Jonathan Galassi – Die Muse

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Jonathan Galassi – Die Muse

Homer Stern ist in den 1960er Jahren in New York eine feste Größe im Verlagswesen, mehrere Nobelpreisträger nennt er sein „Eigentum“ (als solches empfindet er sie nämlich) und schon seit vielen Jahren pflegt er eine intensive Hass-Freundschaft mit Sterling Wainwright, seinem größten Rivalen, der ausgerechnet Ida Perkins, unangefochtene Nummer 1 unter den Poeten, unter Vertrag hat. Diese hat auch Paul Dukach, Lektor bei Homer Stern, seit seiner Jugend fasziniert und es gibt nichts, das er nicht über die Frau weiß. Die Jahre gehen ins Land und irgendwann erhält Paul endlich die Chance, Miss Perkins persönlich in einem venezianischen Palazzo zu treffen. Mit Scheu und Respekt tritt er der Frau gegenüber, die ihm unglaubliche Dinge erzählen wird, die all das übertreffen, was es an Gerüchten und Mutmaßungen über sie gibt.

Immer, wenn man ein neues Buch aufschlägt, geht damit die Hoffnung einher, einen großen Roman in den Händen zu halten, eine Geschichte, die einem so überwältigt, dass man nicht mehr aufhören möchte zu lesen und gleichzeitig nichts mehr fürchtet, als die letzte Seite zu erreichen, die diesem großen Vergnügen ein Ende bereitet. Jonathan Galassi hat einen solchen Roman erschaffen. Viele Jahre bei Farrar, Straus & Giroux haben den Autor jedes Detail des Verlagswesens kennenlernen lassen, er hat Jeffrey Eugenides und Jonathan Franzen entdeckt, aber auch ohne diese Referenzen merkt man dem Roman an, dass er weiß, wovon er schreibt. Seine Protagonisten tragen eindeutige Züge von Roger W. Straus Jr. und James Laughlin, die wie Patriarchen über ihre Verlage herrschten. Einzig Ida Perkins, die unnahbare und elektrisierende Autorin, ist reine Fiktion.

„Homer in seinem Büro hatte mehr als nur ein wenig Ähnlichkeit mit Heinrich dem Achten. Oder mit Josef Stalin. »Zeit, dass sich was ändert«, gehörte zu Homers häufigen und gefürchteten Ansagen;“

Mit ganz viel Liebe zeichnet Galassi seine Figuren und ebenso entspringt jeder Zeile über Idas Gedichte ein überschwängliches Loblied, das nur von einem wahrhaftigen Literatur Aficionado in dieser Weise aufs Papier gebracht werden kann. Nach nur wenigen Zeilen steckt man mitten im Geschehen, verliert sich in der Arena der Verlagswelt und amüsiert sich zugleich köstlich dank des herausragenden Erzähltalents und vor allem dem trefflichen Formulierungen Galassis.

„Paul (…) schwebte auf Wolken der Verzückung, gepeitscht von den wechselnden Winden der Ansprüche und Selbstverliebtheiten seiner überlebensgroßen Autoren, aber besänftigt von dem Privileg, ihre Bücher ans Licht der Welt bringen zu dürfen.“

Die schäbigen Räumlichkeiten der Verlage – herrlich beschrieben: das altersschwache Linoleum, das regelmäßig samt seiner Dreckschicht poliert wurde, so dass die Besucher und Mitarbeiter auf einem Gemisch aus Glanz und Schmiere liefen – stehen der tiefgründigen Literatur diametral gegenüber. Ebenso wollen die literarischen Verleger, die noch echte Literatur machen, nichts mit den großen Massen-Ramsch-Verlagshäusern zu tun haben. Ganz besonders hat mich jedoch das Kapitel über die Frankfurter Buchmesse begeistert, die er schlicht grandios beschreibt.

Es liegt vermutlich an der Thematik, die einem sofort dem Buch verfallen lässt. Und wenn sich dann Seite um Seite Galassis Wortgewalt entfaltet, ist es völlig um einen geschehen. Wäre mir nur ansatzweise so viel Talent in die Wiege gelegt worden, würde ich noch hunderte Seiten von dem Roman schwärmen.

Pascal Mercier – Das Gewicht der Worte

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Pascal Mercier – Das Gewicht der Worte

Und plötzlich ist nicht nur der Körper gelähmt, sondern auch die Stimme ist weg. Er kann die Worte nicht mehr sagen, die doch sein Leben bedeuten. Der Engländer Simon Leyland kommt in Triest in die Klinik, doch die Hoffnung, dass der Anfall nur eine Migraine accompagnée sei, wird durch den untrüglichen Blick des Arztes zunichtegemacht. Da ist etwas in seinem Kopf, dass da nicht hingehört und mehr als ein paar Monate werden dem Verleger und Übersetzer nicht mehr bleiben. Er erinnert sich zurück an die Zeit mit seiner Frau Livia, als sie mit den Kindern in London wohnten, dann nach dem Tod von Livias Vater und der Übernahme seines Verlages nach Triest kamen, einer seiner Sehnsuchtsstädte, denn als Junge schon stand Simon vor einer Karte und beschloss, alle Sprachen zu lernen, die rund um das Mittelmeer gesprochen werden und nun sollte er direkt an dieses ziehen. Mit der Diagnose jedoch geht das Leben, wie er es kannte zu Ende. Womöglich jedoch ist da aber noch ein Fünkchen Hoffnung darauf, dass er eine Chance auf ein zweites bekommt und jemand zu ihm sagt „Welcome home, Sir!“.

