Négar Djavadi – Desorientale

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Négar Djavadi – Desorientale

Kimiâ Sadr sitzt im Warteraum ihrer Ärztin. Heute ist der Tag, an dem sie endlich die Insemination vornehmen soll, sie wird Mutter werden, so wie es ihr vor langer Zeit in einem anderen Leben prophezeit wurde. Dieses Leben hat nichts mehr mit ihrem Hier und Jetzt zu tun und dennoch bestimmt es, wer sie ist und wie sie in diese Klinik gekommen ist. Also holt sie aus und berichtet ihren Zuhörern von ihrer Kindheit im Iran, ihren politisch engagierten Eltern und der Zeit der Revolution, wie sie mit der Absetzung des Schahs das Leben veränderte, härter und bedrohlicher wurde. Gewalt und Verfolgung, schließlich die Flucht in ein fremdes Land. Die Schwierigkeit in ihrer Familie über das zu reden, was passiert war, den Neuanfang zu wagen und die Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Entgegen meiner Erwartung ist das Buch weniger ein Bericht über die Schwierigkeit, in Frankreich anzukommen und Fuß zu fassen, sondern viel mehr erlaubt es einen Blick in den Iran der 70er Jahre. Der Schwerpunkt der Geschichte liegt in der Zeit vor der Flucht und den Entwicklungen im Mittleren Osten. Die Autorin erklärt ihren autobiographischen Roman auch rasch zu Beginn:

«Die Rolltreppe, die gehört denen.» Das war ein Stück weit der Grund, warum ich diese Geschichte begonnen habe, ohne recht zu wissen, wo ich anfangen soll. Ich weiß nur, dass das hier keine lineare Erzählung wird. Um die Gegenwart schildern zu können, muss ich weit in die Vergangenheit zurückgehen, muss Grenzen überqueren.

Und Ihr noch junges Leben ist bereits sehr bewegt:

Ich habe das Land gewechselt und die Sprache, mir wiederholt eine andere Vergangenheit ausgedacht, eine andere Identität. Ich habe gekämpft, jawohl, gekämpft habe ich gegen den heftigen Wind, der sich vor sehr langer Zeit erhoben hat, in einer abgelegenen persischen Provinz namens Mazandaran, mit vielen Todesfällen und vielen Geburten, rezessiven und dominanten Genen, Staatsstreichen und Revolutionen.

So entsteht in der Tat eine Erzählung, die zwischen Frankreich und dem Iran springt, die auf die Generation ihrer Eltern und deren politisches Engagement, das sie in Lebensgefahr bringt, zurückblickt. Vor allem ist es immer wieder die Mutter der drei Mädchen, Sara Sadr, die im Zentrum steht. Keine Frau, die sich mit häuslichen Pflichten zufrieden gibt, sondern die das Leben anpackt und für eine bessere Zukunft kämpft und stets ihrem Mann an der Seite steht. Simone Veil ist ihr bewundertes Vorbild, doch das, was im Frankreich der 70er Jahre möglich ist, ist im Iran noch in weiter Ferne. Durch die Frauen werden die vorherrschenden Rollenbilder und vor allem der Umgang mit Sexualität thematisiert. Bezogen auf ein unfruchtbares Paar aus ihrer Nachbarschaft stellt die Mutter fest:

«Natürlich ist er unfruchtbar. Wenn sie die Schuldige wäre, hätte er sich schon lange von ihr scheiden lassen!» Damit hätten wir die Stellung der iranischen Frau mit zwei Sätzen zusammengefasst.

Ähnlich verhält es sich als die junge Kimiâ den Familienstammbaum entdeckt:

Eines Tages fragte ich Bibi: «Warum haben sie die Mädchen nicht in den Baum eingezeichnet. Wir existieren doch auch, oder nicht?»

«Du glaubst, dass du existierst, aber du existierst nicht …»

«Und ob ich existiere!»

«(Fatalistische Grimasse von Bibi) Warte, bis du so alt bist wie ich, dann wirst du es verstehen …»

Mit der Flucht lassen sie alles hinter sich. Keine Fotos, keine Erinnerungsstücke, nichts können sie mit in das neue Leben retten. Das Schweigen in der Familie über das, was passierte, macht es für die Mädchen nicht einfach. Sie werden Jahre brauchen, ihre eigene Geschichte zu rekonstruieren. Erschwerend kommt hinzu, dass man in Frankreich keine Vorstellung von ihrer Heimat hat und es nicht gelingt, ihr Bild des Iran zu vermitteln. Es interessiert auch nicht, sie sollen sich integrieren und dazu gehört zu vergessen, zu verdrängen, die iranische Identität abzulegen.

Nachdem ich Négar Djavadi auf der Buchmesse erlebt hatte, war mein Interesse an ihrer Geschichte geweckt. Wir haben viele Vorstellungen über Einwanderer und deren Heimat, aber oftmals werden diese durch die westliche Schablone verzerrt, umso wichtiger sind diese Erzählungen, die uns einen direkten Einblick erlauben und vieles wieder zurechtrücken können. Ein sehr bewegender Roman, der bislang in Deutschland noch viel zu wenig beachtet wurde.

