Patricia Highsmith – A Suspension of Mercy

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Patricia Highsmith – A Suspension of Mercy

Natürlich hat er schon darüber nachgedacht seine Frau zu ermorden, mehrfach sogar, auf vielfältige Weise, aber letztlich ist das ja sein Job. Sydney Bartleby ist Drehbuchautor für Mystery Serien und muss sich daher schon von Beruf wegen mit dem Ableben der Menschen beschäftigen. Als Alicia sich entschließt, kurzfristig auf eine längere Reise zu gehen, nutzt er die Chance, den perfekten Mord zu inszenieren und seine Schreibblockade zu lösen. Am Tag nach dem Verschwinden Alicias beseitigt er frühmorgens unter genauer Beobachtung seiner Nachbarin einen Teppich und auch ansonsten bemüht er sich möglichst auffällig unauffällig zu sein, was die Polizei, Freunde und seine Schwiegereltern auf den Plan ruft und ihn zum Verdächtigen Nummer 1 macht.

Patricia Highsmith ist ohne Frage eine der begnadetsten Krimiautorinnen des 20. Jahrhunderts – und das funktioniert sogar gänzlich ohne Mord. Leider ist sie über ihren Ripley Roman hinaus dem breiten Publikum nur wenig bekannt, dabei schafft sie es immer wieder hochinteressante Figuren zu konstruieren, die über das Spannungsmoment hinaus ihre Romane bereichern, wie sie eindrucksvoll in „Carol oder Salz und sein Preis“ oder auch in „Der Schrei der Eule“ beweist. Auch Sydney Bartleby ist faszinierend in seinem Spiel mit den Mitmenschen zu beobachten.

Die gescheiterte Ehe der beiden Künstler ist der Ausgangspunkt des fatalen Treibens. Bartlebys Manipulationen zeigen wahrlich, dass er das Zeug zum Krimiautor hat, nicht nur ist er kreativ im Erfinden möglicher Tode, nein, jeder Schritt ist geplant, das vergessene Manuskript, das leichtfertig als Tagebuch gedeutet werden könnte, ebenso wie die Besuche bei der neugierigen Nachbarin oder die falschen und widersprüchlichen Aussagen zu Alicias Verbleib. Das Katz-und-Maus-Spiel steigert sich immer weiter, bis es zu dem unweigerlichen Unglück kommen muss – das jedoch völlig anders ausgeht als erwartet. Hier zeigt sich die Patricia Highsmith’s wahres Talent, wenn sie auch mit ihrem Leser spielt.

Heute vermutlich eher als cosy crime klassifiziert, hat der inzwischen über 40 Jahre alte Text jedoch nichts an Unterhaltungswert verloren.

Sheila Heti – Mutterschaft

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Sheila Heti – Mutterschaft

„Ich wusste, das Einzige, womit man mit vierzig noch anfangen konnte, war die Literatur. Da ging man mit vierzig noch als jung durch. Aber in jeder anderen Hinsicht war ich alt, alle Boote waren längst abgefahren und auf hoher See, während ich erst auf die Küste zusteuerte und mein Boot noch nicht mal gefunden hatte.”

Die Autorin Sheila Heti sieht sich mit Ende 30 plötzlich mit einer Frage konfrontiert, die sich viele Frauen in diesem Alter stellen: kinderlos bleiben oder doch noch kurz vor Ablaufen der biologischen Uhr schwanger werden? Immer schneller kreisen ihre Gedanken nur noch um dieses Thema, nehmen allen Raum in Kopf ein und verhindern jeden rationalen Blick auf ihr Leben. Ihr Mann ist zufrieden mit dem Leben, wie sie es führen, aber er hat ja auch bereits eine Tochter aus erster Ehe! Heti beginnt nicht nur an ihrem Lebensentwurf zu zweifeln, sondern stellt plötzlich auch ihre Partnerschaft in Frage und ihre depressive Denkweise grenzt sie immer mehr ein und drängt sie in die Ecke, einen Ausweg aus dem Gedankenstrudel sieht sie kaum mehr. Was ist der richtige Weg im Leben, der, den man später einmal nicht bereuen wird?

Die Autorin versucht das Thema Mutterschaft mit den modernen Erwartungen der Gesellschaft an eine Frau, aber auch mit den Wünschen und Erwartungen der Frauen selbst unter einen Hut zu bringen. Hinzu kommen bei ihr als Jüdin noch die religiösen Aspekte, der Druck, die Gemeinde auch in Zukunft zu erhalten und fortzuführen, ebenso wie die Erfahrungen aus ihrer Kindheit, als sie bereits mit jungen Jahren den Eindruck hatte, den Erwartungen ihrer Mutter nicht gerecht zu werden und nun enthält sie dieser auch noch den Enkel vor. So weitet sich die Frage nach dem Kinderwunsch zu einer Lebenskrise unglaublichen Ausmaßes aus, dem man dennoch interessiert folgt.

