Simon Strauß – Römische Tage

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Simon Strauß – Römische Tage

Zwei Monate verbringt der junge Autor in der ewigen Stadt. Lernt die Sprache, beobachtet die Menschen und wandelt auf den Spuren Goethes, der einst seine italienische Reise dokumentierte und in dessen ehemaliger Wohnung gegenüber der Casa die Goethe er residiert. Er erlebt die Hitze und die Lebensfreude, sieht aber auch die Schattenseiten. Jahrtausende Menschenleben haben ihre Spuren hinterlassen, weltliche wie geistliche, er besucht die Touristenziele und findet abgeschiedene Orte. Kitsch und Kunst liegen bisweilen nah beieinander und ebenso altes Gedankengut wie moderne Ansichten. Während er immer wieder in sich hineinhorcht, ob sein krankes Herz noch im Takt schlägt, erinnert er sich auch an seinen Studienfreund, der viel zu früh verstorben ist und mit dem er gerne seine Erlebnisse geteilt und diskutiert hätte, die er nun nur niederschreiben kann.

Simon Strauß lässt seinen Erzähler zwischen Altem und Neuem wandeln, Rom als Geburtsort großer Männer und Imperien, aber auch als todbringender Schlund wahrnehmen. Die allgegenwärtige Krise, die Relikte einer längst vergangenen großen Zeit kämpfen mit dem Lebensgefühl junger Menschen, die die Schönheit der Ewigen Stadt genießen wollen und können. Und immer wieder hat es auch große Dichter und Denker dorthin gezogen, deren Spuren er sucht und findet.

In den Feuilletons wird der kurze Band heftig diskutiert, von großer Begeisterung ob der jungen Stimme bis zum totalen Verriss findet sich so ziemlich alles, was zu einem Buch nur gesagt werden kann. Ich bin ein wenig unentschlossen, einerseits liefert er die klassische Bildungsreise mit den touristischen Zielen, die bei Romkennern Erinnerungen wecken und ein wenig des typische römischen Flairs aus den Seiten wehen lassen.

Andererseits scheint der Erzähler das ureigene Ziel einer solchen Reise zu verfehlen: was hat Rom mit ihm gemacht, wie hat es ihn geprägt, welche Erkenntnis trägt er von dieser Reise mit nach Hause? Diese Fragen kann man nur mit: wenig bis gar nichts beantworten. Er will ein Buch über Europa schreiben und begibt sich an eines der Zentren der europäischen Sinnkrise, doch davor verschließt er letztlich die Augen bzw. richtet den Blick auf das Alte, Jahrzehnte, Jahrhunderte, Jahrtausende alte Steine begeistern ihn, die Gegenwart erreicht ihn aber nicht.

Aus Rom als Ausgangspunkt für die Analyse des Zustands der alten Welt hätte sicher noch mehr bieten können, so ist es ein durchaus unterhaltsamer kurzer Blick zurück geworden.

Philip Teir – So also endet die Welt

So also endet die Welt von Philip Teir
Philip Teir – So also endet die Welt

Der Sommer steht bevor und nach Jahren soll endlich mal wieder in die Familienhütte, abgeschieden an einem See gehen. Erik will dort den Stress der Arbeit vergessen, vor allem, dass er keine Arbeit mehr hat, was er seiner Frau Julia noch nicht gebeichtet hat. Diese will die Einsamkeit nutzen, um endlich an ihrem zweiten Buch weiterzuarbeiten. Tochter Alice und Sohn Anton sind zwiegespalten, es gäbe attraktivere Ziele, aber die finnische Natur hat ja auch ihre Reize. Alle vier haben große Erwartungen und Pläne für die zwei Monate, doch kaum einer davon lässt sich in die Tat umsetzen, denn vor Ort warten nicht nur alte Bekannte, sondern Probleme, die man gerne verdrängt hätte, lassen sich nicht länger verstecken.

Philip Teir konnte mich bereits mit seinem Debüt Roman „Winterkrieg“ überzeugen, ebenso wie dort fängt er auch in „So also endet die Welt“ die Nuancen der zwischenmenschlichen Beziehungen ein, lässt diese langsam eskalieren, ohne dafür das ganz große unerwartete Ereignis zu benötigen, sondern getreu dem Motto „Steter Tropfen höhlt den Stein“ ist irgendwann das Maß voll.

In seinen Figuren spiegelt er eine beachtenswert große Bandbreite der typischen Empfindsamkeiten wider. Erik, der Ernährer der Familie, muss erkennen, dass er beruflich gescheitert ist. Als Student noch enthusiastisch und wagemutig, hat er seine eigene Firma schon früh gegen eine Festanstellung und einen eher langweiligen Job eingetauscht. Die gewonnene Sicherheit bedeutet aber auch, sich heute mit seinem ehemaligen Partner zu messen, der ein Vermögen mit der Firma gemacht hat. Nicht nur das: die direkt vor Urlaubsantritt ausgesprochene Kündigung bringt ihn an den absoluten Tiefpunkt, dem er nur durch Unmengen Alkohol zu begegnen weiß.