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François-Henri Désérable – Un certain M. Piekielny

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F.-H- Désérable – Un certain M. Piekielny

François-Henri Désérable begibt sich auf Spurensuche. Anlass ist ein gewisser Herr Piekelny, der in Hausnummer 16, der Grande-Pohulanka in Vilnius gelebt haben soll als dort auch ein gewisser Roman Kacew, später Romain Gary, wohnte. In seinen Bemühungen etwas über diesen Mann herauszufinden wälzt er unzählige Archive und durchforstet auch das Werk Garys, fährt wiederholt nach Vilnius und an die anderen Lebensorte Garys. Doch irgendwie scheint der Mann ein Phantom zu sein oder er ist schlichtweg einer der unzähligen Juden, die im Ghetto während des Zweiten Weltkrieges den Tod gefunden haben. Womöglich hat er aber auch nie existiert, sondern bleibt eine Erfindung von Romain Gary alias Roman Kacew alias Émile Ajar alias Fosco Sinibaldi etc. etc. etc.

„Un certain M. Piekielny“, der dritte Roman von François-Henri Désérable ist literarisch schwer zu fassen. In einer Weise ist es eine Art Biographie Romain Garys, und auch jede des ominösen Herr Piekielny. Zugleich ist es die Lebensgeschichte des Autors selbst, der eigentlich eine Karriere als Eishockeyspieler geplant hatte und darin auch recht erfolgreich war. Und es ist die Geschichte der litauischen Juden, des Landes zwischen Nazireich und Sowjetunion. Nicht zuletzt auch die große Frage, was ist Realität, was ist Literatur und inwieweit erfinden wir unsere Realität. Es verwundert nicht, dass der Roman daher den sogenannten „Grand Chelem“ 2017 macht, d.h. er ist für alle sechs großen französischen Literaturpreise nominiert: Prix Renaudot, Prix Goncourt, Prix Médicis, Prix Femina, Prix Interallié und Grand Prix du roman de l’Académie Française.

Der Roman entbehrt nicht einer gewissen Situationskomik, die Désérable in wahrlich unterhaltsamer Weise umzusetzen vermag. Sein erster Aufenthalt in Vilnius, bei dem eine Katastrophe die nächste jagt, ist voller Selbstironie und trockener Schicksalsergebenheit ob der chaotischen Umstände. Das allein lässt den Roman schon all die Beachtung verdienen, die man ihm im Literaturbetrieb schenkt. Viel interessanter wird das Buch jedoch bei den Überlegungen dazu, wie das Leben Piekielnys und auch Garys hätte sein können, was sie womöglich zugetragen hat. Désérable legt ihnen Wörter in den Mund, die vermutlich nie so gesprochen wurden – aber sie hätten so gesagt werden können. Die Vermischung von Wahrheit und Fiktion gelingt ihm auf ganz selbstverständliche Weise als wäre dies das Normalste überhaupt. Genau so war auch Gary der Schöpfer von Figuren und von Menschen – unvergessen das Drama um den doppelt erhalten Prix Goncourt – laut Statuten unmöglich. Es bleibt am Ende zu sagen:

Voilà, dis-je, on est réduit à le croire, ou non. Il se peut qu’il l’ait fait, mais il ne se peut aussi qu’il ait inventé cette histoire. (Pos. 1936)

Désérable müht sich selbst um die Beantwortung der Frage, was real ist und was fiktiv und was man als Schriftsteller darf oder nicht. Sind Lügen nicht auch nur subjektive Varianten der Realität? Wer hat das Recht, darüber zu bestimmen, was die wirkliche Wahrheit und Realität ist? Im Falle des M. Piekielny, den es gab oder auch nicht, ist es vielleicht auch alles ganz anders. Womöglich ist er einfach ein Symbol für all die Juden, die in Vilnius unter der Schreckensherrschaft ums Leben kamen. Und dann ist es letztlich auch egal, ob die Details sich auf diese oder jene Weise zugetragen haben.

Ein in jeder Hinsicht beachtenswerter und außergewöhnlicher Roman, von dem man sich nur wünschen kann, dass er dem deutschen Publikum auch zugänglich gemacht wird.

Buchmesse Frankfurt 2017 – Tag 1

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Heut ganz im Zeichen von interessanten Interviews. Nachdem ich ein wenig über die Messe geschlendert war und den riesigen Asterix

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bewundert hatte, ging es schon zu einem großen Highlight der Messe: der Bekanntgabe der 2e Sélection du Prix Goncourt 2017.

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Bernard Pivot hat das Publikum nicht lange warten lassen und recht flott die Finalisten verkündet, die danach folgenden Interviews vor allem zu den Fragen, was der Gewinn des Preises verändert hat, waren sehr interessant und vor allem Leïla Slimani kam unheimlich sympathisch rüber. Auf dem Foto schlecht zu erkenne sind die ganzen Berühmtheiten, unter anderem Philippe Claudel, Tahar Ben Jelloun, Jérôme Ferrari, Leïla Slimani, Eric-Emmanuel Schmitt, Virginie Despentes u.a.

