Dan Mooney – Me, Myself and Them

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Dan Mooney – Me, Myself and Them

Everything is at its best in Denis Murphey’s life. As long as things go as he plans them and as long as there are no odd numbers. His days are highly regulated: waking up at exactly the same time, the amount of minutes he needs in the bathroom, his breakfast. Once a week, he visits his friend Eddie who is in hospital and also once a week, he sees his mother. Everything is at its best. But then Rebecca reappears in town. His ex-girlfriend. How could she? And how can he avoid meeting her? He cannot and soon his life and the life of his four housemates is turned upside down.

At first, there were a lot of things I was wondering about. First of all, of course, Denis’ strange behaviour. That there is a kind of over-control impulse which limits him in his life is quite obvious. He has a fixed plan and he cannot tolerate any variation from it. He seemed to me to suffer from autism spectrum disorder due to his repetitive behaviour patterns and his restricted range of activities and friends. Soon, however, it becomes obvious that something has triggered this behaviour and that he certainly was not born with it. So, the big question arises: what has happened?

Second, the housemates. There are four of them, very singular creatures with distinctive features and somehow destructive traits of character. The fact that they talk to Denis all the time did not necessarily mean for me that they were humans, I guessed at times that they were cats, but this assumption did not really fit with everything in their description and behaviour. When I finally sorted out who or rather what they were, it all made sense.

It is not revealing too much of the story when saying that the protagonist is suffering from a serious mental health problem. A lot of what happens only happens in his brain but he cannot cope with it or even fight it. The demons that haunt him are real for the time being and what is in his head cannot get out or be explained to anybody. He is alone with his fight and several times prone to give up the war he is waging. I really appreciated the metaphor of the four housemates who inhibit Denis and who tell him what to do since this renders it possible for people who have never been in close contact with such an illness to understand not only how those affected feel but first and foremost how difficult it is for them to get back to a “normal” life and to be in command over their life.

All in all, a difficult topic masterly transferred into literature and thus a valuable contribution in the fight for understanding mental health problems.

Takis Würger – Der Club

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Takis Würger – Der Club

Als seine Eltern beide tot waren, erwartete Hans, dass ihn seine englische Tante Alex bei sich aufnehmen würde. Doch diese veräußerte sein Elternhaus und stecke ihn zu Mönchen in ein Internat. Das Leben unter Jungs war hart, die einzige motivierende Sache war für Hans das Boxen, dass er vom afrikanischen Küchenchef erlernte. Am Ende seiner Schulzeit nimmt seine Tante unerwartet Kontakt mit ihm auf, er soll zu ihr nach Cambridge ziehen, wo sie eine Professur innehat. Den Studienplatz hat sie für ihn organisiert, dafür muss er ihr helfen, einen Fall zu lösen. Das Boxen ist die Eintrittskarte in einen elitären Club. Unter falschem Namen soll Hans die Vereinigung unterlaufen und Nachforschungen anstellen, warum weiß er jedoch noch nicht. Und am Ende hätte er es auch gar nicht wissen wollen…

Ein bemerkenswerter Roman, der zunächst sehr langsam startet und erst mit dem Umzug nach England an Fahrt und Spannung aufnimmt. Im Fokus stehen zunächst das Boxen, Training und Kampszenen, auch solche illegaler Kämpfe, die mit schweren Verletzungen einhergehen, werden ausführlich geschildert. Das ist nicht unbedingt angenehm zu lesen, aber glaubwürdig motiviert und durchaus hilfreich, um das Handeln einiger Figuren zu verdeutlichen.

Der „Fall“, den Hans lösen soll, ist recht schnell durchschaubar. Zwar zögert der Autor dies noch ein wenig raus, indem er Charlotte lange nur durch ihre Herkunft und Verbindung zu Alex charakterisiert, jedoch lag der Zusammenhang bei der Thematik auf der Hand. Alex‘ Handeln wird auch erst spät im Roman direkt erläutert, kann man sich aber ebenso schnell zusammenreimen.

