Julia Rothenburg – Koslik ist krank

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Julia Rothenburg – Koslik ist krank

Was war passiert? So genau kann sich René Koslik nicht erinnern und jetzt ist er in einem Freiburger Krankenhaus. Es muss wohl eine Art Anfall gewesen sein, aber das werden die Ärzte herausfinden. Wohl fühlt er sich nicht in dieser Parallelwelt, in der ihm auch alles so fremd vorkommt. Vom Akademiker, der in seinen Kursen das Heft fest in der Hand hat, wird er zum Objekt, an dem verschiedenste Ärzte und Pfleger irgendwelche Messungen vornehmen; er wird eingepackt in ein Auto, in eine andere Abteilung gebracht; wartet – Minuten, Stunden, Tage. Worauf? Das muss er den Arzt fragen, wenn dieser Mal kommt. Was man untersucht? Auch das weiß nur der Arzt. Und die Ergebnisse? Wieder den Arzt fragen. Doch wann kommt dieser? Und die anderen Patienten, müde sehen sie aus, krank und bald schon bewegt sich auch Koslik mit schleichendem Schritt und hängendem Kopf. Er wartet eigentlich nur noch auf das Ende, das einzige, was noch kommen kann, wenn man hier gelandet ist.

Julia Rothenburg wirf den Leser in ihrem Debüt direkt in die Handlung. So wie der Protagonist plötzlich wieder zu sich kommt, erblickt man mit ihm die fiktive Welt des Krankenhauses. Er muss sich orientieren, was nicht leicht fällt, ebenso wie dem Leser. Was folgt ist zum einen ein Blick auf die Realität deutscher Kliniken, zum anderen aber auch, was ein Aufenthalt dort mit den Menschen macht und wie sie zunehmend ihre Autonomie verlieren.

Zunächst sind Kosliks Gedanken geprägt von Fragen nach dem Wo und Was geschehen ist, hinzu kommt die Angst davor, dass er ernsthaft krank sein könnte, womöglich einen Schlaganfall hatte. Schnell merkt man jedoch, dass man es mit einem scharfen Beobachter zu tun hat, der zwar seine Gedanken erst wieder sammeln muss, seine Umwelt aber detailliert wahrnimmt und deutet. Er beobachtet die Haltungen der Menschen, ihr Ausgeliefertsein und kann selbiges auch bei sich rasch feststellen. Die Transformation vom autonomen Lebewesen zum abhängigen Objekt verläuft fließend, Koslik stemmt sich immer wieder dagegen, wenn ihm dies bewusst wird. Die fehlenden Informationen zu seinem Gesundheitszustand oder den weiteren Abläufen erschweren zudem das Aufrechterhalten der Selbstständigkeit und Freiheit. Er kommt sich bald wie ein Gefangener vor, die Tatsache, dass er das Klinikgelände auch nicht verlassen soll, spiegelt dies deutlich wieder:

„Herr Koslik, sagt sie. Wo wollen Sie denn hin?

Mal raus, sagt Koslik. Spazieren gehen oder so. Mir wurde gesagt, dass die Untersuchung …

Nein, das geht nicht, sagt Schwester Inge. Wir haben hier die Pflicht der Patientenüberwachung. Sie können nicht einfach rausgehen, dann können wir nicht mehr für Ihre Sicherheit garantieren. Denken Sie nur daran, was passieren könnte. Das ist versicherungstechnisch nicht möglich.”

 

Alles ist geregelt und läuft, nur ist dies für Koslik nicht durchschaubar. Es fällt nicht schwer, sich in den Protagonisten hineinzuversetzen und seine Hilf- und Ausweglosigkeit nachzuvollziehen. Krankheit ist als solches schon schlimm genug, sich damit auseinandersetzen und umgehen lernen, aber in einem solchen System, das einem degradiert, wird dies umso schwieriger. Koslik könnte sich auflehnen, dagegen kämpfen und protestieren. Aber ach, er war in seinem Leben immer schon mit so wenig zufrieden und lässt mit ihm machen, was die Organisationsabläufe nun einmal vorsehen.

Als er am Ende plötzlich mit gepackter Tasche vor der Klinik steht, weiß er nicht wohin. Vielleicht war es doch nicht so schlecht, wenn andere einem die Entscheidungen abnehmen und man sich einfach nur leiten lassen muss. Das ungute Gefühl der Fremdbestimmtheit verwandelt sich zum Sehnsuchtsgefühl: ist es das, was man als Mensch will? Keine Schonkost dieser Roman, aber Anlass zum Nachdenken.

