Matthias Brandt – Blackbird

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Matthias Brandt – Blackbird

Mit 15 ist das Leben nicht einfach. Erst trennen sich Mortons, genannt Motte, Eltern, dann wird sein bester Freund Bogi krank und zu guter Letzt fährt plötzlich auch noch Jacqueline, das hübscheste Mädchen überhaupt, mit wehendem Haar auf dem Fahrrad an ihm vorbei. Die Emotionen bewegen sich nur noch in den Extrembereichen, Normalität findet nicht mehr statt. Zwischen flatternden Schmetterlingen, erstem Rausch und ernüchternder Breitseite des Lebens geht ein schweres Jahr für Motte vorüber, das schonungslos zeigt, dass jung zu sein nicht immer erstrebenswert und schon gar nicht einfach ist.

Matthias Brandts erster Roman erzählt eine emotional berührende Coming-of-Age Geschichte einer längst vergangenen Zeit. Man kehrt zurück in die 70er Jahre der deutschen Kleinstadt, wo Jungs noch Liebesbriefe schrieben und die Lehrer echte Sadisten sein konnten. Die Freunde hatten die seltsamsten Spitznamen und Witze durften noch recht derbe sein. Brandt trifft für mein Empfinden den Ton und Seelenzustand seines Protagonisten überzeugend, vor allem seine schonungslose Schilderung des Umgangs mit dem Tod, der sowohl die Überforderung der jungen Freunde wie aber auch der Eltern zeigt, lässt seine Figuren ausgesprochen menschlich wirken.

Insgesamt eine vor allem unterhaltsame Angelegenheit. Motte ist weder der große Held noch der Dauerloser, er ist erfrischend normal und tut völlig normale Dinge. Das geht mal gut und mal daneben, ist aber locker geschildert und macht daher auch über weite Strecken einfach sehr viel Spaß. Die Erzählung von Freundschaft, erster Liebe und dem harten Alltag in einer Schule kommt so charmant daher, dass man auch die traurigen Momente gut verkraften kann. Besonderes Plus: kein belehrender Zeigefinger, kein Bildungsziel lugt hinter den Seiten hervor, sondern einfach nur die Erinnerung an eine vermeintlich sorgenfreie Zeit, die es so schon längst nicht mehr gibt.

Michaela Kastel – Worüber wir schweigen

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Michaela Kastel – Worüber wir schweigen

Wie froh sie war, nach der Schule einfach aus dem Kaff abhauen zu können. Doch nun, zwölf Jahre später, kehrt Nina zum ersten Mal zurück, denn sie muss etwas erledigen. Sie muss ihre ehemals beste Freundin Mel treffen und Tobias, den Bruder von Mels damaligem Freund Domi. Beide leben immer noch dort, Mel vor Depressionen kaum fähig das Haus zu verlassen, und Tobias, um seine Mutter in ihrer Trauer zu unterstützen. Nina war schon weggezogen als es passierte, doch nun weiß sie, dass das, was sie für die Wahrheit hielt, nur eine Geschichte war. Was wirklich geschah, will sie von Mel und Tobias hören.

Nachdem mich Michaela Kastel im letzten Jahr bereits mit „So dunkel der Wald“ überzeugen konnte, erfüllt auch ihr neuer Thriller „Worüber wir schweigen“ alle Erwartungen. Ich fand ihn zwar etwas weniger gruselig und nervenaufreibend als das Vorgängerwerk, dafür aber im Aufbau deutlich cleverer. Sie erzählt die Geschichte im Wechsel aus drei Perspektiven und zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Die Auswahl der Figuren verwundert zunächst, dass Nina und Tobias das Wort erhalten, liegt noch relativ auf der Hand, aber Ninas Vater als Erzähler scheint nicht wirklich Sinn zu machen. Warum genau er aber ein wichtiger Baustein für die Handlung ist, löst sich erst spät auf und enthüllt so die wirklich gelungene Konstruktion der Handlung.

Der Roman lebt vor allem davon, dass man als Leser einige Wissenslücken hat und zunächst vieles nicht richtig in Zusammenhang bringen kann. Auch die verschiedenen Zeitebenen und Erzähler müssen erst sortiert werden. Tatsächlich ist die Handlung überschaubar, die Geschichte lebt viel mehr von den Figuren. Ninas Familie wahrt den Schein nach außen, ist aber innerlich völlig zerrüttet. Die Mutter psychisch erkrankt kann sich nicht um das Mädchen kümmern, das schon früh ein auffälliges und zerstörerisches Verhalten zeigt. Gelegentlich richtet sich dies auch gegen andere, mehr aber noch schadet sie sich selbst damit und isoliert sich emotional. Auch der Vater ist schon lange nicht mehr daheim Zuhause. Die Ehe am Ende, zu der Tochter kann er keine Verbindung aufbauen und so flüchtet er sich wenig überraschend in eine Affäre.

