Adrian McKinty – Alter Hund, neue Tricks

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Adrian McKinty – Alter Hund, neue Tricks

Teilzeitpolizist Sean Duffy ist schon auf dem Weg zur Fähre zurück zur Familie, als sein Chef ihn bittet, sich um einen Mord zu kümmern. Lawson ist im Urlaub und so bleibt nur Duffy, allerdings ist es keine große Sache, ein Autodiebstahl, der scheinbar aus dem Ruder lief. Am Tatort wird Duffy jedoch schnell klar, dass der Fall wohl ganz anders gelagert ist, denn der Tote hat in seinem Haus nichts, was auf seine Identität schließen ließe. Die Nachbarn kennen ihn nur als vermögenden Maler, seine Telefonverbindungen lassen jedoch schlimmes ahnen: regelmäßig rief er eine Telefonzelle in der Republik Irland an, die ziemlich eindeutig einem IRA Funktionär zugeordnet werden kann. Duffys Ehrgeiz ist geweckt, auch wenn sich die Zeiten verändern, ein Bulle bleibt ein Bulle und muss nun einmal tun, was er tun muss. Also rennt er wie immer Mitten in die lebensgefährliche Katastrophe.

Auch in seinem achten Fall wird der Detective der nordirischen Polizei nicht müde und kämpf unermüdlich gegen das Böse an, das dieses Mal aus einer völlig unerwarteten Ecke kommt. Erwartungsgemäß bedient der Ich-Erzähler die liebgewonnenen Klischees, ärgert sich über die Veränderungen der modernen Zeit und gelangt mit Scharfsinn, guter Beobachtungsgabe und dem notwendigen Quäntchen Glück auf die Spur der Täter. Ein routiniert erzählter Thriller, der wieder einmal einiges an Action bietet, aber dahinter eine komplexe und überzeugend konstruierte Geschichte zu bieten hat.

Als Reservist hat sich Duffy schon an die gemütlichere Gangart gewöhnt, an den wenigen Tagen im Revier geht er mit Routine seinen Tätigkeiten nach, in der Coronation Road erzählt er mit dem Kater, auch wenn dieser im schottischen Zuhause weilt, genießt seine Plattensammlung und lässt es ruhig angehen. Da ist der Reiz eines echten Mordfalles natürlich groß und so stürzt er sich kopfüber hinein. Wie immer kommentiert er scharfzüngig und selbstironisch sein eigenes Vorgehen, eher selten nach Handbuch und oft sogar weit jenseits der gesetzlichen und moralischen roten Linie. Aber im Nordirland von 1992 herrschen immer noch kriegsähnliche Zustände und die erfordern nun einmal besondere Maßnahmen.

„Und jetzt kommt kein Milchmann mehr?“

„Nein, nie wieder“, sagte sie.

„Und die Flaschen?“

„Flaschen gibt es jetzt nicht mehr, glaube ich. Jetzt gibt es Milch nur noch im Karton.“

„Und was nehmen die Kinder dann für die Molotow-Cocktails?“

Es fällt einem schwer diese Protagonisten nicht zu lieben. Trotz seines, euphemistisch ausgedrückt, unkonventionellen Vorgehens folgt er doch einem gewissen Ehrenkodex und schafft es sogar, übelste Burschen dieser seltsamen Logik folgend ordentlich zu behandeln. Er hat das Herz am rechten Fleck und lässt sich trotz zwanzig Jahre zermürbender Polizeiarbeit nicht von der Idee von einem Minimum an Recht und Ordnung abbringen.

Die Troubles leben in den Büchern der Reihe wieder auf, es ist nur schwer vorstellbar, unter welchen Bedingungen die Menschen lebten, so dass brennende Autos, Gewehrsalven und hin und wieder auch Explosionen nur noch mit einem Schulterzucken quittiert wurden. McKinty gelingt es diese dunkle Seite europäischer Geschichte begreifbar zu machen und daran zu erinnern, wie tief Vorbehalte sitzen und wie fragil womöglich der Friedensprozess aus ist. Das Ganze wird wieder einmal brillant in einen spannenden Kriminalfall mit hohem Tempo eingebettet, der fern eines simplen schwarz-schweiß/Freund-Feind-Schemas in der ganz oberen Liga der Thriller spielt.