Viele Aspekte, die Heti anführt, lassen sich leicht nachvollziehen. Karriere und Mutterschaft lassen sich selten erfüllend miteinander verbinden, unweigerlich muss frau sich für eins von beiden entscheiden. Das große, interessante Leben, dass da draußen aus einen wartet, kann auch nur gelebt werden, wenn nicht zu Hause Mäuler gestopft, Tränen getrocknet und Entwicklungsfortschritte bewundert werden müssen. Natürlich ist ihre Unterstellung ihr Mann wolle ihr nur das interessante Leben vorenthalten durch die Fessel Kinder und Küche ihrer Depression geschuldet, so ganz ist der Gedanke jedoch nicht von der Hand zu weisen, dass eine Hausfrau nun einmal leichter zu kontrollieren ist als eine freiheitsliebende Künstlerin.

Auf der anderen Seite bekommen die Freundinnen Kinder, scheinen glücklich in dieser Situation zu sein – wie soll man dies beurteilen wollen, ohne es selbst zu kennen? Die Entscheidung dafür oder dagegen ist zeitlich begrenzt, es gibt irgendwann kein Zurück mehr und der eingeschlagene Weg kann nicht mehr umgekehrt werden. Kommt die Einsicht, einen Fehler gemacht zu haben, zu spät, muss man damit unter Umständen Jahrzehnte leben.

Vor allem der Druck von außen macht ihr zu schaffen, obwohl ihr Mann überzeugend darlegt, dass jede Gesellschaft schon immer auch einen besonderen Platz für die Kinderlosen hatte, die sich insbesondere um das geistige und künstlerische Wohl bemühten.

„Du kannst nicht jemanden auf die Welt bringen, bloß um eine Diskussion in deinem Kopf zu beenden oder weil du neugierig auf jedwede menschliche Erfahrung bist oder damit du dich deinen Freundinnen anpasst.”

Am Ende erkennt Heti, dass die ganze Diskussion für sie eigentlich nur eine Scheindebatte war, das eigentliche Problem ist, dass sie sich ihr Leben betreffend immer wieder damit konfrontiert sah, sich Alternativen auszumalen, wie es sein könnte und darüber vergaß, das Jetzt und Hier zu genießen.

Ein sehr persönliches Buch, das die Gedankenwelt der Autorin schonungslos offenlegt und einem an ihrem Selbstfindungsprozess teilhaben lässt. Mutig lässt sie auch unpopuläre Gedanken stehen und bringt für mich insgesamt überzeugend und sprachlich ansprechend durch ihren plaudernden, aber dennoch sehr metaphorischen Stil eine der großen Fragen auf den Punkt.

Sayed Kashua – Lügenleben

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Sayed Kashua – Lügenleben

Sein Vater liegt im Sterben. Eilig hastet der Ich-Erzähler aus Illinois zurück nach Israel, um ihn noch einmal zu sehen, vielleicht sogar endlich die Dinge auszusprechen, über die sie seit vierzehn Jahren geschwiegen haben. Die Mutter gibt ihm den Schlüssel zum elterlichen Haus, damit er in seinem alten Zimmer übernachten kann, doch er kann nicht zurück in das Dorf, aus dem man ihn verstoßen hat. Erst musste er mit seiner Frau Falestin nach Jerusalem fliehen, dann sind sie nach Amerika ausgewandert, wo man ihr eine Dozentenstelle angeboten hat. Mit der Rückkehr kommen auch die Erinnerungen wieder auf, an seine Zeit als arabischer Journalist für eine hebräische Zeitung, als Ghostwriter für Autobiografien und als Schriftsteller, der eine Kurzgeschichte in einer Studentenzeitung veröffentlichte. Und das Unheil, das es damit nahm.

Sayed Kashua lebt heute in den USA, nachdem er als Kolumnist für die „Haaretz“ gearbeitete hatte und sich einen Namen als Drehbuchautor und Filmkritiker gemacht hatte. „Lügenleben“ ist das fünfte Buch des arabischstämmigen Israelis und zugleich das letzte Übersetzungswerk von Mirjam Pressler, das sie kurz vor ihrem Tod im Januar 2019 noch beendete.

