Alexander Oetker – Zara und Zoë – Tödliche Zwillinge

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Alexander Oetker – Zara und Zoë – Tödliche Zwillinge

Zweiter Einsatz für die ungleichen Schwestern. Endlich ist es Europol gelungen, einen Islamisten für sich zu gewinnen und so Zugang zu den Führern und ihren Anschlagsplänen zu bekommen. Doch der Informant scheint in Marokko, unweit der spanischen Enklave Melilla festzusitzen und womöglich ist er auch schon enttarnt. Profilerin Zara von Hardenberg muss handeln und viel Zeit bleibt nicht. Doch der Job ist unmöglich legal zu erledigen, den kann nur eine übernehmen: ihre Schwester Zoë. Diese wollte sich eigentlich nach dem letzten Einsatz zurückziehen, doch ihre eigene Organisation wird bedroht. Dem alten Mafiaboss Bolatelli laufen die Handlanger weg, denn die Al-Hamsi Brüder zahlen schlichtweg besser. Einmal mehr tauschen die Schwestern die Rollen, doch dieses Mal mit ungewissem Ausgang.

Auch im zweiten Band um die Europol-Ermittlerin und ihre Mafia-Schwester ist das Erzähltempo hoch und Bandbreite an Verbrechen und Gewalt kennt kaum eine Grenze. Oetker greift dabei auf aktuelle Bedrohungen zurück: die Angst vor islamistischem Terror hält Europa nach wie vor gefangen, ebenso sind mafiöse Strukturen im französisch-italienischen Grenzgebiet mit Korruption bis zu höchsten Ämtern kein Geheimnis.

Auch wenn ich den Rollentausch etwas bemüht finde, hat mich auch dieser Fall unmittelbar gepackt, so dass er innerhalb kürzester Zeit gelesen war. So verschieden die Schwestern, so unterschiedlich die Wahl der Mittel, besonders Zoë, die sich an kein Gesetzt gebunden sieht, folgt nur ihrem Instinkt (und entwickelt dabei geradezu übermenschliche Fähigkeiten, die dürften für meinen Geschmack etwas näher an der Realität bleiben). Gut gefallen hat mir, wie beiden besonders vom Schicksal der Frauen getroffen waren, trotz all der Härte, die beide mitbringen, bleiben sie so menschlich. Das Ende legt nahe, dass dies nicht ihr letzter Streich gewesen sein kann, man darf gespannt sein, wie sie mit der sich nun bietenden neuen Situation umgehen.

Insgesamt eine routiniert erzählte Geschichte mit viel Action und nicht allzu viel Tiefgang, genau das Maß Unterhaltung, was man gerne mal liest.

Rafik Schami – Die geheime Mission des Kardinals

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Rafik Schami – Die geheime Mission des Kardinals

Die italienische Botschaft in Damaskus erhält eine widerliche Lieferung: in einem Ölfass findet sich die Leiche des Kardinals Cornaro. Er war vorgeblich zur Einweihung einer Kirche in Syrien, doch schnell schon hat Kommissar Zakaria Barudi Zweifel daran. Zudem wirft der Tote weitere Fragen auf: warum wurde sie nicht an die vatikanische Botschaft geliefert, schließlich war der Kardinal Mitglied der Kurie? Und weshalb hat man ihn zudem entehrt, indem man seinen Ring an den falschen Finger aufzog? Barudi erhält Schützenhilfe aus Italien, Kommissar Mancini wird heimlich mit ihm die Ermittlungen leiten, denn offenbar war der Kardinal noch in einer geheimen Mission unterwegs, die man in Rom unbedingt vertuschen möchte. Kurz vor seiner Pensionierung steht Barudi nochmals ein komplizierter Fall ins Haus und das in einem Land, in dem sich gerade alle Kräfte formieren für die Geschehnisse, die bald die Weltnachrichten beherrschen werden.

Rafik Schami ist ein begnadeter Erzähler und enttäuscht auch in seinem aktuellen Roman nicht. Der christliche Syrer, der vor nunmehr fast 40 Jahren aus seiner Heimat fliehen musste, lässt auch in „Die geheime Mission des Kardinals“ kritische Töne gegenüber dem noch herrschenden System anklingen und die Melancholie, mit der er offenkundig sehnsüchtig auf seine Heimatstadt blickt, fließt ebenso aus jeder Zeile. Ein komplexer Kriminalfall wird von seinem cleveren Kommissar gelöst, aber dieser ist müde geworden ob der unsäglichen Lage. Man hofft, dass es dem Autor nicht ebenso geht und er stetig weiterhin öffentlich das Wort ergreift.

