Karen M. McManus – Two can keep a secret

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Karen M. McManus – Two can keep a secret

Schon immer war Ellery fasziniert von True Crime Stories, vermutlich, weil ihre Tante Sarah als junge Frau spurlos verschwand. Als ihre Mutter einen längeren Klinikaufenthalt antreten muss, zieht sie zusammen mit ihrem Zwillingsbruder Ezra nach Echo Ridge zu ihrer Großmutter, der Ort des Verbrechens, der kein gutes Pflaster für junge Frauen zu sein scheint. Just als sie dort ankommen wird nämlich der fünfjährige Todestag der hübschen Lacey begangen. Kurz darauf wird die Stadt durch diffuse Morddrohungen alarmiert und es dauert nicht lange, bis wieder ein Mädchen verschwindet. Ellery ist verschreckt und fasziniert zugleich und beginnt wildeste Theorien über den möglichen Mörder zu spinnen. Dieser ist womöglich näher als sie ahnt, denn Malcolm, mit dem sie sich in der neuen Schule anfreundet, ist der Bruder des Hauptverdächtigen.

Karen McManus konnte mich mit ihrem ersten Roman „One of Us is Lying“ restlos begeistern. Der Nachfolger reicht leider nicht ganz an diesen heran, wenn auch die Geschichte überzeugend konstruiert ist und man lange Zeit völlig im Dunkeln tappt. Gefallen hat mir die Protagonistin mit ihrem Spleen für True Crime Geschichten, der sie zur engagierten Detektivin macht und immer wieder neue Theorien über die Geschehnisse in der Kleinstadt entwickeln lässt.

Gleich mehrere Verbrechen werfen große Fragen auf, ob und wie diese im Zusammenhang stehen, bleibt lange unklar. Mit Ellery und Ezra kommen zwei Außenseiten in die Kleinstadt, die sich die Verbindungen der Bewohner untereinander erst erarbeiten müssen und so gemeinsam mit dem Leser ein Bild von Echo Ridge entwickeln. Dass sie selbst unmittelbar mit den Geheimnissen verbunden sind und gefühlt jede Figur auch etwas zu verheimlichen hat, hält sie Spannung konstant hoch, auch wenn ich mir bisweilen etwas mehr Tempo gewünscht hätte. Die einzelnen Fälle werden am Ende insgesamt glaubhaft gelöst, wobei mein persönliches Highlight – Achtung Spoiler! – der Schlusssatz war. Ich mag es, wenn irgendwie alles vorbei ist und dann aus dem Nichts nochmals ein Akzent, oder eher ein heftiger Schlag, gesetzt wird.

Holly Jackson – A Good Girl’s Guide to Murder

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Holly Jackson – A Good Girl’s Guide to Murder

Pippa Fitz-Amobi hat sich ein ganz besonderes Thema für ihre abschließende Projektarbeit in der Schule gesucht:  fünf Jahre zuvor verschwand in ihrer Kleinstadt Little Kilton die 17-jährige Andie Bell. Ihr Freund Sal Singh wurde des Mordes verdächtigt, was sein Selbstmord nur wenige Tage später zu bestätigen schien. Doch Pippa hat Zweifel daran, dass die Geschehnisse am 20. April 2012 wirklich so waren, wie man sie sich erzählt, vor allem, da Andies Leiche nie gefunden wurde. Sie beginnt Fragen zu stellen und dokumentiert akribisch ihre Erkenntnisse. In Ravi, Sals jüngerem Bruder, findet sie schnell einen Verbündeten und je tiefer sie in die Geschichte einsteigen, desto größer werden die Lücken, die sich in der Erzählung auftun und desto länger wird die Liste der Verdächtigen. Sie scheinen auf der richtigen Spur zu sein, denn bald schon erhält Pippa Warnungen: sie soll aufhören mit ihren Nachforschungen, sonst wird sie dies böse bereuen.

