Nella Larsen – Passing

Nella Larsen – Passing

Irene Redfield weiß, von wem der Brief ist, den sie sich nicht traut zu öffnen. Einige Wochen zuvor ist sie in ihrer Heimatstadt Chicago zufällig Clare Kendry begegnet, eine Kindheitsfreundin, die nach dem Tod der Eltern zu Tanten geschickt wurde. Während Irene mit ihrem Mann und den beiden Söhnen inzwischen ein gutes Leben in Harlem führt, ist Clare ganz eindeutig der Aufstieg gelungen, vor allem durch ihren Mann, der nicht ahnt, wen er geheiratet hat. Sowohl Irene wie auch Clare sind eher ein mediterraner Typ, sie wissen jedoch beide, dass sie keine Weißen sind, was in den USA des Jahres 1927 mehr als relevant ist. Doch Clares Mann ahnt nichts vom „Passing“ seiner Frau, der unerlaubten Überschreitung der Rassengrenze, seinen rassistischen Tiraden hat er deshalb freien Lauf gelassen und Irene nachhaltig verschreckt. Doch nun nicht die ehemalige Freundin Kontakt auf und bringt Irene in ungeahnte Dilemmata.

Nella Larsens Roman aus dem Jahr 1929 ist ein Zeitzeuge einer der problematischsten Fragen der US-Geschichte. In Deutschland weitgehend unbekannt gehört er jedoch zu einem der wichtigsten Werke der US Literatur und wird vielfach auch als Gegenstück zu F. Scott Fitzgeralds „The Great Gatsby“ gesehen. Parallelen gibt es in der Tat einige, ebenso diametrale Gegensätze.

Zentrales Thema ist der „Seitenwechsel“, so auch der deutsche Titel des Buchs. Clare nutz die Gelegenheit ihrem Milieu zu entkommen und spielt ihre neue Rolle perfekt. Ihr altes Leben hat sie hinter sich gelassen, wie sie Irene eindrucksvoll zeigt. Es ist jedoch mitnichten so, dass sie glücklich wäre, wie sich im Laufe der Handlung zeigt. Sie wird immer mutiger und riskiert aufzufliegen, während Irene noch damit hadert, wie sie Clare schützen kann.

“It’s funny about ‚passing‘. We disapprove of it and at the same time condone it. It excites our contempt and yet we rather admire it. We shy away from it with an odd kind of revulsion, but we protect it.“

Irene verleugnet ihre Herkunft nicht, für sie verlaufen die Grenzen eher zwischen den Klassen denn entlang der Hautfarbe. Als Arztfrau hat sie selbstverständlich eine afroamerikanische Bedienstete. Ihre Söhne will sie schützen und somit wird dies zu einem Tabu- und letztlich Streitthema mit ihrem Mann, denn dieser sieht die Notwendigkeit, die Jungs auf die Welt mit ihren Vorurteilen vorzubereiten.

Ein zweites Thema legt die Autorin geschickt über die Handlung. Clare ist der Star jeder Party und im Kontrast zu ihr erkennt Irene, dass sie letztlich nur noch als Mutter wahrgenommen wird. Bis zu dem Wiedersehen mit Clare war ihr eigentlich nur die wirtschaftliche und gesellschaftliche Sicherheit wichtig, doch nun erkennt sie, dass es noch mehr gibt. Ihre Eifersucht auf Clare wächst und bald auch der Verdacht, dass ihr eigener Mann sie mit der Jugendfreundin betrügen könnte. Dabei hält sie alles in der Hand, um Clares Leben mit einem Schlag zu zerstören – eine durchaus verlockende Idee.

Clare ist das passende Gegenstück zu Jay Gatsby: sie ist bereit, alles zu tun, um ihre Ziele zu erreichen, wird ebenso reich und unglücklich wie dieser, denn das eine, das sie unbedingt will, bleibt ihr verwehrt. Man ahnt, dass es ein ähnlich dramatisches Ende nehmen muss wie bei ihrem berühmteren Pendant.

Ein kurzer Roman, der nicht nur durch die Komplexität und Vielschichtigkeit der angesprochenen Themen sondern auch durch die pointierte Sprache besticht. Die Figuren reden, wie dies zu jener Zeit üblich war, was heute umso drastischer wirkt. Besonders bemerkenswert jedoch, dass gleich zwei Frauenfiguren zentrale Fragen aufwerfen und Männer weitgehend Randnotizen bleiben – in der Literatur vor 100 Jahren wie auch heute nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit.