Wie auch andere seiner Romane trägt auch der aktuelle Roman autobiografische Züge und thematisiert nicht nur das schwierige Verhältnis von jüdischen und arabischen Israelis miteinander, sondern auch die Familienzwänge und Traditionen, aus denen es vor allem in ländlichen Gebieten kein Entkommen zu geben scheint. Die Kinder haben sich dem Diktat der Eltern, Dorfältesten und Scheichs zu fügen – egal, ob die Urteile gerecht und richtig sind oder nicht.

Die Erinnerungen des Erzählers folgen keiner chronologischen Struktur und so bleibt lange offen, was es genau war, das zu seiner Vertreibung geführt hat. Auch das seltsame Verhältnis zu seiner Frau Falestin ist eher mysteriös denn nachvollziehbar. Sie leben in zwei Wohnungen, ein echtes Familienleben scheint es nicht zu geben. Auch die drei Kinder erhalten keine Antworten auf ihre Fragen – alles, was die Familie und die Zeit vor der Flucht aus dem Dorf betrifft, bleibt nebulös. Dabei liebt er, bewundert Falestin, aber diese weist ihn ab, akzeptiert ihn jedoch als ihren Mann. Erst nach und nach fügt sich das Bild zusammen und offenbart ein trauriges Schicksal, das man so in der Gegenwart kaum mehr glauben mag.

Ein vielschichtiger Roman, der persönliches Leid, Familie und Tradition, die politische Lage in Israel und auch Emigration und Flucht thematisiert und vor allem die innere Zerrissenheit einer ganzen Generation offenbart, die doch nur glücklich und in Sicherheit leben möchte und auf der Suche hiernach getrieben ist und weder eine klare Vergangenheit noch eine Zukunft zu haben scheint. Und es ist vor allem die Frage danach, was Wahrheit ist und was sie ausmacht und inwieweit wir uns unsere eigene Wahrheit gestalten, um uns in unserem Leben zurechtzufinden. Ein großartiger Roman, ganz sicherlich auch wegen der hervorragenden Übersetzerin.

Ein herzlicher Dank geht an den Piper Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Titel finden sich auf der Verlagsseite.

Deborah Levy – Was das Leben kostet

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Deborah Levy – Was das Leben kostet

Bücher von Deborah Levy, in denen die Autorin ihr Leben und ihre Erlebnisse zum Thema macht, sind nie leicht zu fassen und zu rezensieren. So auch „Was das Leben kostet“, in dem sie die Trennung von ihrem Ehemann und den Tod ihrer Mutter verarbeitet. War es in „Was ich nicht wissen will“ noch die Sprachlosigkeit, aus der sie einen Ausweg sucht, sind es nun die plötzlich entstehenden Lücken, die sie füllen muss. Ein neues Heim, das nicht heimelig werden will; die Definition des Ich, das nicht mehr (nur) Gattin und Mutter ist, sondern Frau in einer Welt, die scheinbar viel zu sehr von misogynen Männern dominiert wird; der Tod der Mutter und die darauf folgende Orientierungslosigkeit – mit dem Schreiben verarbeitet sie ihre Emotionen und die Suche nach Struktur und Sinn im neuen Dasein.

Vor allem ihre Begegnungen mit Männern haben beim Lesen einen ausgesprochenen Reiz. Womöglich übt sie eine besondere Anziehungskraft auf diejenigen Exemplare aus, die in einem – positiv formuliert – traditionellen Weltbild gefangen sind und Frauen nur als dekoratives Element wahrnehmen und denen jeder Horizont fehlt, das Gegenüber als gleichwertigen Gesprächs- und Lebenspartner anzuerkennen. Ohne Frage hat der gesellschaftliche Wandel, den die Frauen im 20. Jahrhundert erstritten haben, nicht jeden erreicht und stellt so manchen Mann vor große Herausforderungen, wenn an ihrem Weltbild gerüttelt wird und sie sich nicht in der Rolle wiederfinden, die sie sich qua Geschlecht zuschreiben.

Aber auch ihr Fahrrad, symbolisches Kampfmittel, an und mit dem sie ihre Wut und Energie zu kanalisieren versucht, nimmt eine interessante Rolle ein. Die neugewonnene Freiheit durch den Elektroantrieb ermöglicht die Mobilität im chronisch verstopften London bei gleichzeitig allen damit verbundenen Nachteilen wie erfrorene Finger im Winter und dem mühsamen Transport der Einkäufe. Aber es ist auch das Gerät, das ihr als Person die Schau stiehlt und die Aufmerksamkeit von Männern auf sich zieht.