Holly Jacksons Debut Roman ist eine gelungene Mischung aus Jugendbuch und Thriller und stellt den Auftakt einer Serie dar, von der inzwischen vier Bücher auf Englisch veröffentlicht wurden. Mich hatte zunächst der Titel angesprochen, den ich witzig fand, die Geschichte versprach auch spannend zu werden und meine Erwartungen wurden voll erfüllt: die Krimihandlung wird nachvollziehbar aufgebaut und am Ende sauber gelöst, wenn ich hier auch ein paar Abstriche dafür machen würde, dass es mir ein Tick zu viel des Guten war. Die Protagonistin ist dafür eine charmante Mischung aus cleverem Mädchen mit durchaus auch humorvollen Zügen.

Die gesamte Handlung lebt letztlich von Pippas Nachforschungen. Die Mischung aus erzählender Handlung, ihren Notizen und Transkripten ihrer „Verhöre“ lockert dabei die Erzählung immer wieder auf. Akribisch verfolgt Pippa kleinste Spuren, die Tatsache, dass sie mit zahlreichen Jugendlichen befreundet ist oder wegen ihres Alters gar nicht ernst genommen wird, erlauben ihr den Zugang zu wichtigen Informationen. Dass sie bisweilen etwas naiv vorgeht, passt dabei stimmig ins Bild. Die Autorin verzichtet auf typische Klischees, die man in diesem Genre leider häufig findet, ebenso müssen die beiden jugendlichen Ermittler nicht auch noch für eine Liebesgeschichte herhalten, was den Roman auch für Erwachsene unterhaltsam macht. Eine rundum überzeugende und unterhaltsame Geschichte.

Carmen Buttjer – Levi

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Carmen Buttjer – Levi

Ein Zelt auf dem Dach ist sein neues Zuhause. Und das seiner Mutter. In der Urne. Die er bei ihrer Beerdigung einfach mitgenommen hat, als er weglief. Nun sitzt Levi wenige Stockwerke über der Wohnung, in der nur noch sein Vater ist, der ihm schon immer fremd war, den er jetzt aber gar nicht mehr erkennt. Zum Glück hat er noch den Kioskbesitzer Kolja, der den 11-Jährigen mit seiner Trauer annimmt, denn davon versteht der ehemalige Fotojournalist und Kriegsberichterstatter viel. Auch in Vincent findet er einen Verbündeten, der mit ihm durch die Stadt zieht und ihn nicht wie ein Kind behandelt. Aber immer wieder kehrt die Angst zurück, vor dem, der ihm seine Mutter genommen hat. Es muss ein wildes Tier gewesen sein, ein Tiger vermutlich. Gesehen hat er ihn nicht, denn er schlief nur wenige Schritte entfernt unter dem Schreibtisch, aber er konnte ihn spüren und wird nun von ihm verfolgt.

Carmen Buttjers Debutroman ist eine lustig-traurige Geschichte, die das Schlimmste in Worte fasst, wofür Kinder keine Worte haben und was sie nicht begreifen können: den Tod eines Elternteils. Aber nicht nur den Kindern geht es so und das ist der Autorin sehr überzeugend gelungen zu verdeutlichen: auch der Vater und Ehemann kann mit der Situation nicht umgehen, ist überfordert, traurig, verzweifelt und kann nicht begreifen, was gerade geschieht. Diese beiden ebenso wie die Nachbarn Kolja und Vincent tragen den Roman, die Handlung wird nebensächlich, fast so wie die Zeit anhält, wenn einem ein solcher Schicksalsschlag widerfährt.