Chibundu Onuzo – Sankofa

Chibundu Onuzo – Sankofa

Seit einem halben Jahr ist Annas Mutter inzwischen tot. Sie hat bislang immer noch nicht alle ihre Sachen durchgesehen, doch nun, wo ihre Tochter auch längerer Geschäftsreise ist und sie vor der Scheidung steht, macht sich Anna an den Nachlass. Sie stößt auf ein Tagebuch, das offenbar zu ihrem Vater gehörte. Ihr Leben lang hat sich ihre Mutter geweigert, Fragen zu ihm zu beantworten. Anna weiß nur, dass der Student aus Bamana einige Zeit in London verbrachte und als Untermieter bei ihren Großeltern lebte. Von der Schwangerschaft hat er nie etwas erfahren und Anna hat früh gemerkt, dass er ein Tabu-Thema ist. Sie hat ihn nie wirklich vermisst, doch nun wächst die Neugier und schnell findet sie heraus, wessen Tochter sie ist: die eines brutalen, mittlerweile offenbar superreichen Diktators. Dieses Bild passt so gar nicht zu jenem, dass sie sich von dem Mann, dessen Tagebuch sie gelesen hat, gemacht hat. Es bleibt wohl nur hinzufahren und sich einen realen Eindruck zu verschaffen.

Chibundu Onuzo ist in Nigeria geboren und als Teenager nach England gekommen. Mit nur 19 hatte sie ihren ersten Vertrag bei Faber and Faber und enttäuschte mit ihrem vielfach ausgezeichneten Debüt auch nicht. „Sankofa“ ist ihr dritter Roman, der die Frage nach Identität und Zugehörigkeit auf eine ungewöhnliche Weise angeht. Das fiktive Land Bamana an der westafrikanischen Diamantenküste bietet den Hintergrund für eine hochinteressante Begegnung und Auseinandersetzung der Kulturen, in der der europäische Blick gnadenlos und dennoch annehmbar vorgeführt wird.

Die Handlung beginnt in London, wo Anna auf die Erinnerungen ihres Vaters stößt, der sich Ende der 60er Jahre als afrikanischer Student offenem Rassismus gegenüber sieht. Er wollte die Engländer kennenlernen, merkt aber schnell, dass er nie zu ihnen eingeladen wird und seine einzigen Kontakte die anderen ausländischen Studenten sind, die sich auch zunehmend ob der politischen Lage und der gesellschaftlichen Ausgrenzung radikalisieren. Seine Affäre mit Annas Mutter muss geheim bleiben, er kann sich auch nie des Gefühls der Unterlegenheit erwehren.

Anna selbst wächst mit dunkler Hautfarbe in einem weißen Mittelschichtenmilieu auf. Ihre Mutter kann – oder will – die Anfeindungen nicht sehen, denen sie immer wieder ausgesetzt ist, sie leugnet jeden Rassismus kategorisch. Doch schon kleine Dinge wie ihre Haare, die mit europäischen Shampoos nicht zu bändigen sind, führen Anna immer wieder ihre Andersartigkeit vor.

Nachdem sie mittels eines schottischen Professors und Studienkollegen ihres Vaters herausgefunden hat, dass Francis Aggrey inzwischen charismatischer Führer eines kleinen Landes ist, ist sie gleichermaßen neugierig wie verschreckt. In Bamana ist sie ganz eindeutig eine obroni, eine Weiße, und wird so behandelt. Die erste Begegnung mit ihrem Vater endet im Desaster, doch dieser lädt sie ein, länger zu bleiben. In ihren weiteren Treffen stößt Anna dann aber immer wieder an die Grenzen ihrer Überzeugung und ihrer Vorurteile, hin und her gerissen zwischen dem Vater mit seinen zugewandten und auch liebenswerten Seiten und dem rücksichtslosen Diktator, der weiß, wie sein Land funktioniert und auch nicht davor zurückschreckt, seiner eigenen Tochter eine Lektion in Rassismus zu erteilen.

Die Stärke des Romans liegt fraglos in der zweiten Hälfte der Handlung. Anna ist als Protagonistin einerseits mit den typisch westeuropäischen Attributen ausgestattet –  Mittelschicht, Studienabschluss, viele Jahre Hausfrau und Mutter – andererseits kennt sie auch Rassismus. Sie geht mit einer großen Portion Naivität an ihre Reise, was sie sogleich teuer bezahlt. Viele ihrer Vorstellungen sind einem nicht fremd, man identifiziert sich leicht mit ihr und doch trägt sie in sich den Zwiespalt zwischen der vermeintlich objektiven Betrachtung des Landes von außen und jenes Blicks der Tochter, die um die Erfahrungen des Vaters in England und seine ursprünglichen Ideale weiß. Das Spannungsfeld lässt sich nicht auflösen, bietet daher immer wieder interessante Konfrontationen, die einem als Leser nachdenklich stimmen. Für mich eines der spannendsten und aufschlussreichsten Bücher einer BIPoC Autorin, das ich uneingeschränkt empfehlen würde.