„Freiheit ist nie umsonst. Wer je um Freiheit gerungen hat, weiß, was sie kostet.“

Als Kind ist Deborah Levy mit ihren Eltern aus Südafrika geflüchtet, nun flüchtet sie mit Anfang 50 aus dem Leben in Ehe und steht wieder vor dem Neuanfang und dem Aufbau nicht nur einer Ordnung, sondern auch des eigenen Ichs. Die Introspektion durch die Personalisierung des eigenen Ichs im Schreiben erlaubt es ihr, auch kritische und angreifbare Gedanken zu verbalisieren und ihr Leben neu zu strukturieren. Ein harter und steiniger, aber interessanter Weg, dem man als Leser gerne folgt.

Leïla Slimani – All das zu verlieren

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Leïla Slimani – All das zu verlieren

Adèle hat eigentlich alles, was man sich wünschen kann. Verheiratet mit ihrem erfolgreichen Arzt lebt sie in Paris, hat einen bezaubernden kleinen Sohn und arbeitet mehr zum Zeitvertreib als Journalistin. Nach außen ist das Familienleben perfekt, aber in Adèle tobt ein Krieg, sie lebt ein Leben, das sie nicht will. Geheiratet hat sie nur, weil es günstig war, um aus den bescheidenen Familienverhältnissen zu entfliehen, aber ihr Mann kann ihr nicht geben, was sie braucht. Schon lange ist ihr Liebesleben nicht mehr existent und sie such tagtäglich den Kick. Mal mit fremden Männern, mal mit Bekannten. Sie will begehrt werden, sonst hat sie den Eindruck nicht zu existieren. Ihren Alltag bekommt sie immer weniger in den Griff und zu ihrem Sohn konnte sie nie eine Verbindung aufbauen, denn ihr ganzes Denken dreht sich nur um eines: den nächsten Mann finden, der ihr verfällt.

Leïla Slimanis erster Roman erscheint jetzt erst in Deutschland, interessanterweise nach „Sex und Lügen“, das als direkte Reaktion darauf entstanden ist, denn in ihrer marokkanischen Heimat hat man nur wenig begeistert auf das Buch reagiert, das ein Verhalten einer Frau beschreibt, das gegen alle Konventionen ist und scharf verurteilt wurde.

Die Geschichte ist eigentlich nur eine Momentaufnahme aus Adèles Leben, denn die Handlung ist recht reduziert. Es reiht sich ein Abenteuer an das nächste, ohne dass es hier eine tatsächliche Entwicklung gäbe. Zwar ahnt man, dass sich der Konflikt zwischen den Ehepartnern zuspitzen muss, was auch geschieht, vor allem nachdem Adèles Mann hinter das Doppelleben kommt und sich gezwungen sieht, darauf zu reagieren, was ihn zunächst einigermaßen überfordert.

Die Figur der Adèle ist leider etwas begrenzt in ihrer Komplexität. Ihre Sexsucht steht im Zentrum der Handlung und ihrer Persönlichkeit und alles andere wird diesem untergeordnet. Woher dies kommt, bleibt offen, auch scheint sie wenig reflektiert in Bezug darauf, was die Sucht mit ihr und ihrer Familie macht. Sie wird beherrscht durch das Verlangen und schaltet dabei alle anderen Gedanken aus, was unweigerlich in der Katastrophe enden muss. Psychologisch jedoch in sich stimmig und nachvollziehbar, wie ein Leben durch eine Abhängigkeit egal welcher Art völlig dominiert wird und sich nur noch darum dreht.

Natasha Bell – Alexandra

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Natasha Bell – Alexandra

Alexandra und Marc sind mit ihren zwei Kindern eine beneidenswerte Musterfamilie. Beide lehren sie an der Uni und sind mit ihrem Leben glücklich. Bis zu dem Tag, an dem Alexandra spurlos verschwindet. Sie kommt nicht von der Arbeit nach Hause, wenige Tage später findet die Polizei ihr Fahrrad und blutverschmierte Kleidung. Wurde sie Opfer eines Gewaltverbrechens? Marc will nicht an den Tod seiner Frau glauben, er weiß, dass sie lebt, aber sie würde doch nie einfach so verschwinden und ihn und die Töchter alleine lassen? Die Polizei scheint anderer Meinung, hält sich aber zurück. Das Leben geht unaufhaltsam weiter und nach und nach tauchen Indizien auf, die Marc ins Zweifeln bringen. Und Alexandra muss all dies aus der Ferne mitansehen.

