Juno Dawson – Meat Market

Juno Dawson – Meat Market

Die 16-jährige Jana Novak wird in einem Londoner Park von einem Modelscout angesprochen. Sie kann erst gar nicht glauben, dass das sein Ernst sein soll, ist sie doch ihr Leben lang schon aufgrund ihrer Größe dem Spott der Mitschüler ausgesetzt. Über Nacht wird das Mädchen zum Superstar der Modelszene, alle reißen sich um das außergewöhnliche neue Gesicht. Sie fliegt um die Welt, lernt berühmte Schauspieler und Models kennen und begegnet sich selbst auf Werbeplakaten auf den meistbesuchten Plätzen der Metropolen. Doch bald wird ihr auch die Schattenseite der Branche bewusst, sie ist kaum mehr zu Hause, der Kontakt zu ihren Freunden wird immer schwieriger und die Erschöpfung von viel Arbeit, viel Party und kaum ordentlicher Nahrung hinterlässt auch ihre Spuren. Glücklicherweise haben ihre Kolleginnen Mittel und Wege gefunden, damit umzugehen und versorgen auch Jana mit den kleinen Glückspillen. Doch der wirkliche Tiefpunkt steht ihr erst noch bevor…

Die Jugendbuchautorin Juno Dawson greift in ihren Geschichten genau jene Themen auf, die die Zielgruppe bewegen und denen sie oftmals eher leichtgläubig begegnen. Ihr gelingt dabei der schmale Grat zwischen erhobenem Zeigefinger und Unterhaltung und auch mit „Meat Market“ schafft sie es, den Mythos des schönen Scheins der Modewelt kräftig anzukratzen, ohne dabei wie die meckernde, besserwissende Mutti daherzukommen. Ihre Protagonistin wirkt authentisch in ihren Gedanken und auch wenn das Ende für meinen Geschmack übers Ziel hinausschießt, kann der Roman mit seiner Message doch überzeugen.

Janas Aufstieg verläuft katapultartig, heute noch Schülerin, morgen schon begehrtes Supermodel. Gedanklich kommt das Vorstadtmädchen kaum hinterher, immer noch empfindet sie sich als nicht anders als ihre Freunde, mit denen sie gerade noch die Schulbank gedrückt hat. Sie wird von einem Tsunami erfasst und in eine fremde Welt geschleudert. Gerade die Darstellung dessen, wie sie versucht, noch an dem alten Leben festzuhalten und wie doch unübersehbare Risse entstehen und sie sich zunehmend entfremdet, ist der Autorin hervorragend gelungen.

Auch wenn ich die Darstellung der Modelwelt grundsätzlich glaubhaft finde – totale Überhöhung neuer Gesichter, permanenter Druck auf die jungen Mädchen abzunehmen, versiffte Modelwohnungen, unglaubliche Summen für Fotoshootings, leichtfertiger Drogen- und Tablettenkonsum um das hohe Tempo der Branche auszuhalten – war einiges doch auch eher klischeehaft überzeichnet. Die osteuropäischen Mädchen, die sich neben dem Modeln in der Oberschicht regelrecht prostituieren, um mehr Geld zu verdienen, die eine gute Freundin in der Branche, die am Ende alles rettet und zum dem großen Sieg gegen die dunklen Mächte der Branche verhilft – das war etwas zu einfach aus meiner Sicht und verleitet zum dem Irrglauben, dass jedes kleine und naive Mädchen selbstverständlich ganz Großes bewirken kann.

Trotz der Schwächen ein lesenswerter und unterhaltsamer Roman, der es auch schaffen wird, das eine oder andere etwas verrückte Bild der Topmodel-Welt wieder geradezurücken.

Karen M. McManus – The Cousins

Karen M. McManus – The Cousins

Twenty-five years ago, their parents were disowned by their grandmother Mildred. The four Story children Adam, Allison, Archer and Anders only got a letter saying that they knew what they had done. Unfortunately, they didn’t and haven’t been in contact with their mother who still lives on the family estate Catmint House on Gull Cove Island off the coast of Massachusetts which has been turned into a successful vacation destination for the rich. Unexpectedly, Milly, Aubrey and Jonah, Mildred’s grandchildren who have not seen each other for years, are invited to spend the summer there and to get to know their granny. Has the old lady finally changed her mind? Not really, but this is only one of the many, well buried family secrets of the Storys.

