Amélie Nothomb – Hygiène de l’assassin [Die Reinheit des Mörders]

Amélie Nothomb – Hygiène de l’assassin

Bei dem berühmtem Autor Prétextat Tach ist das selten Elzenveiverplatz Syndrom diagnostiziert worden, das ihm nur noch wenige Wochen des Lebens lässt. Die Literaturwelt ist erschüttert und zahlreiche Journalisten machen sich zu dem zurückgezogen lebenden Schriftsteller auf. Schon bei den ersten Interviews wird klar, dass der übergewichtige Misanthrop kein erfreulicher Gesprächspartner ist. Säuerlich, intolerant, rassistisch, frauenfeindlich – es gibt eigentlich nichts, das er auslässt, um die Menschen wieder zu vergraulen. Bis sich Nina zum Gespräch traut und ihm nicht nur Paroli bietet, sondern ihn damit schockiert, sein gut gehütetes Geheimnis zu kennen.

Schon mit ihrem ersten Roman gelang Amélie Nothomb der literarische Durchbruch, dem zahlreiche weitere Auszeichnungen folgten. Wer die Autorin kennt, weiß, dass man auf alles gefasst sein muss und sie dem Leser auch drastischste Aussagen nicht erspart. In ihrem Debüt hat sie mit Prétextat Tach einen unglaublichen Widerling erschaffen, der seinesgleichen sucht und dem auch die inzwischen 28 Jahre, die seit der Erstveröffentlichung vergangen sind, nichts anhaben konnten.

Der Roman kommt mit einem minimalen Setting aus. Er spielt fast ausschließlich in der Wohnung des Autors, wo er von unterschiedlichen Journalisten besucht wird, denen jedoch vor Ninas Erscheinen nur kurze Gespräche vergönnt sind. Sie ist die erste, die ihn beeindruckt, da sie sich nicht einschüchtern lässt und auf seine hasserfüllten Tiraden angemessen reagiert.

Nothomb erhebt den Autor zu einer könig-gleichen Figur, die Hof hält und von deren Gnade die Journaille abhängig ist. Sein Literatur-Nobelpreis rechtfertigt scheinbar das Gebärden und die verbalen Entgleisungen. Allerdings hat er auch einige durchaus beachtenswerte Gedanke, wenn er beispielsweise der Leserschaft vorwirft, nur zu konsumieren und gar nicht wirklich sein Werk zu lesen, was ihm wiederum die Möglichkeit eröffnet, schlimmste Wahrheiten kundzutun, ohne dass diese irgendwelche Konsequenzen hätte. Viel wird auch über Symbolik und Metaphorik sinniert, stellt sich die Frage, ob Prétextat nun seinen Namen in Anlehnung an „prétexte“ – Vorwand/Schutzbehauptung erhalten hat oder als „pré-texte“ quasi mit seiner Autorenschaft noch vor (oder über) dem Text steht.

Eine sprachliche Meisterleistung und hochklassisches Duell liefern sich die beiden, wobei die Auseinandersetzung auch zu dem führt, was jeder Text mit seinem Leser gemäß Prétextat Tachs Theorie tun sollte: etwas verändern. Der Mensch darf nach dem Lesen nicht mehr derselbe sein, der er vorher war. Nur dann wurde richtig gelesen und das Gelesene hatte auch einen Wert.

Frank Witzel – Inniger Schiffbruch

Frank Witzel – Inniger Schiffbruch

Nach dem Tod seines Vaters fällt der Autor in ein mentales Loch, weder Schreiben noch Lesen will ihm gelingen, obwohl er sich seines eigenen Gefühlslebens noch gar nicht sicher ist und nicht im eigentlichen Sinne trauerte. Er macht sich an den Nachlass, der sofort Erinnerungen an die Kindheit hervorruft. Der Mann, der auch zu Hause Hemd und Anzug trug, gegen den er jahrelang rebellierte, von dem er sich weit entfernt hatte und den er nun versucht zu ergründen. Minutiöse Tagebücher und Kalendereinträge helfen ihm das Leben des Kirchenmusikers zu rekonstruieren. Er zieht Parallelen zu den Biografien berühmter Künstler und ist immer wieder erstaunt, wie sehr sich die Leben innerhalb derselben Generation doch gleichen. Die Mutter, die bereits einige Jahre zuvor verstorben war, bleibt ihm aber immer noch fremd als erwachsene Frau jenseits der Mutterrolle, dabei hätte diese Frau vermutlich sehr viel erzählen können.

