstückt „Art“ („Kunst“) ist zwar inzwischen fast 25 Jahre alt, aber noch genauso aktuell wie Mitte der 90er Jahre. Wie häufig bei ihr, ist das Setting nachrangig, eine durchschnittliche Wohnung, irgendwo in Paris, einmal mehr in der finanziell bessergestellten Oberschicht, die eigentlich die Konventionen von Contenance und Konversation beherrscht und sich auch vor Freunden keine Blöße gibt. Doch dies geht – wie so oft bei Reza – gehörig schief.

Im Zentrum steht die Diskussion um die Frage, was „Kunst“ ist und vor allem, was sie wert ist. Der Ingenieur Marc ist fassungslos, als er den Preis hört:

« Tu as acheté cette merde deux cent mille francs ? »

Serge weiß, dass es seinem Freund nicht leicht fällt, sich für Kunst zu interessieren, aber das Wort „Scheiße“ für sein neues Lieblingswerk nimmt er ihm dann doch übel. Yvan kann auch nur begrenzt vermitteln, er selbst ist eher indifferent gegenüber dem Gemälde und zu sehr mit seinen eigenen Sorgen belastet. Trotz der Versuche sich zurückzuhalten und die Sichtweise des anderen zu akzeptieren, eskaliert die Lage unweigerlich. Von dem einen Bild des Anstoßes hin zur Kunst im Allgemeinen wird die Diskussion irgendwann persönlich und damit sehr hässlich. Zuerst berichtet Yvan, dass er mit seinem Psychologen über seine beiden Freunde gesprochen hat, was diese sehr schlecht auffassen, bis sie bei den Partnerinnen landen und zum ersten Mal offen ihre Ablehnung zugeben.

Was höflich und freundlich mit kleinem Scherz beginnt, endet in der offenen Konfrontation, die sogar den Wunsch weckt, den anderen mit einem Faustschlag zum Schweigen zu bringen. Es ist dieser Kontorollverlust und das Hervorbringen der gut versteckten Gefühle und Meinungen, das Reza in ihren Werken immer wieder thematisiert und glaubwürdig umsetzt, etwas im „Gott des Gemetzels“ oder auch in „Babylone„. Man kann sich köstlich amüsieren dabei, wie sich die Figuren zerfleischen, um dann doch innezuhalten und sich selbst zu erkennen. Wie oft hat man doch der Freundschaft und des Anstands wegen seine Meinung nicht geäußert? Gibt es im intellektuellen Bürgertum überhaut echte Freundschaften, bei denen die Menschen ehrlich zu einander sind und sich nicht hinter Konventionen und Lügen verstecken? Ein meisterhaftes Lehrstück nicht nur über Kunst.

Karine Lambert – Das Haus ohne Männer

Das Haus ohne Maenner von Karine Lambert
Karine Lambert – Das Haus ohne Männer

Eine Bekannte aus der Universität überlässt Juliette ihre Wohnung in einem wundersamen Haus in Paris während sie selbst durch Indien reist. Schon beim ersten Betreten wird der Filmemacherin klar, dass dieses Gebäude etwas ganz Besonderes ist und seine Bewohnerinnen erst! Es herrscht die Königin im obersten Stockwerk, ehemalige Primaballerina und diejenige, die das eiserne Gesetz verkündet und überwacht: keine Männer im Haus. Einzig Kater Jean-Pierre darf als männliches Wesen die heiligen Hallen betreten. Die anderen Bewohnerinnen haben aus unterschiedlichen Gründen dem anderen Geschlecht abgeschworen: Giuseppa, weil sie zwangsverheiratet wurde und immer unter der Dominanz der sizilianischen Männer litt; Simone, weil sie den Vater ihres Sohnes mit einer Jüngeren in flagranti erwischte; Rosalie, weil ihr Traummann sie verließ, als sie ihm ihren Kinderwunsch offenbarte. Wird Juliette sich an die einzige Regel im Haus halten können?

Karine Lambert konnte mich schon mit „Und jetzt lass uns tanzen“ und „Un arbre, un jour…“ begeistern, zwei Bücher, in denen sie die leisen Töne der Figuren eingefangen hat und ihnen mit präziser und feinfühliger Sprache eine Stimme verlieh. Dabei war sie nie oberflächlich oder gar kitschig, sondern schlichtweg sensibel und nachsichtig mit den Unzulänglichkeiten. „Das Haus ohne Männer“, ihr erster Roman, kann dies noch nicht ganz so sehr erreichen wie die beiden folgenden.

