Kai Havaii – Rubicon

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Kai Havaii – Rubicon

Eine wilde Verfolgungsjagd kostet Carl Overbeck in Rom beinahe das Leben. Die Killer wissen, was sie tun und vor allem, was sie wollen: ihn tot sehen. Doch wie konnte es so weit kommen? Einst war er Elitesoldat in Afghanistan, diente seinem Heimatland und war überzeugt davon, das Richtige zu tun und für die richtigen Werte einzustehen. Doch ein furchtbarer Anschlag und die nicht gelungene Rückkehr in die deutsche Normalität haben ihre Spuren hinterlassen. Als ein Kindheitsfreund ihm ein verlockendes Angebot macht, schlägt er ein, wissend, dass er sich in die Dienste der Mafia stellt. Der zweifelhafte Job ist lukrativ, jedoch nicht sorgenfrei, wenn man ein Gewissen besitzt und vor allem nicht, wenn man sich verliebt. Doch Carl hat den Rubikon überschritten, seine Entscheidung für eine Seite kann er nicht mehr rückgängig machen.

Kai Havaii ist eher bekannt als Sänger der Band Extrabreit, die besonders in den 1980ern den Musikmarkt mitbestimmte. Als Autor ist er bislang nur durch seine Biografie aufgefallen, die 2007 erschien. Nun also sein erster Roman, der inhaltlich gleich hochgreift: Bundeswehreinsatz in Afghanistan, Mafia, Serienkiller – gleich mehrere heiße Themen in eine Geschichte zu verpacken ist schon gewagt.

Wer auf actiongeladene Thriller, eher noch in verfilmter als in geschriebener Form steht, wird eine große Freude an dem Roman haben. Mein Genre ist das nicht, weshalb ich nicht vor Begeisterung überborde, auch wenn ich durchaus anerkenne, dass Havaii solide Arbeit geliefert hat. Die Handlung ist gut konzipiert, auch wenn für meinen Geschmack vieles recht vorhersehbar war. Die Figuren sind glaubwürdig gezeichnet, vor allem Carls Schwierigkeiten nach der Rückkehr vom Auslandseinsatz wirkte auf mich überzeugend. Nicht so sehr gewinnen konnten mich die ausufernden Beschreibungen der Kampfhandlungen in Afghanistan und später die Ballerszenen, das muss man mögen. Ebenso fand ich die Erklärungen zur Struktur der ‘Ndrangheta etwas zu langwierig, für den Handlungsverlauf wären die detaillierten Ausführungen nicht erforderlich gewesen.

Insgesamt ein solider Thriller seines Genres, der jedoch für mich stark den Eindruck erweckt, dass er eigentlich eher ein Drehbuch für einen Film hätte sein wollen.

Andrea Grill – Cherubino

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Andrea Grill – Cherubino

Die Nachricht von der Schwangerschaft trifft die Opernsängerin Iris Schiffer unerwartet. Gerade in Richtung Höhepunkt ihrer Karriere und nun das. Soll sie das Kind überhaupt behalten? Und wer ist der Vater, der emotionsgeladene Sergio, ebenfalls Sänger, oder der eher kühle Geschäftsmann Ludwig? Ihre Rolle als „Cherubino“ an der New Yorker Met kann sie jedenfalls deshalb nicht riskieren und beschließt erst einmal, das Geheimnis für sich zu behalten. Doch bald schon verändert sich ihr Körper, fordert Ruhephasen und Schlaf, gleichzeitig aber auch steigt ihre Ausdrucksfähigkeit. Während man sie in New York bejubelt, hadert sie mit ihrer Rolle bei den Salzburger Festspielen: soll sie das Engagement gefährden und den Verantwortlichen beichten, dass sie ein Kind erwartet?

Mozarts „Le nozze di Figaro“ dient als Namensgeber für Andrea Grills Roman, der auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2019 steht. So wie Cherubino sich in der Oper verkleidet und vorgibt etwas zu sein, das er nicht ist, muss auch die Protagonistin eine Rolle spielen, da die Wahrheit ihr karrieretechnisch schaden würde. Cherubino spielt eine Frauenrolle, Iris schlüpft in die einer männlichen Figur und das in schwangerem Zustand – diese Absurdität wird nur von der Realität im Umgang mit Schwangerschaft und den damit einhergehenden vermeintlichen Schutzgesetzen übertrumpft, die nicht nur die Wünsche der Frauen nicht berücksichtigen, sondern wie im Falle von Iris, sogar richtig schaden können.