Natasha Bell hat ihren Psychothriller geschickt aufgebaut: wir erleben die Tage und Wochen nach Alexandras Verschwinden, Flashbacks erlauben einen Blick hinter die Fassade des Familienlebens vor diesem unheilvollen Tag und gleichzeitig erleben wir Alexandra, die von irgendwoher die Ereignisse verfolgen muss, ohne jedoch darauf Einfluss nehmen zu können. Sie lebt – das ist aber auch schon der einzige Informationsvorsprung, den wir vor dem Ehemann und der Polizei haben. Und die eine oder andere Randbemerkung, die stutzig macht und schon früh erkennen lässt, dass nicht alles am Familienleben so war, wie Marc glaubte und immer noch glauben machen möchte.

Ich liebe das Spiel mit unterschiedlichen Perspektiven und Andeutungen, die lange Zeit offen lassen, was wirklich geschah und so die Spannung erhalten. Was mir besonders gefallen hat, war, dass die Autorin ohne Blutvergießen und andere Grausamkeiten auskommt und dennoch die Nerven des Lesers herausfordert. Die Protagonistin ist sicherlich der interessanteste Charakter der Geschichte, vielschichtig und undurchschaubar führt sie in die Irre. Ihr Mann hingegen, bleibt etwas flach, auch seine Verzweiflung konnte mich nicht ganz überzeugen, er ist mir insgesamt etwas zu wenig emotional, obwohl er sich in einem absoluten Ausnahmezustand befinden sollte. Die Story punktet ganz klar durch den cleveren Aufbau und die sehr gut platzierten Hinweise und Andeutungen, die dazu führen, dass man, einmal begonnen, nicht mehr aufhören möchte zu lesen.

Leïla Slimani – Sex und Lügen

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Leïla Slimani – Sex und Lügen

Die französisch-marokkanische Schriftstellerin Leïla Slimani begibt sich auf Spurensuche in ihrem Heimatland, das sie bereits vor vielen Jahren verlassen hat. Der Erfolg ihres Buchs „Dans le jardin de l’ogre“ hat vielfältige Reaktionen in Marokko ausgelöst, nicht nur positive, da es von einer Frau handelt, die verheiratet ist und dennoch zahlreiche Männer zum Sex trifft. Als Gefährderin der Moral hat man sie angeklagt, verurteilt für ihr literarisches Werk. Das hat sie neugierig gemacht, auf das Geschlechterverhältnis ihrer Heimat.

Völlig verschieden sind die Frauen, mit denen sie ins Gespräch kommt, jung und alt, gebildet und bildungsfern, modern und konservativ. Sie alle geben ihr jedoch Einblick in ihre Gedankenwelt und das Leben, das sie in einer extrem patriarchalen Welt, die Frauen nicht nur einschränkt, sondern massiv unterdrückt, führen. Schnell erkennt Slimani, dass die Ursachen für die Lage der Frauen nicht eindimensional sind und entsprechend auch nicht auf die Schnelle verändert werden können.

„Wenn meine Gespräche mit marokkanischen Frauen eines bestätigt haben, so ist es in jedem Fall die Tatsache, dass das »sexuelle Elend« nicht nur der Dominanz bestimmter moralischer Werte oder dem Einfluss der Religion geschuldet ist. Es hat politische, ökonomische und soziale Wurzeln und Auswirkungen, die uns offenkundig erscheinen.”

Die Frauen haben sich arrangiert, führen ein Leben zwischen moralischer Erwartungserfüllung und dem Versuch Freiheit zu leben. Der Druck, dem sie ausgesetzt sind, ist enorm, denn über allem schwebt das Damoklesschwert des Jungfernhäutchens, das über die gesellschaftliche Anerkennung und Status entscheidet. Die Auswüchse dieses Kultes klingen für uns absurd: lieber Analverkehr, um es nicht zu beschädigen oder gar die aufwändige Rekonstruktion, um eine Reinheit vorzutäuschen, von der jeder weiß, dass sie ohnehin nicht existiert. Auch in Ramita Navais Buch „City of Lies: Love, Sex, Death and the Search for Truth in Tehran“ wird ähnliches über Frauen in Teheran geschildert, die sich gleichermaßen der Unterdrückung ausgesetzt sehen und im Verborgenen versuchen, sich mit der gesellschaftlichen Situation zu arrangieren.

Jedes einzelne Kapitel schildert eine andere Facette der sexuellen Selbst- oder Fremdbestimmung marokkanischer Frauen und wirft ein zweifelhaftes Bild auf die Männer. Selbst wenn diese noch so bemüht sind, eine moderne Sichtweise einzunehmen und sich für eine Gleichberechtigung einzusetzen, so gelingt dies dennoch nicht. Über einen männlichen Gesprächspartner zieht Slimani folgendes Fazit:

„Durch die Gespräche mit mir hat er viele Dinge infrage gestellt. Jetzt sagt er, ihm sei bewusst geworden, dass Jungfräulichkeit nichts bedeutet. Aber ich glaube, das sind nur Lippenbekenntnisse. Der Einfluss der Gesellschaft, der Eltern, der Religion ist so groß, dass marokkanische Männer noch so sehr versichern können, offen und verständnisvoll zu sein, sobald sie ans Heiraten denken, muss eine Jungfrau her.”