Es ist weniger die Handlung als die Figuren selbst, die die Geschichte ausmachen. Alle fünf Frauen haben Enttäuschung erlebt und aus unterschiedlichem Grund nicht unbedingt der Liebe entsagt, aber doch der Zweisamkeit, an die sie nicht mehr glauben. Gänzlich verschieden sind sie und doch in der Konsequenz vereint. Aber es waren nicht nur die Partner, die sie enttäuscht haben, auch die Väter, deren Erwartungen sie nicht erfüllen konnten oder die ihnen schlichtweg keinerlei Aufmerksamkeit entgegenbringen wollten. Die Frauenfiguren können überzeugen, sind glaubwürdig und interessant gestaltet. Nichtsdestotrotz fehlt dem Roman noch das gewisse Etwas, das ihn zauberhaft werden lässt wie die anderen Werke der Autorin – oder kämpferisch, denn das sind die Frauen nicht. Vordergründig vertreten sie ihre Ablehnung, aber insgeheim wollen sie eigentlich doch nicht ohne Männer sein.

Alles in allem ein kurzer Roman für zwischendurch, der seine amüsanten Stellen hat, einen gewissen Charme versprüht und in dem sich auch Karine Lamberts Sprachgewalt schon andeutet.

Amélie Nothomb – Barbe Bleue [dt. Blaubart]

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Amélie Nothomb – Barbe Bleue 

Saturnine Puissant, Lehrerin an der École du Louvre, stößt auf eine Anzeige für eine Mitbewohnerin, die nur allzu verlockend klingt. In einem wunderschönen Altbau im Zentrum von Paris wird zu kleinem Preis ein Zimmer angeboten. Die luxuriöse Unterkunft im 7. Arrondissement gehört dem Spanier Don Elemirio Nibal y Milcar, der auf die junge Belgierin gleichermaßen faszinierend wie auch verängstigend wirkt. Er hat nur eine einzige Bedingung für ihr Zusammenleben: sie darf seine Dunkelkammer, in der er Fotos entwickelt, nicht betreten. Sollte sie es doch tun, wird sie ein ähnliches Schicksal erleiden wie ihre acht Vorgängerinnen – diese sind spurlos verschwunden. Saturnine ist gewarnt und begegnet dem Mann mit forscher Selbstbehauptung, nach und nach jedoch erliegt sie seinem Charme und schießt die Warnungen ihrer Freundin Corinne in den Wind.

Die belgische Erfolgsautorin Amélie Nothomb hat sich für ihren Roman aus dem Jahr 2012 des Märchens „Blaubart“ von Charles Perrault bedient, der als reicher Mann geachtet war und als dunkles Geheimnis zahlreiche Frauenmorde mit sich trug. Die Autorin versucht gar nicht erst subtil ihre Figuren zu charakterisieren, schon mit den Namen wird vieles offen dargelegt: Saturnine Puissant tritt ernsthaft und stark ihrem Antipoden entgegen; dieser ist über seine Nachnamen mit dem Wunsch nach Unabhängigkeit, aber auch einer hohen Sensibilität, die bei harschen Worten schnell in Überreaktionen endet (Nibal), sowie einer besonderen schöpferischen Kraft (Milcar), ausgezeichnet.

Das Spiel der beiden um die Herrschaft über den anderen beginnt sogleich mit dem ersten Dialog. Fortan werden sie miteinander kämpfen, um einander werben, sich im Kreis drehen und sich langsam Elemirios dunklem Geheimnis nähern, das Saturnine jedoch nicht verschreckt, sondern vielmehr fasziniert und sie immer näher zu ihm bringt. Ein Duell, das unweigerlich auf einen finalen Kampf hinausläuft, dessen Ende jedoch gänzlich offen ist.

Neben diesem raffiniert ausgetragenen Kampf um Macht und Überleben begeistert Amélie Nothomb mit wunderbaren Details, die verdeutlichen, dass hier nicht nur ein altes Märchen neu aufgelegt wird, sondern dass sie eine Meisterin für die Zwischentöne ist und viel mehr in ihrem Text steckt, als an der Oberfläche womöglich erkennbar. Die metaphysische Diskussion der Farben, das Gelb, das Saturnine zugeschrieben und sogleich mit Gold assoziiert wird; der Stoff des Rocks, den Elemirio für sie näht und der in unglaublicher Weise sich ihrem Körper anpasst; aber auch der Genuss der Speisen und vor allem des Champagners – nichts überlässt die Autorin dem Zufall, jedes kleinste Detail hat seinen Platz und seine Bedeutung.