Adolf Muschg – Heimkehr nach Fukushima

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Adolf Muschg – Heimkehr nach Fukushima

Der Architekt und Schriftsteller Paul Neuhaus wird von japanischen Freunden eingeladen. Er war 2011 schon einmal dort, gerade als das Unglück passierte und jetzt möchten sie, dass er mit ihnen in die verstrahlte Region rund um den Reaktor fährt, um zu schildern, wie langsam das Leben zurückkehrt. Als er in Japan ankommt, eröffnen sie ihm, dass Ken sie nicht begleitet, ein Krebs zwingt ihn zu unaufschiebbaren Untersuchungen, so begibt sich Paul mit Mitsu alleine gen Fukushima. den Geigerzähler und Schutzkleidung im Gepäck, um die Menschen vor Ort zu besuchen, die ihre Heimat zurückerobern wollen.

Adolf Muschg hat ein Thema aufgegriffen, das auf verschiedenen Ebenen Diskussionsstoff bietet und zum Nachdenken anregt. In erster Linie natürlich der Umgang des Menschen mit der Natur, wobei sich hier nicht nur die Frage nach der nuklearen Verstrahlung stellt, sondern Bebauung und auch Tiernutzung angerissen werden. Als zweites wird sehr deutlich, dass die japanische Gesellschaft gänzlich anderen Konventionen und Zwängen unterliegt, als die deutsche und so manches hier in einem solchen Katastrophenfall anders gelaufen wäre. Muschg schafft es gleichermaßen auf dieser Reise globale, partikular-gesellschaftliche und individuelle Fragen zu stellen und die Relevanz des Romans so zu unterstreichen.

Je weiter der Roman voranschreitet, desto bedrückender wird er. Die Begegnung mit den Heimkehrern bleibt nicht ohne Spuren, die Begründungen für ihr Handeln sind absurd und doch nachvollziehbar: nirgendwo ist man sicher, schon gar nicht in Japan; das Genom kann sich anpassen; der Wohnraum wird gebraucht; sie kümmern sich um die Wiederherstellung der Landschaft, eine ehrenvolle gesellschaftliche Aufgabe. Woher kommen die Arbeiter im Unglückswerk? Arbeitslose, die keine Alternativen haben und so gutes Geld verdienen können. Es regt sich kein

Widerstand, schon gar nicht gegen die Atomenergie, denn ein solches Verhalten ist in Japan nicht vorgesehen.

„Wer oder was hätte eines solchen Einsatzes, verlorene Grundlagen zu befestigen, spotten dürfen? Diese Menschen arbeiteten unermüdlich an der Herstellung der erwünschten Optik und beglaubigten sie mit Schweiß und Tränen. Fukushima war kein Potemkinsches Dorf, kein abgeschriebener Posten wie Tschernobyl, sondern eine glückliche Landschaft. Oder würde es in zwanzig Jahren wieder sein.”

Der Glaube an die Bezwingbarkeit der Natur und an die Menschheit ist groß, doch dabei wird eines vergessen:

„Aus der Geschichte nichts lernen, heißt, sie wiederholen.

Heißt es das? Geschichte wiederholt sich nie oder immer. Ganz sicher ist nur: wir lernen nichts daraus.”

Unermüdlich schafft sich der Mensch die Welt, wie sie ihm gefällt, und begeht dabei ebenso unermüdlich immer wieder den Fehler, seinen eigenen Lebensraum zu zerstören. Dann passt man sich an die neuen Gegebenheiten an, bis zur nächsten Katastrophe. Hierin unterscheiden sich die Gesellschaften kaum, das ist das globale gemeinsame Phänomen, das unseren gemeinschaftlichen Untergang vorantreibt.

Dennis Lehane – Der Abgrund in dir

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Dennis Lehane – Der Abgrund in dir

Rachel Childs wächst mit ihrer Mutter auf, die mit Ratgebern ein Vermögen gemacht hat. Ein Vater fehlt ihr nicht wirklich, dennoch würde sie gerne wissen, wer sie Erzeugt hat. Die Mutter verspricht das Geheimnis zu lüften, schiebt dies jedoch immer weiter hinaus, bis sie schließlich bei einem Unfall. Rachel engagiert den Privatdetektiv Brian Delacroix, der auch den einen oder anderen potenziellen Kandidaten auftut, die sich jedoch alle als falsche Spur herausstellen. Nachdem ihre Karriere als Journalistin ein jähes Ende nimmt und ihre Ehe mit Sebastian geschieden wird, trifft sie nach Jahren wieder auf Brian und die beiden verlieben sich. Er scheint der Mann ihres Lebens zu sein und steht Rachel in ihren schwersten Stunden, in denen sie von Panikattacken überfallen wird, bei. Doch irgendetwas kommt ihr komisch vor, ein unbestimmtes Gefühl nagt an ihr und bald schon mehren sich die Zeichen, die darauf hindeuten, dass Brian nicht der Mann ist, den sie glaubt geheiratet zu haben.

