Yaa Gyasi – Transcendent Kingdom

Gifty has always been second, her brother Nana was the beloved child of the parents, as a sports prodigy all eyes of their Alabama hometown have been on him until an injury and later a drug addiction took his life. Gifty’s mother has never recovered from the loss, her father had left the family even before to turn back to his home country Ghana. Even as an adult and highly successful scientist, Gifty longs for the mother’s recognition which she never gets. Also religion, with which she grew up does not really offer any condolence. How should she ever be able to love when she herself has never experienced being loved?

Yaa Gyasi‘s “Homegoing“ was already a novel I thoroughly enjoyed, “Transcendent Kingdom“, however, is much stronger in the way the protagonist is portrayed and in conveying this fragmented family‘s critical emotional state. The mother struggling to make a life in a foreign country and thus enduring open racism from the people she works for; Gifty being raised to be silent with a strange idea of how to be a good girl and to follow ideals marked by a religious understanding which limits her in every respect.

“Nana was the first miracle, the true miracle, and the glory of his birth cast a long shadow. I was born into the darkness that shadow left behind. I understood that, even as a child.”

Gifty loves her brother, admires him and even though, as a child, she cannot understand what happens to him after his injury, he is the one who drives her to work her way up in the scientific community, to go into one of the hardest disciplines in order to understand the human brain and to contribute to scientific finding and development.

“Like my mother, I had a locked box where I kept all my tears. My mother had only opened hers the day that Nana died and she had locked it again soon.”

Gifty’s mother suffers from depression which makes her unable to care or love her daughter. She does not see what the girl achieves, how hard she works and how much she suffers from the lack of emotional care. It is a pity to see how she neglects the girl who retreats into her own world and which makes her unable of bonding with others, no matter if on a friendships or a romantic basis.

A wonderfully written novel, highly emotional and going to the heart.

Michael Farris Smith – NICK

Michael Farris Smith – NICK

World War I is raging and Nick Caraway among the young soldiers who fight in France. His life threatened when he lies in the trench, he is looking for distraction in Paris on those few days he is off duty. He falls for a woman but times like these are not made for love. When he returns to the US in 1919, he suffers from what we today call post-traumatic stress syndrome. He does not know where to go or what to do with his life and thus ends up in New Orleans. The lively city promises forgetting but there, too, he is haunted in his dreams.

I was so looking forward to reading Michael Farris Smith’s novel about Nick Caraway since I have read “The Great Gatsby” several times, watched the film adaptations even more often and totally adore Fitzgerald’s characters. Knowing that the plot was set in the time before Nick meets Jay Gatsby, it was clear that this novel would not be a kind of spin-off, but I wasn’t expecting something with absolutely no connection to the classic novel at all. Apart from the protagonist’s name and the very last page, I couldn’t see any link and admittedly I was quite disappointed since I had expected a totally different story.

First of all, having read Fitzgerald so many times, I have developed some idea of the character Nick. He has always been that gentle and shy young man who is attentive and a good listener and friend. He never appeared to be the party animal who headlessly consumes alcohol and goes to brothels. Therefore, the encounters with women in “NICK“ do not fit to my idea of the character at all. He also never made the impression of being totally traumatized by his war experiences which, on the contrary, is the leading motive in this novel.

Roaring Twenties, lively New York party life, people enjoying themselves – this is the atmosphere I adored in The Great Gatsby, none of this can be found in “NICK”. It starts with exhausting war descriptions, something I avoid reading normally and I wasn’t prepared for at all. Pages after page we read about soldiers fighting, this might be attractive for some readers, unfortunately, this is no topic for me. After depressing war scenes, we have gloomy and depressed Nick not knowing how to cope with the experiences he made in France. No glitter here, but a lot of fire and ashes.

Reading “NICK” without having “The Great Gatsby” in mind might lead to a totally different reading experience. For me, sadly, a disappointment in many respects for which also some beautifully put sentences and an interesting character development could not make amends.