Die Geschichte spielt sich immer wieder zwischen den konstanten Fixpunkten Wohnung – Zeltlager – Kiosk und dem Herumstreunen in der Großstadt ab. Zu oft ist Levi bereits umgezogen als dass es seine Stadt wäre, sie ist ihm sogar erschreckend fremd. Dies mag auch die Absenz aller Gleichaltrigen erklären. Rastlosigkeit wechselt sich mit erschöpftem Zusammensinken ab, Levis Seelenzustand wird durch sein Handeln gespiegelt. Die Erwachsenen können keinen Trost spenden, sie kommen selbst mit ihren eigenen Emotionen und dem Tod nicht klar. Die Flucht in die Fantasiewelt ist da der einzige Ausweg, die Vorstellung von bösen Tieren macht es leichter, das Unglück zu ertragen.

So traurig Anlass und Seelenzustand der Figuren sind, so leicht wirkt der Roman oft, lässt einem immer mal auch Schmunzeln und an das Gute im Menschen glauben. Levis typisch kindlicher Umgang mit der Situation hat ebenso Charme wie es einen berührt zu sehen, wie er versucht die Situation zu begreifen. Der Blick durch die Augen des 11-Jährigen ist Carmen Buttjer hervorragend gelungen, wie sich vor allem auch an dessen Erinnerungen zeigt, die eindeutig demonstrieren, dass Erwachsene sich noch so sehr bemühen können, Dinge von den Kindern fernzuhalten, dies gelingt selten und sie bekommen viel mehr mit (und ab) als man möchte.

„Levi“ ist vieles, Großstadtroman, Coming-of-Age, vor allem aber eine gelungene Umsetzung eines ausgesprochen schwierigen Themas.

Manfred Theisen – Rot oder Blau – Du hast die Wahl

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Manfred Theisen – Rot oder Blau – Du hast die Wahl

Für die beiden 9. Klassen einer Kölner Gesamtschule soll der Aufenthalt in der Jugendherberge nicht nur eine angenehme Abwechslung zum Schulalltag werden, sondern ihnen auch aufzeigen, wie fragil unserre Demokratie ist. Dazu haben ihre Lehrer sich das Spiel „Rot oder Blau“ ausgedacht, bei dem die Klassen den US Wahlkampf mit Parteien und Kandidaten nachahmen.Schnell schon zeigt sich, dass das Prinzip „wer am lautestens schreit, hat Recht“ auch bei den Schülern wirkt und dass angeheizt vom Erfolg auch eine schmutzige Kampagne mit Lügen, Verleumdung und Manipulation geführt wird.

Manfred Theisens Roman klang wie eine moderne Version von Morton Rhues „The Wave“, die auch Faktoren wie das Internet und Fake News berücksichtigt und zudem nach Deutschland verlegt wurde. Leider konnte die Geschichte die Erwartungen jedoch nicht erfüllen. Zu plakativ bleibt der erhobene Zeigefinger und zu offenkundig das Verhalten des „Lautsprechers“. Kindern und Jugendlichen muss man nicht mit der Holzhammmermethode kommen, damit sie etwas verstehen.

So wie der Titel rot und blau gegenüberstellt, bleibt der Autor bei seinen Figuren ziemlich schwarz und weiß, mir fehlten hier die Komplexität und die Zwischentöne. Durch die extreme Vorhersehbarkeit leidet auch die Spannung, Überraschungen gibt es keine. Daneben bedient der Autor so ziemlich jedes Klischee über Jugendliche, die als unreflektierte Herdentiere erscheinen und blind dem Influencer folgen, die Lehrkräfte kommen dabei auch nicht besser weg. Die Idee war gut, aber die Umsetzung konnte mich leider in keiner Hinsicht überzeugen.

Antje Herden – Keine halben Sachen

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Antje Herden – Keine halben Sachen

Das Leben ist nicht einfach, wenn man 15 ist und große Erwartungen hat, stattdessen aber in der Kleinstadt festsitzt, den Alltag der alleinerziehenden Mutter betrachtet und einem Freunde und Lehrer anöden. Auch Robin geht es so bis er Leo trifft, der ihn aus seiner Lethargie herausreißt. Mit ihm lernt er neue Leute und ein neues Lebensgefühl kennen. Zum ersten Mal trinkt er Alkohol, zum ersten Mal kifft er und irgendwann probiert er auch noch andere Drogen, die ihn in einen unglaublichen Rausch versetzen. Durch seine neue Clique lernt er auch Anna und Karla kennen, in letztere verliebt er sich sofort und neben den ganzen neuen Emotionen, die ihm die Trips besorgen, rauscht sein Blut auch wegen der Verliebtheit. Die Welt um ihn herum gibt es nicht mehr, nur noch Karla und die Drogen.