Adrian McKinty – Dirty Cops

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Adrian McKinty – Dirty Cops

Seit einiger Zeit schon ist es erstaunlich ruhig im Belfast des Jahres 1988, doch bevor Sean Duffy in seinem Revier in Carrickfergus die Füße ganz hochlegen kann, geschieht doch noch ein Mord und der hat es in sich. Mit einer Armbrust wird der kleine Drogendealer Francis Deauville in seinem Vorgarten aufgefunden. Als Unabhängiger ging er seinen Geschäften nach, aber nicht so erfolgreich, dass er den wirklich Großen im Geschäft ins Spiel gekommen wäre. Und die hätten auch eine weitaus weniger spektakuläre Waffe benutzt, um sich Deauvilles zu erledigen. Während Duffy und sein kleines Team verzweifelt nach Anhaltspunkten suchen, haben es gleich mehrere auf ihn abgesehen: nicht nur fällt er durch den Sporttest und der Arzt droht ihm, ihn aus dem Verkehr zu ziehen, auch intern muss er mit ansehen, wie seine Widersacher an ihm vorbei befördert werden. Das ist aber alles nichts im Vergleich zu dem, was er sich mit diesem Fall einhandelt, denn bald schon befindet er sich im Fadenkreuz von Special Branch und IRA gleichermaßen.

Adrian McKinty gelingt mit seiner Reihe um Sean Duffy nicht nur ein spannender Kriminalfall nach dem nächsten, sondern vor allem eine Serie, die wie kaum eine andere atmosphärisch und politisch in ihr Setting eingebunden ist. Als katholischer Polizist ist der Protagonist ein Außenseiter in Nordirland und natürliches Feindbild beider Seiten. Die Troubles dauern in den 80er Jahren noch an und vom lange ersehnten Frieden ist das kleine Land weit entfernt. Alles ist politisch und mit jedem Schritt läuft man Gefahr, in den blutigen Konflikt hineingezogen zu werden. Überzeugungstäter wie Duffy sind daher prädestiniert für Ärger auf allen Ebenen, aber gerade seine aufrechte Haltung und klare Positionierung – die jedoch Deals und kleine Gefallen nicht ausschließt – machen ihn nicht nur zu einem Sympathieträger, sondern zu genau jenen Alltagshelden, die man sich wünscht.

Sein sechster Fall beginnt kurios mit dem Armbrustmord und einem völlig chaotischen Tatort. Die Frau des Opfers liefert auch viel Raum für Spekulationen, als Bulgarin stammt sie von der anderen Seite des eisernen Vorhangs, was politische Motive ganz anderer Art vermuten lässt. Doch tatsächlich ist der Fall ganz anders und der Versuch aus den höchsten Rängen der IRA angeordert, Sean Duffy endgültig zu beseitigen – und das, wo er selbst dank seiner Kindheit in Derry gute Kontakte nach weit oben unterhält – lässt vermuten, dass etwas ganz anderes dahintersteckt.

Das geradezu biblische Ausmaß der Verstrickungen ist clever angelegt und eröffnet sich erst Schritt für Schritt. McKinty dosiert die Spannung wieder einmal perfekt und hat für mich einen in jeder Hinsicht kaum zu überbietenden politischen Krimi geschaffen, in dem es nur Graustufen gibt, denn Gut und Böse sind für Nordirland schon lange keine passenden Kategorien mehr. Mit abgeklärtem Sarkasmus lässt er Duffy seine Geschichte erzählen, wobei dieser auch seine schwache Seite in Bezug auf seine Freundin Beth und die gemeinsame Tochter zeigen darf und dadurch noch mehr Profil erhält.