Nina findet in Mel eine Verbündete, aber die Freundschaft war nie ausbalanciert. Wer die Wortführerin ist, war immer klar und so wie Nina Mel schon als kleines Mädchen zwingt, Dinge zu tun, die diese nicht möchte, hat sie auch keine Skrupel, sie als Jugendliche zu hintergehen. Auch Tobias leidet, nicht jedoch unter einem Freund, sondern unter seinem älteren Bruder, dem er so gar nicht das Wasser reichen kann. Auch dessen Beziehung mit Mel, die einen mäßigenden Einfluss auf ihn hat, ändert nichts grundlegend an dem schwierigen Verhältnis der beiden.

Viele niedergeschlagene Seelen, die alle gute Gründe für ihr Handeln haben und nicht ahnen, wie sich ihre eigenen Enttäuschungen und Rachegelüste in ein grausames Räderwerk fügen, das sich, nachdem der erste Stein ins Rollen gebracht wurde, nicht mehr aufhalten lässt. Es ist die Tragik des Unvermögens, über den eigenen Horizont blicken und die Folgen abschätzen zu können, die sie schuldig macht.

Mit diesem wohl durchdachten Mechanismus, wie die einzelnen kleinen Handlungen ineinandergreifen und letztlich zu einem schlimmen Ende führen, hat Michaela Kastel eindrucksvoll unterstrichen, welches Talent in ihr schlummert. Sie braucht kein Blut und keine bestialischen Mörder, sondern kann den Thrill durch die ganz normalen Menschen entstehen lassen und holt das Grauen so in den Alltag. Dies finde ich deutlich schwerer literarisch umzusetzen, als blutrünstige Szenen zu beschreiben, die per se beim Leser Gänsehaut auslösen. Daher ganz klar eine unbedingte Leseempfehlung für diesen Roman.

Libby Page – Im Freibad

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Libby Page – Im Freibad

Irgendwie hatte sie sich das aufregende Leben in London anders vorgestellt als sie zum Studium in die Metropole kam. Nun arbeitet Kate als Journalistin beim Brixton Chronicle und schreibt über unbedeutende Nachbarschaftsthemen, bevor sie sich abends allein in ihrer Wohnung einschließt. Doch alles ändert sich mit einem Bericht über das örtliche Freibad, das Eigentumswohnungen weichen soll. Bei ihrer Recherche trifft sie auf die 86-jährige Rosemary, die zusammen mit ihren inzwischen verstorbenen Ehemann George ihr ganzes Leben im Freibad verbracht hat. Für Rosemary ist es nicht nur ein Ort zum Schwimmen, es ist ihr Leben und es bricht ihr das Herz, dass dies nun bald nicht mehr sein soll. Gemeinsam machen sich die beiden Frauen daran, den Kampf aufzunehmen und ahnen nicht, dass sie dabei nicht nur ein Freibad, sondern auch sich selbst retten wollen.

Libby Pages Debütroman ist die perfekte Sommerlektüre, nicht nur die Covergestaltung und der Titel, sondern die ganze Handlung, die sich erwartungsgemäß über weite Teile im Freibad abspielt, sind dafür prädestiniert. In lockerem Stil schafft die Autorin eine schnell vertraute Atmosphäre und fast ist es, als sei man selbst ein Teil dieser kleinen eingeschworenen Brixtoner Gemeinschaft, die sich da zusammenfindet.

Auch wenn der Roman als leichte Strandlektüre daherkommt, liefert die Autorin doch auch Denkanstöße, die über den oberflächlichen Genuss hinausgehen. Kates Panikattacken und Einsamkeit in London sind glaubwürdig gezeichnet und legen eine feine Melancholie über den Text. Dies wird durch Rosemarys wehmütige, aber doch auch freudigen Erinnerungen an ihre Zeit mit George gespiegelt – die eine Frau steht am Anfang, die andere am Ende des Lebens und plötzlich entdecken sie die Gemeinsamkeiten. Der Roman thematisiert aber auch die wirtschaftlichen Nöte der Städte, die sich den Investoren geschlagen geben – ebenso wie Kates Zeitung letztlich – um zu überleben und bisweilen Entscheidungen fällen müssen, die aus finanzieller Sicht richtig, aber menschlich kaum vertretbar sind. Beglückt liest man jedoch, wie es in der anonymen Großstadt aber dennoch möglich sein kann, eine Gemeinschaft zu finden von Gleichgesinnten und Freunden, die sich umeinander sorgen und Freud und Leid teilen wollen. Ein Buch, das man gerne liest und am Ende bezaubert beiseitelegt.

