Helene Bockhorst – Die beste Depression der Welt

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Helene Bockhorst – Die beste Depression der Welt

Ein Buchvertrag! Unglaublich! Und dann soll sie auch noch über etwas schreiben, von dem sie wirklich Ahnung hat: Depressionen. Aber genau da liegt auch Veras Problem, denn ebendiese Depression ist es, die erfolgreich verhindert, dass sie auch nur ein einziges Wort zu Papier bringt. Oder die Wohnung aufräumt. Oder morgens aufsteht. Oder Kontakt zu Menschen hält. Einzig ihre Freundin Pony schaut regelmäßig nach ihr und versucht ihr ein wenig Leben einzuhauchen, während ihr Lektor ihr im Nacken sitzt und Ergebnisse sehen will. Es gibt aber auch viel zu viele Dinge, die sie immer wieder vom Schreiben abhalten, oder die getan werden müssen, bevor sie endlich anfangen kann zu schreiben. Aber vielleicht ist doch ganz einfach nur nicht die Richtige, um einen Ratgeber zu verfassen, wie man eine Depression überwindet und auch das Schreiben eines Buches ist nur eine weitere Sache, bei der sie grandios scheitert.

Zugegebenermaßen war mir die Autorin bis dato kein Begriff, da ich mit Comedians nur sehr wenig anfangen kann und meist eher einen weiten Bogen um alles mache, was dem nur ansatzweise nahe kommt. Helene Bockhorst zählt offenbar zu den erfolgreichsten ihres Faches, was natürlich etwas irritiert, dass ausgerechnet jemand mit diesem Background über so etwas wie Depressionen schreiben soll. Aber im Grunde ist das ja genau der Trick daran: es kann jeden treffen und viele leiden heimlich und schaffen es sogar, ihr Umfeld lange zu täuschen.

Auch wenn die Protagonistin versucht, einen Ratgeber zu schreiben, ist das Buch weit davon entfernt, es ist ein Roman, der jedoch für mein Empfinden sehr authentisch und nachvollziehbar die Gedankengänge einer Betroffenen einfängt und dadurch durchaus ein Stück weit Aufklärung und Verständnis schafft. Die ewige Prokrastination, unzählige – von außen betrachtet – unsinnige Gedanken, die sie davon abhalten, etwas zu tun. Der grundsätzliche Wille, der jedoch immer wieder versandet. Hier hilft es sehr, dass die Autorin aus dem Humorfach kommt, denn es gelingt ihr tatsächlich, das ganze Drama unterhaltsam und bisweilen sogar komisch zu gestalten, ohne dass man über die Vera lachen würde und der Spaß auf dem Rücken einer psychisch Kranken ausgetragen würde. Der Roman liest sich locker leicht, trotz der schweren Thematik, für mich eine wirklich rundum gelungene Geschichte.

 Ein herzlicher Dank geht an den Ullstein Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autorin und Buch finden sich auf der Verlagsseite.

Douglas Stuart – Shuggie Bain

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Douglas Stuart – Shuggie Bain

Agnes had so many hopes for her life. Her first husband was simply a disappointment, too well-behaved, too boring. With Shug Bain things could be different. But soon she wakes up still in her childhood room with her parents, aged 39 and mother of three kids. Shug promises a better life and rents them a home in a run-down public housing area on the outskirts of Glasgow. Yet, Shug does not really move in with his family, he is driving his taxi more and more often and spends his free time with other women. Soon enough, Agnes finds comfort in alcohol, her new neighbourhood is the perfect place to drown your thoughts and worries in cans of beer. Shuggie’s older brother Leek and his sister Catherine can distance themselves from their always intoxicated mother, yet, Shuggie is too young and for years, he hopes that one days, Agnes will be sober and they will have a life like any normal family.