Dennis Lehane, international ausgezeichneter Autor, der seit rund 25 Jahren eine feste Größe im Krimigenre ist. zahlreiche seiner Romane wurden verfilmt und er selbst hat auch mehrere Drehbücher für die Serie „The Wire“ geschrieben. „Der Abgrund in dir“ unterstreicht einmal mehr seinen Platz unter den ganz Großen, denn wenn dem Roman eine Sache gelingt, dann ist es immer wieder zu überraschen und Fahrt in eine völlig neue Richtung aufzunehmen.

Langsam und gemächlich beginnt die Geschichte um Rachel und ihre Suche nach dem Vater. Dies scheint das zentrale Element des Romans zu sein und mit jedem vermeintlichen Kandidaten, der sich wieder als der nicht Richtige herausstellt, steigt die Spannung auf den echten. Doch dann steht plötzlich Rachels Karriere als Journalistin und erfolgreiche Reporterin im Zentrum der Handlung. Was wird sie in dem völlig zerstörten Haiti aufdecken, in welche Gefahr begibt sie sich? Nun ja, hier endet auch schon dieses Kapitel und ihr Privatleben rückt in den Fokus. Vor allem ihre Ängste, die sie ans Haus fesseln, bestimmen wesentlich den weiteren Fortgang. Glücklicherweise findet sie in ihrem zweiten Ehemann Brian einen zugewandten und verständnisvollen Partner. Als man denkt, dass alle Kämpfe entschieden sind und Rachels Leben sich auf die Befreiung der Dämonen, die sie in Ketten legen, konzentrieren wird, packt Lehane erst richtig aus und der Roman verwandelt sich zu einem regelrechten Psychothriller, mit einem Tempo, das einem den Atem stocken lässt.

Erst wenn man den Roman ausgelesen hat, wird deutlich, wie clever dieser konstruiert ist und wie die einzelnen Teile ineinandergreifen, die zuvor mehr lose und episodenhaft nebeneinanderstanden. Vor allem Rachels Charakter und psychisches Befinden wird maßgeblich durch die Ereignisse beeinflusst und hier zeigt sie Lehanes professioneller Hintergrund als Therapeut. Man merkt auch, dass er beim Schreiben schon den Film vor Augen sieht, stark sind die Bilder, die er hervorruft und es fällt einem nicht schwer, die Handlung zu visualisieren. Eine entschlossene Frauenfigur, die auch schwach sein kann, sich immer wieder aufrafft, selbst am Schopf packt und weitergeht – nur wohin, ist noch die Frage.

Ein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Buch finden sich auf der Verlagsseite.

Lukas Rietzschel – Mit der Faust in die Welt schlagen

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Lukas Rietzschel – Mit der Faust in die Welt schlagen

Um die Jahrtausendwende sieht die Welt noch rosig aus, auch wenn in Neschwitz bei Dresden die blühenden Landschaften ausgeblieben sind und die Reste der DDR Industrie nach und nach abgerissen werden. Die Eltern bauen ein Haus, die Söhne Philipp und Tobias sind noch klein und haben das Leben vor sich. Dieses Leben folgt jahrein jahraus denselben Bahnen. Angriff auf das World Trade Center, Hochwasser in Dresden – woanders geschieht etwas, nicht aber in Neschwitz. Die Jungs werden älter, Philipp gerät an falsche Freunde, spielt den Halbstarken, Tobias zieht sich immer mehr zurück, bewundert ein Mädchen seiner Klasse, doch nach der Grundschule trennen sich die Wege, für Kinder wie ihn bleibt nur die Hauptschule. Die versprochenen Perspektiven bleiben aus und zunehmend lehnt sich die Jugend auf, erst gegen die Sorben, dann gegen die anderen Ausländer, die den Westen ihrer geliebten Heimat schon erobert haben. Irgendjemand muss doch etwas dagegen tun, das ist doch reine Selbstverteidigung!

Lukas Rietzschels Roman zeichnet eine Welt nach, von der man weiß, dass sie existiert, aber die man eigentlich nicht sehen will, weil man sich schämt, dass es sie gibt, weil man sie verachtet, weil man nicht weiß, was man dagegen tun soll. Aus zwei schüchternen Jungs, wohlerzogen und bescheiden, werden Mitläufer und Täter, Rassisten und gewaltbereite Kriminelle. Hätte es eine Alternative zu dieser Entwicklung geben können? Die Oma wusste schon, dass sie keine Chance bei der Lehrerin haben, die hatte die Mutter schon auf dem Kieker, da kann man sich noch so bemühen, es ist ohnehin umsonst.

