Benedict Wells – Hard Land

Benedict Wells – Hard Land

Es ist der Sommer seines Lebens. Der Sommer 1985, in dem er 16 wird, endlich Freunde findet und in dem seine Mutter stirbt. Sam gilt als schräger Außenseiter, der schon immer zur Psychologin musste. Als seine Eltern ihn über Sommer zu den Cousins schicken wollen, protestiert er und sucht sich kurzerhand einen Ferienjob, um zu Hause bleiben zu können. Im Kino trifft er auf ein seltsames Trio: Kirstie, die Tochter des Besitzers, für die es keine Grenzen zu geben scheint und in die er sich direkt verliebt; Film-Nerd Cameron und der lokale Sport-Star Brandon „Hightower“, der durch sein Aussehen beeindruckt, ansonsten aber eher ruhig und zurückhaltend ist. Alle drei haben gerade die Schule beendet und planen im Herbst Grady zu verlassen. Die Kleinstadt in Missouri hat nichts zu bieten außer einem berühmten Autor, dessen Buch „Hard Land“ regelmäßig alle Schüler lesen müssen und doch nie verstehen. Es sind nur 11 Wochen, doch es sind die entscheidenden für Sam, denn am Ende ist er nicht mehr der schüchterne Junge, der er am Anfang war.

Benedict Wells hat sich spätestens mit dem vielfach ausgezeichneten „Vom Ende der Einsamkeit“ in die vorderste Reihe der deutschsprachigen Autoren geschrieben, auch sein 6. Roman „Hard Land“ erzählt wieder eine Geschichte vom Erwachsenwerden und vom Verlust eines geliebten Menschen. Emotional zwischen unbeschwerten Höhenflügen der Jugend und tiefster Verzweiflung ob des Verlusts der Mutter angesiedelt, ist das Lesen einmal mehr eine Achterbahn der Gefühle, die man jedoch nicht nur gerne fährt, sondern am Ende mit schlackernden Beinen aber euphorisiert verlässt.

„da vergaß ich die Zeit und ließ mich mitreißen, und ich fühlte mich so, wie ich mich schon mein ganzes Leben lang fühlen wollte: übermütig und wach und mittendrin und unsterblich.“

Es ist genau dieses Gefühl, dessen Beschreibung Wells seinem Protagonisten in den Mund lebt, das den Roman zunächst dominiert. Sam lebt durch seine Kino-Kollegen auf, traut sich plötzlich Dinge, die er sich nie hätte ausmalen können, merkt, dass auch andere Unzulänglichkeiten und manchmal Angst haben und dennoch auch unbeschwert und ausgelassen sein können. Vor allem Kirstie weckt ihn regelrecht auf und nimmt sich des Jungen an. Atmosphärisch tief in den 80ern verankert – mit Mixtapes mit INXS und ELO, in langwierigem Warten vorm Radio aufgenommen, bis der Moderator endlich mal nicht reinquatscht – erlebt Sam genau jenen Sommer mit seinen Freunden, den man einem Jugendlichen wünscht. Immer wieder schauen sie „Zurück in die Zukunft“ und glauben mit Marty McFly, dass alles möglich ist.

„(…) als wir dachten, wir bewegen vielleicht wirklich was …  diese fast lächerliche Unbeschwertheit. Es war nie wieder so toll, nicht mal, als es danach richtig toll war.“

Sams Schwester erkennt rückblickend, dass das verhasste Kleinstadtleben doch nicht so schlecht war, auch wenn sie inzwischen in Hollywood erfolgreich ist. Das langsam aussterbende Grady, das in dem fiktiven Roman „Hard Land“ auch die zentrale Rolle spielt. Wells nutzt hier das Spiel mit dem Roman im Roman, immer wieder liest Sam in dieser verschlüsselten Geschichte über das Erwachsenwerden, deren Sinn er jedoch nicht erfassen kann, obwohl er genau das gerade erlebt, was dort beschrieben wird.

Die Stimmung schlägt mit dem Tod der Mutter notwendigerweise um und genauso wie der Protagonist durchlebt man auch als Leser den Verlust und das Gefühl von der Trauer übermannt zu werden. Für Sam endet die Unbeschwertheit abrupt und zu früh, aber auch das gehört zum Erwachsenwerden.

