Adrian Langenscheid – True Crime Schweden. Wahre Verbrechen

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Adrian Langenscheid – True Crime Schweden. Wahre Verbrechen

Achtzehn True Crime Geschichten aus Schweden hat Adrian Langenscheid zusammengetragen. Sowohl die Art der Verbrechen wie auch Orte und Zeitraum sind sehr verschieden, so dass einem in jedem Kapitel ein neuer Abgrund der menschlichen Seele erwartet. Gemeinsam haben sie nur die Tatsache, dass sie sich alle in Schweden zugetragen haben. Es finden sich darunter prominente Fälle wie jener, der dem Stockholm Syndrom den Namen gab, aber auch andere Verbrechen, die es nicht über die Grenze geschafft haben. Inhaltlich abwechslungsreich, ansonsten nach dem bewährten Muster, wie es sich hauptsächlich in Podcasts findet.

Genau diese Nähe zeigt sich auch im Buch. Was hörbar vielfach von Laien zusammen- und vorgetragen wird und auch einen entsprechenden unprofessionellen Charme hat, kann mich in Buchform so gar nicht überzeugen. Text, der sich stark an gesprochener Sprache orientiert und zahlreiche Redundanzen aufweist, die beim Hören nützlich sein können, beim Lesen eher nerven, wird auf Dauer anstrengend. Zudem kommen die laienhaften psychologischen Ferndiagnosen, die noch dazu zum Teil fachlich grob falsch sind, kann ich Hobby-Podcastern schon mal verzeihen, aber bei gedruckten Büchern fällt mir das nennenswert schwerer. Gelegentlich mal eine True Crime Folge hören, gerne wieder, geballt in Buchform in oft holpriger und unpräziser Sprache und gewagten Diagnosen und Thesen, eher ein einmaliger Versuch.

Karen M. McManus – Two can keep a secret

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Karen M. McManus – Two can keep a secret

Schon immer war Ellery fasziniert von True Crime Stories, vermutlich, weil ihre Tante Sarah als junge Frau spurlos verschwand. Als ihre Mutter einen längeren Klinikaufenthalt antreten muss, zieht sie zusammen mit ihrem Zwillingsbruder Ezra nach Echo Ridge zu ihrer Großmutter, der Ort des Verbrechens, der kein gutes Pflaster für junge Frauen zu sein scheint. Just als sie dort ankommen wird nämlich der fünfjährige Todestag der hübschen Lacey begangen. Kurz darauf wird die Stadt durch diffuse Morddrohungen alarmiert und es dauert nicht lange, bis wieder ein Mädchen verschwindet. Ellery ist verschreckt und fasziniert zugleich und beginnt wildeste Theorien über den möglichen Mörder zu spinnen. Dieser ist womöglich näher als sie ahnt, denn Malcolm, mit dem sie sich in der neuen Schule anfreundet, ist der Bruder des Hauptverdächtigen.

Karen McManus konnte mich mit ihrem ersten Roman „One of Us is Lying“ restlos begeistern. Der Nachfolger reicht leider nicht ganz an diesen heran, wenn auch die Geschichte überzeugend konstruiert ist und man lange Zeit völlig im Dunkeln tappt. Gefallen hat mir die Protagonistin mit ihrem Spleen für True Crime Geschichten, der sie zur engagierten Detektivin macht und immer wieder neue Theorien über die Geschehnisse in der Kleinstadt entwickeln lässt.

Gleich mehrere Verbrechen werfen große Fragen auf, ob und wie diese im Zusammenhang stehen, bleibt lange unklar. Mit Ellery und Ezra kommen zwei Außenseiten in die Kleinstadt, die sich die Verbindungen der Bewohner untereinander erst erarbeiten müssen und so gemeinsam mit dem Leser ein Bild von Echo Ridge entwickeln. Dass sie selbst unmittelbar mit den Geheimnissen verbunden sind und gefühlt jede Figur auch etwas zu verheimlichen hat, hält sie Spannung konstant hoch, auch wenn ich mir bisweilen etwas mehr Tempo gewünscht hätte. Die einzelnen Fälle werden am Ende insgesamt glaubhaft gelöst, wobei mein persönliches Highlight – Achtung Spoiler! – der Schlusssatz war. Ich mag es, wenn irgendwie alles vorbei ist und dann aus dem Nichts nochmals ein Akzent, oder eher ein heftiger Schlag, gesetzt wird.

Wolfgang Kaes – Endstation

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Wolfgang Kaes – Endstation

Vom LKA aufs Abstellgleis. Nachdem ein Einsatz schiefgelaufen ist, wird Zielfahnder Thomas Mohr mit einer eigenen Abteilung beglückt: er soll Altfälle, Cold Cases, bearbeiten und dabei möglichst wenig auffallen. Widerwillig macht er sich an die Arbeit und greift nach der ersten Akte. Fünf Jahre sind vergangen seit der Nacht, in der der Jurastudent Jonas aus unerklärlichen Gründen in den Rhein fiel und ertrank. Zwei Wochen später fand man seine Leiche. Eigentlich kein Fall für ihn, die Ermittlungen sind abgeschlossen, aber schon kurz nachdem Mohr angefangen hat zu lesen, wird ihm klar, dass in dem Fall vieles geschehen ist, aber ganz sicher keine saubere Polizeiarbeit. Die Kollegen haben so ziemlich alles falsch gemacht, was man nur falsch machen kann. So schlecht können die gar nicht sein, was steckt also dahinter? Mohr beginnt Fragen zu stellen und die Antworten, die er erhält – oder auch nicht – bringen sein eigenes Bild vom gerechten Staat ins Wanken.