Laurie Halse Anderson – Speak

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Laurie Halse Anderson – Speak

Alle hassen Melinda Sordino, niemand will mehr mit ihr befreundet sein, nachdem sie bei einer legendären Party im Sommer die Polizei gerufen hat. Nur Heather, die neu an der Schule ist, spricht noch mit ihr. Melinda geht es zunehmend schlechter, sie hat nicht ohne Grund die Polizei gerufen an diesem Abend, sie wusste einfach nicht, was sie tun sollte, nachdem sie von Andy Evans vergewaltigt worden war. Doch sie kann mit niemandem darüber sprechen. Sprechen fällt ihr ohnehin zunehmend schwerer und deshalb schweigt sie. Gegenüber den Mitschülern, gegenüber den Lehrern, gegenüber den Eltern. Ihre Noten werden immer schlechter, sie schwänzt die Schule, versteckt sich in einer Abstellkammer, ihrer einzigen Zuflucht, aber statt sie zu fragen, was mit ihr los ist und die Depression und post-traumatische Störung zu erkennen, wird sie als renitente Schülerin abgestempelt.

Das Jugendbuch „Speak“ ist inzwischen zwanzig Jahre alt und so etwas wie ein Klassiker unter den Traumabüchern. Erst viele Jahre nach Erscheinen des Buchs und zahlreichen Lesungen in Schulen hat die Autorin eingeräumt, dass die Geschichte auf ihren persönlichen Erfahrungen basiert und sie ebenso wie ihre Protagonistin als junges Mädchen vergewaltigt wurde und nicht darüber gesprochen hat. Aufgrund des Triggerpotenzials wird „Speak“ unterschiedlich aufgenommen, zahlreiche Preise anerkennen den literarischen und vor allem inhaltlichen Wert für Jugendliche, gleichermaßen ist es an zahlreichen Schulen und Universitäten verboten.

Auch wenn ein depressives, traumatisiertes Mädchen im Zentrum der Handlung steht und die Geschichte aus ihrer Perspektive geschrieben ist, empfand ich dies beim Lesen als übermäßig belastend. Es ist weniger das Ereignis selbst, als viel mehr das Unvermögen ihres Umfeldes zu erkennen, dass mit ihr etwas nicht in Ordnung ist, dass sie sich zurückzieht, auch mit Ritzen experimentiert und nicht mehr spricht, das thematisiert wird. Melinda versucht selbst, einfach zu vergessen, was an dem Abend geschehen war, ein unmögliches Unterfangen, denn die Flashbacks lassen sich nicht aufhalten und so muss sie sich dem Erlebten immer wieder stellen.

Bemerkenswert fand ich, dass die Autorin nicht nur Melindas Innenleben und die Folgen des Traumas authentisch und überzeugend dargestellt hat, sondern auch, wie viel unter der Erzählebene versteckt liegt. Die Suche der Schule nach dem Maskottchen, das identitätsstiftend wirken soll und doch aufgrund der vielfältigen Konnotationen immer wieder abgelehnt wird – kann dies in einer diversen Gesellschaft überhaupt noch gelingen? Oder auch Melindas Gespräche mit einem Poster Maja Angelous, der Autorin, die ihre Gewalterfahrungen literarisch in „I Know Why the Caged Bird SIngs“ verarbeitete und die Besprechung von Hawthorne, in dessen Protagonistin Hester Prynne Melinda sich wiedererkennt. Allem voran jedoch ihr Jahresthema im Kunstunterricht: sie soll einen Baum schaffen, doch ihre Versuche enden immer in einem toten Geäst, es findet sich kein Leben in der Pflanze, keine neuen Blätter entstehen mehr, denn die Kraft des Lebens fehlt.

In jeder Hinsicht ein anspruchsvolles Jugendbuch, das einerseits ein wichtiges Thema beleuchtet, gleichzeitig fürchte ich jedoch, dass nicht jede junge Leserin bzw. auch jeder junge Leser gut damit umgehen kann, vor allem, wenn sie sich in Melinda wiederkennen und das Lesen ihre Trauma verstärken könnte.