Wie erwartet einmal mehr große Gefühle bei Benedict Wells, die einem mitreißen und nochmals in jede Zeit versetzen.

Hans Rosenfeldt – Wolfssommer

Hans Rosenfeldt – Wolfssommer

Nahe der kleinen Stadt Haparanda im schwedisch-finnischen Grenzgebiet wird eine tote Fähe nebst Jungtier gefunden. Das allein ist schon ungewöhnlich, seltsamer wird es jedoch, als man in ihrem Magen menschliche Überreste findet. Diese gehören zu einem Opfer eines jenseits der Grenze eskaliertem Drogendeals, der sich nun nach Schweden verlagert und der ansonsten so beschaulichen Stadt nicht nur zahlreiche Tote, sondern auch eine ganze Reihe unangenehmer Zeitgenossen einbringt, die nur die vorher gegebene Ordnung wieder herstellen und sowohl die Drogen wie das auch das dazugehörige Geld zurück zu seinem Besitzer bringen wollen.

Hans Rosenfeldt zählt seit vielen Jahren zu den erfolgreichsten schwedischen Thriller Autoren, mit Michael Hjorth hatte er die Reihe um den Profiler Sebastian Bergman erschaffen. „Wolfssommer“ ist sein erster Roman in Eigenregie, der als Auftakt zu einer Serie um die Polizistin Hannah Wester angekündigt ist. Diese ermittelt in den komplizierten Fall, wird dabei aber immer wieder auch von privaten Problemen überrollt.

Obwohl Haparanda mit seinen nicht mal 10.000 Einwohnern idyllisch im Norden Schwedens liegt, bleibt die Stimmung nicht lange friedlich. Rosenfeldt spannt den Leser nicht lange auf die Folter, sondern startet gleich brutal und setzt dies mit der Figur der russischen Profikillerin Katja auch noch fort. So abgebrüht diese ist, fand ich ihre lakonische Art, mit der sie die unerwarteten Rückschläge in ihrem Auftrag kommentiert, einfach herrlich. Statt unnahbar kalt zu wirken, verleiht der Autor ihr eine unerwartet menschliche Seite. Ebenso der Polizistin Hannah, bei der nicht so sehr die analytischen Fähigkeiten als ihre Fähigkeit für feine Schwingungen und Veränderungen hervorstechen.

An mancher Stelle empfand ich den Fall geradezu aberwitzig, was jedoch insbesondere mit der Figur von Katja durchaus gut zusammenspielte; ganz entfernt erinnert das Szenario an den herrlichen Film „Burn After Reading“ der Coen Brüder, in dem ebenfalls plötzlich Nobodys mit den großen Gangstern und Agenten mitmischen, zufällige Glückstreffer landen und so einiges daneben geht.

Eine komplizierte Geschichte mit interessant bis kuriosen Figuren, die spannend und mit hohem Tempo routiniert erzählt wird.

Lesley Kara – Das Gerücht

lesley-kara-das-gerücht
Lesley Kara – Das Gerücht

London ist einfach nicht die richtige Umgebung für ihren Sohn Alfie, deshalb zieht Joanna in die Kleinstadt Flinstead, die direkt am Meer liegt und wo auch ihre Mutter lebt, die die alleinerziehende Maklerin unterstützen kann. Das Idyll wird bald schon durch ein böses Gerücht ins Wanken gebracht: Sally McGowan soll Mitten unter den braven Bürgern leben, die Frau, die Jahrzehnte zuvor als Mädchen ihren kleinen Spielfreund Robbie heimtückisch mit einem Messer erstochen hat. Das Zeugenschutzprogramm bietet ihr Anonymität, aber die Bewohner des Küstenstädtchens sind aufgeschreckt und sowohl bei den wartenden Müttern vor der Schule wie auch im Buchclub gibt es kein anderes Thema mehr. Auch Alfies Vater und Joannas Teilzeitlover Michael interessiert sich für die Geschichte; der Journalist weiß zwar, dass es eine verboten wurde, über die Kindermörderin zu schreiben, aber er hofft dennoch, dass sie vielleicht nach all der Zeit ihre Version der Geschehnisse berichten mag. Und so taumelt Joanna in eine Hetzjagd, von der sie nicht ahnt, wie sie enden wird.