Pascal Mercier, schriftstellerisches Pseudonym des Schweizer Philosophen Peter Bieri, ist ein Virtuose im Umgang mit Worten. Sein aktueller Roman ist eine Hommage an alle Liebhaber der Literatur und Linguistik, denn im Zentrum der Gedanken seines Protagonisten stehen die Worte mit ihren Bedeutungen, Konnotationen und den Emotionen, die sie auslösen, sowie die Frage, ob man den Gedanken einer Sprache adäquat auch in einer anderen wiedergeben kann und wo sich letztlich die Grenze der Sprache befindet. Es ist eine Reise durch die Literatur und die Sprachen des Mittelmeerraums, die eingebunden ist in eine Handlung voller Schmerz, Trauer und Hoffnung gleichermaßen.

Man kann den Inhalt kaum angemessen zusammenfassen, einerseits ob der Fülle der Gedankengänge, die sich um die perfekte Übersetzung und den vollkommenen Ausdruck drehen, andererseits ohne einen wesentlichen Aspekt der Handlung vorwegzunehmen, der für Leyland essentiell werden wird. Es gibt ein Vorher, vor dem Anfall, als sein Leben geprägt ist durch Jagd nach Worten und von Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen, denen allerlei fremde Worte eigen sind und die sie mit ihm teilen. Es gibt aber auch ein Danach, als plötzlich die Menschen viel mehr in seinen Blick geraten und aller Fatalität zum Trotz immer ein Neubeginn möglich scheint.

Den knapp 600 Seiten langen Roman liest Markus Hoffmann in über 22 Stunden mit einer leisen und prononcierten Stimme, die hervorragend als Erzählstimme von Simon Leyland gewählt ist. So gerne man ihm zuhört, liegen hier aber für mich auch die einzigen beiden Kritikpunkte: ich hätte mir gewünscht, dass seine fremdsprachigen Einwürfe ebenso flüssig klingen wie die deutsche Stimme, aber leider wirken sein Englisch wie auch sein Italienisch oder das portugiesische Vorwort sehr angestrengt und bemüht. So sehr mich der Roman begeisterte und ich den mäandernden Überlegungen Leylands folgte, so ist das Hörbuch doch etwas zu lange und irgendwann wünscht man sich doch ein etwas zielgerichteteres Erzählen ohne die zahlreichen Wiederholungen bereits geschilderter Episoden.

Anthony Horowitz – Die Morde von Pye Hall

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Anthony Horowitz – Die Morde von Pye Hall

Der Autor, von dessen Büchern die Existenz des Verlags abhängt, ist tot. Alan Conway war unheilbar an Krebs erkrankt und hat sich das Leben genommen. Aber glücklicherweise hat er seinen letzten Roman noch kurz vor seinem Ableben in den Verlag gebracht. Seine Lektorin Susan Ryeland freut sich auf die Lektüre, doch mit Entsetzen muss sie feststellen, dass die letzten Kapitel des Romans fehlen. Der Protagonist Atticus Pünd kann den Mord in Pye Hall nicht aufklären. Susan Ryeland findet nicht nur das, sondern auch die Umstände von Conways vermeintlichen Selbstmord seltsam und beginnt selbst zu ermitteln. Im Stile von Hercule Poirot oder auch Atticus Pünd befragt sie das Umfeld von Conway und stößt gleich auf eine ganze Reihe Menschen, die ein Interesse daran hätten haben können, den Autor aus dem Weg zu schaffen.

Anthony Horowitz kann immer wieder überraschen. Mit „Die Morde von Pye Hall“ hat er einen Roman im Roman geschaffen und geschickt beide Handlungen ineinander verwoben. Er wechselt spielerisch die Erzählebenen und lässt seine Rahmenhandlung dadurch umso authentischer wirken. Die Tatsache, dass er auch dem Leser dieses Romans das Ende des fiktiven Krimis (zunächst) vorenthält, verstärkt unter anderem diesen Effekt und lässt einem munter mitfiebern und ermitteln.

Ein Krimi im Krimi, beide Fälle haben einen gewissen Charme und können auf ihre altmodisch-konventionelle Art überzeugen. Horowitz spielt nicht nur mit dem Genre, nein, er macht sich einen Spaß daraus, gnadenlos alles zu entlarven, was über Jahrzehnte funktioniert, obgleich es unheimlich durchschaubar ist. Agatha Christie war keine begnadete Schreiberin, trotzdem war sie enorm erfolgreich und hat Charaktere für die Ewigkeit geschaffen, die stilbildend für das Genre geworden sind. In gewisser Weise greift Horowitz genau diese Widersprüchlichkeit auf: sein fiktiver Autor ist enttäuscht, dass er sein Geld mit den Kriminalromanen, einem in seinen Augen literarisch minderwertigen Genre, verdient, wo er doch von der hohen Literatur träumt. Belächelt werden diese Autoren, kommerziell erfolgreich zwar, aber doch keine wirklichen literarischen Genies. Nichtsdestotrotz liebt sie die Leserschaft.

Beide Handlungen in „Die Morde von Pye Hall“ folgen den klassischen, vorhersehbaren Mustern und dennoch begeistern sie – deutlicher kann man seine Hommage an den Kriminalroman kaum zum Ausdruck bringen. Und ja, auch diese Bücher haben nicht nur ihre Daseinsberechtigung, sondern sind ein Gewinn in der Buchlandschaft.