Violette Leduc – Thérèse und Isabelle

Anfang der 1950er Jahre in einem katholischen Mädcheninternat in Frankreich. Isabelle ist die beste Schülerin, die alle bewundern, die neue Schülerin Thérèse ist die Tochter einer alleinerziehenden Mutter, die zum Zielobjekt ihres Hasses wird. Doch die anfängliche Abneigung der beiden gegeneinander wandelt sich und wird zu einer leidenschaftlichen Liebesbeziehung. Nachts im Schlafsaal, wenn alle anderen in ihre Träume versunken sind, geben sie sich ihren Gefühlen hin und entdecken die Liebe, die nicht sein darf. Nicht bei Minderjährigen, nicht bei zwei jungen Frauen und gleich dreimal nicht im Internat. Immerzu drohen sie aufzufliegen und Thérèses intensive Abhängigkeit macht es bald unmöglich für sie, einen Schultag zu durchzustehen.

Auch wenn Violette Leducs Schilderung der unerlaubten Liebe voller versierter Sprachbilder ist und die Emotionen der Mädchen, das überwältigende Gefühl der ersten echten Liebe, die erwidert wird, minutiös einfängt, sind es doch mehr noch die Umstände der Entstehung und die Geschichte der Novelle, die daran faszinieren.

Die Autorin verfasste „Thérèse und Isabelle“ als ersten von drei Teilen ihres Romans „Ravages“, der drei autobiografisch geprägte Liebesepisoden schildert. Von Simone de Beauvoir unterstützt, die das Potenzial der Geschichte und Leducs erkannte, wurde er verschiedenen Verlegern vorgelegt, die jedoch 1954 alle Angst vor der Zensur hatten und wussten, dass die Zeit für eine so offene Schilderung gleichgeschlechtlicher Liebe noch nicht gekommen war. Es erschienen erst viel später redigierte Fassungen, bis 2000 Gallimard erstmals die ursprüngliche Version als Einzelband herausgab.

Violette Leduc wollte keinen Skandal provozieren, sie schildert einfach nur das Erleben großer Leidenschaft in völlig unschuldiger Form. Es ist für Leser von heute kaum mehr nachvollziehbar, was an dem Text anstößig sein soll, ja, er ist explizit, aber in einer poetischen Weise und nicht plump wie das, was einem tagtäglich online entgegenspringt. Auch das die Protagonistinnen zwei junge Frauen sind, die ihre Zuneigung ausleben, sollte hoffentlich niemanden mehr schockieren. Der Roman ist nicht pornografisch oder voyeuristisch, sondern wirkt geradezu naiv in Thérèses Faszination von Isabelle. Es ist schlicht das Zeugnis einer verbotenen Liebe, die sich dennoch ihren Weg bahnt.

Arvid Heubner – Totenstill

Arvid Heubner – Totenstill

Ein Eliteinternat in Sachsen-Anhalt. Seit vielen Jahren schon ist es Tradition, dass die Abiturientinnen zu einer Silentiumwoche aufbrechen, um vor den Prüfungen nochmals mentale Energie zu tanken. Doch nun ist seit mehreren Tagen kein Kontakt mehr zu ihnen herzustellen und die winterlichen Temperaturen und der starke Schneefall machen den Verantwortlichen Sorgen. Die Polizei kämpft sich zur Hütte vor, diese ist jedoch verlassen, von den Mädchen und ihrem Lehrer keine Spur. Erst als einige Stunden später die 18-jährige Mia völlig erschöpft aufgefunden wird und den Hinweis auf eine Höhle geben kann, gibt es die erste hilfreiche Spur. Doch was die Ermittler dort erwartet, ist ein Bild des Grauens: alle Schülerinnen sowie der Tutor sind tot, brutal und eiskalt ermordet. Tinus Geving vom LKA und ehemaliger Europol Ermittler leitet die Mordkommission, die schon bald merkt, dass der Fall nicht nur wegen der Herkunft der höheren Töchter brisant ist, sondern auch ganz aktiv aus den eigenen Reihen behindert wird.

Der Klappentext hat mich unmittelbar neugierig auf den Thriller gemacht. Welche Intrigen wohl in diesem Internat gesponnen wurden, dass sie mit einem solchen Verbrechen endeten? Und wer sind die Eltern der Mädchen, dass diese statt zu trauern Einfluss auf die Ermittlung nehmen können? Leider jedoch blieb die Geschichte für mich etwas hölzern und an vielen Stellen nicht wirklich nachvollziehbar. Der Fokus liegt nicht auf den Geschehnissen der Schule, sondern auf der Soko Eichenburg, allen voran dem Geving, der an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet und dessen negative Gemütsverfassung dich bleiern über den ganzen Text senkt.

Die Ermittlungen der Sonderkommission kommen nur langsam voran, viel zu wenige Hinweise erschweren die Spurensuche, wesentliche Untersuchungen werden schlichtweg vergessen. Weshalb Geving nicht mehr Europol ist, erschließt sich im Laufe der Handlung durch seine Flashbacks, dass er aber in der tiefsten Provinz versauert, erklärt sich dadurch für mich nicht. Auch dass sein letzter internationaler Fall plötzlich mit den Vorkommnissen des Internats in Verbindung steht und er die großen Zusammenhänge erkennt, war für mich etwas zu viel des Zufalls.