Mit Barudi hat Rafik Schami einen liebenswerten, kauzigen Kommissar geschaffen, der über genügend Erfahrung verfügt, sich nicht mehr in jeden Kampf zu stürzen und mit einer gewissen stoischen Haltung das syrische System von Geheimdienst und Polizeiapparat betrachtet. Er verzweifelt nicht mehr an den Machenschaften und ist mit sich und seinem Leben im Reinen, was ihn konzentriert an dem Fall arbeiten lässt. Sein italienischer Amtsgenosse ist noch weitaus impulsiver, auch wenn diesen ebenfalls Jahrzehnte unermüdlichen und vergeblichen Kampfs gegen die Mafia realistisch haben werden lassen.

Neben diesen beiden Figuren, die alleine die Geschichte schon lesenswert machen, lässt Schami die komplexe politische und religiöse Lage in Syrien einfließen und liefert ein erhellendes Bild über die sich zuspitzende Situation im Jahr 2010 kurz vor Ausbruch des Bürgerkriegs. Bewundernswerterweise vereinfacht er nicht, sondern zeigt genau die Zweischneidigkeit auf, denen die Menschen immer wieder ausgesetzt sind und die Facetten der Konfliktparteien, aus schwarz und weiß werden so Grauschattierungen, die jedoch leichtgängig in die Handlung einfließen und vieles an Barudis Arbeit nur verdeutlichen, ohne jedoch der Geschichte den Platz zu stehlen.

Man freut sich als Leser immer besonders, wenn Sprachfertigkeit und eine gute Story aufeinandertreffen und dies zudem meisterhaft in den komplizierten Alltag eingebettet werden. So bleibt neben der Unterhaltung noch viel mehr und lässt ein Buch aus der Masse der jährlichen Neuerscheinungen deutlich hervortreten.

Olivier Norek – All dies ist nie geschehen

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Olivier Norek – All dies ist nie geschehen

Zwei Männer, zwei Familien, zwei Schicksale. Nach dem Tod ihres Vaters stürzt Bastien Milliers Frau in eine tiefe Depression. Er hofft, dass sie durch den Umzug in Ihre Heimatstadt Calais wieder zurück ins Leben findet. Er selbst wird dort als Kommissar arbeiten, in der Stadt, in der sich der berühmt berüchtigten Jungle befindet. Adam ist ebenfalls Polizist, jedoch in Syrien und seine Untergrundtätigkeit gegen die Regierung droht langsam kritisch zu werden, so dass er seine Frau Nora und ihre kleine Tochter Maya in Sicherheit bringen muss. Sie sollen vorreisen, über Libyen das Mittelmeer überqueren und ihn an der französisch-englischen Grenze treffen. Doch als Adam im Jungle ankommt, ist von den beiden Frauen nicht zu sehen, er weiß nicht, dass sie nie europäischen Boden betreten haben und sucht sie verzweifelt. Dabei lernt er den jungen Sudanesen kennen, den alle nur Kilani nennen und der massivem Missbrauch ausgesetzt ist. Adam nimmt sich des Jungen an und es dauert nicht lange, bis er auch Bastien begegnet und die Bekanntschaft Spuren bei beiden Männern hinterlässt.

Olivier Noreks Roman, der im vergangenen Jahr mit dem „Prix Sang d’encre des lycéens et des lecteurs“ ausgezeichnet wurde, greift nicht nur ein europaweit hochaktuelles Thema auf, sondern legt vor allem den Finger in die schmerhafte Wunde Frankreichs. Aber meiner Meinung nach gelingt es der Geschichte auch, durchaus differenziert die unterschiedlichen Sichtweisen zum Jungle und dem Wegsehen der Behörden darzustellen. Er reiht sich damit in eine inzwischen beachtliche Anzahl von Autoren und Filmemachern ein, die die Thematik ebenfalls aufgegriffen und umgesetzt haben, wie etwa Emmanuel Carrère in „Brief an eine Zoowärterin aus Calais“ oder Philippe Lioret in „Welcome“.

Im Zentrum der Handlung stehen die beiden Männer mit ihren Familien und der dem Versuch, der Aufgabe als Schützer dieser gerecht zu werden. Als Leser weiß man schon früh, dass auf Adam kein Happy-End wartet. Das Schicksal seiner Frau und Tochter ist hart, aber inzwischen dürfte jedem Leser bekannt sein, dass sie nur zwei von tausenden sind, die jährlich auf der schwierigen Überfahrt das Leben verlieren und skrupellosen Schleppern das Einzelschicksal egal ist. Umso mehr freut man sich, wie sich Adam dem einsamen und schutzlosen Jungen annimmt. Eine Zweckgemeinschaft, wie sie das Leben schreibt. Kilani bleibt stumm für die anderen Figuren, sein Los berührt, aber erst gegen Ende wird das Ausmaß dessen, was er erlebt hat wirklich offenkundig und was er bereit ist, auf sich zu nehmen, um seinen Rettern zu danken. Dass diese Dankbarkeit keinen Ausdruck finden kann, ist ein weiteres heimtückisches Spiel ihrer Bestimmung.

