Amélie Nothomb – Töte mich

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Amélie Nothomb – Töte mich

Jugendlicher Leichtsinn oder doch ein Zeichen für ihren schlimmen Zustand? Der Graf Neuville muss seine Tochter Sérieuse bei einer Wahrsagerin abholen, nachdem diese das Mädchen völlig durchgefroren nachts im Wald auffand. Zum Abschied prophezeit sie dem Vater, dass er bei einem Empfang einen seiner Gäste töten werde. Die beeindruckt Neuville zunächst nur mäßig. Geldsorgen plagen ihn und am 4. Oktober 2014 wird seine letzte große Garden Party im Château du Pluvier steigen, bei der alles perfekt sein muss. Danach wird das Schloss veräußert und die Familie sich in ein kleineres Domizil zurückziehen. Doch die Voraussagungen der Frau lassen ihm keine Ruhe. Vielleicht wäre es besser, sich auf das Ereignis vorzubereiten. So beschließt er eine Liste derjenigen Gäste zu machen, der Tod nicht nur verzeihlich, sondern sogar wünschenswert wäre. Bald hat er auch einen passenden Kandidaten ausgemacht. Doch dann überrascht ihn Sérieuse mit einem Vorschlag: er solle sie doch töten. Seit fünf Jahren bereits ist sie unglücklich und hat den Eindruck, nie mehr etwas fühlen zu können. Der Tod wäre eine Erlösung und durchaus in klassischer Tradition und somit verzeihlich. Wie kann der Graf aus dieser unsäglichen Geschichte entkommen?

Amélie Nothombs aktueller Roman ist ein herrliches Spiel mit den Klassikern der Literatur. Sie macht sich gar nicht erst die Mühe, dies groß zu verschleiern, sondern spielt ihre Persiflage en détail aus. Der verarmte Graf, geradezu ein Musterbeispiel einer Figur, die gerade zu der Commedia dell’arte entsprungen sein könnte in ihrer Schablonenhaftigkeit und Eindimensionalität der verarmten Noblesse. Er weiß um die Konventionen und was man von ihm erwartet und zelebriert die Kunst des Gastgebens in extremo, so dass diese Absurdität kaum mehr zu überbieten ist. Seine Kinder nennt er Oreste und Électre – beide schuldig gewordene Figuren der griechischen Mythologie, doch er schreckte davor zurück die Jüngste nach Iphigénie zu benennen, die durch die Hand des Vaters starb – doch wo endet er? Genau wie Agamemnon sieht er sich schon als Kindsmörder. Doch auch der Grundkonflikt ist ohne Verschleierung übernommen, die Autorin treibt ihren Spaß sogar so weit, dass sie Neuville die Geschichte Oscar Wildes um das Verbrechen von Lord Arthur Savile lesen lässt, dem von einem Wahrsager ein Mord angekündigt wurde. Ob er in Anbetracht der Hiobs-Botschaft zum Mörder zu werden wohl in der Bibel Trost und Hilfe finden kann?

Hätte sie ihren Roman in fünf Akten geschrieben, er wäre in bester Tradition sehr gut auf der Bühne aufgehoben gewesen. Doch auch zu lesen macht eine herrliche Freude nicht nur ob der zahlreichen Anspielungen und Figuren, sondern auch die gelungenen Formulierungen sind ein Genuss:

Neuville weiß um seinen Status und seine Perfektion als Gastgeber: „Ich bin der letzte Vertreter dieser altmodischen Höflichkeit und exquisiten Kunst des Zusammenseins. Nach mir wird es nur noch Events geben.“ Und Kritik an der Namensgebung seines Nesthäkchens weist er deutlich von sich und verweist darauf, dass „Ernest“ auch nichts Anderes bedeute als Sérieuse, die zwar selbst auch nicht hübsch, aber wenigstens bezaubernd sei und damit nicht wie ihre Eltern einen Namen wie „Hinz und Kunz“ trage.

Ein kurzer Spaß, der in der französischen Ausgabe mit dem Satz « Ce qui est monstrueux n’est pas nécessairement indigne. » begleitet wird. Nur weil etwas monströs ist, muss es nicht würdelos sein. Die Figuren wahren den Schein und die Contenance. Der Leser bekommt ein riesiges Bouquet, in dem er vieles wiederkennen kann oder an dessen äußerer Erscheinung er sich einfach erfreut.