Eugene Chirovici – Das Echo der Wahrheit

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Eugene Chirovici – Das Echo der Wahrheit

Nach einer Lesung zu seinem aktuellen Buch wird der Psychologe Dr. James Cobb von einem Zuhörer angesprochen. Millionär Joshua Fleischer möchte ihn um einen außergewöhnlichen Gefallen bitten: er würde sich gerne von dem Therapeuten hypnotisieren lassen, um in einem Vorfall, der viele Jahrzehnte zurückliegt, endlich Klarheit zu erhalten. Cobbs Neugier ist geweckt und so geht er auf das Angebot ein. Nicht nur die Persönlichkeit Joshuas Fleischers, sondern vor allem auch der ominöse Vorfall ziehen ihn immer mehr in den Bann: hat der Unternehmer als junger Mann in Paris seine damalige Freundin ermordet? Selbst als die Hypnose keine weitreichenden neuen Erkenntnisse bringt, kann James Cobb den Vorfall nicht vergessen und ermittelt auf eine Faust weiter.

Nach „Das Buch der Spiegel“ war dies der zweite Romane von Eugene Chirovici, der mich genau wie sein Vorgänger sofort in die Geschichte gezogen hat. Der Autor hat einen für ein empfinden „typisch amerikanischen“ Schreibstil, den ich noch nicht einmal wirklich genau festmachen kann. Es ist mehr dieses wunderbare Gefühl, direkt in der Geschichte angekommen zu sein mit Figuren, die einem wie gute alte Bekannte vorkommen, auch wenn man ihnen gerade erst wenige Seiten zuvor zum ersten Mal begegnet ist.

Die Rahmenhandlung setzt bei James Cobb, einem Spezialisten für Bewusstseinszustände und insbesondere Hypnose an. Gemeinsam mit ihm begibt man sich auf die Reise in die mysteriöse Vergangenheit von Joshua Fleischer, seinem Studienfreund Abe Hale und ihrer Pariser Bekanntschaft Simone Duchamps. Die Lösung der Ereignisse aus dem Jahr 1976 erfordern einige Schleifen Cobbs und ich hätte beinahe schon gewettet, dass sich die Umstände nie wirklich aufklären lassen. Zugegebenermaßen hat mich die Auflösung letztlich auch nicht ganz überzeugt, dafür kam sie mir zu zufällig und wenig durch die Handlung davor motiviert daher. Ebenso fand ich den Nebenkriegsschauplatz um Cobbs frühere Patientin Julie nicht wirklich hilfreich für den roten Faden. Für mich ergaben sich keine weiteren hilfreichen Erkenntnisse zur Figur Cobbs aus dieser Nebenhandlung.

Insgesamt hat mir „Das Echo der Wahrheit“ deutlich besser gefallen als „Das Buch der Spiegel“, gewisse Parallelen in der Romankonstruktion bleiben nicht aus und scheinen ein wenig das Markenzeichen Chirovicis zu sein. Erzählton und Atmosphäre konnten mich vollends überzeugen, die so locker über die für mein Empfinden kleinen Schwächen in der Plotkonstruktion hinwegtrösten.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zum Buch und zum Autor finden sich auf der Internetseite der Verlagsgruppe Random House.

Selim Özdogan – Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist

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Selim Özdogan – Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist

Alex ist vom Leben frustriert: seit ihn seine Freundin verlassen hat, hat er kaum mehr Vertrauen zu anderen Menschen; sein Studium verfolgt er auch eher ziel- und begeisterungslos und außer seinen beiden Freunden Henry und Kai hat er eigentlich auch keine Sozialkontakte, so werden Alkohol und Drogen zu guten Wegbegleitern. Als er die Tramperin Esther mitnimmt, scheint plötzlich wieder die Sonne und der triste Frühling geht in einen traumhaften Sommer über. Sie belebt seine Sinne und das ganze Leben fühlt sich anders an und er sich selbst Energiegeladen. Doch es ist riskant alles auf eine Person auszurichten und so tritt ein, was eintreten muss: Esther fühlt sich bedrängt und zieht sich zurück. Für Alex bricht die Welt zusammen.

Selim Özdogans Roman bringt die typische Quarter-Life-Crisis auf den Punkt: eine Generation, die alle Möglichkeiten der Welt hat, sie aber nicht nutzen kann. Die Pubertät überlebt, nur um dann mit Anfang zwanzig in eine Depression zu stürzen, aus der man alleine nicht wieder herauskommt. Viele der Figuren haben keinen einzigen Lebensbereich wirklich im Griff und flüchten unentwegt vor der Realität, komatöse Ausfälle sind ebenso normal wie berauschende Trips.