Antje Herden hat für ihr Jugendbuch den Peter Härtling Preis erhalten, die Jury begründete ihre Wahl unter anderem damit, dass sie glaubwürdig den Weg in die Drogenabhängigkeit schildert und jeden pädagogischen Eifer vermeidet. Dem kann man nur zustimmen, die Autorin lässt ihren Protagonisten immer weiter abrutschen und am Ende gar gänzlich abstürzen, vermeidet aber jeden Kommentar, der Robins Handeln wertet oder gar verurteilt oder – noch schlimmer – besserwisserisch kommentiert.

Mich hat das Buch überzeugen können. Robins Null-Bock-Haltung zu Beginn ist ebenso glaubwürdig wie sein eigentlich gutes Verhältnis zur Mutter, das er in diesem Alter natürlich nicht nach außen tragen kann. Er ist kein falscher Kerl und wirkt absolut durchschnittlich. Der Zufall führt ihn scheinbar mit Leo zusammen, der ihn zielsicher auf die schiefe Bahn leitet. Leos Verhalten ist seltsam, als erwachsener Leser ahnt man recht schnell, was es mit ihm auf sich hat, für Jugendliche dürfte sich das am Ende eher als Überraschung herausstellen, die ich in der Konstruktion so recht gelungen finde. Auch wenn der Text recht kurz ist und das Abdriften in die wirklich harten Drogen dadurch sehr schnell vonstattengeht, wirkt dies auf mich nachvollziehbar und stimmig. Vor allem die bildhaften Beschreibungen der Halluzinationen und der damit verbundenen Ängste dürften Eindruck bei jungen Lesern hinterlassen.

Ein urteilfreies Jugendbuch, das Drogenkonsum darstellt, wertungsfrei, aber doch mit einer klaren Message.

Neal Shusterman/Jarrod Shusterman – Dry

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Neal Shusterman/Jarrod Shusterman – Dry

Und plötzlich kommt kein Wasser man aus dem Wasserhahn. Ganz Orange County ist stillgelegt, geradezu ausgetrocknet und das Mitten im Sommer. Alyssa und ihre Eltern nehmen das Problem noch nicht so ernst, es wird nur ein paar Stunden dauern, bis alles wieder reibungslos funktioniert. Doch sie irren sich. Der Tap out ist kein kleines, sondern ein großes Problem und bald schon fehlt nicht nur das Wasser zum Duschen, sondern vor allem die Flüssigkeit zum Trinken. Aus einer kleinen Unannehmlichkeit wird ein Kampf ums Überleben, den nur die Stärksten gewinnen können. Und dabei zeigt sich auch das hässliche Gesicht der Menschen gnadenlos.

Neal Shusterman hat zusammen mit seinem Sohn Jarrod eine hochaktuelle Dystopie für Jugendliche verfasst. Im Zentrum steht eine Gruppe Teenager, die allein ums Überleben kämpfen müssen. Das Szenario wirkt dabei nicht nur glaubwürdig, sondern in Anbetracht aktueller Entwicklungen erschreckend real, so dass der Text nicht nur durch die Bedrohung, der die Gruppe ausgesetzt ist, sondern vor allem durch das Potenzial in der Wirklichkeit einen tiefen Eindruck hinterlässt.