Douglas Stuart’s novel is really heart-wrenching. You follow Shuggie’s childhood in the 1980s, a time when life was hard for many working class families who often did not know how to make ends meet which drove many fathers and mothers to alcohol. Shuggie’s love for his mother is unconditional, he is too young to understand the mechanisms behind her addiction and to see what it does not only to her but also to him. It would be too easy to blame Agnes for the misery she brings to herself and her son, she too is a victim of the time she lives in and the society that surrounds her. Industrial times are over in Scotland and the formerly working class turn into a new underclass.

It is not the plot that stands out in this novel, actually, all that happens is a downward spiral of alcoholism and decay that leads to the necessary end one would expect. Much more interesting are the two main characters, mother and son, and their development throughout the novel. Agnes tries to preserve her pride, to be the glamorous and beautiful woman she has once been and who has always attracted men even when times get tough. She keeps her chin up as long as she can – at least when she happens to be sober.

Already at a young age Shuggie has to learn that life will not offer him much. His family’s poverty and his mother’s addiction would be enough challenge in life. However, the older he gets, the more unsure he becomes about who he actually is. As a young boy, he prefers playing with girls’ toys and later he does not really develop an interest in girls either which makes him an easy target of bullying. No matter how deep his mother sinks, he always hopes for better days, days with his father, days without hunger. He is good at observing and even better at doing what is expected of him. He learns quickly how to behave around the different men in their home, how to hide his life from the outside world. In Leanne, he finally finds somebody who can understand him because she herself leads exactly the same life. They only long to be normal, yet, a normal life is not something that their childhood has been destined to.

Quite often you forget how young Shuggie is, his life is miserable but he has perfectly adapted to the circumstances. Douglas Stuart provides insight in a highly dysfunctional family where you can nevertheless find love and affection. It is clear that there is no escape from this life which makes it totally depressing. Somehow, the novel reminds me of the “Kitchen Sink” dramas with the only difference of being set in the 1980s and shown from a female perspective. Agnes is not the angry young woman; she is the desperate middle-aged mother whose dreams are over and who provides only one example to her son: do not expect anything from life or anybody.

An emotionally challenging novel due to its unforgiving realism.

Paulina Czienskowski – Taubenleben

Paulina Czienskowski Taubenleben
Paulina Czienskowski – Taubenleben

Ein kleiner Fehler, der vielleicht böse Folgen hat, aber bis sie die Ergebnisse des Aids Tests hat, muss Lois warten. In den Tagen bis zur Entscheidung über Zukunft oder Ende, setzt sich die junge Frau mit ihrer Vergangenheit auseinander – ihrem Vater, der früh gestorben ist, sie kehrt zurück in das Hochhaus ihrer Kindheit und besucht ihre Mutter, die immer distanziert und kalt war und denkt an ihre Kindheitsfreunde Mirabel und Heinrich, mit denen sie durch gute und schlechte Zeiten ging. Sie fragt sich, ob das Leben, wie sie es führt, überhaupt einen Sinn hat und wenn ja, welchen?

Paulina Czienskowski schildert das Lebensgefühl einer neuen Lost Generation, die in Wohlstand und mit vermeintlich glorreicher Zukunft aufwuchs und sich, gerade im Erwachsenenalter, plötzlich in fragilen Beziehungen wiederfindet oder von einem One-Night-Stand zu nächsten wandernd, und sich voller Ängste und Hoffnungslosigkeit der Versprechungen für ihr Leben beraubt sieht. Die Sinnsuche wird entweder durch oberflächliche Internetwelten oder der Betäubung durch Drogen aller Art ersetzt oder führt sie geradewegs in eine manifeste Depression und Suizidgedanken.

„Und jetzt bin ich nicht tot und habe mich trotzdem umgebracht.“

Lois wandelt durch ihr Leben ohne sich lebendig zu fühlen. Nicht nur der fehlende Partner reißt ein Loch, vor allen die Ziel- und Bedeutungslosigkeit ihres Daseins lässt sie so sehr zweifeln, dass die Option selbiges zu beenden zur realen Möglichkeit wird. Wie eine Taube, die in den Verkehr gerät und getötet wird, deren Dasein aber keine Spuren hinterlässt und die nicht vermisst wird, fürchtet sie, könnte auch ihr Leben enden. Wozu war es dann gut?

