Elena Ferrante – Das lügenhafte Leben der Erwachsenen

Elena Ferrante – Das lügenhafte Leben der Erwachsenen /The Lying Life of Adults

Giovanna ist entsetzt, als sie ihre Eltern belauscht und hört, wie ihr geliebter Vater über sie sagt, dass sie hässlich sei und immer mehr ihrer Tante Vittoria gleiche. Die 13-jährige ist verstört, ja, sie hat zuletzt nicht mehr so fleißig gelernt wie früher und gerät zunehmend mit den Eltern in Streit. Bis dato glaubte sie jedoch, dass sie hübsch sei. Ihre Tante ist eine persona non grata, wie eigentlich die gesamte Verwandtschaft väterlicherseits, die in einem Stadtteil Neapels lebt, den die Familie nie aufsucht. Nach dem Eklat jedoch will Giovanna wissen, wer diese Tante ist, von der sie nur Schlechtes gehört hat. Obwohl sie zunächst von der ungewöhnlichen, lauten Frau verschreckt ist, übt diese doch auch eine ungewöhnliche Anziehungskraft auf das Mädchen aus und setzt so die schlimmsten Befürchtungen der Eltern in Gang.

Nachdem Elena Ferrante mit ihrer neapolitanischen Saga weltweit für Furore gesorgt hat, hängt die Messlatte natürlich hoch. Schon „Lästige Liebe“ konnte mich leider nicht so begeistern wie die Tetralogie um die beiden Freundinnen. In „Das lügenhafte Leben der Erwachsenen“ erkennt man die einzigartige Erzählstimme der Autorin gleich wieder, dies ist einerseits natürlich toll, weil man sich direkt wieder zu Hause fühlt und ein wenig jenes Flair aufkommt, das einem bereits begeistern konnte. Andererseits ist das aber für mich auch ein klarer negativer Punkt, denn man hat den Eindruck das alles schon einmal gelesen zu haben. Zu vieles erinnert in Giovanna und Vittoria an Elena und Lila.

Der Roman ist routiniert erzählt, der Spannungsbogen ist perfekt aufgezogen, die Entwicklung des Mädchens vom aufmüpfigen Teenager zur selbstbestimmten jungen Frau mit eigenem Kopf ist wunderbar orchestriert. Der Kontrast zwischen den konservativen Eltern und der unkonventionellen Tante, der dann doch mit Entdeckung der Lügen in Wanken gerät, ist durchaus auch überzeugend gelungen. Nichtsdestotrotz fehlte mir das Neue, Unbekannte, die unerwartete Wendung, der verblüffende Charakterzug. Mein Urteil wäre ohne die anderen fünf Bücher der Autorin vermutlich deutlich positiver ausgefallen, so bleibt ein durchaus unterhaltsamer, aber wenig innovativer Roman.

Siri Hustvedt – Damals

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Siri Hustvedt – Damals

Als ihre betagte Mutter umziehen muss und sie die Wohnung ausräumt, stößt S.H. auf ihr altes Tagebuch, das sie während ihres Umzugs nach New York im Jahr 1979 geführt hat. Die Erinnerungen an die Zeit kommen wieder hoch, als sie mit großen Hoffnungen die Provinz verließ, um in Manhattan Karriere als Schriftstellerin zu machen. Sie lebt sorgenfrei, lernt neue Freunde kennen, die sie nur Minnesota nennen, doch bald schon ist das Guthaben aufgebraucht und arge Geldnot plagt sie junge Frau. Es geht so weit, dass sie sich nicht einmal etwas zu essen kaufen kann und Veranstaltungen mit Büffet besucht, um sich dort den Magen zu füllen, und sogar Mülleimer nach Essensresten durchsucht. Erst der Job als Ghostwriterin für eine exzentrische Upper Class Frau sichert ihr wieder den Unterhalt. Viel mehr als dies beschäftigt sie jedoch ihre mysteriöse Nachbarin Lucy Brite, die sie durch die dünnen Wände hört. Deren wirsche, Mantra-artige Wiederholungen scheinen keinen Sinn zu ergeben; von Mord und Tod spricht Lucy. Was steckt wohl dahinter? Erst ein schreckliches Ereignis erlaubt es ihr, die Frau und ihr Geheimnis kennenzulernen.

Siri Hustvedt ist seit vielen Jahrzehnten zu einer festen Größe in der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Mich hat sie mit „The Summer Without Men“ und „The Blazing World“ restlos überzeugen können. Ihr neuer Roman zeigt auch wieder, dass sie eine hervorragende Erzählerin ist, aber dieses Mal haben mit leider auch ein paar Längen zu schaffen gemacht, was möglicherweise jedoch auch dem Umstand, dass ich den Roman nicht gelesen, sondern gehört habe, geschuldet ist.

Die Anfangszeit der 23-jährigen Minnesota in New York fand ich gut gelungen, die großen Hoffnungen, die mit dem Umzug verbunden sind und die Erwartungen an die eigenen Fähigkeiten als Autorin, die sie mit einem Detektivroman umsetzen will, überzeugen sprachlich wie auch bei der Figurenzeichnung. Mehr und mehr tritt dies jedoch in den Hintergrund und macht Platz für die jammernde Lucy, die S.H. sogar mit einem Stethoskop belauscht, um mehr verstehen zu können. Sicher ein eigenwilliger Charakter, der auch einiges an Offenbarungen zu bieten hat, aber für mich etwas zu überzogen, um wirklich glaubwürdig zu sein.

Der Roman ist solide gemacht, folgt aber bekannten Schemata ohne Neues zu bieten. Verschiedene Zeitebenen, Roman im Roman – die üblichen Versatzstücke der aktuellen Erzählkultur. Insgesamt ist mir in dem Roman zu viel, wodurch sich der Fokus verliert. Mutter-Tochter-Beziehungen, Erwachsen-werden, Schriftstellerei, Analyse großer Literatur, Psychosen, das New York Ausgang der 70er Jahre, Geschlechterrollen und –gerechtigkeit – das alles überfrachtet den Roman letztlich und bleibt dadurch gezwungenermaßen oberflächlich. Vor allem ihr wiederkehrendes Thema des Verhältnisses von Mann und Frau hat man schon deutlich besser und differenzierter bei ihr gelesen, die Rückkehr zu Mann=böse und Frau=armes Opfer ist doch arg plakativ und klischeehaft. So bleibt die ganze Geschichte zwar nett erzählt und unterhaltsam, aber nicht das, was man von Siri Hustvedt kennt.