Danach ging es zum blauen Sofa, auf dem Ayelet Gundar-Goshen interviewt wurde. Sie sprach über die Hintergründe zu ihrem aktuellen Buch „Lügnerin“, ihre Erfahrungen als Therapeutin mit dem Thema Lügen und über den leider in Israel sehr verbreiteten Machismo, der es Männern erlaubt, im Falle der Beschuldigung eines sexuellen Übergriffes einfach die Frau als Lügnerin abzustempeln, was ihnen auch geglaubt wird.

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Direkt im Anschluss folgte Emmanuel Carrère, der ebenfalls über die Entstehung seinen aktuellen Romans „Brief an eine Zoowärterin aus Calais“ berichtete. Er nimmt dort einen ganz anderen Blick auf die Flüchtlingskrise, indem er den Bürgern von Calais, die über Jahre den Jungle vor ihrer Haustür ertragen mussten, eine Stimme verleiht. Er selbst schien schwer beeindruckt von seinem Besuch in dem illegalen Lager.

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Auf Édouard Louis war ich besonders gespannt. Das kurze, nicht einmal 20 Minuten dauernde Gespräch mit ihm, war viel zu kurz für all das, was der junge Autor zu sagen hatte. Beeindruckend seine offene Kritik am Literaturzirkus, der sich für besonders offen und progressiv hält und dennoch weite Teile der Bevölkerung gar nicht wahrnimmt. Erschreckend auch seine Erlebnisse mit der Presse nach dem Erfolg seines ersten Buches, ein Emporkömmling, den es so nicht hätte geben dürfen. Aus diesem Grund sind viele seiner Romane auch gar nicht fiktiv, sondern autobiografisch – in den Medien wird genug erfunden, sagt er, da kann wenigsten die Literatur die Wahrheit liefern.

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Zum Abschluss des Tages eine ähnlich starke und drastische Stimme Frankreichs: Virginie Despentes. Erwartungsgemäß deutliche Worte findet sie für die französische Gesellschaft und ihren offenen Rassismus und Ausgrenzung gegenüber nicht nur Fremden und zunehmend auch wieder Juden, sondern auch Homo- und Transsexuellen. Mit ihrem Protagonisten Vernon Subutex hat sie bewusst einen weißen Mittelschichtenmann gewählt, da sie diesen in der Krise sieht und in der Rezeption in Frankreich wurde auch ihre Vermutung bestätigt, dass das Publikum gegenüber einem maskulinen Protagonisten deutlich gnädiger ist als bei Frauen, die ein vergleichbares Schicksal erleben.

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Bevor es mich wieder in die Bahn nach Hause trieb hätte ich gerne noch die Container-Wohnung des Kein & Aber Verlags besucht, aber da hatten leider nur geladene Gäste Zugang. Freitag geht es nochmals hin, ich bin gespannt, was mich dann erwartet.

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Pierre Lemaitre – Drei Tage und ein Leben

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Pierre Lemaitre – Drei Tage und ein Leben

Es ist ungewöhnlich warm an diesem Tag vor Weihnachten 1999. So kann Antoine Courtin sich in sein Baumhaus im Wald bei Beauval zurückziehen. Sein ganzes Leben frustriert den 12-Jährigen: die Freunde sind besessen von der Spielkonsole, woran er aber nicht teilhaben darf; Émilie erwidert seine Zuneigung nicht und nun ist auch noch sein einziger wahrer Freund, der Nachbarshund Odysseus, tot. Da hat ihm der nervige kleine Rémi gerade noch gefehlt. Ein unbedachter Augenblick, zu viel angestauter Frust und Antoine schlägt mit einem Stock auf das Kind ein, das sofort tot ist. Erschrocken realisiert er erst nach einigen Momenten, dass er gerade zum Mörder geworden ist. Völlig außer sich irrt er im Wald umher, um die Leiche wegzuschaffen; ein alter Baum kann das Kind in sich aufnehmen. Zurück zu Hause plagt ihn das Gewissen, doch die Ereignisse der folgenden Tage entwickeln sich völlig unvorhersehbar: das Dorf wird von einem Jahrhundertunwetter heimgesucht und der als vermisst geltende kleine Junge gerät bald schon in den Hintergrund ob drängenderer Nöte. Doch ein Mord mit einer Leiche muss irgendwann aufgeklärt werden.