Yishai Sarid – Siegerin

Yishai Sarid – Siegerin

Schon als kleines Mädchen war Abigail nicht nur zielstrebig, sondern intellektuell ihren Altersgenossen weit voraus. Als Tochter eines der renommiertesten Psychologen des Landes, zu dem sie stets bewundern aufgeschaut hat, führt ihr Weg sie unweigerlich in dieselbe Richtung. Anders jedoch als der Vater, der geplagte Seelen therapiert, findet Abigail ihre berufliche Heimat bei der israelischen Armee und berät dort die Befehlshaber, wie sie ihre Untergebenen am besten motivieren können, wie sie erkennen, wer den Biss hat, alles für sein Land zu geben, und wer mental stark genug ist, die anspruchsvollsten Aufgaben im Nahkampf zu erfüllen. Ihr Vater hat für diese militärische Nutzung seiner Profession nur Verachtung übrig, doch Abigail geht ganz in ihrer Arbeit auf. Bis ihr Sohn Schauli einberufen wird und sie plötzlich die Armee auch aus dem Blick einer Mutter betrachten muss.

Wie immer in Yishai Sarids Romanen herrscht eine thematische Vielschichtigkeit und Multiperspektivität, die zeigt, dass es in der Realität, in der wir leben und die der Autor literarisch einfängt, keine einfachen Lösungen für komplexe Fragen gibt. Bewusst führt er seine Figuren in den emotionalen Ausnahmezustand, der es ihnen kaum mehr erlaubt, einen klaren Kopf zu behalten und die gut zurechtgelegten Argumentationsstrategien anzuwenden, die kurz zuvor noch funktionierten. Ähnlich wie auch in „Limassol“ stehen wieder die Armee und ihr Verteidigungsauftrag im Zentrum der Handlung, eine Institution, die schon historisch bedingt und tief im Bewusstsein der Bewohner verwurzelt – durch den obligatorischen Wehrdienst für alle zudem für jeden persönlich erfahrbar – eine besondere Stellung im Land innehat und per se nicht infrage gestellt werden darf, auch wenn dies aus rein menschlicher Sicht mehr als gerechtfertigt wäre.

Eines der großen Themen des Romans ist das Verhältnis der Generationen. Der Vater als überhöhte Figur, die bewundert wird und der sich das Familienleben unterordnet, vor allem auch Abigails Mutter, die scheinbar ein bedeutungsloses Dasein führt. Zu spät erkennt Abigail, dass sie deren Lebenskonzept grundlegend nicht verstanden und ihr tiefes Unrecht getan hat. Für ihren Sohn entscheidet sie sich ebenfalls für einen starken Vater, der jedoch fern und geheim bleiben muss, als Ergebnis einer Affäre wächst Schauli ohne männliches Vorbild auf; die Mutter mit ihrer Nähe zu den Kampfeinheiten und zahlreichen Einsätzen auch an der Front, liefert ihm jedoch ein klares Bild davon, wie ein israelischer Soldat zu sein hat. Nur dass Schauli das nicht ist. Er ist zu jung, um dies zu erkennen, die Mutter mit zu verstelltem Blick, um ihn retten zu können. Projektionen und hohe Erwartungen prägen die Entscheidungen, die die Kinder treffen – die schlechtesten aller Motivationen.

Nicht wenige Leser werden mit der Geschichte hadern, bietet sie statt Handlung über weite Strecken Exkurse in die komplexen psychologischen Auswirkungen des Kampfeinsatzes. Dies ist Abigails Thema, ihr ganzes berufliches Dasein dreht sich um gezieltes Töten und den Umgang damit, getötet zu haben. Dies ist erforderlich, um ihre Faszination nachvollziehen zu können und auch um die Nebenfiguren besser einordnen zu können. Keine Materie, der ich üblicherweise viel Interesse entgegenbringe, die jedoch in dem Roman-Setting und vor dem Hintergrund von Israels real gegebener Bedrohungslage, durchaus einen Blick wert ist und ungeahnte Sichtweisen ermöglicht.

So wird auch das unlösbare Dilemma aufgebaut, mit dem sich Abigail schließlich konfrontiert sieht: die Expertin mit der klaren Vorstellung davon, wie man mit jungen Männern und Frauen sprechen muss, um diese von der Sinnhaftigkeit ihres Tuns in der Armee zu überzeugen, soll selbiges bei ihrem eigenen Sohn tun. Doch die Gewissheit, dass er dabei Sterben kann und womöglich das, was er erlebt, nicht so erfolgreich verarbeitet wie erforderlich, lassen plötzlich ungeahnte Zweifel wachsen.