Neben der Grundproblematik und dem Überlebenskampf spielt die Geschichte auch mit Fragen um Freundschaft und dem Erhalt von Idealen und Werten in einer Krisensituation. Wie weit ist der einzelne bereit zu gehen, um sein Leben vor das der anderen zu stellen? Welche Gefahr geht man ein, um Verbündete zu schützen? Die Zweckgemeinschaft um Alyssa, ihren Bruder Garret und den Nachbarn Kelton fand ich in dieser Konstellation ergänzt um Henry und Jacqui, die später hinzustoßen, überzeugend und ausreichend facettenreich, so dass für viele Leser eine Identifikationsfigur zu finden sein dürfte. Die Handlung wird durch die über ihr schwebende Bedrohung immer weiter vorangetrieben, so dass sich die Jugendlichen permanent auf der Flucht und in neuen Krisensituationen befinden. Auch das fand ich insgesamt stimmig und überzeugend.

Abzug gibt es für einen Punkt, der mir wirklich zu schwach war: keiner der Jugendlichen bricht zusammen oder gibt auf. Selbst als die Eltern spurlos verschwinden und sie davon ausgehen müssen, dass diese tot sind, wird kaum eine Träne vergossen. Nicht nur dass mir das sehr unrealistisch vorkommt, es unterstützt auch das falsche Ideal des immer starken Menschen, der alles aushält und keine Schwäche zeigen darf. Die Bindungen zu anderen sind offenbar so schwach, dass ein Schulterzucken genügt, um deren Tod zu verarbeiten. In herausfordernden Situationen funktionieren viele Menschen sehr gut und brechen erst später zusammen, dass dies in so einem Ausmaß aber Kindern gelingen soll, erscheint mir doch eher utopisch. Nichtsdestotrotz ein insgesamt überzeugendes Jugendbuch.

Laurie Halse Anderson – Speak

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Laurie Halse Anderson – Speak

Alle hassen Melinda Sordino, niemand will mehr mit ihr befreundet sein, nachdem sie bei einer legendären Party im Sommer die Polizei gerufen hat. Nur Heather, die neu an der Schule ist, spricht noch mit ihr. Melinda geht es zunehmend schlechter, sie hat nicht ohne Grund die Polizei gerufen an diesem Abend, sie wusste einfach nicht, was sie tun sollte, nachdem sie von Andy Evans vergewaltigt worden war. Doch sie kann mit niemandem darüber sprechen. Sprechen fällt ihr ohnehin zunehmend schwerer und deshalb schweigt sie. Gegenüber den Mitschülern, gegenüber den Lehrern, gegenüber den Eltern. Ihre Noten werden immer schlechter, sie schwänzt die Schule, versteckt sich in einer Abstellkammer, ihrer einzigen Zuflucht, aber statt sie zu fragen, was mit ihr los ist und die Depression und post-traumatische Störung zu erkennen, wird sie als renitente Schülerin abgestempelt.

Das Jugendbuch „Speak“ ist inzwischen zwanzig Jahre alt und so etwas wie ein Klassiker unter den Traumabüchern. Erst viele Jahre nach Erscheinen des Buchs und zahlreichen Lesungen in Schulen hat die Autorin eingeräumt, dass die Geschichte auf ihren persönlichen Erfahrungen basiert und sie ebenso wie ihre Protagonistin als junges Mädchen vergewaltigt wurde und nicht darüber gesprochen hat. Aufgrund des Triggerpotenzials wird „Speak“ unterschiedlich aufgenommen, zahlreiche Preise anerkennen den literarischen und vor allem inhaltlichen Wert für Jugendliche, gleichermaßen ist es an zahlreichen Schulen und Universitäten verboten.

Auch wenn ein depressives, traumatisiertes Mädchen im Zentrum der Handlung steht und die Geschichte aus ihrer Perspektive geschrieben ist, empfand ich dies beim Lesen als übermäßig belastend. Es ist weniger das Ereignis selbst, als viel mehr das Unvermögen ihres Umfeldes zu erkennen, dass mit ihr etwas nicht in Ordnung ist, dass sie sich zurückzieht, auch mit Ritzen experimentiert und nicht mehr spricht, das thematisiert wird. Melinda versucht selbst, einfach zu vergessen, was an dem Abend geschehen war, ein unmögliches Unterfangen, denn die Flashbacks lassen sich nicht aufhalten und so muss sie sich dem Erlebten immer wieder stellen.