I liked Karen McManus’ former young adult novels a lot since she knows how to create suspense without being actually violent and because her characters are often teenagers one can easily identify with since they show the same fears and insecurities every knows. “The Cousins” offers an interesting setting and much more twists and turns than expected and thus was an enjoyable read.

The story is told alternatingly from the three teenagers’ point of view thus giving insight not only in their thoughts but also in the secrets they hide from each other. It also adds to the fast pace and at times gives you an advance since you already know what’s coming when the characters in the novel are still in the dark.

There are also flashbacks in which we meet their parents when they were teenagers which is quite an interesting comparison and also provides the necessary background to understand the behaviour of the characters on the island.

Overall, I totally enjoyed the novel which had an unforeseeable ending and some fascinating characters.

René Goscinny & Albert Uderzo – Asterix: Der Goldene Hinkelstein

René Goscinny & Albert Uderzo – Asterix: Der Goldene Hinkelstein

Dorf-Barde Troubadix hat beschlossen, beim Wettbewerb um den besten Sänger Galliens teilzunehmen und träumt davon, als Sieger den Goldenen Hinkelstein mit nach Hause nehmen zu können. Asterix und Obelix ahnen Schlimmstes und begleiten den wenig talentierten Barden vorsichtshalber. Diese Weitsicht zahlt sich aus, denn bei Troubadix desaströsem Auftritt kommt es zugleich zu Tumult. Doch dies ist nur eine Gefahr, die dem Sänger droht: ein römischer General wünscht einen privaten Barden zu seiner Unterhaltung und schickt entsprechend Legionäre aus, die zielsicher den schlechtesten Sänger von Aremorica einpacken.

„Der Goldene Hinkelstein“ ist ein Sonderband innerhalb der Reihe um das widerspenstige gallische Dorf. Im Original erschien der Text 1967 mit dem Titel „Le Menhir D’Or“ als Schallplatte mit Begleitheft und wurde nun nach Jahren der Vergessenheit in zahlreichen Sprachen neu aufgelegt. Passend hierzu ist auch eine etwa halbstündige Hörbuchversion erschienen.

Schlägt man den Band auf, fällt sofort die ungewohnte Gestaltung auf, der Text findet sich nämlich nicht in Sprechblasen, sondern ist neben den Bildern platziert, was dem Comic seinen bekannten Stil nimmt und eher zu einem Bilderbuch werden lässt. Diese Darstellung setzt jedoch die Zeichnungen Uderzos deutlich mehr in Szene als dies in den anderen Bänden der Fall ist.

Das empfohlene Lesealter ist ab 5 Jahren, was mir sehr passend erscheint, die Geschichte ist überschaubar komplex und gewohnt unterhaltsam. Was ihr jedoch fehlt, sind die feinen Anspielungen und Doppeldeutigkeiten, die die Serie auch für Erwachsene so attraktiv macht. Haben gerade die aktuellen Bände viel Bezug zum Tagesgeschehen und Figuren der Gegenwart, bleibt dieser auf der Ebene von Anspielungen an bekannte Lieder beim Gesangswettbewerb stehen.

Dashka Slater – The 57 Bus

Dashka Slater – The 57 Bus

Oakland, Kalifornien, ist die Heimatstadt zweier sehr verschiedener Jugendlicher. Richard wächst als African-American unter schwierigen Verhältnissen auf und besucht eine Schule, die für Gewalt und geringe Abschlussquoten bekannt ist. Früh schon kommt er in Konflikt mit dem Gesetz, erlebt wie Freunde getötet werden und muss selbst in Jugendarrest. Sasha hingegen besucht eine tolerante Privatschule, wo man seine Identität als transqueer oder agender genauso problemlos akzeptiert wie sein Faible für Röcke und das präferierte Personalpronomen „they“ anstatt die binären „he“/“she“. Eigentlich haben die beiden kaum eine Chance sich zu begegnen, nur kurz teilen die Kinder der beiden Schule den Schulbus und dort geschieht es: Richard und seine Freunde albern rum während Sasha schläft. Was als Spaß beginnt, endet in einer Tragödie: das Spiel mit dem Feuer wird ernst, als Sashas Rock in Flammen aufgeht und der Teenager mit ihm.