„Dieses ganze System ist am Arsch“, sagte Menzel. „Diese Gesellschaft, wo niemand mehr sagen kann, was er will. Wo dir vorgeschrieben wird, was du essen, wie viel du trinken und wie schnell du fahren darfst. Du bist ein Rassist, du bist ein Sexist! Die sollen alle mal die Fresse halten!“

„Weißt du, was ich glaube?“, sagte Tobias.

„Hm?“, fragte Menzel.

„Es braucht mal wieder einen richtigen Krieg.“

Dieser kurze Dialog gegen Ende des Romans fasst zusammen, was die Figuren empfinden: sie sind abgehängt, haben keinen Einfluss, nicht einmal auf die banalsten Dinge des Alltags, keiner versteht sie, sie werden sofort abgestempelt und wissen nicht, wie sie aus der Nummer rauskommen sollen.

Rietzschel weckt kein Mitleid für seine beiden Protagonisten, er verurteilt sie auch nicht, er beschreibt neutral einen Schritt nach dem anderen, der dazu führt, dass sie da enden, wo sie schließlich sind. Eine Geschichte, wie es leider zu viele gibt. Kein schöner Roman, auch „unterhaltsam“ trifft es nicht. Brutal bildet er auf seine Weise die Realität ab und wird so zu einem Zeitzeugnis, einem, das niemand sehen will, das man aber nicht ignorieren sollte.

Matthew Weiner – Alles über Heather

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Matthew Weiner – Alles über Heather

Mark Breakstone ist eher unscheinbar, aber seine analytischen Fähigkeiten werden ihm irgendwann ein großes Einkommen bescheren – wenn er ansonsten schon für seine Eltern eine Enttäuschung war, da er so gar nicht ihren Wünschen entsprach. Karen hat immer von einer Karriere im Literaturbetrieb geträumt, hängt jetzt aber im PR fest und als Freunde ihr ein Date mit Mark vermitteln, erwartet sie nicht viel. Doch die beiden sind pragmatisch und eine Vereinigung erscheint sinnvoll. Heather ist das Ergebnis ihrer Liebe und das Kind ist in jeder Hinsicht perfekt: hübsch und charismatisch wickelt sie vom ersten Tag an alle um den Finger, dazu ist sie einfühlsam und aufmerksam, will niemanden verletzten. Mit Marks Karriere geht es voran, wenn auch nicht ganz so glanzvoll wie gewünscht, aber allein das Dasein Heathers und die Wohnung im teuersten Postleitzahlenbezirk von New York sind schon repräsentativ genug. Doch es droht Unheil in Form von Bobby Klasky, Sohn einer Drogensüchtigen und Ex-Knacki, der als Bauarbeiter in das vornehme Haus der Breakstones kommt und dem die Teenager-Tochter auch direkt ins Auge fällt.

Matthew Weiner hat sich als Schöpfer der Serie „Mad Men“ bereits einen Namen gemacht, bevor er mit „Alles über Heather“ nun seinen ersten Roman verfasste. Die Erwartungen waren naturgemäß hoch, für mein Empfinden konnte Weiner sie erfüllen und mit Ulrich Matthes als Vorleser konnte ohnehin nur wenig schiefgehen.

Der Autor lässt zwei Geschichten des gegenwärtigen Amerika parallel verlaufen, die unterschiedlicher kaum sein könnten und dennoch im selben Land geschehen: einerseits der Mikrokosmus der New Yorker Upper Class mit ihren eigenen Regeln und dem aufrechtzuerhaltenden schönen Schein nach außen, während hinter der Fassade langsam alles zu bröckeln beginnt. Die erfolgreiche und hübsche Tochter, die als Projektionsfläche der elterlichen Träume und Wünsche fungieren muss und in der gleichzeitig auch deren größten Ängste zentriert sind. Dagegen die drogenabhängige Mutter Bobbys, die nicht einmal weiß, wer der Vater ihres Sohnes ist, da einfach zu viele in Frage kommen, die weder das Potenzial des Kindes erkennt, noch die geringste Anstrengung auf ein geregeltes Leben unternimmt. So kommt es wie es kommen muss, Bobby gerät auf die schiefe Bahn und einmal im wahrsten Sinne des Wortes Blut geleckt, kann er seine Triebe nur schwer kontrollieren. Es ist abzusehen, dass sich die Wege kreuzen müssen und eine Katastrophe sich anbahnt.