Die ehemalige Krankenschwester und Sekretärin Lesley Kara nutzt die richtigen Zutaten, um in ihrem Debutroman Spannung zu entwickeln. Zunächst nimmt man noch an, dass Joannas ganzer Horror in der lokal wie auch gedanklich begrenzten Welt der Kleinstadtmütter liegt, doch dann mehren sich geschickt die Anzeichen, dass die Mörderin tatsächlich existiert und sich in unmittelbarer Nähe aufhält. Genau wie die Protagonistin beginnt man den Spuren zu folgen und eine Figur nach der anderen zu verdächtigen – nur um zu realisieren, dass man ganz Wesentliches nicht beachtet hat.

Mich konnte „Das Gerücht“ überzeugen und bestens unterhalten. Joanna ist authentisch gezeichnet, als alleinerziehende Mutter mit beschränkten finanziellen Mitteln plagt sie permanent das schlechte Gewissen gegenüber ihrem Sohn. Als dieser dann in der Schule auch noch ausgegrenzt wird, erwacht ihr Mutterinstinkt so richtig. Gleichzeitig mehrere Bälle zu jonglieren ist nicht immer einfach und auch sie gerät immer wieder an ihre Grenzen. Das ganze kompensiert die Ich-Erzählerin jedoch mit einer gehörigen Portion Selbstironie, die mich immer wieder auch in gewisser Weise an Bridget Jones erinnerte – es geht halt auch immer mal wieder was schief und schnell hat man sich auch verplappert. Dieser unterhaltsame leichte Ton weicht an der genau richtigen Stelle dem nervenzerreißenden Schrecken, wenn plötzlich alle Puzzleteile ineinandergreifen und sich ein Bild formt – ein gänzlich unerwartetes und ohne Frage unerwünschtes.

Ein fesselnder Roman, der auch immer wieder überraschen kann und sowohl mit glaubwürdiger Figurenzeichnung wie auch einer geschickt gesponnenen Handlung und kurzweiligem Erzählton punkten kann.

Karen M. McManus – Two can keep a secret

karen-m-mcmanus-two-can-keep-a-secret
Karen M. McManus – Two can keep a secret

Schon immer war Ellery fasziniert von True Crime Stories, vermutlich, weil ihre Tante Sarah als junge Frau spurlos verschwand. Als ihre Mutter einen längeren Klinikaufenthalt antreten muss, zieht sie zusammen mit ihrem Zwillingsbruder Ezra nach Echo Ridge zu ihrer Großmutter, der Ort des Verbrechens, der kein gutes Pflaster für junge Frauen zu sein scheint. Just als sie dort ankommen wird nämlich der fünfjährige Todestag der hübschen Lacey begangen. Kurz darauf wird die Stadt durch diffuse Morddrohungen alarmiert und es dauert nicht lange, bis wieder ein Mädchen verschwindet. Ellery ist verschreckt und fasziniert zugleich und beginnt wildeste Theorien über den möglichen Mörder zu spinnen. Dieser ist womöglich näher als sie ahnt, denn Malcolm, mit dem sie sich in der neuen Schule anfreundet, ist der Bruder des Hauptverdächtigen.

Karen McManus konnte mich mit ihrem ersten Roman „One of Us is Lying“ restlos begeistern. Der Nachfolger reicht leider nicht ganz an diesen heran, wenn auch die Geschichte überzeugend konstruiert ist und man lange Zeit völlig im Dunkeln tappt. Gefallen hat mir die Protagonistin mit ihrem Spleen für True Crime Geschichten, der sie zur engagierten Detektivin macht und immer wieder neue Theorien über die Geschehnisse in der Kleinstadt entwickeln lässt.