Bastien und seine Familie symbolisieren die Mehrheitsbevölkerung, die plötzlich zwischen den anonymen Flüchtlingen und ihrer erschlagenden Masse und den konkreten Einzelpersonen, die Menschen wie sie selbst sind, hin und her gerissen sind und vorher gültige Grundsätze und Überzeugungen in Frage stellen müssen. Sie werden auf eine Probe gestellt und sind bereit, alles zu riskieren. Norek lässt Menschlichkeit über Rationalität und Pragmatismus siegen, was umso deutlicher die Kluft zwischen politischem Agieren im Großen und dem Handeln des betroffenen Individuums im Kleinen erscheinen lässt.

Norek bietet keine Lösungen für die Flüchtlingsfrage, er schreibt einen Roman, der es jedoch jedem erlaubt, den Blick auf den Menschen hinter den Geschichten aus Fernsehen und Zeitung zu werfen und sich vor Augen zu führen. Ein überzeugender Roman, der auch Spannungselemente geschickt einbaut und dem so der Spagat zwischen aktueller Politik und Unterschätzung gelingt.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Buch finden sich auf der Seite der Verlagsgruppe Random House.

James Rayburn – Fake

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James Rayburn – Fake

Die Friedensverhandlungen versprechen endlich etwas Ruhe in das kriegsgebeutelte Syrien zu bringen. Ein Drohnenangriff der Amerikaner tötet jedoch nicht nur ein beabsichtigtes Ziel, sondern auch Catherine Finch, Ärztin, die seit längerem als Geisel in der Hand des IS ist und durch aufsehenerregende Videos zu einer Berühmtheit in ihrer Heimat wurde. Kommt dies an die Öffentlichkeit, wird der ganze Prozess gefährdet. Die Regierung entscheidet, dass dies ein Auftrag für den Ex-Agenten Pete Town ist, der zu Finchs Ehemann beordert wird und diesen instruiert, das Überleben seiner Frau gegenüber den Medien zu beteuern. Ein kleiner Auftrag scheint es, der schnell abgeschlossen sein wird, doch dann läuft einiges aus dem Ruder und Pete Town ist ebenso in Lebensgefahr wie seine Frau und unzählige weitere Unschuldige.

Roger Smith hat unter dem Pseudonym „James Rayburn“ seinen zweiten Spionagethriller veröffentlicht, der eigentlich nichts zu wünschen übriglässt: ein hochkomplexes internationales politisches Geflecht; Agenten, die schneller die Fronten wechseln als man sich umsehen kann; Zivilisten, die sich maßlos überschätzen und dadurch in Lebensgefahr bringen und ein paar Menschen, die einfach nur aus der Lage der Welt Geld machen wollen.

Der Roman hat ein extrem hohes Tempo und die unterschiedlichen Parteien, die in den Fall involviert und deren Absichten und Motive nicht unmittelbar zu durchschauen sind, sorgen für die notwendige Spannung, die man von einem Thriller erwarten würde. Dabei verzichtet der Autor auf einfache schwarz-weiß-Malerei; ähnlich komplex wie die globalen-geführten Konflikte sind auch die Beweggründe der Figuren, vor allem die beiden Protagonisten entwickeln im Laufe der Handlung immer mehr ungeahnte Facetten, die sie realistisch und authentisch wirken lassen, denn kaum einmal ist die Wirklichkeit einfach zu erklären und verläuft nur höchste selten geradlinig. So entsteht eine Story, die alle Erwartungen an einen glaubhaften Spionagethriller voll erfüllt.

Flavia Amabile/Marco Tosatti – Das Hotel von Aleppo

Das Hotel von Aleppo von Flavia Amabile
Flavia Amabile/Marco Tosatti – Das Hotel von Aleppo

Die Feindseligkeiten gegenüber den Armeniern veranlassen Krikor Mazloumian Ende des 19. Jahrhunderts die Türkei zu verlassen und sich in Aleppo niederzulassen. Er will ein Hotel eröffnen, das erst direkt im Suk, noch bescheiden, doch die Geschäfte laufen gut und so wird 1911 zum großen Staunen der Bevölkerung das Hotel Baron ganz im Stile der europäischen Gästehäuser eröffnet. Es wird Zeuge der Entwicklung der Stadt und des Landes sein, wird Engländer und Franzosen sehen, zwei Weltkriege überleben und bis in die Gegenwart erhalten bleiben. Filmstars, Abenteurer und Autoren werden ebenso absteigen wie Politiker willkommen geheißen werden. Und immer ist es mit dem Namen der Familie verbunden, die über Generationen die Geschicke je nach Lage des Landes versucht zu lenken.

