Leonid Zypkin – Die Winde des Ararat

Leonid Zypkin – Die Winde des Ararat

Der Berg Ararat, ein ruhender Vulkan im türkisch-armenisch-iranisch-aserbaidschanischen Grenzgebiet, ist das Ziel einer Auslandsreise von Boris Lwowitsch und seiner Frau Tanja. Aufgeregt sind sie ob der Eindrücke der Fremde, wo alles so anders verläuft als in der sowjetischen Hauptstadt, wo der Jurist und die Verwaltungsangestellte angesehene Leute sind. Aber was soll man auch erwarten, fernab des Machtzentrums, wo sich die Menschen verdächtig verhalten und sogar erdreisten Boris und Tanja kurzerhand aus dem Hotel zu werfen. Eine Reise mit Hindernissen, die jedoch auch zeigt, was möglich sein könnte, in einem anderen Land, in einem anderen Leben.

Der russische Mediziner und Autor Leonid Borissowitsch Zypkin schrieb weitgehend für die Schublade, nachdem sein Sohn und dessen Frau aus der Sowjetunion ausgewandert waren und der Autor mit einem Veröffentlichungsverbot belegt wurde. Sein bekanntester Roman „Ein Sommer in Baden-Baden“ musste über Bekannte außer Landes geschmuggelt werden und wurde in New York veröffentlicht, nur eine Woche bevor Zypkin einem Herzanfall erlag. „Die Winde des Ararat“ entstand unter dem Titel „Norartakir“ bereits in den 1970ern, jetzt erstmals in deutscher Übersetzung.

Eines der Kapitel ist mit „Rache“ überschrieben, was symptomatisch für den Roman ist. Boris und Tanja gehören zu jenen, denen es im sowjetischen Moskau gut geht, die sich Auslandsreisen erlauben können. Doch sie können nicht schätzen, welches Glück sie haben und so rächt sich die fremde Welt an ihnen. Das System, das sie noch verteidigen, wendet sich gegen sie und trifft sie mit voller Härte, indem sie ihr Zimmer für eine Gruppe unbedeutender Menschen räumen müssen und zu Bittstellern werden.

Das Buch als Ganzes kann als Rache des Autors gegen das Land gelesen werden, das ihm das Veröffentlichen untersagte. Das Land war festgefahren wie Boris und Tanja, begrenzt im Blick, unfähig sich zu öffnen und zu entwickeln.

Literatur aus dem inneren Exil, da das äußere verwehrt blieb. Heute ein lesenswertes Zeitzeugnis.

Raffaella Romagnolo – Das Flirren der Dinge

Raffaella Romagnolo – Das Flirren der Dinge

Antonio Casagrande wächst in einem Genueser Waisenhaus auf. Bald schon wird er zwölf, womit er das Heim wird verlassen müssen. Doch dann geschieht noch das unerwartete: der Fotograf Alessandro Pavia wählt ihn als seinen Assistenten aus und das, obwohl der Junge auf einem Auge nichts sehen kann. Es liegen Jahre des Lernens vor ihm und kaum erwachsen, muss er wieder auf eigenen Beinen stehen in einem Italien, dessen Zukunft Ende des 19. Jahrhunderts ungewiss ist. Doch Antonio weiß aus der Not eine Tugend zu machen und erkennt bald auch, dass sein Auge mit einer Gabe kam, die Segen und Fluch zugleich ist.

Schon mit „Dieses ganze Leben“ konnte mich die italienische Autorin Raffaella Romagnolo begeistern. In „Das Flirren der Dinge“ macht sie wieder einen Außenseiter zum Helden ihrer Geschichte und lässt diesen trotz aller Widrigkeiten und Gegen jede Vorhersehung zu einem erfüllten Leben kommen. Daneben rückt sie die Fotokunst in den Fokus und beschreibt geradezu poetisch das, was Antonio durch die Linse sieht, wie er die Welt komprimiert und geschärft wahrnimmt und ihr so eine eigene Perspektive verleiht.

Es ist natürlich das ungewöhnliche Leben ihres Protagonisten, der clever und mit Blick für das Wesentliche sein Leben zu gestalten weiß, das den essenziellen Teil der Handlung ausmacht. Seine Geschichte jedoch wird überzeugend verwoben mit den politischen Entwicklungen Norditaliens der Zeit. Antonio wird Zeuge und dokumentiert die Ereignisse als Fotojournalist der ersten Stunde. Die Bilder und wie sie Welt festhalten sind entsprechend immer wieder auch Thema. Die Autorin beleuchtet nicht nur die Möglichkeiten, die Realität abzubilden, sondern bringt auch zum Ausdruck, welche Macht sie haben und welche Wirkung sie beim Betrachter auslösen.