„Früher sagte mir meine Mutter oft, ich sei tatsächlich besonders. Nicht, weil ich so einzigartig wäre für sie. Sie fand mich bloß besonders merkwürdig.“

Das Verhältnis zu ihrer Mutter scheint schwierig, abweisend und desinteressiert an ihrer Tochter erlebt man sie. Es fehlen beiden die passenden Kommunikationsmittel, zu verschiedenen scheinen die beiden Frauen auch, um eine gemeinsame Ebene zu finden. Je mehr Lois jedoch über den Tod ihres Vaters erfährt, desto nachvollziehbarere wird auch die Haltung und der Gemütszustand der Mutter, deren Leben ebenfalls nicht hielt, was sie sich von ihm versprochen hatte.

Es gelingt der Autorin, den emotionalen Ausnahmezustand der Protagonistin nachvollziehbar zu gestalten, leider fällt es jedoch schwer, diese sympathisch zu finden. Passiv erwartet sie, dass das Leben zu ihr kommt und alles vor ihr ausbreitet, einen eigenen Beitrag zum Gelingen scheint sie nicht bereit zu leisten und Verantwortung für das eigene Dasein übernimmt sie nicht. Zu schön hat sie es sich auch in ihrer Depri-Ecke eingerichtet, von der aus sie die Schuld auf andere verteilt. Beziehungsfähig kann man in dieser extrem Ich-bezogenen Haltung kaum werden und so muss jede Verbindung zu einem anderen Menschen zwangsweise scheitern.

Sollte der Roman als Anklage dieser Erwartungshaltung gedacht sein, dann überzeugt er – ob dies jedoch bei der Zielgruppe gelingt, darf bezweifelt werden – wollte Czienskowski für Verständnis werben, hat sie dies zumindest bei mir nicht geschafft.

Sigrid Nunez – Der Freund

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Sigrid Nunez – Der Freund

Nachdem ihr Mentor und bester Freund sich selbst das Leben genommen hat, erbt die Ich-Erzählerin einen Hund. Kein kleines Schoßhündchen, sondern eine riesige Dogge, die viel zu groß für ihre kleine New Yorker Wohnung ist, in der sie ohnehin keine Hunde halten darf. Aber irgendwer muss das Tier ja nehmen, das genau wie sie den Verlust des Gefährten betrauert. Die Annäherung an Apollo – der einzig wirklich passende Name für ein solch imposantes und schönes Tier – ist nicht einfach, doch nach und nach finden sie zusammen in ihrer Trauerbewältigung, die sich für die Erzählerin gedanklich zwischen Erinnerungen an den Freund, literarischen Analysen und den Studenten ihrer Creative Writing Kurse abspielt. So befremdlich der neue Mitbewohner für sie zunächst ist, so groß stellt er sich emotionale Stütze heraus.

Sigrid Nunez achter Roman katapultierte die Autorin schlagartig ins öffentliche Interesse, da sie mit diesem 2018 den National Book Award gewann und für zahlreiche weitere literarische Preise nominiert wurde. Der Roman besticht weniger durch die Handlung, diese ist recht reduziert, sondern letztlich durch den geschickten Genremix, der Nunez überzeugend gelungen ist. Literarische Betrachtungen, philosophische Spaziergänge, Erinnerungen, psychologische Analyse und geradezu banale Alltagssorgen im Zusammenleben mit einem Hund werden durch eine mal melancholische, mal heitere, mal fast wütende Erzählstimme zusammengehalten.

Im Zentrum steht Apollo – die einzige Figur, die einen Namen erhalten hat. Apollo hat keine Vergangenheit, er war irgendwann einfach da, und aufgrund seines Alters hat er auch keine Zukunft. Ebenso wie die Erzählerin trauert er offenkundig und die Frage, wer eigentlich wen tröstet, wer wessen Trauerbegleiter ist, bleibt letztlich offen.