Parallel werden die Intrigen innerhalb der sachsen-anhaltinischen Landesregierung gesponnen. Auch hier leider nur eine Ansammlung eindimensionaler Figuren, die sich durch Machtgeilheit und Rücksichtslosigkeit auszeichnen, weitere Charaktermerkmale sind Fehlanzeige. Politik ist hier kein komplexes Thema, sondern eine Spielwiese für Egozentriker, die diese maximal ausreizen.

Die Kapitelüberschriften weisen eine gewisse Anlehnung an die sieben Todsünden auf, was sehr viel hergegeben hätte, leider bleiben aber die Figuren insgesamt zu flach, um dies in glaubwürdige Motive und überzeugende Aktionen umzusetzen. Zwar werden am Ende die Zusammenhänge restlos offengelegt, diese sind aber für mein Empfinden etwas zu abenteuerlich, um glaubwürdig zu wirken. Ein spannendes Szenario und durchaus ansprechender und spannender Schreibstil, aber in der Gesamtschau nicht ganz rund.

Jo Walton – Among Others

jo walton among others
Jo Walton – Among Others

Nachdem ihr Großvater, bei dem sie zuletzt lebte, einen Schlaganfall hatte, wird die 15-jährige Morganna, genannt Mori, zu ihrem Vater Daniel geschickt, den sie bis dato gar nicht kannte. Er und seine drei Halbschwestern entscheiden schnell, dass das Mädchen auf das Internat geschickt werden soll, das auch schon die Schwestern besucht hatten. Dort hält sie in einem Tagebuch ihre Erlebnisse fest. Sie ist anders als die Töchter reicher Eltern, hatte sie doch bis dato im ländlichen Wales gelebt, auch ihre Liebe zu Büchern, insbesondere Science-Fiction Romanen, kann sie mit niemandem teilen. Ebenso wenig die Tatsache, dass Magie einen wichtigen Platz in ihrem Leben einnimmt, die war es nämlich, die sie vor der bösen Mutter gerettet hat und was zu dem Unfall führte, bei dem ihre Zwillingsschwester Morwenna, ebenfalls Mori genannt, ums Leben kam und sie selbst an Hüfte und Bein schwer verletzt wurde. Mori lebt in ihrer eigenen Welt und der der Bücher, die sie in die Schulbibliothek, aber auch jene des kleinen Örtchens führen und unerwartet doch noch Seelenverwandte finden lassen.

Jo Waltons Roman, deutscher Titel: „In einer anderen Welt“, gewannt 2012 den Nebula Award, den Hugo Award sowie den British Fantasy Award als bestes Buch des Jahres. Für mich persönlich eine etwas irritierende Einordnung, denn ich hätte den Roman keineswegs als Fantasyroman bezeichnet, denn die Welt, in der Mori lebt, ist das typische Großbritannien des Jahres 1979. Lediglich ihr Glaube an Magie und Feen, mit denen sie sich auch unterhält, hebt sie von den anderen Jugendlichen ab. So wie Walton dies darstellt, hätte ich das Buch eher als magischen Realismus eingeordnet, vor allem, da immer wieder die Grenze zwischen psychisch gesund und krank verschwimmt und das Mädchen gerade hochtraumatische Erlebnisse hinter sich gebracht hat und völlig aus dem bekannten Leben geworfen wurde.

There are some awful things in the world, it’s true, but there are also some great books. When I grow up I would like to write something that someone could read sitting on a bench on a day that isn’t all that warm and they could sit reading it and totally forget where they were or what time it was so that they were more inside the book than inside their own head.

Trauer, Verlust, Ängste unterschiedlicher Art, fieses Mobbing, Umgehen mit einer sichtbaren Behinderung – Mori hat ein ordentliches Päckchen zu tragen und offenbar niemand, dem sie sich anvertrauen kann. Es bleibt ihr nur die Flucht in die Welt der Bücher, die ihr Sicherheit gibt und das reale Leben vergessen lässt.

Reading it is like being there. It’s like finding a magic spring in a desert. It has everything. (…) It is an oasis for the soul. Even now I can always retreat into Middle Earth and be happy. How can you compare anything to that?

Durch das Lesen, die Menschen, die sie in ihrem Buchclub kennenlernt und die langsame Annäherung an ihren Vater und den Großvater, findet sie zurück ins Leben. Es gibt immer noch Momente, die sie emotional überfordern und in denen sie sich von magischen Kräften bedroht fühlt – durch die eigene Mutter, die drei seltsamen Tanten – zunehmend gelingt es ihr aber auch, die Kontrolle darüber zu gewinnen.

Durchaus ein recht typischer coming-of-age Roman, der jedoch vor allem dann große Freude bereitet, wenn Mori ihre Gedanken über Bücher teilt, die sie regelrecht verschlingt. Tatsächlich hätte ich mir am Ende eine Liste mit allen Bücher, die erwähnt werden, gewünscht. Wundervoll erzählt, mit ganz viel Liebe zur Protagonistin und der Literatur, so dass man wirklich einmal abtauchen und aus der Wirklichkeit verschwinden kann.