Yasmina Reza – Anne-Marie la Beauté [dt. Anne-Marie die Schönheit]

Yasmina Reza – Anne-Marie la Beauté

Anne-Marie ist alt geworden, kann nur noch wenige Schritte mit ihrem Gehstock gehen und hat auch außer der Journalistin, die sie eingeladen hat, nur noch wenige Menschen, mit denen sie reden kann. Dabei hat sie so viel zu erzählen, aus ihrem Leben und vor allem der Zeit im Theater von Clichy, wo sie ihre Schauspielkarriere starten wollte. Sie, das Mädchen vom Lande, das auch nicht wirklich mit Schönheit gesegnet war. Ganz im Gegensatz zu Gigi, Giselle Fayolle, die jeden auf dem Sofa liegend empfing, Liebhaber wie Journalisten, und die sie zeitlebens bewundert hat. Doch nun ist auch Gigi verstorben, wie all die anderen, nur Anne-Marie weilt noch auf Erden und hält die Erinnerung wach.

Man merkt dem kurzen Text von Yasmina Reza an, dass er – genau wie viele andere ihrer Bücher – für die Bühne geschrieben wurde und dort sicherlich noch mehr wirkt als auf Papier. Die ältere Dame, die einer längst vergangenen Zeit nachhängt, gedanklich immer noch in dieser gefangen ist und sich nie von der Bewunderung der zwei Jahre älteren Kollegin lösen konnte muss fantastisch wirken mit der richtigen Schauspielerin. Wenn die Rolle in all ihren Nuancen ausgefüllt wird, benötigt das Drama keine weiteren Figuren.

Während Anne-Marie einen biederen und langweiligen, dafür aber verlässlichen Mann geheiratet hat, genoss Gigi das Leben in vollen Zügen, was sie den Klatschblättern bei der Pediküre entnehmen konnte.

« Il ne faut pas oublier une chose madame: dans notre monde on tome de haut. »

Erinnerungen, mal freudig, mal bitter, mal geradezu banal. Ein Traum von dem, was hätte sein können, aber nie war. Man kann sich die ältere Madame gut vorstellen, wie sie nun, als letzte Verbliebende, Hof hält und die Aufmerksamkeit der Journalistin bekommt, der sie ein Leben lang nachgetrauert hat. Ein Leben im Schatten, niemals kam jemand in die rue des Rondeaux, wo sie mit ihrem Mann wohnte und sich wie in die Kindheit im Norden zurückversetzt fühlte, nur noch einsamer. Doch plötzlich ist da ein Scheinwerfer, der jedoch auch nicht den Glanz zaubern kann, der nie da war. Jetzt hat sie die Bühne und lässt ihrem Mund freien Lauf.

Wie gewohnt bissig, was jedoch wieder auf die Figur zurückfällt, aber dem Leser respektive Zuschauer auch dezent den Spiegel reicht, um die eigene Erkenntnis zu ermöglichen.

Yasmina Reza – Art

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Yasmina Reza – Art

Serge, Marc und Yvan sind schon lange befreundet und haben so manche schwierige Situation miteinander gemeistert, jetzt allerdings wird die Freundschaft auf eine harte Probe gestellt. Als der Ingenieur Marc den Arzt Serge zu Hause besucht, führt dieser ihm stolz seine neueste Errungenschaft vor: er hat ein Gemälde gekauft, einen echten Antrios! 200 000 Francs hat er dafür ausgegeben, aber sie lohnen sich ohne Frage. Marc teilt diese Einschätzung nicht ganz, denn als er das Bild betrachtet, sieht er nur eins: eine weiße Fläche. Ach, der Ingenieur ist einfach zu rational, um die feinen Linien in weiß zu erkennen. Marc bleibt bei seinem Standpunkt, Serge ist verärgert. Ihr Freund Yvan gerät zwischen die beiden, denn jeder möchte von ihm seine jeweilige Sichtweise bestätigt haben. Doch Yvan hat eigentlich ein ganz anderes Problem: seine Hochzeit steht kurz bevor und die Frauen der beiden Familien sind in Krieg ausgebrochen. Hier ist die Lösung für seine Freunde jedoch einfach: absagen, die Braut ist ohnehin die falsche für ihn.

Yasmina Rezas Theaterstückt „Art“ („Kunst“) ist zwar inzwischen fast 25 Jahre alt, aber noch genauso aktuell wie Mitte der 90er Jahre. Wie häufig bei ihr, ist das Setting nachrangig, eine durchschnittliche Wohnung, irgendwo in Paris, einmal mehr in der finanziell bessergestellten Oberschicht, die eigentlich die Konventionen von Contenance und Konversation beherrscht und sich auch vor Freunden keine Blöße gibt. Doch dies geht – wie so oft bei Reza – gehörig schief.