Besonders gefallen haben mir die Grübeleien über das Schreiben und die Literatur, die Nunez mit pointiert ironischem Unterton präsentiert.

„Wenn Lesen die Fähigkeit zur Empathie tatsächlich fördert, wie uns ständig erzählt wird, dann scheint Schreiben sie zu vermindern.“

Die Überhöhung der Autoren, die in der Realität jedoch oft ein prekäres Dasein führen und häufig das Hadern mit ihren Emotionen und ihrer psychischen Instabilität als primäre Inspirationsquelle nutzen, greift sie direkt an und stürzt die Literaten vom gesellschaftlichen Thron. Doch wer eine Gedenkfeier nicht zum Erinnern an den Verstorbenen, sondern zum Netzwerken nutzt, hat es wohl auch nicht besser verdient. Nicht viel besser ergeht es den akademischen Institutionen, an denen keine kritische Auseinandersetzung und offene Diskussion ohne Rede- und Denkverbote mehr erfolgt, sondern die sich mit selbstauferlegten Beschränkungen vor Sorge um die augenscheinlich immer geringer werdende Belastbarkeit der Jugend zunehmend selbst in ihrer Gedankenwelt limitieren.

Unprätentiös und erfrischend amüsant lässt uns die Erzählerin an ihren Gedanken teilhaben und erfindet so den wahren literarischen Freigeist neu und macht neugierig auf ihre früheren Werke.

John Marrs – Die gute Seele

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John Marrs – Die gute Seele

Menschen, die sich bei der Telefonseelsorge melden, suchen jemanden, der ihnen zuhört, vielleicht Ratschläge gibt und ihnen hilft, eine schwierige Situation zu meistern. Wenn die Anrufer auf Laura treffen, erwartet sie ein vielfältiges Angebot von Hilfestellungen: sie bietet Trost, macht Mut, gibt nützliche Tipps und begleitet einem auch beim erfolgreichen Suizid. Was?!? Ja, die Menschen, die kurz davor stehen, sich das Leben zu nehmen sind Lauras Spezialität. Doch als sie David und Charlotte auf diesen Weg geführt hat, ahnte sie nicht, dass Charlottes Verlobter sich nicht mit der Erklärung Schwangerschaftsdepression zufrieden stellen lassen würde. Er beginnt nachzuforschen und kommt hinter Lauras Geheimnis. Er muss dieser Frau das Handwerk legen. Der finale Kampf hat begonnen.

John Marrs gehörte 2019 zu meinen Highlights und auch „Die gute Seele“ bietet wieder ein morbides Spiel mit den zentralsten menschlichen Charakterzügen. Dabei steigt er einmal mehr in Abgründe der Seele hinab, die man sich eigentlich gar nicht vorstellen möchte. So einfach die Grundkonstellation zu Beginn scheint, so sehr hat man sich aber als Leser auch getäuscht, denn Marrs hat bei der Anlage seiner Charaktere noch viel mehr auf Lager als man zunächst annehmen würde und eins steht fest: schwarz und weiß bzw. gut und böse sind keine Kategorien, die hier funktionieren würden.

Der Psychothriller kommt mich vor allem dadurch begeistern, dass die Karten immer wieder neu gemischt werden und jede Festlegung und Meinung, die man zu einer Figur entwickelt hat, so auch immer wieder neu justiert werden muss. Geschickt manipulieren die beiden Protagonisten, wobei sie nicht selten selbst die Leidtragenden ihres Tuns sind, was fast schon wieder Mitleid weckt. Scheint Laura zunächst einfach abgrundtief böse zu sein, muss bei ihr das Urteil auch differenzierter ausfallen, was es einerseits schwer macht, da man gerne in Kategorien denkt, aber gleichzeitig wird der Roman so unglaublich authentisch, denn die Realität verweigert sich oftmals ebenfalls den einfachen Zuschreibungen.