Auch wenn das Buch mit viel Humor und Wortwitz geschrieben ist, lastet doch eine mal melancholische bis depressive Stimmung auf ihm – genau passend für den Protagonisten, dem jede Lebensenergie fehlt und der sich für nichts zu begeistern mag. Genau diese endlose Traurigkeit macht es auch für sein Umfeld unheimlich schwer, denn sie müssen ihm immer wieder animieren aktiv zu werden. Vor allem Esther überfordert diese Aufgabe und mit ihrem Rückzug stürzt sie Alex immer tiefer in den Abwärtsstrudel. Die Erwartungen der Umwelt sind hoch bzw. werden als solche wahrgenommen und man kann daran eigentlich nur scheitern:

Ich fühlte mich dem Druck ausgesetzt, etwas Besonderes geben zu müssen, von dem ich nicht genau sagen konnte, was es war. Ich war einfach unfähig, ich fühlte mich nicht ganz wohl in meiner Haut, mir schien es oft so, als gehörte ich gar nicht wirklich auf diesen Planeten, als sei hier nirgendwo ein Platz für mich reserviert, ich konnte keinerlei Erwartungen erfüllen.

 

Özdogan bringt die Gefühlslage seines Protagonisten sehr gut rüber, bietet aber keine Lösungsansätze. Natürlich empfindet man ein Stück weit Mitleid mit ihm, aber ernsthafte Bemühungen, etwas an der Lage zu ändern., bleiben ebenso aus wie die Reflexion des eigenen Zustands. So wirkt Alex letztlich doch etwas spätpubertär und er kann eigentlich nur zum Anithelden werden, der als abschreckendes Beispiel dient.

Delphine de Vigan – Loyalitäten

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Delphine de Vigan – Loyalitäten

Hélène merkt, dass mit ihrem Schüler Théo etwas nicht stimmt, es gibt keine äußerlichen Spuren, die auf Gewalt hinweisen würden, aber für sie sind sie sichtbar, denn man erkennt diejenigen, denen es genauso geht. Sie hat es als Kind und Jugendliche auch erlebt, die Angst vor dem brutalen Vater, das Verstecken und die Scham. Théo musste früh lernen, dass er nicht sagen kann, was erfühlt, dass er nicht erzählen kann, was er erlebt, denn zwischen seinen Eltern herrscht Krieg und im wöchentlichen Wechsel leidet er unter dem psychischen Druck durch die Mutter und der langsamen Verwahrlosung des Vaters. Der einzige Ausweg scheint der Alkohol zu sein, der bei dem 12-Jährigen das Rauschen im Ohr betäubt und ihn nichts mehr fühlen lässt. Nur mit Mathis teilt er dieses Geheimnis. Mathias weiß, dass es nicht gut ist, was sie tun, er weiß auch, was Théo erlebt, aber was kann er tun?

Wenn man das Buch am Ende des Lesens schließt, ist man sprachlos, verstört, bestürzt – es gibt kaum Adjektive, die angemessen das beschreiben, was einem durch den Kopf geht. Vor allen Dingen ist es diese Diskrepanz zwischen dem Wissen einerseits, dass Delphine de Vigan eine Geschichte beschreibt, die sich tagtäglich überall abspielen könnte, nein, die sich tagtäglich genau so abspielt und dem Gefühl von Machtlosigkeit dieser Situation gegenüber. Als erwachsener Leser identifiziert man sich am ehesten mit Hélène, auch wenn man selbst glücklicherweise keine solchen Erlebnisse machen musste. Zuzusehen, wie ein Kind dringend Hilfe benötigt, aber selbst Erwachsene, die das erkennen und helfen wollen, daran scheitern.

„Loyalitäten“ zeichnet eindrücklich das nach, was man als Mitglied einer Familie oder einer Gemeinschaft erlebt: man lernt die Codes, die Verhaltensweisen und passt sich an. Auch wenn man weiß, dass etwas nicht stimmt, nicht in Ordnung ist, die Loyalität gegenüber den anderen Mitgliedern erfordert das unbedingte Aufrechterhalten der Fassade, des Scheins nach außen, der Außenstehenden keinen Einblick erlaubt und somit auch jede Form von Hilfe unmöglich macht.

„Théo lernte sehr schnell, die Rolle zu spielen, die von ihm erwartet wurde. Sparsam gesprochene Worte, neutraler Gesichtsausdruck, gesenkter Blick. Man musste sich unbedingt bedeckt halten.“

Der Druck, dem gerade Kinder ausgesetzt sind, ist enorm und ebenso die Folgen: bei Théo bleibt es nicht beim Alkoholmissbrauch, der Wunsch für immer zu entfliehen, endlich tot zu sein, wird zunehmend stärker, so dass er bereit ist, bis zum Äußersten zu gehen.