Der historische Roman verfängt durch die bildhafte Sprache, die, gerade weil Bilder zentral für die Handlung sind, ganz hervorragend das transportiert, was die Figuren erleben und empfinden.

Vladimir Sorokin – Der Tag des Opritschniks

Vladimir Sorokin – Der Tag des Opritschniks

Russland 2027 ist von der Außenwelt durch eine Mauer abgeschottet. Regiert wird das Land von dem Alleinherrscher, dem „Gossudar“, der mit Hilfe seiner Leibgarde das Land mit harter Hand führt. Andrej Danilowitsch ist einer der Opritschniki, der Auserwählten, die sich immer wieder in seiner Nähe aufhalten dürfen und unmittelbar von ihm Befehle empfangen. Er lässt den Leser an einem typischen Tag teilhaben: eine Hinrichtung eines Oligarchen samt Vergewaltigung dessen Frau, Auspeitschung, Bestechung, Besuch bei einer Wahrsagerin und zum Ausklang ein Festmal samt Saunagang.

Vladimir Sorokins Roman aus dem Jahr 2008 lässt sich vor dem Hintergrund der Ereignisse im Frühjahr 2022 kaum ertragen. „Der Tag des Opritschniks“ wurde als dystopische Satire verfasst, davon ist nicht viel übrig geblieben, zu real erscheinen die Schilderungen, nein, man ist geneigt zu sagen die Realität hat den Roman bereits überholt.

Der Protagonist ist obrigkeitstreuer Diener seines Herrschers, der nichts hinterfragt und ergeben seine Rolle ausübt. Gewalt ist die Methode der Wahl, die Facetten selbiger je nach Ziel verschieden aber immer erbarmungslos und unmenschlich. Die Leibgarde und der Herrscher haben mit dem Volk nichts mehr gemein, abgeschottet leben sie in Saus und Braus, verfügen sogar über eigene Spuren auf den Straßen.

Symbolisch arbeitet Sorokin geschickt mit bekannten Mustern, verbindet rückständige, geradezu mittelalterlich anmutende Sprache – „Faustkeil“ für Handy – mit der Huldigung des religiösen Führers. Man kann nicht anders als die rückwärtsgewandte Argumentation Putins, die Gewalt seiner Armee in der Ukraine und die totalitäre Abschottung wiederzuerkennen. Keine Dystopie, keine Satire in 2022, sondern schlichtweg Realität. Das nicht Hinterfragen, das bedingungslose Folgen des Führers haben genau zu jener Welt geführt, die Sorokin bereits vor über zehn Jahren literarisch skizzierte.

Liest man sich Rezension zur Zeit des Erscheinungstermins, beschleicht einem ein ungutes Gefühl: zu vorhersehbar, unglaubwürdig barbarisch – die Liste der negativen Kommentare ist so lange wie die der Fehleinschätzungen Russlands und Putins der vergangenen 20 Jahre. Vielleicht hätte man doch besser zuhören und genauer lesen sollen, um Tausende Opfer zu vermeiden.

Sorokin wird vermutlich wider Willen zur Kassandra, die Böses voraussagt und der niemand glaubt, niemand glauben will. Auch Literatur kann nur Augen öffnen, wenn die Leser dazu bereit sind.

Norah Lange – People in the Room

Norah Lange – People in the Room

Die 17-jährige Ich-Erzählerin lebt mit ihrer Familie in der Avenida Cabildo in Belgrano, einem Stadtteil von Buenos Aires, wo sie zufällig im gegenüberliegenden Haus drei Frauen beobachtet. Jeden Abend sitzen diese in ihrem Wohnzimmer ohne die Läden zu schließen, so dass jeder sie sehen kann. Das heimliche Beobachten wird zur Obsession, die Erzählerin traut sich kaum mehr, das Haus zu verlassen oder von ihrem Tagesablauf abzuweichen aus Sorge, dass ihr etwas entgehen könnte. Bis sie zufällig eines Tages einen Postjungen abfängt und von ihm ein Telegramm annimmt, dass an die drei Frauen adressiert ist. Ein Besucher wird angekündigt, wer könnte dies sein? Und ist das die Gelegenheit, Kontakt mit den drei Unbekannten aufzunehmen?