Wolfgang Kaes‘ Roman entstand nicht aus einer Idee heraus, sondern basiert auf einem realen Fall. So bin ich auch auf das Buch aufmerksam geworden. Das WDR5 Feature „Neugier genügt“ berichtete in der Folge vom 11. Oktober 2019 über den mysteriösen Tod des Jurastudenten Jens Bleck. Wolfgang Kaes hat diesen Fall als Journalist recherchiert, unzählige Gespräche mit den Eltern und Zeugen geführt und aus dem Stoff einen Kriminalroman konstruiert, denn eines konnte er auch nicht: den Fall lösen. Die Geschichte ist eine Version dessen, was damals wirklich geschehen sein könnte. Ein erschreckender Hintergrund, der die Handlung letztlich in einem noch furchtbareren Licht erscheinen lässt.

Auch wenn die Geschichte auf wahren Begebenheiten beruht, ist „Endstation“ dennoch eine fiktive Erzählung und sollte auch als solche betrachtet werden. Die Rahmenhandlung um den strafversetzten Ermittler hat mir gut gefallen, sie motiviert glaubwürdig die Wiederaufnahme des Falles und die Figur Thomas Mohr selbst wirkt ebenfalls authentisch und überzeugt in ihrem Handeln und Vorgehen. Gibt es zu Beginn noch Rückblenden in das Jahr 2013, folgt die Handlung dann im Wesentlichen den Ermittlungen und wird durch zusammenfassende Notizen und Gesprächsprotokolle aufgelockert. Man hat so den Eindruck, an den Ermittlungen beteiligt zu sein und folgt Mohrs Gedanken und Überlegungen unmittelbar.

Diese starke Involvierung und der Hintergrund des Buches führen unweigerlich dazu, dass man schnell vergisst, dass hier nur eine Möglichkeit dessen, was hinter den Ungereimtheiten stecken könnte, vorgestellt wird. Wolfgang Kaes‘ journalistischer Background als Polizeireporter, der sprachlich durchaus zu spüren ist, lässt den Text insgesamt sehr real und authentisch wirken, keine blumigen Schnörkel zieren die Sprache, sondern ein eher faktisch-rationaler Ton herrscht vor.

Was Kaes enthüllt oder fiktiv entwirft, macht nachdenklich und wirkt auch nach dem Lesen noch nach. Ein Kriminalroman, der die Genregrenzen ausreizt und durch die Verbindung von Fakt und Fiktion eine ganz eigene Art von Spannung aufbauen kann, die jedoch restlos überzeugt.

Ein herzlicher Dank geht an den Rowohlt Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Titel und Autor finden sich auf der Verlagsseite.

 

Emmanuel Carrère – Der Widersacher

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Emmanuel Carrère – Der Widersacher

Es ist die Geschichte einer Familientragödie. Es ist die Geschichte einer regelrechten Mordserie. Es ist die Geschichte eines Mannes, der das perfekte Doppelleben aufgebaut hatte. Jean-Claude Romand erschlägt im Januar 1993 zuerst seine Frau Florence, erschießt danach seine beiden Kinder; fährt zu seinen Eltern, die er ebenfalls tötet, genauso wie den Hund; trifft in der Nacht seine Geliebte, deren Mord scheitert, bevor er nach Hause zu den Leichen seiner Familie zurückkehrt und Feuer legt. Er überlebt wider Erwarten, doch nicht nur der erweiterte Selbstmord, sondern das unglaubliche Doppelleben, das er achtzehn Jahre aufrechterhalten hat, schockiert den kleinen Ort im Jura. Wie konnte das angesehene Mitglied der Gemeinde sie alle so täuschen und selbst guten Freunden über diesen Zeitraum etwas vormachen?

Emmanuel Carrère wird beim Prozess auf den Fall aufmerksam und nimmt Kontakt zu Romand auf. Zunächst lehnt dieser ein Gespräch ab, stimmt aber später doch zu und so zeichnet der Autor in einem non-fiktionalen Roman die Geschichte des Mannes nach. Vom Vorgehen erinnert es ein wenig an Truman Capotes Roman „In Cold Blood“, der ebenfalls auf einer wahren Geschichte basiert, Carrère verbindet aber noch stärker reale Dokumente mit dem Bericht des möglichen Hergangs. Erschienen ist der Roman bereits 1999, auf Deutsch erstmals zwei Jahre später, im vergangenen Jahr nun in einer Neuübersetzung.