Es ist nicht die große Spannung, die den Roman trägt, es sind auch nicht zwingend die Figuren. Die beiden Frauen sind mir zu eindimensional reduziert auf das die Handlung auslösende Moment. Viele der Männer kommen ebenfalls mit wenigen Charaktereigenschaften – Machtgier, Misogynie, Elitismus – aus. Lediglich der Protagonist Hans wird als komplexe Figur gezeichnet, durchaus mit widersprüchlichen Eigenschaften und Einstellungen. Dies lässt ihn so auch glaubwürdig und real wirken. Der Autor bedient sich auch einer Reihe von Klischees, insbesondere wenn es um die Beschreibung des elitären Clubs geht, die für meinen Geschmack etwas zu plakativ waren.

Dennoch wollte ich den Roman nicht mehr aus der Hand legen. Eine seltsame Faszination geht von diesem Club aus, der jedoch nur begrenzt positive Attribute zu besitzen scheint. Die geschilderte Gewalt hat einen sehr eigenen Reiz, der einem als Leser an sich selbst zweifeln lässt. Auch die Sprache kann man nicht als poetisch bezeichnen, sie ist bisweilen brutal direkt und erspart einem nichts. So lässt sich kaum festmachen, wie es dem Autor gelingt, einen Sog zu entwickeln, der einem mitreißt und den Roman am Stück runterlesen lässt.

Ein herzlicher Dank geht an den Kain & Aber Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zum Roman finden sich auf der Verlagsseite.

Selja Ahava – Dinge, die vom Himmel fallen

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Selja Ahava – Dinge, die vom Himmel fallen

Eine glückliche kleine Familie: Saara und ihre Eltern im neuen Häuschen, dass sie nach und nach renovieren. Doch das Schicksal hat etwas Anderes vor und die Mutter wird unvermittelt von einem Eiszapfen, der sich offenbar von einem Flugzeug gelöst hat, erschlagen. Pekka kommt mit der Situation nicht zurecht, so ziehen er und seine Tochter zu seiner Schwester Annu. Diese wird ebenfalls von einem geradezu unheimlichen Zufall eingeholt: ein zweites Mal gewinnt sie mehrere Millionen im Lotto. Sie kann sich nicht freuen, dieses geradezu gruselige Glück schockiert sie dermaßen, dass sie drei Wochen geistig aus der Welt verschwindet. Wieder bei Sinnen sucht sie Kontakt zu anderen Menschen, die ebenfalls mehrfach vom Schicksal getroffen wurden. Das Leben geht weiter, auch für Saara und Pekka, egal, ob man die Wege, die die übersinnlichen Kräfte vorgesehen haben, mag oder nicht.

Für mich ist das Buch der Autorin Selja Ahava sehr typisch für die finnische Literatur. Die vermeintlich rationale Welt stößt plötzlich auf das Unerwartete, das Unerklärliche, das von fremden, nicht greifbaren oder bestimmbaren Mächten gesteuert wird. Man kann darüber verzweifeln, wie Pekka, der den Tod der Frau nicht begreifen kann und droht, den Verstand zu verlieren und sich geradezu in ein Wimmerndes Kind verwandelt. Man kann wie Annu nach ähnlichen Fällen forschen, Erklärungen suchen, um den Einzelfall zu begreifen oder einordnen zu können. Oder wie Krista akzeptieren, dass der Lauf der Dinge so ist, wie er ist, ob wir uns darüber Gedanken machen oder nicht.

Es geschehen seltsame Dinge in dem Roman und der Handlungsverlauf entspricht nicht unbedingt den gängigen Erzählmustern. Die Perspektiven wechseln, ja sogar die Textsorte bleibt nicht gleich. Hier spiegelt sich schön wieder, wie auch das Leben nicht geradlinig vorhersehbar ist, sondern manchmal Wendungen nimmt, die plötzlich kommen und einem zwingen, eine andere Sicht einzunehmen. Ein Roman, der nicht durch liebenswerte Charaktere und eine leicht dahinfließende Handlung überzeugt, sondern eine Erzählung, die bisweilen verstört und ganz sicher bestehende Muster aufbricht und die Erwartungen nicht erfüllt.