Der Roman scheint ein eindeutiges Schwarz und Weiß zu kennen, doch so einfach ist es nicht. Bobbys Familiengeschichte erklärt seine Entwicklung, man kann Mitleid mit ihm haben, zum Teil sogar bewundern, dass er nicht schon viel früher in Schlimmeres verwickelt war und sich doch immer wieder selbst auf den richtigen Weg gebracht hat. Er ist ein Soziopath, ohne Frage, aber vielschichtiger als zunächst vermutet. Auch die Breakstones sind keineswegs so oberflächlich und eindimensional, wie dies der Schein vermuten ließe. Was alle gemeinsam haben, ist eine tiefe Enttäuschung vom Leben, wirklich glücklich ist niemand, weder am oberen noch am unteren Ende der Gesellschaft.

Der Roman ist Abbild und Analyse der USA unter Trump. Der Rückzug ins Private, die Konzentration auf das unmittelbare Lebensumfeld und das Ausblenden der Wirklichkeit darüber hinaus. Doch dieser Kokon hat eine fragile Außenschicht, was ihn verletzlich und zerbrechlich macht und schutzlos der bösen Außenwelt ausliefert.

Vendela Vida – Des Tauchers leere Kleider

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Vendela Vida – Des Tauchers leere Kleider

Eine Frau flieht, nur weg aus Amerika. Casablanca erscheint ihr entfernt genug. Kaum im Hotel angekommen, wird ihr Rucksack mit Pass und Kreditkarten gestohlen. Das Personal macht einen engagierten Eindruck, auch die Überwachungskamera zeigt den Schuldigen. Die Polizei beruhigt sie, man wird den Täter schnell finden. Doch am nächsten Tag auf der Wache übergibt man ihr den falschen Rucksack inklusive dem Pass einer anderen Frau. Soll sie diesen annehmen und das Thema abhaken oder weiter ihren eigenen fordern? Sie greift zu und übernimmt die fremde Identität. In ihrem Hotel will sie nicht bleiben und zieht daher um. In ihrer neuen Unterkunft finden gerade Dreharbeiten mit einer berühmten Schauspielerin statt und nach dem Ausfall eines Lichtdoubles wird sie spontan engagiert. Mit einer neuen Identität eröffnet sich ein neues Leben. Aber so leicht lässt sich das alte nicht abstreifen.

Vendela Vidas Roman kann immer wieder überraschen. Nicht nur weil die Protagonistin völlig absurd und wenig nachvollziehbar agiert, sondern auch weil die Handlung immer wieder unerwartete Wendungen nimmt. Wenig an dem Roman entsprach dem, was ich von ihm erwartet hatte.

Im Zentrum steht die junge Frau, die offenbar Schreckliches erlebt hat, was sich aber erst sehr spät im Roman nach und nach offenbart, ihre Flucht aber letztlich sehr glaubhaft motiviert. Casablanca ist für sie kein reiflich überlegtes Ziel, überhaupt scheint der Ort, an den sie reist, nur am Rande relevant zu sein. So bleibt das Setting auch weitgehend beliebig und die Handlung könnte sich ziemlich überall abspielen, womit die Autorin leider eine Chance vergeben hat. Dass sie die fremde Identität annimmt und wie es dazu kommt, kann man entweder als völlig unglaubwürdig oder ausgesprochen klischeehaft einordnen – beides ist nicht besonders befriedigend.

Den größten Teil der Handlung nehmen die Begegnung mit der Schauspielerin und die Dreharbeiten ein. Zugegebenermaßen hat mich der Ablauf an einem Filmset herzlich wenig interessiert, dies wird aber detailliert ausgeführt. Die Schauspielerin selbst ist eine durchaus interessant angelegte Figur, bleibt aber oftmals zu skizzenhaft, um real zu wirken.

Auch das Ende lässt mich etwas unzufrieden zurück. Überstürzt flüchtet sie immer weiter und es ist nicht abzusehen, ob und wie sie sich ihrem Leben wieder stellen will. Mittlerweile gänzlich ohne Papiere und Habseligkeiten, irrt sie umher. Dies erscheint dann doch etwas arg überzogen.

Interessant am Roman war der Schreibstil. Die Autorin hat sich für eine ungewöhnliche Erzählperspektive entschieden, wie folgende Passage verdeutlicht:

Du schlägst den Pass auf und siehst, dass dir das Foto zwar ähnelt – die Frau hat glatte braune Haare und helle, weit auseinanderstehende Augen –, dass es aber nicht dein Pass ist. Er gehört, wie du siehst, einer Frau namens Sabine Alyse. Der Polizeichef legt dir ein rotes Portemonnaie hin.