Gleich mehrere Verbrechen werfen große Fragen auf, ob und wie diese im Zusammenhang stehen, bleibt lange unklar. Mit Ellery und Ezra kommen zwei Außenseiten in die Kleinstadt, die sich die Verbindungen der Bewohner untereinander erst erarbeiten müssen und so gemeinsam mit dem Leser ein Bild von Echo Ridge entwickeln. Dass sie selbst unmittelbar mit den Geheimnissen verbunden sind und gefühlt jede Figur auch etwas zu verheimlichen hat, hält sie Spannung konstant hoch, auch wenn ich mir bisweilen etwas mehr Tempo gewünscht hätte. Die einzelnen Fälle werden am Ende insgesamt glaubhaft gelöst, wobei mein persönliches Highlight – Achtung Spoiler! – der Schlusssatz war. Ich mag es, wenn irgendwie alles vorbei ist und dann aus dem Nichts nochmals ein Akzent, oder eher ein heftiger Schlag, gesetzt wird.

Matthias Brandt – Blackbird

matthias-brandt-blackbird
Matthias Brandt – Blackbird

Mit 15 ist das Leben nicht einfach. Erst trennen sich Mortons, genannt Motte, Eltern, dann wird sein bester Freund Bogi krank und zu guter Letzt fährt plötzlich auch noch Jacqueline, das hübscheste Mädchen überhaupt, mit wehendem Haar auf dem Fahrrad an ihm vorbei. Die Emotionen bewegen sich nur noch in den Extrembereichen, Normalität findet nicht mehr statt. Zwischen flatternden Schmetterlingen, erstem Rausch und ernüchternder Breitseite des Lebens geht ein schweres Jahr für Motte vorüber, das schonungslos zeigt, dass jung zu sein nicht immer erstrebenswert und schon gar nicht einfach ist.

Matthias Brandts erster Roman erzählt eine emotional berührende Coming-of-Age Geschichte einer längst vergangenen Zeit. Man kehrt zurück in die 70er Jahre der deutschen Kleinstadt, wo Jungs noch Liebesbriefe schrieben und die Lehrer echte Sadisten sein konnten. Die Freunde hatten die seltsamsten Spitznamen und Witze durften noch recht derbe sein. Brandt trifft für mein Empfinden den Ton und Seelenzustand seines Protagonisten überzeugend, vor allem seine schonungslose Schilderung des Umgangs mit dem Tod, der sowohl die Überforderung der jungen Freunde wie aber auch der Eltern zeigt, lässt seine Figuren ausgesprochen menschlich wirken.

Insgesamt eine vor allem unterhaltsame Angelegenheit. Motte ist weder der große Held noch der Dauerloser, er ist erfrischend normal und tut völlig normale Dinge. Das geht mal gut und mal daneben, ist aber locker geschildert und macht daher auch über weite Strecken einfach sehr viel Spaß. Die Erzählung von Freundschaft, erster Liebe und dem harten Alltag in einer Schule kommt so charmant daher, dass man auch die traurigen Momente gut verkraften kann. Besonderes Plus: kein belehrender Zeigefinger, kein Bildungsziel lugt hinter den Seiten hervor, sondern einfach nur die Erinnerung an eine vermeintlich sorgenfreie Zeit, die es so schon längst nicht mehr gibt.

Lina Bengtsdotter – Löwenzahnkind

lina-bengtsdotter-löwenzahnkind
Lina Bengtsdotter – Löwenzahnkind

Das Verschwinden einer 17-Jährigen führt Charlie Lager zurück in den Ort ihrer Kindheit, den sie nicht nur vergessen, sondern völlig aus ihren Gedanken löschen wollte. Schnell kommen in der trostlosen Provinz, die Kindern und Jugendlichen außer Drogen, Alkohol und Gewalt nichts zu bieten hat, die Erinnerungen wieder hoch. Und wie zu erwarten war, mauern die Einheimischen, niemand will etwas gesehen haben oder über den Abend wissen, an dem sich Annabelles Spur verliert. Charlie versucht herauszufinden, wer das Mädchen war, das scheinbar gerne zur Schule ging und wissbegierig war, andererseits aber immer wieder gegen die Regeln der Eltern verstieß und am Wochenende wie alle anderen auch die sie umgebende Tristesse versuchte zu ertränken.