Naira Gelaschwili – Ich bin sie

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Naira Gelaschwili – Ich bin sie

Nia ist verliebt. In den jungen Studenten von gegenüber. Sie weiß nicht, wie er heißt oder was er studiert. Aber sie liebt ihn. Zum ersten Mal in ihrem Leben erlebt sie große Gefühle. Noch Jahrzehnte später wird sie zurückdenken an die zwei Jahre ab 1959, als sie am Fenster von ihrem Zimmer aus heimlich beobachtete, morgens seinem Bus folgte und mittags von der Schule nach Hause eilte, um ihn bei der Ankunft gleich wieder zu sehen. Ihr Tagebuch zeichnet die Zeit nach, die Sehnsucht des jungen Mädchens, die erste Verliebtheit, die doch so tiefe Spuren hinterlassen hat, dass diese nie ganz verheilten.

Naira Gelaschwili lehrte lange Zeit an der Universität von Tbilissi Germanistik und war als Übersetzerin und Lektorin tätig. In deutscher Sprache ist dies der erste Roman der Georgierin, der 2013 in ihrer Heimat den renommierten Saba Preis als bester Roman des Jahres gewonnen hat. Bücher aus diesen Teilen der Erde sind bei uns eher selten anzutreffen und vieles entführt einem in eine unbekannte Welt. Die Straßennamen tragen ungewöhnliche Namen, die Familienstrukturen sind unvertraut. Doch Naira Gelaschwilis Protagonistin ist hingegen sehr greifbar. Glaubwürdig und authentisch schildert sie das Empfinden des jungen Mädchens. Die heimliche Sehnsucht nach dem Geliebten, den sie nur aus der Ferne beobachten kann und über den sie nichts weiß, der aber in ihrem Herzen ganz ihr gehört.  Universell ist das Gefühl, das sie schildert und wunderbar unschuldig zugleich. Das Mädchen bleibt in seiner Rolle und ist geradezu überwältigt von der ersten realen Begegnung. Man kann sich vorstellen, dass diese Geschichte wirklich in einem Tagebuch einer 13-Jährigen niedergeschrieben und viele Jahre später wiederentdeckt wurde.

Bemerkenswert fand ich wie das Mädchen sich von klassischer Dichtung angesprochen fühlt und Zugang zur Poesie findet, die sie später als Dozentin auch ihren Studenten vermittelt. Es setzt intensive Emotionen ähnlich der Art, wie Nia sie erlebt, voraus, um dies nachempfinden zu können und in den Worten den Zauber, den sie transportieren sollen, auch finden zu können. So entsteht eine ungewöhnliche Mischung einer unschuldigen Liebe und der Poesie, die man in dieser Form eher selten findet.

Vladimir Nabokov – Verzweiflung

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Vladimir Nabokov – Verzweiflung

Ein Zufall führt in Prag den Schokoladenhersteller Hermann und den Landstreicher Felix zusammen. Hermann ist verblüfft ob der Ähnlichkeit, die er zwischen sich und dem anderen zu erkennen glaubt. Aus dieser zunächst unbedeutenden Begegnung erwächst in dem Unternehmer ein bizarrer Plan: da er unter finanzieller Not leidet, plant er seinen eigenen Mord, um die Versicherungsprämie zu kassieren. Doch nicht er, sondern sein vermeintlicher Doppelgänger soll ins Jenseits befördert werden. Akribisch beginnt er zu planen und alles für den entscheidenden Tag, der 9. März 1931 soll es sein, vorzubereiten. Seine Frau wird detailliert instruiert, was sie nach dem Ableben des Gatten zu tun hat, der Schwager wird ins Ausland befördert, um auf seinem Grundstück die Tat zu vollziehen, auch bei Anwälten wird vorgebaut und zuletzt das Opfer angelockt. Das Vorhaben scheint zu glücken und Hermann kann sich wie vorgesehen nach Frankreich absetzen. Doch schon bald zeigt sich, dass etwas nicht planmäßig gelaufen ist.