Mark Fahnert – Lied des Zorns

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Mark Fahnert – Lied des Zorns

Europa im Visier islamistischer Terroristen. Von langer Hand aus dem Mittleren Osten geplant, wollen sie Rache nehmen an jenen, die sie als Ungläubige und Kolonialisten betrachten. Die westlichen Geheimdienste sind ihnen auf der Spur, sie haben den Drahtzieher Abu Kais schon lange auf ihrer Liste und scheinen ihn nun auf frischer Tat ertappen zu können. Auch Saskia versucht Anschläge in Deutschland zu verhindern und wird dann selbst zum Opfer. In letzter Sekunde kann sie ihrer Zwillingsschwester noch eine Warnung zukommen lassen, die Ex-Elitesoldatin Wiebke hat eigentlich mit dem Kämpfen abgeschlossen, aber ungewöhnliche Situationen erfordern ihren Tribut.

Mark Fahnerts Debüt ist der Auftakt einer neuen Thriller Serie um Wiebke Meinert. Der Polizist mit dem Spezialgebiet politisch und religiös motivierte Straftaten hat eine der größten Bedrohungen unserer Zeit zum Thema gemacht und zeigt die internationale Vernetzung des Terrorismus und den dadurch extrem erschwerten Kampf gegen diese Art von Verbrechen.

Die Thematik ist gut gewählt für einen spannenden politischen Thriller. Kurze Kapitel wechseln sich ab, was die sich überschlagenden Ereignisse gut widerspiegelt und zudem die Komplexität durch die große Anzahl an Akteuren verdeutlicht. Genau hier liegt für mich aber auch der größte Schwachpunkt der Geschichte: mir fehlte der rote Faden, der den Leser begleitet, die Haupthandlung, die die Ereignisse leitet. Zwar ist mit Wiebke vermeintlich eine Protagonistin geschaffen, aber diese erscheint viel zu spät und so ganz schlüssig ist für mich ihre Rolle nicht geworden. Durch die hohe Agitation bleibt auch nur wenig Zeit, die Figur kennenzulernen und Sympathien zu ihr aufzubauen. Sie ist reduziert auf die wütende Kampfmaschine ohne Vergangenheit und weitere Charakterzüge.

Zu viele Details und Nebenhandlungen sind es letztlich, die die Handlung zerfasern und ihr nicht nur Spannung, sondern vor allem den Sog rauben, der einem beim Lesen fesseln könnte. Viele Verbindungen haben sich mir auch nicht erklärt, was womöglich auch einfach daran lag, dass ich bisweilen den Eindruck hatte, den Überblick zu verlieren und nicht mehr alles im Blick zu haben. Komplexität und Anspruch erhöhen sich nicht einfach dadurch, dass man eine immer größer werdende Anzahl von zusätzlichen Handlungssträngen hinzufügt. Hier wäre mir Tiefe beispielsweise bei der Figurenzeichnung oder der Motivation der einzelnen Figuren lieber gewesen.

Im Schreibstil durchaus ansprechend, thematisch ebenfalls attraktiv, aber in der Umsetzung hat das Buch leider nicht die Erwartungen erfüllen können.

Ein Dank geht an den Piperverlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Buch finden sich auf der Verlagsseite.

Paul Vidich – The Coldest Warrior

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Paul Vidich – The Coldest Warrior

1953 – the Korean War has ended, but the Cold War emerges and the intelligence services’ nerves are frayed. When CIA officer Dr Charles Wilson dies under blurry circumstances, all information is closed down immediately. It will take twenty-two years until his death gets the attention it deserves. He “jumped or fell” from the ninth floor of a Washington hotel and his family is now demanding answers. Jack Gabriel, an old friend of Wilson’s, also an agent himself, starts digging and the deeper he gets, the more coincidental deaths among key witnesses this cases produces. Somebody tries to hide something and Gabriel soon has to ask himself how much he is willing to risk for the truth.