Lina Bengtsdotter hat ihre Thriller Serie um die Polizistin Charlie in ihrem Heimatort Gullspång angesiedelt, eine Kleinstadt abgehängt von der Großstadt und mit wenig Perspektiven. Der erste Band erzählt nicht nur die Suche nach dem verschwundenen Mädchen, sondern gibt auch erschreckende Einblicke in Funktionsweisen der kleinen Gemeinschaft, wo jeder alles über jeden weiß und dennoch Geheimnisse über Jahrzehnte gut gehütet werden. Auch die Protagonistin trägt so einiges an Ballast mit sich herum, Dämonen, die mit der Rückkehr wieder zum Leben erwachen.

Der Roman lebt davon, dass jede Begegnung, jede Tür, die geöffnet wird, das Potenzial hat, die Handlung in eine völlig neue Richtung zu lenken oder der ohnehin kaum auszuhaltenden Trostlosigkeit ein weiteres Mosaiksteinchen an trauriger Realität hinzuzufügen. Gullspång hat wenig gemein mit dem fröhlichen und ausgelassenen Midsommar, den man so gerne für die Darstellung Schwedens bemüht, sondern bietet eine brutale Sommerhitze, die die aufgeheizte und angespannte Stimmung noch verschärft. Die Spannung lebt vor allem von der feindseligen Atmosphäre, weder die Menschen noch die Natur wirken einladend oder freundlich, im Gegenteil, wir sehen eigentlich nur die feindselig-destruktiven Seiten.

Aus psychologischer Sicht ein interessantes Sammelsurium an Figuren, die auch viel Potenzial für weitere Bände haben. In dieser Umgebung aufzuwachsen geht nicht ohne Spuren zu hinterlassen. Ich bin gespannt, was in der Ermittlerin Charlie noch versteckt ist.

Petra Morsbach – Opernroman

petra-morsbach-opernroman
Petra Morsbach – Opernroman

Tristan und Isolde, Figaros Hochzeit, Fidelio, Die Fledermaus – seit Jahrhunderten schon begeistern die großen tongewaltigen Opern die Menschen. Auch in kleinen Häusern werden sie regelmäßig inszeniert, trotz all der Widrigkeiten wie dem fehlenden adäquaten Personal auf der Bühne und im Orchestergraben oder den frustrierten Sängern und Dirigenten, die sich mit der Kleinstadt-Tingelei, die jedermann nur hassen kann, ihre Sporen verdienen müssen. Neid, Missgunst, Intrigen, Enttäuschungen, überschwängliche Freude – die ganze Bandbreite menschlicher Emotionen kann man arrangiert wie auch real erleben. Petra Morsbachs „Opernroman“ lüftet den Vorhang und erlaubt den Blick hinter die Kulissen der schönen Kunstwelt, der gar nicht mehr so schmuckvoll und imposant ist.

Mit „Justizpalast“ hatte mich die Autorin restlos begeistern können. Die Fähigkeit, auch kleinste Details wahrzunehmen und sie in der Erzählung überzeugend und punktgenau unterzubringen, hatten mich sehr angesprochen. Es gelang ihr, die tröge Juristerei mit Leben zu füllen und das Spannungsfeld der Figuren aufzuzeigen. Dieses in den Kulturbetrieb zu übertragen klang verlockend, doch leider war der Roman eine herbe Enttäuschung.

Die große Oper findet nicht statt. Zu viele Figuren laufen durchs Bild, ohne dass man zu ihnen eine Beziehung aufbauen könnte und dem Leser ihr Schicksal so nahegehen könnte. Rasch werden die Kulissen ausgetauscht und zahlreiche geschilderte Momente und Akteure scheinen mehr Kulisse als aktiv Agierende zu sein. Die Bühne dreht sich weiter, nächster Aufzug, nächste Kulisse – es wiederholt sich und schafft es nicht, Interesse zu wecken. Die Einblicke in die Theaterwelt bleiben zu fragmentarisch, zu punktuell, um zu einer Handlung zu verschmelzen. Ein Schicksal reiht sich an das nächste, aber so wie Schauspieler nach einer Saison das Haus verlassen, rauscht auch das Buch an einem vorbei, ohne einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen und ist schnell schon vergessen. Das imposante Donnern eines Wagner verkommt so zu einem launischen Gepiepse, das mich nicht erreicht hat.