Die Geschichte wird als Notizen Herrmanns aus dem französischen Exil geschildert. Dabei richtet er sich direkt an seinen Leser, schweift ab, entwirft bisweilen sogar unterschiedliche Kapitelanfänge, schwadroniert über Literatur und Rezeption – kurz gesagt: der schnell erkennbar von einem Wahn ergriffene Erzähler ist nicht zu stringenter, geradliniger und schon gar nicht objektiver Berichterstattung fähig. Dass er auch nur wenig vertrauenswürdig in seiner Darstellung ist, liegt auf der Hand. Die Überhöhung seiner eigenen Person, seiner Genialität bei der Planung des perfekten Mordes und der Täuschung seiner Umwelt und auch der Polizei, alles ein wunderbares Beispiel für den psychisch angeschlagenen Menschen, der die Welt im Tunnelblick wahrnimmt.

Nabokov hat seinen Roman im Berlin der 1930er Jahre auf Basis eines tatsächlichen Mordfalles verfasst, der sich 1929 zugetragen hatte. Zwar wird die eigentliche Tat minutiös in ihrer Vorbereitung und Durchführung am besagten Tag geschildert, aber tatsächlich ist sie nicht das zentrale Element der Erzählung. Die Wahrnehmung der Welt, die Feststellung von Parallelen, Ähnlichkeiten und das Erzählen selbst sind es, die den Autor umzutreiben scheinen. Viele Sprünge hin und her sowie alternative Ausgänge verwirren den Leser und führen ihm vor Augen, wie fragil das, was wir als real zu erkennen glauben und uns zusammenreimen über das Dasein der Welt, doch letztlich ist und welche Gefahr in Hybris und Narzissmus lauern.

Ein bemerkenswert konstruierter Roman, der einem jedoch einiges abverlangt, dieses Mal – im Gegensatz zu Lolita – nicht auf der inhaltlichen, sondern mehr auf der erzählerischen Ebene.

 

Pearl S. Buck – Death in the Castle

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Pearl S. Buck – Death in the Castle

Sir Richard Sedgeley and Lady Mary have lived in Starborough Castle for many decades. Yet, no heir has ever arrived and the couple has problems of maintaining the castle. They even have to admit tourists to the old building to get along. An American investor seems to be the solution; he wants to buy the castle to transform it into a museum. However, only when John Blayne arrives do they understand that his plan is to dismantle everything to transport it to Connecticut. Kate Wells, the maid, is strongly against it and begs her master to think it all over. Lady Mary quickly brings forward that this idea must be strongly against their will, leaving it to John Blayne to understand who “they” are. In the night, strange things happen at the castle and the next morning, people are not the same anymore.

Pearl S. Buck is mainly known for her novels set in China which also awarded her the Nobel prize for literature in 1938. This novel here, however, is quite different form the writings you’d expect from such a laureate. “Death in the Castle” is much more in the tradition of classic ghost stories of the 19th century. It provides all the ingredients necessary: an old spooky castle, an elderly couple, a young woman open for paranatural doings, the butler who seems to hide something and the outsiders who come to spend a night in the old walls. We have some peculiar and inexplicable things happening in the small hours giving the characters the creeps.

Despite all this, I did not really find the story that thrilling. Most of it seems to be too much of a construction to flow smoothly. The characters are too flat to really raise any interest and there is not development at all. Even the love story between Kate and John Blayne is not convincing, he is immediately attracted by her, but she seems to be either stupid or too distracted to really understand what is happening. All in all, most of the novel is oversubscribed to my taste and thus too stereotypical, especially for an author of Pearl S. Buck’s reputation.

Jérôme Ferrari – Predigt auf den Untergang Roms

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Jérôme Ferrari – Predigt auf den Untergang Roms

Ein korsisches Dorf. Die Pächterin der einzigen Kneipe verschwindet ohne ein Wort. Die Besitzerin will den Laden schließen, doch ohne geht es auch nicht. Nach und nach versuchen sich unterschiedliche Mieter daran, alle mit zunehmendem Pech. Auch Matthieu und Libéro wollen sich daran versuchen. Beide sind in Paris mit ihrem Philosophiestudium unglücklich und sehen in der Heimat und der Kneipe ihre Erfüllung und die Möglichkeit, frei nach Leibniz „die beste aller möglichen Welten“ einzurichten.