„Krankheit, Alter, Tod, dachte ich, als wir in den Aufenthaltsraum zurückkamen. Im Grunde konnte man niemandem einen Vorwurf machen. Es war der sogenannte Lauf der Dinge, wobei es gerade die Dinge waren, die relativ stabil blieben, während der Mensch langsam zwischen ihnen verschwand.“

Der Titel der als „Roman“ deklarierten Spurensuche ist zunächst sperrig, erhellt sich aber im Laufe des Lesens und wird immer klarer. Das tiefe Gefühl, Schiffbruch erlitten zu haben nachdem beide Elternteile nicht mehr da sind, ist überwältigend und nur er allein kann einen Weg wieder in sichere Gewässer und ans Festland finden. Während man dieser Mammutaufgabe folgt, fragt man sich jedoch schon, inwieweit die Erzählung reale Autobiografie und inwieweit reine Fiktion ist, die Trennlinie ist hier mehr als verschwommen. Zugegebenermaßen erscheint mir daher die Nominierung auf der Longlist für den diesjährigen Deutschen Buchpreis auch etwas irritierend.

Anekdotisch werden die Kindheits- und Jugenderinnerungen präsentiert, die auch beim Leser ähnliches wachrufen dürften, interessant auch die Beschreibungen Wiesbadens aus seiner Kindheit, vor allem, wenn man die Biebricher Örtlichkeiten heute kennt. Das sich Annähern an die Menschen, die eigentlich so vertraut sein sollten und dennoch in weiten Teilen unbekannt geblieben sind, gelingt trotz des traurigen Anlasses und hat auch einen gewissen Unterhaltungswert.

Witzel wählt eine ganz andere Herangehensweise an das Thema als Zsuzsa Bánk, deren kürzlich erschienener Roman „Sterben im Sommer“ dieselbe Thematik aufgreift. Letztere hat mich jedoch insgesamt deutlich mehr überzeugen können; die emotionale Überwältigung ob des Verlusts kommt bei der Autorin glaubhaft rüber, Witzel bleibt mir zu distanziert und analytisch, um seinen scheinbaren Ausnahmezustand wirklich glaubwürdig zu transportieren.

Zsuzsa Bánk – Sterben im Sommer

Zsuzsa Bánk – Sterben im Sommer

Als sie im Januar die Diagnose bekommen, dass der Krebs zurückgekehrt ist, wollen sie den Sommer noch einmal in Ungarn verbringen. Dem Land, aus dem die Eltern 1956 geflohen waren und das doch immer sommerlicher Sehnsuchtsort geblieben ist. Die Erinnerungen an heiße, fröhliche, unbeschwerte Sommer kommen wieder hoch, doch der Vater schafft es nicht, zu krank ist er und wird im Drei-Länder-Eck zwischen Slowakei, Österreich und Ungarn von Krankenhaus zu Krankenhaus gebracht. Die letzten Tage in der Klinik, die Onkologie ist die letzte Station vor – ja vor was? Dem Hospiz? Aber ist das nicht schon aufgeben?

Die Autorin schildert den heißen Jahrhundertsommer 2018, der sich ihr vor allem wegen des Verlusts des Vaters eingebrannt hat. Langsam zeichnet sich über Monate ab, was unausweichlich ist und dennoch ist sie emotional nicht vorbereitet auf das, was sie erlebt. Zwischen Erinnerungen an die gemeinsame Zeit und den bürokratischen Hürden der letzten Tage oszilliert der Bericht und fängt die emotionale Achterbahn der Tochter ein.

Was kann man über ein so persönliches Buch sagen? Es erschien mir sehr authentisch, gerade in der Schilderung der gleichzeitig auftretenden, widersprüchlichen Empfindungen. Zwischen großer Zuneigung, die sich aus den Kindheitstagen und vor allem den Sommern am Balaton speist, Angst vor dem, was kommt, Wut auf die Bürokratie, die Unmenschliches verlangt und so fast zynisch macht, Trauer, die schon einsetzt, als der Vater noch lebt, und der Verzweiflung, jetzt weiterleben zu müssen mit dieser Lücke, die da gerissen wurde.