Julia ist zwar mit ihrem ersten Roman recht erfolgreich gewesen, trotzdem scheitert sie selbst ebenfalls im Vergleich. Bei ihr ist es die Kindheitsfreundin Marika, die sich mit ihrer Familie zufällig nebenan aufhält. Die entspannte und vor allem unkonventionelle Lebensweise beeindruckt Julia, die genau das geworden zu sein scheint, was sie nie sein wollte: die konventionelle, biedere Mutter, die nahezu hysterisch ihre Kinder begluckt. Diese wiederum erleben neue Seiten an sich selbst, Alice die erste Liebe und einen aufrechten Austausch über Eltern mit Marikas Sohn, der sich gerade die geordnete Welt von Alice‘ Familie wünscht und diese sofort gegen die Aussteigerphantasien seiner Eltern eintauschen würde.

Auf engstem Raum eskaliert Teir die Situation. Ein Entweichen gibt es quasi nicht, die Figuren müssen sich stellen – vor allem sich selbst stellen, denn die Erwartungen der anderen sind weitaus weniger drängend als die Erkenntnis, sich selbst enttäuscht zu haben. Was nun der beste Lebensentwurf ist, darauf gibt Teir keine Antwort. Aber dass man durchaus vor mir Familie und Mitmenschen weglaufen kann, jedoch nie vor sich selbst, das ist offenkundig. Und früher oder später müssen wir uns alle mit uns selbst auseinandersetzen.

Der Roman lebt nicht von der großen Spannung oder der actionreichen Handlung, es sind die Figuren, die kaum durchschnittlicher sein könnten, die ihn tragen und beweisen, dass der Autor ein Händchen dafür hat, das Besondere und Bemerkenswerte im Alltäglichen zu finden.

Christoph Schulte-Richtering – 32 Tage Juli

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Christoph Schulte-Richtering – 32 Tage Juli

Die Schule ist beendet, endlich die große Freiheit! Mit einem Interraiticket wollen Jayjay und Tiggy die europäische Welt erobern oder zumindest mal schauen, wie weit sie reicht. Bis in den Süden Portugals, nach Lagos, zieht es sie, wo sie einen alkohol- wie erlebnisreichen Sommer verbringen werden. Dreißig Jahre später werden sie zurückkehren, denn es gibt da noch eine Sache, die damals unerledigt blieb, etwas, das sie klären müssen. Mit Mitte 40, gerade im Job gescheitert, machen sie sich wieder auf und suchen nach den Spuren ihrer Jugend.

Christoph Schulte-Richtering erzählt die Geschichte um die beiden Freunde im Wechsel zwischen den naiven Welteroberern, die voller Tatendrang losfahren und sich unbekümmert in ihr Abenteuer stürzen und den beiden Männern, die Beziehungen haben scheitern sehen, beruflich an einem Wendepunkt stehen und sich fragen, ob sie in den drei Jahrzehnten zwischen damals und heute das Leben gelebt haben, von dem sie als Jugendliche geträumt hatten. Beide Perspektiven sind dem Autor hervorragend gelungen. Mich konnten sowohl die unbekümmerten Abiturienten überzeugen, die so manche Lektion auf die harte Tour lernen, wie auch die deutlich nachdenklicheren Mittvierziger, die erbarmungslos auf ihr Scheitern blicken.

Die Atmosphäre des sommerlichen Portugals, wo sich eine bunt gemischte Gruppe an Aussteigern und Sommerurlauben zusammenfindet, aus unterschiedlichsten Gründen aus ihren Ländern geflohen und nun eher unwillkürlich zusammengewürfelt, kommt durch jede Zeile durch und macht das Buch zur perfekten Sommerlektüre. Man kann das Salz des Meerwassers zwar nicht schmecken, aber großer Vorstellungskraft bedarf es keiner mehr, um sich die sonnenverwöhnten Strände und die nächtlichen Partys vorzustellen.

So wie der Sommer irgendwann zu Ende geht, hat Schulte-Richtering auch einen sehr melancholischen Schluss gefunden, der zwar nicht ganz den Weltschmerz des portugiesischen Saudade wiedergibt, aber doch eine gewisse Wehmut zum Ausdruck bringt: Die Briefe an die Geliebte jenes Sommers, deren Abstände immer größer werden und in denen es Jahr um Jahr einen anderen guten Grund gibt, weshalb man doch nicht zurückkehren kann. Das Leben holt Jayjay und Tiggy ein, die „32 Tage Juli“ gehören der Vergangenheit an und spielen im Leben im Jetzt zunehmend keine Rolle mehr. So spielt das Leben, es geht immer weiter und der Blick wird nach vorne gerichtet und nur manchmal wehmütig zurück.