Bemerkenswert fand ich, dass die Autorin nicht nur Melindas Innenleben und die Folgen des Traumas authentisch und überzeugend dargestellt hat, sondern auch, wie viel unter der Erzählebene versteckt liegt. Die Suche der Schule nach dem Maskottchen, das identitätsstiftend wirken soll und doch aufgrund der vielfältigen Konnotationen immer wieder abgelehnt wird – kann dies in einer diversen Gesellschaft überhaupt noch gelingen? Oder auch Melindas Gespräche mit einem Poster Maja Angelous, der Autorin, die ihre Gewalterfahrungen literarisch in „I Know Why the Caged Bird SIngs“ verarbeitete und die Besprechung von Hawthorne, in dessen Protagonistin Hester Prynne Melinda sich wiedererkennt. Allem voran jedoch ihr Jahresthema im Kunstunterricht: sie soll einen Baum schaffen, doch ihre Versuche enden immer in einem toten Geäst, es findet sich kein Leben in der Pflanze, keine neuen Blätter entstehen mehr, denn die Kraft des Lebens fehlt.

In jeder Hinsicht ein anspruchsvolles Jugendbuch, das einerseits ein wichtiges Thema beleuchtet, gleichzeitig fürchte ich jedoch, dass nicht jede junge Leserin bzw. auch jeder junge Leser gut damit umgehen kann, vor allem, wenn sie sich in Melinda wiederkennen und das Lesen ihre Trauma verstärken könnte.

David Owen – All The Lonely People

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David Owen  – All The Lonely People

The last strike by the anonymous bullying group really hit Kat hard. She was never the popular girl with many friends, but at least online she could be the person she saw in herself, but now, that is taken away from her and she just wants to vanish, fade away. Her wish is granted, slowly her body becomes translucent, only Safa, sharing the same fate can see her. She quickly finds out that there are others, not just people who would like to be someone different and forget their old life and be forgotten, but people who actually faded away. However, there is still one thing she needs to do on earth: the bullies have found another target and she must stop them and therefore collaborate with one of them.

Admittedly, I wasn’t really thinking that the act of vanishing in the novel was meant “real”, yet, this unrealistic aspect is the only thing I wasn’t completely happy with. Apart from this, David Owen has really captured the emotions of teenager who feel like they don’t fit in, that they cannot lead the life they would like to have and the hardship of going to school and being exposed to the attacks of bullies.

I found both protagonists – Kat as the good, pitiable girl and Wesley who first seems to be her enemy but then turns out to be in a comparable situation – strong characters for the novel. They are easy to relate to and the problems they face are things most pupils might know from their everyday life. The novel also had some suspense that kept you read on and it surely made you think of how you treat your family members and how attentive you are concerning the people around you that you never really see.

All in all, I liked it and would surely recommend it to young people who are searching for their identity and place in the world.

Manja Präkels – Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß

Manja Präkels - Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß
Manja Präkels – Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß

Mimi Schulz wird in die geordnete Welt einer Kleinstadt im Havelland hineingeboren. Der äußere Rahmen wird durch die DDR bestimmt, der familiäre durch die Krankheit des Vaters und die Linientreue der Lehrerinnen-Mutter. Als Kind spielt Mimi gerne mit Oliver, er wohnt nebenan und so verbringen sie die Freizeit und Familienfeste zusammen, bei denen sie den Erwachsenen die Schnapskirschen klauen. Doch mit dem Mauerfall ändert sich einiges in der Ordnung der Stadt. Die vormals Begünstigten haben plötzlich das Nachsehen, viele fühlen sich von der neuen BRD und ihrem Kapitalismus im Stich gelassen, wozu noch Pläne machen für eine Zukunft, die außer Ungewissheit nichts mehr bietet? Plötzlich tauchen Nazis auf, Schlägergruppen, die auf alles eindreschen, was nicht rechtzeitig davonlaufen kann. Oliver gehört auch zu ihnen, er ist jedoch kein Mitläufer, sondern ihr Anführer, ehrenvoll „Hitler“ genannt. Und so wird der Kindheitsfreund plötzlich zum ärgsten Feind.