Dashak Slaters Buch basiert auf einer wahren Begebenheit, die sie ursprünglich nur für einen Artikel der New York Times niedergeschrieben hatte. Es ist die Geschichte eines schrecklichen Verbrechens, ein Drama, aber auch einer Stadt, in der Chancen ungleich verteilt sind, wo das Leben diesen oder jenen Weg nehmen kann, je nachdem, in welchem Stadtteil man lebt und welche Schule man besucht. Auch wenn der zentrale Aspekt des Buchs der Anschlag auf Sasha ist, werden doch viel mehr Fragen aufgerissen, allen voran die Geschlechtsidentität und das Hadern mit den gängigen Definitionen und Erwartungen, die Gang-Kultur und der Umgang mit kriminellen Jugendlichen, nicht zuletzt die Frage, ob man Vergeben kann und über genügen Empathie verfügt, auch die andere Seite zu verstehen.

Der Roman passt nicht so richtig in ein Genre, basierend auf Tatsachen merkt man den journalistischen Hintergrund, der mit zahlreichen Daten und Fakten immer wieder die Ereignisse untermauert. Es wird nicht die große Emotionalität geweckt, was bei der Thematik sicherlich auch denkbar gewesen wäre, stattdessen wählt die Autorin den Weg beiden Seiten gleichermaßen eine Stimme zu verleihen, was ihr hervorragend gelingt und womit sie zeigt, dass auch der Dualismus von gut/böse oftmals der Realität nicht gerecht wird.

Es ist ein Jugendbuch – die Übersetzung ist für den diesjährigen Jugendliteraturbuchpreis nominiert –bietet aber auch für Erwachsene nicht nur Unterhaltung, sondern mit der Elternperspektive, die immer wieder auch präsentiert wird, ebenso interessante Aspekte, vor allem im Umgang mit einem autistischen Kind, das sich zudem als genderfluid sieht. Ein großartiger Roman, der vielschichtig eine komplexe Situation in Literatur umsetzt.

Jo Walton – Among Others

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Jo Walton – Among Others

Nachdem ihr Großvater, bei dem sie zuletzt lebte, einen Schlaganfall hatte, wird die 15-jährige Morganna, genannt Mori, zu ihrem Vater Daniel geschickt, den sie bis dato gar nicht kannte. Er und seine drei Halbschwestern entscheiden schnell, dass das Mädchen auf das Internat geschickt werden soll, das auch schon die Schwestern besucht hatten. Dort hält sie in einem Tagebuch ihre Erlebnisse fest. Sie ist anders als die Töchter reicher Eltern, hatte sie doch bis dato im ländlichen Wales gelebt, auch ihre Liebe zu Büchern, insbesondere Science-Fiction Romanen, kann sie mit niemandem teilen. Ebenso wenig die Tatsache, dass Magie einen wichtigen Platz in ihrem Leben einnimmt, die war es nämlich, die sie vor der bösen Mutter gerettet hat und was zu dem Unfall führte, bei dem ihre Zwillingsschwester Morwenna, ebenfalls Mori genannt, ums Leben kam und sie selbst an Hüfte und Bein schwer verletzt wurde. Mori lebt in ihrer eigenen Welt und der der Bücher, die sie in die Schulbibliothek, aber auch jene des kleinen Örtchens führen und unerwartet doch noch Seelenverwandte finden lassen.