„Aber das Leben geht überhaupt nicht weiter, nein, es bleibt auch nicht stehen, es steht einfach nur herum, das trifft es mehr. Es wird zu einer schwachen Kopie seiner selbst, blass und leer,“

Eine literarische Verarbeitung der Trauer, die gar nicht die großen Fragen nach dem Dasein aufreißt, sondern durch die kleinen Banalitäten des Alltags, die sich plötzlich als große Hürden auftun, überzeugt. Und am Ende kommt ein neuer Sommer, der nicht ist, wie die davor, aber eben auch ein Sommer ist.

Tobias Schlegl – Schockraum

Tobias Schlegl – Schockraum

Nachdem seine steile Karriere in der Werbebranche zwar zu viel Spaß und Einkommen führte, sich irgendwann aber die Sinnfrage immer drängender stellte, entschied sich Kim zu einem radikalen Schritt: er machte eine Ausbildung als Notfallsanitäter. Nun, vier Jahre im Job, kämpft er jedoch mit sich und den Arbeitsbedingungen: zu wenig Leute, zu hoher Zeitdruck, die Arbeit wird zunehmend durch Gaffer und Störer behindert, das Gehalt reicht kaum aus, um eine Familie zu ernähren und irgendwie kommt er auch nicht dazu, die Erlebnisse zwischen Leben und Tod zu verarbeiten. Als ihn auch noch seine Freundin verlässt, er sich nur noch schwer fokussieren kann und die Alpträume zunehmen, flüchtet er mit seinem Freund für ein paar Tage nach Texel, die Auszeit tut ihm gut, ändert jedoch auch nicht grundlegend etwas. Er muss sich endlich ernsthaft seinen Problemen stellen.

Ich war zugegebenermaßen sehr überrascht, als ich vor einigen Tagen in der Zeitung eine Besprechung des Romans gelesen habe. Mir war Tobias Schlegl nur als Viva-Moderator der 90er Jahre bekannt, seine Karriere hatte ich nicht weiter verfolgt und dass er 2016 gänzlich aus dem Show-Business ausgestiegen war, ist entsprechend auch an mir vorbeigegangen. Er verarbeitet in „Schockraum“ seine eigenen Erfahrungen, die er während der Arbeit als Sanitäter gesammelt hat. Entstanden ist zwar eine fiktive Geschichte um den End-30er Kim, aber neben den Episoden, die Einsätze schildern, wird vor allem der Alltag und die Belastung in diesem Beruf thematisiert. Es ist keine Abrechnung, aber am Beispiel des Protagonisten wird gezeigt, wie Menschen, die eigentlich helfen wollen und sich in den Dienst der Gesellschaft stellen, systematisch verschlissen werden. Dies trifft nicht nur für die Mitarbeiter*innen im RTW zu, sondern gleichermaßen für Pfleger*innen in Kliniken und Altenheimen oder auch die Feuerwehr.

Natürlich befriedigt der Roman ein Stück weit die Sensationslust: was erlebt Kim bei seinen Einsätzen, wann kämpft er um das Leben von Verletzten, welche spektakulären Situationen hat er erlebt? Man kann leicht nachvollziehen, weshalb Sanitäter keine Lust mehr auf die Frage danach, ob bzw. wie viele Tote sie schon gesehen haben, zu antworten. Ebenso kann man die Wut verstehen, wenn sie wegen Lappalien gerufen werden oder auch ihre Machtlosigkeit, wenn Patienten nicht kooperieren. Es ist eine bunte Mischung von Einsätzen, die die Bandbreite des Arbeitsalltags sichtbar machen. Die schönen Seiten kommen ebenso zu Wort wie die furchtbaren.

„Diese Unsicherheit ist reizvoll, aber auch belastend. Rettungsdienst – das ist ein ständiges Öffnen verschlossener Türen. Und niemand weiß vorher, was einen dahinter erwartet. (…) Welcher Abgrund tut sich diesmal auf?“

Der nicht gesunde Umgang mit den Erlebnissen ist es letztlich, der Kim in eine psychische Ausnahmesituation bringt. An vielen kleinen Punkten wird klar, wie er seine Arbeit nicht mehr kompetent bewältigt und dadurch zu einer realen Gefahr wird. Aber es dauert, bis er sich das eingestehen kann. Die Schilderung seines Belastungssyndroms ist der eigentliche Punkt des Romans.