Der Autor kann die hohen Erwartungen einmal mehr vollends erfüllen. Geschickt verbindet er Realwelt mit Fiktion und lässt es zur Eskalation kommen, der man sich auch als Leser stellen muss.

Ein herzlicher Dank geht an den Kein & Aber Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Buch und Autor finden sich auf der Verlagsseite.

Matt Haig – The Midnight Library [Die Mitternachtsbibliothek]

Matt Haig – The Midnight Library

Nora Seeds Leben hätte wahrlich besser verlaufen können, mit 34 ist sie einsam und hat auch noch ihren Job verloren. Eines Abends klingelt es an ihrer Tür, ihre Katze Voltaire wurde überfahren. Wozu nun noch weiterleben? Sie beschließt dem Drama ein Ende zu setzen und findet sich plötzlich in einer Bibliothek wieder, in der die Uhr immer Mitternacht zeigt. Erwartet wird sie dort von Mrs Elm, ihrer ehemaligen Schulbibliothekarin, die erklärt, dass jedes Buch ein anderes mögliches Leben Noras erzählt. Jede Entscheidung führt zu einem anderen Verlauf. Nora befindet sich gerade in der Zwischenwelt und kann ausprobieren, wie ihr Leben ausgesehen hätte, wenn sie einen anderen Weg genommen hätte. Plötzlich können die Träume der ehemaligen Schwimmerin und Sängerin doch noch wahr werden.

Matt Haigs „The Midnight Library“ ist ein fantastisches Buch, das aktuell genau jene Flucht vor der Realität erlaubt, die man 2020 verzweifelt sucht. Es ist eine Reise in unterschiedliche Leben, die sich Nora als Kind und Jugendliche erträumte und die nun Realität werden könnten. Ganz unterschiedliche Verläufe darf sie ausprobieren, mal erfolgreiche Musikerin, mal Gletscherforscherin mit lebensbedrohlichem Eisbärenkontakt, mal Mutter – doch jedes Leben hat auch seine Schattenseiten wie sie feststellen muss. Jeder erfüllte Wunsch hat seinen Preis und bald schon merkt sie, dass keines der Leben perfekt ist. Vielleicht kommt eines jedoch dieser Vorstellung recht nahe –  vielleicht möchte Nora doch nicht sterben, sondern nur nicht mehr so weiterleben wie bisher. Aber einfach so in ihr altes Leben, dem sie gerade einen Endpunkt verpasst hatte, kann sie nicht.

So reizvoll das Szenario ist, es zeigt Nora doch auch, worauf es im Leben letztlich ankommt und was vielleicht doch gar nicht so wichtig ist. Vor allem nicht so entscheidend, einen Selbstmord zu begehen. Mal heiter-lustig, mal eher nachdenklich gestaltet Haig seine Geschichte und lädt den Leser dazu ein, ebenso wie Nora über verpasste Chancen, aber auch das, was gut gelaufen ist, nachzudenken.

Valerie Fritsch – Herzklappen von Johnson & Johnson

Valerie Fritsch – Herzklappen von Johnson & Johnson

Alma wächst in einer Familie des Schweigens auf. Das Leben der Eltern scheint nur hinter verschlossenen Türen vorzukommen, das Zuhause insgesamt erweckte mehr den Anschein einer Kulisse, vor der Leben eher simuliert wurde als dass es tatsächlich stattfindet. Die verrückte Mutter, die mondsüchtig des nächtens aus dem kontrollierten Alltag ausbricht, fasziniert das Mädchen, bringt dies wenigstens ein wenig Bewegung in den ansonsten stillen und nüchternen Alltag. Dieser wird auch von den Großeltern bestimmt, denen die Kriegserfahrung nicht nur in den Knochen steckt, sondern die diese regelrecht auf die Enkelin übertragen, die die Erfahrungen der älteren Generation in Alpträumen nacherlebt. Mit Friedrich erlebt sie schließlich die alles aufzehrende Liebe, Emotionen, die sie zuvor nicht kannte. Die Geburt des gemeinsamen Sohnes Emil jedoch stürzt sie zurück in eine abgeriegelte Welt, deren Grauen vor allem in ihrem Kopf stattfindet. Doch auch mit Emil stimmt etwas nicht, es dauert einige Jahre, bis das Ergebnis der Ärzte feststeht: Emil kann keinen Schmerz empfinden.