Jo Waltons Roman, deutscher Titel: „In einer anderen Welt“, gewannt 2012 den Nebula Award, den Hugo Award sowie den British Fantasy Award als bestes Buch des Jahres. Für mich persönlich eine etwas irritierende Einordnung, denn ich hätte den Roman keineswegs als Fantasyroman bezeichnet, denn die Welt, in der Mori lebt, ist das typische Großbritannien des Jahres 1979. Lediglich ihr Glaube an Magie und Feen, mit denen sie sich auch unterhält, hebt sie von den anderen Jugendlichen ab. So wie Walton dies darstellt, hätte ich das Buch eher als magischen Realismus eingeordnet, vor allem, da immer wieder die Grenze zwischen psychisch gesund und krank verschwimmt und das Mädchen gerade hochtraumatische Erlebnisse hinter sich gebracht hat und völlig aus dem bekannten Leben geworfen wurde.

There are some awful things in the world, it’s true, but there are also some great books. When I grow up I would like to write something that someone could read sitting on a bench on a day that isn’t all that warm and they could sit reading it and totally forget where they were or what time it was so that they were more inside the book than inside their own head.

Trauer, Verlust, Ängste unterschiedlicher Art, fieses Mobbing, Umgehen mit einer sichtbaren Behinderung – Mori hat ein ordentliches Päckchen zu tragen und offenbar niemand, dem sie sich anvertrauen kann. Es bleibt ihr nur die Flucht in die Welt der Bücher, die ihr Sicherheit gibt und das reale Leben vergessen lässt.

Reading it is like being there. It’s like finding a magic spring in a desert. It has everything. (…) It is an oasis for the soul. Even now I can always retreat into Middle Earth and be happy. How can you compare anything to that?

Durch das Lesen, die Menschen, die sie in ihrem Buchclub kennenlernt und die langsame Annäherung an ihren Vater und den Großvater, findet sie zurück ins Leben. Es gibt immer noch Momente, die sie emotional überfordern und in denen sie sich von magischen Kräften bedroht fühlt – durch die eigene Mutter, die drei seltsamen Tanten – zunehmend gelingt es ihr aber auch, die Kontrolle darüber zu gewinnen.

Durchaus ein recht typischer coming-of-age Roman, der jedoch vor allem dann große Freude bereitet, wenn Mori ihre Gedanken über Bücher teilt, die sie regelrecht verschlingt. Tatsächlich hätte ich mir am Ende eine Liste mit allen Bücher, die erwähnt werden, gewünscht. Wundervoll erzählt, mit ganz viel Liebe zur Protagonistin und der Literatur, so dass man wirklich einmal abtauchen und aus der Wirklichkeit verschwinden kann.

Karen M. McManus – Two can keep a secret

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Karen M. McManus – Two can keep a secret

Schon immer war Ellery fasziniert von True Crime Stories, vermutlich, weil ihre Tante Sarah als junge Frau spurlos verschwand. Als ihre Mutter einen längeren Klinikaufenthalt antreten muss, zieht sie zusammen mit ihrem Zwillingsbruder Ezra nach Echo Ridge zu ihrer Großmutter, der Ort des Verbrechens, der kein gutes Pflaster für junge Frauen zu sein scheint. Just als sie dort ankommen wird nämlich der fünfjährige Todestag der hübschen Lacey begangen. Kurz darauf wird die Stadt durch diffuse Morddrohungen alarmiert und es dauert nicht lange, bis wieder ein Mädchen verschwindet. Ellery ist verschreckt und fasziniert zugleich und beginnt wildeste Theorien über den möglichen Mörder zu spinnen. Dieser ist womöglich näher als sie ahnt, denn Malcolm, mit dem sie sich in der neuen Schule anfreundet, ist der Bruder des Hauptverdächtigen.

Karen McManus konnte mich mit ihrem ersten Roman „One of Us is Lying“ restlos begeistern. Der Nachfolger reicht leider nicht ganz an diesen heran, wenn auch die Geschichte überzeugend konstruiert ist und man lange Zeit völlig im Dunkeln tappt. Gefallen hat mir die Protagonistin mit ihrem Spleen für True Crime Geschichten, der sie zur engagierten Detektivin macht und immer wieder neue Theorien über die Geschehnisse in der Kleinstadt entwickeln lässt.