Im Zentrum steht die Diskussion um die Frage, was „Kunst“ ist und vor allem, was sie wert ist. Der Ingenieur Marc ist fassungslos, als er den Preis hört:

« Tu as acheté cette merde deux cent mille francs ? »

Serge weiß, dass es seinem Freund nicht leicht fällt, sich für Kunst zu interessieren, aber das Wort „Scheiße“ für sein neues Lieblingswerk nimmt er ihm dann doch übel. Yvan kann auch nur begrenzt vermitteln, er selbst ist eher indifferent gegenüber dem Gemälde und zu sehr mit seinen eigenen Sorgen belastet. Trotz der Versuche sich zurückzuhalten und die Sichtweise des anderen zu akzeptieren, eskaliert die Lage unweigerlich. Von dem einen Bild des Anstoßes hin zur Kunst im Allgemeinen wird die Diskussion irgendwann persönlich und damit sehr hässlich. Zuerst berichtet Yvan, dass er mit seinem Psychologen über seine beiden Freunde gesprochen hat, was diese sehr schlecht auffassen, bis sie bei den Partnerinnen landen und zum ersten Mal offen ihre Ablehnung zugeben.

Was höflich und freundlich mit kleinem Scherz beginnt, endet in der offenen Konfrontation, die sogar den Wunsch weckt, den anderen mit einem Faustschlag zum Schweigen zu bringen. Es ist dieser Kontorollverlust und das Hervorbringen der gut versteckten Gefühle und Meinungen, das Reza in ihren Werken immer wieder thematisiert und glaubwürdig umsetzt, etwas im „Gott des Gemetzels“ oder auch in „Babylone„. Man kann sich köstlich amüsieren dabei, wie sich die Figuren zerfleischen, um dann doch innezuhalten und sich selbst zu erkennen. Wie oft hat man doch der Freundschaft und des Anstands wegen seine Meinung nicht geäußert? Gibt es im intellektuellen Bürgertum überhaut echte Freundschaften, bei denen die Menschen ehrlich zu einander sind und sich nicht hinter Konventionen und Lügen verstecken? Ein meisterhaftes Lehrstück nicht nur über Kunst.

Yasmina Reza – Babylone

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Yasmina Reza – Babylone

Elisabeth, eine 62-jährige Wissenschaftlerin, ist nervös, sie will am Abend eine kleine Soirée für Freunde und Bekannte geben und hofft, dass alles perfekt ist. Sie hat zu viele Gäste eingeladen, achtzehn an der Zahl, und muss noch Gläser beschaffen und bei der Nachbarin Stühle ausleihen. So kommt sie zum ersten Mal in die Wohnung von Lydia und Jean-Lino Manoscrivi, zu denen sie bisher ein freundschaftliches, wenn auch distanziert-nachbarschaftliches Verhältnis hatte. Sie ahnt nicht, dass sie sich am selben Tag nochmals in ganz anderer Angelegenheit dort wiederfinden wird. Der Abend beginnt schleppend, nach und nach treffen die Gäste ein, aber die Unterhaltung braucht etwas, bis sie in Gang kommt, zu unterschiedlich sind die Charaktere, aber mit der ausreichenden Menge an Alkohol finden sich Gesprächspartner. Aus Sicht von Elisabeth und ihrem Ehemann Pierre ist die kleine Feier ein Erfolg, erschöpft sinken sie ins Bett ohne das Chaos zu beseitigen. Doch nur wenig später werden sie durch ein hartnäckiges Klopfen an der Wohnungstür geweckt. Der Nachbar Jean-Lino steht vor ihnen und erklärt, dass er gerade seine Frau Lydia getötet hat.

Yasmina Rezas Roman wurde 2016 mit dem ehrwürdigen Prix Renaudot ausgezeichnet, neben dem Prix Goncourt der wichtigste Literaturpreis Frankreichs. Ähnlich wie in anderen Werken der Autorin stehen bürgerliche Figuren im Zentrum der Handlung. Elisabeth und Pierre ebenso wie ihre Gäste entstammen der Pariser Mittel- und Oberschicht und pflegen deren Verhaltensweisen. Daher ganz typisch das Setting der Handlung, eine Soirée ohne richtigen Anlass. Man ist freundlich zueinander, kleine verbale Ausrutscher werden mit Missbilligung bedacht. Doch wie beispielsweise im „Gott des Gemetzels“ erfolgt irgendwann der Ausbruch aus den Konventionen und die Figuren verlieren ihre Fassade und zeigen sich von einer gänzlich anderen Seite.