Ein Buch, das die vor der Öffentlichkeit verborgene Sexualität öffentlich macht und den Rahmen zeigt, in dem sie erlebt wird. Informativ und niemals voyeuristisch liest es sich auch hervorragend. Man kann sich als Leser nur vor seinem eigenen Hintergrund und den eigenen Überzeugungen eine Meinung zu den geschilderten Vorfällen bilden. Für mich waren es bisweilen erschreckende Geschichten und geradezu abstrus anmutende gesellschaftlich tolerierte Verhaltensweisen, die gemessen an unseren Werten und Einstellungen, einen dringenden Aufschrei erfordern. Zu erwarten, dass sich zeitnah grundlegendes ändert, wäre aber utopisch.

Anke Stelling – Schäfchen im Trockenen

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Anke Stelling – Schäfchen im Trockenen

„Ich will, dass es dir gut geht, will zumindest nicht schuld sein, wenn dein Leben oder das deiner Geschwister misslingt. Doch wie misst sich das Gelingen eines Lebens? Was braucht ihr, was soll ich euch geben, womit euch verschonen, was soll ich bloß tun?!”

Das ist es, was Resi antreibt. Ihre Mutter hat ihr vieles nicht gesagt, was sie hätte wissen müssen, was ihr geholfen hätte im Leben und so manche Enttäuschung auch erspart hätte. Resi will es besser machen und schreibt deshalb für ihre 14-jährige Tochter Bea auf, was diese wissen soll, was diese aus dem Leben ihrer Mutter und Großmutter lernen kann. Zum Beispiel, dass es bei aller Freundschaft unüberwindbare gesellschaftliche Grenzen gibt. Resi kommt nicht aus einer wohlhabenden Familie, hat kein Instrument oder Skifahren gelernt. Und mit vier Kindern und prekären Jobsituationen beider Elternteile, kann ihre eigene Familie auch nur bei Freunden zur Untermiete wohnen, nicht in Urlaub fahren und vor allem nicht in die schicke Wohngemeinschaft K23 ziehen. Aber will sie das überhaupt, oder machen sich die reichen Freunde nur was vor? Solche Gedanken darf Resi haben, aber dass sie diese in Zeitungsartikeln und Bücher äußert, finden die nun ehemaligen Freunde gar nicht gut.

Anke Stelling hat für ihren Roman „Schäfchen im Trockenen“ den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten. Die Jury begründet die Wahl damit, dass der Text wehtun will und muss und das, was sicher scheint, in Frage stellt. Ganz ähnlich empfand ich dies schon bei „Bodentiefe Fenster“, nicht umsonst auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2015. Sie ist sicherlich eine derjenigen Autorinnen, die besonders kritisch gesellschaftliche Entwicklungen beobachtet und diese überzeugend in Literatur umzusetzen vermag.

Die Erzählerin Resi, die eigentlich zu ihrer Tochter Bea spricht, ist eine vielschichtige Figur, die jedoch so viel Durchschnittlichkeit in sich trägt, dass es nicht schwerfällt, sich mit ihr zu identifizieren. Einerseits lebt sie ihre Überzeugungen, dazu gehört ebenso die Ablehnung eines monetär einträglichen Jura-Studiums wie die Tatsache Mutter von gleich vier Kindern zu sein. Mit der finanziell prekären Lage hat sie sich arrangiert, letztlich kennt sie dies aus ihrer Kindheit, was jedoch kein Hinderungsgrund für gute Schulbildung und Freundschaften mit Kindern und Jugendlichen aus anderen sozialen Schichten war. Die Kluft, die zwischen ihr und den anderen herrscht, scheint überwindbar, hält unterschiedliche Schulen, das Studium und auch die Familiengründungsphase aus. Doch dieses vermeintlich egalitäre Verhältnis kommt irgendwann an seine Grenzen und Resi erkennt, dass es ihr ebenso ergeht wie ihrer Mutter Anfang der 60er Jahre, als diese nicht standesgemäß führ ihren damaligen Freund Werner war.