Valerie Fritsch wurde für ihren Roman mit einer Nominierung auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2020 honoriert. Es ist die Geschichte vierer Generationen, die durch Alma verbunden und im Schmerz vereint sind. Die Großeltern, die die schmerzlichen Kriegserfahrungen nicht überwinden konnten und versuchten, durch eigenes Schweigen die Stimmen und Bilder im Kopf mundtot zu machen. Die Eltern, die nur hinter Türen reden, aber nicht mit dem Kind. Alma selbst, für die Schweigen und Schmerz identisch werden und die beides überwinden möchte bis zu Emil, der laut, geradezu vorlaut ist und durch das fehlende Schmerzempfinden das gegenteilige Extrem darstellt.

Die grausamen Kriegserlebnisse haben den Großvater gebrochen, so sehr, dass sein Herz es nicht mehr ertragen konnte und nur noch von metallenen Klappen der Firma Johnson&Johnson am Laufen gehalten wird. So wie er innerlich beschädigt wurde, trägt sein Urenkel permanent äußerliche Bandagen als Zeichen der unzähligen Verletzungen, die dem Körper schaden, von ihm aber nicht wahrgenommen werden. Immer wieder spiegelt die Autorin die Figuren an den zentralen Elementen Schmerz und körperlicher Verletzung. Und gerade in den Sprachbildern wird der Roman herausragend, so schreibt sie etwa Alma

„wünschte sich eine Ersatzpsyche, die die Welt besser ertrug, eine Identitätsprothese, die ihr einen sicheren Schritt durch die Tage ermöglichte.“

Die unterschiedlichen Traumata schreiben sich in die Körper ein, bleiben dort als sichtbare Wunden, die sich nicht einfach kosmetisch übertünchen lassen.

Ein bildgewaltiger Roman, der dicht auf wenigen Seiten doch unheimlich viel und dies noch dazu sehr intensiv transportiert. Kein Roman, der mich emotional völlig mitgerissen hätte, sondern eher einer der Sorte, die durch Konstruktion und Sprache am Ende nachwirken und einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Rosie Price – What Red Was

Rosie Price – What Red Was

It is their first week at university when Max and Kate realise not only that they live on the same floor but that they are soul mates. They can hardly be separated anymore, they are friends, not lovers, but closer than you could ever be. They share the love for film and any secret. Even though their backgrounds couldn’t be more different, Kate from the countryside modestly raised by her mother whereas Max’ parents are successful and quite rich. Yet, one evening changes everything when Max’ cousin Lewis, who has eyed their friendship jealously for years, thinks he can take whatever he wants: Kate. The young woman falls into a deep hole. Afterwards, there is not much left of the creative and lively art student; suffering from a severe depression and increasingly self-harming herself, she does not find a way to confide in somebody. She has always been more insecure than others but now, she has lost her footing.

Rosie Price’s book starts out like a wonderful college novel. The immediate friendship between Kate and Max is mesmerising, it is really enchanting to see how two strangers can get along so well and form mutual trust without hesitation. But then the tide turns and so does the atmosphere. What I liked about it was the fact that the author does not use any direct brutal violence to describe what happens to Kate but focuses much more on the effect this traumatic experience has on her.

“And so instead she said nothing, hoping that if she chose not to voice whatever it was that lodged in her chest, somewhere between her lungs and her heart, it would diminish; that its toxicity might find its own means of excreting itself from her body”

The protagonist does not break down immediately, she keeps on going and to a certain extent is capable of deceiving the people around her and pretending everything is fine. I guess this is the trickiest part of such an experience that you cannot see what is going on inside somebody’s head and if you are not really closely observing, the actual emotional state might go unnoticed. A positive aspect, on the other hand, is that help comes from an unexpected person and that ultimately, Kate finds a way of opening up and talking to somebody about what is going on with her. In my opinion, the representation of Kate’s state of mind is quite accurate and also how she tries to hint at what happens but is not understood.