Vielleicht hilft dieser Roman mit der Prominenz des Autors eine Debatte anzustoßen bzw. fortzuführen, was im Frühjahr eigentlich Dank Corona schon einmal ins öffentliche Bewusstsein gerückt war. Die Frage, wie wir als Gesellschaft mit den systemrelevanten, unterbezahlten und belastungsintensiven Jobs umgehen wollen, ist nämlich noch lange nicht geklärt.

Volker Jarck – Sieben Richtige

Volker Jarck – Sieben Richtige

Das ganz normale Leben zwischen Bochum und Köln, wie es eben so spielt mit seinen Zufällen. Die Ehe von Marie und Victor ist am Ende, ihr Sohn Nick lebt inzwischen in den USA und nach der Krebs-Diagnose zieht es Marie weg aus dem Ruhrgebiet zu ihrer Schwester an den Rhein. Ihre Nachbarn durchleben derweil im Sommer 2018 den größten Alptraum aller Eltern: ihre Tochter Greta wird durch einen übermütigen Raser lebensgefährlich verletzt. Im Krankenhaus arbeitet die Pflegerin Lucia, die ebenfalls eine schreckliche Nachricht erhält: ihr Vater starb durch einen Wespenstich an einer Autobahnraststätte; er war gerade dabei die Möbel der Autorin Eva Winter zu deren neuer Wohnung in Köln zu transportieren. Diese hat sie kurzfristig bekommen, da die Vormieterin Linda mit ihrem neuen Freund Tim zusammengezogen ist, beide waren einst Schüler von Victor, der seinerseits während seine Studiums von einer gemeinsamen Zukunft mit Eva träumte. Der Kreis schließt sich und die Uhr dreht sich unermüdlich weiter.

„Sieben Richtige“ – quasi der Sechser im Lotto plus Zusatzzahl, ein statistisch unwahrscheinliches Zusammentreffen der richtigen Zahlen im richtigen Moment, das aber dennoch regelmäßig vorkommt. Genauso verhält es sich mit den Begegnungen der Figuren in Volker Jarcks Roman. Nach vielen Jahren als Lektor hat er sich auf die andere Seite des Schreibens gewagt und das mit überzeugendem Ergebnis. Die Geschichten der einzelnen Figuren greifen immer wieder ineinander, sind verwoben und stoßen sich gegenseitig an und werden so zu einem stimmigen Ganzen.

Völlig lose voneinander erscheinen die Erzählungen zunächst, erst im Laufe der Handlung werden die vielfältigen Beziehungen deutlich, die es nicht nur 2018 gibt, sondern auch schon Jahrzehnte zuvor und ebenso viele danach geben wird. Sie sind Geliebte, Partner, Lehrer, Schüler, Nachbarn, Freunde, Ex-Partner, Kinder – in unterschiedlichen Konstellationen treffen wir sie an, mal heiter, mal traurig, beschwingt vom Moment des Glücks, am Verzweifeln ob der sich abspielenden Tragödie. Immer neue Verbindungen werden geschaffen und so einsteht eine kleine Welt in der großen, in der Gegenwart wie in Vergangenheit und Zukunft.

Für jede einzelne Figur sind es große Ereignisse, tatsächlich aber gibt es im Roman nicht die eine weltverändernde Begebenheit; die Geschichte lebt von der Normalität, in die sich jedoch der unglaubliche Zufall einschleicht, so wie er das tagtäglich überall tut. Vor allem das Ineinanderspielen der einzelnen Episoden fasziniert, macht das sichtbar, was Stanley Milgram einst als „Kleine-Welt-Phänomen“ bezeichnete: dass zwei unbekannte Menschen über 6-7 Personen miteinander verbunden sind.

Sprachlich routiniert erzählt mit kleinen, aber feinen Ausreißern nach oben (die Wespe!), ein Roman zum Aufschlagen und einfach nur genießen.