Paul Vidich narrates a fictional story based on the real events of the mysterious death of Frank Olson, CIA employee and biological warfare expert. The author has seen himself what the agency’s policy of secretiveness can do to a family: Olson was his uncle and he could witness the family’s grief at close range.

 “That was the story of the Agency then. We could do whatever we wanted because we were fighting the Soviet Union.”

The CIA killed its own men if need be. What sounds like the plot of a superb spy novel today, was a reality back then. As Vidich recalls, raising the subject at family reunions was a taboo, even though somebody suffered a terrible injustice, everybody remained silent and thus approved of the methods. Reading about the disclosure of Wilson’s/ Olson’s murder makes you oscillate between fascination and abhorrence. A lot has been revealed about the dark sides of espionage and spying, nevertheless, I am still stunned each time I read about how ruthless the business can be and how little a human life counts.

It is remarkable how Vidich manages to transport the story in an entertaining way even though he is that close to the case. A fast paced read that gives much more insight than you could ever wish for.

Mark Johnson – Die schlichte Wahrheit

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Mark Johnson – Die schlichte Wahrheit

Dass er einmal in der Politik landen würde, hatte sich Jonatan Stark nicht vorstellen können. Neue Technologien entwickeln, um umweltfreundlich die erforderliche Energie herzustellen, war sein großer Traum. Doch als ein ehemaliger Studienkollege ihm den Job offerierte, schlug er zu. Nun aber läuft die Sache aus dem Ruder, der Ministerpräsident persönlich bittet ihn als Experten um einen Gefallen, er soll bei der Beraterfirma Lionshare spionieren und deren revolutionäre Technik auskundschaften. Alles zum Wohl des schwedischen Volkes – und um die Haut des Politikers zu retten, dessen Umfragewerte eine deutliche Sprache sprechen. Jonatan spielt notgedrungen mit und gerät in ein unglaubliches Geflecht von rücksichtslosen Politikern, geldbesessenen Interessen von Wirtschaftsbossen und brutalen russischen Oligarchen.

Mark Johnson bedient sich in seinem Debutroman „Die schlichet Wahrheit“ gängiger Versatzstücke guter Politthriller: eine aufgeheizte politische Stimmung; ehrgeizige Individuen, die bereit sind über Leichen zu gehen; Journalisten, die noch an höhere Ideale glauben und für diese viel riskieren; russische Oligarchen, die sich über den heimlichen Besitz an Energieunternehmen nicht nur ein Einkommen sichern, sondern westliche Staaten von sich abhängig und erpressbar machen. Dazu noch ein paar Mordanschläge und vor allem ein unbescholtener, sympathischer Bürger, der zwischen die Fronten gerät. Das kann in einem spannenden und rasanten Thriller münden – oder eben sensationell danebengehen. So wie hier.

Das ganze Konstrukt ist so aberwitzig, dass es jeder Glaubwürdigkeit entbehrt. Die beiden Politiker versuchen sich mit absurdesten Spielchen, die zu nicht mehr als Kopfschütteln taugen, gegenseitig reinzulegen. Die ganze Handlung wird auf wenige Stunden komprimiert, was allein schon große Fragen nach dem Realitätsgehalt aufreißt. Es gibt quasi kein Klischee, das Johnson auslässt, im Gegenteil, alle werden maximal bedient, großes Highlight: der folternde russische Oligarch – platter geht es kaum. Freund und Feind sind irgendwie einerlei und dem guten Jonatan können Folter, Verfolgungsjagden und brenzligste Situationen nichts anhaben. „Die schlichte Wahrheit“ ist schlicht ganz großer Unfug, der maximal als fürs Actionkino taugt, wo auf glaubwürdige und logische Handlung nicht viel Wert gelegt wird.