Eine Dorfkneipe, ausgelassene Saufgelage, Wildschweinjagd, zwei Weltkriege, eine Kolonie, die großen Philosophen und dazu noch Augustinus – kann man diese Zutaten in einem Roman überzeugend unterbringen? Schwer vorstellbar, aber Jérôme Ferrari kann das und hat dafür völlig zu Recht 2012 den Prix Goncourt erhalten. Im Vordergrund stehen die beiden jungen Studenten. Matthieu einerseits, mit bildungsbürgerlichem Hintergrund ausgestattet und als Philosophiestudent die Erwartungen erfüllend, aber unglücklich. Sein Großvater Marcel ermöglicht ihm mit einer Finanzspritze den Traum – denn dessen Traum wurde nie Realität. In einem Nebenstrang erfahren wir von Marcels Geburt zu Ende des Ersten Weltkrieges, seine anfällige Gesundheit und der anvisierten Offizierslaufbahn, die durch den Zweiten Weltkrieg und die fehlende gesundheitliche Stabilität verhindert wird. Sein Dasein in den letzten französischen Besetzungsgebieten, der frühe Verlust seiner Frau – das Schicksal lässt nichts aus. Libéro hingegen ist ein Aufsteiger, der sich jedoch nach intensiver Auseinandersetzung mit Augustinus, der als Zeitgenosse den Untergang des römischen Reiches erlebte und seine Kirche ebenso bedroht sah, die Sinnfrage seines Lebens stellt. Mit dem nötigen Geschick und der erforderlichen Weitsicht gelingt es ihnen, die Kneipe zum attraktiven Treffpunkt zu machen.

Der Roman spielt mit vielen Brüchen und eigentlich unvereinbaren Themen. Die Analyse der philosophischen Weltsicht führt zum Besitz einer Kneipe. Möglicherweise weil einerseits die Theorie bloß theoretisch bleibt, während sich in einer Kneipe das wahre Leben gnadenlos und ungeschönt zeigt: der Abstieg der Pächter, die gescheiterten Liebschaften, das pure Verlangen. Und nicht zu vergessen: wer Erfolg hat zieht unweigerlich Neider und die Mafia auf sich. Die Geschichte um Marcel, der sich auf den Krieg regelrecht freut, obwohl er erleben musste, was die Erfahrungen im 1. Weltkrieg mit seinem Vater gemacht hatten. Der auch den Kolonialherren im besetzen Land vertreten will – und letztlich nur durch den Verlust der Frau, die er noch nicht einmal besonders positiv beschreibt, sein Leben lang geprägt und verstört wird, viel mehr als durch die ausgefallenen beruflichen Chancen. Auch die anderen Figuren, Matthieus Schwester Aurélie, die ebenfalls in Nordafrika ihren Träumen hinterherrennt und die Ernsthaftigkeit in der Archäologie zeigt, die sie bei ihrem Bruder vermisst; die Eltern der beiden, die nicht zulässige Liebe pflegen; die Kellnerinnen mit großen Erwartungen und einem Schlafplatz auf einer Matratze – wer hat hier noch ideale, die sich in einem erfüllten Leben wiederspiegeln?

Die Dekadenz auf Erden – wo mehr als in einer Kneipe ließe sich dies verdeutlichen – die zum Untergang des großen Reiches führte, wird sie auch unsere Figuren ins Verderben führen? Den einen mehr, den anderen weniger. Aber wenn die Religion und die Philosophie keine Antwort bieten, dann bleibt wohl nur das Glück im Kleinen zu suchen und die Gewissheit, dass, auch wenn der eine scheitert und untergeht, die Erde sich weiterdrehen wird und es ein Morgen gibt.

