Siri Hustvedt – Damals

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Siri Hustvedt – Damals

Als ihre betagte Mutter umziehen muss und sie die Wohnung ausräumt, stößt S.H. auf ihr altes Tagebuch, das sie während ihres Umzugs nach New York im Jahr 1979 geführt hat. Die Erinnerungen an die Zeit kommen wieder hoch, als sie mit großen Hoffnungen die Provinz verließ, um in Manhattan Karriere als Schriftstellerin zu machen. Sie lebt sorgenfrei, lernt neue Freunde kennen, die sie nur Minnesota nennen, doch bald schon ist das Guthaben aufgebraucht und arge Geldnot plagt sie junge Frau. Es geht so weit, dass sie sich nicht einmal etwas zu essen kaufen kann und Veranstaltungen mit Büffet besucht, um sich dort den Magen zu füllen, und sogar Mülleimer nach Essensresten durchsucht. Erst der Job als Ghostwriterin für eine exzentrische Upper Class Frau sichert ihr wieder den Unterhalt. Viel mehr als dies beschäftigt sie jedoch ihre mysteriöse Nachbarin Lucy Brite, die sie durch die dünnen Wände hört. Deren wirsche, Mantra-artige Wiederholungen scheinen keinen Sinn zu ergeben; von Mord und Tod spricht Lucy. Was steckt wohl dahinter? Erst ein schreckliches Ereignis erlaubt es ihr, die Frau und ihr Geheimnis kennenzulernen.

Siri Hustvedt ist seit vielen Jahrzehnten zu einer festen Größe in der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Mich hat sie mit „The Summer Without Men“ und „The Blazing World“ restlos überzeugen können. Ihr neuer Roman zeigt auch wieder, dass sie eine hervorragende Erzählerin ist, aber dieses Mal haben mit leider auch ein paar Längen zu schaffen gemacht, was möglicherweise jedoch auch dem Umstand, dass ich den Roman nicht gelesen, sondern gehört habe, geschuldet ist.

Die Anfangszeit der 23-jährigen Minnesota in New York fand ich gut gelungen, die großen Hoffnungen, die mit dem Umzug verbunden sind und die Erwartungen an die eigenen Fähigkeiten als Autorin, die sie mit einem Detektivroman umsetzen will, überzeugen sprachlich wie auch bei der Figurenzeichnung. Mehr und mehr tritt dies jedoch in den Hintergrund und macht Platz für die jammernde Lucy, die S.H. sogar mit einem Stethoskop belauscht, um mehr verstehen zu können. Sicher ein eigenwilliger Charakter, der auch einiges an Offenbarungen zu bieten hat, aber für mich etwas zu überzogen, um wirklich glaubwürdig zu sein.

Der Roman ist solide gemacht, folgt aber bekannten Schemata ohne Neues zu bieten. Verschiedene Zeitebenen, Roman im Roman – die üblichen Versatzstücke der aktuellen Erzählkultur. Insgesamt ist mir in dem Roman zu viel, wodurch sich der Fokus verliert. Mutter-Tochter-Beziehungen, Erwachsen-werden, Schriftstellerei, Analyse großer Literatur, Psychosen, das New York Ausgang der 70er Jahre, Geschlechterrollen und –gerechtigkeit – das alles überfrachtet den Roman letztlich und bleibt dadurch gezwungenermaßen oberflächlich. Vor allem ihr wiederkehrendes Thema des Verhältnisses von Mann und Frau hat man schon deutlich besser und differenzierter bei ihr gelesen, die Rückkehr zu Mann=böse und Frau=armes Opfer ist doch arg plakativ und klischeehaft. So bleibt die ganze Geschichte zwar nett erzählt und unterhaltsam, aber nicht das, was man von Siri Hustvedt kennt.

Richard Flanagan – First Person

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Richard Flanagan – First Person

Kif Kehlmann is dreaming of being a writer. With his wife pregnant with twins and their financial situation rather critical, the offer of writing a book is welcomed. Yet, the frame conditions are hard: he will receive 10 000 dollars if he writes the autobiography of Australia’s most wanted fraudster within 6 weeks. Money is money and writing is writing, so Kif accepts the deal not knowing what lies ahead of him. His friend Ray warns him, as Siegfried Heidl’s bodyguard, he knows him quite well and he knows what Heidl is capable of. What sounded like an easy tasks reveals itself a mission impossible. First, Heidl varies the story of his life again and again, Kif does not even know the basic facts and the more he listens to him, the more confused he gets. Second, Siegfried Heidl seems to get into his head, he cannot let go of him anymore and slowly, Kif starts to question his whole life.

If have read other books by Richard Flanagan which could really thrill me, unfortunately, “First Person” does not belong to those. It took almost a third of the book to really get into the novel. Admittedly, it is getting better and better in the course of the time, but I am sure many readers will never reach this point.

Flanagan presents two strong protagonists who are quite appealing and interesting. Kif with his dream of writing a novel sold thousands of times and at the same time struggling with his private life. His head is full with other things, diving into a task such as the ghostwriter’s job seems rather impossible at this moment of his life. And both, his life and the writing, turn out to be incompatible.

Siegfried on the other hand is fascinating because we can never really make up a picture of him. Is he a con man or is he actually super-clever? Which pieces of the story he tells are true (in as much as fiction can be true), which are just narrative? Or as Kif puts it:

“For Heidl wasn’t so much a self-made man as a man ceaselessly self-making.” (pos. 3055)

It is his strange charisma that makes him enthralling and captivating. Kif, too, in his description is oscillating between adoration and disdain:

“I couldn’t decide whether I hated Heidl or admired him, if I was his friend or his enemy, if I wanted to save him or kill him.” (pos. 2877) and yet, “He was the closest thing to a man of genius I ever met.” (Po. 3747)

The dance they do is shows that Flanagan is one of the best writers of our time, but nevertheless, this story just was not one that could capture me completely.