Mehr Informationen zum Roman und zur Autorin finden sich auch auf der Seite des Diogenes Verlags.

Lawrence Osborne – Beautiful Animals

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Lawrence Osborne – Beautiful Animals

Summertime, best to spend on the Greek island of Hydra where the Codringtons possess a villa up on the hill. Yet, while the art collector Jimmy and his second wife Phaine are relaxed, Jimmy’s daughter Naomi seems to have fled London where she just lost her job under mysterious circumstances. First timers on the island are the American family Haldane who enjoy themselves among other compatriots. Their daughter Samantha, slightly younger than Naomi, is soon impressed by the English young woman who not only knows every corner of the island, but who is also self-confident and slightly intimidating. One day, they meet a young man, obviously one of the refugees from the Middle East. Sam would prefer to retreat and not to make contact whereas Naomi’s interest is aroused. For days, they meet him repeatedly until Naomi, out of ennui, draws up a plan of how to support the poor refugee: her family is super-rich, so getting rid of a couple of things in their house does not harm anybody. With the help of the housekeeper, the Arab is to break in and rob the Codringtons. Yet, the scheme does not work out as planned and the girls suddenly have to think of what to do with two bodies.

Lawrence Osborne’s novel starts like the perfect summer read. He depicts the atmosphere of the island in a colourful and authentic way. How the people move around, how relaxed everybody seems to be, but also the way in which the local people slightly stay away from the holidaymakers. The girls spend their days in the water, enjoying the sun – it’s almost too perfect. With the appearance of the refugee, the tone changes and we get to see another side of Naomi. This is where the novel starts to become really interesting.

It is especially this character that is fascinating to observe. She can be the loving daughter – she plays this role perfectly for her father who is aware of it, but on vacation he can ignore negative thoughts and he can still see his wife in the girl. Her stepmother Phaine is less easy to impress, but here, Naomi chooses the open confrontation. Towards the islanders, she is rather cold-shouldered and arrogant. She makes use of the people just as her needs demand it, she openly exploits the housekeeper and forces her to become an accomplice. In contrast, Sam has an innocent air, she is a bit naive and quickly impressed. Thus, she easily becomes Naomi’s victim and is blackmailed by her. Only when it is too late, Sam learns that people on the island consider Naomi possessed, even demonized. Naomi herself knows exactly what she is doing and why she treats people in the way she does:

“It was just an attraction. It was a matter of gravity. It was her influence over them that was attractive too, their reluctant malleability. She couldn’t understand why people were like that.“

She makes use of them simply because she can. When the situation gets out of hand, she keeps calm and manages everything. There is no regret, not even a tear – considering the fact that she has lost her father, she seems to be really cold-blooded here. As a gifted liar, she does not mean to much effort for her to set up a story. Just like the mythological Hydra, Naomi is some kind of poisonous serpent and no loss is a real defeat. Sam, on the contrary, will be haunted her whole life.

The story around Naomi is really enthralling and her behaviour and manipulation repellent at the same time. When the focus shifted away from her to the refugee fleeing from Hydra, it therefore became a bit uninteresting for me. Even though this part is important and definitely full of suspense, it was more centred around the action and less around the character.

It is often said that the initial sentence of a novel is most decisive. Here, however, in my opinion, it’s the opposite. Lawrence Osborne find a remarkable closing of the novel which concentrates much of the story in just three sentences:

“Life was full of such people. One didn’t know anything about them, even though they occupied a position of utmost importance in one’s life for a time. They were like shooting starts, flaring up for a brilliant moment, lighting up the sky even for a few lingering seconds, then disappearing forever.“

 

Jaroslav Kalfař – Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt

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Jaroslav Kalfař – Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt

Die Welt steht kurz vor einer Katastrophe: die Chopra Wolke nähert sich und wie gefährlich sie wirklich ist, scheint kaum absehbar. Ein Flug mit einem Affen zu ihr war erfolgreich und nun muss eine bemannte Raumsonde sich dem Phänomen nähern und es untersuchen. Ausgerechnet Tschechien wird diese Mission unternehmen. Das kleine Land sieht seine Chance für internationalen Ruhm gekommen und Jakub Procházka soll Böhmen in dieser schwierigen Unternehmung vertreten. So richtig geeignet ist er mit seinem labilen Magen nicht, aber die Aussicht auf Berühmtheit ist verlockend. Nur wenige Wochen nach Anbruch der achtmonatigen Reise ins Ungewisse gerät jedoch Jakubs Welt aus der Ferne aus den Fugen: seine Frau Lenka verlässt ihn völlig unerwartet und verweigert den Kontakt. Einsam fern des Heimatplaneten beginnt Jakub zu phantasieren und philosophische Gespräche mit außerirdischen Wesen zu führen. Mit dem Eintritt in die Wolke scheint jedoch sein Schicksal besiegelt: das Raumschiff ist der Materie nicht gewachsen und Jakub wird wohl für sein Land sein Leben geben müssen.

Schon der Titel des Romans weckt ob der Kuriosität das Interesse, kopiert er einerseits die typischen Sachbuchtitel und ruft doch sofort ungläubiges Stutzen hervor: Böhmen? Raumfahrt? Was soll dieser Unfug denn? Und es ist ein herrlicher Unfug, den Jaroslav Kalfar da verfasst hat. Sein Protagonist Jakub ist ein etwas kauziger Astronaut, der mit der ebenfalls leicht verschrobenen Lenka eine passende Partnerin gefunden zu haben scheint. Auch das außerirdische Wesen, von Jakub Hanuš getauft und sein einziger Begleiter und Gesprächspartner, ist ein interessanter Charakter, der die Welt und ihre Bewohner mit einem herrlich neugierig-distanzierten Blick beobachtet und versucht diese Spezies zu verstehen.

Vor diesem kuriosen Hintergrund breitet Kalfar jedoch noch eine ganz andere Geschichte aus, die dem Buch eine ungeahnte Tiefe verleiht. Jakubs Vater war einst als Diener des einst kommunistischen Staates für Folterungen zahlreicher Mitmenschen verantwortlich. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks erlebt die Familie einen Umschwung: jahrelang haben sie finanziell von der Position profitiert, doch nun werden sie verachtet und bedroht. Der kleine Jakub wird Opfer nicht nur von verbalen Beschimpfungen, sondern auch von Angriffen, die ihn schwer verletzten. Ein auf Rache sinnender Mann vertreibt die Großeltern gar aus ihrem Haus, das sie jahrzehntelang bewohnten. Dies hinterlässt Spuren und Jakub ist vermutlich repräsentativ für eine ganze Generation von Kindern, die den Umbruch erlebten und die in unterschiedlicher Weise Verantwortung tragen müssen für Dinge, die ihre Eltern getan hatten.

Die Beziehung zwischen Lenka und Jakub ist ebenfalls interessant zu beobachten. Auch wenn hier ein extremer Ausnahmefall geschildert wird, bleibt die Grundkonstellation doch ein tagtägliches Phänomen: der Mann macht Karriere und die Frau muss alle damit verbundenen Entbehrungen ungefragt ertragen. Lenka hatte keine Wahl, sie durfte noch nicht einmal eine Meinung haben und nun steht sie allein zurückgelassen auf der Erde. Ich fand ihren Einwand im Gespräch mit Dr. Kuřák, dass eine Ehe ein Vertrag darüber sei, dass man das Leben gemeinsam meistern wolle und dann nicht einfach einer abhauen kann, durchaus nachvollziehbar und richtig. Ihre Rolle als Penelope, die als treue Ehefrau die Hände in den Schoß legen und auf die Rückkehr des Mannes warten muss, lehnt sie zurecht ab und folgt so dem Vorbild moderner Frauen.

All dies wird in einem charmanten Ton erzählt. Kalfar und die Übersetzerin Barbara Heller finden Formulierungen, die einem immer wieder schmunzeln lassen. Vor allem Hanuš werden wunderbare Beobachtungen in den Mund gelegt:

„Wenn du mich fragst, stehen die soziokulturellen Rituale deiner Gesellschaft im Widerspruch zur biologischen Realität.“ oder

„Das kardiovaskuläre Organ, das deine biologischen Funktionen steuert, löst unregelmäßige Vibrationen aus – ein schlechtes Zeichen, nehme ich an.“

Ganz nebenbei wird auch noch die Geschichte des tschechischen Nationalheiligen Jan Hus erzählt, die unerwartete parallelen mit Jakub aufweisen wird und so einem breiten Publikum auch außerhalb des kleinen Nachbarlandes bekannt wird.