Roland Buti – Das Leben ist ein wilder Garten

roland buti - das leben ist ein wilder garten
Roland Buti – Das Leben ist ein wilder Garten

Landschaftsgärtner Carlo Weiss wird aus seinem gewohnten Trapp gerissen. Seine Tochter ist zum Studium aus der Schweiz nach London gezogen, seine Frau Ana hat ihn kürzlich verlassen und dann wird auch noch sein Angestellter Agon von wilden Kerlen brutal zusammengeschlagen und muss ins Krankenhaus. Derweil flüchtet Carlos Mutter aus ihrem Seniorenheim und ist seit Tagen nicht mehr gesehen worden. Bei dem Versuch, alles wieder ins Lot zu bringen, kommt er seinem Mitarbeiter näher, erkennt das Talent seiner Tochter, merkt er, dass er immer noch innige Liebe für seine Frau empfindet und erfährt eine schier ungeheuerliche Geschichte über das Leben seiner Mutter, die er bislang nur in dieser Funktion wahrgenommen hat und nie darüber nachdachte, dass auch sie mal ein junges Mädchen mit großen Träumen gewesen sein könnte.

Roland Buti ist Geschichtslehrer und bevor er mit dem literarischen Schreiben begann, hatte er bereits mit seiner Promotionsarbeit für viel Aufsehen gesorgt. Sein Buch „Le Milieu de l’horizon“ (Das Flirren am Horizont) wurde 2014 mit dem Schweizer Literaturpreis geehrt. Der aktuelle Roman überzeugt vor allem durch eine ausdrucksstarke Sprache, die die Verbindung zwischen der Natur, die einerseits im Garten gezähmt wird, andererseits sich aber immer wieder auch Orte erobert, und auch den Menschen in Carlos Leben herstellt, die ebenfalls alle ganz eigentümliche Gewächse sind.

Es gibt keinen großen, umfassenden Handlungsbogen in dem kurzen Roman, er wirkt mehr wie ein Netz, in dessen Zentrum Carlo steht, der Verbindungen nach mehreren Seiten hat. Zum einen die eigene Familie mit Tochter und (noch) Frau, die sich eher unerwartet entwickelt. Der zweite Strang bezieht sich auf seine Arbeit und damit verbunden seinen Mitarbeitern und ist metaphorisch der stärkste. Interessanter wiederum ist die demente Mutter, die kurz vor dem Tod steht und sich in ein Luxushotel geflüchtet hat, wo sich eine bislang gut gehütete Seite ihrer Persönlichkeit offenbart, was womöglich auch an den Wunderbonbons aus Agons Garten liegen könnte.

Kein lauter, umwerfender Roman, sondern ein ruhiger, geradezu zarter Ausflug in die Literatur und Natur, der in der richtigen Stimmung genossen zu einem wundervollen Leseerlebnis wird.

Jo Walton – Among Others

jo walton among others
Jo Walton – Among Others

Nachdem ihr Großvater, bei dem sie zuletzt lebte, einen Schlaganfall hatte, wird die 15-jährige Morganna, genannt Mori, zu ihrem Vater Daniel geschickt, den sie bis dato gar nicht kannte. Er und seine drei Halbschwestern entscheiden schnell, dass das Mädchen auf das Internat geschickt werden soll, das auch schon die Schwestern besucht hatten. Dort hält sie in einem Tagebuch ihre Erlebnisse fest. Sie ist anders als die Töchter reicher Eltern, hatte sie doch bis dato im ländlichen Wales gelebt, auch ihre Liebe zu Büchern, insbesondere Science-Fiction Romanen, kann sie mit niemandem teilen. Ebenso wenig die Tatsache, dass Magie einen wichtigen Platz in ihrem Leben einnimmt, die war es nämlich, die sie vor der bösen Mutter gerettet hat und was zu dem Unfall führte, bei dem ihre Zwillingsschwester Morwenna, ebenfalls Mori genannt, ums Leben kam und sie selbst an Hüfte und Bein schwer verletzt wurde. Mori lebt in ihrer eigenen Welt und der der Bücher, die sie in die Schulbibliothek, aber auch jene des kleinen Örtchens führen und unerwartet doch noch Seelenverwandte finden lassen.

Jo Waltons Roman, deutscher Titel: „In einer anderen Welt“, gewannt 2012 den Nebula Award, den Hugo Award sowie den British Fantasy Award als bestes Buch des Jahres. Für mich persönlich eine etwas irritierende Einordnung, denn ich hätte den Roman keineswegs als Fantasyroman bezeichnet, denn die Welt, in der Mori lebt, ist das typische Großbritannien des Jahres 1979. Lediglich ihr Glaube an Magie und Feen, mit denen sie sich auch unterhält, hebt sie von den anderen Jugendlichen ab. So wie Walton dies darstellt, hätte ich das Buch eher als magischen Realismus eingeordnet, vor allem, da immer wieder die Grenze zwischen psychisch gesund und krank verschwimmt und das Mädchen gerade hochtraumatische Erlebnisse hinter sich gebracht hat und völlig aus dem bekannten Leben geworfen wurde.