Yishai Sarid – Limassol

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Yishai Sarid – Limassol

Die Lage ist ernst, ein Anschlag steht Israel unmittelbar bevor, aber der Geheimdienst kommt dem Täter nicht wirklich nahe. Identifiziert hat man ihn, nur wo er sich rumtreibt, liegt noch im Dunkeln. Beim Verhör seines Bruders rastet der befragende Agent aus und prügelt ihn zu Tode. Statt weiterhin Informationen aus Gefangenen herauszupressen, wird er nun auf einen anderen Fall angesetzt. Über die Schriftstellerin Daphna soll er zu dem Araber Hani Kontakt herstellen, dessen Sohn ebenfalls im Verdacht steht, ein Attentat vorzubereiten. Während er langsam das Vertrauen der beiden gewinnt und sich mit ihnen in der Literatur- und Kunstszene bewegt, schreitet seine Ehe dem Ende entgegen. Den Grausamkeiten seines Berufs steht der Wunsch nach Nähe und Geborgenheit in der Familie entgegen. Beides scheint nicht mehr vereinbar. Und je näher er Daphna und Hani kommt, desto mehr muss er die Sinnhaftigkeit und Menschlichkeit seines Tuns hinterfragen.

Yishai Sarids Roman „Limassol“ erlaubt einen Blick in die angespannte Lage eines Landes, das sich im Dauer-Krisenzustand befindet. Dass die Realität die Fiktion wieder einmal überholen kann, zeigt sich aktuell im November 2019. Man kann nach der Lektüre die andauernde maximale Anspannung der Bewohner noch besser nachvollziehen und vor allem wird die ganz individuelle Zerreißprobe offenkundig: der Wunsch nach einem Leben in Sicherheit und der Schutz des Staates Israel stehen den persönlichen Begegnungen der Juden mit den Arabern gegenüber, ebenso die Infragestellung der Methoden von Polizei und Geheimdienst vor dem Hintergrund der Gewaltbereitschaft und Diskriminierung. In Yishai Sarids Protagonist vereint sich all dies zu einem hochexplosiven Gemisch.

Der Autor kennt als Israeli und ehemaliger Offizier im Nachrichtendienst die weitgehend verborgene Seite des israelischen Sicherheitsapparats. Dass er in den drastischen Schilderungen der Verhöre allzu viel Phantasie hat walten lassen, ist nicht anzunehmen. Die Figuren werden zu Beginn auch getrieben von der extremen Hitze, die selbst durch dickste Wände kriecht und sich nachhaltig auf den Gemütszustand auswirkt. Eine Entschuldigung für das Handeln ist dies jedoch nicht. Nur halbherzig wird auf den Tod des arabischen Verdächtigen reagiert, so ist es leicht die Wut der Gegenseite nachzuvollziehen. Von diesem unnachgiebigen und gefühlskalten Geheimdienstler ist jedoch am Ende nicht mehr viel übrig. Das Scheitern seiner Ehe, der Verlust von Frau und Kind haben auf ihn jedoch nur geringen Einfluss. Es sind ausgerechnet die Feinde, denen er sich verdeckt nähern muss, die den Wandel befördern. Fließend und geradezu unbemerkt schleicht sich etwas heran, das in ihm immer größer wird.

Während zunehmend Emotionen Einfluss auf sein Denken nehmen, die er als professioneller Spion gegenüber den Zielobjekten – die immer mehr zu Subjekten werden – nicht haben darf, nähert sich der Moment des Anschlags auf Hanis Sohn, den er angebahnt hat. Hier wird der Roman, der von einer ausgefeilten Figurenzeichnung des Protagonisten lebt, tatsächlich zum nervenaufreibenden und spannenden Politthriller. Man weiß nicht, wie er sich entscheiden wird, wie er sich entscheiden soll. Als Leser wird man in seinen Konflikt hineingezogen, ein Konflikt, für den es keine Lösung geben kann. Der Terrorismus hat die Figuren fest in der Hand, er diktiert die Logik im Kampf, eine Logik, die es nicht mehr gibt.

Sarid findet trotz der Gewalt und Brutalität, die er schildert, eine poetische Sprache, um seine Geschichte zu erzählen. So findet man sich in diesem absurden und paradoxen Gemisch wieder, gleichzeitig den Roman zu genießen und ihn eigentlich nicht lesen zu wollen. Aber genau so stellt sich ja die reale Lage in Israel dar – absurd und paradox.