Andrea Grill bietet gleich mehrere diskussionswürdige Themen in ihrem Buch an. Die Liebesgeschichte – die mich zugegebenermaßen weniger begeistern konnte – einer Frau, die zwischen zwei Männern steht und sich nicht entscheiden kann und will, da beide eine Rolle in ihrem Leben spielen. Die gesellschaftlichen Versprechungen, dass für die moderne Frau alles möglich sein, was sich aber spätestens mit Eintritt der Schwangerschaft als bloßer Schein entpuppt. Das Verhältnis von Mann und Frau: Ludwig kann sich der Vaterschaft einfach entziehen, für Iris gibt es diese Option nicht. Die Unsicherheit in der Schwangerschaft, was ist normal, was darf man, was soll man besser lassen, ein eigentlich natürlicher Vorgang, der heute maximal medizinisch begleitet und überwacht wird und allein aus diesem Grund viel mehr Gefahr ausstrahlt, als dies in den unzähligen Generationen zuvor je der Fall gewesen war. Alles überschattet jedoch die Auswirkungen auf Iris‘ beruflichen Möglichkeiten:

„Der sogenannte gesetzliche Schutz, hatte Iris sich ereifert, erreicht bei mir das Gegenteil, nämlich, dass er mich zwingt, meine Karriere am Höhepunkt abzubrechen. Was würdest du sagen, wenn man dir gesetzlich verboten würde, in Bregenz aufzutreten, weil du ein Kind erwartest? Obwohl du dich fit genug fühlst und die Rolle aus eigenem Entschluss singen möchtest?“

Ob man in ähnlicher Situation wie Iris gehandelt hätte, muss jeder Leser für sich entscheiden. Eine Lösung kann es hier nicht geben. Unabhängig von der Inhaltsebene hat mich Andra Grills Schreibstil überzeugen können. Der Roman, komponiert wie eine Oper, gefällt mir auch dramaturgisch recht gut. Vielleicht ist es gerade das bisschen zu viel Gefühlsduselei, das die Emotionen der Protagonistin wiederspiegelt, das mir persönlich zu viel war, aber genauso auch die rationale Sängerin überrascht. Nicht der ganz große Kandidat für die Shortlist, aber durchaus ein Roman, der einiges zu bieten hat.

Eva Schmidt – Die untalentierte Lügnerin

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Eva Schmidt – Die untalentierte Lügnerin

Nachdem sie ihr Studium der Schauspielerei an den Nagel hängen musste und einen längeren Klinikaufenthalt hinter sich gebracht hat, kehrt Maren in die Wohnung ihrer Mutter und ihres Stiefvaters in die österreichische Provinz zurück. Planlos lebt sie zunächst in den Tag, bevor sie einen Job in einem Museum als Aufpasserin annimmt. Mit dem Hund geht sie spazieren. Lernt Menschen kennen, die jedoch irgendwie nur an den Rand ihres Lebens drängen und bald auch wieder verschwinden. Die Ehe ihrer Eltern kriselt und sie selbst entwickelt auch nur wenig Zukunftspläne. Es wird Winter und wieder Frühling, aber Maren blickt immer noch verloren auf ihr Leben.

Bereits 2016 war Eva Schmidt mit einem Roman für den Deutschen Buchpreis nominiert. Ebenso wie „Ein langes Jahr“ tat ich mich auch mit dem aktuellen Roman schwer. Die Geschichte liest sich leicht weg, genau darin liegt aber auch für mein Empfinden die große Schwäche: mir fehlt die Entwicklung ebenso wie das Tiefgründige. Ja, die Autorin beschreibt sehr intensiv die Natur, aber die Menschen erfasst sie dabei nicht.