Pierre Lemaitre gliedert seinen Roman in drei Zeitabschnitte, die einen völlig verschiedenen Fokus haben. Im ersten erleben wir den jungen Antoine, der eine unsägliche Tat begeht und damit alleine zurechtkommen muss. Seine Gewissensbisse, die Ängste und Befürchtungen muss er alleine durchstehen. Er hat nicht gemordet, weil er es wollte, es war letztlich ein Unfall, aber das Ergebnis ist dasselbe: er ist verantwortlich für den Tod von Rémi. Auch wenn er im Laufe der Jahre gelernt hat, mit der Tat zu leben, so kann er doch nie die Schuld ablegen, die er trägt. Zwölf Jahre später kehrt er in sein Heimatdorf zurück, just in dem Moment, als die Leiche schließlich doch noch gefunden wird. Nach so langer Zeit beschleicht ihn wieder die Furcht entdeckt zu werden, doch was mehr als ein Jahrzehnt gutgegangen ist, kann auch dieses Mal in seine Hände spielen. Ein kleiner Fehltritt jedoch und wir erleben Antoine im dritten Abschnitt, nur wenige Jahre später, für seine Tat büßen. Anders als vermutet, aber dafür auch nicht nur 15 Jahre, sondern lebenslänglich.

Diese unerwarteten Wendungen und fast bösartigen Entscheidungen Schicksals lassen Lemaitres Roman einen außergewöhnlichen Reiz ausströmen. Man wartet auf die Entdeckung, doch der Autor hat für den Leser etwas ganz Anderes geplant. Selten kann ein Roman derart überraschen und ein völlig unvorhersehbares Ende bieten.

Doch es ist nicht nur diese frappierende Wende, die überzeugt. Daneben spielt der Autor auch mit den Fragen des Schicksals und den typischen Roman-Versatzstücken. Kurz nach dem Verschwinden des Jungen versammelt sich die Gemeinde zum Gottesdienst in der örtlichen Kirche. Wo sonst Trost gespendet werden soll, wird für Antoine der Ort zum Zentrum der Qual. Es ist dem Dorf kein Messias geboren, nein, ein geliebter Junge ist ihm genommen worden. Es folgt, geradezu grotesk, die göttliche Heimsuchung durch Flut und Unwetter. Doch wieder bleibt der Täter verschont, die Unschuldigen tragen die Hauptlast der göttlichen Macht. Immer wieder lässt Lemaitre seinen Protagonisten durch die Hölle gehen und wenn auch nicht gestärkt, doch neuen Mutes wieder herauskommen. Und als er die Hand schon am rettenden Ankers spürt, der ihn für immer aus der Gefahrenzone bringen soll, schlägt die Fügung doch noch zu.

Auch die Figurenzeichnung ist überzeugend gelungen. Antoine ist vielschichtig in seinem Hadern mit der Tat und glaubwürdig für sein Alter dargestellt. Auch die anderen Figuren haben interessante und eigenwillige Züge, die sie lebendig und individuell wirken lassen.

Ein in sich stimmiger, recht kurzer Roman, der Züge eines Kriminalromans hat und mit einer cleveren Handlung überzeugen kann.

Fabrice Pliskin – Une histoire trop française

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Fabrice Pliskin – Une histoire trop française 

Jean Jodelle est entrepreneur et philanthrope. Il aime son travail car il rend possible aux femmes d’avoir des corrections esthétiques pour peu d’argent. Ses prothèses sont les plus bon marchées dans le monde entier. En plus, il vit l’idéal de diversité dans son entreprise en précisément sélectionnant ses employés. Afin que l’équipe soit motivée, il leur envoie un poème chaque matin. Quand son ami d’enfance Louis a besoin d’un poste, il l’embauche directement. Il ne dure pas trop longtemps jusqu’à ce que celui-ci comprend comment le principe de l’usine Jodelle Implants fonctionne : pour garantir un prix minime, on n’utilise pas le gel prescrit mais du matériel sans admission pour l’usage médical. Tout le monde se réjouit des frais, mais le vrai prix qu’ils paient est beaucoup plus haut.

« Une histoire trop française » rappelle vite le scandale des prothèses mammaires PIP qui a choqué non seulement la France en 2010. Fabrice Pliskin raconte l’histoire d’un point de vue très personnel d’un côté du patron, de l’autre de Louis. Ce qui est frappant est le fait qu’on arrive même à comprendre leurs arguments. S’ils travaillent avec du matériel agrée, leurs prothèses deviennent trop chères et ainsi, cent vingt personnes risquent de perdre leur travail. Cent vingt familles sans revenu, cent vingt familles qui affectent la sécurité sociale. Comme ils exportent la majorité de leurs produits et comme la plupart des femmes les utilise sans nécessité mais plutôt à cause de vanité, le risque est acceptable. Quand même, l’un ou l’autre a des doutes et une mauvaise conscience ce qui est rassurant du moins.

Quoique le sujet soit grave, en plus comme l’histoire n’est pas du tout fictive mais réelle, l’auteur arrive à présenter l’affaire d’une manière ironique et souvent amusante. J’ai pris beaucoup de plaisir en lisant avant tout quand la démesure de Jean Jodelle parle : il a un comité « extraordinaire » qui est convoqué chance année au mois de novembre. Il lui offre la décision entre le gel Jodelle et le gel « Bruxelles » et son « réponse engage l’avenir de l’entreprise ». Cette mascarade aide les employés à se sentir moins coupable comme la décision a été prise collectivement et Jean Jodelle réaffirme chaque année que ce qu’il veut « par-dessus tout, c’est éviter un drame humain. »  Fraternité – un des principes de la révolution a été transformer en « fraternité dans la faute, fraternité dans la fraude. » Ils sont dans la même galère et attendent la chute ensemble.