Kent Haruf – Ein Sohn der Stadt

Kent Haruf – Ein Sohn der Stadt

Samstagnachmittag im November, ein roter Cadillac, der auf der Hauptstraße parkt. Erst interessiert sich niemand für ihn, doch dann wird man aufmerksam und noch mehr steigt die Neugier in dem kleinen Ort Holt in Colorado, als sich rumspricht, wer in dem Wagen sitzt: Jack Burdett, berühmtester Sohn der Stadt, einst hoffnungsvoller Footballstar und Retter der Farmer Kooperative. Bis er verschwand und mit ihm ein Haufen Geld der Kooperative, seine Frau und die Kinder ließ er zurück. Nach acht Jahren ist er nun also wieder da und kann nicht auf einen freudigen Empfang hoffen, denn die Wunden, die er gerissen hat, sind noch immer nicht verheilt. Pat Arbuckle, Lokaljournalist und ehemals bester Freund von Jack, ist ebenso gespannt wie alle andere, doch er hat noch einen ganz anderen Grund sich für den Rückkehrer zu interessieren als die lange zurückliegenden Ereignisse.

Kent Haruf erzählt in seinem Roman die Geschichte eines Lebens und einer Kleinstadt in ihrer verhängnisvollen Wechselwirkung. Der gefeierte Sportler, dem man alles verzeiht und der dank seiner Ausstrahlung immer wieder auf die Füße fällt, egal, was er anstellt, bis er den Bogen überspannt und dennoch den Ort weiter in seinem Griff hält. Aber Holt ist es auch, das ihn zu dem hat werden lassen, was er ist, und so müssen die Bürger auch ein Stück weit mit ihrer eigenen Schuld leben.

Man könnte glauben, dass eine amerikanische Kleinstadt im Mittleren Westen der 1960/70er Jahre nicht wirklich reizvoll für einen Roman ist. Dem Autor gelingt es jedoch, den Leser sofort zu packen und man will wissen, wie es dazu kommen konnte, dass der Sohn der Stadt verschwand und wie die offenkundig noch offenen Rechnungen beglichen werden. Vor allem das subtile Foreshadowing, das Andeuten von dem, was geschehen wird, gelingt Haruf meisterhaft und so kreiert er eine Spannung, die bis zur letzten Seite fesselt.

Auch wenn Jack und Pat nicht wirklich Antagonisten sind, wird an ihnen beiden doch der Kontrast zwischen den Lebensentwürfen verdeutlicht. Jack ist bildungsfern, dafür verfügt er jedoch über Kraft, die er auf dem Spielfeld und der lokalen Fabrik gewinnbringend einsetzen kann. Pat hingegen weiß, dass er die Zeitung seines Vaters irgendwann übernehmen wird und folgt dem vorgezeichneten Plan Schule – Studium – Zeitung – Familiengründung. Immer wieder kreuzen sich die Wege, während Pat geradeaus geht, mäandert Jack und schafft es immer wieder, Menschen für sich zu gewinnen und sich so neue Chancen zu eröffnen. Dabei agiert er jedoch rücksichtslos und egoistisch, was aber niemanden zu stören scheint.

Es ist aber auch die Geschichte des Kleinstadtlebens, wo nichts verborgen bleibt, jeder jeden kennt und in erster Linie: wo die Männer das Sagen haben. Die Frauen leiden still und ertragen unwidersprochen den Platz, den man ihnen zu weist. Wanda Jo, die Jack über Jahrzehnte anhimmelt und alles für ihn tun würde, muss die öffentliche Demütigung ertragen; auch Pats Frau, die aus der Großstadt kam und Kunst und Kultur liebte, stellt ihre Bedürfnisse hinter jene ihres Mannes und mimt 18 Jahre lang schweigend die brave Hausfrau und Mutter. Nur Jessie, Jacks Frau, wagt es irgendwann, laut die Stimme zu erheben, was jedoch relativ pikiert zur Kenntnis genommen wird.

Eine sprachlich und gestalterisch grandiose Kleinstadtstudie, die restlos begeistert.

Carmen Maria Machado – Das Archiv der Träume

Carmen Maria Machado – Das Archiv der Träume

„In der Literatur sind Orte nie einfach nur Orte. Und wenn doch, dann hat die Autorin etwas falsch gemacht.“

Carmen Maria Machado berichtet über einen Ort, ein kleines Haus in Bloomington, Indiana, das der Frau gehört, in der sie sich während ihres Studiums verliebt. Viele hundert Kilometer legt sie von ihrem Studienort zu diesem Haus zurück, um ihr nahe zu sein. Doch es ist nicht die unbeschwerte, leichte Liebe, sondern eine toxische Beziehung. Von Beginn an herrscht ein Ungleichgewicht und zunehmend gerät Carmen in eine Rolle, die ihr eigentlich aus Märchen, aus Büchern, aus Filmen gut bekannt ist: sie wird zum Opfer häuslicher Gewalt. Psychischer Gewalt, die für die Außenwelt nicht unmittelbar sichtbar ist und die sich nur in Extremen abspielt – vollkommener Liebe und ebenso exzessivem Hass.