Norah Lange wurde als Tochter eines norwegischen Ingenieurs und einer irisch-norwegischen Mutter in Argentinien geboren. Sie wuchs mit den literarischen Größen ihrer Heimat auf, denn Autoren wie Borges besuchten den regelmäßig stattfindenden Salon ihrer Mutter, der sie früh mit der Poesie in Kontakt brachte. Es sind weniger ihre Romane, die sie bekannt gemacht haben, als der exzentrische Lebensstil an der Seite des Journalisten und Schriftstellers Oliverio Girondo, obwohl auch ihre Werke vielfach ausgezeichnet wurden. „People in the Room“ erschien erstmals 1950, eine deutsche Übersetzung scheint es leider nicht zu geben, dabei reiht der Roman sich literarisch locker in die Reihe von beispielsweise Werken von Henry James oder James Joyce ein: ein nicht enden wollender Stream of Consciousness, der das Innenleben der Protagonistin offenlegt.

Die Handlung des Romans ist überschaubar, es sind im Wesentlichen die Beobachtungen und die sich daraus entspinnenden Gedanken. Die Erzählerin steigert sich immer mehr in ihre heimliche Observation, entwickelt regelrecht Angst davor, dass die drei Frauen plötzlich nicht mehr da sein oder gar sterben könnten. Immer irrationaler werden die Gedanken und bald fragt man sich, ob es die Frauen überhaupt gibt, oder ob sich nicht viel mehr alles nur im Kopf der Erzählerin zuträgt. Immer mehr verdichten sich die Anzeichen, dass sie halluziniert und phantasiert – doch sichere Belege dafür oder dagegen gibt es nicht.

Für heutige Zeiten ein eher untypischer Roman, aber als Zeugnis seiner Zeit mehr als überzeugend und fraglos lesenswert.

Mareike Fallwickl – Die Wut, die bleibt

Mareike Fallwinckl – Die Wut, die bleibt

Helene steht vom Abendbrot-Tisch auf, öffnet die Balkontür und stürzt sich zwölf Meter in die Tiefe. Zurück bleiben ihr Mann Johannes, die fast fünfzehnjährige Lola und die beiden Kleinen Maxi und Lucius. Sarah, Helenes Freundin seit Kindergartentagen, springt ein, übernimmt die Rolle der Mutter und Putzfrau, während Johannes so weitermacht wie zuvor. Lola wird zunehmend wütender, während des Lockdowns ist sie auf feministische Bloggerinnen gestoßen, hat unzählige Bücher gelesen und sieht nun zu, wie die unabhängige Autorin genauso in eine Rolle gezwängt wird, die ihre Mutter nicht mehr ausgehalten hat. Doch nun geht Lola weiter, sie will nicht Opfer werden, sich von Männern erniedrigen lassen und Worte, das hat sie bereits gelernt, reichen im Notfall auch nicht, um sich zu verteidigen.

Mareike Fallwickl verarbeitet in „Die Wut, die bleibt“ das, was inzwischen durch Statistiken mehr als gut belegt ist: all die Jahre des Kampfes um Emanzipation, für Gleichberechtigung und geteilte Familienarbeit wurden mit der Pandemie einfach weggewischt. Die Frauen sind beruflich zurückgetreten, haben Job, Familienarbeit und Homeschooling übernommen, während die Männer maximal das firmeneigene gegen das häusliche Büro getauscht haben. Im Fall von Helene war das Ende der Fahnenstange erreicht und sie hat den brutalen Ausweg gewählt. Die Frage nach dem Warum stellt sich niemandem wirklich.

Ohne Frage ist „Die Wut, die bleibt“ weniger eine Auseinandersetzung mit dem Verlust eines geliebten Menschen als ein radikal-feministischer Roman. Sarahs Reflex, Johannes nicht mit den Kindern allein lassen zu können, ungefragt für die Freundin einzuspringen und deren Rolle zu übernehmen unter Aufgabe ihres eigenen Lebens – niemand wundert sich wirklich darüber oder hinterfragt ihr Handeln. Der Vater muss gar nicht erst versuchen zurechtzukommen, es wird ihm schon abgenommen, bevor er es erkennt. Sarah merkt zwar, dass etwas schiefläuft, aber ihre Erziehung und ihre Rollenbilder erlauben ihr trotz des Glaubens an die vermeintliche Emanzipation nicht, das, was geschieht, ernsthaft infrage zu stellen.

Erst durch Lola und deren deutlich radikalere Ansichten, setzt ein Denkprozess ein. Bei dem Mädchen nimmt dieser durch den nicht verarbeiteten Verlust und die unwirkliche Situation deutlich schneller Fahrt auf. Die schützende Mutter ist weg und auch sonst niemand mehr da, der sich schützend vor sie stellen würde. Das Gefühl des Ausgeliefertseins und der Ohnmacht treiben sie an, etwas zu ändern. Doch sie schlägt nicht den intellektuellen, sondern den physischen Weg des Widerstands ein und findet Mitstreiterinnen, die sich gegenseitig antreiben.