Einmal begonnen reißt einem der Roman einfach mit und man folgt das perfide Spiel gebannt ohne die leiseste Ahnung, wie es am Ende ausgehen wird.

Isabel Bogdan – Laufen

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Isabel Bogdan – Laufen

Vielleicht hilft Laufen ja, deshalb läuft sie einfach los. So wie früher, nur jetzt ohne Kondition. So muss sie sich erst einmal nur auf ihren Körper konzentrieren und kann alles andere vergessen. Das Andere, das ist Johann. War Johann. Ihr Partner, der sich das Leben genommen hat und sie allein zurückließ. Während sie ihre Runden um die Hamburger Alster dreht, kreisen ihre Gedanken über ihr Leben jetzt wieder allein. Die Anzeichen der Depression, die sie nicht erkannt hat, das Leben, das sie zusammen noch führen wollten, vielleicht sogar Kinder. Die Stunden bei der Therapeutin, die ihr helfen wenn auch nicht zu verstehen, dann doch damit umzugehen. Das Leben, das von einem auf den anderen Tag völlig aus dem Ruder gelaufen ist. Jeder Schritt, den sie läuft, ist auch ein Schritt in Richtung eines Lebens, das sie neu gestalten muss und schließlich auch gestalten will.

Isabel Bogdans Buch „Laufen“ ist eine große Überraschung, wenn man ein ähnliches Werk wie ihren Roman „Der Pfau“ erwartet hat. Kein feiner, geradezu britischer Humor erwartet den Leser, sondern der Gedankenstrom einer Frau, die versucht ihr Leben zu sortieren und ein unbegreifliches Ereignis zu begreifen. Sie beginnt mit kleinen Schritten, manchmal muss sie auch Rückschritte machen, aber letztlich geht es nach vorne.

„Deine Eltern tun, als wäre es meine Schuld, dabei mache ich mir die Vorwürfe doch schon selbst, und das ist überhaupt das Schwierigste, mir nicht selbst die Schuld zu geben(…)“

„Laufen“ ist ein sehr intimes Buch, das sich rein im Kopf der Erzählerin abspielt, dies hat Isabel Bogdan aber hervorragend eingefangen. Die vielen Arten negativer Emotionen, die sie durchläuft – Fassungslosigkeit, Verzweiflung, Aufgebenwollen, Verärgerung – werden spürbar und wirken nur allzu menschlich. Am schlimmsten wiegen die Selbstvorwürfe, die Überzeugung, dass sie das Unausweichliche hätte womöglich verhindern können, dabei gibt es nichts, was sie der Depression wirklich hätte entgegensetzen können. Neben dieser emotionalen Last, wiegt auch der Alltag schwer, der neu organisiert werden muss und dem doch ganz entscheidendes fehlt: der Mann an ihrer Seite.

„Manchmal, wenn es nachts schlimm ist, lege ich mir die zweite Bettdecke darüber, nicht weil mir kalt ist, sondern weil das zusätzliche Gewicht etwas Tröstliches hat.“

Mit präzisem Blick fängt sie die Kleinigkeiten ein, die sich plötzlich verändern und beinahe zur unüberwindbaren Hürde werden können. Auch das Verhalten der Menschen – ganz schlimm: Johanns Eltern – muss sie aushalten und sich in der veränderten Situation zu ihnen positionieren.

Trotz der Thematik, die von unheimlich viel Schmerz geprägt ist, hat mich das Buch begeistert. Es fällt nicht schwer, in den Kopf der Protagonistin zu klettern und sie auf ihrem Weg um die Alster und zurück ins Leben zu begleiten. Die Gedanken wirken authentisch und lebendig, das immer wieder Kreisen um dieselben Fragen, auf die es keine Antworten gibt, und schließlich die zaghaften Versuche sich wieder zu öffnen für die Welt. Ein einfühlsames Buch, das sicher auch viel Trost zu spenden vermag und verdeutlicht, wie fragil all das ist, was für feste Größen in unserem Leben halten.