Man ahnt es schon, wenn man zu dem Roman greift, die Geschichte kann kein wirklich gutes Ende nehmen. Die deutsche Ausgabe enthält Photographien, die den Zerfall und Niedergang dokumentieren, es ist fast tröstlich zu wissen, dass das letzte Familienoberhaupt inzwischen auch verstorben ist und das totale Chaos im Land und in Aleppo selbst nicht mehr erleben muss.

Doch es gab auch glanzvolle Zeiten und geschickt verbinden die beiden Autoren diese mit der Geschichte der Familie. Ähnlich wie bei anderen großen Dynastien sind es mutige Entscheidungen und tatkräftige Entschlossenheit, die den Grundstein bilden und so das Fundament für ein das eigene Leben überdauernde Imperium legen. Trotz der Verschiedenheiten der Väter und Söhne bleibt das Hotel und sein Erhalt immer oberste Priorität und auf ihre unterschiedlichen Weise gelingt es ihnen, sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren.

Besonders interessant fand ich die geschichtlichen Entwicklungen. Die gegenwärtige Lage ist hinreichend durch die Nachrichtenmeldungen dokumentiert, Aleppos historische Rolle an der entscheidenden Bahnstrecke zwischen Istanbul und Bagdad gelegen, eine Verbindung zwischen Orient und Okzident schaffend, wird allzu leicht vergessen. Es sind Randnotizen wie jene um Agatha Christie, die ebendort weite Teile des „Mord im Orient-Express“ verfasste, die die Bedeutung Stadt und des Hotels bezeugen. Auch die Orientierung an den europäischen Hauptstädten und ihrem gesellschaftlichen Leben, sind vor dem Hintergrund der letzten Jahre kaum vorstellbar.

Das Hotel Baron kannte nie wirklich leichte Zeiten, ebenso wie die Stadt immer wieder von neuen Mächten unterworfen wurde, mussten auch die christlichen Armenier sich mit den neuen Herrschern arrangieren. Flavia Amabile und Marco Tosatti gelingt es mit leichtem Ton, die Geschichte der Familie und ihres Hotels nachzuzeichnen und einen Blick auf das Aleppo vor den Gräueltaten des aktuellen Bürgerkriegs zu werfen. Gerade weil das Leben dort pulsierend und betörend erscheint, trifft einem die heutige Situation umso mehr. Das Aleppo von einst gibt es nicht mehr und man wird keine Gelegenheit mehr haben, dieses zu besuchen. Wenigstens literarisch wurde ein Denkmal gesetzt.

 

Ein Dank geht an die Verlagsgruppe Random House und das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Buch und Autor finden sich auf der Verlagsseite.

Atia Abawi – A Land of Permanent Goodbyes

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Atia Abawi – A Land of Permanent Goodbyes

The family is at home, even if it is war outside, they still have themselves; Tareq, his younger brother Salim, the girls Farrah and Susan and the baby twins. He respected his mother Nour and his father Fayed and of course also his grand-mother. When a bomb hits their house, only Tareq and Susan can be saved, luckily their father was at work and is also alive. They decide it is time to leave the country, after such a loss, what is it that keeps them still there? But first, they need to go to Raqqa where Fayed’s brother lives who can lend them money. Yet, Raqqa is deep in the Daesh controlled area and going there is highly risky. But this is only the beginning of a journey which hopefully ends somewhere in Europe in peace and safety.

Atia Abawi, an American journalist who spent many years in the middle east as a correspondent and is a daughter of Afghan refugees, has chosen the number one topic in the news of the last two years for her second novel. It is her background, both personal and professional, which can be found throughout the novel; you feel in every line that she knows what she is writing about and that neither the emotions she puts in her characters nor the experiences they make are just invented, but exactly what people undergo. At times, the style of the novel has some traces of journalistic work, leaves the pure fiction, but this does not reduce the quality of the novel at all.