Ce qu’on comprend vite en lisant, c’est comment les structures humaines fonctionnent. La pression du groupe sous un leader charismatique les empêche d’agir avec raison. Ainsi, un des plus importants scandales sanitaires se pouvait produire.

 

Saphia Azzeddine – Sa mère

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Saphia Azzeddine – Sa mère

L’accouchement sous X – cette loi française permet à une femme d’accoucher et d’abandonner son bébé sans révéler son identité. Marie-Adélaïde était un tel bébé et comme elle ne connait ni ses parents ni son destin, c’est la rage qui la dirige dans la vie. Peu diplomate, elle a toujours des problèmes, avec ses camarades, ses collègues et même ses patrons. Elle ne peut ni ne veut accepter les conventions et en plus, elle ne peut pas imaginer des personnes qui ne lui veulent pas, qui l’aiment même et qui s’intéressent à elle. Le jour de son 18e anniversaire, elle a le droit de lire son dossier et d’avoir, finalement, un nom qui la mène à sa mère. Qui est cette femme qui a abandonné sa fille, qui ne s’intéresse pas à sa vie et son sort ? Y aura-t-il la chance de revivre une enfance passée ?

Marie-Adélaïde est une héroïne difficile à aimer. La colère qui règne en elle ne le rend pas facile à l’embrasser et comprendre. Le fait qu’elle se retrouve en prison n’est pas trop surprenant si on considère sa manière de traiter ses prochains. Son assistante sociale aussi met un grand effort à lui montrer comment retourner en société – mais Marie-Adélaïde a le sentiment d’être volée une enfance qu’elle aurait méritée et ainsi, elle n’est pas capable de se comporter doucement et tranquillement.

Le roman devient le plus intéressant au moment où Marie-Adélaïde commence à faire des recherches sur sa mère. Incrédule d’abord, elle ne peut pas croire ce qu’elle lit dans le dossier et ce que son détective privé révèle. La rencontre avec la mère, finalement, est aussi bien singulier et convient bien avec le caractère et la biographie de la fille. Le procès du rapprochement entre mère et fille est raconté avec une douceur éblouissante comme toutes les deux n’ont pas d’expérience avec la proximité, avec être mère ou fille, seulement des idées comment cela doit être, mais parfois cela a l’air de ne pas être correct et juste pour elles.

Encore une fois, comme dans les autres romans de Saphia Azzeddinne, l’auteur arrive à trouver un ton particulier pour sa narratrice qui reflète son état d’âme et son caractère. Marie-Adélaïde – déjà son nom signifie une rupture avec le destin attendu d’une fille adoptée – vit une vie « transitoire », entre réalité et rêve – des rêves qu’elle n’a pas. Elle a la tête sur les épaules et n’attend pas trop de sa vie ce qui la rend bien directe envers les autres. Quoique l’histoire soit pleine de chagrin et tristesse, il y beaucoup de moments à éclater de rire où au moins à sourire. Enfin, Marie-Adélaïde est aimable et on lui souhaite le meilleur – mais la vie ne fonctionne pas de cette manière.

Yasmina Reza – Babylone

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Yasmina Reza – Babylone

Elisabeth, eine 62-jährige Wissenschaftlerin, ist nervös, sie will am Abend eine kleine Soirée für Freunde und Bekannte geben und hofft, dass alles perfekt ist. Sie hat zu viele Gäste eingeladen, achtzehn an der Zahl, und muss noch Gläser beschaffen und bei der Nachbarin Stühle ausleihen. So kommt sie zum ersten Mal in die Wohnung von Lydia und Jean-Lino Manoscrivi, zu denen sie bisher ein freundschaftliches, wenn auch distanziert-nachbarschaftliches Verhältnis hatte. Sie ahnt nicht, dass sie sich am selben Tag nochmals in ganz anderer Angelegenheit dort wiederfinden wird. Der Abend beginnt schleppend, nach und nach treffen die Gäste ein, aber die Unterhaltung braucht etwas, bis sie in Gang kommt, zu unterschiedlich sind die Charaktere, aber mit der ausreichenden Menge an Alkohol finden sich Gesprächspartner. Aus Sicht von Elisabeth und ihrem Ehemann Pierre ist die kleine Feier ein Erfolg, erschöpft sinken sie ins Bett ohne das Chaos zu beseitigen. Doch nur wenig später werden sie durch ein hartnäckiges Klopfen an der Wohnungstür geweckt. Der Nachbar Jean-Lino steht vor ihnen und erklärt, dass er gerade seine Frau Lydia getötet hat.