Ein überraschend vielschichtiger Roman, der jedoch vor allem durch den lockeren, bisweilen fast ironischen Ton zu einer unterhaltsamen Lektüre wird.

 

C.E. Morgan – The Sport of Kings

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C.E. Morgan – The Sport of Kings

The saga of a family. A family whose life is linked to the soil on which they live and to the horses they breed. John Henry Forge raises his son Henry in the tradition of the white settlers of Kentucky. The supremacy of the white race is never questioned and on the family farm, the roles are clearly ascribed. Young Henry has a dream, already when he is just a small boy, he sees their land as the perfect place for breeding horses, but his father will hear nothing of this. When he takes over the farm, his chance arises and he becomes one of the best in the business. Yet, not only in horses is it important to take care of the blood line, he also chooses his wife with care and thus can produce the perfect white child: Henrietta. Like father like daughter does she grow up learning about the white race’s authority and rule. But times are a changing in the 20th century and creating the perfect race horse and the perfect daughter might not be enough anymore.

C.E. Morgan’s novel has been nominated for most of the important prizes for literature in 2016 and 2017: It has been shortlisted for the Baileys Women’s Prize for Fiction 2017, for the Rathbones Folio Prize 2017, for the James Tait Black Fiction Prize 2016; it was finalist for the Pulitzer Prize for Fiction 2017 and won the Kirkus fiction prize 2017 and the Windham–Campbell Literature Prize 2016. It made the second place on the BBC books of the year 2016 list. Coming with so much glory, the expectations were high and the author easily matched them.

To say what the novel is actually about, is not that easy. Quite logically considering its length, there is a lot in it. First of all, the Forge family. The way the children are raised, the relationships between the generations but also between the spouses are interesting to observe in the way not only they are at a fixed moment in time – I really pitied young Henry when he wanted to share his dreams and visions with his stubborn father – but also how they develop over the time, here Henrietta plays the most important role. Even though she is a woman and as such by nature inferior to men, she can take over the male role and successfully lead the dynasty. But there is not much affection between the characters. It is especially Henrietta who realizes that she is lacking love and warmth and since she has never learnt how to express her feelings, she seriously struggles in getting involved with somebody. It is the women who struggle most with society’s expectations and their inner feelings – not only at the beginning, but also after the year 2000:

“The irony was bare and bitter and unavoidable: she was a woman, so she was a slave to life. Never before had she understood the brutal actuality of life in a body she didn’t choose. (…) Women invited death when they let men inside their bodies! Why did they do it? Love couldn’t possibly be worth it.”

Apart from the humans, the breeding of the horses plays a major role in the plot. I am not into horses at all and know almost nothing about these animals. But it is fascinating to see how close the characters get with them, how they observe details and can communicate with and understand them Also the idea of breeding the perfect race horse is quite appealing and interesting. Admittedly, would I have been asked before if I was interested in the description of a horse race, I certainly would have disagreed, but I was wrong.

Last but not least, a major topic is also slavery, resp. the formal abolition of it but the remaining prejudices in the heads – of the whites as well as the blacks. Even in the year 2006, equally has not been established. There have been improvements, but due to inheritance, a family name and the like – unfortunately not only in literature.

Apart from the plot, it is also C. E. Morgan’s masterly writing which makes reading the novel a pleasure. To tell the stories of the different family members, she finds an individual tone for them. John Henry is reserved, unkind and rather factual. Young Henry is full of childish amazement and effervescent until he becomes the head of the family. Strongest are the women, first of all Henrietta, but also her mother Judith and the housekeeper Maryleen and Allmon’s mother. She gives them a voice and especially thoughts they share with the readers which make them really come to life. She finds metaphors as well as comments by the narrator which sometimes even addresses you directly. The tone is serious at times, funny at others, sometimes sad, rarely joyful – just as life can be.