„Die meisten Formen häuslicher Gewalt sind vollkommen legal.“

Ihre Erinnerungen schildern etwas, das eigentlich wohlbekannt ist. Eine Beziehung, in der einer der Partner die Oberhand hat, manipulativ den anderen an den Rand des Wahnsinns treibt, ihn an seinem Verstand zweifeln lässt – klassisches Gaslighting, dasbereits seit dem Film „Das Haus der Lady Alquist“ mit Ingrid Bergmann von 1940, der auf Patrick Hamiltons Theaterstück „Gas Light“ basiert, einer breiten Öffentlichkeit ein Begriff ist und immer wieder literarisch wie filmisch aufgegriffen wurde. Sie hätte es erkennen können, die Zeichen waren eindeutig, aber blind vor Liebe kehrt sie immer wieder zurück.

„(…) wie bei einer Marionette und du keinen Schmerz spürst. Egal was, es soll nur aufhören. Du hast vergessen, dass du einfach gehen kannst.“

Interessant wird der Bericht jedoch nicht nur dadurch, dass sie über Jahre gefangen ist, sich innerlich selbst Mauern baut, die sie einreißen könnte, aber nicht schafft zu zerstören. Es liegt noch eine zweite Ebene über dieser individuellen, die ihre Situation verkompliziert. In traditionellen Beziehungen zwischen Mann und Frau sind für die Öffentlichkeit – gestützt durch Statistiken – die Rollen meist klar verteilt: der Mann ist Täter, die Frau ist Opfer. Doch wie sieht dies bei bisexuellen Paaren aus?

Als Community kämpfen sie um Anerkennung, was bedeutet, dass sie zusammenhalten müssen, um sich gegenseitig zu schützen, da kann doch die eine nicht eine andere anklagen? Wenn es innerhalb der Gemeinschaft schon keine Solidarität gibt, wie soll man dann Schutz gegenüber den Angriffen von außen bieten? Absurderweise führt dies dazu, dass immer wieder Täter geschützt werden und nicht Opfer, die als Nestbeschmutzer gelten und denen nicht geglaubt wird. Ähnliches lässt sich bei People of Colour und anderen marginalisierten Gruppen beobachten.

Eine Biografie, die nicht nur das selbst Erlebte analysiert, um es nachvollziehen zu können, sondern dieses in einen größeren gesellschaftlichen Rahmen setzt und zugleich auch kulturell einbettet. Ein vielfach verwendetes Motiv, das jedoch im realen Leben oftmals nicht erkannt, nicht ernstgenommen wird und zu unerträglichem Leid führt. Die Autorin hat eine interessante Form für ihren autofiktionalen Text gefunden: zwischen Roman, Biografie, Sachbuch und Tagebuch findet er seinen Platz. Ebenso erschreckend wie lesenswert ein wichtiger Beitrag zu einer Diskussion, die geführt werden sollte.

Richard Powers – Erstaunen

Richard Powers – Erstaunen

Robin war immer schon anders als andere Kinder, was seine Eltern Theo und Alyssa jedoch nicht gestört hat. Doch seitdem die Mutter bei einem Unfall tödlich verunglückte, nehmen Robins Konflikte mit den Mitschülern zu, werden gewalttätiger und die Schulleitung setzt Theo unter Druck: er soll dem Jungen endlich Psychopharmaka verabreichen und ihn ruhigstellen. Doch der Astrobiologe traut den Diagnosen nicht: Autismus, Depression, ADHS – die Ärzte sind sich ja auch nicht einig. Er erinnert sich an ein Neurostimulanzverfahren, an dem er und Alyssa einst als Probanden teilgenommen hatten, vielleicht kann das dem Jungen ja helfen, besser mit anderen Menschen umzugehen. Denn eigentlich ist er ein aufgeweckter kleiner Mensch, der die Natur mit allen Sinnen aufsaugt und eins wird mit der Pflanzen- und Tierwelt und verstanden hat, dass der Mensch gerade dabei ist, all die Schönheit um uns herum zu zerstören.

Richard Powers Roman steht auf der Shortlist für den Booker Prize 2021 und auf der Longlist für den National Book Award, was man schon nach nur wenigen Seiten gut nachvollziehen kann. „Erstaunen“ lädt den Leser ein, die Welt mit neuen Augen zu sehen, sich zu wundern über das, was die Natur geschaffen hat, was um uns herum geschieht und diesen Schatz zu erkennen, den wir im Alltag allzu leicht übersehen. Es ist eine Hommage an die Schöpfung, nichts Geringeres und eine Anklage an die Menschheit, wie sie mit ihr umgeht. Selten wurde dieses Thema literarisch so überzeugend umgesetzt.

Den Hintergrund der Geschichte liefert das außergewöhnliche Vater-Sohn-Duo. Theo weiß um die Besonderheit und die Probleme seines Jungen, aber er und seine Frau habe gelernt damit umzugehen, wissen, wie sie ihn ansprechen und beruhigen können. Leicht ist es nicht, aber Robins Blick auf die Welt, sein unstillbarer Wissensdurst, wenn es um die Lebewesen geht, entschädigt für all die Sorgen. Beide haben den Verlust der Partnerin und Mutter nicht verkraftet, doch die Beobachtung der Natur, die Alyssa so am Herzen lag und für die sie unermüdlich gekämpft hat, bringen sie ihr und ihrer Überzeugung ein Stück näher.