Vermutlich trägt der triste Grundton des Romans zu meinem eher wenig berauschenden Eindruck bei. Die Protagonistin ist unzufrieden, nur leidlich ergreift sie die Initiative, um etwas zu verändern, aber eigentlich wartet sie eher darauf, dass die Veränderung zu ihr kommt und es wundert sie auch nicht, dass Menschen einfach so wieder aus ihrem Leben verschwinden. Die Familienkonstellation bleibt zu diffus, um Stoff für analytische Betrachtungen zu liefern. Ein Bruder in der Ferne mit seiner glücklichen Familie, der andere voller Liebeskummer und gescheitertem Studium zwar in der Nähe, aber ebenfalls abwesend. Die Mutter gescheiterte Künstlerin, die nun eher dem Alkohol zuspricht und scheinbar unter einer nicht behandelten Depression leidet und dann noch der Stiefvater, der sich grenzwertig aufdrängt und dann plötzlich flüchtet. Was soll man daraus machen? Auch das Ende reißt mehr Fragen auf als Antworten zu geben, wird hier etwas angedeutet, dass das Buch in einem anderen Licht erscheinen lässt oder doch nicht?

Mich hat der Roman nicht erreicht. Auch der Titel stellt mich immer noch vor ein Rätsel: Maren lügt unentwegt, wobei es sich eher um die keinen Alltagsausflüchten handelt, um sich nicht erklären zu müssen und das Gegenüber nicht zu verletzten – obwohl sie das in ihrer stumpfsinnigen Art bisweilen geradeheraus tut. Es bleibt am Ende große Ratlosigkeit.

S.J. Watson – Before I Go to Sleep [dt. Ich.Darf.Nicht.Schlafen]

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S.J. Watson – Before I Go to Sleep [dt. Ich.Darf.Nicht.Schlafen]

Als Christine morgens wach wird, kommt ihr das Schlafzimmer fremd vor, ebenso der Mann, mit dem sie offenkundig die Nacht verbracht hat. Scheinbar hatte sie am Abend zuvor ordentlich gefeiert, so dass sie keinerlei Erinnerung mehr hat. Im Badezimmer erschrickt sie: wer ist die Frau, die ihr aus dem Spiegel entgegenblickt? Sie ist mindestens zwanzig Jahre älter als sie selbst! Jeden Morgen wiederholt sich dasselbe Spiel: seit einem Autounfall leidet sie an Amnesie und kann sich an nichts mehr erinnern. Ihr Ehemann Ben hat das Haus sorgfältig präpariert, damit sie die wichtigsten Eckdaten schnell erkennt. Nachdem Ben zur Arbeit aufgebrochen ist, befindet sich Christine alleine in dem fremden Haus. Ein Telefonanruf verunsichert sie, ein Arzt will sich mit ihr treffen und weist auf ein Tagebuch hin, in dem sie seit Wochen Dinge notiert, die sie in minutiöser Arbeit rekonstruiert haben. Christine beginnt in ihrem eigenen Leben zu lesen und je weiter sie voranschreitet, desto seltsamer und beunruhigender werden die Erkenntnisse. Irgendwie wollen die Puzzlestücke nicht zusammenpassen und bald schon weiß sie nicht mehr, ob sie irgendwem überhaupt vertrauen kann.

S.J. Watsons Debutroman „Before I Go to Sleep“ war ein ungewöhnlicher Erfolg für ein Erstlingswerk, geschrieben hat es der Autor in seinen Pausen als Hörakustiker. Der Psychothriller wurde 2011/2012 mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und 2014 folgte die hochkarätig besetzte Verfilmung, die jedoch in keiner Weise an den Erfolg des Buches anknüpfen konnte.

Zu Beginn weist wenig daraufhin, dass es sich um einen Thriller handelt. Man bedauert Christine um ihre leidliche Situation und gemeinsam mit der Protagonistin versucht man Sinn in das Chaos, das sie umgibt, zu bringen. Es ist leicht, sich in sie hineinzuversetzen, da der Wissensstand zwischen ihr und dem Hörer/Leser identisch ist. Die Begegnung mit Dr. Nasch wirft weitaus mehr Fragen auf als sie beantwortet. Warum verheimlicht sie ihrem Mann die Treffen und was hat sie in den letzten Wochen bereits an Erinnerungen rekonstruieren können? Vor allem jedoch: weshalb hat sie als Notiz an sich selbst „Do not trust Ben“ in ihr Tagebuch geschrieben? Christines heimliches Treffen mit ihrer ehemaligen besten Freundin Claire befördert noch mehr Ungereimtheiten zu Tage und spätestens jetzt lässt sich der Psychothriller nicht mehr aufhalten und fährt sie ganzes Potenzial aus.