Yasmina Rezas Roman wurde 2016 mit dem ehrwürdigen Prix Renaudot ausgezeichnet, neben dem Prix Goncourt der wichtigste Literaturpreis Frankreichs. Ähnlich wie in anderen Werken der Autorin stehen bürgerliche Figuren im Zentrum der Handlung. Elisabeth und Pierre ebenso wie ihre Gäste entstammen der Pariser Mittel- und Oberschicht und pflegen deren Verhaltensweisen. Daher ganz typisch das Setting der Handlung, eine Soirée ohne richtigen Anlass. Man ist freundlich zueinander, kleine verbale Ausrutscher werden mit Missbilligung bedacht. Doch wie beispielsweise im „Gott des Gemetzels“ erfolgt irgendwann der Ausbruch aus den Konventionen und die Figuren verlieren ihre Fassade und zeigen sich von einer gänzlich anderen Seite.

Der Roman beginnt recht langsam, fast schleppend möchte man sagen, denn Elisabeths Vorbereitungen ziehen sich etwas in die Länge und werden immer wieder durch Erinnerungen an ihre Kindheit und vor allem ihre kürzlich verstorbene Mutter unterbrochen. Das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter war von Beginn an angespannt und voller Groll denkt Elisabeth an sie zurück. Ihre Mutter machte sie „hübsch“ – weil sie das von Natur aus nicht war? Und sie denkt an die Verlogenheit der Menschen, die sich oftmals bei Beerdigungen gegenüber dem Verstorbenen zeigt:

« Ma mère était tout sauf gentille. On ne pouvait en aucun cas parler d’elle en ces termes. Sous prétexte de mort on fait perdre aux gens leur consistance élémentaire. »

Zunächst scheint hier der wesentliche Aspekt der Handlung zu liegen, denn mit dem Erscheinen von Elisabeths Schwester Jeanne wird dieser Konflikt fortgeführt. Doch dann die unerwartete Wendung durch den Mord. Elisabeth und Pierre eilen zum Tatort und sind ebenso wie Jean-Lino sichtlich mit der Situation überfordert. Die Irrationalität des Handels der drei Figuren, ausgelöst durch den extremen Stress des Moments, liefert das eigentlich Zentrum der Handlung und hier wird der Roman lebendig und regelrecht zu einem Bühnenstück, das man vor sich sieht. In dieser Situation kommt auch Jean-Lino die Erinnerung an seinen Vater, der stets denselben Psalm vortrug:

« Aux rives des fleuves de Babylone nous nous sommes assis et nous avons pleuré, nous souvenant de Sion. »

Dieser erinnert im ersten Teil an die Sehnsucht nach Rückkehr nach Hause, wo das Leben wieder geordnet ist, keine Sünden begangen sind und Gott dem Volk gnädig ist. Im nicht zitierten Teil wird die Drohung der Rache für die Verfehlung folgen, die auch Jean-Lino und seinen Nachbarn bevorsteht, die zu Komplizen der Tat werden.

Der Roman wird im Laufe der Handlung fast zu einem Krimi. Man weiß zwar um die Umstände der Tat, ist jedoch gespannt, wie das Problem gelöst werden kann und ob die drei Figuren davonkommen. Abgesehen vom ersten Fünftel, bleibt jedoch eher der Eindruck, dass er als Stück auf die Bühne gehört.

Yasmina Reza bringt die übliche Ordnung der Dinge im Leben ihrer Figuren durcheinander und lässt so ein unterhaltsames Szenario entstehen, das jedoch im Leser die ungute Frage zurücklässt, wie lange man selbst die öffentliche Fassade aufrechterhalten könnte.

Mathieu Riboulet – Und dazwischen nichts

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Mathieu Riboulet – Und dazwischen nichts

„Im Krieg sterben in einem Land in Frieden. Denn es herrscht Frieden. Kein einziger militärischer Krieg am europäischen Horizont, nicht einmal ein Bürgerkrieg, um solcherlei Töne wiederzuhören, wird man sich noch neunzehn Jahre gedulden müssen“

Im Europa der 60er, 70er und 80er Jahre herrscht Frieden und dennoch sterben Menschen. Mathieu Riboulet weigert sich, sich

„mit der Rede vom offiziellen Frieden abzufinden, dieser Lüge ungekannten Ausmaßes: Kalter Krieg für alle, heißer von 54 bis 62 für die Algerier, 53 für die Koreaner, von 54 bis 73 für die Vietnamesen und so weiter“

und schreibt seine sehr eigenwillige Biographie und Chronologie dieser Zeit. Er ist zu spät geboren, 1960, um an den Protesten von 1967/68 teilzuhaben, die 10 Jahre andauern sollten und von ihm als ein Ausbruch der Gewalt beschrieben werden,

„der auf den Straßen die Leichen hunderter Männer und Frauen hinterließ, wie Hunde abgeknallt.“

Auch 1972, als Pierre Overneys Tod durch einen Polizisten zu einer Großdemonstration in Pairs führte und in München die Olympischen Spiele durch die Geiselnahme der israelischen Mannschaft durch palästinensische Terroristen jäh ihren friedvollen Charakter verloren, ist er zu jung, um aktiv zu werden. Ebenso ist er nur Zaungast des deutschen Herbstes 1977 und die italienischen Studentenproteste im selben Jahr. Sein Kampf wird im Jahrzehnt danach kommen, als eine unheimliche Krankheit die Homosexuellen und Drogenabhängigen reihenweise dahinrafft:

„Wir hatten den Mut, unsere Körper aufs Spiel zu setzen, sie den Armen von Männern anzubieten, von Männern, die niemand wollte, doch den Mut, ausgetüftelte Anschläge durchzuführen, hätten wir auf keinen Fall gehabt. Es fehlte uns also die tragende Welle, die, in einer ungedachten Flut, alle Kräfte des Körpers in ein kollektives Bad schwemmt oder schleudert, in welchem die erzeugte Kraft immer größer ist als die Summe der eingebrachten Einzelkräfte”

Mathieu Riboulets autobiografisch gefärbter Roman ist ein sehr eigener Blick auf die Geschichte. Seine uneingeschränkte Befürwortung linksradikaler Ideen – nach den Erfahrungen in Hamburg beim G20 Gipfel vielleicht auch: Terroristen – ist das gute Recht des Autors. Die Ereignisse in Frankreich, Italien und Deutschland zwischen 67 und 78 in einen gemeinsamen Kontext zu stellen und die offizielle Redensart der friedlichen Zeit in Frage zu stellen, scheinen mir allerdings durchaus legitim.

Doch der abschließende Versuch, seinen privaten Kampf gegen die Diskriminierung, der er als Homosexueller ausgesetzt war, und gegen AIDS in diesen politischen Kontext zu rücken, finde ich eher ungewöhnlich, um nicht zu sagen: falsch. Hier werden völlig verschiedene Ebenen und Denkweisen vermischt. Natürlich wird Politik von Menschen gemacht, von denjenigen, die in der Gesellschaft oftmals die Meinung maßgeblich bestimmen. So gesehen ist durchaus eine Überschneidung gegeben. Die Grenze zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, zwischen der Gesellschaft als Ganzem und dem Individuum, scheint er einreißen zu wollen.

Vorherrschende Meinungen zu hinterfragen ist richtig und wichtig. Auf Missstände hinzuweisen ebenfalls. Dies in literarischer Form zu tun ist allemal besser als mit Pflastersteinen. Aber wenn es Mathieu Riboulet vorrangig um die Anerkennung der Homosexuellen und vor allem ihrer langen Geschichte an Unterdrückung und Verachtung ging, da hat es ein anderer Franzose vor ihm eindrücklicher geschafft, dies ins kollektive Bewusstsein zu rufen. Édouard Louis Roman „En finir avec Eddy Bellegueule“ war für mich sprachlich wie inhaltlich weniger aggressiv gegenüber dem Leser und daher in seiner Wirkung und Aussage stärker.

Olivier Adam – Die Summe aller Möglichkeiten

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Olivier Adam – Die Summe aller Möglichkeiten

Zweiundzwanzig Figuren, deren Wege sich im L’Estérel im Hinterland der Côte d’Azur kreuzen. Antoine, großes Fussballtalent, der jedoch an seinem unkontrollierten Temperament immer wieder scheitert und beruflich sowie im Privatleben nicht auf einen grünen Zweig kommt. Mit Baseballschlägern niedergeknüppelt und beinahe tot wird er ins Krankenhaus eingeliefert. Sein Freund Jeff scheint etwas zu wissen, ist aber selbst vor Angst wie gelähmt. Antoines Schwester Louise hat andere Sorgen, sie will nicht mehr länger die Ersatzmutter für ihn spielen. Die Mutter seines Sohnes Nino, Marion, ist zwar in einer neuen Partnerschaft, kann jedoch die noch vorhandenen Gefühle für ihren Ex nicht leugnen. Im Krankenhaus liegt auch Paul, der gerade seine geliebte Hélène verloren hat, dabei wollte er doch mit ihr in den Tod gehen. Ebenso wie Léa, deren Eltern sie seit Monaten vergeblich suchten. Die Polizei hat viel zu tun, nicht nur der Überfall auf Antoine wirft Fragen auch, auch ein Einbruch und das mysteriöse Verschwinden gleich mehrerer Bewohner stellt sie vor Rätsel.

Die Figuren geben sich buchstäblich den Staffelstab in die Hand. Nacheinander begegnen sie sich und erzählen ihre Geschichten und Sichtweisen. Antoine beginnt, bevor er an Marion übergibt, die bei ihrem Job im Hotel dem alten Ehepaar Paul und Hélène begegnet. So setzt sich die Geschichte fort, bis sie wieder mit Antoine beschlossen wird. Durch die unterschiedlichen Perspektiven ergeben die einzelnen Kapitel erst zusammen eine vollständige Geschichte.

„Das ist das Problem mit dem Leben, dachte Antoine. Dasjenige, das man hat, ist immer zu eng, und das, das man gerne hätte, ist zu groß, um es sich auch nur vorzustellen. Die Summe aller Möglichkeiten ist das Unendliche, das gegen null tendiert.“ Alle Figuren haben in ihrem Leben ihre Träume nicht verwirklichen könne. Sie haben Entscheidungen für und gegen etwas getroffen und sinnieren darüber nach, wie es auch, womöglich besser hätte sei. können. Zum Beispiel als erfolgreicher Fußballer, oder mit einem anderen Partner, oder ohne einen Schicksalsschlag. Das Leben, das sie ihres nennen, führt zu Frustration, Langeweile, Verzweiflung. Doch einen Ausweg gibt es nicht, sie haben nur das eine. Und andere Möglichkeiten bieten sich nicht mehr, dafür ist zu viel passiert.