Wie häufig geht von extremen Taten eine ungemeine Faszination aus, so auch von diesem Fall. Der vermeintlich liebende Familienvater und erfolgreiche Mediziner, der bei der WHO an den ganz großen Themen forscht und dem nahe Kontakte zu höchsten Politikern nachgesagt wird, hat in der Realität schon im zweiten Studienjahr die Prüfung nicht absolviert und danach sein Leben auf einem feinsäuberlich austarierten Lügengebilde aufgebaut. Es ist schier unglaublich, dass er so lange seine eigene Familie, sowohl die Eltern wie auch seine Frau und Kinder, aber auch engste Freunde täuschen konnte. Auch dass seine offenkundige Persönlichkeitsstörung bei einer derart großen Anzahl von Medizinern in seinem direkten Umfeld nie aufgefallen ist, lässt einem staunen.

Carrère erzählt nicht chronologisch die Abläufe, sondern dokumentiert eher sein Vorgehen in einer eher journalistischen Weise, so dass „Der Widersacher“ kein klassischer Roman, sondern eher eine lange Reportage wird. Daher sind es auch weniger die sprachlichen als mehr die kompositorischen Aspekte und natürlich die Person Jean-Claude Romand, die im Vordergrund stehen. In der Gesamtdarstellung für mich eine runde und gelungene Sache. Dass notwendigerweise bei einer psychologisch kaum ergründbaren Figur Fragen offen bleiben, ist verständlich, eröffnet zugleich aber auch Spielraum für Spekulation, so dass der Text auch nach dem Lesen noch nachwirkt.

Veikko Bartel – Mörderinnen

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Veikko Bartel – Mörderinnen

Wer einen Menschen tötet, ist ein Mörder und schuldig. So einfach. Und manchmal genauso falsch. Veikko Bartel ist Strafverteidiger und schildert vier Fälle von Frauen, die ohne Frage einem Menschen das Leben genommen haben, aber die Frage nach ihrer Schuld ist keineswegs so einfach zu beantworten. Elvira P. tötet ihr Kind, ein grausames und verabscheuungswürdiges Verbrechen, doch was vor Gericht geschieht, lässt ihr Leben und die Tat in einem anderen Licht erscheinen. Hertha F. ist schon jenseits der 70, als sie den Mord an ihrem Mann begeht – doch wirklich daran erinnern kann sich die einstige Karrierefrau nicht mehr. Gina S. hingegen weiß sehr genau, was sie getan hat, aber die Sichtweise des Opfers ihres Mordversuchs verblüfft die Ermittler. Und Natascha G. scheint ebenfalls zwei Gesichter zu haben: das, das die Polizei sieht und das, das die Männer in ihrem Leben sehen wollen. Vier eindeutige Fälle, bei denen am Ende gar nichts mehr eindeutig ist.

„So unterschiedlich die Fälle, so verschieden meine Mandanten in Alter, Motiven, Lebensläufen waren, auf welchem Wege sie wem das Leben nahmen – eine Erkenntnis ist allumfassend: Jeder Mensch kann töten. Und er wird es tun, kommt er nur an eine ganz bestimmte Grenze.”

Das Zitat stammt aus der Einleitung des Buchs und zu diesem Zeitpunkt mag man es dem Autor noch nicht ganz glauben. Die Fälle jedoch, die er beschreibt, sind eindeutige Belege hierfür. Keine der Frauen war durch und durch böse, keine hatte Tötungsabsichten aus reiner Mordlust. Sie alle vier sind das Ergebnis der Umstände, in denen sie aufgewachsen sind bzw. leben. Sie begehen Taten, die sie sich selbst vermutlich nie hätten träumen lassen und die kaum zu dem Bild passen, das man sonst von ihnen hat. Der erste Eindruck, nachdem man von der Tat hört, muss revidiert werden und am Ende des Prozesses fragt man sich tatsächlich, ob nicht die Täterinnen die eigentlichen Opfer sind.

„Fast 20 Jahre Strafverteidigung haben mir zwei fundamentale Erkenntnisse beschert. Zum einen (das ist mein vollster Ernst): Das Gute wird siegen. Immer.
Zum anderen: Es gibt Paralleluniversen. Wenn ich am Tag nach einem Prozess, in dem ich verteidigt hatte, die Zeitungsberichte über genau dieses Verfahren las, wusste ich oft: In diesem Verfahren habe ich definitiv nicht verteidigt.”

Dies ist die andere Erkenntnis, zu der Bartel kommt und die man leicht nachvollziehen kann. Der voyeuristische Boulevard benötigt Meldungen, die in ein bestimmtes Schema passen und die sensationelle Schlagzeilen produzieren. Die Fälle der Frauen passen nicht dazu, weshalb die Darstellung in der Presse entweder verkürzt und zugespitzt wird, so dass man die Menschen dahinter gar nicht mehr erkennen kann, oder die Fälle verschwinden genauso schnell wieder in der Schublade wie sie aufgepoppt waren.

Ein lesenswertes Buch, das zwar viele intime Details offenlegt, aber den Schmalen Grat zwischen Voyeurismus und erläuternder Darstellung locker meistert. Für mich nicht nur informativ und interessant, sondern vor allem bereichernd und zum Nachdenken anregend.