Éric Faye – Zimmer frei in Nagasaki

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Éric Faye – Zimmer frei in Nagasaki

Erst stutzt er nur. Dann wundert er sich. Dann wird er aufmerksam. Etwas ist falsch in seiner Wohnung, als wenn in seiner Abwesenheit jemand heimlich eingedrungen wäre. Es sind nur kleine Anzeichen, aber zunehmend beschleicht Shimura Kobo doch ein ungutes Gefühl. Ok, er schließt nie ab, es wäre ein leichtes bei ihm einzudringen, aber das macht doch niemand, vor allem nicht, ohne etwas zu entwenden. Er notiert seine Beobachtungen und bringt schließlich eine Überwachungskamera an, um vom Büro aus seine Küche zu observieren. Da, plötzlich, eine Gestalt. Tatsächlich. Er informiert die Polizei und staunt nicht schlecht über das, was sie ihm berichten: schon fast ein Jahr war die Frau sein heimlicher Untermieter.

Éric Fayes Roman basiert auf einer realen Geschichte, die sich 2008 in Japan zugetragen hat. Zunächst kennt man als Leser nur die Perspektive des Meteorologen Kobo, der eigenbrötlerisch und etwas seltsam ist. Mit festen Routinen gestaltet er seinen Tag und weicht nie davon ab. Man kann sich gut vorstellen, dass er sich seltsame Vorgänge nur einbildet, doch bald schon wird offenbar, dass dem nicht so ist.

Die Geschichte beginnt schon fast am Ende des Zusammenlebens und es ist gar nichts so sehr selbiges, das thematisiert wird. Interessant ist zum einen, was mit dem Protagonisten passiert, nachdem er den Eindringling entdeckt hat: er fühlt sich nicht mehr wohl zu Hause. Die Wohnung ist geradezu leer, es fehlt ihm etwas, von dem er zuvor gar nicht wusste, dass es da war. Und so entwickelt er regelrecht Gewissensbisse und macht sich Vorwürfe:

„Wenn ein Mensch in diesem Augenblick hinter Gittern war, dann wegen dieses Auges Anm. der Kamera]! Als ich verstand, dass ich meinen Fehler auf ein Ding abschieben wollte, wurde ich wütend auf mich und schimpfte laut.“

Immer mehr spitzt sich seine Situation zu, denn in dem Kokon, in dem er es sich emotional so schön eingerichtet hatte und der ihm ermöglichte, die Augen vor der Realität als einsamer Single ohne Freunde zu verschließen, sind Risse entstanden und er stellt irgendwann seine komplette Existenz in Frage:

„Nein, vergessen. Ich wollte nicht diese arme Frau vergessen, die mir nichts bedeutete, sondern meine ganze Existenz, deren Armseligkeit und Dürre sich mit einem Mal offenbarte. Da spross seit langem kein Ehrgeiz mehr, Erwartungen auch keine mehr. Verwünschen sollte ich diese Frau. Ihretwegen hatte sich der Nebel über meinem Leben verflüchtigt.”

Doch auch die Frau kommt zu Wort, im Gefängnis lässt sie den Leser daran teilhaben, wie sie in die unsägliche Situation kam, ihre Wohnung zu verlieren und schließlich bei Kobo einzuziehen. Geschickt hat sie beobachtet und ihr Leben um seins organisiert. So entsteht ein unsichtbares Band, das auch sie spürt, auch wenn es sicher keine Liebe war, die sie für ihn empfand. Doch es gab noch mehr Gründe für sie, genau diese Wohnung wieder zu besuchen und ihr Schreck ist groß, als sie wieder in Freiheit den Ort der Tat erneut aufsucht.

Ein Roman der leisen Töne, der zwei recht isolierte Figuren zusammenführt, ohne die reale Nähe als solche zu erleben. Die kurze Zeitungsmeldung wurde so mit sehr viel Leben gefüllt.

Paula Cocozza – How To Be Human

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Paula Cocozza – How to be Human

 

Five months after Mark has left her, Mary still lives in a kind of bubble disconnected from the world around her. She goes to work and returns home, but somehow she is numb and dehumanized. When one evening a fox appears in her garden, she is mesmerized. The animal returns regularly and a bond between the two lonely beings slowly forms. The more Mary feels connected with the wild animal, the more hysterical her neighbours become. They want to kill the foxes, they feel threatened in their own homes and their nerves are on edge. When suddenly Mark shows up again to rescue Mary and to save their relationship, she has to make a decision.