Es ist kein leichter Schritt, in die Gehirnfunktion eines Kindes einzugreifen, doch scheinbar gibt das Verfahren den Entwicklern recht. Robin lernt, sich und seine Emotionen besser zu kontrollieren, sein Gehirn und seine Gedanken zu steuern und eine neutralere Haltung gegenüber den Menschen, die ihn vorher in Rage versetzt haben, einzunehmen. Doch die Wissenschaft will immer weitergehen und ein Vorschlag des Untersuchungsteams bringt noch eine ganz neue Facette ins Spiel, die jedoch Theos Grenzen herausfordert.

Auch wenn man nur mäßiges Interesse für Vögel oder das Universum mitbringt, kann der Autor mit seinen Beschreibungen und Erklärungen faszinieren. Er transferiert das, was den jungen Robin beeindruckt, sein Entdecken dieses wundersamen Planeten und des Weltalls, in außergewöhnlicher Weise in eine Geschichte, die eigentlich vor allem um bedingungslose Liebe geht. Bedingungslos zwischen Vater und Sohn, bedingungslos zwischen Robin und der nichtmenschlichen Welt, der er sich zunehmend näher fühlt als seiner eigenen Spezies. Ein in jeder Hinsicht herausragender Roman, der auch nachdenklich stimmt und einem nicht sofort loslässt.

Lydia Sandgren – Gesammelte Werke

Lydia Sandgren – Gesammelte Werke

Der Göteborger Verleger Martin Berg ist immer auf der Suche nach interessanten und außergewöhnlichen Büchern. Als ihm ein Bestseller aus Deutschland angeboten wird, bittet er mangels Sprachkenntnissen seine Tochter Rakel, diesen zu lesen und eine Einschätzung abzugeben. Das Buch ist wie die Büchse der Pandora, Martin ahnt nicht, was er Rakel in die Hände gedrückt hat. Dafür hat er aktuell auch nur wenig Gedanken, sein Wallace Projekt kommt nicht voran, er sorgt sich um seinen Freund, den Maler Gustav Becker, den er seit einiger Zeit nicht mehr erreichen kann und auch sein Sohn, gerade volljährig und die Pariser Bohème entdeckend, die ihn selbst einst faszinierten und zum Studium in die französische Hauptstadt führten, bereitet ihm Sorgenfalten. Zwischen Erinnerung und dem Jetzt klafft jedoch noch eine große Wunde: Cecilia, seine Frau und Mutter der Kinder ist seit Jahren spurlos verschwunden und scheinbar lebt nur noch in seinen Erinnerungen weiter.

Lydia Sandgrens Debüt ist nicht nur aufgrund der immensen Seitenzahl – mehr als 900 – ein gewaltiges Werk. Die schwedische Psychologin hat mit „Gesammelte Werke“ sogleich den renommiertesten schwedischen Literaturpreis, den Augustpriset, gewonnen und wird sicherlich auch hierzulande die Kritiker begeistern. Es ist eines dieser Bücher, in das man auf der ersten Seite versinkt und nicht mehr auftauchen möchte, bis man den Schlusspunkt erreicht hat. Einer dieser ganz großen, außergewöhnlichen Romane, auf die man nur alle paar Jahre mal trifft und die man nicht mehr vergisst. Ihre Geschichte um die verschwundene Ehefrau ist auch eine Hommage an das Lesen, an die Literatur und die Begeisterung, die diese im Leser auslösen kann.

Zentrale Figur ist Martin, der nicht aus einer Akademikerfamilie stammt und dennoch schon in der Schulzeit von der Literatur ebenso wie von der Philosophie begeistert wird. Sein bester Freund Gustav lässt schon früh sein malerisches Talent erkennen, das ihn zu einem der größten zeitgenössischen Künstler werden lässt. Erst die Schulzeit, dann das Studium, mit einem Intermezzo in Paris – Martin und Gustav sind vom ersten Tag an unzertrennbar, auch Martins Beziehung zu Cecilia führt nicht zum Bruch, im Gegenteil, sie bildet so etwas wie das fehlende Puzzleteil, das die beiden ergänzt und komplettiert. Geistig ist sie Sparringspartner für Martin, brillant in ihrem Fachgebiet und große akademische Hoffnung, für Gustav wird sie zur Muse und Hauptmotiv. Doch dann ist sie eines Morgens spurlos verschwunden.

Die Kinder eifern ihnen nach ohne es zu wollen, leicht erkennt man die Parallelen zwischen dem jungen Martin und seinem Sohn. Auch Rakel ähnelt der Mutter zunehmend und schlägt eine ähnliche Laufbahn ein. Doch dann liest sie den beiläufig erhaltenen Roman, der plötzlich Fragen aufwirft, die sie nie gestellt hat, die jedoch bestimmend werden für ihr weiteres Leben.