Diese Du-Erzählung in der der Erzähler die Protagonistin adressiert ist gewöhnungsbedürftig und vermutlich nicht umsonst eher selten.

Das Gesamturteil fällt gemischt aus. Die guten Ansätze können die verschenkten Chancen nicht aufwiegen und die Erzählperspektive gestaltete das Lesen doch etwas holprig.

Bettina Wilpert – Nichts, was uns passiert

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Bettina Wilpert – Nichts, was uns passiert

Anna weiß noch nicht genau, was sie nach Ende des Studiums anfangen soll, sie bleibt erst einmal in Leipzig und jobbt in einer Kneipe. Da in ihrer Wohnung das Internet nicht funktioniert, geht sie immer noch in die Bibliothek, wo sie über Hannes, einen ehemaligen WG-Mitbewohner und guten Freund, den Doktoranden Jonas kennenlernt. Der hat gerade eine Beziehung hinter sich und da beide nichts Neues suchen, entwickelt sich eine lockere Freundschaft, die auch mal im Bett endet. An Hannes 30. Geburtstag hat Anna einmal mehr zu viel getrunken, weshalb Jonas sie nicht nach Hause bringt, sondern mit zu sich nach Hause nimmt. Als Anna am nächsten Morgen wieder klar denken kann, spürt sie, dass etwas nicht in Ordnung ist. Was ist in der Nacht zuvor passiert? Das war kein einvernehmlicher Sex, den sie hatten, sie war ja gar nicht in der Lage, dem überhaupt zuzustimmen. Aber was war es dann? Anna geht es zunehmend schlechter, aber es dauert Wochen, bis sie aussprechen kann, was ihrer Meinung nach passierte: sie wurde vergewaltigt. Aber das kann doch nicht sein, so etwas passiert ihr doch nicht – und: wie werden ihre Freunde und Familie reagieren?

Bettina Wilpert hat in ihrem kurzen Roman sehr genau auf den Punkt gebracht, was in den Menschen nach einem solchen Vorfall vorgeht. Neben den Emotionen, mit denen Anna aber auch Jonas zu kämpfen haben, ist vor allem auch der Mechanismus im Umfeld der beiden sehr überzeugend geschildert: Unglauben, Parteinahme, übereilter Aktionismus, Unbehagen bei der Thematik und die gesetzliche Maschinerie, die angeworfen wird, nachdem Anna eine Anzeige erstattet.

Man bleibt als Leser hier in keiner Weise unbeteiligt, sondern stellt sich unweigerlich die Frage, wie man selbst damit umgegangen wäre und bemerkt, wie schnell man in die Falle von voreiligen Urteilen tappt. Man schwankt zwischen: „Anna hat auch Schuld, sie hat sich schließlich halb ins Koma gesoffen“ und „egal wie: das ist eine Vergewaltigung und gehört bestraft“. Man hat Mitleid mit den Freunden, die sich genötigt sehen, sich einer Seite zuzuschlagen. Ist Jonas jetzt nur noch der Vergewaltiger – was ist mit all den anderen Aspekten, wegen derer er vorher sympathisch und ein guter Freund war? Alle Erinnerungen erscheinen rückblickend nun in diesem Kontext – aber ist das der richtige Blickwinkel oder könnte man die Dinge auch anders deuten?

Sehr differenziert geht Bettina Wilpert mit Annas Innenleben vor. Sie braucht lange, um die Geschehnisse einzuordnen, ist sich auch zu keinem Zeitpunkt sicher, ob sie es wirklich als „Vergewaltigung“ deklarieren möchte und sie hat eine sehr gute Vorstellung davon, was passieren wird, wenn ihre Anzeige öffentlich wird. Sie will nicht nur „das Opfer“ sein und sie will Jonas auch nicht auf diese Nacht reduzieren – dennoch geht es ihr offenkundig sehr schlecht. Auch Jonas ist nicht eindimensional und streitet alles ab. Er grübelt, überlegt, inwieweit er Mitschuld hat, wann er etwas falsch gemacht hat, kann die Vorwürfe nicht mit seiner Erinnerung in Einklang bringen und eigentlich findet er Anna auch eine attraktive und sympathische Frau.

Alle Widersprüche, die beim Thema sexuelle Gewalt auftauchen, werden in diesem Roman zumindest angerissen. Einer der besten Beiträge zur überhitzten #metoo Debatte.