Sally Rooney – Gespräche mit Freunden

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Sally Rooney – Gespräche mit Freuden

Mit einundzwanzig liegt die große Welt noch vor einem. So auch vor Frances, Litersturstudentin und angehende Schriftstellerin aus Dublin. Gemeinsam mit ihrer Freundin Bobbi tritt sie bei Poetry Slams auf, sie werden bewundert, bejubelt. Aber das ist nur wegen Bobbi, die sofort jeden verzaubert mit ihrer Schönheit und Offenheit. Neben ihr bleibt Frances blass, denkt sie. Als die Fotografin Melissa ihnen anbietet, ein Porträt über sie zu machen, öffnet sich eine neue Welt für die junge Frau aus bescheidenen Verhältnissen. Während die Uni in die Sommerpause geht, bewegen sich Bobbi und Frances sich plötzlich in der Welt der im Kunst- und Literaturbetrieb bereits Arrivierten. Scheu bewundert Frances diese Menschen, die sie um ihr Leben beneidet. Zurückhaltend und kühl erscheint sie, um ihre Unsicherheit und Selbstzweifel zu verdecken und doch interessiert man sich für sie, vor allem Nick, Melissas gutaussehender Ehemann, und völlig unvorbereitet wird Frances von ihren Gefühlen überrannt.

Die irische Autorin Sally Rooney gilt als der neue Star am Literaturhimmel, das Feuilleton bejubelt sie und ihr Debutroman war gleich für mehrere Preise nominiert. Man kann nur spekulieren, wie viel von ihrer Protagonistin Frances selbst in ihr steckt, viele Parallelen liegen auf der Hand und eines lässt sich ganz sicher sagen: sie ist eine der stärksten Stimmen ihrer Generation, und das, was sie mit ihrem Debut abliefert, schraubt die Erwartungen an die folgenden Werke hoch.

Einen Sommer und den Anfang des Herbstes begleitet die Geschichte Frances. Auch wenn die weiteren Figuren, Bobbi und vor allem auch das komplizierte Verhältnis von Melissa und Nick, durchaus auch viele interessante Aspekte liefern, so dreht sich doch allen nur um die Gedankenwelt der jungen Studentin. Viele Bücher gibt es, die die Unsicherheit einer jungen Frau, vor allem auch gegenüber älteren und selbstbewussteren Frauen, thematisieren. Rooney gelingt es aber insbesondere Frances‘ Gedankenstrudel einzufangen und dabei den Leser mitzunehmen. Man betrachtet sie nicht nur von außen, das Mädchen, das erst erwachsen werden und lernen muss, ihre Wirkung auf andere richtig einzuschätzen. Viel mehr hat man das Gefühl direkt in ihr zu stecken und die widersprüchlichen Emotionen mit ihr zu durchleben.

Es ist ein besonderer coming-of-age Roman, der insbesondere durch das Milieu ein ganz eigenes Flair entwickelt. Frances‘ Reflektiertheit steht ihr bisweilen im Weg, alles zu analysieren und zu hinterfragen, hält sie bisweilen vom Leben ab und treibt sie in einen gefährlichen Strudel. An dieser Stelle hat mich die junge Autorin ganz besonders überzeugt: ihr ist es gelungen, psychische Ausnahmezustände und auch manifeste Erkrankungen in einer ausgesprochen unaufgeregten Weise in die Handlung einzubauen, so dass diese nicht als Determinante der Figur erscheinen und diese dadurch nicht als bemitleidenswertes Opfer gezeichnet wird. Charakter und Persönlichkeit treten nicht hinter diese zurück, sondern nehmen sie als eine Facette auf.