First of all, what I really appreciated was the fact that she does not victimize her characters. Already at the beginning of the novel, they are hit by a major loss, but they keep on fighting and do not rely on others. The risk a lot, see evil deeds committed by Daesh fighters, but still remain human themselves. The part I found especially interesting was Tareq’s time in Turkey. It is not only the large number of Syrians being stranded there and setting up a kind of community parallel to the Turkish, but first and foremost the way they are exploited, how people are trying to make profit from their fate which is annoying. Yet, I guess this is just reality.

It is just the story of one family, however, it represents what many people all over the world go through. None of them wanted to leave their country, none of them wants to live in another country of which they neither know the language nor the culture, many of them believe that those who have died are blessed because they do not have to undergo this. Considering all the negative news about refugees, we should not forget their perspective. Atia Abawi has given them a beautiful and engrossing voice.

Mathias Énard – Kompass

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Mathias Énard – Kompass

Franz Ritter, Musikwissenschaftler aus Wien und schwerkrank, kann nicht einschlafen. Die Nachrichten im Radio berichten über den Krieg in Syrien und er erinnert sich an seine Reisen in den Mittleren Osten, die Erlebnisse in Istanbul, Aleppo, Damaskus. Der Genuss von Opium und das herumirren in der Wüste, die Sitar Musik und vor allem Sarah. Die Orientalistin aus Paris, die er von der ersten Begegnung an faszinierend fand und liebte. Mit der er auf Reisen war und Briefwechsel unterhielt. Die mit ihm die großen Parallelen zwischen der Musik, Kunst und Literatur des Westens und jener der arabischen Welt suchte und fand. Sarah, die einen anderen heiratete und doch nur ihre orientalische Kultur und Literatur liebte. Der Morgen graut langsam. Die Geschichte muss ein Ende finden.

2015 war Mathias Énards Geschichte, im Original „Boussole“, monatelang der Roman der Stunde. Aufmerksamkeit erhielt er nicht nur durch den angesehenen Prix Goncourt für das beste erzählerische Werk der französischen Sprache, sondern auch, weil die Themenwahl den Nerv der Zeit trifft. Ein Kompass weißt die Himmelsrichtungen und bleibt dabei relativ grob: Norden, Süden, Westen, Osten. So undifferenziert blicken wir oft auf den Unterschied zwischen West und Ost, Okzident und Orient. Mit dieser Dichotomie scheint im westlichen Europa Ende des Jahres 2016 alles ausgedrückt, was es zu sagen gibt. Wir und sie – wir, die einen; sie, die anderen. Verbindendes findet sich hier kaum mehr. Der Fokus liegt auf der Differenz der Kulturen, vor allem der Differenz der Religionen, die den Diskus derzeit bestimmen und versöhnliche Worte missen lassen.

In diese Gemengelage trifft Énard mit einem gänzlich anderen Ansatz. Er sucht das Gemeinsame und findet den Einfluss des Orients auf unsere so geschätzte Kultur. Musiker wie Dichter, Forscher und Naturwissenschaftler, Historiker und Philosophen – you name it. Die großen der letzten drei Jahrhunderte, die im Westen Verehrten, von Mozart und Beethoven über Goethe und Proust, sie alle sind undenkbar ohne die Einflüsse des Mittleren Osten auf ihr Werk. Geschickt rollt Énard das Feld auf, springt zwischen allen Bereichen der Kunst und Kultur und legt in enzyklopädischer Kleinstarbeit dar, was wir oft verkennen. Was wir heute nur noch als Kriegsschauplätze wahrnehmen, war bis vor nicht allzu langer Zeit die Heimat eines reichen Kulturschatzes, der als solches angesehen und bewundert wurde. Was ist davon geblieben? Hören wir heute Aleppo, denken wir nicht mehr an den Souk, sondern nehmen die Anzahl der aktuell Getöteten wahr. Énard blendet dies aus, politische Fragen kommen nur ganz am Rande, bspw. Bei der Erwähnung der iranischen Revolution, zu tragen. Er bewegt sich auf einem anderen Feld, das er auf beeindruckende Weise zu eröffnen vermag.

Detailreich bisweilen fast dozierend und dann wieder in leichtem Ton erzählen – die Faszination des Erzählers kann auch den Leser immer wieder bezaubern – ein durch und durch bemerkenswertes Buch. Nicht immer war ich mir sicher, ob ich alle Namen und Zusammenhänge in der Schnelle erfassen und verarbeiten konnte. Doch dann kam auch wieder die andere Seite des Romans, die Geschichte von Franz und Sarah, die sich zwischen all den Größen abspielt und ihre eigene Spur hinterlässt. Nicht die allumfassende, einzigartige Liebe, sondern eher eine Leidenschaft, die sich durch gemeinsame Faszination und Herkunft speist und damit den Brückenschlag wieder in den Westen schafft.