„Im Gehirn werden die Wirkungen am schnellsten spürbar. Angst und Sorge gehen zurück und verschwinden manchmal sogar. Sie werden von einer Art Schwindel und Erregung ersetzt, die mehrere Stunden anhalten könne.

Doch Théo möchte etwas anders.

Er möchte das Stadium erreichen, in dem das Gehirn in den Ruhezustand geht. Den Zustand der Bewusstlosigkeit. Damit endlich Schluss ist mit diesem schrillen Geräusch, das nur er hört (…)“

Er träumt vom „Koma durch Ethanolvergiftung“, dem Moment des Verschwindens aus der Welt, in dem er niemandem mehr etwas schuldet.

Wie auch ihre Heldinnen in „No et moi“ oder „Jours sans faim“ (dt. „Tage ohne Hunger“) ist Théo ein Kind der modernen Gesellschaft, das all das ertragen muss, was die Erwachsenen nicht hinbekommen. Delphine de Vigan hat mit „Loyalitäten“ eine weitere literarische Klageschrift verfasst, die eindringlich und klar ist und an niemandem spurlos vorbeigehen dürfte.

Edgar Rai – Nächsten Sommer

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Edgar Rai – Nächsten Sommer

Eigentlich haben sie sich nur zum Fußballschauen verabredet, doch dann erzählt Felix von dem Haus, das er von seinem Onkel geerbt hat und da das Leben seiner Freunde gerade auch nicht viel zu bieten hat, beschließen er, Bernhard, Marc und Zoe mit einem alten VW Bus nach Südfrankreich zu fahren. Auf ihrer turbulenten Reise lesen sie noch Lilith auf, die eine dramatische Trennung hinter sich hat und eigentlich nur zu ihrer Schwester in nach Genf wollte. Zwischen Liebe und beinahe Tod, der Frage nach dem Sinn des Lebens und den ganz individuellen Zielen, heftigen Prügeleien und Flucht vor der Polizei wird die Reise selbst zum Ziel und das Ankommen rückt in den Hintergrund, denn die wichtigen Fragen sind noch nicht geklärt: wer bin ich und was tu ich eigentlich auf dieser Welt?

Edgar Rai hat mit seinem Roman die perfekte Sommerlektüre geschaffen, die jedoch nicht nur unterhaltsam locker daherkommt, sondern unerwartet viel Tiefgang entwickelt und mit interessanten und glaubwürdigen Figuren aufwartet, die die Handlung ganz wesentlich tragen. Die Reise selbst liefert nur den Hintergrund, vor dem die eigentliche Geschichte abläuft: eine Gruppe von Mittzwanzigern, die ihren Platz im Leben noch nicht gefunden haben.

Der Erzähler Felix ist zunächst derjenige, der als Person kaum auffällt, erst nach und nach entwickelt sich ein klares Bild von ihm, das durch eine kritische Vater-Sohn-Beziehung geprägt wurde, die einen nachhaltigen Schaden angerichtet hat; anders ist nicht zu erklären, weshalb er so plan- und ziellos durchs Leben driftet und seine Begabung für und Liebe zur Mathematik nicht einzusetzen weiß. Bernhard hingegen ist vollkommen angepasst, will nicht auffallen und schon gar nicht aus der Reihe tanzen. Doch seine im Sterben liegende Mutter und der heimliche Wunsch, den er sich eigentlich verbietet, dass ihr Leiden ein Ende haben möge, belastet ihn und hindert ihn, sein eigenes Leben in Angriff zu nehmen. Zoe hingegen liebt einen Mann, der jedoch verheiratet ist und ihr unmissverständlich klargemacht hat, dass sie nur Nummer zwei ist – das aber gerne bleiben darf. Liliths Expartnerin hat da den deutlichen Schnitt vorgezogen: mit Ende 30 ist sie zwar immer noch lesbisch, aber wenn sie Kinder haben will, braucht sie nun einen Mann. Marc will nicht mehr lieben, denn dies hat ihm nur Ärger und Schmerzen eingebracht, da sind Musik und regelmäßige Joints schon deutlich planbarer. Sie alle brauchen eine Auszeit von ihrem Leben und für wenige Tage können sie sich diese gönnen.