Die Handlung lebt von der Konstruktion rund um Christines Amnesie. Immer mehr Fakten trägt sie zusammen, die erst nach und nach einen Sinn ergeben und mit Zunahme des Wissens steigt jedoch nicht nur die Gewissheit über das eigene Leben, sondern vor allem die Angst vor der Gefahr, in der Christine schwebt, die immer deutlicher wird. Zielstrebig bewegt sich das Buch auf den dramatischen Höhepunkt zu, der dann auch die letzten Lücken schließt und so alle Fragen restlos beantwortet. Ein Psychothriller, der seinen Namen wirklich verdient hat und mich restlos begeistert – so sehr, dass das Finale mein Sportprogramm, bei dem ich das Hörbuch hörte, deutlich ausdehnte, um endlich zu erfahren, wie alles zusammenhängt.

Wiebke Lorenz – Einer wird sterben

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Wiebke Lorenz – Einer wird sterben

Wieder einmal ist Stella allein zu Hause, aber das ist der Preis, den sie als Gattin eines Piloten zahlen muss. Dafür hat sie es in der Villa in der ruhigen Wohngegend schön eingerichtet. Doch dann geschehen Dinge, die sie verunsichern. Erst fährt ein Wagen vor und parkt in der Straße, zwei Personen sitzen drin und bewegen weder sich noch das Auto. Dann streiken im Haus verschiedene Geräte, bis sie nachts an der Mülltonne überfallen wird und offene Drohungen erhält. Hat es etwas mit dem unheilvollen Datum zu tun? Jahre zuvor war die Sommersonnenwende der einschneidende Markstein in ihrem und Pauls Leben: bei einem Unfall wurden sie schwer und Pauls Exfrau tödlich verletzt. Paul saß am Steuer, hätte mit diesem Bekenntnis aber seine Karriere riskiert, weshalb Stella die Schuld auf sich nahm. Kann jemand davon wissen und bedroht sie nun nach all den Jahren? Und gerade jetzt ist Paul nicht nur nicht da, sondern auch kaum erreichbar und wenn sie ihn am Telefon hat, scheint er den Ernst der Lage nicht verstanden zu haben. Doch die Bedrohung ist real.

Der Plot hat alles, was ein Psychothriller braucht: lange verborgene Geheimnisse, die auch nach zig Jahren noch lauern und nur darauf warten, endlich ihr brisantes Potenzial zu entfalten; Zeichen, die vielfältig deutbar sind und durch die Unklarheit nur zu noch mehr Verunsicherung führen; eine Frau, die sich alleine in einer Villa befindet und dem Schicksal ausgeliefert ist. Doch leider führen diese Zutaten nicht zu einem spannenden Thrill, der beim Leser eine Gänsehaut auslöst; im Gegenteil, die Handlung schleppt sich so dahin und die Protagonistin wird einem von Kapitel zu Kapitel unsympathischer, so dass man ihr fast ein böses Ende wünscht.

Stella ist leider genau die Art von Figur, die ich nur schwer ertragen kann: das hilflose Dummchen, das alleine kaum überlebensfähig ist. Wie diese Figur jemals als Lehrerin gearbeitet haben soll, ist mir schleierhaft. Sie ist kaum zu einfachsten Tätigkeiten in der Lage, weshalb sie auch nur für den Besuch des Yoga Kurses zuständig ist und ansonsten offenbar untätig in der Villa rumliegt, Putzen übernimmt glücklicherweise eine Haushälterin. Unsozial wie sie zudem ist, pflegt sie auch keine Kontakte zu anderen Menschen, schon gar nicht zur Nachbarschaft. Hierzu wird sie nun aber gezwungen, weil eine aufwändige und völlig überzogene Nebenhandlung diese unmittelbar involviert und so weitere unglaubwürdige und nervige Figuren in die Handlung einbringt. Dies führt weder zu Spannungsaufbau, noch zur reizvollen Nebenhöhenpunkten, sondern wirkt konstruiert und hölzern.

Die Auflösung hat dann zwar nochmals eine vermeintliche Wendung gebracht, die jedoch so vorhersehbar war, dass man im letzten Viertel des Romans nur noch sehnsüchtig darauf gewartet hat, dass alles möglichst bald zu Ende ist. Spannende Unterhaltung geht anders.