The story might trigger destructive memories in some readers, nevertheless I would definitely recommend reading the novel since it provides insight how a woman might become a victim in a supposedly safe environment and how these assaults might go unnoticed and the perpetrators get away with it.

Kate Reed Petty – True Story

kate reed petty true story
Kate Reed Petty – True Story

Nick, Max and Richard are the members of the promising lacrosse team of their college. Apart from doing sports, partying is what they like most, getting drunk and making out with girls. After one especially wild party, rumours spread, but the versions of what happened vary. Richard and Max claim their innocence while Alice cannot really remember, but she is sure that her best friend Haley tells the truth when she asserts that immediately after the deed, the boys boasted about what they had done to her. Years go by, Richard turns into a rich businessman, also Haley made a career in the film industry. Things didn’t turn out that well for the others, Nick is closer to death by drinking or simply being stupid and Alice struggles forever with psychological problems stemming from the assumed assault. It will take years until the four of them confront again and the truth about what happened comes to the light.

One thing is absolutely sure: this novel was different from what I have read before. Normally, it is quite easy to put a plot into a genre or at the maximum having two combined, but here, it is a genre mix in which you never know where it will lead you and what the end might be. There is quite some suspense since the whole plot is moving towards the final confrontation – even though this is not really obvious for quite some time – but it is also really tragic when Alice’s part is told. It did not have that much sympathy for Nick admittedly, a character I more or less despised from the beginning. You make assumptions about what happened but you have to correct them repeatedly, which I liked a lot since this cleverly shows you based how a limited point of view one’s verdict quite often is.

There are several novels, apart from all the psychological books, which give some insight in how much impact an assault can have on a victim’s life. Here, too, Alice is completely thrown off the track after that night, the lively and joyful girl turns into a nervous and easy to exploit, insecure young woman. Richard, on the other hand, seems unaffected by the accusations, he goes to Princeton and makes a career to become the hottest bachelor of the country. Nick is not immediately affected, he is a friend confronted with the question if he should or could believe the boys’, whom he has known forever, version. Yet, he is an example of someone who was gifted and had a promising future but threw it all away with being lazy and preferring partying over working hard for his success.  In the end, you might even see him as a tragic character, but I wouldn’t say so, he had his chances but didn’t take them.

A novel I simply rushed through as I couldn’t put it down anymore once I had started. Quite an interesting approach and a very cleverly crafted plot made it a great read.

Helene Bockhorst – Die beste Depression der Welt

helene bockhorst
Helene Bockhorst – Die beste Depression der Welt

Ein Buchvertrag! Unglaublich! Und dann soll sie auch noch über etwas schreiben, von dem sie wirklich Ahnung hat: Depressionen. Aber genau da liegt auch Veras Problem, denn ebendiese Depression ist es, die erfolgreich verhindert, dass sie auch nur ein einziges Wort zu Papier bringt. Oder die Wohnung aufräumt. Oder morgens aufsteht. Oder Kontakt zu Menschen hält. Einzig ihre Freundin Pony schaut regelmäßig nach ihr und versucht ihr ein wenig Leben einzuhauchen, während ihr Lektor ihr im Nacken sitzt und Ergebnisse sehen will. Es gibt aber auch viel zu viele Dinge, die sie immer wieder vom Schreiben abhalten, oder die getan werden müssen, bevor sie endlich anfangen kann zu schreiben. Aber vielleicht ist doch ganz einfach nur nicht die Richtige, um einen Ratgeber zu verfassen, wie man eine Depression überwindet und auch das Schreiben eines Buches ist nur eine weitere Sache, bei der sie grandios scheitert.

Zugegebenermaßen war mir die Autorin bis dato kein Begriff, da ich mit Comedians nur sehr wenig anfangen kann und meist eher einen weiten Bogen um alles mache, was dem nur ansatzweise nahe kommt. Helene Bockhorst zählt offenbar zu den erfolgreichsten ihres Faches, was natürlich etwas irritiert, dass ausgerechnet jemand mit diesem Background über so etwas wie Depressionen schreiben soll. Aber im Grunde ist das ja genau der Trick daran: es kann jeden treffen und viele leiden heimlich und schaffen es sogar, ihr Umfeld lange zu täuschen.