Philippe Dijan – Oh…

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Philippe Dijan – Oh…

Dezember ist der Monat, in dem die Menschen sich betrinken, verletzten, zusammenkommen, Kinder anerkennen, die nicht die ihren sind, flüchten, vor Schmerz wimmern, Sterben. – Michèles Feststellung gegen Ende des Buchs umschreibt so ziemlich die komplette Handlung des Romans. Einen Monat begleitet man als Leser die Ich-Erzählerin, die ihren Sohn ins Unglück stürzen sieht, lernen muss, ihren Exmann mit einer neuen Frau zu sehen, eine alte Affäre beendet und eine rein sexuelle Beziehung zu ihrem Nachbarn beginnt. Währenddessen sterben ihre Eltern, doch der Verlust wird ihr nicht gleich klar. Nach 30 langen Tagen ist in ihrem Leben nichts mehr so, wie es zuvor war.

Philippe Dijans Roman wurde 2012 mit dem renommierten Prix interallié ausgezeichnet. Warum ist leicht nachzuvollziehen: erzählerisch fordert der Roman den Leser heraus, die Szenen fließen ineinander über, man springt von einer Episode direkt in die nächste. Durch die Erzählperspektive dauert es einige Zeit, bis man sich zurechtfindet, die Figuren einordnen und mit einander in Verbindung bringen kann. Daneben gibt es ungeschönte, verstörende Szenen – Michèles Vergewaltigung oder ein Überfall, man weiß nicht genau, was eigentlich passiert ist, denn die Perspektive verhindert eine Beschreibung von außen, so muss man sich mit der diffusen gedanken- und Gefühlswelt der Protagonistin genügen und abwarten.

Keine einfache Protagonistin, kein einfacher Roman, den Dijan uns hier vorlegt. Mir fiel die Gedankenwelt Michèles oft schwer, sie hat einen Hang zu depressiven Stimmungen, immerzu misstrauisch, selten das Positive erkennend und mit wenig Vertrauen zu ihren Mitmenschen. Sie kann nicht als Sympathieträger fungieren, aber ganz sicher ist ihre Sicht auf die Welt nicht so singulär, dass es nicht in der Realität unzählige Menschen gäbe, denen es ebenso geht wie ihr und denen ein wenig mehr Zuneigung guttun würde.

Cynthia D’Aprix Sweeney – Das Nest

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Cynthia D’Aprix Sweeney – Das Nest

Jahrelang haben sie darauf gewartet, jetzt endlich wird es so weit sein. Der Vater hat es zu einem kleinen Vermögen gebracht und seine vier Kinder sollen auch eine kleine Rücklage erhalten. Aber erst, wenn die jüngste ihren vierzigsten Geburtstag feiert, denn der Vater glaubte an harte Arbeit und die Mühe, sich selbst etwas zu erschaffen. Melody, Jack, Bea und Leo haben sich immer auf diese Rücklage verlassen, wissend, dass es sich um etwa eine halbe Million Dollar für jeden handeln dürfte. Im Wissen, dass irgendwann das Erbe, von allen nur „das Nest“ genannt, kommen würde, haben sie ganz unterschiedlich über ihren Verhältnissen gelebt. Doch ein unglaubliches Ereignis, ausgelöst durch den ältesten der vier, Leo, der in seinem Leben schon häufig sehr leichtsinnig agierte, macht schlagartig alle Hoffnung zunichte. Doch so einfach wollen sich die drei anderen nicht abspeisen lassen.

Cynthia D’Aprix Sweeneys Roman lässt sich schwer fassen. Zum einen liegt über der Handlung immer eine gewisse Spannung, wie das Geldproblem letztlich gelöst werden kann und wie sich Leo aus dieser misslichen Lage wird winden können. Im Zentrum stehen aber tatsächlich die anderen Figuren mit all ihren Schwächen und Sorgen. Nicht nur, dass keines der drei Geschwisterkinder den Eindruck erweckt eine stabile Persönlichkeit herausgebildet zu haben, die ihnen eine gewisse Resilienz verliehen und somit Handlungsfähigkeit und klares Denken auch in Krisensituationen erlaubt hätte, nein, sie werden alle vor eine Zerreißprobe gestellt, die ihre Beziehungen untereinander, aber auch zu ihren Partnern und ihren Lebensentwurf in Frage stellen. Dies macht ganz klar die Stärke des Buchs aus. Wo zunächst der Eindruck entsteht, es mit etwas oberflächlichen Oberschichten-Figuren zu tun zu haben, entwickeln sie langsam Tiefgang und Sensibilität. Für jede einzelne Figur hat die Autorin eine eigene Biographie mit ganz eigentümlichen Charakterzügen geschaffen, die in sich stimmig wirken und ein buntes Bild an authentischen Figuren abgeben.