Sarah und Lola ergänzen und spiegeln sich. Sie gehören zu unterschiedlichen Generationen und agieren entsprechend auch verschieden. Der jeweilige Verlust mag in der Intensität ähnlich sein und doch ist er nicht vergleichbar. Es liegt in der Natur des Teenager Daseins, ohne Rücksicht auf Verluste und Gefühle wahrgenommene Wahrheiten auszusprechen und man muss einräumen: wirklich falsch liegt Lola mit ihren Feststellungen nicht. Das kann natürlich keine Entschuldigung für die Gewalt sein, die sie als Antwort auf Ungerechtigkeit wählt, aber es fällt auch nicht wirklich schwer, ihren Gedanken zu folgen.

Die Positionen Sarahs und Lolas sind nicht weit auseinander und doch: es mag der Altersunterschied, die Erfahrung oder auch einfach die Aufgabe des Kampfes und der Weg des geringeren Widerstands in der Gesellschaft sein, der sie auf scheinbar unterschiedliche Seiten stellt. Sie suchen und brauchen beide ein Ventil. Als Leser spürt man ihre Wut, die verdrängten in ihren Körpern gefangene Emotion, die einen Weg nach draußen braucht, um wieder ein inneres Gleichgewicht herzustellen.

Ein Roman, der einem unmittelbar berührt, mitreißt und zwei starke Protagonistinnen, die man gerne wie beste Freundinnen in den Arm nehmen und drücken möchte, um ihnen zu zeigen, dass sie nicht allein sind mit dem, was sie erleben, weil man auch als Leser ganz nah bei ihnen ist.

Anna Yeliz Schentke – Kangal

Anna Yeliz Schentke – Kangal

Kangal – wie der starke bissige Hirtenhund, das ist das Pseudonym, unter dem Dilek online zu finden ist. Unter diesem schreibt sie, was man in der Türkei seit 2016 nicht mehr öffentlich sagen kann, weil sonst Gefängnis oder Schlimmeres droht. Doch nach Befragungen und Verhaftungen in ihrem Bekanntenkreis wird die Luft dünner, es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis man sie identifiziert. Dilek beschließt zu fliehen, weiht nicht einmal ihren Freund ein. In Deutschland hofft sie in Sicherheit zu sein, nur zu ihrer Cousine Ayla traut sie sich Kontakt aufzunehmen, denn bevor ihre Mütter sich im Streit entzweiten, waren sie unzertrennbare Verbündete, fast wie Schwestern, obwohl sie in zwei verschiedenen Ländern aufwuchsen.

Anna Yeliz Schentke greift in ihrem Debütroman ein aktuelles Thema auf. Dass sich die Lage nach dem Putschversuch für alle, die nicht auf Linie des Präsidenten sind, dramatisch verschlechtert hat, ist weitgehend bekannt. „Kangal“ schildert eindrücklich die Angst, die vor allem junge, nach Freiheit strebende Menschen begleitet, und die Schwierigkeit, ihren Landsleuten hier in Deutschland die Situation begreiflich zu machen, während diese im zweiwöchigen Sommerurlaub an den Stränden das Dasein genießen und nichts von den alltäglichen Repressalien des Mannes erfahren, dem sie aus der Ferne zujubeln.

Dileks Angst wird in der Geschichte zunehmend greifbarer. Quasi minütlich könnte sie entlarvt und ihr Pass gesperrt werden. Was genau sie online gepostet hat, bleibt dabei im Dunkeln, spielt aber auch keine Rolle in einem Staat, wo es Rechte und Rechtsstaatlichkeit nur noch auf dem Papier zu geben scheint. Auch in der Ferne kann sie sich nicht von der Angst befreien und fürchtet bei jedem Türken, dass dieser zum Verräter werden und sie auffliegen lassen könnte.

Ihre Cousine kennt die Türkei nur als Urlaubsland, hat natürlich die Nachrichten verfolgt, kann sich aber kaum vorstellen, dass Dilek sich ernsthaft in Gefahr befindet. An ihrer Figur wird das zweite große Thema des Romans angerissen: wie konservativ ist die türkische Gemeinschaft hierzulande, können sich gerade junge Frauen überhaupt frei entfalten und wie kommt es, dass viele der sogenannten Gastarbeiter sich trotz anderer Pläne ihr Leben letztlich in Deutschland eingerichtet und die Rückkehrpläne aufgegeben haben. Vor allem für Frauen scheinen sich die großen Versprechungen und Erwartungen nicht erfüllt zu haben – Grund genug, diese auch den Töchtern vorzuenthalten?