Simone Lappert – Der Sprung

simone-lappert-der-sprung
Simone Lappert – Der Sprung

Thalbach, ein beschauliches Örtchen bei Freiburg. Alles geht seinen Gang wie immer, die Obdachlosen verbringen den Tag im Park, Theres und Werner sehnen sich nach den guten Zeiten in ihrem Lädchen zurück, Roswitha bedient mehr oder weniger übellaunig die Gäste in ihrem Café, Maren überlegt wieder einmal, wie lange sie es noch in der kaputten Beziehung mit Hannes aushalten will, Winnie muss ihrer Freundin Cosima einmal mehr aus der Patsche helfen. Doch dann unterbricht ein Ereignis das übliche Treiben: auf dem Dach eines Wohnhauses steht eine junge Frau und droht herunterzuspringen. Man kennt sie, es ist Manu, die Gärtnerin, die mit ihren Guerillamethoden den Pflanzen Raum zum Leben gibt und die Stadt erblühen lässt. Der Ort hält den Atem an und zusammen mit Rettungskräften, Polizei und sensationslüsterner Presse blickt man nach oben, voller banger Erwartung dessen, was passieren wird.

Simone Lapperts Roman ist eine Momentaufnahme mitten aus dem Leben. Sie beschränkt ihre Handlung auf einen winzigen Augenblick im Dasein ihrer Figuren, nur einen Wimpernschlag lang lässt sie uns teilhaben, aber es tritt genau jener Schmetterlingseffekt ein, der nicht vorhersehbar war und das sorgsam austarierte Gleichgewicht des Systems zum Zusammenbrechen bringt. Nur ein einziger Tag, ein singuläres Ereignis, das nicht einmal unmittelbar mit den meisten Figuren in Verbindung steht, ist jedoch so gewaltig, dass hinterher kaum mehr etwas so ist, wie zuvor.

Vieles an der Erzählung hat mich schlichtweg begeistert. Was zunächst als lose Abfolge von Einzelgeschichten erscheint, stellt sich im Laufe der Handlung als clever durchdachtes Geflecht heraus, das alle Figuren in Verbindung zueinander setzt und so unterstreicht, dass es ein individuelles unabhängiges Leben nicht gibt. Dreht nur einer an einem Schräubchen, wirkt sich dieses auf alle zwangsläufig aus. Daneben sind alle Figuren liebevoll gezeichnet: Wir haben keine Superhelden, keine Weltverbesserer, genauso wenig die drastischen Verlierer, sondern ein Sammelsurium von durchschnittlichen Existenzen, die mehr oder minder zufrieden ihr Leben meistern. Sie haben sich mit den Gegebenheiten arrangiert und glauben nicht mehr an das ganz große Glück. Sie wirken authentisch und in ihrer Natürlichkeit liebenswert.

Manu, die Frau auf dem Dach, die zum Sprung ansetzt, sollte eigentlich im Zentrum stehen, bildet aber viel mehr den Rahmen der Handlung und wird unbeabsichtigt zum dramatischen und entscheidenden Moment in zahlreichen Leben. Man lernt sie zu Beginn der Geschichte kennen, doch die Figur, die liebevoll mit den Pflanzen hantiert, will nicht zu der Person auf dem Dach passen. Ebenso wie der Leser kann sie ihr Freund Finn keinen Reim auf das Verhalten machen. In gewisser Weise ist sie eine tragische Heldin – mehr zu sagen würde das überraschende Ende vorwegnehmen.

Der kleinbürgerliche Mikrokosmus wird von Lappert überzeugend eingefangen. Eine routinierte, mühelose Erzählung, die einem in die kleine Welt eintauchen und teilhaben lässt. Für mich ist es gerade das Unaufgeregte, Unspektakuläre, das hier geschildert wird und begeistert.

Ein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autorin und Buch finden sich auf der Verlagsseite.