There are some awful things in the world, it’s true, but there are also some great books. When I grow up I would like to write something that someone could read sitting on a bench on a day that isn’t all that warm and they could sit reading it and totally forget where they were or what time it was so that they were more inside the book than inside their own head.

Trauer, Verlust, Ängste unterschiedlicher Art, fieses Mobbing, Umgehen mit einer sichtbaren Behinderung – Mori hat ein ordentliches Päckchen zu tragen und offenbar niemand, dem sie sich anvertrauen kann. Es bleibt ihr nur die Flucht in die Welt der Bücher, die ihr Sicherheit gibt und das reale Leben vergessen lässt.

Reading it is like being there. It’s like finding a magic spring in a desert. It has everything. (…) It is an oasis for the soul. Even now I can always retreat into Middle Earth and be happy. How can you compare anything to that?

Durch das Lesen, die Menschen, die sie in ihrem Buchclub kennenlernt und die langsame Annäherung an ihren Vater und den Großvater, findet sie zurück ins Leben. Es gibt immer noch Momente, die sie emotional überfordern und in denen sie sich von magischen Kräften bedroht fühlt – durch die eigene Mutter, die drei seltsamen Tanten – zunehmend gelingt es ihr aber auch, die Kontrolle darüber zu gewinnen.

Durchaus ein recht typischer coming-of-age Roman, der jedoch vor allem dann große Freude bereitet, wenn Mori ihre Gedanken über Bücher teilt, die sie regelrecht verschlingt. Tatsächlich hätte ich mir am Ende eine Liste mit allen Bücher, die erwähnt werden, gewünscht. Wundervoll erzählt, mit ganz viel Liebe zur Protagonistin und der Literatur, so dass man wirklich einmal abtauchen und aus der Wirklichkeit verschwinden kann.

Jasmin Schreiber – Marianengraben

jasmin schreiber marianengraben
Jasmin Schreiber – Marianengraben

Fische mochte er immer besonders gern, Tim, Paulas kleiner Bruder. Und tausende Fragen an die Welt hatte er, die ihm die große Schwester versuchte zu beantworten. Doch jetzt ist Paula allein, vor allem allein mit ihrer Trauer nach Tims Unfalltod. Immer mehr verkriecht sie sich, das Leben hat sie aufgegeben, sie vegetiert nur noch vor sich hin, die Doktorarbeit wartet vergeblich auf ihre Fortsetzung. Auch ein Therapeut kann ihr nicht helfen, doch er rät ihr das Grab des Bruders zu besuchen, aber so am helllichten Tag, wenn noch andere Menschen dabei sein könnten, das will sie nicht. Also bricht sie nachts in den Friedhof ein. Doch ihr ruhiger Plausch mit dem Bruder wird jäh gestört, denn noch jemand ist auf nächtlicher Mission: Helmut, bereits über 80 und mit Schaufel bewaffnet. So absurd ihr Kennenlernen, so absurd auch der Trip, den das vermeintlich ungleiche Gespann unternimmt, denn bald schon merken sie, dass sie gar nicht so verschieden sind, Trauer und Verlust führen sie immer näher zusammen.

Jasmin Schreiber setzt in ihrem Debütroman gekonnt Erfahrungen als Sterbebegleiterin in eine traurige, aber auch urkomische Geschichte um. Es geht ums Sterben und ums Leben und vor allem ums Leben nach dem Sterben. Paula wie auch Helmut müssen mit dem Verlust eines geliebten Menschen umgehen und bilden so eine unerwartete Schicksalsgemeinschaft, die es ihnen jedoch erlaubt, das Leid und die Trauer zu teilen. Dominiert zu Beginn noch Paulas tiefe Depression, die sie geradezu handlungsunfähig macht, kehrt zunehmend Leben zurück und damit auch wieder Hoffnung.