Patricia Highsmith – A Suspension of Mercy

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Patricia Highsmith – A Suspension of Mercy

Natürlich hat er schon darüber nachgedacht seine Frau zu ermorden, mehrfach sogar, auf vielfältige Weise, aber letztlich ist das ja sein Job. Sydney Bartleby ist Drehbuchautor für Mystery Serien und muss sich daher schon von Beruf wegen mit dem Ableben der Menschen beschäftigen. Als Alicia sich entschließt, kurzfristig auf eine längere Reise zu gehen, nutzt er die Chance, den perfekten Mord zu inszenieren und seine Schreibblockade zu lösen. Am Tag nach dem Verschwinden Alicias beseitigt er frühmorgens unter genauer Beobachtung seiner Nachbarin einen Teppich und auch ansonsten bemüht er sich möglichst auffällig unauffällig zu sein, was die Polizei, Freunde und seine Schwiegereltern auf den Plan ruft und ihn zum Verdächtigen Nummer 1 macht.

Patricia Highsmith ist ohne Frage eine der begnadetsten Krimiautorinnen des 20. Jahrhunderts – und das funktioniert sogar gänzlich ohne Mord. Leider ist sie über ihren Ripley Roman hinaus dem breiten Publikum nur wenig bekannt, dabei schafft sie es immer wieder hochinteressante Figuren zu konstruieren, die über das Spannungsmoment hinaus ihre Romane bereichern, wie sie eindrucksvoll in „Carol oder Salz und sein Preis“ oder auch in „Der Schrei der Eule“ beweist. Auch Sydney Bartleby ist faszinierend in seinem Spiel mit den Mitmenschen zu beobachten.

Die gescheiterte Ehe der beiden Künstler ist der Ausgangspunkt des fatalen Treibens. Bartlebys Manipulationen zeigen wahrlich, dass er das Zeug zum Krimiautor hat, nicht nur ist er kreativ im Erfinden möglicher Tode, nein, jeder Schritt ist geplant, das vergessene Manuskript, das leichtfertig als Tagebuch gedeutet werden könnte, ebenso wie die Besuche bei der neugierigen Nachbarin oder die falschen und widersprüchlichen Aussagen zu Alicias Verbleib. Das Katz-und-Maus-Spiel steigert sich immer weiter, bis es zu dem unweigerlichen Unglück kommen muss – das jedoch völlig anders ausgeht als erwartet. Hier zeigt sich die Patricia Highsmith’s wahres Talent, wenn sie auch mit ihrem Leser spielt.

Heute vermutlich eher als cosy crime klassifiziert, hat der inzwischen über 40 Jahre alte Text jedoch nichts an Unterhaltungswert verloren.

Sheila Heti – Mutterschaft

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Sheila Heti – Mutterschaft

„Ich wusste, das Einzige, womit man mit vierzig noch anfangen konnte, war die Literatur. Da ging man mit vierzig noch als jung durch. Aber in jeder anderen Hinsicht war ich alt, alle Boote waren längst abgefahren und auf hoher See, während ich erst auf die Küste zusteuerte und mein Boot noch nicht mal gefunden hatte.”

Die Autorin Sheila Heti sieht sich mit Ende 30 plötzlich mit einer Frage konfrontiert, die sich viele Frauen in diesem Alter stellen: kinderlos bleiben oder doch noch kurz vor Ablaufen der biologischen Uhr schwanger werden? Immer schneller kreisen ihre Gedanken nur noch um dieses Thema, nehmen allen Raum in Kopf ein und verhindern jeden rationalen Blick auf ihr Leben. Ihr Mann ist zufrieden mit dem Leben, wie sie es führen, aber er hat ja auch bereits eine Tochter aus erster Ehe! Heti beginnt nicht nur an ihrem Lebensentwurf zu zweifeln, sondern stellt plötzlich auch ihre Partnerschaft in Frage und ihre depressive Denkweise grenzt sie immer mehr ein und drängt sie in die Ecke, einen Ausweg aus dem Gedankenstrudel sieht sie kaum mehr. Was ist der richtige Weg im Leben, der, den man später einmal nicht bereuen wird?

