J. S. Margot – Mazel Tov

J.S. Margot – Mazel Tov

Even though the interview went rather poorly, the Schneider family employs the narrator as a tutor for their four children. The two boys cope with school quite well, but the oldest daughter Elzira struggles and needs support. The children do not go to an ordinary school, just like the family is not the ordinary Antwerp family. They are Orthodox Jews and with her tutoring job, the doors to a completely new world open for the young student. Gradually, she does not actually become a member of the family but they grow totally fond of her and even when the kids have grown up, they not only stay in contact but support each when they are in need.

The Flemish journalist and novelist Margot Vanderstraeten narrates her encounter with the Jewish community at the beginning of the 1990s when she was a student. She is quite young, only a couple of years the children’s senior when she first enters their life and thus can only wonder about what she sees and learns about the family’s faith, the different types of Judaism and a life in her hometown of which she did not have the least idea.

She is confronted with a lot of contradictions and unbelievable concepts, however, she also learns that they can provide anchors in life and give orientation in the modern world. Over the years, she also understands why some Jews prefer to keep to themselves and why all of them always have a passport at hand. At times funny, at times pensive – the novel gives insight in an unknown world without judging any way of life or religion. It is a wonderful memoir which first of all shows how people can bond even though, at first, they could hardly differ more. By showing Jews not only in Belgium but also in Israel and the USA, she also underlines that all of them find their very own way of interpreting their religion and of uniting an old faith based on ancient rules with the modern world.

Adrienne Brodeur – Wild Game

adrienne brodeur wild game
Adrienne Brodeur – Wild Game

Rennie ist 14 als der alles verändernde Kuss geschieht. Nicht sie selbst ist es, sondern ihre Mutter, Malabar, die Ben, den seit Jahrzehnten besten Freund ihres Gatten, küsst und damit alles aus den Fugen gerät. Die schillernde Frau geht eine Affäre ein und macht ihre Tochter nicht nur zur Mitwisserin, sondern zur Gehilfin, um ihre Treffen mit Ben zu decken, und zu ihrer Vertrauten, die sich alles anhören muss. Rennie hat ein schlechtes Gewissen gegenüber ihrem Stiefvater, aber die Sehnsucht nach der Nähe zur Mutter und deren Aufmerksamkeit, lassen ihr keinen anderen Ausweg. Als das Verhältnis droht aufzufliegen, ist sie zur Stelle, wann auch immer ihre Mutter leidet, spendet sie Trost. Dabei vergisst sie selbst jedoch den Abnabelungsprozess, den sie als junge Frau vollziehen sollte und wähnt sich in der Illusion, die geliebte Tochter zu sein. Tatsächlich ist sie nur eins: ein notwendiges Hilfsmittel.

Adrienne Brodeur verarbeitet in ihrem Buch ihre komplizierte Beziehung zur Mutter und schildert, welche drastische Folgen diese toxische Beziehung für sie auch viele Jahre später als eigentlich unabhängige Erwachsene hat. Selbst Kind einer allseits bewunderten, strahlenden Frau, hat Malabar nie gelernt zu lieben oder die Perspektive anderer einzunehmen. Ein Schicksalsschlag in jungen Jahren verhindert letztlich eine bedingungslose Beziehung zu ihren Kindern, die ihrerseits so sehr nach Zuwendung lechzen, dass sie aus diesem fragilen und schädlichen Beziehungsgebilde nicht herauskommen.

Anfangs hat das Geheimnis um das Verhältnis noch spannende und reizvolle Aspekte. Mit der Mutter ein so großes Geheimnis zu teilen, lässt das Mädchen geradezu euphorisch werden und sie deutet dies nicht nur als Vertrauens- sondern als Liebesbeweis. Gerne unterstützt sie das Spiel mit den anderen, unbedarft und nicht berücksichtigend, welche Folgen dies für die beiden anderen Partner haben kann. Doch je älter Rennie wird, desto deutlicher erkennt sie ihre Rolle im Leben ihrer Mutter. Schnell ist sie ersetzbar, ihr eigenes Leben und Leid wird gar nicht wahrgenommen und die psychologische Last, die sie seit Jahren mit sich herumträgt, muss zwangsläufig irgendwann in einer manifesten Erkrankung enden. Was von außen eine völlig klare und nachvollziehbare Entwicklung ist, wird von der Autorin an diesem Punkt nicht erkannt, zu sehr steckt sie fest als dass sie sich lösen und einen Schritt beiseite treten könnte, um einen anderen Blickwinkel zu gewinnen.