Der Roman kommt so tatsächlich mit nur wenig Handlung aus. Dass das Erbe weg ist, ist schnell klar und die Suche nach Leo             findet auch nicht wirklich statt. So liegt der Fokus zweifellos auf den Figuren und ihrem Umgang mit dieser Krise. Sicherlich für einige Leser etwas zu wenig, ich fand es insgesamt unterhaltsam und überzeugend zu sehen, wie sie sich der Realität stellen und einen neuen Weg für ihr Leben finden müssen.

Sibylle Lewitscharoff – Das Pfingswunder

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Sibylle Lewitscharoff – Das Pfingswunder

Pfingsten, eines der Hochfeste der Christenheit, der Empfang des Heiligen Geistes, der alle Menschen beseelte und sie in fremden Sprachen reden lies. Zu eben jenem Fest im Jahre 2013 versammeln sich international renommierte Wissenschaftler in Rom – man bedauert fast nicht in Jerusalem zu sein – um das Hauptwerk Dantes, die Divina Commedia, zu diskutieren. Doch auch dieser nahezu heilige Ort im ehrwürdigen Saal der Malteser auf dem Aventin scheint die Gelehrten in Ekstase versetzen zu können und ein regelrechter Pfingstwunder geschieht, denn plötzlich sind alle verschwunden. Bis auf einen einzigen, der gehalten ist, der Nachwelt von den ereignisreichen Tagen zu berichten.

Sibylle Lewitscharoff hat einen wortgewaltigen Roman geschaffen, der von Frank Arnold in der Hörbuchversion ein einziger Genuss wird. Es erzählt der zurück gebliebene deutsche Forscher Gottlieb Elsheimer, der mühsam die Erlebnisse rekonstruiert und dabei auch noch seine eigenen Gedanken und Kommentare zu den Kollegen zum Besten gibt. Ein herrlicher Spaß, wie er sich über die wissenschaftlichen Meriten oder auch überschaubaren Leistungen der anderen Teilnehmer auslässt. Für interessanter jedoch die vermeintlich vorgetragenen Referate zur Göttlichen Komödie, das Sezieren der einzelnen Canti, die ihre Parallelen im Jetzt und Hier problemlos finden und sich in den Kongressteilnehmern spiegeln. Das fulminante Ende, das die biblische Erzählung zu Pfingsten mit einem Augenzwinkern aufnimmt und überträgt, bildet den krönen Abschluss einer doch recht anspruchsvollen Lektüre, die vermutlich denjenigen, die mit Dantes Werk zumindest rudimentär vertraut sind, deutlich besser gefallen dürfte als an literaturwissenschaftliche n Auslegungen weniger interessierten Lesern.

Dir Hörbuchversion des Buches ist ganz unbedingt zu empfehlen. Frank Arnold ist ein begnadeter Vorleser, der stimmungsvoll moduliert und bei diesem Buch insbesondere wichtig: er beherrscht mehrere Sprachen und kann so die Teilnehmer in ihren Muttersprachen zu Wort kommen lassen. Ich weiß nicht, wie die Druckversion gestaltet ist, es hilft auf jeden Fall, wenn man problemlos Italienisch versteht, denn sonst ist die finale Pointe schlichtweg nicht zu verstehen. Mir hat das Stimmengewirr voller verschiedener Idiome hervorragend gefallen, aber ich fürchte, dass dies nicht wenige Leser vor erhebliche Probleme stellen könnte.