Mariette Lindstein – Die Sekte. Es gibt kein Entkommen

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Mariette Lindstein – Die Sekte. Es gibt kein Entkommen

Sofia ist nach dem Ende ihres Studiums noch ratlos, wie es weitergehen soll. Auf einem Vortrag lernt sie den charismatischen Franz Oswald kennen, der sie auf die Insel Västra Dimö einlädt, wo er unter dem Begriff ViaTerra ein Programm anbietet, mit dem die Menschen wieder zu sich finden sollen. Das großzügige Anwesen und die Landschaft der Insel nehmen sie direkt gefangen. Auch die Meditationen zeigen bald schon ihre Wirkung und als Oswald ihr anbietet, die Bibliothek in seinem Zentrum zu leiten, muss Sofia nicht lange nachdenken. Die Regeln, die für die Mitarbeiter gelten, sind hart, aber nur so kann der Wandel gelingen und Oswald lebt ihnen vor, wie man mit Askese Großes erreichen kann. Doch bald schon mischen sich unter Sofias anfängliche Begeisterung auch Zweifel an dem, wie er die Gemeinschaft führt, denn die Strafen werden zunehmend drakonischer und mehr und mehr kommt sie sich eingesperrt vor und beginnt zu hinterfragen, was sich hinter den hohen Mauern abspielt.

Die Autorin Mariette Lindstein war selbst 25 Jahre lang Mitglied einer Sekte, kennt also die typischen Mechanismen und Strukturen, mit denen smarte Anführer ihre Schäfchen ruhigstellen und gefügig machen. Neben der Thrillerhandlung und der Frage, ob es Sofia gelingen wird, sich aus den Klauen der Sekte zu befreien, liegt hier die ganz große Stärke des Romans. Unterschiedliche Figuren erhalten die Gelegenheit nebenbei ihre Gründe auszubreiten, weshalb sie menschenverachtende und erniedrigende Situationen aushalten und nicht versuchen zu fliehen. Erschreckenderweise ist ihre Argumentation oft nachvollziehbar, was jedoch erklärt, weshalb es immer wieder dazu kommt, dass Menschen zum Teil Jahrzehnte eine solche Situation erdulden.

Als Leser und damit Außenstehender erkennt man recht schnell die Strategien, die Franz Oswald nutzt, um Mitglieder für ViaTerra zu gewinnen. Sofias Ankunft in der Gemeinschaft lässt sie zunächst die positiven Seiten erleben, die es ohne Frage gibt. Aus ihrer Lebenssituation heraus ist eine nachvollziehbare Entscheidung, sich den Regeln zu unterwerfen, um ein Teil der Bewegung zu werden.

Spannend wird die Geschichte ab dem Moment, ab dem das fröhlich-befreiende Gefühl einem Unbehagen weicht und sich die andere Seite des Anführers zeigt. Auch wenn man weiß, dass es sich um eine fiktive Geschichte handelt, sind die Demütigungen doch unerträglich und man verzweifelt schier dabei zuzusehen, wie niemand den Mut aufbringt zu widersprechen oder sich aufzulehnen. Psychisch zermürbt und physisch ausgelaugt sind sie irgendwann dazu auch nicht mehr in der Lage. So wie es den Mitarbeitern zunehmend schlechter geht, scheint Franz Oswald einerseits damit beschäftigt, da Schadensbegrenzung zu betreiben, wo unliebsame Informationen nach außen gedrungen sind und Kritik laut wird, andererseits scheint er an etwas Großem zu arbeiten, was er noch vor allen geheim hält.

Die Geschichte zieht einem sofort in einen Bann und kann sowohl als Thriller wie auch als abschreckendes Beispiel für die Funktionsweise von Sekten überzeugen. Mariette Lindstein hat die Story um Sofia als Trilogie angelegt, Band eins war für mich jedoch abgeschlossen und alle Fragen beantwortet.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zur Autorin und zur Trilogie finden sich auf der Random House Verlagsseite.

Joyce Carol Oates – Black Water

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Joyce Carol Oates – Black Water

Kelly Kelleher ahnt, was geschehen wird, sie sind viel zu schnell auf der Landstraße unterwegs, nur um die Fähre noch zu erreichen. Und schon verliert er die Kontrolle und das Auto stürzt ins Wasser, Kelly spürt, wie sie untergeht. Dabei hatte der Tag so fröhlich angefangen, ihre Freundin Buffy und deren Mann Ray hatten sie zu einer Fourth of July Party eingeladen. Dort lernte sie einen alten Schulfreund von Ray kennen, den Senator, über den sie ihre Abschlussarbeit an der Uni geschrieben hat und den sie seither bewundert. Es fließt reichlich Alkohol, die Stimmung ist ausgelassen und der Senator findet Gefallen an der jungen Frau und lädt sie schließlich in sein Hotel ein, das sich auf dem Festland befindet. Während Kelly um ihr Leben kämpft, hat sie allerlei Halluzinationen, die sich vor allem um die Frage drehen, was sie in diesem Auto des verheirateten Politikers zu suchen hatte.

Joyce Carol Oates‘ Roman erschien erst 1992, trägt aber unverkennbare Parallelen zum Chappaquiddick Unfall aus dem Jahr 1969, bei dem Mary Jo Kopechne ums Leben kam nachdem der Wagen von Edward Kennedy von der Straße abgekommen war. „Black Water“ war sowohl für den National Book Critics Circle Award wie auch für den Pulitzer Prize 1993 nominiert und nach Kritikermeinung ist dies auch eines ihrer besten Bücher.