 

Haruki Murakami – Die Ermordung des Commendatore I

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Haruki Murakami – Die Ermordung des Commendatore I

Als seine Frau sich von ihm trennt, sieht der namenlose Maler darin ein Zeichen und beschließt noch mehr an seinem Leben zu ändern. Nicht nur zieht er sofort aus der gemeinsamen Wohnung aus, nein, er wird auch keine Portraits mehr malen, obwohl er damit in den vergangenen Jahren nicht nur gutes Geld verdient hat, sondern sich auch einen Namen als Künstler machen konnte. Vorübergehend zieht er in das leerstehende Haus des Vaters eines Freundes, der nun wegen Demenz in einem Pflegeheim lebt. Von seltsamen Geräuschen angelockt, findet er auf dem Dachboden ein verpacktes Gemälde mit dem Titel „Die Ermordung des Commendatore“, das ihn sofort fasziniert. Er nimmt es mit in den Wohnbereich, doch bevor er sich näher damit befassen kann, erhält er einen mysteriösen Auftrag von seinem Agenten. Ein letztes Portrait soll er anfertigen, obwohl er zunächst abgeneigt ist, hat der Auftraggeber doch einen gewissen Reiz und so setzt der Maler eine Reihe seltsamer Dinge in Gang.

Haruki Murakami bleibt seinem sehr eigenen Stil treu. Nachdem ich mehrere Bücher von ihm abgebrochen hatte, konnten mich „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ als Hörbuch doch überzeugen, weshalb ich auch bei dem aktuellen zu dieser Variante gegriffen habe. Im Gegensatz zu den Pilgerjahren ist hier jedoch wieder der typische magische Realismus Murakamis vorhanden, hierauf muss man sich einlassen oder es seinlassen.

Der Untertitel suggeriert bereits („Teil 1: Eine Idee erscheint“), dass die Geschichte am Ende des Hörbuchs noch nicht erzählt ist und in der Tat hört es mit einem gemeinen Cliffhanger auf. Davor wird viel über die Malerei, vor allem die Abgrenzung der europäischen von japanischen, gesprochen – ich fand das interessant, bin mir aber nicht sicher, ob das jeden Leser in dieser Tiefe anspricht. Über den Charakter des Protagonisten lässt sich tatsächlich auch nach all den Stunden wenig sagen, er ist ein Einsiedler und die Abgeschiedenheit in dem Haus auf dem Berg scheint wie gemacht für ihn. Auch seine Maltechnik ist außergewöhnlich, unterstreicht aber nur seine sehr eigene Persönlichkeit

Erst durch die Begegnung mit seinem Modell kommt etwas mehr Handlung auf, wobei hier die magischen Elemente erscheinen. Man fragt sich, ob dies alles den Halluzinationen der Figuren zuzuschreiben ist, gleichsam könnte man sich aber auch vorstellen, dass in Japan die Dinge einfach anders gedeutet werden und „Realität“ anders aufgefasst wird als bei uns. Die rein örtliche Distanz zum Handlungsort macht es für Leser wie mich, die realistische Geschichten bevorzugen, hier leichter, diese Elemente als Teil der Handlung zu akzeptieren.

Alles in allem, eine interessante Geschichte, die natürlich jetzt auf ihre Fortsetzung wartet.

Margaret Atwood – The Robber Bride

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Margaret Atwood – The Robber Bride

Die Freundinnen Roz, Charis und Tony trauen ihren Augen nicht: die Frau, die gerade das Restaurant betritt, in dem sie ihr monatliches gemeinsames Essen haben, ist doch tot. Sie waren sogar bei ihrer Beerdigung! Aber Zenia, ihre ehemalige Kommilitonin, ist quicklebendig, was nichts Gutes bedeuten kann. Alle drei haben sie ihre Erfahrungen mit der charismatischen Frau gemacht, sind von ihr belogen und betrogen worden und haben alles, was ihnen wertvoll und wichtig war, verloren. Doch wer ist Zenia überhaupt und wo hat sie in den vergangenen Jahren gesteckt?

Margaret Atwoods Roman „The Robber Bride“ wurde bereits 1993 zum ersten Mal veröffentlicht. Es ist eine Geschichte von Verrat, Vertrauensmissbrauch und Hinterlist – aber diese Eigenschaften können nur wirken, wenn ein anderer gutgläubig, vertrauensselig und naiv ist. Die drei Freundinnen werden erst zum Trio durch die gemeinsamen Erlebnisse. Die Erkenntnis, dass sie alle drei auf Zenia hereingefallen sind und ihre Leichtgläubigkeit gnadenlos ausgenutzt wurde, eint sie im finalen Kampf gegen die hinterlistige und gefährliche Frau.