Der Roman beginnt recht langsam, fast schleppend möchte man sagen, denn Elisabeths Vorbereitungen ziehen sich etwas in die Länge und werden immer wieder durch Erinnerungen an ihre Kindheit und vor allem ihre kürzlich verstorbene Mutter unterbrochen. Das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter war von Beginn an angespannt und voller Groll denkt Elisabeth an sie zurück. Ihre Mutter machte sie „hübsch“ – weil sie das von Natur aus nicht war? Und sie denkt an die Verlogenheit der Menschen, die sich oftmals bei Beerdigungen gegenüber dem Verstorbenen zeigt:

« Ma mère était tout sauf gentille. On ne pouvait en aucun cas parler d’elle en ces termes. Sous prétexte de mort on fait perdre aux gens leur consistance élémentaire. »

Zunächst scheint hier der wesentliche Aspekt der Handlung zu liegen, denn mit dem Erscheinen von Elisabeths Schwester Jeanne wird dieser Konflikt fortgeführt. Doch dann die unerwartete Wendung durch den Mord. Elisabeth und Pierre eilen zum Tatort und sind ebenso wie Jean-Lino sichtlich mit der Situation überfordert. Die Irrationalität des Handels der drei Figuren, ausgelöst durch den extremen Stress des Moments, liefert das eigentlich Zentrum der Handlung und hier wird der Roman lebendig und regelrecht zu einem Bühnenstück, das man vor sich sieht. In dieser Situation kommt auch Jean-Lino die Erinnerung an seinen Vater, der stets denselben Psalm vortrug:

« Aux rives des fleuves de Babylone nous nous sommes assis et nous avons pleuré, nous souvenant de Sion. »

Dieser erinnert im ersten Teil an die Sehnsucht nach Rückkehr nach Hause, wo das Leben wieder geordnet ist, keine Sünden begangen sind und Gott dem Volk gnädig ist. Im nicht zitierten Teil wird die Drohung der Rache für die Verfehlung folgen, die auch Jean-Lino und seinen Nachbarn bevorsteht, die zu Komplizen der Tat werden.

Der Roman wird im Laufe der Handlung fast zu einem Krimi. Man weiß zwar um die Umstände der Tat, ist jedoch gespannt, wie das Problem gelöst werden kann und ob die drei Figuren davonkommen. Abgesehen vom ersten Fünftel, bleibt jedoch eher der Eindruck, dass er als Stück auf die Bühne gehört.

Yasmina Reza bringt die übliche Ordnung der Dinge im Leben ihrer Figuren durcheinander und lässt so ein unterhaltsames Szenario entstehen, das jedoch im Leser die ungute Frage zurücklässt, wie lange man selbst die öffentliche Fassade aufrechterhalten könnte.

Yasmina Reza – God of Carnage

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Yasmina Reza – God of Carnage

Zwei 11-Jährige geraten in Streit, dabei schlägt der eine dem anderen einen Zahn aus. Die Eltern der beiden treffen sich nun, um den Fall zu besprechen. Veronica und Michael, sie engagierte Schriftstellerin und er Besitzer eines Gemischtwarenladens, sind empört über die Gewalt, die man ihrem Sohn angetan hat. Alan und Annette, er erfolgreicher Anwalt und sie Verwalterin des Familienvermögens, möchten die Sache möglichst unaufgeregt hinter sich bringen. Freundlich begegnet man sich, immerhin ist man ja zivilisiert und kann Konflikte besprechen. Doch die Diskussion entwickelt sich anders als erwartet und auch den wohlerzogenen Erwachsenen werden Streithähne, die ihren Kindern in nichts nachstehen und ebenso unsachlich wie aggressiv die gegnerische Partei beschimpfen und sogar attackieren.

Yasmina Rezas Stück, das eigentlich in Paris angesiedelt ist, wurde für die amerikanische Version etwas adaptiert, so sind beispielsweise die Namen dem US Milieu angepasst worden. Das Hörbuch ist ein live Mitschnitt einer Aufführung des „The James Bridge Theater“ in Los Angeles vom Juni 2016.

Im Vordergrund steht die Entwicklung des Konflikts. Zunächst schützen die Figuren sich durch ihre gesellschaftlichen Masken, ihre Berufe definieren sie und schnell entsteht ein Ungleichgewicht. Wer ist erfolgreicher und wichtiger? Ein Blick in die Lebensläufe verstärkt das Konfliktpotenzial, Michael fühlt sich nicht männlich genug neben dem hart verhandelnden Anwalt und brüstet sich mit der Geschichte um den Familienhamster, den er ausgesetzt hat. Aber auch die Ehen stehen auf tönernen Füßen und bald schon offenbaren sich Risse, die wiederum zu neuen Koalitionen zwischen Männern und Frauen führen. Kann dieser Abend für irgendjemanden gut ausgehen?

Eine durch und durch glaubwürdige Aufführung bieten die vier Figuren. Man kann sie sich bildlich vorstellen, vor allem nachdem langsam die Masken fallen und die Schwächen offenkundig werden. Eine sehr genaue Milieustudie der besseren Gesellschaft, die jedoch nur an der Oberfläche den Schein waren kann während es darunter brodelt und die Explosion nur eine Frage der Zeit ist.