Auch wenn die Protagonistin versucht, einen Ratgeber zu schreiben, ist das Buch weit davon entfernt, es ist ein Roman, der jedoch für mein Empfinden sehr authentisch und nachvollziehbar die Gedankengänge einer Betroffenen einfängt und dadurch durchaus ein Stück weit Aufklärung und Verständnis schafft. Die ewige Prokrastination, unzählige – von außen betrachtet – unsinnige Gedanken, die sie davon abhalten, etwas zu tun. Der grundsätzliche Wille, der jedoch immer wieder versandet. Hier hilft es sehr, dass die Autorin aus dem Humorfach kommt, denn es gelingt ihr tatsächlich, das ganze Drama unterhaltsam und bisweilen sogar komisch zu gestalten, ohne dass man über die Vera lachen würde und der Spaß auf dem Rücken einer psychisch Kranken ausgetragen würde. Der Roman liest sich locker leicht, trotz der schweren Thematik, für mich eine wirklich rundum gelungene Geschichte.

 Ein herzlicher Dank geht an den Ullstein Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autorin und Buch finden sich auf der Verlagsseite.

Douglas Stuart – Shuggie Bain

douglas stuart shuggie bain
Douglas Stuart – Shuggie Bain

Agnes had so many hopes for her life. Her first husband was simply a disappointment, too well-behaved, too boring. With Shug Bain things could be different. But soon she wakes up still in her childhood room with her parents, aged 39 and mother of three kids. Shug promises a better life and rents them a home in a run-down public housing area on the outskirts of Glasgow. Yet, Shug does not really move in with his family, he is driving his taxi more and more often and spends his free time with other women. Soon enough, Agnes finds comfort in alcohol, her new neighbourhood is the perfect place to drown your thoughts and worries in cans of beer. Shuggie’s older brother Leek and his sister Catherine can distance themselves from their always intoxicated mother, yet, Shuggie is too young and for years, he hopes that one days, Agnes will be sober and they will have a life like any normal family.

Douglas Stuart’s novel is really heart-wrenching. You follow Shuggie’s childhood in the 1980s, a time when life was hard for many working class families who often did not know how to make ends meet which drove many fathers and mothers to alcohol. Shuggie’s love for his mother is unconditional, he is too young to understand the mechanisms behind her addiction and to see what it does not only to her but also to him. It would be too easy to blame Agnes for the misery she brings to herself and her son, she too is a victim of the time she lives in and the society that surrounds her. Industrial times are over in Scotland and the formerly working class turn into a new underclass.

It is not the plot that stands out in this novel, actually, all that happens is a downward spiral of alcoholism and decay that leads to the necessary end one would expect. Much more interesting are the two main characters, mother and son, and their development throughout the novel. Agnes tries to preserve her pride, to be the glamorous and beautiful woman she has once been and who has always attracted men even when times get tough. She keeps her chin up as long as she can – at least when she happens to be sober.

Already at a young age Shuggie has to learn that life will not offer him much. His family’s poverty and his mother’s addiction would be enough challenge in life. However, the older he gets, the more unsure he becomes about who he actually is. As a young boy, he prefers playing with girls’ toys and later he does not really develop an interest in girls either which makes him an easy target of bullying. No matter how deep his mother sinks, he always hopes for better days, days with his father, days without hunger. He is good at observing and even better at doing what is expected of him. He learns quickly how to behave around the different men in their home, how to hide his life from the outside world. In Leanne, he finally finds somebody who can understand him because she herself leads exactly the same life. They only long to be normal, yet, a normal life is not something that their childhood has been destined to.

Quite often you forget how young Shuggie is, his life is miserable but he has perfectly adapted to the circumstances. Douglas Stuart provides insight in a highly dysfunctional family where you can nevertheless find love and affection. It is clear that there is no escape from this life which makes it totally depressing. Somehow, the novel reminds me of the “Kitchen Sink” dramas with the only difference of being set in the 1980s and shown from a female perspective. Agnes is not the angry young woman; she is the desperate middle-aged mother whose dreams are over and who provides only one example to her son: do not expect anything from life or anybody.