Neben einer Sozialstudie des gesellschaftlichen Randes, der Kriminellen, der Gescheiterten, derjenigen mit mehreren Jobs, um zu überleben, bleibt auch eine gewisse Spannung nicht aus, denn die Frage, was mit Antoine geschehen ist, wer ihn aus welchem Grund beinahe ermordet hätte, zieht sich durch das Buch, wenn sie auch nicht stringent verfolgt wird. Die Auflösung ist symptomatisch für das Leben der Figuren und daher ausgesprochen passend und logisch.

Der Roman überzeugt aufgrund zweierlei Aspekte: die Form der Konstruktion ist ungewöhnlich und erfordert einen exakten Plan, um am Ende in dieser Weise aufzugehen und stimmig zu werden. Die Figurenzeichnung schafft die Balance, den einzelnen Charakteren eine Stimme zu verleihen ohne Mitleid zu erregen, obwohl die meisten in irgendeiner Form Verlierer sind, und ohne sie für ihr Leben zu verachten, auch wenn sie für vieles an ihrer aktuellen Situation selbst Verantwortung tragen. Alles in allem hat Olivier Adam erneut die hohen Erwartungen erfüllen können.

Deborah Levy – Heim schwimmen

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Deborah Levy – Heim schwimmen

Es soll nur eine Woche erholsamer Urlaub an der Côte d’Azur werden. Der Autor Jozef, seine Ehefrau und Journalistin Isabel sowie deren 14-jährige Tochter Nina. Das Haus teilen sie sich mit ihren Freunden Laura und Mitchell. Schon bei der Ankunft droht Ungemach, im Pool treibt ein scheinbar lebloser Körper, der sich jedoch dann als ausgesprochen lebendige junge Frau herausstellt. Aus einem später nicht mehr nachvollziehbaren Impuls heraus lädt Isabel Kitty Finch ein, das noch freie Schlafzimmer zu nutzen. Isabel ahnt, dass dies der letzte Tropfen ist, der ihrer Ehe noch fehlt, um sie endgültig scheitern zu lassen. An allen Krisenherden der Welt ist sie präsent, während zu Hause ihr Mann das Bett mit anderen Frauen teilt und sich ihre Tochter zunehmend entfremdet. Ihre Freundin Laura ist ihr in diesem Moment auch keine Hilfe, steht diese ebenfalls vor einem Scherbenhaufen: das gemeinsame Geschäft ist pleite und sie und Mitch werden ihr Haus veräußern müssen. Keine guten Voraussetzungen für erholsame Ferien.

Deborah Levys Roman hat es 2012 bis auf die Short List des Man Booker Prize geschafft und wurde allseits für seine präzise Zeichnung von Figuren gelobt, die allesamt vom Leben enttäuscht oder frustriert sind und in eine ungewisse Zukunft blicken. Insbesondere Isabel wird sich der fragilen Lage bewusst, in der sie sich innerhalb des Familiengefüges und des Londoner Zuhauses befindet:

„In ihrem Haus in London war sie eine Art Gespenst. Wenn sie aus irgendeinem Kriegsgebiet zurückkehrte und feststellte, dass in ihrer Abwesenheit die Schuhcreme oder die Glühbirnen einen neuen Aufbewahrungsort erhalten hatten, in der Nähe, aber eben nicht genau dort, wo sie sonst immer gewesen waren, dann wurde ihr klar, dass auch sie keinen festen Platz im Haus der Familie hatte.”

Das Idyll der Kleinfamilie existiert nicht mehr. Vielleicht hat es dieses nie gegeben, trotzdem scheint die Verbindung zwischen ihr und Joe nicht gänzlich abgerissen, wie Tochter Nina erstaunt feststellt. Die kleinen Veränderungen sind es, die die Figuren letztlich völlig aus der Bahn werfen. Nachdem Joe – wie von Isabel schon zu Beginn prophezeit – mit Kitty geschlafen hat, stellt er fest:

„Alles war wie vorher, nur ein klein wenig anders.”

Dass dieses „klein wenig“ aber genau das ist, was ihm bislang an Mut gefehlt hat, wird erst einen Moment später klar. Deborah Levy benötigt nicht viele, ausschweifende Worte, um das Unglück ihrer Figuren auf den Punkt zu bringen und entwickelt so einen sehr eingängigen, eigenen Stil.

Ein kurzer Roman, in der Sommerhitze der Mittelmeerküste angesiedelt und somit perfekt für heiße Tage. Ein wenig hat er mich an Ali Smith „The Accidental“ erinnert, der mit einem ähnlichen Grundszenario spielt und bereits 2005 bis auf die Short List des Man Booker Prize vorgedrungen war.