Ein kurzer Einblick in das türkische Leben dort wie hier, in dem sich vieles im Schatten oder Verborgenen abspielt, sei es wegen der gesellschaftlichen oder familiären Normen oder wegen staatlicher Drohung, die auch aus der Ferne wirkt. Interessant fand ich dabei, dass Dilek weitaus moderner und aufgeklärter wirkte als Ayla, die sich letztlich doch dem familiären Korsett fügt und nur sehr begrenzt ihre eigenen Vorstellungen von einem Leben verfolgt.

Das Ungesagte, Verschwiegene nimmt einen wichtigen Platz mit ganz unterschiedlichen Funktionen ein. In der Türkei bietet dies Schutz vor der staatlichen Gewalt, in der Familie von Dilek und Ayla steht es zwischen ihnen, die Mädchen wissen nicht, was zwischen den Müttern gesagt und vorgefallen war und trauen sich nach Jahren auch kaum die Frage danach zu stellen, sondern beginnen selbst zu schweigen. So wird das Schweigen von einer auf die nächste Generation übertragen, ohne dass diese wüsste, warum.

Ein interessanter Roman, der viel zu schnell endet, denn die Geschichte der beiden jungen Frauen ist für mich noch nicht zu Ende erzählt, zu viel Potenzial steckt noch in Anna Yeliz Schentkes Figuren.

Kim Hye-jin – Die Tochter

Kim Hye-jin – Die Tochter

Es ist mehr eine Pflicht, als dass Mutter und Tochter wirklich Interesse an ihrem gemeinsamen wöchentlichen Mittagessen hätten. Zu groß sind in den Jahren die Differenzen zwischen ihnen geworden, als dass sie sich wirklich noch etwas zu erzählen hätten. Die Mutter führt als Pflegerin ein unauffälliges Leben, duckt sich weg, um nicht gesehen zu werden und schaut weg, wenn es in ihrer Nachbarschaft laut wird. Green hingegen ist mit über dreißig noch immer unverheiratet, kinderlos und hat an der Universität nur einen prekären Lehrauftrag. Als sie in finanzielle Not gerät, bittet sie widerwillig die Mutter um Hilfe, was darin endet, dass sie mit ihrer Partnerin bei ihr einzieht. Auf engstem Raum prallen zwei völlig verschiedene Lebenskonzepte aufeinander, die unvereinbar sind und keine der beiden Seiten kann Verständnis für die andere Sichtweise aufbringen.

Die koreanische Schriftstellerin Kim Hye-jin wurde in ihrer Heimat vielfach für ihre Romane ausgezeichnet, „Die Tochter“ ist der erste, der in deutscher Übersetzung erscheint. In den vergangenen Jahren hat Literatur aus Südkorea zunehmend auch den Weg zu uns gefunden und öffnet den Einblick in eine fremde Welt, die jedoch auch die Menschen dort vor große Herausforderungen zu stellen scheint. Ähnlich wie Nam-joo Cho in „Kim Jiyoung, geboren 1982“ oder auch Frances Chas „If I Had Your Face“ thematisiert Kim Hye-jin die schwierige Balance zwischen Tradition und einer jungen, modernen  und weltoffenen Generation, zwischen unterschiedlichen Erwartungen und Lebenseinstellungen, die nicht vereinbar sind und die die Figuren vor eine Zerreißprobe stellen.

Der Roman wird aus Sicht der Mutter erzählt, die zunächst sehr klare Vorstellungen davon hat, wie ihre Tochter ihr Leben zu gestalten hat. Immer wieder jedoch gibt sie sich auch selbst die Schuld daran, dass Green nicht den Konventionen folgt. Die Homosexualität missbilligt sie offen, beschuldigt die Freundin ihre Tochter verführt zu haben und fordert sie auf, diese für ein in ihren Augen richtiges Leben freizugeben.

Der Konflikt spitzt sich zu, als sich Green für Kollegen einsetzt, denen wegen ihrer Lebensweise gekündigt wurde und sich dadurch nicht nur exponiert, sondern auch in Gefahr bringt. Die Mutter bleibt bei ihrer Haltung, obwohl sie selbst in ihrem Pflegeheim in Misskredit gefallen ist, weil sie gegen die gängigen, menschenunwürdigen Praktiken das Wort erhebt. Was sie von ihrer eigenen Tochter fordert – sich um die eigenen Angelegenheiten zu kümmern und sich aus dem Leben von nicht Familienangehörigen rauszuhalten – lebt sie selbst nicht.