So entsteht ein mehrschichtiger Roman, der durchaus nicht eines gewissen Grusels entbehrt und die Figuren maximal herausfordert und an ihre persönlichen Schmerzgrenzen gehen und diese überschreiten lässt.

Anita Brookner – Ein Start ins Leben

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Anita Brookner – Ein Start ins Leben

Wenn doch das Leben nur so einfach wäre wie die Literatur – aber so sind die Dinge nun einmal nicht für Ruth Weiss. Ihre Mutter trauert immer noch der Schauspielkarriere nach, die sie aus Altergründen unfreiwillig aufgeben musste, der Vater war Buchhändler, hat sich aber auch zurückgezogen und Ruths ehemaliges Kindermädchen lässt sich auch eher durchfüttern als im Haushalt etwas zu erledigen. Doch trotz dieser aberwitzigen Familienverhältnisse gelingt es Ruth nicht, sich freizuschwimmen, ihre Männerbekanntschaften sind alle zum Scheitern verurteilt und auch ein halbherzig versuchter Umzug in eine eigene Wohnung gibt sie bald wieder auf. Nur der bereits lange gehegte Traum sich in Paris niederzulassen und die Lebensorte ihrer literarischen Heldinnen selbst zu erleben, erscheint ihr die Möglichkeit, endlich ihr eigenes Leben in Angriff zu nehmen.

Anita Brookners Roman ist bereits 1981 erschienen und gilt als eines der Hauptwerke der 2016 verstorbenen Autorin. Sie war die erste Frau, die die Position des Slade Professor of Fine Art an der Universität von Cambridge innehatte. Schon ihr Debut behandelt die zentralen Themen der Autorin: die emotionalen Schwierigkeiten von intellektuellen Frauen den gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen und mit den Enttäuschungen im Liebesleben zurechtzukommen.

Genau hierunter leidet auch die Protagonistin Ruth. Letztlich akademisch erfolgreich bleibt ihr Privatleben doch eine Art offene Wunde, die völlige Zufriedenheit verhindert und sie immer wieder schmerzlich an ihr Versagen erinnert. Sie denkt zurück an ihre Kindheit und Jugend, das prägende Elternhaus und die ersten Liebesbeziehungen, die allesamt im Desaster endeten.

Ruth wird dabei immer wieder an ihrer literarischen Lieblingsfigur Eugénie Grandet gespiegelt, die ebenfalls in einem lieblosen Elternhaus aufwächst und die Erfahrung macht als Tochter nur Mittel zum Zweck zu sein und die Erwartungen der Eltern erfüllen zu müssen. Zwar erkennt Ruth irgendwann, dass die Tugendhaftigkeit der Balzac’chen Frauen sie im Leben auch nicht weiterbringt und dennoch endet sie sehr vergleichbar mit Eugénie in einer lieblosen Ehe, die noch dazu von kurzer Dauer ist.

Es ist faszinierend zu sehen, wie die Autorin einerseits eine klassische Geschichte einer jungen Frau erzählt, die in ähnlicher Weise auch im 18. oder 19. Jahrhundert hätte stattfinden können, und zugleich eine Frau mit modernen Ansprüchen zeigt, die 1981 ihrer Zeit schon voraus war. Dabei verleiht die ausdrucksstarke Sprache der Geschichte ein besonderes Gewicht; der bisweilen lakonische Stil, der wiederum auf den Punkt sitzt und Mitten ins Schwarze trifft, zeigt sich schon im ersten Satz, dem literarisch bekanntermaßen eine Schlüsselrolle zukommt und der bei großen Werken schon die ganze Dramatik des im folgenden dargebotenen Dramas in sich konzentriert:

„Im Alter von vierzig Jahren wurde Dr. Weiss klar, dass die Literatur ihr Leben ruiniert hatte.“

Dass dieser Roman erst jetzt in deutscher Übersetzung erscheint, ist eigentlich nicht zu glauben, ebenso, dass diese wunderbare Autorin fast in Vergessenheit geraten ist, der mit unglaublicher Leichtigkeit eine tragische und zugleich komische Geschichte gelungen ist.