»Ich glaube … ich würde nur wieder gerne leben, irgendwie. Und das auch genießen.«

»Na, endlich«, seufzte er, »damit kann man doch schon arbeiten.«

Wie kann man den Verlust betrauern und weiterleben, wenn man sich selbst die Schuld gibt? Paula wird von den Vorwürfen, die sie sich macht, innerlich aufgefressen und findet kein Ventil und keinen Menschen, um den Druck, der auf ihr lastet, entweichen zu lassen. Zu dem fremden alten Mann fasst sie Vertrauen und kann sich öffnen, denn Helmut weiß, wie es sich anfühlt, wenn die Welt sich einfach weiterdreht, während man selbst noch auf der Stelle steht und sich nicht bewegen kann, der Verlust von Sohn und Frau hat auch Spuren bei ihm hinterlassen. Aber er hat bereits Wege gefunden, damit umzugehen. Gemeinsam machen sie sich auf die Reise zu Helmuts Elternhaus in den Bergen, denn dort hat er noch etwas zu erledigen, er hat ja die Urne des Nächtens nicht ohne Grund ausgebuddelt.

Viel Situationskomik wechselt sich ab mit liebevolle Erinnerungen an den kleinen Bruder, der neugierig die Welt erforschte und mit der Trauer, die Paula immer wieder übermannt. Der Autorin gelingt dabei die perfekte Mischung, die einem immer wieder schmunzeln lässt, bevor einem die negativen Gefühle selbst übermannen. Perfekt austariert, um zu zeigen, dass es immer ein Morgen gibt und der Blick zurück gut und erlaubt ist, der Weg aber nur in eine einzige Richtung führen kann.

Tom Kummer – Von schlechten Eltern

tom kummer von schlechten eltern
Tom Kummer – Von schlechten Eltern

Mit seinem Sohn Vincent ist Tom in die Schweiz zurückgekehrt. Nach dem Tod seiner Frau Nina war es in den USA für ihn unerträglich geworden, nur der ältere Sohn Frank blieb in L.A. zurück. Den Tag erträgt er nicht, am liebsten schläft er, nur in der Nacht traut er sich hinaus und als Chauffeur bei einem VIP Service bringt er die Gäste von A nach B quer durch sein Heimatland. So manches tiefgründige Gespräch entspannt sich auf der Fahrt, aber die Dämonen verlassen ihn nicht, der Geist von Nina ist immer bei ihm. Loslassen kann und will er aber ebenfalls nicht, denn dann wäre sie weg, wie ausgelöscht und nie dagewesen. Die Menschen sind ihm fremd geworden, dafür spricht die Natur immer intensiver zu ihm, einzig die Verbindung zu seinen Söhnen hält ihn noch am Leben – aber wie lange noch?

In seinem Roman „Nina & Tom“ beschreibt Tom Kummer die Liebe zwischen ihm und seiner Frau, die nach 30 Jahren Beziehung an Krebs gestorben ist. „Von schlechten Eltern“ setzt die Erzählung fort und thematisiert die Trauer, die die Überlebenden, die zurückbleiben, überwältigt und geradezu vom Leben abhält. Stehen zunächst noch die Fahrten mit den zum Teil dubios erscheinenden Passagieren im Zentrum, übernimmt dann doch immer mehr Toms Innenleben und der Kampf um die Erinnerung an seine Frau.

Es ist kein philosophisches Buch, das sich mit dem Leben und Sterben und dem Dasein als solches auseinandersetzt. Es ist auch kein Wegweiser zum Umgang mit Trauer, es bietet geradezu wenig Hoffnung darauf, dass diese jemals in ihrer Intensität nachlassen könnte. Für mich war es ein authentisch wirkender Bericht eines Menschen, der seinen Zustand, der sich emotional zwischen Sein und Nichtsein befand, sehr gut nachvollziehbar schildert. Lebendig wirkt er immer in der Interaktion mit dem Sohn; die grenzenlose Liebe, die er ihm entgegenzubringen vermag, steht in diametralem Gegensatz zu seinem eigenen Lebenswillen. Hilfe anzunehmen ist keine Option, allein will er sein mit seinem Kummer.

Die Außensicht auf den Protagonisten erfolgt nur durch die Spiegelung der anderen Figuren, die offenkundig besorgt sind und den Ernst der Lage erkennen, den er leugnet. Man hat bisweilen den Drang ihm gut zuzureden, ihn aufzumuntern, wieder zum Leben zu erwecken, so nah geht einem die Erzählung.