Man gleitet durch die Seiten, merkt kaum, wie die Zeit vergeht, wächst mit Martin auf, verfolgt die literarischen und philosophischen Diskurse und vergisst den banalen Alltag um einen herum. Die Frage nach Cecilias Verbleib schafft zudem ein Spannungsmoment, lenkt jedoch nicht von den innerfamiliären und freundschaftlichen Dynamiken ab, die die Handlung im Wesentlichen bestimmen.

Ohne Frage eines der absoluten Highlights dieses Jahres und in einer Liga mit nur ganz ganz wenigen Büchern. Es wird interessant werden, ob es der Autorin gelingt, noch einmal einen solch herausragenden Roman zu verfassen.

Thomas Kunst – Zandschower Klinken

Thomas Kunst – Zandschower Kliniken

Es hat ja gute Tradition, dass unter den Büchern, die es auf die Shortlist diverser Literaturpreise schaffen auch welche sind, die sich dem Leser nicht unmittelbar erschließen. Die herausfordern. Die experimentell sind. Als Literaturwissenschaftlerin lasse ich mich durchaus auf solch sprachlich oder formal neue Wege gehende Werke ein, mal sprechen sie mich an, mal bleibe ich ratlos zurück. Thomas Kunsts Roman „Zandschower Klinken“, der aktuell auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis steht, was meine Neugier weckte, gehört für mich zur letzteren Gruppe. Interessanterweise deutet der Klappentext in keiner Weise auf das hin, was einem erwartet. Vorweg: ich habe nicht bis zum Ende durchgehalten, dabei gehöre ich zu den notorischen Buchbeendern, egal wie schlimm es ist. Hier habe ich jedoch nach knapp 2/3 die Segel gestreckt.

Es fällt mir schon schwer, den Inhalt irgendwie zu fassen. Es gibt Sätze, die ich verstehe, die nur mit den Sätzen um sie herum dann wieder wenig Sinn ergeben. Manche machen auch von sich aus schon ratlos:

„Ein letztes Mal wurde die Flasche nachts in Bogotá auf einem unbelebten Marktplatz abgesetzt, damit die Menschen durch die Glasöffnung wieder zu ihren Familien zurückkehren konnten“.

Ich mutmaße, dass dies auf ein Märchen von Hans Christian Andersen anspielt. In meiner Verzweiflung habe ich alles durchforstet, was neben dem eigentlichen Text noch in dem Buch zu finden war und in den Anmerkungen findet sich ein entsprechender Verweis. Das hilft mir jedoch auch nicht weiter.

Ein Mann flieht aus seinem Leben, ein Hundehaltband auf dem Armaturenbrett entscheidet über den Halt. Zandschow. Indischer Ozean. Bogotá. Cartagena. Getränke-Wolf. DDR. Briefe. Ja, das kommt irgendwie alles vor, findet nur nicht zueinander. Ebenfalls in den Anmerkungen bin ich auf eine Danksagung gestoßen, die als Metapher eigentlich ganz gut mein Leseerlebnis beschreibt: Der Autor nennt die Platten, die ihn beim Schreiben inspiriert haben. Beim Lesen kam es mir so vor als wenn diese Platten hängen, denselben Satz immer und immer wieder abspielen, um dann in ein völlig neues Lied zu springen, mit harten Übergang, ohne Erklärung. Das alles in Dauerschleife.

Der Name des Autors ist Programm. Kunst. Sehr abstrakt, oder in einer psychedelischen Phase verfasst. Vielleicht auch einfach: dadaistisch. Das würde zumindest von der Idee lösen, einen Sinn suchen zu wollen.

Mithu Sanyal – Identitti

Mithu Sanyal – Identitti

Für Nivedita ist ihre Professorin Dr. Saraswati die Erleuchtung. Endlich jemand, der sie versteht, der ihr die Augen öffnet und zu der Identität verhilft, die sie schon so lange gesucht hat. Mit einem indischen Vater und einer polnischen Mutter war sie nie richtige Deutsche und nie die typische Ausländerin. In ihrem Studium der Postcolonial Studies nun werden Rassismus, Othering und auch Identität greifbar für sie. Doch dann der Schock: Professor Saraswati ist weiß. Sie hat sich ihre Rasse nur konstruiert, sie identifiziert sich selbst als Person of Colour, dabei ist sie nichts dergleichen. Der Internet Shitstorm lässt nicht lange auf sich warten, aber Nivedita ist noch nicht so schnell fertig mit ihr.

Mithu M. Sanyals Roman greift ein aktuelles Thema auf, was mit ein Grund für die Nominierung auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis sein dürfte. Stärker jedoch als die thematische Relevanz erscheint mir der lockere Erzählton, der fantastisch zur Protagonistin passt, bisweilen etwas rotzig und doch in der Sache präzise und genau den Nerv der Zeit treffend. Die beiden Frauen, die junge Studentin wie auch die Professorin, bilden interessante Gegensätze, die der Handlung eine besondere Note verleihen.