Trotz der bisweilen urkomischen Szenen und dem geschickten Wortwitz des Autors hängt über dem Buch eine gewisse Melancholie, die jedoch ganz wunderbar mit dem Rest harmoniert. Sie wird vor allem von Felix ausgestrahlt. Er benötigt bis zur richtigen Ankunft in seinem neuen Zuhause noch einer ultimativen Konfrontation, um sich selbst zu erkennen und sich von dem zu lösen, was ihn all die Jahre in eine Art Schockstarre verharren ließ. Als er befragt wurde, was er vom Leben erwarte, antwortete er unterwegs noch

„Aber wenn ja, dann möchte ich gerne verstehen, wozu ich auf der Welt bin.

Meine Erklärung kommt nicht gut an. »Geht’s nicht noch ein bisschen abstrakter?«, wirft Lilith ein. Und dann höre ich mich sagen: »Ich möchte bereit sein, den Tod anzunehmen.« Und mir wird klar, dass es tatsächlich das ist, was ich will: Keine Angst mehr haben, vor gar nichts. »Und ich möchte niemandem geschadet haben«, füge ich hinzu.“

Er wird noch einen letzten Kampf mit seinem Vater austragen müssen, bevor er erkennt, dass er eigentlich nur nicht sein möchte wie dieser, der ihn als Kind in ein Kellerloch gesperrt hat und nur Verachtung für ihn übrighatte. Zwischen Berlin und der Côte d’Azur finden sie alle ihre Antwort auf die Frage nach ihrem Sinn des Lebens, es ist nicht immer die, die sie erwartet hatten, aber eine, die für sie passt.

Lucy Fricke – Töchter

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Lucy Fricke – Töchter

Martha und Betty sind seit 20 Jahren befreundet, so lange teilen sie bereits Kummer und Leid, aber auch Freude und daher ist es auch nicht verwunderlich, dass Martha Betty bittet sie zu begleiten und den letzten Wunsch ihres Vaters Kurt zu erfüllen: er möchte in die Schweiz fahren, um dort seinem Leben ein Ende zu setzen. Es beginnt ein bizarrer Road Trip, der die beiden Frauen über Glück und Unglück, über ihre Familien, aber auch ihre eigenen Ziele sinnieren lässt. Die Reise, die mit einem ganz klaren Ziel begannt, verändert ihre Route und auch die Absichten, mit denen die beiden Frauen in Norddeutschland das Auto bestiegen hatten. Plötzlich ist nicht mehr das Ende, sondern ein möglicher Neuanfang das, das sie quer durch Europa führt.

Lucy Fricke gelingt etwas, das in der deutschen Literatur eher ungewöhnlich ist: sie greift gleich mehrere ernsthafte Themen auf, die auch durchaus von den Figuren diskutiert werden, sie lässt diese aber auch Humor haben und das Leben manchmal einfach leicht sehen oder, da sie ohnehin nicht zu beseitigen sind, die Sorgen einfach vergessen trinken. So wie man die ernsthaften Momente nachdenklich verfolgt, kann man sich mit „Töchter“ auch schlichtweg auf sehr hohem Niveau amüsieren.

Ist man zu Beginn noch schockiert und verunsichert, da man nicht weiß, wie die Autorin mit dem Thema Sterbehilfe bzw. geplanter Selbstmord umgehen wird, nimmt sie einem diese Angst recht schnell. Es geht nicht ums Sterben, sondern ums Leben und vor allem die Frage, wie man lebt. Martha und Betty erfüllen beide nicht die Erwartungen ihrer Eltern und nehmen den Druck war, der auf ihrer Generation lastet:

 

„Ich ging davon aus, dass wir die erste Generation von Frauen waren, die machen konnte, was sie wollte. Das hieß aber auch, dass wir machen mussten, was wir wollten, und das wiederum bedeutete, dass wir etwas wollen mussten. Dafür hatten unsere Mütter gekämpft. Wir sollten unsere Träume verwirklichen, wir mussten welche haben, das Scheitern wurde uns zugestanden, aber erst nachdem alles, wirklich alles versucht worden war auf dem Weg zum Glück, Psychoanalyse eingeschlossen.“

 

Aber haben die Mütter und Väter die Erwartungen erfüllt? Martha kann die Entscheidungen ihres Vaters nicht nachvollziehen, Betty hingegen hatte nur temporäre Väter, die jeweils aktuellen Partner ihrer Mutter eben, die sie immer wieder auch verlassen haben. Vor allem Ernesto vermisst sie auch nach Jahrzehnten noch, weshalb sie sich auf die abenteuerliche Suche nach ihm begibt. Ist es da ein Wunder, dass beide keine Kinder haben? Ob gewollt oder ungewollt ist dabei fast egal.