Die Autorin versucht das Thema Mutterschaft mit den modernen Erwartungen der Gesellschaft an eine Frau, aber auch mit den Wünschen und Erwartungen der Frauen selbst unter einen Hut zu bringen. Hinzu kommen bei ihr als Jüdin noch die religiösen Aspekte, der Druck, die Gemeinde auch in Zukunft zu erhalten und fortzuführen, ebenso wie die Erfahrungen aus ihrer Kindheit, als sie bereits mit jungen Jahren den Eindruck hatte, den Erwartungen ihrer Mutter nicht gerecht zu werden und nun enthält sie dieser auch noch den Enkel vor. So weitet sich die Frage nach dem Kinderwunsch zu einer Lebenskrise unglaublichen Ausmaßes aus, dem man dennoch interessiert folgt.

Viele Aspekte, die Heti anführt, lassen sich leicht nachvollziehen. Karriere und Mutterschaft lassen sich selten erfüllend miteinander verbinden, unweigerlich muss frau sich für eins von beiden entscheiden. Das große, interessante Leben, dass da draußen aus einen wartet, kann auch nur gelebt werden, wenn nicht zu Hause Mäuler gestopft, Tränen getrocknet und Entwicklungsfortschritte bewundert werden müssen. Natürlich ist ihre Unterstellung ihr Mann wolle ihr nur das interessante Leben vorenthalten durch die Fessel Kinder und Küche ihrer Depression geschuldet, so ganz ist der Gedanke jedoch nicht von der Hand zu weisen, dass eine Hausfrau nun einmal leichter zu kontrollieren ist als eine freiheitsliebende Künstlerin.

Auf der anderen Seite bekommen die Freundinnen Kinder, scheinen glücklich in dieser Situation zu sein – wie soll man dies beurteilen wollen, ohne es selbst zu kennen? Die Entscheidung dafür oder dagegen ist zeitlich begrenzt, es gibt irgendwann kein Zurück mehr und der eingeschlagene Weg kann nicht mehr umgekehrt werden. Kommt die Einsicht, einen Fehler gemacht zu haben, zu spät, muss man damit unter Umständen Jahrzehnte leben.

Vor allem der Druck von außen macht ihr zu schaffen, obwohl ihr Mann überzeugend darlegt, dass jede Gesellschaft schon immer auch einen besonderen Platz für die Kinderlosen hatte, die sich insbesondere um das geistige und künstlerische Wohl bemühten.

„Du kannst nicht jemanden auf die Welt bringen, bloß um eine Diskussion in deinem Kopf zu beenden oder weil du neugierig auf jedwede menschliche Erfahrung bist oder damit du dich deinen Freundinnen anpasst.”

Am Ende erkennt Heti, dass die ganze Diskussion für sie eigentlich nur eine Scheindebatte war, das eigentliche Problem ist, dass sie sich ihr Leben betreffend immer wieder damit konfrontiert sah, sich Alternativen auszumalen, wie es sein könnte und darüber vergaß, das Jetzt und Hier zu genießen.

Ein sehr persönliches Buch, das die Gedankenwelt der Autorin schonungslos offenlegt und einem an ihrem Selbstfindungsprozess teilhaben lässt. Mutig lässt sie auch unpopuläre Gedanken stehen und bringt für mich insgesamt überzeugend und sprachlich ansprechend durch ihren plaudernden, aber dennoch sehr metaphorischen Stil eine der großen Fragen auf den Punkt.

Sayed Kashua – Lügenleben

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Sayed Kashua – Lügenleben

Sein Vater liegt im Sterben. Eilig hastet der Ich-Erzähler aus Illinois zurück nach Israel, um ihn noch einmal zu sehen, vielleicht sogar endlich die Dinge auszusprechen, über die sie seit vierzehn Jahren geschwiegen haben. Die Mutter gibt ihm den Schlüssel zum elterlichen Haus, damit er in seinem alten Zimmer übernachten kann, doch er kann nicht zurück in das Dorf, aus dem man ihn verstoßen hat. Erst musste er mit seiner Frau Falestin nach Jerusalem fliehen, dann sind sie nach Amerika ausgewandert, wo man ihr eine Dozentenstelle angeboten hat. Mit der Rückkehr kommen auch die Erinnerungen wieder auf, an seine Zeit als arabischer Journalist für eine hebräische Zeitung, als Ghostwriter für Autobiografien und als Schriftsteller, der eine Kurzgeschichte in einer Studentenzeitung veröffentlichte. Und das Unheil, das es damit nahm.