Giulia Becker – Das Leben ist eins der Härtesten

giulia-becker-das-leben-ist-eins-der-härtesten
Giulia Becker – Das Leben ist eins der Härtesten

„Renate Gabor geht es schlecht. Vergangenen Freitag ist ihr Malteser-Mischling Mandarine Schatzi kopfüber in einer Punica-Flasche stecken geblieben und erstickt.”

Und allen anderen Figuren in Giulia Beckers Debutroman geht es nicht viel besser. Silke arbeitet in der Bahnhofmission von Borken, nachdem sie wegen einer Panikattacke den Nothalt eines Zugs ausgelöst und damit zahlreiche Fahrgäste verletzt hatte. Dabei war das nur der finale Punkt unter ihrer Ehe mit Roland, von dem sie sich mit 43 endlich lösen konnte. Jetzt bestimmt der Alltag am Bahnhof mit all seinen einmaligen und wiederkehrenden Gästen ihr Leben. Außerhalb dieses Universums hat sie nur wenige Freunde, Renate gehört dazu, aber die versinkt gerade in Trauer ob des dramatischen Tods ihres Hundes, und Willy-Martin, der glaubte im Internet endlich die perfekte Partnerin gefunden zu haben, was sich aber schon nach wenigen gemeinsamen Tagen als sehr kompliziert herausstellt. Ihre Nachbarin ist mit 97 auf Silkes Hilfe angewiesen, doch sie hat noch einen letzten Wunsch: sie möchte „Tropical Island“ sehen. Also brechen Silke, Renate, Willy-Martin und die betagte Dame auf zu einem gemeinsamen Urlaubswochenende.

Man merkt dem Roman an, welchen Hintergrund die Autorin hat. Giulia Becker arbeitet in Jan Böhmermanns Autorenteam des Neo Magazin Royale als Gagschreiberin und ist mit ihrem ironischen Twitter-Account „Schwester Ewald“ und als Poetry-Slammerin und Sängerin bekannt geworden. An herrlichem Wortwitz und pointierten Formulierungen fehlt es dem Roman nicht, ganz im Gegenteil, ohne diesen wäre der triste Alltag der Figuren kaum zu ertragen.

„«Das Leben ist eins der Härtesten», hatte Silkes Oma immer zu ihr gesagt, wenn die Depressionen im Winter wieder schlimmer wurden und ihr nichts anderes mehr übrigblieb, als über die ganze Sache zu lachen. Es war ein verzweifeltes Lachen, ein alternativloses, aber eben auch ein Lachen.“

Nach diesem Motto scheinen die Figuren zu leben, viel erwarten ohnehin keiner mehr von ihnen. Gemeinsam haben sie eine nicht enden wollenden Einsamkeit, die sie mit sich herumtragen. Berufliche Ziele gibt es schon lange nicht mehr und in der Münsteraner Kleinstadt befindet man sich auch nicht gerade am Nabel der Welt, so dass der Alltag eher banal verläuft und es Kleinigkeiten sind, die Sonnenstrahlen in die Tristesse schicken. Doch genau diese Abgeklärtheit und die Tatsache, dass sie nichts mehr erwarten, schweißt sie zusammen und lässt sie füreinander einstehen, egal was der andere wieder für einen Mist gebaut hat.

Sie sind keine Helden, sehen nicht atemberaubend aus, erleben keine großen Abenteuer, ändern nicht die Welt. Aber man schließt sie doch ins Herzen, gerade weil sie etwas verschroben sind. Auch die anderen Figuren, wie etwa der Leiter der Bahnhofsmission mit seinen Ambitionen für den trostlosen Anlaufpunkt der Gestrandeten, sind liebevoll gezeichnet. Giulia Becker fängt den scheinbar banalen Alltag der Durchschnittsmenschen ein, sieht aber dabei die Details, die einem beim flüchtigen Streifen leicht entgehen. Mit großartigem Wortwitz begleitet sie ihre Figuren auf ihrer Mission und lässt einem mehr als einmal schmunzeln oder gar herzhaft lachen. So lässt sich dann auch das trostloseste Dasein ertragen.