An emotionally challenging novel due to its unforgiving realism.

Paulina Czienskowski – Taubenleben

Paulina Czienskowski Taubenleben
Paulina Czienskowski – Taubenleben

Ein kleiner Fehler, der vielleicht böse Folgen hat, aber bis sie die Ergebnisse des Aids Tests hat, muss Lois warten. In den Tagen bis zur Entscheidung über Zukunft oder Ende, setzt sich die junge Frau mit ihrer Vergangenheit auseinander – ihrem Vater, der früh gestorben ist, sie kehrt zurück in das Hochhaus ihrer Kindheit und besucht ihre Mutter, die immer distanziert und kalt war und denkt an ihre Kindheitsfreunde Mirabel und Heinrich, mit denen sie durch gute und schlechte Zeiten ging. Sie fragt sich, ob das Leben, wie sie es führt, überhaupt einen Sinn hat und wenn ja, welchen?

Paulina Czienskowski schildert das Lebensgefühl einer neuen Lost Generation, die in Wohlstand und mit vermeintlich glorreicher Zukunft aufwuchs und sich, gerade im Erwachsenenalter, plötzlich in fragilen Beziehungen wiederfindet oder von einem One-Night-Stand zu nächsten wandernd, und sich voller Ängste und Hoffnungslosigkeit der Versprechungen für ihr Leben beraubt sieht. Die Sinnsuche wird entweder durch oberflächliche Internetwelten oder der Betäubung durch Drogen aller Art ersetzt oder führt sie geradewegs in eine manifeste Depression und Suizidgedanken.

„Und jetzt bin ich nicht tot und habe mich trotzdem umgebracht.“

Lois wandelt durch ihr Leben ohne sich lebendig zu fühlen. Nicht nur der fehlende Partner reißt ein Loch, vor allen die Ziel- und Bedeutungslosigkeit ihres Daseins lässt sie so sehr zweifeln, dass die Option selbiges zu beenden zur realen Möglichkeit wird. Wie eine Taube, die in den Verkehr gerät und getötet wird, deren Dasein aber keine Spuren hinterlässt und die nicht vermisst wird, fürchtet sie, könnte auch ihr Leben enden. Wozu war es dann gut?

„Früher sagte mir meine Mutter oft, ich sei tatsächlich besonders. Nicht, weil ich so einzigartig wäre für sie. Sie fand mich bloß besonders merkwürdig.“

Das Verhältnis zu ihrer Mutter scheint schwierig, abweisend und desinteressiert an ihrer Tochter erlebt man sie. Es fehlen beiden die passenden Kommunikationsmittel, zu verschiedenen scheinen die beiden Frauen auch, um eine gemeinsame Ebene zu finden. Je mehr Lois jedoch über den Tod ihres Vaters erfährt, desto nachvollziehbarere wird auch die Haltung und der Gemütszustand der Mutter, deren Leben ebenfalls nicht hielt, was sie sich von ihm versprochen hatte.

Es gelingt der Autorin, den emotionalen Ausnahmezustand der Protagonistin nachvollziehbar zu gestalten, leider fällt es jedoch schwer, diese sympathisch zu finden. Passiv erwartet sie, dass das Leben zu ihr kommt und alles vor ihr ausbreitet, einen eigenen Beitrag zum Gelingen scheint sie nicht bereit zu leisten und Verantwortung für das eigene Dasein übernimmt sie nicht. Zu schön hat sie es sich auch in ihrer Depri-Ecke eingerichtet, von der aus sie die Schuld auf andere verteilt. Beziehungsfähig kann man in dieser extrem Ich-bezogenen Haltung kaum werden und so muss jede Verbindung zu einem anderen Menschen zwangsweise scheitern.

Sollte der Roman als Anklage dieser Erwartungshaltung gedacht sein, dann überzeugt er – ob dies jedoch bei der Zielgruppe gelingt, darf bezweifelt werden – wollte Czienskowski für Verständnis werben, hat sie dies zumindest bei mir nicht geschafft.