Sayed Kashua lebt heute in den USA, nachdem er als Kolumnist für die „Haaretz“ gearbeitete hatte und sich einen Namen als Drehbuchautor und Filmkritiker gemacht hatte. „Lügenleben“ ist das fünfte Buch des arabischstämmigen Israelis und zugleich das letzte Übersetzungswerk von Mirjam Pressler, das sie kurz vor ihrem Tod im Januar 2019 noch beendete.

Wie auch andere seiner Romane trägt auch der aktuelle Roman autobiografische Züge und thematisiert nicht nur das schwierige Verhältnis von jüdischen und arabischen Israelis miteinander, sondern auch die Familienzwänge und Traditionen, aus denen es vor allem in ländlichen Gebieten kein Entkommen zu geben scheint. Die Kinder haben sich dem Diktat der Eltern, Dorfältesten und Scheichs zu fügen – egal, ob die Urteile gerecht und richtig sind oder nicht.

Die Erinnerungen des Erzählers folgen keiner chronologischen Struktur und so bleibt lange offen, was es genau war, das zu seiner Vertreibung geführt hat. Auch das seltsame Verhältnis zu seiner Frau Falestin ist eher mysteriös denn nachvollziehbar. Sie leben in zwei Wohnungen, ein echtes Familienleben scheint es nicht zu geben. Auch die drei Kinder erhalten keine Antworten auf ihre Fragen – alles, was die Familie und die Zeit vor der Flucht aus dem Dorf betrifft, bleibt nebulös. Dabei liebt er, bewundert Falestin, aber diese weist ihn ab, akzeptiert ihn jedoch als ihren Mann. Erst nach und nach fügt sich das Bild zusammen und offenbart ein trauriges Schicksal, das man so in der Gegenwart kaum mehr glauben mag.

Ein vielschichtiger Roman, der persönliches Leid, Familie und Tradition, die politische Lage in Israel und auch Emigration und Flucht thematisiert und vor allem die innere Zerrissenheit einer ganzen Generation offenbart, die doch nur glücklich und in Sicherheit leben möchte und auf der Suche hiernach getrieben ist und weder eine klare Vergangenheit noch eine Zukunft zu haben scheint. Und es ist vor allem die Frage danach, was Wahrheit ist und was sie ausmacht und inwieweit wir uns unsere eigene Wahrheit gestalten, um uns in unserem Leben zurechtzufinden. Ein großartiger Roman, ganz sicherlich auch wegen der hervorragenden Übersetzerin.

Ein herzlicher Dank geht an den Piper Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Titel finden sich auf der Verlagsseite.

Deborah Levy – Was das Leben kostet

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Deborah Levy – Was das Leben kostet

Bücher von Deborah Levy, in denen die Autorin ihr Leben und ihre Erlebnisse zum Thema macht, sind nie leicht zu fassen und zu rezensieren. So auch „Was das Leben kostet“, in dem sie die Trennung von ihrem Ehemann und den Tod ihrer Mutter verarbeitet. War es in „Was ich nicht wissen will“ noch die Sprachlosigkeit, aus der sie einen Ausweg sucht, sind es nun die plötzlich entstehenden Lücken, die sie füllen muss. Ein neues Heim, das nicht heimelig werden will; die Definition des Ich, das nicht mehr (nur) Gattin und Mutter ist, sondern Frau in einer Welt, die scheinbar viel zu sehr von misogynen Männern dominiert wird; der Tod der Mutter und die darauf folgende Orientierungslosigkeit – mit dem Schreiben verarbeitet sie ihre Emotionen und die Suche nach Struktur und Sinn im neuen Dasein.

Vor allem ihre Begegnungen mit Männern haben beim Lesen einen ausgesprochenen Reiz. Womöglich übt sie eine besondere Anziehungskraft auf diejenigen Exemplare aus, die in einem – positiv formuliert – traditionellen Weltbild gefangen sind und Frauen nur als dekoratives Element wahrnehmen und denen jeder Horizont fehlt, das Gegenüber als gleichwertigen Gesprächs- und Lebenspartner anzuerkennen. Ohne Frage hat der gesellschaftliche Wandel, den die Frauen im 20. Jahrhundert erstritten haben, nicht jeden erreicht und stellt so manchen Mann vor große Herausforderungen, wenn an ihrem Weltbild gerüttelt wird und sie sich nicht in der Rolle wiederfinden, die sie sich qua Geschlecht zuschreiben.