Nivedita hat zeitlebens ihren Platz gesucht. Bei ihrer Cousine Piti in England ist die Lage einfach, die indische Community ist groß, wird als solche wahrgenommen und ist klar definiert. Mit nur einem indischen Elternteil und keiner weiteren Verwandtschaft in der Nähe ist Nivedita im Gegensatz etwa zu den türkischen Mitschülerinnen weniger offensichtlich einzuordnen, mit der relativ hellen Haut eher etwas wie „Ausländerin light“, was sich vor allem dadurch auszeichnet, dass ihr direkte Anfeindungen und Rassismus erspart bleiben. Dies macht es jedoch nicht leichter für sie, sich selbst zu identifizieren, denn es gibt für sie wahrnehmbare Unterschiede ohne dass sie in eine der verfügbaren Schubladen passen würde.

Die Professorin hat sich ihre eigene Identität geschaffen, eine Transition von weiß zu PoC erlaubt ihr den Marsch durch die Institution und große Popularität unter den Studierenden. Die Enttäuschung ist groß, noch größer ist jedoch die Frage: darf sie das? Kann Rasse fluide sein wie das Geschlecht? Und: wer hat das Definitionsrecht hierüber?

Interessanterweise ist der Weg in diesem Fall weg von der privilegierten hin zur benachteiligten Identität, was vieles geradezu auf den Kopf stellt. Ihre Anhänger fühlen sich betrogen, man hat sie nicht nur ihres Idols beraubt, sondern auch der Illusion für die eigene Identität zu stehen und dennoch eine Karriere zu haben.

Der Autorin gelingt der Spagat zwischen der Internetsprache, die geschickt untergemischt wird, und dem akademischen Diskurs hervorragend. Aktuelle Fakten und Ereignisse werden ebenso nebenbei eingebaut wie sie strukturellen Rassismus offenlegt. Wenn engagierte Literatur etwas erreichen will, dann so. Ein lockerer Ton bei ernsthafter Thematik, auch mal lustig und dadurch, dass alles gegen bekannte Narrative läuft, nicht verletzend, sondern eher das Denken in bekannten Mustern störend und dadurch neue Denkwege erlaubend. Dieser Roman wäre wahrlich ein würdiger Kandidat für den diesjährigen Buchpreis.

Sally Rooney – Schöne Welt, wo bist du

Sally Rooney – Schöne Welt, wo bist du

Nach einem langen Klinikaufenthalt flüchtet sich die Schriftstellerin Alice in ein kleines Örtchen an der irischen Küste. Dort hofft sie in der Ruhe und Abgeschiedenheit wieder Kraft zu finden. Schnell macht sie Bekanntschaft mit dem Lagerarbeiter Felix, der so anders ist als die Menschen sonst in ihrem Leben. Etwa ihre beste Freundin Eileen, die in Dublin bei einem Literaturmagazin arbeitet oder Simon, Eileens Jugendfreund, mit dem sie eine on/off Beziehung pflegt. Über E-Mail stehen Alice und Eileen in Kontakt, tauschen alle Geheimnisse und vor allem die Sorgen, die sie plagen: was erwarten sie eigentlich von ihrem Leben? Was müssten sie tun, um wirklich glücklich zu sein? Gibt es so etwas wie Glück überhaupt?

Die vielfach für ihre Romane ausgezeichnete irische Schriftstellerin Sally Rooney gilt als Stimme ihrer Generation. Mit „Schöne Welt, wo bist du“ setzt sie das Thema fort, das sich schon in ihren ersten beiden Romanen, „Gespräche mit Freunden“ und „Normal People“, fand: eine Generation, der quasi die ganze Welt offensteht, die intellektuell gebildet ist und doch mit dem Leben hadert, geplagt wird von depressiven Verstimmungen und Selbstzweifeln; unfähig sich selbst zu lieben gelingen auch Beziehungen zu anderen kaum.

Die beiden Protagonistinnen Alice und Eileen verbindet eine langjährige Freundschaft, die auf ihre Studienzeit zurückgeht. Sie teilen alle intimen Gedanken und können philosophische Fragen ebenso miteinander erörtern wie ihr Liebesleben. Sie sind nicht mehr ganz jung, das Leben hat bereits Spuren hinterlassen: bei Alice war es durch den Erfolg ausgelöster Druck und Stress, die in einem Zusammenbruch endeten. Eileen hat das Ende einer langjährigen Beziehung nicht verwunden und wendet sich wieder ihrer Jugendliebe zu, was jedoch auch in einem komplizierten hin und her endet.

Es gibt tatsächlich eine nur recht reduzierte Handlung, was aber den Fokus auf das Innenleben der Figuren erlaubt. Mit Felix, der in vielfältiger Weise anders ist als die drei Freunde, wird ein interessanter Gegenpol geschaffen, der ausspricht, was die Figuren selbst vor sich nicht zugeben würden, der polarisiert und provoziert und so Spannungen überreizt. Zugleich leidet er genauso unter seiner eigenen Lebenssituation, ist ebenso unsicher mit Hang zur Depression wie Alice, Eileen und Simon.