So wie die Limousine leise über die Schweizer Straßen gleitet, fließt auch der Roman, der gewaltig in der Bildsprache ist und sich oft im emotionalen Extrem bewegt. Die Nähe zwischen Vater und Sohn wirkt bisweilen fast grenzwertig, zeigt aber auch, wie viel Stärke von den Kindern ausgehen kann und wie sie hier noch mehr denn je für eine doch mögliche Zukunft stehen.

Rebecca Makkai – Die Optimisten

rebecca makkai die optimisten
Rebecca Makkai – Die Optimisten

„Sie hatte so viele Schuldgefühle, wenn sie an ihre Freunde zurückdachte – sie wünschte, sie hätte einige von ihnen überredet, sich früher testen zu lassen, wünschte, sie könnte die Zeit zurückdrehen (…)“

 2015, Fiona sucht nach ihrer Tochter, schon seit Jahren hatte sie keinen Kontakt mehr zu ihr, jetzt gibt es Hinweise darauf, dass sie sich in Paris aufhalten könnte. Während der Suche quartiert sie sich bei ihren alten Freunden ein, die sie schon in den 80er Jahren kannte, als es in Chicago eine Gruppe von jungen Künstlern gab, vorwiegend Männer und schwul, die nicht nur die Liebe zur Kunst teilten, sondern auch die Angst vor dem noch unbekannten, todbringenden Virus, der nach und nach den Kreis der Freunde dezimierte, unter anderem auch Fionas Bruder Nico und ihren guten Freund Yale. Zwischen Erinnerungen an die damalige Zeit und der Nachforschungen nach Claire muss sich Fiona der Frage stellen, was sie in ihrem Leben richtig und falsch gemacht hat und vor allem, wie sie die Verbindung zu ihrer eigenen Tochter verlieren konnte.

Rebecca Makkais dritter Roman gehörte 2018 zu einem der erfolgreichsten Bücher des Jahres und war unter anderem Finalist für den Pulitzer Prize in der Kategorie Fiction. Es ist eine berauschende Geschichte, die voller Leben und voller Leben in Angst vor dem Tod ist. Viele Figuren existieren nur noch in der Erinnerung und gleichzeitig fällt es jenen, die zeitgleich leben schwer, zueinander zu finden. Auf mehreren Ebenen angesiedelt – 2015 sucht Fiona nach ihrer Tochter in Paris, 1985 lebt die Kunst-Clique in Chicago, Nora erinnert sich an die Zeit der 1920er in Paris im Kreis der großen Maler und Autoren – zeigen sich wiederkehrende Verhaltensweisen und das Leben in Angst wird gespiegelt. Das verbindende Element ist fraglos die Kunst, denn diese überdauert und kann gestern wie heute Emotionen auslösen, Momente konservieren und vergessene Episoden wieder aus den Tiefen des Gedächtnisses hervorbringen.

Sowohl die Nachwehen des 1. Weltkrieges wie auch die Anschläge auf das Bataclan 2015 sind nur die Leinwand, auf der die Handlung und das Lebensgefühl gezeichnet werden. Sie verschwinden unter dem Leben der Figuren, verblassen und bilden nur mehr einen Schatten. Ganz anders sieht die Bedrohung durch das noch unbekannte und damit unkontrollierbare AIDS Virus der 1980er Jahre aus.  Dieses lässt sich nicht verdrängen oder übermalen, geradezu übermächtig bestimmt es immer wieder die Gedankenwelt der Figuren und lässt sich nur kurz vergessen, um zu leben.

Eine ausdrucksstarke Erzählung, die mich stark an Donna Tartt oder auch Paul Auster erinnert. „Die Optimisten“ steht durch und durch in der Tradition der Great American Novel, denn Makkai fängt überzeugend den Geist und das Lebensgefühl der 80er Jahre Kunstszene ein. Zwischen einerseits großer Begeisterung für die Malerei oder auch Fotografie und Film und andererseits der lähmenden Angst vor der unheilbaren Immunschwäche, liefern sich Leben und Sterben einen Wettkampf, der jedoch das irdische Dasein überdauert und sowohl in den Werken, der Erinnerung wie auch in den Nachkommen letztlich fortbesteht.

Vielschichtig und komplex, dabei wunderbar erzählt – ein Buch, das tief bewegt.