Gleich mehrere Verbrechen werfen große Fragen auf, ob und wie diese im Zusammenhang stehen, bleibt lange unklar. Mit Ellery und Ezra kommen zwei Außenseiten in die Kleinstadt, die sich die Verbindungen der Bewohner untereinander erst erarbeiten müssen und so gemeinsam mit dem Leser ein Bild von Echo Ridge entwickeln. Dass sie selbst unmittelbar mit den Geheimnissen verbunden sind und gefühlt jede Figur auch etwas zu verheimlichen hat, hält sie Spannung konstant hoch, auch wenn ich mir bisweilen etwas mehr Tempo gewünscht hätte. Die einzelnen Fälle werden am Ende insgesamt glaubhaft gelöst, wobei mein persönliches Highlight – Achtung Spoiler! – der Schlusssatz war. Ich mag es, wenn irgendwie alles vorbei ist und dann aus dem Nichts nochmals ein Akzent, oder eher ein heftiger Schlag, gesetzt wird.

Holly Jackson – A Good Girl’s Guide to Murder

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Holly Jackson – A Good Girl’s Guide to Murder

Pippa Fitz-Amobi hat sich ein ganz besonderes Thema für ihre abschließende Projektarbeit in der Schule gesucht:  fünf Jahre zuvor verschwand in ihrer Kleinstadt Little Kilton die 17-jährige Andie Bell. Ihr Freund Sal Singh wurde des Mordes verdächtigt, was sein Selbstmord nur wenige Tage später zu bestätigen schien. Doch Pippa hat Zweifel daran, dass die Geschehnisse am 20. April 2012 wirklich so waren, wie man sie sich erzählt, vor allem, da Andies Leiche nie gefunden wurde. Sie beginnt Fragen zu stellen und dokumentiert akribisch ihre Erkenntnisse. In Ravi, Sals jüngerem Bruder, findet sie schnell einen Verbündeten und je tiefer sie in die Geschichte einsteigen, desto größer werden die Lücken, die sich in der Erzählung auftun und desto länger wird die Liste der Verdächtigen. Sie scheinen auf der richtigen Spur zu sein, denn bald schon erhält Pippa Warnungen: sie soll aufhören mit ihren Nachforschungen, sonst wird sie dies böse bereuen.

Holly Jacksons Debut Roman ist eine gelungene Mischung aus Jugendbuch und Thriller und stellt den Auftakt einer Serie dar, von der inzwischen vier Bücher auf Englisch veröffentlicht wurden. Mich hatte zunächst der Titel angesprochen, den ich witzig fand, die Geschichte versprach auch spannend zu werden und meine Erwartungen wurden voll erfüllt: die Krimihandlung wird nachvollziehbar aufgebaut und am Ende sauber gelöst, wenn ich hier auch ein paar Abstriche dafür machen würde, dass es mir ein Tick zu viel des Guten war. Die Protagonistin ist dafür eine charmante Mischung aus cleverem Mädchen mit durchaus auch humorvollen Zügen.

Die gesamte Handlung lebt letztlich von Pippas Nachforschungen. Die Mischung aus erzählender Handlung, ihren Notizen und Transkripten ihrer „Verhöre“ lockert dabei die Erzählung immer wieder auf. Akribisch verfolgt Pippa kleinste Spuren, die Tatsache, dass sie mit zahlreichen Jugendlichen befreundet ist oder wegen ihres Alters gar nicht ernst genommen wird, erlauben ihr den Zugang zu wichtigen Informationen. Dass sie bisweilen etwas naiv vorgeht, passt dabei stimmig ins Bild. Die Autorin verzichtet auf typische Klischees, die man in diesem Genre leider häufig findet, ebenso müssen die beiden jugendlichen Ermittler nicht auch noch für eine Liebesgeschichte herhalten, was den Roman auch für Erwachsene unterhaltsam macht. Eine rundum überzeugende und unterhaltsame Geschichte.