Unterschiedliche Moralvorstellungen und von der Gesellschaft auferlegte Zwänge hindern beide Frauen an ihrer Entfaltung. Die Mutter ist verhaftet in den tradierten Vorstellungen der Rolle der Frau und der Familie, der Tochter gelingt es wiederum nicht, ihre Sichtweise zu vermitteln, weshalb das Schweigen zwischen ihnen steht und sie wie eine unüberwindbare Mauer trennt.

Die Mutter ist bisweilen schwer zu ertragen, jedoch ist sie das Kind der Erziehung, die sie genossen hat, der Welt, in der sie über 60 Jahre gelebt und sich orientiert hat. Große Sprünge von ihr zu erwarten, wäre zu viel; sie ist jedoch nicht der unbarmherzige, kalte Mensch als der sie zunächst erscheint. Über ihre Beziehung zu der älteren Dame, die sie betreut, wächst langsam die Erkenntnis, dass alles unwidersprochen hinzunehmen vielleicht auch nicht der richtige Weg ist.

„Die Tochter“ zeichnet ein sehr differenziertes Bild einer Person, die weit über ihre Grenzen hinaus herausgefordert wird. Zugleich eröffnet die Autorin ein Bild der koreanischen Gesellschaft, das von Intoleranz, Engstirnigkeit, Profitgier und Empathiemangel geprägt ist. Es sind die feinen Nuancen und tektonischen Verschiebungen an der Oberfläche, die jedoch früher oder später ein einem Erdbeben enden werden, die die Autorin hervorragend einfängt und den Roman zu einer unbedingt empfehlenswerten Lektüre machen.

Claire Thomas – Die Feuer

Claire Thomas – Die Feuer

Samuel Becketts Theaterstück „Glückliche Tage“ wird im Theater in Melbourne aufgeführt. Es ist nicht nur ein glühend heißer Sommertag, draußen wüten auch Buschfeuer, die alles zerfressen, was sich ihnen in den Weg stellt. Summer, Schauspielschülerin und an jenem Abend Platzanweiserin, hätte gerne eine bessere Position, um mehr von dem Stück mitzubekommen. Professorin Margot Pierce kann sich als Zuschauerin kaum auf das Geschehen auf der Bühne konzentrieren, zu sehr sind ihre Gedanken noch bei einem unangenehmen Gespräch mit ihren Vorgesetzten. Auch Ivy Parker ist abgelenkt, beobachtet ihre Freundin Hilary neben sich, die ganz in das Geschehen versunken zu sein scheint, während in ihrem Kopf die Gedanken rasen.

Der zweite Roman der australischen Autorin Claire Thomas ist eine Hommage an Samuel Beckett und an die Verbundenheit von Menschen und die verschiedenen Lebensstadien von Frauen. „Die Feuer“ spielt geschickt mit den Ebenen zwischen Bühne und Zuschauerraum, die sich spiegeln, Parallelen aufweisen und tragikomisch die womöglich letzten Tage der Menschheit beschwören – zumindest die letzten vorpandemischen, in denen man noch einfach so eine Aufführung besuchen konnte.

Im Laufe der Geschichte wechselt immer wieder die Perspektive. Margot, Summer und Ivy erlauben nacheinander Einblicke in ihre Gedankenwelt, wobei sie letztlich auch eine einzige Frau sein könnten zu unterschiedlichen Zeitpunkten des Lebens. Zum einen die junge Studentin, die unsicher ist in sozialen Interaktionen und sich in ihrer Bildung als defizitär empfindet. Ivy steht mit knapp über 40 voll im Leben, ist erfolgreiche Managerin und wird als solche geschätzt und anerkannt. Der Weg dahin war jedoch steinig und hart und die Dramen ihres Privatlebens bleiben der Öffentlichkeit verborgen. Margot muss niemandem mehr etwas beweisen, als angesehene Professorin steht sie am Ende des Berufslebens und beginnt gerade damit, sich von Konventionen zu lösen, die sie Jahrzehnte lang eingeschränkt haben.

In Becketts Stück befinden sich die letzten beiden Menschen bereits auf einem Grabhügel, von Winnie ist kaum mehr zu sehen als nur der Kopf, sie kann nicht mehr weg, sondern steckt fest und ist ausgeliefert. Ihr Mann Willie kann sie auch nicht retten, spricht mehr aus dem Off als dass er zu sehen wäre. All dies unter der Hitze der gleißenden Sonne. Hilflos sind sie dem Schicksal ausgeliefert, ähnlich wie die drei Frauen, die mit ihren ganz individuellen großen Fragen alleingelassen sind: wie soll Margot mit der fortschreitenden Erkrankung ihres Mannes umgehen? wird Summer je erfahren, wer ihr Vater ist? kann Ivy den Tod ihres ersten Kindes endlich überwinden?