Ein herzlicher Dank geht an den Verlag Kein & Aber für das Rezensionsexemplar. mehr Informationen zu Autor und Buch finden sich auf der Verlagsseite.

Horst Eckert – Der Preis des Todes

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Horst Eckert – Der Preis des Todes

Ihr berufliches Leben ist der Öffentlichkeit bekannt, Sarah Wolf ist eine der erfolgreichsten Polit-Talkerinnen des Landes. Ihr Privatleben jedoch ist geheim, denn wenn herauskäme, dass sie mit dem Staatssekretär des Gesundheitsministeriums liiert ist, würde ihre politische Neutralität in Frage gestellt. Als dieser ermordet aufgefunden und zudem schnell ein Zusammenhang zu einer Frauenleiche im Rheinland hergestellt wird, muss Sarah sich fragen, ob sie den Mann, den sie liebte und von dem sie zudem ein Kind erwartet, wirklich kannte. Da er kurz zuvor in einen Klinikskandal verwickelt war, liegt der Verdacht zunächst nahe, dass dies etwas damit zu tun haben könnte. Sarah hat nur begrenztes Vertrauen in die Polizei, die sie ebenfalls unter die Lupe genommen hat, und beginnt daher eigenständig nachzuforschen, schließlich ist sie ja investigative Journalistin. Sie ahnt nicht, welchen Spuren sie hinterherjagt und dass sie damit nicht nur sich selbst in Gefahr bringt.

Horst Eckerts Thriller dreht sich einmal mehr um Politiker und ihre Machenschaften jenseits des öffentlichen Bildes, das sie gerne möglichst makellos und volksnah zeichnen. In „Der Preis des Todes“ greift er den Lobbyismus im Gesundheitswesen auf und zeigt, wie weit über die Landesgrenzen hinaus Menschen sich rücksichtslos auf Kosten anderer bedienen.

Sowohl die Morde wie auch die politischen Zusammenhänge werden in dem Fall trotz der Komplexität des Themas spannungsgeladen und überzeugend umgesetzt. Die großen Zusammenhänge werden erst nach und nach sichtbar und enthüllen ein unglaubliches Geflecht an Machenschaften und Verstrickung von Wirtschaft und Politik. Nach den Skandalen der vergangenen Jahre hat man keine Zweifel daran, dass dies sich genau so zutragen könnte.

Einziger Abzug gibt es von mir für die Protagonistin, die mir etwas zu klischeehaft gezeichnet ist und sich durch waghalsigen Leichtsinn auszeichnet, der nicht nur übertrieben, sondern wenig glaubwürdig erscheint. Unabhängig von dieser Figur ein anspruchsvoller und spannender Politthriller.

Daniel Silva – Der russische Spion

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Daniel Silva – Der russische Spion

Ein eigentlich routinierter Fall für die Geheimdienste: ein Doppelspion will brisantes Material über die Russen liefern und dafür bei den Engländern untertauchen. Gabriel Allon und sein Team wollen ihn in Wien in Empfang nehmen und an den MI6 übergeben, doch dazu kommt es nicht, denn der Mann wird auf offener Straße erschossen. Offenbar war man in Moskau informiert und dafür gibt es nur einen Grund: in den Reihen der Briten muss es einen Maulwurf geben. Diese leugnen dies, doch für den Chef des israelischen Dienstes ist der Fall klar. Doch als sein Kandidat in Bern ums Leben kommt, kommen ihm Zweifel: ist er auf eine geschickt gelegte falsche Spur hereingefallen? Womöglich, aber an den Maulwurf glaubt er immer noch und ist bereit alles dranzusetzen, diesen aufzudecken. Er ahnt nicht, wen er ins Visier nimmt und wie schlimm der MI6 tatsächlich unterlaufen wurde.