Der Roman beginnt am Ende mit der unerwarteten Begegnung, bevor er in Flashbacks erzählt, was zum Teil Jahrzehnte zuvor geschah. Vieles ist eigentlich recht vorhersehbar, die Manipulationen sind nicht besonders raffiniert, dennoch wirken sie, weil sie im richtigen Moment die richtige Stelle treffen. Menschen können noch so intelligent sein, sie haben ihre verletzlichen Momente und verletzlichen Seiten, die sie anfällig für Betrüger macht.

Margaret Atwood greift einmal mehr auf die urmenschliche Blindheit zurück in ihrer Erzählung. Man sieht nur, was man sehen möchte und verschließt die Augen vor dem Offenkundigen, auch wenn es sich direkt vor einem abspielt. Die drei Frauen lassen sich manipulieren und rennen offenen Augens in ihr Verderben. Man hat nur begrenzt Mitleid mit ihnen, dabei sind sie Zenias Opfer – diese ist durch und durch böse und bietet eigentlich keinen Raum für Sympathien.

Nachdem ich aktuelle Werke von Atwood gelesen hatte, die mich schnell überzeugen konnten, nun etwas älteres und die Erkenntnis, dass es sich lohnt, auch diese näher zu betrachten.

Bianca Marais – Summ, wenn Du das Lied nicht kennst

Summ wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais
Bianca Marais – Summ, wenn Du das Lied nicht kennst

Südafrika, 1976. Das Land ist durch die Apartheit klar geteilt, die Rollen der Schwarzen und Weißen unumstößlich festgeschrieben und wenn sich ihre Wege kreuzen, weiß jeder, wo er steht. Doch die kleine Robin muss schon jung miterleben, dass womöglich doch nicht alles in Stein gemeißelt ist. Als ihre Eltern von Schwarzen ermordet werden, kommt sie bei ihrer recht progressiven Tante Edith unter. Diese ist gänzlich ungeeignet, sich um ein Kind zu kümmern und möchte auch ihren Job als Stewardess nicht aufgeben. Eine Lösung finden sie in Beauty, einer schwarzen Lehrerin aus der Transkei, die in Johannesburg nach ihrer Tochter sucht, die sich dem Kampf gegen die Unterdrückung angeschlossen hat. Im Laufe der Zeit lernt Robin, dass es Gut und Böse auf beiden Seiten gibt und dass im Leben nicht die Hautfarbe das Entscheidende ist.

„Summ, wenn du das Lied nicht kennst“ ist ein etwas sperriger Titel, der sich jedoch recht schnell im Roman erklärt. Letztlich ist es das, worum es geht: sich im Leben zu helfen wissen und sich mit der Situation zu arrangieren. Dies ist jedoch im Apartheits-Setting Südafrikas nicht ganz einfach, der Autorin ist jedoch gelungen, eine passende Perspektive zu finden, um die Positionen klar zu machen, ohne sich einseitig gegen die Unterdrückung zu stellen. Durch Robins kindlich-naiven Blick, der Dinge erst einmal als gegeben nimmt, was sie aber nicht daran hindert, sie zu hinterfragen, kann sie umso besser unterstreichen, wie absurd die Vorurteile waren.

Die beiden Protagonistinnen könnten verschiedener nicht sein: nicht nur ihre Hautfarbe trennt sie, auch das Alter und ihre gesellschaftlich zugewiesenen Rollen sollten eigentlich jede Art von Zuneigung verhindern. Doch beide, Robin wie Beauty, sind einfach Menschen, was sich positiv in Bezug auf ihre Freundschaft auswirkt, wie auch negativ, indem sie ihren Emotionen folgen und so Fehler machen. Beide sind auf ihre Art jedoch sympathisch und tragen die Handlung.

Besonders gut gefallen hat mir, dass nicht nur die Unterdrückung der Schwarzen thematisiert wurde, sondern auch Juden und Homosexuelle als Randgruppen und Opfer von Ausgrenzung und Gewalt thematisiert wurden. Selten ist es in einem Unterdrückungsstaat nur eine Minorität, die den Anfeindungen ausgeliefert ist.

Trotz der Ernsthaftigkeit der Geschichte wird diese mit einem lockeren, oft sogar lustigen Ton erzählt, was nur unterstreicht, dass es keinen Sinn macht, den Kopf in den Sand zu stecken, egal wie verzweifelt man ist.

Ein gelungener Roman, der zudem vom Verlag wunderschön gestaltet wurde und so auch optisch richtig etwas hermacht.

Ein herzlicher Dank geht an die Verlagsgruppe Random House für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zum Titel finden sich auf der Verlagsseite.