Manja Präkels hat für ihren Debütroman den Deutschen Jugendliteraturpreis sowie den Anna-Seghers-Preis 2018 erhalten. Ich hätte das Buch nicht per se als Jugendbuch klassifiziert, auch wenn es sicherlich auch Jugendliche anspricht. Dass es jedoch beide Auszeichnungen verdient hat, steht völlig außer Frage, denn der Autorin ist gelungen, sowohl die kindlich-verklärte DDR-Idylle wie auch die Wende und die schwierigen 90er Jahre einzufangen ohne zu werten und ohne die Figuren für ihre Gedanken oder ihr Handeln abzuurteilen.

Mimis Kindheit ist recht sorgenfrei, wie dies glücklicherweise für die meisten der Fall ist. Die großen Zusammenhänge bleiben ihr verborgen, sie ist zwar eine fleißige Schülerin, was sie aber nicht von gelegentlichen Ausrutscher und Ausbrüchen bewahrt. Sie wächst heran zur Jugendlichen, die ersten näheren Begegnungen mit Jungs verlaufen eher weniger zufriedenstellend und die Dimension der Wende erschließt sich ihr eher im Kleinen mit veränderten Zukunftsplänen als in ihrer globalen Relevanz. Doch plötzlich wird die Idylle durchbrochen: die Menschen verändern sich, der Einfluss des Westens wird sichtbar und Mimi fragt sich:

Was mit unserem Land, der DDR, geschah, war aus der Froschperspektive schwer zu überblicken. Niemand sprach mehr von ihr. Waren wir noch da? Es hatte freie Wahlen gegeben. Mein neuer Reisepass wies mich als Bürgerin der Deutschen Demokratischen Republik aus. Aber alle redeten nur von Deutschland und meinten die BRD. Karl-Marx-Stadt hieß jetzt Chemnitz.

Doch diese Verunsicherung ist es nicht, die alles ändern wird, sondern das, was ihr Freund Zottel treffsicher auf den Punkt bringt:

Die Südafrikaner hatten gerade die Apartheid abgeschafft, aber, wie Zottel bei jedem unserer Treffen zu bemerken pflegte: »Bei uns jibt’s jetz endlich wieder Nazis. Prost!«

Zunächst sind nur die Ausländer Ziel ihrer Angriffe, dann aber auch zunehmend all jene, die den alten Staat verkörpern oder die nicht zu ihnen gehören. So wie Mimi. Es sind nicht irgendwelche Leute, die sie beschimpfen und jagen. Es sind junge Erwachsene, die sie kennt, mit denen sie als Kind gespielt und in der Jugend gelacht hat. Es dauert, bis ihr die Lage wirklich bewusst wird und als sie sich der Thematik journalistisch nähert, bringt sie sich in Lebensgefahr.

Es fällt nicht schwer mit Mimi zu sympathisieren, auch ihr Staunen ob der Veränderungen und ihre Verunsicherung und Orientierungslosigkeit sind leicht nachzuvollziehen und werden von Manja Präkels authentisch und glaubwürdig geschildert. Die Jagdszenen der Neonazis sind nicht einfach zu ertragen, man erinnert sich an die Bilder aus den 90ern und starrt umso ungläubiger auf die aktuellen Nachrichten. Wenn Literatur etwas bewegen kann, dann solche Bücher, die keine Ideologie vorgeben, nicht mit erhobenem Zeigefinger den rechten (und nicht politisch rechts-außen) Weg zeigen, sondern alternative Denkweisen anbieten und Raum für Emotionen lassen, die in Zeiten großer Verunsicherung nun einmal nicht zu leugnen sind.