Auch im bereits 18. Fall von Daniel Silvas Superagenten des israelischen Geheimdienstes ist dieser kein bisschen müde, sich mit den größten globalen Verbrechern anzulegen. Hat er in den letzten beiden Fällen noch die islamistischen Terroristen gejagt, steht nun ein ungewöhnlich klassischer Fall im Vordergrund. Auch wenn der Kalte Krieg seit nunmehr 30 Jahren beendet ist, taugt die Konfrontation zwischen Ost und West noch immer zu großer Unterhaltung und so ist „Der russische Spion“ ein Thriller nach dem bewährten Muster der großen britischen Agenten James Bond oder George Smiley. Nur dass es der Chef des Mossad ist, der fast im Alleingang gegen die russische Übermacht kämpft.

„Gabriel klappte seinen Aktenkoffer auf und nahm drei Gegenstände aus dem Geheimfach. Eine Geburtsurkunde, eine Heiratsurkunde und ein in der Jesus Lane in Cambridge heimlich gemachtes Foto. Übel, dacht er. Verdammt übel.“

Die Erwartungen werden einmal mehr voll erfüllt. Ein spannungsgeladener Thriller, der zunächst einige undurchschaubare Verwicklungen liefert und dann das Katz-und-Maus-Spiel eröffnet. Interessanterweise lehnt sich Silva dieses Mal an eine reale Figur an: Kim Philby, ein britischer Geheimdienstmitarbeiter, der als einer der bekanntesten Doppelagenten und Informationslieferant für die Sowjets in die Geschichte eingegangen ist. Ebenso wie dieser historisch verbriefte Fall trifft auch der Maulwurf im Thriller den englischen MI6 Mitten ins Herz und macht den Fall damit besonders brisant.

Auch wenn die vorhergehenden Fälle durchaus an aktuelle Großkrisen der Welt angelehnt waren, fand ich dieses Mal die Vermischung von Fakt und Fiktion besonders gelungen. Auch die Tatsache, dass etwas weniger geschossen und in die Luft gejagt wird, sondern die altbewährten Spionagetechniken wieder zum Einsatz kommen dürfen – Beschattung, geheime Briefkästen, heimlich übergebene Umschläge – hat mich besonders gefreut und unterstreicht, dass Silva beides liefern kann: actiongeladene rasante Geschichten ebenso wie komplexe Spionagethriller. Lassen viele Serien im Laufe der Zeit nach, würde ich hier das Gegenteil konstatieren wollen: für mich einer der besten Romane von Daniel Silva.

Jennie Rooney – Red Joan

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Jennie Rooney – Red Joan

Als Joan im Januar 2005 die Einladung zur Beerdigung von Sir William Mitchell erhält, weiß sie, dass nach all den Jahrzehnten die Wahrheit offenbar doch ans Tageslicht gekommen ist. Kurze Zeit später fährt dann auch ein Wagen vor und Ms Hart und Mr Adams informieren sie, dass dem House of Commons ihr Name als einer der russischen Agenten im Zweiten Weltkrieg mitgeteilt werden wird. Lange Tage der Befragung stehen ihr bevor, die sie zurück ins Jahr 1937 führen als sie am Newnham College in Cambridge ihr Studium der Naturwissenschaften begann. Dort lernte sie Sonya kennen, Jüdin ursprünglich aus Russland, aktuell vor den Nazis aus Deutschland geflohen, und deren Cousin Leo kennen, in den sich Joan verliebt und für den sie bereit war, ihr Vaterland zu verraten.

Jennie Rooneys Roman basiert auf der Lebensgeschichte von Melitta Stedman Norwood, die mehr als 30 Jahre als Sekretärin in einer staatlichen britischen Forschungsanstalt dem KGB wichtige Erkenntnisse über die Aktivitäten im Vereinigten Königreich geliefert hatte und erst 1999 entlarvt wurde. Die Autorin zeigt in „Red Joan“ jedoch nicht einfach wie eine junge Frau dem Charme eines russischen Agenten erliegt und für diesen zur Spionen wird, sondern lässt den Leser Joans komplexe Gedanken nachvollziehen, die einem verstehen lassen, weshalb sie sich zu diesem Schritt entschieden hat – für mich eine gut fundierte Überlegung, die weit über den Horizont von Nationalstaaten hinaus geht.