Die Geschichte überzeugt weniger durch Spannung, das Ende wird vorweggenommen und auch die Entwicklungen auf der Party sind nicht so angelegt, dass man lange rätseln müsste, welche Wendung alles nehmen könnte. Interessant ist zum einen die Erzählperspektive durch die Flashbacks, die während Kellys Überlebenskampf die Ereignisse des Tages Revue passieren lassen und ihre letzten Gedanken, die einerseits von Überlebenswillen geprägt sind, andererseits aber auch die Sorge darum, nicht als „good girl“ gesehen zu werden. Die Figur des Senators, der nicht einmal mit einem Namen bedacht wird, kommt insgesamt nicht sehr gut davon. Nicht nur sein rücksichtsloses Verhalten bezogen auf den Unfall, sondern auch das, was danach folgt, wirft ein ziemlich schlechtes Bild auf den Mann – ganz abgesehen davon, dass er verheiratete ist und Kinder hat, ihn dies aber nicht von einer Affäre mit einer jungen Frau abhält.

Die Autorin gibt selbst an, dass das Schicksal der jungen Mary Jo Kopechne sie nach 1969 nicht mehr losgelassen hat und sie gleichzeitig fasziniert und erschreckt von dem Unfall war. Auch wenn sie nicht direkt diese Ereignisse nacherzählt, war der Grundgedanke, dass eine Frau einem älteren Mann vertraut und genau dieses zu ihrem Schicksal wird, ihr wichtigster Beweggrund. Ein kurze, aber eindrücklicher Text, der unter die Haut geht.

Siri Hustvedt – Damals

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Siri Hustvedt – Damals

Als ihre betagte Mutter umziehen muss und sie die Wohnung ausräumt, stößt S.H. auf ihr altes Tagebuch, das sie während ihres Umzugs nach New York im Jahr 1979 geführt hat. Die Erinnerungen an die Zeit kommen wieder hoch, als sie mit großen Hoffnungen die Provinz verließ, um in Manhattan Karriere als Schriftstellerin zu machen. Sie lebt sorgenfrei, lernt neue Freunde kennen, die sie nur Minnesota nennen, doch bald schon ist das Guthaben aufgebraucht und arge Geldnot plagt sie junge Frau. Es geht so weit, dass sie sich nicht einmal etwas zu essen kaufen kann und Veranstaltungen mit Büffet besucht, um sich dort den Magen zu füllen, und sogar Mülleimer nach Essensresten durchsucht. Erst der Job als Ghostwriterin für eine exzentrische Upper Class Frau sichert ihr wieder den Unterhalt. Viel mehr als dies beschäftigt sie jedoch ihre mysteriöse Nachbarin Lucy Brite, die sie durch die dünnen Wände hört. Deren wirsche, Mantra-artige Wiederholungen scheinen keinen Sinn zu ergeben; von Mord und Tod spricht Lucy. Was steckt wohl dahinter? Erst ein schreckliches Ereignis erlaubt es ihr, die Frau und ihr Geheimnis kennenzulernen.

Siri Hustvedt ist seit vielen Jahrzehnten zu einer festen Größe in der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Mich hat sie mit „The Summer Without Men“ und „The Blazing World“ restlos überzeugen können. Ihr neuer Roman zeigt auch wieder, dass sie eine hervorragende Erzählerin ist, aber dieses Mal haben mit leider auch ein paar Längen zu schaffen gemacht, was möglicherweise jedoch auch dem Umstand, dass ich den Roman nicht gelesen, sondern gehört habe, geschuldet ist.

Die Anfangszeit der 23-jährigen Minnesota in New York fand ich gut gelungen, die großen Hoffnungen, die mit dem Umzug verbunden sind und die Erwartungen an die eigenen Fähigkeiten als Autorin, die sie mit einem Detektivroman umsetzen will, überzeugen sprachlich wie auch bei der Figurenzeichnung. Mehr und mehr tritt dies jedoch in den Hintergrund und macht Platz für die jammernde Lucy, die S.H. sogar mit einem Stethoskop belauscht, um mehr verstehen zu können. Sicher ein eigenwilliger Charakter, der auch einiges an Offenbarungen zu bieten hat, aber für mich etwas zu überzogen, um wirklich glaubwürdig zu sein.

Der Roman ist solide gemacht, folgt aber bekannten Schemata ohne Neues zu bieten. Verschiedene Zeitebenen, Roman im Roman – die üblichen Versatzstücke der aktuellen Erzählkultur. Insgesamt ist mir in dem Roman zu viel, wodurch sich der Fokus verliert. Mutter-Tochter-Beziehungen, Erwachsen-werden, Schriftstellerei, Analyse großer Literatur, Psychosen, das New York Ausgang der 70er Jahre, Geschlechterrollen und –gerechtigkeit – das alles überfrachtet den Roman letztlich und bleibt dadurch gezwungenermaßen oberflächlich. Vor allem ihr wiederkehrendes Thema des Verhältnisses von Mann und Frau hat man schon deutlich besser und differenzierter bei ihr gelesen, die Rückkehr zu Mann=böse und Frau=armes Opfer ist doch arg plakativ und klischeehaft. So bleibt die ganze Geschichte zwar nett erzählt und unterhaltsam, aber nicht das, was man von Siri Hustvedt kennt.