Aber auch ihr Fahrrad, symbolisches Kampfmittel, an und mit dem sie ihre Wut und Energie zu kanalisieren versucht, nimmt eine interessante Rolle ein. Die neugewonnene Freiheit durch den Elektroantrieb ermöglicht die Mobilität im chronisch verstopften London bei gleichzeitig allen damit verbundenen Nachteilen wie erfrorene Finger im Winter und dem mühsamen Transport der Einkäufe. Aber es ist auch das Gerät, das ihr als Person die Schau stiehlt und die Aufmerksamkeit von Männern auf sich zieht.

„Freiheit ist nie umsonst. Wer je um Freiheit gerungen hat, weiß, was sie kostet.“

Als Kind ist Deborah Levy mit ihren Eltern aus Südafrika geflüchtet, nun flüchtet sie mit Anfang 50 aus dem Leben in Ehe und steht wieder vor dem Neuanfang und dem Aufbau nicht nur einer Ordnung, sondern auch des eigenen Ichs. Die Introspektion durch die Personalisierung des eigenen Ichs im Schreiben erlaubt es ihr, auch kritische und angreifbare Gedanken zu verbalisieren und ihr Leben neu zu strukturieren. Ein harter und steiniger, aber interessanter Weg, dem man als Leser gerne folgt.

Leïla Slimani – All das zu verlieren

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Leïla Slimani – All das zu verlieren

Adèle hat eigentlich alles, was man sich wünschen kann. Verheiratet mit ihrem erfolgreichen Arzt lebt sie in Paris, hat einen bezaubernden kleinen Sohn und arbeitet mehr zum Zeitvertreib als Journalistin. Nach außen ist das Familienleben perfekt, aber in Adèle tobt ein Krieg, sie lebt ein Leben, das sie nicht will. Geheiratet hat sie nur, weil es günstig war, um aus den bescheidenen Familienverhältnissen zu entfliehen, aber ihr Mann kann ihr nicht geben, was sie braucht. Schon lange ist ihr Liebesleben nicht mehr existent und sie such tagtäglich den Kick. Mal mit fremden Männern, mal mit Bekannten. Sie will begehrt werden, sonst hat sie den Eindruck nicht zu existieren. Ihren Alltag bekommt sie immer weniger in den Griff und zu ihrem Sohn konnte sie nie eine Verbindung aufbauen, denn ihr ganzes Denken dreht sich nur um eines: den nächsten Mann finden, der ihr verfällt.

Leïla Slimanis erster Roman erscheint jetzt erst in Deutschland, interessanterweise nach „Sex und Lügen“, das als direkte Reaktion darauf entstanden ist, denn in ihrer marokkanischen Heimat hat man nur wenig begeistert auf das Buch reagiert, das ein Verhalten einer Frau beschreibt, das gegen alle Konventionen ist und scharf verurteilt wurde.

Die Geschichte ist eigentlich nur eine Momentaufnahme aus Adèles Leben, denn die Handlung ist recht reduziert. Es reiht sich ein Abenteuer an das nächste, ohne dass es hier eine tatsächliche Entwicklung gäbe. Zwar ahnt man, dass sich der Konflikt zwischen den Ehepartnern zuspitzen muss, was auch geschieht, vor allem nachdem Adèles Mann hinter das Doppelleben kommt und sich gezwungen sieht, darauf zu reagieren, was ihn zunächst einigermaßen überfordert.

Die Figur der Adèle ist leider etwas begrenzt in ihrer Komplexität. Ihre Sexsucht steht im Zentrum der Handlung und ihrer Persönlichkeit und alles andere wird diesem untergeordnet. Woher dies kommt, bleibt offen, auch scheint sie wenig reflektiert in Bezug darauf, was die Sucht mit ihr und ihrer Familie macht. Sie wird beherrscht durch das Verlangen und schaltet dabei alle anderen Gedanken aus, was unweigerlich in der Katastrophe enden muss. Psychologisch jedoch in sich stimmig und nachvollziehbar, wie ein Leben durch eine Abhängigkeit egal welcher Art völlig dominiert wird und sich nur noch darum dreht.