Die Handlung spielt sich auf zwei Zeitebenen ab, die Befragung innerhalb weniger Tage im Jahre 2005 und Joans Erinnerung an die Zeit ab Ende der 1930er Jahre. Als gutbehütetes Mädchen kommt sie unbedarft nach Cambridge und freundet sich mit der lebenslustigen Sonya an. So erhält sie Zugang zu politischen Debatten, die ihr zuvor fremd waren, vor allem die Exilrussen, die der Idee des Kommunismus anhängen, faszinieren sie. Auch wenn sie durch ihre Verliebtheit in Leo bisweilen den Fokus verliert, bleibt sie doch eine rationale Naturwissenschaftlerin und durchdenkt ihr Handeln. Als Mitarbeiterin Max‘ Labor ist sie bereit, Informationen zu stehlen und weiterzureichen, aber es ist die Atombombe auf Hiroshima, die für sie das entscheidende Moment darstellt: wenn nur ein Land der Welt über diese Waffe verfügt, sind dann nicht alle gefährdeter als wenn es ein Kräftegleichgewicht gibt, das sich aufhebt? Kann die gegenseitige Bedrohung nicht auch ein Garant für Frieden sein? Alle haben das Ausmaß der Zerstörung und des Leids in Japan gesehen, niemand kann sich das für sein eigenes Land wünschen.

Neben den klassischen Agenten-Geschichten wie sie John Le Carré mit seinen George Smiley Romanen oder auch Ian Fleming mit James Bond erzählen, tauchen in den letzten Jahren vermehrt auch die Geschichten um die weiblichen Agenten auf, wie etwa in Ian McEwans „Sweet Tooth“ oder Kate Atkinsons „Transcirption“. Jennie Rooneys Geschichte bietet neben den politischen Aspekten vor allem interessante Charaktere mit komplexen Beziehungen und etliche unerwartete Wendungen, sicherlich mit ein Grund dafür, dass sich die große Judy Dench als Schauspielerin für die Rolle der Joan in der 2018er Verfilmung hat gewinnen lassen.

Lauren Wilkinson – American Spy

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Lauren Wilkinson – American Spy

When one night a man breaks into her New York apartment and tries to kill her, Marie knows that it is time to flee and to take her twin boys out of the country since they will not be secure there anymore. As a former member of the FBI she knows how to defend herself, she went through worse, but not her kids. She flees to a tiny village on Martinique where her mother has been living for decades, hoping to earn some time to write down everything that happened years before for her kids to understand one day when they are old enough. Marie thinks back to her beginnings at the agency when she had the impression of being stuck and then the unexpected chance to be a part of something bigger, of doing something good – which ended in an African bloodbath and forced her into hiding.

“American Spy” is Lauren Wilkinson’s first novel after some highly appraised shorter writings. What is quite fascinating about the thriller is that apart from the action part, it offers many different layers and aspects that can be discussed. It is set in the time of the Cold War and of course, first and foremost, the role of the two big players and their proxy wars in Africa obviously take a major part in the book. Yet, it can also be read as a feminist novel since the protagonist struggles to find her place in an all-male federal agency where people are openly sexist. Marie and her Caribbean background also qualify the novel under the label of a Black History book.

The thriller is full of suspense and provides insight into the world of spies. The complicated political situations they are in and the fact that the world is much more greyish than black and white at times forces them to either give up their ideals or simply quit their job. I liked a lot how the author combined Marie’s family history and the ghosts that haunt her with the bigger picture of world politics that, in the end, also can be broken down to personal relationships and enmities. The protagonist makes it easy to sympathise with her and thus you instantaneously immerse into the novel. Additionally, I learned a lot about Burkina Faso’s history, something that I was highly ignorant about.