„How to be human“ – it seems to be contradictory to use the contact with a wild animal to illustrate what represents a human being. However, in Mary’s case, the beast helps her to overcome her numbness, to rediscover feelings she once had and the innocence and unassuming attitude of the fox make her become a human again. She feels sympathy with the animal, especially when the whole world seems to be against it. Just like baby Flora she can approach the fox without hesitation and reservation.

The humans apart from Mary do not really make a good impression in the novel. Her neighbours Michelle and Eric are quite egoistic and only think about their habitat and needs. I am not sure if Michelle actually suffers from postpartum depression as mentioned in the novel, to me, she is rather a neurotic egoist. Eric in contrast, is weak, servant and obeys his wife without questioning her decisions. Mark does not play a major role, but the fact that after half a year he realises that life with his wife was better, does not really speak in his favour.

What I liked most were the fox’s thoughts. The author got in his mind convincingly and portrayed his simple and natural character quite well. Considering all the beings, he is the human one, unobtrusive, decent and not demanding anything. Thus, he can help the lonesome and forlorn protagonist to find herself and her strengths again.

 

Monika Held – Sommerkind

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Monika Held – Sommerkind

Nur ein paar Minuten Ruhe vor seiner Schwester und schon nimmt sein ganzes Leben eine andere Wendung. Weil er nicht auf das Mädchen aufgepasst hat, ist sie nun im Wachkoma. Die Familie zerstört, sein eigenes Leben sinnlos. Kolja versucht zu verstehen, was in Malu vor sich geht, genau wie auch Max, dessen Cousin ein ähnliches Schicksal erlitten hat. Aus der Zufallsbekanntschaft wird Freundschaft, doch Koljas Suche nach dem Sinn im Dasein wird diese überschatten. Dreißig Jahre später begibt sich eine Frau auf die Suche nach ihren Erinnerungen, sie hatte einst das Mädchen aus dem Wasser gezogen, noch an eine wundersame Rettung geglaubt, doch dann reißt ihr innerer Film ab. Eine Suche nach Sinn und eine Suche nach dem, was wirklich war.

Monika Helds Roman hat kein leichtes Thema im Zentrum der Geschichte. Die Frage nach dem Umgang mit Schuld, nicht zugeschriebener, aber empfundener Schuld.  Mit Leid, das das Leben zerstört und Menschen kalt werden lässt. Mit dem Schicksal, das unbarmherzig zuschlägt und die Menschen ratlos zurücklässt. Wie geht man damit um? Der Vater verzweifelt, sucht sich ein neues Leben. Die Mutter fügt sich dem Schicksal und findet in anderen die Schuldigen, auf die sie ihren Hass richten kann.

Für mich die stärkste Passage der Umgang des jugendlichen Kolja mit dem Zustand seiner Schwester und den anderen Patienten der Klinik. Von der Außenwelt abgeschnitten leben sie in ihrer eigenen Welt, die niemandem Zugang gewährt. Kolja lebt vermeintlich in der Außenwelt, doch seine Eltern haben zwischen sich und ihm eine unüberwindbare Mauer errichtet und zunehmend ist auch ehr emotional isoliert. Er versucht den Zustand der Kinder nicht nur zu verstehen, sondern nachzuahmen – bis zum letzten Schritt. Die Extreme der Gefühle, vor allem der Schuld, und die Versuche des Freundes ihn nicht auch in eine Parallelwelt abdriften zu lassen – nicht oft gelingt es Autorin dies weder klischeehaft noch zu gefühlsduselig oder gar rührselig zu beschreiben.

Der Schreibstil ist es, der für mich den Roman zu einem echten Highlight werden lässt. Er spiegelt überzeugend die genaue Beobachtung Koljas und die Sensibilität für das Ungesagt, das nur minimal Wahrnehmbare wieder. Die Naturmetaphern, keine von ihnen abgedroschen, beschreiben die menschlichen Beziehungen, sie zeigen das Ausgeliefertsein der Naturgewalten gegenüber, gegenüber den Dingen, die der Mensch nicht verhindern und nicht beeinflussen kann.