Als Journalistin und Autorin hinterfragt Resi kritisch das Verhalten und den Reichtum ihrer Freunde, was unweigerlich zum Bruch führt. Sie fühlen sich von ihr verraten, vorgeführt, das Vertrauen wurde missbraucht, da Resi intime Ereignisse öffentlich preisgibt. Man kann die Verärgerung verstehen, aber zugleich zeigt sich auch, dass Resi einen wunden Punkt getroffen hat, die Fassade Risse bekommt und der Schein der arrivierten Mittelschicht an Glanz verliert. Es ist nicht unbedingt der Neid, den man Resi unterstellt, dafür hat sie zu wenig Selbstbewusstsein und ist zu sehr vom Alltag überfahren. Es ist viel tiefgreifender der Frage, ob nicht manches in ihrem Leben anders gelaufen wäre, wenn sie andere Entscheidungen getroffen hätte: ein anderes Studium, einen anderen Partner gewählt, weniger Kinder bekommen. Aber hätte sie das nicht vorher wissen können? Ist sie nicht selbst schuld an ihrer Misere?

„Wenn das hier ein Roman wäre, wäre das wohl die Schlüsselszene. Diese Ohnmacht verlangt nach Befreiung; gottlob hat die Heldin die Chance, ihre eigene Tochter vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren: indem sie ihr die Wahrheit zumutet, die Wahrheit, dass es sinnlos ist, andere vor der Wahrheit bewahren zu wollen.”

Resi befreit sich durch das Schreiben und so ermutigt sie auch den Leser zur Ehrlichkeit gegenüber sich selbst. Wer hätte sich nicht schon einmal ein anderes Leben gewünscht und hat so manche Entscheidung im Nachhinein bedauert? Doch trotz aller Widrigkeiten, Resi scheint glücklich mit dem, was sie hat. Und vielleicht liegt darin der Schlüssel zum Glück: weniger dem nachtrauern, was man nicht hat und viel mehr auf das zu fokussieren, was man erreicht hat und was einem stolz macht.

Donat Blum – Opoe

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Donat Blum – Opoe

Wer war eigentlich die Frau, die familientechnisch seine Großmutter ist, die er aber kaum kannte, die auch seiner Mutter Antonia ein Leben lang fremd blieb? Nur ab und an besuchten sie sie, aber erst als sie nicht mehr da ist, wird ihre Bedeutung offenkundig. Donat reist ihr nach, in die Niederlande, die sie einst für ihren Mann Max verließ, um mit ihm in der Schweiz ein neues Leben zu beginnen. In den Alpen, wo sie stets eine Fremde geblieben war. Ein Lebensentwurf, der heute undenkbar wäre und das, wo so viel mehr Lebensentwürfe gesellschaftlich toleriert sind – stellt sich die Frage, wie will er selbst leben, welche Art von Partnerschaft haben, Kinder trotz der Homosexualität? Eine Reise zurück und nach vorne.

Donat Blum, ein Schweizer Literat, der bislang eher kürzere Texte verfasste und als Moderator tätig ist, vermischt in seinem kurzen Roman die Geschichte von Opoe mit jener des Erzählers, wobei offen bleibt, inwieweit diese autobiografisch geprägt und beeinflusst sind. Aufgrund der völlig verschiedenen Themen und Lebensfragen, ist es nicht ganz einfach, beides unter einen Hut zu bringen.

Ausgangspunkt ist Opoe, die Niederländerin, die nach dem Krieg einen großen Schritt wagte: mit einem jüngeren Mann eine Beziehung einzugehen, noch dazu einem Schweizer, sich mit ihm in dessen Heimat niederzulassen und mutig ein Geschäft zu eröffnen. Der Preis war hoch, denn die gemeinsame Tochter blieb in den ersten Lebensjahren in den Niederlanden, fern der Eltern. Sowohl geschäftlich wie auch privat laufen die Unternehmungen nicht wie geplant, der Blumenladen schließt und sowohl die Dorfbewohner wie auch die Schwiegereltern sehen in ihr nur die Fremde. Sie wird Jahre brauchen sich zu etwas freizuschwimmen, doch der Geist der Zeit will es, dass sie abhängig bleibt, finanziell wie auch als Ehefrau: ihren Lohn als Verkäuferin gibt sie ihrem Mann ab und seine regelmäßigen Besuche bei einer anderen Frau nimmt sie kommentarlos hin.

Der Enkel führt hingegen eine Partnerschaft, die von Offenheit und Unabhängigkeit geprägt ist – doch auch hier ist der Preis hoch, denn die Exklusivität der Paarbeziehung fehlt. Die Sicherheit und das Versprechen zueinanderzustehen, in guten wie in schlechten Zeiten, sie werden dem Hedonismus geopfert. Die Bitte eines befreundeten lesbischen Pärchens nicht nur biologischer, sondern auch teilhabender Vater eines Kindes zu werde, wirft neue Fragen auf: gibt es noch definierte Familienrollen? Können die auch anders und dennoch gut sein?