Es könnten die letzten glücklichen Tage sein, bevor die Buschfeuer sie ganz unmittelbar bedrohen. Der Planet und damit die Existenz der Menschheit ist bereits im letzten Stadium angekommen, Zeit also die Frage nach dem Sinn zu stellen, wenn das Ende naht. Es muss etwas getan werden, aber die Ängste, die alle drei Frauen in sich tragen, führen zu einer Starre – ähnlich wie Winnie auf der Bühne, die zusehends bewegungsloser wird – die nur noch das Gedankenkreisen erlaubt.

Ein Roman vollgepackt mit Denkanstößen ganz unterschiedlicher Art, die literarisch clever umgesetzt zu einem großartigen Gesamtwerk werden.

Judith Kuckart – Café der Unsichtbaren

Judith Kuckart – Café der Unsichtbaren

Die Freiwilligenarbeit beim Sorgentelefon hat sie zusammengeführt. Ganz unterschiedliche Menschen, die sich die Sorgen und Nöte anderer anhören. Die Theologiestudentin Rieke, die sich in den Muslim Arian verliebt. Matthias, der auf Baustellen arbeitet und sich schon am ersten Tag der Fortbildung in Emilia verliebt. Buchhalterin Marianne, DDR-Museumssammlerin Wanda, Lorentz und die Erzählerin von Schrey gehören ebenfalls zu dem Team, das abwechselnd die Anrufe entgegennimmt. In den Anrufen spiegeln sie sich jedoch auch selbst, denn auch sie sind nicht ohne die kleinen und großen Sorgen des Alltags und des Lebens.

„nehmen Sie Platz an diesem traurigen Café der Unsichtbaren, und lassen Sie am Ende des Besuchs nicht eine gesicherte Erzählung, sondern die Unsicherheit mit uns sehen“

Judith Kuckart öffnet die Türen für den Blick auf ihre Figuren von Gründonnerstag bis Ostermontag. Die Frühschicht geht über in den Nachmittag, in den Abend und dann in die kritischen Nachtstunden. Während sie ihren Anrufern zuhören, horchen sie jedoch auch in ihr Inneres und lassen die Gedanken streifen. Es sind keine Figuren, die im Alltag auffallen würden, es sind die unscheinbaren Gesichter, die einem auf der Straße begegnen und deren Geschichte man nicht kennt, die die Autorin in „Café der Unsichtbaren“ erzählt. Wie in einem Café kommen sie zufällig zusammen, bleiben einander fremd und sind doch zumindest temporär eine Gemeinschaft.

„Jede Situation hat eine Geschichte, die man kennen muss, um das Woher und Wieso zu verstehen, hat sie einmal zusammengefasst, jeder Augenblick hat seine Biografie und jede Biografie ihre Rätsel.“

Fünf Tage, die symbolisch Leiden, Sterben und Auferstehung gedenken und damit kondensiert Ende und Anfang darstellen. Es ist ein Sammelsurium von Figuren, die sich eigentlich nicht begegnen können und doch schon seit Jahren immer wieder aufeinander treffen und eine Gemeinschaft geworden sind. So wie das Telefonat einen Blick in die Welt der Anrufer erlaubt, breitet der Roman in das Leben dieser Unsichtbaren vor dem Leser aus.

In der Erzählung spiegelt die Autorin die Arbeit bei dem Hilfetelefon. Mal längere, mal kürzere Einblicke, so wie sich manche Anrufer immer wieder melden und eine Verbindung zu den Mitarbeitenden aufbauen, tauchen die Figuren wieder auf und fügen weitere Facetten zu ihrem Charakter hinzu. Verpasste Chancen, falsche Entscheidungen, Enttäuschungen – es sind womöglich ihre eigenen Erfahrungen, die sie an diesen Ort geführt haben, wo das Leid durch das Teilen ein bisschen kleiner wird.

Es ist schwer auf den Punkt zu bringen, was den Roman ausmacht, so wie auch die Figuren bleibt er etwas flüchtig, schärft jedoch den Blick für das, was sonst vielleicht unbemerkt vorüberhuscht und schon wieder vorbei ist, bevor man es wahrgenommen hat. Die Symbolik des Osterfests hat sich mir für den Roman nicht wirklich erschlossen, außer Rieke hat keine Figuren einen deutlich christlichen Bezug. Auch als Zeit des Lichtfests, in der der Klammergriff des Winters sich langsam löst und die Tage wieder wärmer und länger werden, passt die Metapher für mich nicht wirklich.  Ein Roman zum Innehalten, der unbestritten Fragen hinterlässt.