Carmen Buttjer – Levi

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Carmen Buttjer – Levi

Ein Zelt auf dem Dach ist sein neues Zuhause. Und das seiner Mutter. In der Urne. Die er bei ihrer Beerdigung einfach mitgenommen hat, als er weglief. Nun sitzt Levi wenige Stockwerke über der Wohnung, in der nur noch sein Vater ist, der ihm schon immer fremd war, den er jetzt aber gar nicht mehr erkennt. Zum Glück hat er noch den Kioskbesitzer Kolja, der den 11-Jährigen mit seiner Trauer annimmt, denn davon versteht der ehemalige Fotojournalist und Kriegsberichterstatter viel. Auch in Vincent findet er einen Verbündeten, der mit ihm durch die Stadt zieht und ihn nicht wie ein Kind behandelt. Aber immer wieder kehrt die Angst zurück, vor dem, der ihm seine Mutter genommen hat. Es muss ein wildes Tier gewesen sein, ein Tiger vermutlich. Gesehen hat er ihn nicht, denn er schlief nur wenige Schritte entfernt unter dem Schreibtisch, aber er konnte ihn spüren und wird nun von ihm verfolgt.

Carmen Buttjers Debutroman ist eine lustig-traurige Geschichte, die das Schlimmste in Worte fasst, wofür Kinder keine Worte haben und was sie nicht begreifen können: den Tod eines Elternteils. Aber nicht nur den Kindern geht es so und das ist der Autorin sehr überzeugend gelungen zu verdeutlichen: auch der Vater und Ehemann kann mit der Situation nicht umgehen, ist überfordert, traurig, verzweifelt und kann nicht begreifen, was gerade geschieht. Diese beiden ebenso wie die Nachbarn Kolja und Vincent tragen den Roman, die Handlung wird nebensächlich, fast so wie die Zeit anhält, wenn einem ein solcher Schicksalsschlag widerfährt.

Die Geschichte spielt sich immer wieder zwischen den konstanten Fixpunkten Wohnung – Zeltlager – Kiosk und dem Herumstreunen in der Großstadt ab. Zu oft ist Levi bereits umgezogen als dass es seine Stadt wäre, sie ist ihm sogar erschreckend fremd. Dies mag auch die Absenz aller Gleichaltrigen erklären. Rastlosigkeit wechselt sich mit erschöpftem Zusammensinken ab, Levis Seelenzustand wird durch sein Handeln gespiegelt. Die Erwachsenen können keinen Trost spenden, sie kommen selbst mit ihren eigenen Emotionen und dem Tod nicht klar. Die Flucht in die Fantasiewelt ist da der einzige Ausweg, die Vorstellung von bösen Tieren macht es leichter, das Unglück zu ertragen.

So traurig Anlass und Seelenzustand der Figuren sind, so leicht wirkt der Roman oft, lässt einem immer mal auch Schmunzeln und an das Gute im Menschen glauben. Levis typisch kindlicher Umgang mit der Situation hat ebenso Charme wie es einen berührt zu sehen, wie er versucht die Situation zu begreifen. Der Blick durch die Augen des 11-Jährigen ist Carmen Buttjer hervorragend gelungen, wie sich vor allem auch an dessen Erinnerungen zeigt, die eindeutig demonstrieren, dass Erwachsene sich noch so sehr bemühen können, Dinge von den Kindern fernzuhalten, dies gelingt selten und sie bekommen viel mehr mit (und ab) als man möchte.

„Levi“ ist vieles, Großstadtroman, Coming-of-Age, vor allem aber eine gelungene Umsetzung eines ausgesprochen schwierigen Themas.

Manfred Theisen – Rot oder Blau – Du hast die Wahl

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Manfred Theisen – Rot oder Blau – Du hast die Wahl

Für die beiden 9. Klassen einer Kölner Gesamtschule soll der Aufenthalt in der Jugendherberge nicht nur eine angenehme Abwechslung zum Schulalltag werden, sondern ihnen auch aufzeigen, wie fragil unserre Demokratie ist. Dazu haben ihre Lehrer sich das Spiel „Rot oder Blau“ ausgedacht, bei dem die Klassen den US Wahlkampf mit Parteien und Kandidaten nachahmen.Schnell schon zeigt sich, dass das Prinzip „wer am lautestens schreit, hat Recht“ auch bei den Schülern wirkt und dass angeheizt vom Erfolg auch eine schmutzige Kampagne mit Lügen, Verleumdung und Manipulation geführt wird.