Die Geschichte ist noch vor dem Lockdown angesiedelt, dabei befinden sich die Figuren schon längst in einem selbstgemachten Miniaturkosmos. Sie sind passiv, ihr Leben geschieht, sie gestalten nicht, haben zu viel Angst davor eine Entscheidung zu treffen und verharren daher eher, als dass sie etwas tun würden. Sie wollen den anderen nicht zu nahetreten und treten daher bei dem leisesten Anklang von Widerstand den Rückzug an. Sie wissen nicht, wer sie sind, was sie empfinden, was sie vom Leben erwarten. In dieser Weise von sich selbst verunsichert, wird es ihnen unmöglich, anderen offen zu begegnen und zu lieben.

Auch wenn ich nicht zu der geschilderten Generation gehöre und mich auch nicht mit den Figuren identifizieren kann, lese ich Rooneys Romane doch gerne. Was ihr auch in diesem gelingt, ist es Ambiguitäten einzufangen, die die Figuren authentisch wirken zu lassen und eine dauerreflexive Innensicht auch wieder mit literarischen Ausflügen zu verbinden.

Shumona Sinha – Das russische Testament

Shumona Sinha – Das russische testament

In der College Street von Kalkutta betreibt Tanias Vater in den 1980er Jahren eine kleine Buchhandlung. Aufgrund seiner Liebe zur Literatur besteht er für seine Tochter auf einen russischen Namen. Von der zu Liebe unfähigen Mutter vom ersten Tag an abgelehnt flieht Tania schon bald in die Welt der Bücher, während die andere Mädchen beginnen sich zu schminken, versinkt sie in den Erzählungen, bald schon haben es ihr ebenfalls die russischen Autoren angetan. Über eine Notiz zu Maxim Gorki stößt sie auf den kleinen Verlag Raduga, in dem in den 1920er Jahren außergewöhnliche Bücher erschienen waren, die auch man auch in Indien lesen konnte. Das Schicksal des Verlagsgründers Kljatschko fasziniert sie und so beginnt sie nachzuforschen und stößt schließlich auf seine Tochter, die immer noch in Sankt Peterburg lebt und zu der sie Kontakt aufnimmt.

Shumona Sinha stammt aus Kalkutta, lebt aber bereits seit zwanzig Jahren in Paris und schreibt in französischer Sprache. Ihre Romane wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, da sie oft mal literarisch den Finger in die Wunde legt und erfolgreich Literatur mit Sozialkritik verbindet. „Das russische Testament“ ist ein eher persönlicher Roman über die Kraft der Literatur, auch wenn hier der Umgang autoritärer Regimes mit Verlagen und Autoren sehr deutlich thematisiert und angeprangert wird. Tanias abweisendes Elternhaus und die rückständigen Sitten bieten im heimischen Kontext den Kontrast zu der öffentlichen Diktatur. Insgesamt vielleicht nicht ganz so drastisch und ausdrucksstark wie „Staatenlos“ oder „Erschlagt die Armen!“, dennoch einmal mehr ein Roman, den man in der Masse der Neuerscheinungen nicht übersehen sollte.

Es ist vor allem der Gegensatz zwischen den beiden Erzählsträngen um einerseits die in Kalkutta in ärmlichen Verhältnissen aufwachsende Tania und andererseits den längst verstorbenen Verleger in Russland, der den Roman bestimmt. Die beiden Figuren und ihr Leben könnte vordergründig unterschiedlicher kaum sein und doch weisen sie Parallelen auf, werden verbunden, habe über die Grenzen von Zeit und Raum einen gemeinsamen Nenner.

Die gnadenlose stalinistische Diktatur, die Bücher und Poeten verbannte, findet Tania in den Kommunisten ihr indischen Gegenwart wieder, die sich auch gegen sie wenden und begrenzt in ihrer Weltsicht sind, auch wenn sie zunächst als Türöffner heraus aus den familiären und gesellschaftlichen Traditionen und dem Denken in Kasten und fixen Geschlechterrollen erschienen. Auch bei ihnen bleibt sie ein Mensch zweiter Klasse, der nicht anerkannt und wertgeschätzt wird.

Shumona Sinha schreibt an gegen die Ungerechtigkeit in der Welt, gegen Unterdrückung und verquere Weltbilder. Hier im doppelten Sinne zeigt sie hingegen die Kraft der Literatur, die einen Weg findet zu überdauern, gelesen zu werden und die auch jenseits ihres eigenen Zeitgeistes noch Gehör finden und Kraft spenden kann. Die Autorin dürfte den Titel nicht zufällig gewählt haben, zu offenkundig ist die Parallele zu Andreï Makines „Das französische Testament“, den mit dem Prix Goncourt und dem Prix Médicis ausgezeichneten Roman, dessen Figuren ebenfalls zwischen zwei Ländern und Zeiten eine Verbindung über die Sprache schaffen, die das tagtägliche Elend verblassen lässt.