Der Roman reißt viele interessanten und relevanten Fragen an, bisweilen habe ich mich jedoch etwas verloren gefühlt, zu sprunghaft und wenig stringent erschien mir die Erzählung. Auch wenn die Großmutter als Namensgebering fungierte, verliert der Erzähler sie immer wieder aus den Augen und fokussiert auf seinen eigenen Sorgen. Der Roman hat für mein Empfinden einen stark essayistischen Charakter, der gut zu den modernen Abschnitten passt, deren Lebensentwürfe sich in kein Schema pressen lassen und so auch literarisch in passender Weise wiedergegeben werden. Dahinter tritt die Geschichte der mutigen Frau jedoch leider stark in den Hintergrund.

Sprachlich hat mir der Roman gut gefallen, mit klaren und schnörkellosen Worten erzählt Donat Blum, lässt Raum für eigene Gedanken und so ist der Roman vielleicht unmittelbar nach dem Lesen noch nicht ganz zu erfassen, da er noch Zeit zum Nachwirken braucht.

Ein herzlicher Dank geht an die Ullstein Buchverlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Roman finden sich auf der Verlagsseite.

Zülfü Livaneli – Unruhe

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Zülfü Livaneli – Unruhe

Ibrahim hat seine südostanatolische Heimat schon lange verlassen, um in Istanbul als Journalist zu arbeiten. Als er auf eine Todesmeldung stößt, wird er stutzig: kann es sich bei dem in Amerika getöteten Türken um seinen alten Schulfreund handeln? Alles spricht dafür und so reist er nach Mardin, um die Hintergründe zu erforschen. Was er dort erfährt, wird sein Leben nachhaltig verändern. Hüseyin war verliebt in eine Frau, doch es war eine Liebe, die nicht sein durfte. Er Muslim, sie Jesidin aus einem der stadtnahen Flüchtlingslagern. Ibrahims Spurensuchte führt ihn zu diesen Geflüchteten und die Geschichten, die er hört, lassen ihn nicht mehr los.

Zülfü Livaneli ist neben Orhan Pamuk eine der bedeutendsten Stimmen der Türkei, vor allem, weil er in seinen Romanen gesellschaftskritische Themen verarbeitet und unbequeme Wahrheiten anspricht. So auch in „Unruhe“, das den Umgang mit Jesiden, die Verachtung dieser Religion und die Ablehnung der Menschen offen anspricht und am Beispiel von Hüseyin und Meleknaz die Absurdität auf die Spitze treibt.

„Im Nahen Osten ist es seit jeher üblich, dass man sich gegenseitig umbringt und nicht merkt, wie man sich dabei selbst tötet.“

Es sind solche Sätze, die wie Nadelstiche auf diejenigen wirken müssen, an die sie gerichtet sind. Es ist nicht nur das unsägliche Treiben des IS, das im Namen einer Religion legitimiert wird und weltweit für Entsetzen sorgt, das Livaneli kritisiert. Dies ist einfach, denn kaum jemand wird ihm da widersprechen. Schwerer wiegt jedoch der Umgang der Bewohner im Grenzland mit den geflüchteten Jesiden. In einem Lager dürfen sie hausen, man kümmert sich auch dort um sie, aber sie sollen bitte auch dort bleiben und auf keinen Fall Beziehungen mit Muslimen eingehen. Meleknaz erfährt kein Mitleid für ihr Schicksal, statt Verständnis schlägt ihr Hass von Hüseyins Familie entgegen.

Aber auch Ibrahim muss erkennen, dass sein Verhalten zweifelhaft ist. Beobachtet er zunächst die Haltung von Hüseyins Familie, ist hierdurch geradezu verstört und sucht fieberhaft nach der jungen Frau, so muss er sich doch irgendwann eingestehen, dass auch er mehr aus Eigennutz handelt als aus Nächstenliebe: er will sich selbst und anderen beweisen, dass er ein guter Mensch ist, seinem Leben Sinn geben. Dass er dabei die Bedürfnisse der Frau ignoriert, wird ihm erst spät bewusst.

„Unruhe“ ist ein kurzer, schonungsloser Roman, der das Schicksal einer Glaubensgemeinschaft ins Zentrum stellt, deren Geschichte von Verfolgung und Hass gekennzeichnet ist. Er wirft kein gutes Bild auf die Welt, die zusieht, im besten Fall schweigt, im schlimmsten für zusätzliches Leid sorgt.