Manfred Theisens Roman klang wie eine moderne Version von Morton Rhues „The Wave“, die auch Faktoren wie das Internet und Fake News berücksichtigt und zudem nach Deutschland verlegt wurde. Leider konnte die Geschichte die Erwartungen jedoch nicht erfüllen. Zu plakativ bleibt der erhobene Zeigefinger und zu offenkundig das Verhalten des „Lautsprechers“. Kindern und Jugendlichen muss man nicht mit der Holzhammmermethode kommen, damit sie etwas verstehen.

So wie der Titel rot und blau gegenüberstellt, bleibt der Autor bei seinen Figuren ziemlich schwarz und weiß, mir fehlten hier die Komplexität und die Zwischentöne. Durch die extreme Vorhersehbarkeit leidet auch die Spannung, Überraschungen gibt es keine. Daneben bedient der Autor so ziemlich jedes Klischee über Jugendliche, die als unreflektierte Herdentiere erscheinen und blind dem Influencer folgen, die Lehrkräfte kommen dabei auch nicht besser weg. Die Idee war gut, aber die Umsetzung konnte mich leider in keiner Hinsicht überzeugen.

Antje Herden – Keine halben Sachen

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Antje Herden – Keine halben Sachen

Das Leben ist nicht einfach, wenn man 15 ist und große Erwartungen hat, stattdessen aber in der Kleinstadt festsitzt, den Alltag der alleinerziehenden Mutter betrachtet und einem Freunde und Lehrer anöden. Auch Robin geht es so bis er Leo trifft, der ihn aus seiner Lethargie herausreißt. Mit ihm lernt er neue Leute und ein neues Lebensgefühl kennen. Zum ersten Mal trinkt er Alkohol, zum ersten Mal kifft er und irgendwann probiert er auch noch andere Drogen, die ihn in einen unglaublichen Rausch versetzen. Durch seine neue Clique lernt er auch Anna und Karla kennen, in letztere verliebt er sich sofort und neben den ganzen neuen Emotionen, die ihm die Trips besorgen, rauscht sein Blut auch wegen der Verliebtheit. Die Welt um ihn herum gibt es nicht mehr, nur noch Karla und die Drogen.

Antje Herden hat für ihr Jugendbuch den Peter Härtling Preis erhalten, die Jury begründete ihre Wahl unter anderem damit, dass sie glaubwürdig den Weg in die Drogenabhängigkeit schildert und jeden pädagogischen Eifer vermeidet. Dem kann man nur zustimmen, die Autorin lässt ihren Protagonisten immer weiter abrutschen und am Ende gar gänzlich abstürzen, vermeidet aber jeden Kommentar, der Robins Handeln wertet oder gar verurteilt oder – noch schlimmer – besserwisserisch kommentiert.

Mich hat das Buch überzeugen können. Robins Null-Bock-Haltung zu Beginn ist ebenso glaubwürdig wie sein eigentlich gutes Verhältnis zur Mutter, das er in diesem Alter natürlich nicht nach außen tragen kann. Er ist kein falscher Kerl und wirkt absolut durchschnittlich. Der Zufall führt ihn scheinbar mit Leo zusammen, der ihn zielsicher auf die schiefe Bahn leitet. Leos Verhalten ist seltsam, als erwachsener Leser ahnt man recht schnell, was es mit ihm auf sich hat, für Jugendliche dürfte sich das am Ende eher als Überraschung herausstellen, die ich in der Konstruktion so recht gelungen finde. Auch wenn der Text recht kurz ist und das Abdriften in die wirklich harten Drogen dadurch sehr schnell vonstattengeht, wirkt dies auf mich nachvollziehbar und stimmig. Vor allem die bildhaften Beschreibungen der Halluzinationen und der damit verbundenen Ängste dürften Eindruck bei jungen Lesern hinterlassen.

Ein urteilfreies Jugendbuch, das Drogenkonsum darstellt, wertungsfrei, aber doch mit einer klaren Message.