Percival Everett – Erschütterung

Percival Everett – Erschütterung

Zach Wells arbeitet als Paläontologe an einem kalifornischen College und kann völlig in der Welt der Gesteine versinken. Ähnlich faszinierend ist für ihn nur seine 12-jährige Tochter Sarah, die ihn regelmäßig im Schach spielen schlägt. Als Sarah Sehschwierigkeiten äußert, denken sich die Eltern nicht viel, eine Brille und das Problem ist aus der Welt. Doch dann müssen sie erfahren, dass das Mädchen an einem neurodegenerativen Syndrom leidet. Zach und seine Frau Meg können nicht gut mit der raschen Verschlimmerung umgehen, statt bei seiner Frau zu sein, flüchtet sich Zack nach New Mexico. Wenn er seiner Tochter nicht helfen kann, dann vielleicht wem anders.

Der amerikanische Autor und Professor für Englische Literatur Percival Everett veröffentlicht seit fast 40 Jahren Romane und Kurzgeschichten, für die er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde. „Erschütterung“ stand 2021 auf der Finalliste des Pulitzer Prize in der Kategorie Fiction. Bei meiner Recherche zu dem mir bis dato unbekannten Autor bin ich auf ein Kuriosum zu diesem Buch gestoßen: es wurde in den USA mit drei verschiedenen Enden der Geschichte veröffentlicht, auch die drei Cover sind dezent unterschiedlich. Man kann seine Haltung exzentrisch nennen, wenn er sagt, dass er denkt, der Leser solle die Autorität darüber haben, was ein Buch zum ihm sagt, nicht der Autor, denn jeder Leser liest etwas Anderes in einer Geschichte. Warum also nicht gleich drei verschiedene Versionen anbieten?

Im Zentrum der Handlung steht Zach und die Erschütterung, die er und seine Frau durch die Diagnose erhalten. Sie wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen, sind sich nicht einige, ob sie Sarah überhaupt davon berichten sollen, immerhin scheint das Mädchen die Anfälle gar nicht selbst zu bemerken. Dem eigenen Kind beim zunehmenden Verlust von Geist und Körper zuzusehen, geht an ihre Substanz und so entfernen sich Zach und Meg immer weiter voneinander und jeder sucht seinen eigenen Umgang mit etwas, mit dem es keinen guten Umgang geben kann.

Währenddessen geht das Leben außerhalb des Nukleus der Familie jedoch weiter und Zach sieht sich mit unterschiedlichen Herausforderungen der Campus-Politik konfrontiert, mit denen er sich auch sonst schon nicht beschäftigen will. Auch die mysteriöse Nachricht, die er in einer gekauften Jacke findet, beschäftigt ihn, obwohl er den Zettel mit dem vermeintlichen Hilferuf auch einfach hätte entsorgen und vergessen können.

Ein Aspekt des Romans fand ich ungewöhnlich und doch sehr clever integriert. Nebenbei wird an einer Stelle erwähnt, dass Zach Schwarzer sei, was mich zunächst irritierte, da dies für die Handlung zu diesem Zeitpunkt gänzlich irrelevant war und ich daran keinen Gedanken verschwendet hatte. Im weiteren Verlauf zeigt sich, dass diese Information in den Erlebnissen und Erfahrungen Zachs durchaus eine Rolle spielt, der Autor macht es aber nicht zu einem Problem, das gelöst werden muss, oder lässt Zach aufgrund dieser Tatsache in Selbstmitleid versinken oder sich gar radikalisieren. Völlig geräuschlos steht dieses Faktum im Raum, bis sich die Blicke zum ihm hinwenden und dann auch wieder wegrichten. Ein sehr interessanter Umgang mit einem Thema, dass literarisch in den letzten Jahren durchaus relevant und vielfach bespielt wurde, aber nicht auf diese Weise.

Ein vielschichtiger Roman, der in der Tat sehr unterschiedlichen Lesern sehr viel bietet, worauf man fokussieren kann. Sein amerikanischer Verleger sagte in einem Interview über Percival Everett, dass er ein Autor sei, der immer wieder entdeckt und jedes Mal aufs Neue die Frage gestellt werde, weshalb er nicht bekannter sei. Das frage ich mich allerdings auch.