Es gelingt Adrienne Brodeur den perfekten Ton zu finden, um nicht verbittert ihre Erfahrungen zu schildern, sondern die verschiedenen Stadien, die sie durchläuft, auch sprachlich widerzuspiegeln. Der lockere, neugierig-heitere Ton begleitet die Anfangsphase, ernstere folgen je älter sie wird, bis schließlich der psychologische Tiefpunkt erreicht wird und sie erkennen muss, was aus ihrem Leben geworden ist. Aus dem naiven Mädchen wird die differenzierter denkende junge Frau und schließlich eine Erwachsene, die sich der unerfreulichen Realität und Erkenntnis stellen muss. So wie sie durch die Literatur sich selbst erkannt hat, kann sicherlich auch ihr literarischer Verarbeitungsprozess andere dazu ermutigen, ihre Beziehungen zu hinterfragen.

Amaryllis Fox – Life Undercover

amaryllis-fox-life-undercover
Amaryllis Fox – Life Undercover

Jeder kennt sie, die Bücher und Filme über die Agenten, die für CIA, MI6, DGSE oder Mossad gefährliche Aufträge ausführen und die Welt vor den Schurken bewahren. Doch die schillernden Figuren der Unterhaltungsindustrie zeigen nur die eine Seite, auf der sie stark und unverwundbar sind und von einem Kampf in den nächsten ziehen. Ihre Zweifel sieht man selten und noch viel weniger weiß man darüber, wo sie herkommen und wie sie zu dem geworden sind, was uns beim Zusehen so fasziniert. Amaryllis Fox ist eine von ihnen, ein Jahrzehnt ihres Lebens hat sie in den Dienst der CIA gestellt, geheime Missionen unternommen, um ihr Land vor Anschlägen zu schützen. Ein Leben mit fremden Identitäten, die sie selbst vor ihrer Familie und Partner geheim halten musste.

„Einen Garten anzulegen ist der höchste Akt des Glaubens an ein Morgen.“

Dieses Zitat, das die Agentin schon als kleinen Mädchen an einem Schild im Nachbarsgarten gelesen hat, bringt ihre Motivation auf den Punkt: sie will die Welt ein bisschen besser machen, ihren Beitrag zum Frieden leisten. Sie wächst auf zwischen den USA und Großbritannien, der Vater ist beruflich viel unterwegs und Umzüge alle paar Jahre gehören zum Alltag. Schon früh beginnt sie sich für Politik zu interessieren und eine Schulaufgabe über Aung San SUU Kyi, damals gewaltfreie Kämpferin für die Demokratie in ihrer Heimat Myanmar, wird bestimmend für den Weg sein, den sie einschlägt.

Es braucht die Erzählung über ihre Kindheit und Jugend, um zu verstehen, weshalb Amaryllis Fox sich für diese Karriere und gegen die Arbeit bei Hilfsorganisationen entscheidet. Die Ausbildung ist intensiv und anstrengend, immer überschattet von der Angst, doch noch aussortiert zu werden, es nicht zu schaffen, den Anforderungen nicht zu genügen. Und doch können diese Monate und Jahre sie nicht auf das echte Leben vorbereiten, wenn plötzlich Beruf und Privatleben – und in ihrem Fall auch noch ein Kind – unter einen Hut gebracht werden müssen.

Fox schildert die Seite, die sonst verborgen bleibt. Die Angst, die omnipräsent ist und drohend über ihr und ihrer Familie schwebt. Sie stellt ihr Tun auch infrage und im Laufe der Jahre, insbesondere nachdem sie Mutter geworden ist, nehmen menschliche Aspekte zunehmend mehr Raum bei der Beurteilung einer Lage ein. Es ist ein Bericht aus dem Innersten der CIA, sie gibt Einblick in strategische Denkweisen und die bisweilen zermürbende Detailarbeit, die zu dem Job gehört, der in der Realität viel weniger glamourös ist als auf der Leinwand.

Sicherlich ist Amaryllis Fox eine ungewöhnliche Frau, mit nicht einmal zwanzig Jahren wurde sie rekrutiert und gehört allein schon wegen ihres Geschlechts zu einer absoluten Minderheit. „Life Undercover“ sind eine Art Memoiren, die keine Abrechnung mit dem Geheimdienst sind; sie hat sich aus nachvollziehbaren Gründen für diese Arbeit entschieden und daran ändern auch Jahre mit falscher Identität nichts. Ihre analytischen Fähigkeiten erlauben es ihr auch hier Emotionen unter Kontrolle zu halten, die sie in der Zusammenarbeit mit ausländischen Informanten braucht, um Beziehungen und Vertrauen aufzubauen, die bisweilen ihr einziger Schutz sind.

Spannende Einblicke in die Arbeit der CIA, die jedoch viel mehr die interessante Frage danach beantwortet, was diese mit den Menschen macht als dass spektakuläre Geheimnisse offenbart würden.

Ein herzlicher Dank geht an die Hanser Literaturverlage für das Rezensionsexemplar. mehr Informationen zu Autorin und Buch finden sich auf der Verlagsseite.