Es genügen wenige Seiten und man wird von dem Sog, den der Roman entfaltet, mitgezogen. Ihr Stil ist ironisch bis metaphorisch und vor allem sehr reflektiert. Dazu bietet sie neben der Haupthandlung unzählige Themen und Denkanstöße, die die Breite ihres Repertoires nur noch weiter unterstreichen. Zweifelsfrei einer DER Romane 2019.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. mehr Informationen zu Autorin und Buch finden sich auf der Seite der Random House Verlagsgruppe.

Juliet Escoria – Juliet the Maniac

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Juliet Escoria – Juliet the Maniac

When Juliet finally comes to High School, she has high expectations. Since she is assigned to many honours classes, her talents sure will soon be seen by her teachers. However, instead of concentrating on her educational goals, Juliet is completely preoccupied with what others think of her, why she does not fit in and why she even lost the only friend she had in middle school. She struggles more and more and enters a spiral of drugs and self-harm until she, at last, cries for help and is brought to a hospital. With changing school, she hopes to find back to her old self, but the mental illness she has to recognize as a part of her personality, keeps her at the edge between life and death.

I have read several novels about teenagers developing mental illnesses and struggling to come back to something like a normal life. Thus, I was keen on reading Juliet Escoria’s novel which comes with high praise and was highly anticipated. Sadly, the protagonist didn’t really convince me and I hardly could relate with her and her fate.

The biggest problem for me was that throughout the novel I had the impression that the medicine to treat bipolar disorder or depression is somehow glorified and paralleled with “ordinary” drugs that are consumed by teenagers, such as alcohol, marihuana or any type of pills. Also the fact that having sex while being completely out of your mind was repeatedly portrayed as something you should go for left me a bit wondering. Since Juliet does not really seem to be willing to overcome her addictions or to find a way of living with her diagnosis and the side effects that come with it, I also did not find the novel helpful in any way.

Well, there were some entertaining parts in it, it was even funny at times. And surely it shows that absolutely anybody might end up with mental struggles and that you cannot really do something about it. The tone was adequate for a teenager, even though she often sounded a bit older than just the 14 she was at the beginning.

Binnie Kirshenbaum – Rabbits for Food

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Binnie Kirshenbaum – Rabbits for Food

Things have been getting worse for Bunny, given this name because her parents raised rabbits, and now, New Year’s Eve is approaching. Like every year, Bunny and her husband Albie will take part in the mandatory dinner with people they call their “friends” even though they don’t see them any other evening of the year due to obvious reasons. Albie would be fine to stay at home, but Bunny knows that even though she feels depressed, she needs to play along. But then, the worst case happens: she breaks down and finds herself in a psych ward.

The novel is divided into two parts: before and after, just like people who have a breakdown or have to live through a life-changing event, divide their life. For me personally, the two parts are so different that it is not easy to come to one conclusion in the end. I’d say: thumbs-up for the first half of the novel, but a strong trigger warning for the second.

Even though the protagonist is highly depressed and struggles with the smallest everyday actions, I found the beginning of the book often very funny since the author is a master of irony and a humour that I really liked. There are so many brilliant phrases, it was a great joy to read even though Bunny’s suffering is almost overwhelming. You slowly approach the climax, New Year’s Eve, and you know that something big is going to happen, thus the suspense becomes almost unbearable.

When Bunny is hospitalised, her welcome there still has some funny aspects, but only until the laughter gets stuck in your throat and Bunny’s life becomes utterly horrible. I have read several novels about psycho wards, “One flew over the Cuckoo’s Nest” and “Girl, interrupted”, which were not easy to support, but admittedly, more than once I was close to just stopping reading because I could hardly stand what the nurses and doctors there do to the patients. I hope that this is not reality – even though I fear that it might come much closer than anybody from the outside world would dream. No, what Bunny has to endure in hospital is not something nice and there is no need to embellish anything, but admittedly who could ever turn to such a place to find help?

Binnie Kirshenbaum surely is a remarkable and highly gifted writer, yet, this novel definitely should be accompanied by a warning.