Auch wenn die Thematik an Ernsthaftigkeit kaum zu überbieten ist, ist er doch über weite Strecken auch leicht und unterhaltsam. Auch wegen der Thematik erinnert er mich an die Romane von Thomas Brussig, der ebenfalls das Verbindung von unterhaltsam und dennoch relevant leichtfüßig gelingt. Ein rundum überzeugender Roman, der weiteren Werken der Autorin gespannt entgegenblicken lässt.

Lena Gorelik – Mehr Schwarz als Lila

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Lena Gorelik – Mehr Schwarz als Lila

Sie waren immer zu dritt, Alex, Paul und Nina genannt Ratte. Drei Freunde, die sich alles erzählten, den Kummer teilten und sich trösteten. Sie haben ihre eigenen Spiele, die niemand sonst versteht und die sie nicht teilen. Doch dann kommt der neue Referendar und plötzlich sind da vier. Alex freut sich auf jede Stunde bei ihm, Paul teilt mit ihm die Interessen für Kunst und Ratte verbringt mehr und mehr Zeit mit S. Immer mehr entfernen sie sich, aus dem festen Molekül der Freundschaft werden wieder Atome, andere Moleküle. Doch eine Klassenfahrt wird sie wieder zusammenschweißen, bis das Unglaubliche passiert, das Ungehörige, über das jeder sprechen wird und das die letzten Wochen und Monate in einem anderen Licht erscheinen lässt.

Lena Gorelik findet in „Mehr Schwarz als Lila“ ebenso die Stimme von Jugendlichen auf dem Weg zum Erwachsenen, wie ihr das auch schon in „Null bis unendlich“ überzeugend geglückt ist. Dieses Mal sind es die widersprüchlichen Emotionen, das Zueinanderfinden und sich verlieben, das die jugendlichen Protagonisten ehrausfordert. Die Erwachsenen taugen dabei auch nur bedingt als Vorbild: Alex‘ Vater trauert immer noch seiner Frau nach, die seit inzwischen fast zehn Jahren tot ist. Alex muss ohne Mutter groß werden, ohne jemandem, mit dem sie über das sprechen könnte, was sie verwirrt, ihr Papagei ist da nur ein schwacher Ersatz. Auch „Johnny“ wie sie den Referendar privat nennen, ist selbst noch mehr auf der Suche als dass er Hilfe bieten könnte.

Die Ich-Erzählerin Alex spricht nicht nur zum Leser, sondern sie spricht auch den Menschen an, den sie zu lieben glaubt. Es dauert etwas, bis man durschaut, dass sie ihren Lehrer damit meint. Auch das Zeitkonstrukt erschließt sich erst beim Lesen, beginnt sie doch damit, dass Paul verschwunden ist, warum dies geschah, muss jedoch erst rückblickend aufgelöst werden. Beides lenkt jedoch nicht von der emotionalen Achterbahn der 17-Jährigen ab, die ihre Gefühle nur schwer einordnen kann und so fokussiert auf sich ist, dass vieles um sie herum geschieht, ohne dass sie sich dessen bewusst wäre. Diese Blindheit für die Umwelt ist so typisch für das Alter und doch so singulär eingefangen in diesem Roman.

Klingt die Geschichte fast banal, hundertfach erzählt in immer wieder neuen Varianten desselben Stoffes, ist Lena Goreliks Roman doch viel mehr als ein durchschnittliches Jugendbuch über die erste Liebe. Es ist vor allem die sprachliche Versiertheit der Autorin, die den Roman aus der Masse der Coming-of-Age-Jugendbücher hervorhebt, denn ihre Protagonistin geht vorsichtig mit der Sprache um, analysiert sie beim Erzählen und drängt immer wie das Was hinter das Wie zurück.