Ein Roman, der die Balance zwischen tieftraurig und doch glücklich findet.

Dan Mooney – Me, Myself and Them

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Dan Mooney – Me, Myself and Them

Everything is at its best in Denis Murphey’s life. As long as things go as he plans them and as long as there are no odd numbers. His days are highly regulated: waking up at exactly the same time, the amount of minutes he needs in the bathroom, his breakfast. Once a week, he visits his friend Eddie who is in hospital and also once a week, he sees his mother. Everything is at its best. But then Rebecca reappears in town. His ex-girlfriend. How could she? And how can he avoid meeting her? He cannot and soon his life and the life of his four housemates is turned upside down.

At first, there were a lot of things I was wondering about. First of all, of course, Denis’ strange behaviour. That there is a kind of over-control impulse which limits him in his life is quite obvious. He has a fixed plan and he cannot tolerate any variation from it. He seemed to me to suffer from autism spectrum disorder due to his repetitive behaviour patterns and his restricted range of activities and friends. Soon, however, it becomes obvious that something has triggered this behaviour and that he certainly was not born with it. So, the big question arises: what has happened?

Second, the housemates. There are four of them, very singular creatures with distinctive features and somehow destructive traits of character. The fact that they talk to Denis all the time did not necessarily mean for me that they were humans, I guessed at times that they were cats, but this assumption did not really fit with everything in their description and behaviour. When I finally sorted out who or rather what they were, it all made sense.

It is not revealing too much of the story when saying that the protagonist is suffering from a serious mental health problem. A lot of what happens only happens in his brain but he cannot cope with it or even fight it. The demons that haunt him are real for the time being and what is in his head cannot get out or be explained to anybody. He is alone with his fight and several times prone to give up the war he is waging. I really appreciated the metaphor of the four housemates who inhibit Denis and who tell him what to do since this renders it possible for people who have never been in close contact with such an illness to understand not only how those affected feel but first and foremost how difficult it is for them to get back to a “normal” life and to be in command over their life.

All in all, a difficult topic masterly transferred into literature and thus a valuable contribution in the fight for understanding mental health problems.

Takis Würger – Der Club

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Takis Würger – Der Club

Als seine Eltern beide tot waren, erwartete Hans, dass ihn seine englische Tante Alex bei sich aufnehmen würde. Doch diese veräußerte sein Elternhaus und stecke ihn zu Mönchen in ein Internat. Das Leben unter Jungs war hart, die einzige motivierende Sache war für Hans das Boxen, dass er vom afrikanischen Küchenchef erlernte. Am Ende seiner Schulzeit nimmt seine Tante unerwartet Kontakt mit ihm auf, er soll zu ihr nach Cambridge ziehen, wo sie eine Professur innehat. Den Studienplatz hat sie für ihn organisiert, dafür muss er ihr helfen, einen Fall zu lösen. Das Boxen ist die Eintrittskarte in einen elitären Club. Unter falschem Namen soll Hans die Vereinigung unterlaufen und Nachforschungen anstellen, warum weiß er jedoch noch nicht. Und am Ende hätte er es auch gar nicht wissen wollen…

Ein bemerkenswerter Roman, der zunächst sehr langsam startet und erst mit dem Umzug nach England an Fahrt und Spannung aufnimmt. Im Fokus stehen zunächst das Boxen, Training und Kampszenen, auch solche illegaler Kämpfe, die mit schweren Verletzungen einhergehen, werden ausführlich geschildert. Das ist nicht unbedingt angenehm zu lesen, aber glaubwürdig motiviert und durchaus hilfreich, um das Handeln einiger Figuren zu verdeutlichen.

Der „Fall“, den Hans lösen soll, ist recht schnell durchschaubar. Zwar zögert der Autor dies noch ein wenig raus, indem er Charlotte lange nur durch ihre Herkunft und Verbindung zu Alex charakterisiert, jedoch lag der Zusammenhang bei der Thematik auf der Hand. Alex‘ Handeln wird auch erst spät im Roman direkt erläutert, kann man sich aber ebenso schnell zusammenreimen.