Laurie Halse Anderson – Speak

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Laurie Halse Anderson – Speak

Alle hassen Melinda Sordino, niemand will mehr mit ihr befreundet sein, nachdem sie bei einer legendären Party im Sommer die Polizei gerufen hat. Nur Heather, die neu an der Schule ist, spricht noch mit ihr. Melinda geht es zunehmend schlechter, sie hat nicht ohne Grund die Polizei gerufen an diesem Abend, sie wusste einfach nicht, was sie tun sollte, nachdem sie von Andy Evans vergewaltigt worden war. Doch sie kann mit niemandem darüber sprechen. Sprechen fällt ihr ohnehin zunehmend schwerer und deshalb schweigt sie. Gegenüber den Mitschülern, gegenüber den Lehrern, gegenüber den Eltern. Ihre Noten werden immer schlechter, sie schwänzt die Schule, versteckt sich in einer Abstellkammer, ihrer einzigen Zuflucht, aber statt sie zu fragen, was mit ihr los ist und die Depression und post-traumatische Störung zu erkennen, wird sie als renitente Schülerin abgestempelt.

Das Jugendbuch „Speak“ ist inzwischen zwanzig Jahre alt und so etwas wie ein Klassiker unter den Traumabüchern. Erst viele Jahre nach Erscheinen des Buchs und zahlreichen Lesungen in Schulen hat die Autorin eingeräumt, dass die Geschichte auf ihren persönlichen Erfahrungen basiert und sie ebenso wie ihre Protagonistin als junges Mädchen vergewaltigt wurde und nicht darüber gesprochen hat. Aufgrund des Triggerpotenzials wird „Speak“ unterschiedlich aufgenommen, zahlreiche Preise anerkennen den literarischen und vor allem inhaltlichen Wert für Jugendliche, gleichermaßen ist es an zahlreichen Schulen und Universitäten verboten.

Auch wenn ein depressives, traumatisiertes Mädchen im Zentrum der Handlung steht und die Geschichte aus ihrer Perspektive geschrieben ist, empfand ich dies beim Lesen als übermäßig belastend. Es ist weniger das Ereignis selbst, als viel mehr das Unvermögen ihres Umfeldes zu erkennen, dass mit ihr etwas nicht in Ordnung ist, dass sie sich zurückzieht, auch mit Ritzen experimentiert und nicht mehr spricht, das thematisiert wird. Melinda versucht selbst, einfach zu vergessen, was an dem Abend geschehen war, ein unmögliches Unterfangen, denn die Flashbacks lassen sich nicht aufhalten und so muss sie sich dem Erlebten immer wieder stellen.

Bemerkenswert fand ich, dass die Autorin nicht nur Melindas Innenleben und die Folgen des Traumas authentisch und überzeugend dargestellt hat, sondern auch, wie viel unter der Erzählebene versteckt liegt. Die Suche der Schule nach dem Maskottchen, das identitätsstiftend wirken soll und doch aufgrund der vielfältigen Konnotationen immer wieder abgelehnt wird – kann dies in einer diversen Gesellschaft überhaupt noch gelingen? Oder auch Melindas Gespräche mit einem Poster Maja Angelous, der Autorin, die ihre Gewalterfahrungen literarisch in „I Know Why the Caged Bird SIngs“ verarbeitete und die Besprechung von Hawthorne, in dessen Protagonistin Hester Prynne Melinda sich wiedererkennt. Allem voran jedoch ihr Jahresthema im Kunstunterricht: sie soll einen Baum schaffen, doch ihre Versuche enden immer in einem toten Geäst, es findet sich kein Leben in der Pflanze, keine neuen Blätter entstehen mehr, denn die Kraft des Lebens fehlt.

In jeder Hinsicht ein anspruchsvolles Jugendbuch, das einerseits ein wichtiges Thema beleuchtet, gleichzeitig fürchte ich jedoch, dass nicht jede junge Leserin bzw. auch jeder junge Leser gut damit umgehen kann, vor allem, wenn sie sich in Melinda wiederkennen und das Lesen ihre Trauma verstärken könnte.