Alexa Hennig von Lange – Kampfsterne

alexa-hennig-von-lange-kampfsterne
Alexa Hennig von Lange – Kampfsterne

Mitte der 1980er Jahre, irgendwo im Westen der Republik. Die Welt ist in Ordnung in der Neubausiedlung, wo die Familien friedlich nebeneinander wohnen, sich gelegentlich treffen und die Kinder wohlgeraten sind und widerspruchslos den Musikunterricht besuchen, weil dies zur Talentförderung dazugehört. Doch hinter den Fassaden brodelt es, pubertierende Töchter begehren gegen die Eltern auf, Söhne nehmen sie schon gar nicht mehr ernst, Kinder leiden still und unbemerkt und die Ehepartner haben sich nur noch wenig zu sagen. Sex gibt es schon lange keinen mehr und alle befinden sich in einem Leben, das sie sich so nicht vorgestellt hatten.

Alexa Hennig von Lange hat das normale, geradezu durchschnittliche Leben eingefangen und lässt Figuren zu Wort kommen, die überall in deutschen Kleinstädten leben könnten und die uns tagtäglich überall begegnen. Die raschen Wechsel zwischen den einzelnen Erzählern lockern die Geschichte auf, die trotz der vielen Perspektiven doch sehr deutlich einem roten Faden folgt und unweigerlich auf eine Katastrophe hinsteuert.

„Kampfsterne“ greift dabei Themen auf, die auch 30 Jahre später noch aktuell sind und somit einen recht hohen Wiederkennungswert haben. Besonders interessant fand ich dabei den feministischen Aspekt. Die Mütter haben alle die Zeit der sexuellen Revolution und der Kämpfe für die Rechte der Frauen miterlebt. Sie haben Simone de Beauvoir gelesen, bewundern Susan Sontag und erkennen Alice Schwarzers Haltung an. Aber was haben sie daraus gemacht? Sie befinden sich in der Vorstadthölle, reduziert aufs Hausfrauendasein und unterwerfen sich den Wünschen ihrer Männer, wenn sie sich nicht gerade von ebendiesen verprügeln lassen und dies auch noch widerspruchslos aushalten. Ein Vorbild für die Töchter sind sie nicht, weshalb diese sie mit Verachtung strafen. Mit spitzer Zunge könnte man die Frage stellen, ob nicht ebendiese Töchter als Latte-Macchiato-Mütter Jahre später in dieselbe Falle getappt sind.

Die Männer haben es nicht leichter, haben sie selbst als Kindern der Kriegsgeneration Gewalt in der Erziehung erlebt, reproduzieren sie diese oder verkommen zu weichen Ja-Sagern. Wie soll der moderne Mann sein? Egal, was er tut, es wird falsch sein und schnell gerät er unter Generalverdacht, nur, weil er Kind auch niedlich findet, dies aber niemals sagen darf. Er soll nicht sein wie die Vätergeneration, aber doch wie einst der Steinzeitmensch seine Familie vor Feinden schützen, gelingt ihm das nicht, ist er ein Versager.

Es ist noch nicht die Zeit der Einzelkinder, deren Bedürfnisse über alles gestellt werden. So stehen sie oftmals hintenan und finden selbst nach schlimmsten Erlebnissen in ihren Eltern nicht diejenigen, die Trost spenden und für sie kämpfen. Im Gegenteil, die müssen sogar sehr viel aushalten, um dem Wunschbild zu entsprechen. Die Familien sind Kampfsterne, die sich gegenseitig bekriegen und die private Idylle zerstören, wo doch gleichzeitig der Welt dank Umweltzerstörung und Kaltem Krieg von außen die globale Katastrophe droht.

Glückliche Menschen sucht man vergeblich in der kleinen Siedlung und das, wo nie so viel persönliche Freiheit herrschte wie zu dieser Zeit. Aber Glück ist auch etwas, das nicht unbedingt von alleine kommt, sondern das man sich erarbeitet und für das man aktiv werden muss. Ein Buch, das ernsthafte Themen lebensnah und authentisch präsentiert, dabei aber auch unterhaltsam und komisch ist, was eine in sich stimmige und überzeugende Mischung ergibt.