Es ist nicht die große Spannung, die den Roman trägt, es sind auch nicht zwingend die Figuren. Die beiden Frauen sind mir zu eindimensional reduziert auf das die Handlung auslösende Moment. Viele der Männer kommen ebenfalls mit wenigen Charaktereigenschaften – Machtgier, Misogynie, Elitismus – aus. Lediglich der Protagonist Hans wird als komplexe Figur gezeichnet, durchaus mit widersprüchlichen Eigenschaften und Einstellungen. Dies lässt ihn so auch glaubwürdig und real wirken. Der Autor bedient sich auch einer Reihe von Klischees, insbesondere wenn es um die Beschreibung des elitären Clubs geht, die für meinen Geschmack etwas zu plakativ waren.

Dennoch wollte ich den Roman nicht mehr aus der Hand legen. Eine seltsame Faszination geht von diesem Club aus, der jedoch nur begrenzt positive Attribute zu besitzen scheint. Die geschilderte Gewalt hat einen sehr eigenen Reiz, der einem als Leser an sich selbst zweifeln lässt. Auch die Sprache kann man nicht als poetisch bezeichnen, sie ist bisweilen brutal direkt und erspart einem nichts. So lässt sich kaum festmachen, wie es dem Autor gelingt, einen Sog zu entwickeln, der einem mitreißt und den Roman am Stück runterlesen lässt.

Ein herzlicher Dank geht an den Kain & Aber Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zum Roman finden sich auf der Verlagsseite.

Selja Ahava – Dinge, die vom Himmel fallen

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Selja Ahava – Dinge, die vom Himmel fallen

Eine glückliche kleine Familie: Saara und ihre Eltern im neuen Häuschen, dass sie nach und nach renovieren. Doch das Schicksal hat etwas Anderes vor und die Mutter wird unvermittelt von einem Eiszapfen, der sich offenbar von einem Flugzeug gelöst hat, erschlagen. Pekka kommt mit der Situation nicht zurecht, so ziehen er und seine Tochter zu seiner Schwester Annu. Diese wird ebenfalls von einem geradezu unheimlichen Zufall eingeholt: ein zweites Mal gewinnt sie mehrere Millionen im Lotto. Sie kann sich nicht freuen, dieses geradezu gruselige Glück schockiert sie dermaßen, dass sie drei Wochen geistig aus der Welt verschwindet. Wieder bei Sinnen sucht sie Kontakt zu anderen Menschen, die ebenfalls mehrfach vom Schicksal getroffen wurden. Das Leben geht weiter, auch für Saara und Pekka, egal, ob man die Wege, die die übersinnlichen Kräfte vorgesehen haben, mag oder nicht.

Für mich ist das Buch der Autorin Selja Ahava sehr typisch für die finnische Literatur. Die vermeintlich rationale Welt stößt plötzlich auf das Unerwartete, das Unerklärliche, das von fremden, nicht greifbaren oder bestimmbaren Mächten gesteuert wird. Man kann darüber verzweifeln, wie Pekka, der den Tod der Frau nicht begreifen kann und droht, den Verstand zu verlieren und sich geradezu in ein Wimmerndes Kind verwandelt. Man kann wie Annu nach ähnlichen Fällen forschen, Erklärungen suchen, um den Einzelfall zu begreifen oder einordnen zu können. Oder wie Krista akzeptieren, dass der Lauf der Dinge so ist, wie er ist, ob wir uns darüber Gedanken machen oder nicht.

Es geschehen seltsame Dinge in dem Roman und der Handlungsverlauf entspricht nicht unbedingt den gängigen Erzählmustern. Die Perspektiven wechseln, ja sogar die Textsorte bleibt nicht gleich. Hier spiegelt sich schön wieder, wie auch das Leben nicht geradlinig vorhersehbar ist, sondern manchmal Wendungen nimmt, die plötzlich kommen und einem zwingen, eine andere Sicht einzunehmen. Ein Roman, der nicht durch liebenswerte Charaktere und eine leicht dahinfließende Handlung überzeugt, sondern eine Erzählung, die bisweilen verstört und ganz sicher bestehende Muster aufbricht und die Erwartungen nicht erfüllt.