Es sind Ironie und Heiterkeit, die über die Nachdenklichkeit hinwegtrösten, aber dafür auch keine Antworten liefern, die muss man als Leser schon selbst finden. Eine Welt, in der einem alles offen steht, in der es keine vorgefertigten Muster mehr gibt, die man einfach kopieren könnte, muss man sich selbst und seine Beziehungen erfinden und gestalten – und mit dem Ergebnis leben.

Holly Bourne – Am I Normal Yet?

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Holly Bourne – Am I Normal Yet

Alles, was Evelyn, genannt Evie, möchte, ist normal sein. Zur Schule gehen, Freunde haben und zum ersten Mal einen Jungen küssen. Einmal wöchentlich geht sie noch zu ihr Therapeutin Sarah, ansonsten hat sie ihr Leben wieder gut im Griff. Die Medikamente kann sie langsam reduzieren und in Amber und Lottie findet sie am neuen College auch schnell zwei gute Freundinnen. Sie hat sogar ihr erstes Date, das jedoch etwas anders verläuft als gedacht. Auch das zweite ist eher ein Reinfall. Alles macht den Anschein als wenn Evie eine völlig durchschnittliche 16-Jährige wäre. Doch in ihrem Kopf rasen die Gedanken: kann sie ihren Freunden sagen, dass sie an OCD leidet und regelmäßige Panikattacken erleidet aus Angst, sich mit irgendwelchen Keimen zu infizieren? Nein, sie würden sicher nicht verstehen, weshalb sie permanent Desinfektionsmittel mit sich herumträgt und sie nur Glück hat, wenn sie bestimmte Dinge sechs Mal wiederholt. Die Therapie schlägt gut an und Evie kann zunehmend die Dosis reduzieren, doch sie merkt, dass ihre Gedanken sich zunehmend wieder stärker um ihr obsessives Verhalten drehen und ihr ein Rückfall droht. Aber der darf nicht kommen, sie will nicht versagen, sie will normal sein, daher darf niemand merken, wie schlecht es ihr tatsächlich geht.

Holly Bournes Roman hat zahlreiche Preise gewonnen und es auch auf die Shortlist unzähliger weiterer geschafft, was sich sehr leicht nachvollziehen lässt, denn es ist ihr gelungen ein Jugendbuch über eine psychische Erkrankung zu schreiben, das weder die Krankheit verharmlost, noch einfache Antworten gibt und dabei auch viele lustige Seiten aus dem Leben der Mädchen zeigt. Ihre Geschichte wirkt durch und durch authentisch und glaubwürdig, was sie nicht nur wegen der Thematik aus der Masse der Coming-of-Age-Romane abhebt.

Es ist vor allem die junge Protagonistin und Erzählerin, die die Geschichte trägt. Evie ist einerseits völlig normal und ist mit den Dingen beschäftigt, die Gleichaltrige ebenso umtreiben: Freundschaften, erste Liebe, Schule und die Familie. Sie ist nicht nur ihre Krankheit, auch wenn diese regelmäßig in ihr Leben eingreift und es verkompliziert. Vor allem die Sorge, als „gestört“ abgestempelt zu werden, hält sie davon ab, offen mit ihrer Situation umzugehen. Ein Erlebnis mit einem Klassenkameraden, der ebenfalls an Angststörungen leidet, scheint auch zu unterstreichen, dass trotz aller Fortschritte der Gesellschaft in den letzten Jahren psychische Erkrankungen ein Stigma bleiben.

Sehr gut gelungen ist der Autorin auch, den Club der der Freundinnen zum einen sehr unterschiedlich zu gestalten und sie zum anderen mit essentiellen Fragen nach der Rolle von Frauen und Mädchen auseinandersetzen zu lassen: welche widersprüchlichen Erwartungen haben Jungs an sie und inwieweit wollen sie gefallen und sich selbst und ihre Ideale dafür hintenanstellen. Es kommt tatsächlich etwas unerwartet, die Feminismus-Debatte in einem Jugendbuch zu finden, aber es wirkt weder gezwungen noch wäre es unpassend, denn die Mädchen finden in ihrem Alltag bereits unzählige Beispiele für kritische Situationen, in denen junge Frauen offenkundig benachteiligt werden und dies zum Teil auch selbst fördern und aufrechterhalten. Auch diese Diskussionen werden völlig altersgemäß und aus dem Blick von 16-Jährigen geführt.

Der Originaltitel des Buches „Am I Normal Yet“ geht noch etwas offensiver an die Thematik als der deutsche „Spinster Girls- Was ist schon normal?“, was ich eigentlich besser finde. Ein rundherum gelungener Roman, der nicht nur jugendliche Leser überzeugen dürfte.